Das eingeschworene Raupenmaß

Räumt man ein, dass es Unglück bringt, die Dinge mit einem anderen Namen zu versehen, als den, den sie selbst genannt haben (manche schweigen länger als andere, vielleicht schon in Gedanken an einen vorsätzlichen Betrug, der sie das erste Ding sein lässt, das einen falschen Namen genannt hat), wird man sich der Dinge intensiver bewusst werden, die auch dann Dinge sind, wenn sie nur gedacht werden, wenn sie nicht an ihrer Dinglichkeit gemessen werden können, sondern vielleicht nur an der Aura ihrer Dinglichkeit. Das Laternenglas ist ein ganz konkretes Ding, und ohne zu zögern wird es seinen Namen nennen; anders verhält es sich bei einem eingeschworenen Raupenmaß. Auch dieses Ding zögert nicht, seinen Namen recht zügig zu äußern, in der Gewissheit aber, dass es genauso gut ein Name unter falschen Voraussetzungen sein könnte, ein betrügerischer eben. Da man ein Ding unter keinen Umständen fragen darf, wie es zu diesem Namen gekommen ist, wird man kaum imstande sein, sich eine Brücke zu bauen, wenn man sich eines Tages daran erinnern muss. So könnte schnell ein Unglück heraufbeschwörendes ›eingefrorenes Raupenmaß‹ daraus werden, schlimmer, ein ›geborenes Raummaß‹. Es ist bis heute nicht abzusehen, was das bedeuten würde.

Arkadia

Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall. Es ist nicht so sehr der Zufall, dass sich Schäfer sehr gut mit Schläfer verreimen lässt, aber es mag Zufall sein, dass dies in meiner Sprache möglich ist. Wäre ich Anglisch, müsste ich anders vorgehen, zum Beispiel
counting sheeps in their sleeps (ich könnte es so hindrehen, dass dort, wo sich tatsächlich Schafe zählen lassen, und wo sich jemand niederlegt, um zu schlafen, – diese Hinweise zur Dingfestmachung Arkadias genügen).
So aber:

Zu hartem Brot die Liebe –
Darum ist er Schäfer. Die
Sonne aus dem Bilderbuch
Fällt nieder auf den Schläfer

Auf diesem steinigen und dörren Anwesen in Hardheim im fränkischen Odenwald (ein Ortsname, der den Bau der Häuser auf ein großes Muschelkalkvorkommen in sich zu tragen sucht), tauchte Arkadia für etwa eine Woche aus dem roten Sandstein. Das Wirtshaus „Zum Grünen Baum“ (das uns hier überhaupt nur am Rande, und insofern interessiert, als dass hier der alte Goethe einem jungen Mädchen nachstieg, und sein junger Reisebegleiter, Sulpiz Boisserée, in seinem Tagebuch vermerkte:
„In Hardheim Mittagessen – junges frisches Mädchen, nicht schön aber verliebte Augen. Der Alte guckt sie immer an. Kuss .“) weicht in seiner hohen Stellung dem alten Holzwurm, der 1993 nach einer heimtückischen Brandstiftung völlig ausbrannte, und ohne