Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: teufel Seite 1 von 3

Krabat

Wie viele der klassischen (und guten) Kinderbücher hat auch Krabat von Ottfried Preußler das Potenzial, Leserinnen und Leser unterschiedlichen Alters anzusprechen.

Der in der Tschechoslowakei geborene Preußler war einer der beliebtesten und bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Noch als Jugendlicher wurde er zur Armee eingezogen und mußte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fünf Jahre als Kriegsgefangener in der Sowjetisch- Tatarischen Republik überstehen. Danach wurde er Schullehrer, ein Beruf, dem er trotz seines Erfolges als Schriftsteller viele Jahre lang treu blieb. Sein Debüt im Jahre 1951, Das kleine Spiel vom Wettermachen, verkaufte sich weltweit 7,5 Millionen Mal. Seine Geschichten, die in 55 Sprachen übersetzt wurden, beschwören magische Welten herauf, die von übernatürlichen Wesen bevölkert sind; seine Lebensaufgabe, so erklärte er einmal, war es, “Nahrung für die Phantasie” zu liefern. Für Krabat zeichnete er die Volksmärchen nach, die er als Kind liebte, und gründete das Buch auf einer wendischen Legende. Aber es ist Preußlers eigene Erzählkunst und Atmosphäre, die diesen Bildungsroman, der auf gotischen Horror trifft, zeitlos und prächtig zu einem unheimlichen Original machen.

Nach dem Ende der Welt im späten siebzehnten Jahrhundert, wandert ein vierzehnjähriger Waisenjunge namens Krabat bettelnd von Stadt zu Stadt. Er ist nicht etwa verbittert aufgrund seines Loses. Schließlich kennt er nur dieses Leben am Rande eines Krieges, der später der Dreißigjährige Krieg genannt werden wird.

Als Krabat vom weltlichen Lehrling zum Schüler in der schwarzen Meisterschule übergeht und mehr über seine Situation erfährt, beginnt er zu erkennen, dass die Macht, die die Lehrlinge ausüben, und die relative Sicherheit ihres Lebens in der Mühle einen schrecklichen Preis haben. Niemand kann der Mühle wirklich entkommen, und jedes neue Jahr stirbt einer der Männer des Meisters unter mysteriösen Umständen. Dunkle Magie, zunächst nur in heimlichen Schimmern sichtbar, unterstützt das isolierte Unternehmen der Flucht.

Man kann Krabat auch als postapokalyptische Fiktion lesen. Der Dreißigjährige Krieg, geboren aus unzähligen verscheierten Gründen, führte zu tiefgreifenden Verwüstungen in der Mitte Europas. Die Sterblichkeitsrate im Heiligen Römischen Reich belief sich auf bis zu achtzig Millionen Menschen. Ausländische Söldnerarmeen sollten vom Land leben (bellum se ipsum a let – der Krieg wird sich selbst ernähren), und die Armeen schändeten es bis auf die blanken Knochen. Kämpfe, Hungersnöte, unmögliche Steuern, Staatsbankrott und Krankheiten zerstörten ganze Stadtteile. Kannibalismus (vor allem fraßen Erwachsene Kinder) wurde 1638 in der belagerten Stadt Breisach dokumentiert. Zeugnisse sprechen von ganzen entleerten Dörfern, von Wölfen, die in riesigen Rudeln durch die Straßen der Stadt streiften und Vieh, Haustiere und Menschen ohne Furcht töteten. Das Ausmaß der Zerstörung war erschütternd, entsetzlich, schwer zu ergründen.

Allerdings ist Krabat eine sanftmütige Geschichte. Die Katastrophen des Krieges sind nur gedämpft vorhanden. Die Eltern von Krabat sind an der Pest gestorben, und die Armee ist bestrebt, sich den kostbaren Ressourcen der Mühle zu versichern und ihre Burschen in ihre Reihen zu zwingen. Der Meister der Mühle hat als junger Mann vor einer Generation selbst im Krieg gekämpft, und er benutzt seine schwarzen Künste, um noch immer mitzumischen. Der Schrecken ist zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden.

Anstatt sich auf eine harte, moralisierte Konfrontation zu konzentrieren, beschäftigt sich Krabat mit den subtilen Nexuspunkten, an denen sich Macht, Wissen und Schuld treffen. Die Magie, die der Meister ausübt, hält ihn am Leben und verewigt die Arbeit der Mühle, aber diese Arbeit ist beunruhigend zwecklos. Einmal im Mondzyklus kommt der Mann mit der Hahnenfeder, der scheinbare Chef des Meisters, der nie explizit als der Teufel bezeichnet wird und der nur einmal im Roman überhaupt spricht, um Säcke mit einer mysteriösen Substanz abzuholen. Krabat erblickt auch nur ein einziges Mal, was in diesen Säcken ist – Knochensplitter und Zähne – bevor er auf magische Weise gezwungen wird, zu vergessen.

Abgesehen von der Aufgabe, die von einem Gefühl der Dringlichkeit umgeben ist, scheint die ganze andere Arbeit, um die Mühle am Laufen zu halten, eine Art grausame Farce zu sein. Die Männer mahlen Getreide, aber es ist nie die Rede davon, es auch zu verkaufen, und es gibt keinen regelmäßigen Kontakt zu den Dorfbewohnern oder zu anderen Mühlen, um dies zu tun. Die Mühle existiert ausdrücklich, um die Unsterblichkeit des Meisters zu sichern. In dieser sinnlosen, schweren Arbeit liegen die Echos von faschistischen und kommunistischen Arbeitsprojekten, von Stalins kilometerlangen Kanälen, die letztendlich nur dazu gedacht waren, die Gefangenen in den Gulags, die diese Kanäle gegraben hatten, ihre Wertlosigkeit vor Augen zu führen. Die unmarkierten Gräber der Männer, die in der Mühle gestorben sind, um den Meister zu erhalten, und der Konsens der Gruppe, dass die Toten vergessen werden müssen, scheinen unheimlich aktuell zu sein.

Die Männer lernen Magie, aber nur so viel, wie sie wollen – es gibt keinen Anhaltspunkt für klare Ziele, und der Meister kümmert sich nicht darum, wie sie vorankommen. Sie hecken unschuldige Streiche aus, aber ihre Wesen sind eher individuell als kollektiv bösartig. Der verdrießliche Spion, der das Verhalten der Männer dem Meister meldet, ist nicht wie der anständige Vorarbeiter der Mühle, der auf die Probleme anderer mit Empathie reagiert. Es gibt keine faustische Selbstherrlichkeit, die mit diesem Teufelsgeschäft verbunden ist, und in der Tat gibt es wenig Beweise für einen konkreten Pakt.

In der Welt von Krabat ist Anstand letztlich das Einzige, worauf man sich verlassen kann. Irgendjemand wird immer klüger sein, und es wird immer Dinge geben, die man nicht versteht – alles, was man tun kann, ist, einen persönlichen Gerechtigkeitssinn zu entwickeln und zu hoffen, dass das ausreicht, um größere Veränderungen zu bewirken. Einfache menschliche Verbindungen, die den deformierenden Auswirkungen situativer Unterdrückung unterliegen, können erlösend sein und sind es wert, kultiviert zu werden.

Vielleicht ist das Nützlichste für einen erwachsenen Leser von Krabat der traurige und düstere Trost, der sich in der Inszenierung nach dem Ende der Welt verbirgt. Die Welt ist schon mal untergegangen. Wir selbst leben mit und in einer Geschichte, die von vergangenen Apokalypsen geprägt ist. Alle von ihnen waren schrecklich. Als Genre-Leser und Bürger in schlechten, unruhigen Zeiten sind unsere Gedanken voller katastrophaler Möglichkeiten. Es ist vielleicht nützlich, sich vor Augen zu halten, was bereits geschehen ist, und die arrogante Unmittelbarkeit unserer Probleme mit einem vernünftigen Maß an historischem Relativismus in Einklang zu bringen.

Jitterbug

Sandsteinburg #48

Welten – zwei, drei (ohne die unendlichen Nullen dahinter) – flirrten unruhig zitternd, szintilierten strahlend, gleißten über den Baldachin hinfort, bedachten das Erdlein mit keinem Blick (zu weit entfernt, zu wenig gespreizte Beine) und kümmerten sich um eine Verabredung drüben am Fluchtpunkt.

»Dance the Ghost with me!«

Ja, sie tanzten den ›Geist‹, so als ob überhaupt kein Körper da wäre, der die alleinstehende Bewegung hemmt, die Figur wichtiger als das Motiv, vergänglich (ein Jitterbug).

Yoruba und Bantu sämen das magmatische Blut.

Das Zimmer, der Schrank, die Kommode, die Parfümflaschen, das Zimmer (eine Puppenstube): Schurwolle und handmarmorierter Märchenfilz, gibt es denn eine gedachte Rinne für schwitzende Kissen, einen theoretischen Abstell-Halbmesser für eine Tasse Kaffee ohne Untersetzer, mit Untersetzer, ein Develey-Senfglas?

Man kann nicht aufstehen und tanzen, es gibt keinen Radius in diesem Juke Joint für Grundschritt, Wegdrehen, Retourdrehen, Platzwechsel, Handwechsel, Licht lässt sich kombinieren, die Kerzen leuchten auch bei Tag dann erzittern die Gegenstände, betatschen sich entlang der Wand als Schatten, vom nahen Wald dringt der Geruch der großen Fichten durch das geöffnete Fenster, die Schafe blöken zum Fließen der Eger, dicke Teppiche schlucken jeglichen Lärm und auch das Lustgeschrei der Mädchen. Manchmal riecht es nach Alkohol und nackten Menschen.

Sebastiana: »Wo im Wald bist du gewesen?«

»Ich war überall!« Wie recht er damit hatte : Über-All; die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt, über allem das Blau des Himmels, über allem das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich aufhält.

»Doch nicht im Steinbruch?«

Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung? Was ist der Steinbruch für ein Symbol? Aufbruch, Abbruch, Spuk und Tod und Teufel.

Lebendiger Abfall, sein Ausdampfen: alles voller Symbole, verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte in dem Moment ein, als man kein Feld mehr mit seiner eigenen Jauche düngen durfte, wollte man der Pestorchidee aus dem Wege gehen.

»Ich war einfach nur im Wald!«

»Und der spricht mit dir?«

Eigentlich war es kein richtiges Sprechen, es war mehr ein Flüstern. Man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Es ist nicht einfach zu erklären: Ich nehme anders wahr!

Er erinnert sich an den ersten Schneefall seines Lebens. Das ist mein erster Schneefall, dachte er. In Wirklichkeit war es etwa der vierte oder fünfte, aber Schnee war ihm bis dahin nicht bewusst, und irgendwann in den letzten Tagen des Aprils krönte ihn die Welt zum König des Unglücks.

Es war ihm nicht gelungen, alles zu verhindern; einen Pakt mit der Zeit konnte er nicht gültig schließen, aber für Vergessen sorgen. Das gelang durch das Hineinziehen seines Gegenübers in seine Vision. Der Betroffene existierte dann zwar weiter, vielleicht etwas stumpfer an mentalen Prozessen; Wortkarg zumeist; verträumt, wie es in diesem Landstrich jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt.

In den wenigen Fällen, da dies aus unbekannten Gründen misslang, halfen die Moiren mit der ganzen Verve eines unverfänglichen Unfalls nach.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (12)

Sandsteinburg #47

Aus der ganzen Umgebung hatten sie ausgediente Möbel herbeigeschafft und quasi vor Finners Haustür aufgestapelt. Das war die Rückseite des Hauses, das vier großangelegte Betriebswohnungen beinhaltete. Das ganze Anwesen, inklusive der Katzenscheißefabrik gehörte eigentlich zum Granitwerk Vates, das etwa einen Kilometer Luftlinie von hier wie eine Steinwüste vor sich hin vibrierte. Die in aller Welt gebrochenen Rohblöcke gelangen auf verschiedenen Transportwegen zur Weiterverarbeitung in das Fichtelgebirge, aber die Grundlage der gigantischen Anlage bildete das Granitvorkommen in den Gebieten Waldstein und Kösseine. Adams Großvater gravierte dort Namen in die Grabsteine, und sein Vater Ludwig war einer der Fahrer. Die Netzsch Kunststoff GmbH hatte die abgelegenen Gebäude gekauft und zog dort einen Teil ihres eigenen Imperiums auf. So kam es, dass sich sogar Franzosen manchmal hierher verirrten, die alle ganz scharf auf Polyester waren. Es war das Material der Zukunft: Leicht bei einer hohen Festigkeit, resistent gegenüber vielen Chemikalien.

Das Feuer, das hier am 30. April entfacht wurde, konnte man bis nach Hebanz hinüber leuchten sehen. Zwischen Wendenschuchs Mühle und der namensgebenden Gemeinde befand sich Schwemmland, das die über die Ufer getretene Eger hier angelegt hatte. Labiate und Stechginster wuchsen hier, und die Heuschrecken ratterten durch den Abend. The Night has a thousand eyes von Bobby Vee drang aus einem entfernten Radiogerät, begleitet vom Geschepper der Teller und der keifenden Stimme Marlieses, mit der sie ihre Töchter anwies, die Salate nach draußen zu tragen. Die Bierbänke aus dem Schuppen standen um wackelnde Holztische herum, und rechts des Scheiterhaufens, auf dessen Gipfel man eine Stoffpuppe befestigt hatte, lagen Bierflaschen in Wannen, mit Eis bedeckt, in einer kleineren Hütte, die über und über mit Kronkorken zugenagelt war. Lumpi, der Hund, der ein Leben ohne Kette nicht kannte, bellte schrill und heiser und unablässig. Sein braunweißer Schwanz ragte wie eine vergammelte Banane krumm nach oben. Sobald es dunkel geworden war, kamen die Leute aus der Umgebung, die kein eigenes Feuer hatten. Willi Kaländer mit seiner Tochter Emma, Richard Langer, der Schiffsschrauben aus Harz und Kunststoff fabrizierte und dafür eine geheime Formel entwickelt hatte, hinter der die Firma Netzsch wie der Teufel hinter der armen Seele her war, kam mit seiner Tochter Michaela, einer Schulfreundin Adams – und sogar der Herold, der neben den Kaländers aus Schwarzenhammer wohl die meisten Schafe besaß, und bei dem sie alle ihre Eier holten, ließ sich kurz blicken. Viele brachten Bier mit, sprachen über ihre Arbeit bei Netzsch, Vates oder dem Sägewerk. Ida und Silke saßen in geblümten Sommerkleidchen da und starrten aus glasigen Augen heraus das gerade entfachte Feuer an. Beide hatten sie zerschundene Knie, blaue Flecke zierten die dünnen Oberarme. Helmut und Roland saßen etwas abseits hinter einem Gebüsch und betrachteten die verschwindenden Sonnenstrahlen auf der erst jüngst gestohlenen Goldmünze.

»Weißt du, in der Tschechei fragt dich niemand, wer du bist«, sagte Helmut und ließ die Dublone von der rechten in die linke Handfläche gleiten, die beide bereits überaus schwielig waren. Roland machte ein verdrießliches Gesicht. Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, was geschehen würde, wenn ihr Diebstahl ans Tageslicht käme. Sein Vater war zwar keineswegs so brutal wie Richard oder Ludwig – man konnte seinen Schlägen meist ausweichen, wenn man sich etwas konzentrierte, denn es ging Erich nicht darum, zu treffen. Er musste sich nur irgendwie abreagieren, war wegen seiner schlampigen Frau frustriert, die das Wort Haushalt zwar kannte, aber im Tablettennebel nicht wahrnahm, dass ihre Wohnung mit dem Schandloch der Finners wetteiferte. Nun, man sollte nicht schlecht über seine Mutter denken – und das tat Roland auch nicht. Ihm war es völlig egal, wie es aussah. Er versuchte, sich so wenig wie möglich im Haus aufzuhalten.

Aber wenn das mit der Münze herauskommt, wird er mich treffen wollen, dachte er.

»Wer wird so eine Münze denn kaufen?«

»Ein Juwelier natürlich. Gibt’s auch bei den Kommis. Wir fahren mit dem Zug nach Schirnding und latschen dort irgendwo über die Grenze.«

Roland zuckte mit den Schultern. Ihm gefiel das alles nicht. Es hörte sich so an, als habe Helmut etwas nicht bedacht. Etwas Entscheidendes. »Lass uns zurück zum Feuer gehen, die Hexe wird gleich brennen, und ich habe Hunger.« Er stand auf, seine Knie knackten wie das Reisig, das von den Flammen erfasst wurde. Helmut erhob sich ebenfalls. »Bier?«, fragte er, und als Roland ihn dämlich anblickte, erklärte er ihm, dass er Bier abgezwackt habe. »Das schütten wir uns rein, wenn alle schon betrunken sind, dann riecht keiner mehr was.« Er lächelte humorlos. »Jetzt hörʼ schon auf, dir Sorgen zu machen. Wir warten mit der Münze, bis es richtig Sommer ist. Sagen wir August.«

Roland nickte, aber er wusste, dass er im August noch mehr Angst haben würde, denn dann gäbe es keine Ausreden mehr.

Als sie das Maifeuer fast erreicht hatten, hörten sie plötzlich den Tumult losbrechen. Richard schrie Marliese an, dass sie die Eier im Kartoffelsalat vergessen habe und dass sie zu blöd sei, um überhaupt etwas richtig zu machen.

Sie blieben stehen und sahen Richard mit den Händen herumfuchteln. Es wirkte fast wie ein Schattentanz, wie er da hin und her sprang. Gesichter glühten, vom Feuer beschienen. Von den Körpern war nichts zu sehen. Das Feuer erreichte in diesem Augenblick die Hosenbeine der Puppe, die auch einen ausgedienten Besen verpasst bekommen hatte. Das war gewöhnlich der Augenblick, wo sich alle erhoben und sich Glück wünschten, ähnlich wie an Silvester. Diesmal war das Schauspiel ein anderes. Richard packte Marliese an den Haaren und schüttelte sie daran hin und her, als wäre sie selbst nur eine Puppe. Ida und Silke begannen zu weinen und klammerten sich aneinander. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann sprangen auf, bereit einzugreifen – blieben aber dann stehen, als Marliese, plötzlich losgelassen, mit dem Hosenboden in den Dreck plumpste. Richard machte einen großen Schritt über sie hinweg und verschwand brüllend im Haus. Sebastiana half Marliese, die sich den Kopf hielt und etwas Unverständliches murmelte, auf eine Bank. »Ist alles in Ordnung?«

Ludwig musterte seine Frau, wie sie auf Marliese einredete.

»Es war ja nichts«, sagte sie, immer noch leicht benommen.

Die Hexe kreischte, die Flammen hatten sie jetzt ganz und gar eingehüllt. »Ich verfluche euch!«, rief sie vom Gipfel des Scheiterhaufens herab. »Sieben mal sieben Jahre soll …«

»Wir gehen da jetzt besser nicht hin«, flüsterte Helmut. Roland konnte sich ohnehin nicht bewegen. Er sah die Puppe, die wie eine menschliche Fackel aussah, in die Mitte des Feuerkegels abrutschen. Der blaue Rauch ließ die Augen tränen und wirkte wie ein verschleiernder Nebel. Die kurze Ruhephase – keiner sprach in diesem Augenblick ein Wort – wirkte umso geisterhafter, weil man die beiden Finner-Mädchen leise wimmern hören konnte. Im Haus krachte es, und dann kam Richard mit einem ganzen Arm voll Kleider aus der Türöffnung gestürzt und warf sie in die Flammen. Unterwegs verlor er einige hellbraune Strumpfhosen und einen BH, in den man Melonen hätte einpacken können.

»Der spinnt!«, sagte Helmut und es klang fasziniert. »Das sind die Klamotten meiner Mutter.«

Richard holte noch zweimal etwas aus der Wohnung. Schuhe, einen Stuhl, an dessen Lehne eine Stoffjacke hing, sowie zwei Wollmützen, bevor er sich beruhigen ließ, sich auf eine Bank setzte und stumm in das Feuer starrte. »Keine Eier«, murmelte er. »Wo gibt’s denn so was, dass ein Kartoffelsalat keine Eier enthält?«

Die Nacht duldet die Helligkeit des Feuers, sie duldet Kerzenschein und den Mond, denn dies sind die Lichter, die sie nicht zu durchdringen vermögen, die nicht gegen sie eifern. Ganz im Gegenteil bekränzen sie ihre unerbittliche Allgegenwart und beleuchten ihre Gestalt, die erst dadurch Formen bekommt. Was immer in der Nacht verborgen liegt, von ihr gefördert wird, ist nicht dazu angetan, von einem gesunden Geist geschaut zu werden, hat kein Interesse an der gewöhnlichen Schönheit, die von Apollon beschützt wird.

Aus der Eger krochen Schatten zum glimmenden Feuer hin, aus dem Schwemmland glitten seine Brüder durch Disteln und Lupinen und erstickten die noch seicht züngelnden restlichen Flämmchen. Von oben sah das glimmende Holz aus wie eine glühende gigantische Stadt. Adam hörte, in seinem Bett liegend, die lange Kette des goldbraunen Spitzmischlings Lumpi rasseln, und dann die Schaufeln, wie sie Sand und Erde über die Glut warfen. Aber nicht ein einziger Schatten wurde damit begraben. Körperlose Stimmen besuchten ihn. Da draußen stimmte irgendwas nicht. Und es sollte sich bewahrheiten.

»Wie geht es dir?«, fragte er seinen Bruder, der unter ihm im Etagenbett lag. Adam bekam keine Antwort. Claus hatte sich längst schon in den Schlaf gezappelt, hielt die Stoffwindel zusammengeknüllt an seine Wange. »Ich habe einen Wolf gesehen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Er hätte es nicht gesagt, wenn er gehört worden wäre. »Aber es war auch irgendwie kein Wolf.«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (10)

Sandsteinburg #45

Richard beachtete den vor Nervosität tänzelnden Roland nicht, als er einen einzigen Satz zwischen seinen strichartigen Lippen zerquetschte. »Das warʼs«, sagte er, als wäre eine langfristige Arbeit nun endlich erledigt. Dann stapfte er in seinen gumpelnden Gummistiefel, in die er die Röhren seiner braunen Latzhose gesteckt hatte, auf den Wendenschuch-Baum zu, drehte sich zu den anderen um, die sich nicht rührten und nur beobachteten, wie der Fliegenschwarm um seinen Kopf herum brauste und sich Richard Finner dadurch in den Beelzebock verwandelte. Ein von Schwärmen umgarnter Georges Gurdjieff (die Ähnlichkeit nämlich war nicht zu leugnen). Er befahl Erich, den Doktor zu holen, und das ein bisschen plötzlich, wandte sich dann seinem toten Sohn zu und achtete darauf, nicht auf das Gekröse zu treten. Dann zückte er ein Messer, das er in einer Lederscheide an seinem Gürtel hängen hatte und schnitt das Seil durch. »Und bring auch eine Schubkarre mit!«

Statt vornüber zu kippen, rutsche Helmuts sterbliche Hülle ein Stück am Stamm hinunter und fiel dann zur Seite. Mittlerweile sah die Leiche aus wie eine Strohpuppe, wie sie immer im Mai vor dem Haus verbrannt wurde. Erich rauschte wütend davon, aber er widersprach nicht. Obwohl es nicht seine Angelegenheit war, stand ihm nicht der Sinn danach, eine Diskussion zu entfachen. Nicht in dieser beschissenen Situation, denn es gab da ein Geheimnis zwischen ihm und diesem Teufel, der den Honigpott besaß, aus dem er sich selbst schon bedient hatte. Er wollte nicht riskieren, dass er mit unterging, falls das alles einmal herauskommen sollte. Aber noch weniger wollte er riskieren, nicht mehr davon naschen zu dürfen.

Trotzdem fand er eine Möglichkeit, seine Wut auf sich selbst zu mindern. Er entdeckte Roland, der immer noch hinter diesem Baum vor dem Trampelpfad stand und begierig jedes Detail in sich aufnahm, ging schnaubend auf ihn zu und schlug noch im Gehen mit der Faust ins Gesicht. Die ganzen zwölf Lebensjahre wichen aus Rolands Augen, als seine Nase in einem Feuerball explodierte und er zu Boden ging. »Du kommst mit!«, knirschte er, hielt aber nicht eine Sekunde inne, sondern marschierte den gewundenen Weg hinunter zur kasernenartigen Anlage, in der sie alle lebten. Roland rappelte sich auf und torkelte schniefend hinter seinem Vater her. Durch die Nase atmen war von jetzt an erst einmal vorbei. Gar nicht auszudenken, wenn das mit der Münze …

Etwa zwei Stunden später tauchte Dr. Sebastian Hohenner mit einer Ledertasche auf. Der Hemdkragen schnürte in seinen wuchernden Hals hinein. Er blickte verdrießlich, als er ganz allgemein fragte, was hier eigentlich los sei. Manfred war unten am Feldweg geblieben, um zu verhindern, dass es noch mehr Zeugen gab. »Das waren die Wölfe«, erläuterte ihm Finner das Gemetzel. Hohenner blickte sich erst einmal um, wobei sein Blick an keinem bestimmten Ort verharrte. »Aha!«, sagte er. »Wurden sie gesehen, diese Wölfe?« Darauf antwortete niemand. »Was glauben Sie also, was ich hier mache? Haben Sie die Polizei verständigt?«

Als wieder niemand antwortete, fuhr er fort: »Das habe ich mir gedacht.«

»Wir wollten erst sehen, was Sie dazu sagen.« Richard kratzte sich am Kinn und blickte dann zur Fliegeninvasion hinüber.

Die aus dem Gesicht ragenden Augenbrauen Hohenners sprengten nach oben. »Was haben Sie hier eigentlich veranstaltet? Am Telefon sagte man mir, es hätte einen Unfall gegeben, aber das da drüben sieht mir nicht nach einem Unfall aus. Soll ich es mir wirklich ansehen, was meinen Sie?«

»Vielleicht können Sie ja den Totenschein ausstellen.« Richard begleitete den Arzt, dem sein wütender Blick angeboren schien, zur Esche, an der das Blut jetzt braun und festgebacken war. Der Gestank stand wie unter einer Käseglocke, aber niemand reagierte darauf. Einige Meter vor Helmuts Überresten entfernt blieben die beiden Männer stehen. »Was zum Henker?«

Richard zuckte zusammen. »Das müssen die Wölfe gewesen sein!«, sagte er und wirkte dabei nicht wenig debil.

»Das … scheint mir etwas abwegig, und ich glaube, Sie wissen das auch!«

Im Hintergrund nutzte Roland die Gelegenheit, den Boden abzusuchen. Niemand achtete auf ihn.

»Sehen Sie die Rostblättchen?« Der Arzt ging in die Hocke, zog einen Gummihandschuh aus der Tasche seines Wollsakkos und fuhr mit den Fingern an den Rändern der Bauchwunde herum. Richard sah ihn düster an.

»Wie kommen Sie denn auf Wölfe?«

»Wer sollte so eine Verrücktheit sonst veranstaltet haben?«

»Erstens gibt’s hier keine Wölfe mehr, und schon gar nicht im Sommer, zweitens hantieren Wölfe nicht mit einer Säge herum, und drittens holen sich Wölfe nur etwas, wenn sie Hunger haben. Wer immer das hier getan hat, dem ging es nicht um Nahrungsaufnahme.«

Im Traum ist alles Gegenwart. Jedes Erwachen zieht fürchterliche Konsequenzen nach sich. Die Elemente des Traumes pressen sich zu einem verschwindenden Punkt zusammen, drücken von innen gegen die Augäpfel, bevor sie, von Blutkörperchen aufgegriffen, in den Verdauungstrakt befördert werden, als wolle sich der Körper augenblicklich von aller Illusion befreien, so gering sie auch immer scheinen mag. Es sind nur Bruchteile von Sekunden, die darüber entscheiden, wo und wie man aufwachen wird, langgestreckt oder kauernd. Jede Nacht verändert die Struktur des Denkens.

»Gut, von mir aus, aber die Bisse … «

»Stammen von menschlichen Zähnen. Und die Zunge …« Hohenner fingerte in der Mundhöhle herum, gefüllt mit gestocktem Blut, als wäre Helmut an Schokoladenpudding erstickt. »Die hat jemand abgeschnitten und vermutlich mitgenommen, oder haben Sie irgendwo eine Zunge gefunden?« Hohenner erhob sich, wedelte ein paar Fliegen aus seinem Gesicht, und sagte laut, dass es auch Ludwig mitbekommen konnte: »Meine Herren, das hier ist ein Tatort. Ich kann hier keinen Totenschein ausstellen. Der junge Mann wurde ermordet. Will mir jemand erklären, was diese Seile zu bedeuten haben?«

Es stank nach Senf, Mosterd, Moutarde, Mustard, den man in Dijon nicht mit Essig sondern mit unreifen Trauben bespritzt, den pubertären Reben, die aufgrund ihres Quotienten die Aufnahmekriterien zum Wein nicht erfüllen können.

Richard tat sich schwer damit, von einem alten Ritual zu sprechen, von dem er selbst nicht genug wusste, das sich aber im Laufe der Zeit als praktisch erwiesen hatte, auch wenn man es kaum mehr nutzte. Die Zeiten der Moderne rückten immer näher und würden bald eine tote Erde hinterlassen haben, die niemand mehr düngt. »Das hier ist unser Sühnebaum, Hohenner! Hier regeln wir unsere häuslichen Angelegenheiten.«

Der Arzt starrte Richard verblüfft an. »Aber das sind keine häuslichen Angelegenheiten mehr! Damit haben Sie jetzt ein Problem, bei dem ich Sie nicht unterstützen kann. Ich kenne derartige Geschichten natürlich. Wir sind hier sehr weit vom Schuss, wie wir alle wissen. In Hebanz hat vor Kurzem eine Mutter ihren Sohn mit der Zunge an der Tischplatte festgenagelt, weil der sich nachts aus dem Haus schlich, um Zigaretten zu rauchen, die er ihr gestohlen hatte. Ich habe ihn verarztet. Schwamm drüber. Aber das hier ist etwas völlig anderes. Das ist Ihnen doch klar?«

»Wenn Sie es nicht ausplaudern …« Der Satz war kaum zu hören, so leise kam er aus Richards Mund. Manch gefährlicher Ton bahnt sich sanft seinen Weg.

»Was?«

Richard fuchtelte in einer hilflosen Geste mit den Händen in der Luft herum, als wolle er ein Bild dort malen. »Sie sind hier, weil wir dachten, Sie würden sich um die Angelegenheit kümmern, und zwar ohne dass wir hier bei Stahlnetz landen. Einen Totenschein wollen wir von Ihnen, in dem steht, dass mein Sohn von Wölfen angefallen wurde.«

Hohenner sah ihn an, als hätte er völlig den Verstand verloren. Dann sagte er gefasst: »Selbst wenn es so wäre, wie Sie es wollen, müssten wir die Polizei verständigen. Bei jedem Todesfall übrigens, der einige Zweifel aufwirft. Herrgott, wissen Sie das denn nicht?« Dann warf er seine grimmigen Blicke auf Ludwig. »Und Sie? Sie wissen das auch nicht?«

»Wir werden die Sache regeln. Aber wir müssen es auf unsere Weise tun«, sagte Ludwig.

»Und was war mit dem Sturm 1971!« Richard verschluckte sich fast an diesem nahezu brutal herausgespuckten Satz. »Ramelow und dieser andere Kerl?«

Der Arzt sah überrascht von einem zum anderen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben.«

»Laut Frankenpost Sie haben damals gesagt, es handle sich um die Bissspuren eines Wolfes.«

Hohenner seufzte, Luft ging durch seinen Körper. »Ich habe damals gesagt, es handle sich um ein Tier mit einer enormen Bisskraft, und das …« Er deutete hinter sich, »war verdammt noch mal kein Wolf.«

»Sie wissen, wie viele Menschen in den letzten Jahren einfach verschwunden sind.« Richard wechselte offensichtlich das Thema. »Ich meine, interessiert das überhaupt jemanden? Das hier ist schlimm. Sehr schlimm. Aber wir regeln das eben auf unsere Weise.«

Hohenner sah ein paar Minuten nachdenklich drein, hielt sein Kinn mit der rechten Hand fest und stakte, scheinbar tief in sich versunken, auf der Lichtung herum. Richard und Ludwig sahen sich an. Es war kaum zu merken, dass sich die beiden Männer spinnefeind waren. Der Arzt blieb abrupt stehen, richtete sich auf, klatschte in die Hände und sagte: »Also gut. Ich will die Augen!«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (9)

Sandsteinburg #44

»Meine Fresse, was sollen wir jetzt nur machen! Wir müssen doch irgendwas unternehmen!« Erich Wendler sprang um den zu Stein erstarrten Richard Finner herum. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann standen gemeinsam etwas abseits, denn man wusste nie, wie dieser unberechenbare Kerl reagieren würde. (Seit dem letzten Maifeuer, in das er laut brüllend seinen halben Hausrat geworfen hatte, weil keine Eier im Kartoffelsalat seiner Frau zu finden waren, blieb man lieber auf Armlänge von ihm weg. Das war das Mindeste!) Roland hatte sich nicht mehr auf die Lichtung gewagt, stand umständlich hinter einem Baum, obwohl er Bäumen im Moment nicht sehr nahe kommen mochte. Er wollte natürlich trotzdem sehen, was jetzt geschehen würde, aber eigentlich war er da, um sicher zu gehen, dass die Münze nicht irgendwo dort herumlag, wo Helmuts Überreste alles durcheinanderbrachten.

Das Odeln, wie man das Übergießen mit Jauche nannte, war bis zu diesem Tag, zu dieser Nacht, immer gut verlaufen. Es war eine dem Regelwerk entsprechende Strafe, natürlich eine Demütigung für jene, die sich gegen die Gemeinschaft versündigt hatten. War aber die Nacht an diesem Baum (und es war immer dieser Baum, es war nie ein anderer) überstanden, galt man als geläutert. Das Vergehen fand nie wieder Erwähnung, es war nicht mehr existent. Ungeschehen gemacht. Vorher jedoch wurde man an die Esche gebunden, bekam einen Kübel Gülle über den Kopf geleert und hing vierundzwanzig Stunden allein im Wald. Am Schlimmsten war die Kälte, nur am Anfang beeindruckten auch der fürchterliche Gestank und der Gedanke, dass man nicht nur in seiner eigenen Scheiße badete, sondern in der von allen. Essensreste, Blut – da war einfach alles vertreten. Es ging um die Gemeinschaft, also ging es auch um deren Produkte. Das hier war nicht mit einem Pranger zu vergleichen, man wurde nicht wie früher zur Schau gestellt und mit brennenden Scheiten traktiert, man blieb für sich allein und hatte Zeit zum Nachdenken. Die bekam man gratis obendrein. Nur im Winter verzichtete man auf die Prozedur, man sparte das Odeln auf, bis es wieder Frühling wurde – und es hatte schon einige gegeben, die sich sogar darauf freuten, einmal hier hängen zu dürfen, die temperierte Jauche auf der Haut. Die gab es, und es waren dieselben, die dabei in äußerste Erregung gerieten. Das musste anfangs sehr irritierend gewirkt haben. Irgendwann aber, da wurde man aus der Erfahrung klug, wurde das Schauspiel für eine ganz normale körperliche Reaktion gehalten. Beim Sterben, erklärte Dr. Hohenner, der einzige Arzt weit und breit, ergossen sich die Delinquenten sogar, wenn sie stranguliert wurden. Er faselte noch etwas von Alraunen, bevor er fließend zum Thema Gartenbau, vor allem zu seinen Kürbissen überging, die tatsächlich eine Größe erreichten, wie man sie nirgends noch gesehen hatte.

Der Baum wuchs aus dem Rachen Alfons Wendenschuchs, der hier begraben lag, und dem einst das Samenkorn unter die Zunge gelegt wurde. Um ihn rankten sich zu Lebzeiten nicht wenige Legenden. Eine davon besagte, dass er mit dem Teufel im Bunde stand, dem er in den einsamen und weiten Wäldern begegnet war. Andere sagten, dass er der Teufel selbst sei, der hier mit den Hammermühlen ein neues Spielzeug der Grausamkeiten erfand, dass die Schwerter, die aus seiner Schmiede kamen, bereits bei leichter Berührung der Klinge den Tod brachten. Man sagte, dass der Müller Kinheckl, der die Hammermühle, die heute als Wendenschuchs Mühle bekannt ist, zusammen mit seinen beiden Söhnen erbaut hatte. Als nun dieser Fremde auftauchte, der sich Wendenschuch nannte und eine Offerte zum Kauf der Mühle machte, lehnte Kinheckl ab. Kurz darauf geschahen diese beiden sonderbaren Unfälle mit den gewaltigen Hämmern, die Kinheckls beiden Söhnen das Leben kostete. Das erzählte man sich hier, um sich etwas zu gruseln. Schließlich war niemand dabei gewesen im Jahre 1499, als noch nicht einmal das Schloss in Kaiserhammer stand, selbst ein rätselhafter Bau, der nach außen hin nur Gleichgültigkeit verströmte.

An den Ufern der Eger entlang glühten die Essen bis tief in die Nacht – die wasserbetriebenen Hämmer rumorten wie der Höllendonner. Es musste ein Mordsspektakel gewesen sein. So konnte man sich leicht den Hades vorstellen. Wo Erze gewonnen, oder in Salinen gegraben wurde, da zog es auch die Alchimisten bald hin, die stets auf der Suche nach dem Urstoff, dem Weltgeist und den Stein der Weisen waren. Vielleicht war Alfons Wendenschuch einer von ihnen, aber wer wollte das heute noch wissen? Manchmal flüstert der Wind Zaubersprüche, die jeder schon gehört hatte, der hier längere Zeit lebte. Manche erzählten sich, der Wind gäbe in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse wieder, wie es früher die fahrenden Sänger taten, aber die Worte seien unverständlich, weil keiner die Sprache verstand und weil der Wind an verschiedenen Orten immer nur ein Wort oder einen Satz murmelte. Wieder andere schworen, dass der Wind Namen preisgab; wenn man Pech hatte sogar den eigenen, und man erläge dann dem Gesetzt der mystischen Schmiede, die über Leben und Tod wachte.

So gab es also viele sich widerstreitende Geschichten, wie sie überall auf der Welt in den abgelegenen Regionen zu finden sind, aber eines wusste man ganz genau zu bestimmen: Hier, unter diesem Baum, der sich nach oben hin zweiteilte, und der aus der Ferne aussah wie eine übergroße Zwiesel, lag der Stammhalter der Wendenmühle.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (7)

Sandsteinburg #42

1813 empfing August Wilhelm Schlegel, der ruhmreiche Übersetzer Dantes und Shakespeares, eine Münze von Germaine, der Madame von Staël, als er sie von Göteborg nach London begleitete, weil er sich, zunächst ohne Erfolg, einige Hoffnungen auf den rustikalen Leib der Baronesse gemacht hatte. Es hätte ja durchaus sein können, dass Germaine, die nicht wenige ihrer Kinder im Lotterbett empfangen hatte, mit ihm, der sonst wohl kaum je eine Gelegenheit bekommen würde, etwas anderes als schattige Zeichnungen eines Boudoir zu betrachten, ein Schäferstündchen abzuhalten.

Die Herrin des Jahrhunderts, wie sie von ihren Bewunderern genannt wurde, hätte ihm doch ganz gut für eine Liaison gestanden. Er wusste nicht, dass Madame de Staël ihn tatsächlich gerne in ihrer Nähe hatte, allerdings weil sie ihn für ihr Buch brauchte, das sie über Deutschland schreiben wollte. Sie hielt Schlegel für einen typischen deutschen Professor, als Liebhaber eher für unattraktiv, pedantisch, empfindlich, aber für bieder und treu. Er durfte ihren Roman ›Corinne ou l’italie‹ rezensieren und mit ihren Freunden und ihrer Familie in einem rosaroten Schlösschen im schweizerischen Coppet ihren Sekretär geben. Zu seiner Ausstattung gehörte ein großzügiges Salär, mit dem er seine frühromantischen Freunde unterstützte. Die kleinen Luftküsse, die der etwas schwerfällige August hier und da parat hielt, wurden von der Baronesse jedoch geflissentlich ignoriert. Dann aber geschah etwas bis dahin Unverhofftes. Obwohl Madame de Staël ihrer Libertinage ausgiebig frönte und gleichzeitig Augusts Avancen stets freundlich, aber nicht ohne kleinste Schmähungen, zurückwies, bekam sie eines Abends einen Korb von einem ihrer Liebhaber. Außer sich vor Zorn rauschte sie durch sämtliche ihrer üppig bestückten Schlafzimmer und brachte die Betten, die von den Mägden hübsch zugerichtet waren, voller Wut in Unordnung. Ob nun die Kränkung ihr an sich robustes Wesen oder ihre Libido betraf, spielte dabei keine wirkliche Rolle. Ihr fehlte schlicht die Anerkennung und Bewunderung für einen Tag, nämlich für den gegenwärtigen. Freilich hatte sie solche Tage schon erlebt und nicht selten aus Mangel den Pferdeknecht ins Heu gezwungen, der dann – selbstverständlich in lyrischer Sprache – ihre Brüste zu besingen hatte. Allerdings lag das Problem auf der Hand: Pferdeknechte und Lyrik waren selten befreundet, vielmehr hätte diesem Berufsbild angestanden, ein Gedicht zu fluchen statt zu singen. Trotzdem hatte besagter Knecht die Stirn besessen, ihr ins Gesicht zu sagen, sie gäbe die Milch der Heilgen Johanna. Und mit religiöser Kopulation wollte sie nichts zu tun haben. Sie kannte des Teufels Küche nur zu genau.

Als sie mit dem Schnauben ihrer Wut plötzlich in Augusts Kammer stand und ihn anstarrte, als hätte sie ihn noch nie gesehen, war der Schriftsteller wohl derart beeindruckt von ihrer Erscheinung, dass er durch Zufall das richtige Gesicht aufsetzte. Wie das nämlich mit Gesichtern so ist, erblicken wir sie zuerst. Die Madame war heißblütig genug (sie wollte ja eigentlich nur das Bett auch in diesem Zimmer zerwühlen), um das erstarrte Staunen fälschlich für Ehrfurcht zu halten, genau das, wonach sie sich jetzt sehnte. Schon einige Tage später befanden sie sich auf Hoher See.

»Denk dir, mein lieber August, diese Münze beherbergt nicht nur das feinste Gold, darin schwelgt auch noch das Blut des Prägers, der sich bei der Fertigung an der Rändelmaschine verletzte, unachtsam, weil ihm sein Liebchen davongelaufen war, um sich in die Arme eines weniger angesehenen Bürgers – eines Bänkelsängers mit einer riesigen Laute – zu werfen. Ein romantischer Stoff wie dieser steht keinem anderen so zu Gesicht wie dir. Und weil du mich in dieser unschicklichen Situation so schicklich behandelt hast, sei dir dein Salär, das du so stattlich von mir empfängst, mit diesem Louis dʼOr noch einmal aufgewertet. Allerdings unter der Bedingung, dass du diese Geschichte im Trüben lässt!«

»Blut?«

»Nun, es ist ein Gerücht. Aber auch wenn es keines wäre: solange die Geschichte erzählt wird, existiert auch deren Wahrheit. In unseren Salinen von Salins-les-Bains fließt übrigens mehr Blut in die Sole als irgendwo in eine Münze, falls dich das beruhigt. Aber ich meinte keineswegs das Blut in der Dublone, das du für immer verschweigen sollst, sondern unsere Bettgeschichte!«

In Schlegels sofort einsatzbereiter Vision stand der Balancier, bei dem der Oberstempel durch einen Gewindespindel auf- und abgeführt wurde, mit seinem doppelarmigen Hebeln, mitten im dampfigen Raum, gleich neben dem der Kesselflicker und den Goldschmieden, ein stinkendes Allerlei aus Metall ringsherum. Als ob der Teufel gleich sichtbar werden würde, verschanzte sich ein mickriges Männlein, das offenbar keine Pause haben wollte. Es hielt den Unterstempel in der Spindelpresse fest und das Gold nagte an seinem Finger, zog ihm die Rillen ab.

»Vielleicht istʼs aber deshalb geschehen, weil die Toten und deshalb tote Dinge sich mit dem Blute stärken wollen«, sagte August zu sich. »Was hat denn so ein Flan davon, sich das Blut eines Knechtes zu erstanzen? Die Münze wirkt als spiritus antiepilepticus, viel wichtiger aber bei ihm als antipodacricus, und wenn erʼs versuchen will, dann reibe er sich die entflammten Stellen!

Was verwandelt sich in einer rechten Alchimistenküche nicht alles in Gold: Getreide, Spreu, Hobelspäne, Pferdemist, grünes Laub, Flachs, Lilien, Steine, Scherben, Kirschensteine, Eierschalen, Klicker, Schnaken, Schafmistkügelchen …«

Die Münze, die Germaine ihm gab, geriet kurz danach in die Hände von August Wilhelms nicht minder berühmten Bruder Friedrich, der sie unbedingt für einen Katalog, den er herausgab, zeichnen wollte. Statt sie jedoch seinem Bruder zurückzugeben, gelangte sie zu Ludwig Tieck – die Gründe sind mehr als verschleiert – dem genialen Übersetzer des Don Quixote und Verfasser des erschreckenden blonden Eckbert, einer der ersten Horrorgeschichten überhaupt. Ob das bereits mit dem eingesperrten Blut in der Dublone zusammenhing?

Kurz vor seinem Tod reiste Tieck zum letzten Mal nach Schwarzenhammer, wollte das Leuchtmoos und das berühmte Felsenlabyrinth bei Alexandersbad wiedersehen, wo er in seinen jungen Jahren gemeinsam mit Wilhelm Heinrich Wackenroder die ›Mondbeglänzte Zaubernacht‹ und andere Merkwürdigkeiten erlebt hatte und die geheimnisvolle Landschaft bestaunte. Er nächtigte erneut im Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, das der Familie Hardenberg gehörte und das sein Freund Novalis nur ein einziges Mal besucht hatte, bevor er seiner jungen Braut in den Tod folgte. Diese wertvolle Dublone blieb, als Tieck abreiste, auf dem Nachttisch liegen. Ob sie dort vergessen oder absichtlich zurückgelassen wurde, wird für immer im dichten Nebel der Geschichte verbleiben müssen. Wir sehen sie nicht, die Person, die sich aus eben diesem Nebel schält, sie erscheint uns wie ein Schatten, und auch unsere Phantasie wird kaum ausreichen, ihr ein Antlitz zu verpassen. Wir erkennen lediglich an ihrer Kleidung die zu dieser Zeit übliche Tracht eines Hausmädchens.

Vir desideriorum

Sandsteinburg #16
Die Songzitate stammen aus: Robert Johnson – Crossroads Blues (Columbia) // Rainbow – Man on the Silver Mountain (Polydor). Diese Beispiele dienen ausschließlich als Zitate.

Ich kannte Adam. Schließlich hatte er mich in die Brennnesseln geworfen (oder ich war gefallen, das sage ich mir wieder und wieder). Mit Bestimmtheit kann ich jedoch sagen, dass er mich bei einem Wettrennen vom Rad stieß, weil ich drauf und dran war zu gewinnen. Ich lag auf dem Schotter, meine Beine bluteten, aufgeschlagen wie die frischen Kalkschalen zweier Hühnereier. Wir waren schicksalhaft aneinander gebunden, vermochten uns nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn wir es noch so sehr gewollt hätten.

Ich weiß, dass unser Bewusstsein auch durch das Land geprägt wird, auf dem sich das Verborgene heranpirscht und erwacht. Aber erst mit den Jahren lernte ich zu verstehen, dass es nicht nur brach liegt oder sich gerne nur betrachten oder durchwandern lässt, sondern, ganz im Gegenteil, eingreift in die Geschicke der Menschen, die ihm mehr oder weniger ausgeliefert sind. Dem Land. Dem, was wir Bewusstsein nennen. Seit diesen Tagen frage ich mich immer, wenn ich mich irgendwo von Neuem niederlasse: Was will das Land von dir, und was ist es bereit, für dich zu tun, wie wird es versuchen, dich zu verführen?

Der Landstrich, in dem wir damals mehr oder weniger angenehm gefangen waren, war vielleicht einfach nur da, um die Wiege Adams zu sein, ihn auf die Reise vorzubereiten, von der wir natürlich alle irgendwann Kenntnis bekamen. Gerüchte gab es allerhand, ob nun der Nachtgiger in den Wäldern gesehen worden war, oder ob die Wölfe wieder über die Böhmische Grenze gekommen sein sollten. Man wob Schauerliches zusammen, es passte eben zur Kulisse. Jene aber, die Bescheid wussten, und die Adam hätten retten können, starben auf mehr oder weniger dramatische Weise. Es gehörte alles zum Plan, sozusagen. Auch ich gehörte dazu. Vieles weiß ich nicht mehr, es ist im dunklen Gewässer der Geschichte verlorengegangen (ich bemerke, wie sich stets ein Schatten über meine Erinnerung legt), dabei war mein Part vielleicht nicht einmal so gering zu werten, wie ich das stets glauben wollte. Ich weiß nichts Genaues, wirklich … ich weiß nichts, aber da ist etwas, das auch mich zeichnete. Wäre ich dort geblieben …

Mit mir zusammen betippte Adam eine kleine rosa Schreibmaschine aus Puppenplastik, wohl seine erste. In den Betriebswohnungen waren wir eingesperrte Küken, wir schwelten als Futter, wenn auch nur vorübergehend, in unseren eigenen Dottermägen. Mit meiner neu zusammengewürfelten Familie lebte ich gegenüber des Granitwerks, das sich nur ein paar hundert Meter weiter die provisorische Straße abwärts von der Kunststoffabrik befand. Folgt man ihr weiter durch den massiven Wald, kommt man in Schwarzenhammer wieder raus. Soweit ich mich erinnern kann, besuchten uns Ludwig und Adam dort nur ein einziges Mal, wir zogen da ja bald aus. Mein Stiefvater baute sein Haus direkt in die Nachbarschaft der Familie Pikid, oben am Waldrand gelegen, direkt neben dem Jagdhaus mit der alten Sonnenuhr an seiner Vorderseite.

Wie ich schon sagte, wir konnten uns nicht voreinander verbergen.

Adam fand mich nicht mehr auf seinem Weg nach Raha, und ich suchte ihn nicht, aber die Blätter und Nadeln der Bäume raunten Geschichten. Ich verstand nicht viel von seinem Gedicht, das er mir bei stillem Lindenfieber und brausendem Sekt in der Badewanne vorlas.

Vir desideriorum; ein Titel wie blanke Ferne. Mann der Sehnsucht, nicht homme de lettres, nein, vir desideriorum, einer, der sich nicht mit dem plumpen Vorhandensein zufrieden gibt. Wir tranken damals leise, nahmen uns den Krimsekt vor, das Flittergetränk meiner Mutter, feierten unsere Zusammenkunft, die gleichzeitig der Abschied war. Staunend lief er über den Marmorboden, betrachtete mich so, dass mir im warmen Wasser kalt wurde (wahrscheinlich wäre mir im kalten Wasser warm geworden). Er stellte diese schreckliche Musik ein, die er betwixt and between nannte, erzählte von Robert Johnson, der an den Crossroads seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Standinʼ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, everybody pass me by – und blickte drein, als hätte er selbst es getan.

Wir befanden uns nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits mitten auf der Kreuzung. Ich blieb auf der großen Straße, aber er schlug sich ins Gebüsch. Vielleicht hätte ich ihn allzu früh geliebt, wenn wir nicht mehr oder weniger zusammen aufgewachsen wären (und ohne seine Attacken, die nicht meine Niedergeschlagenheit beabsichtigten, die nur etwas verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, dass wir jetzt hier zusammen saßen).

Du wirst immer Falter sein
Wehe dem Mond

»Ich erinnere mich nur, weil du es nicht vergessen hast!«

Bei den Langbooten aus Kunststoff-Harz, die in einem Lagerschuppen vor dem Teich aufgebahrt waren, fing ich mir die erste Berührung ein, die Brennhaare, die Methansäure des jähen Zorns. Aber war er es, der mich in die Brennnesseln warf, war es nicht das Land, die Luft, war es nicht etwas um ihn herum, das ihn zur Einsamkeit zwingen wollte? Er ahnte nicht, dass ich später, wenn die Zeit reif dafür war, die erste sein würde, die seine Federn zählte, die erste, die Spaß daran hatte, alles in Bewegung zu setzen.

Zunächst lag ich mit meiner Hand zufällig im Schritt halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, bewegte mich, weil ich träumte, weil mich etwas am Nacken fasste. Ich wollte etwas sagen, aber aus mir heraus kam nur Miauen. Mein Hals fühlte sich rau an, als wären dort mehrere Seile gespannt, auf denen Zugvögel meditieren. Etwas biss mir in den Nacken und erreichte die Hand in meinem Schritt, die sich nicht bewegte, die mucksmäuschenstill da lag und eingeschlafen war. Um sie zu wecken übte ich etwas Druck aus, aber mir explodierte nur mein pulsierendes Organ. Ich sah eine Sonne vor mir, die ihre Arme nach mir ausstreckte, mir war, als hätte ich diese Sonne verschluckt, denn sie befand sich in meinem Bauch und ihre Strahlen sausten mit dem Blut durch meine Adern. Ich miaute, miaute, miaute, ging tiefer in den Schlaf hinein, sah mich nackt unter Rehen stehen, aber nicht ganz nackt, denn auch ich trug ein Fell, waldbraun und sumpfig. Die Rehe nickten mir zu, ich ließ mich hinunter auf alle Viere und trank den Tau von den Grashalmen, den Blüten der Margeriten. Das Flutlicht vierteilte uns, aus der Umkleidekabine drangen ebenfalls Licht, Musik und Gelächter. Aber wir, wir befanden uns ganz alleine auf dem dörflichen Fußballplatz, wir waren Rehe. Niemand schien uns zu beachten, niemand war zu sehen. Und doch fraß uns etwas auf. Keine Bestie, wie wir sie aus Filmen kannte, davor hätten wir fortlaufen können. Es war etwas viel Schlimmeres und es bestand aus einer Traumsubstanz, die nie ganz zu begreifen war.

Man On The Silver Mountain von Rainbow kam aus den Kabinen getönt, wo es nach Lederbällen, Schweiß, Bier, und nach trockenem Holz roch.

I’m the day, I’m the day
I can show you the way
And look, I’m right beside you
I’m the night, I’m the night
I’m the dark and the light
With eyes that see inside you

Irgendwie hörte es sich bereits nach Abschied an. Adam starrte mir auf die nackten Beine, betrachtete das Muttermal, mein Australien an der Wade, klein wie Madagaskar, meine Hand zufällig im Schritt, halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, während ich träumte, dass er mich am Nacken fasste und ich miaute, dass er mich biss, und ich wie ein Reh meinen Pelz abzog, um im Mondlicht zu tanzen. Blut lief an meinen Beinen herab, sah aus wie Wein, aus meinem Inneren sprudelte Wein, dort öffnete sich die rote Frucht. Ich die Rebe, das Reh, miaute auf der eingeschlafenen Hand, sah eine Sonne, explodierte in der Mitte zu einer Musik, die rief: »Myrrha, Myrrha!« Doch das war nicht der richtige Name, nicht mein Name, mein Name lautete Starstruck, Lady Starstruck, Bad Luck.

»Was tust du da, warum liegst du so lange im Bett? Brütest du etwas aus?« Die Mutter an der Tür. Wenn ich jetzt aufstehe, wird sie mein Fell entdecken, das mir über Nacht auf dem Fußballplatz gewachsen war, und das mich zu einem Opfer stilisierte.

Aber vielleicht habe ich es nur angezogen, übergestreift. Vergangenheit, in die wir niemals wieder zurückkönnen, Vergangenheit wie ein Traum. Ich betrachte mich im Jetzt und denke, dass ich nicht die Frau bin, an die ich mich erinnere, die ich durch Zufall geworden bin. Es ist eine geheimnisvolle Welt in meinem Kopf, und ich frage mich, ob wir dort immer noch sitzen und trinken und Rainbow hören, ob das bereits vor dem Urknall geschehen ist, ob dieses Zeug, das die Welt ausmacht, auf uns gewartet hat und dann in der Mitte explodiert ist; und seitdem bin ich Frau. Ich meine, nicht nur körperlich. Uns allen wurde etwas ausgetrieben damals. Kinder verschwanden. Erscheinungen tauchten auf. Das Schweigen wurde durch billige Lautstärke ersetzt. Man sprach sogar von Ritualmorden, aber das wurde nie bestätigt.

Ich war nun schon lange nicht mehr dort, es ist interessant, das Sie mich das fragen. Aber ich weiß von einer Freundin, dass Schwarzenhammer das Ebenbild einer Geisterstadt ist. Nein, ich war nicht mehr dort, seit Adam zu mir sagte: »Ich muss jetzt gehen. Myrrha, ich muss jetzt gehen!«

Mein Name ist Emma, sagte ich zu ihm. Erinnerst du dich?

Adams Tinte war die erste Tinte, die ich sah, und in mir lähmte sich ein Nerv (oder lähmte mich gar der Stift?). Ich konnte mich – festgenagelt an mein Bett – konnte mich erinnern, wie ich vom Rad flog, in die Brennnesseln, und wie ich auslief. Erst Blut, dann Tränen, dann seine Tinte, die ich in mein Hemdchen schmierte, in die Innenseite, damit niemand auf die Idee käme, zu fragen: »Was ist das?«, die Mutter nicht fragt: »Was ist das?« Denn ich lief ja aus, klebte an ihm fest, und konnte es nicht vermeiden, jeden Tag erneut durch sein Fenster zu krabbeln, um seinen ganz und gar aufrechten Stift zu berühren, mit dem Mund, mit den Füßen. Es ging alles viel zu schnell, schon stürzte ich, aber danach sagte ich: »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Ich zeigte ihm meine Narben an den Beinen, kleine, beginnende Monde, neue Monde, vergehende Wunden von vor Jahren, als wir der Definition nach noch sächlich waren. Er nannte mein Muttermal: »Dein Australien an der Wade«, weswegen ich mich schämte. Ein tiefer, dunkler Impuls ließ mich jede Nacht mit ihm gehen, damit er sich ausprobieren konnte. Ich lag da und starrte an die Zimmerdecke. Nacht für Nacht brachte er mich auch wieder zurück, sobald ich alles in mir hatte. Jeden Tag wusch ich meine Kleider selbst, aber dann ertappte mich meine Mutter dabei, wie ich mein Höschen ausleckte.

»Was ist das?«

Der dunkle, tiefe Impuls.

Ich durfte Adam nicht wiedersehen, wurde in ein Internat geschickt und bekam eine andere Welt in mein Ohr geblasen, lernte die Dinge neu, blieb auch der Erinnerung fern für allezeit, die Erinnerung an die ersten Dinge, wenn keine Erwartung die Erfahrung trübt, wenn alles ohne Zutun, ohne Tatkraft, ohne Ordnung in das Leben bricht, wenn eine süße Gewalt die Ohnmacht steuert. Heute würde ich an ihm vorübergehen, heute würde ich ihn ansehen und wissen. Ich bin mir heute sicher, dass wir damals unser Leben dadurch retteten, indem wir uns gegenseitig entdeckten.

»Wo kommst du her?«

»Aus Raha.«

»Wer lebt in dieser Stadt?«

»Unverändert wir.«

Jene, die nur Sporen wittern und zur Tränke gehen, wir, die wir dort baden, die weiße Haut ausgelassen von der Sonne. Adam kennt die Nächte dieser weißen Flecken, Adam kennt das Mauerwerk ohne Putz, fünf Gärten für die Sinne. Den Garten der Hesperiden, den Garten des Alkinoos, Olymp und Asgard. Schändlich, wer sich gefangen gibt, und sei es im Namen des allgemeinen Nutzens. Er setzte all seine Erwartungen einzig in seine Ungebundenheit, in diesen Drang, sich treiben zu lassen, um allem zu begegnen, ein Drang, der eine Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen ungebundenen Menschen herstellte, als wären sie berufen, sich plötzlich zu vereinigen, mit dem Mund, den Füßen, den Händen. Ich kannte dich in diesen Sommerstunden, dich, der mich aus den Nesseln hob, der mich im Schotter liegen sah, in meiner schwächsten Stunde, die er selbst herbeigerufen hatte.

Es gab einen Sturm (10)

Sandsteinburg #12

Als der Abend, laut wie selten, in die Nacht geglitten war, mummte sich Anna etwas mehr ein als sonst, wenn sie in die Waschküche hinunter stapfte, den Wäschekorb fest an die Brust gedrückt. Hermann schnarchte, als gurgele er seine Zunge, als würde er sie gleich verschlucken; und vielleicht wird ihm das eines Tages widerfahren, wir sind in einem Alter, da passieren solche Dinge. Ich komme aus der Waschküche mit abgewetzten Handrücken und da wird er liegen, die Lippen blau. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, ihren Mann als Leiche im Bett vorzufinden, hielt es für wahrscheinlicher, vor allem aber freundlicher von ihm, wenn er während einer seiner Wanderungen, die er mit regem Fleiß betrieb, zusammenbrechen würde. »Sei so nett, ja?«, flüs­terte sie, schüttelte ihren Mann an der Schulter, der daraufhin zu schmatzen begann und eine andere, stillere Schlafposition einnahm.

Gab es denn keine Waschmaschine im Haus? Doch, die gab es, aber Anna würde einen Teufel tun, sich das Ritual des Lebens aus den Händen nehmen zu lassen. Sie wollte ihren Donnerstag in der dampfenden Hölle zelebrieren, außerdem glaubte sie nicht daran, dass diese Maschinen die nötigen 95° er­reichen konnten. Stattdessen dampft der Trog im kalten Keller, vernebelt den ansonsten düsteren Raum, der im Lichte einer nackten Glühbirne seine ganze pragmatische Hässlichkeit zur Schau stellt, ohne sich auch nur ein bisschen zu schämen.

Anna Schikowski steht in einer Dampfwolke und schiebt die Schmutzwä­sche mit Hilfe eines Stockes durch die Seifenlauge. Wie Freunde kommen die Nebelfetzen dicht an ihr Gesicht heran, ein wenig Wärme bekommt sie ab, ihre Wangen röten sich. Analog zu diesem Dampfbad trennt sich Dumdidum Wisch in dieser Phase gerade vom Hauptsturm, erkundet unerschlossenes Gebiet. Wie kann ich meine Bewusstsein mit der dampfenden Masse teilen, wie kann ich grundlos wüten, nur um dem Zufall zu gefallen?

Dumdidum spürt, was ein selbstbewusster Wind spürt, wenn er seine luftigen Kapriolen schlägt, Capricen vorbereitet, wie ein Schlossgespenst lacht. So ein Wind kann sich von den Hauswänden prallen lassen, sich rau­schend in dichten Zweigen verfangen, dem Zugriff der Tannenzweige, bereits wieder entkommen, eine Pfütze aus ihrem Bett treiben, den Kaminen Töne entlocken, die vom tiefen Heulen bis hin zu Regenrinnenpfeifen eine ganze Klaviatur enthielt. Jede noch so kleine Fuge wird zu einer Laufgasse für den stolzen Dandy. Mit der Heizungsluft wird jedes Windchen schnell in jeden Raum geschleudert und kann dort nach Herzenslust toben, bevor ihm die Puste ausgeht und die stocksteife, alte Luft – hört, hört – den jungen kataba­tischen Elvegust zur Ruhe bringt.

 Wenn der Wind mich zeichnet: ein Netz aus Küssen, konturlos zunächst,
von der Hand gelesen – dann wissen wir, was der Wein uns sagt.
In früher Morgennähe, still, die eigenen Augen senken sich in ein Gefühl.
Die Lippen spiegeln deine Vorsicht, schmecken Lust, die in der Ferne vergeht.
Dein Kummer regt sich und beugt sich hin zu mir.

Ich spüre im wilden Wind das Zeichen, wache auf; und mehr noch ist es nicht.
Ich spüre da im wilden Wind das Fallen schwerer Lider.
Der Tanz der Stunden war Berührung, schlug sich los und schlief für sich,
                                                                                               um sich nicht hinzugeben.


Du lachst, damit man dein Gefühl nicht kenne, und gehst,
damit man keine Schwere an dir finde.
Schon bist du fort und hast die Hände mitgenommen,
die ich küssen wollte, bevor es deine Lippen traf.

Ich war selbst so steif wie du, als könnte ich nicht fassen,
dass es Zeit für uns alleine gab. Zwei, die sich nicht suchten,
zwei, die sich nicht fanden – und nur die Wände
ihrer Herzen renovieren wollten.

Du lässt Sehnsucht zerplatzen, die geschützt
von frischer rosa Haut nicht für die Ewigkeit –
Ich will ein Imperium der Liebe, ich will
an deinen Lenden mich erhitzen, komm näher!
Über mir ist Schweigen. Keiner spricht.

Die Welt ist aus ungezählten Sprüngen geworden
und rudert in die Ruhe der verschlossenen Lippen,
der ankernden Zunge. Kein Schall in mir, nur Atem.

Dumdidum Wisch aber schlüpft durch die offenstehende Tür, hebt die Schür­ze der Weibsperson, der Rock bläht sich auf wie eine Glocke, scheint zu zö­gern, weiß nicht, wohin er eigentlich will, und bläst schließlich durch die Textilwand, die Fuge, besagte Laufgasse. Anna lässt ihren Atem über die Stimmbänder grollen, aus ihrem Mund fährt ein Laut der Überraschung. Der Stock platscht in den Bottich, sie aber richtet sich auf und fährt sich mit bei­den Händen über die Hüften, die gar nicht so ausladend sind, wie das zu ver­muten steht, wenn man von einer ehemaligen Bäuerin spricht, die im Keller hantiert und Wäsche stampft.

Dumdidum sammelt seine Manneskraft, stiebt ihr in beide Höhlen, hach, Anna findet sich jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben komplett ausgefüllt, stolpert über den Waschzuber und schlägt der Länge nach hin, verletzt sich ihr Kinn, während der Wind sie beinahe zum Bersten bringt.

Mit ihren Händen fuchtelt sie hinter sich und vor sich herum, um zu er­tasten, was da vor sich geht, jauchzt auf, jodelt fast, als ihr durch den Druck und den Dehnungsschmerz zwei Orgasmen hintereinander über die Lippen kommen, Liebeswasser und Urin ihrem Unterleib entwischen, ein windum­toster Wasserfall im Kleinen. So bleibt sie mit gespreizten Beinen auf dem Bo­den liegen; ihr Bedürfnis, etwas zu lecken, zu beißen, an etwas zu lutschen, ist groß. Ihr Hinterteil zuckt und windet sich, reckt sich dem Nichts entge­gen. Wonnige Fürze entfleuchen ihrem Bauch und auch vorne-unten blub­bert es, wenn ihre Schamlippen schnalzen. Sie glaubt, über dem Waschkü­chenboden zu schweben, obwohl ihr Gesicht frontal aufliegt. Oooch, komm! Oho, du! Ist das jetzt Ekstase? Dächer fahren auseinander, Scheiben bersten, Schneegebirge entstehen, vergehen, ist das jetzt … ?

So plötzlich wie der Anfall gekommen ist, ebben die Turbulenzen auch wieder ab. Alles in allem währte die Séance höchstens drei Minuten, bevor sich der Wind aus ihrem Körper, dann auf demselben Weg, den er hereinge­kommen war, verabschiedete. Anna lag schnaufend und ziemlich einge­weicht noch einige Zeit auf dem kalten Steinboden, was aber keine Folgen für ihre Gesundheit haben sollte. Sie sah nach der Tür, die sich langsam hin und her bewegte. Aus der Ferne hörte sie Sirenen näher kommen, ihr Herzschlag beruhigte sich etwas, aber sie zitterte am ganzen Leib. Natürlich glaubte sie nicht, dass sie gerade von einem Windstoß verführt worden war, sie hegte den Verdacht, ihrem ersten Nervenzusammenbruch beigewohnt zu haben.

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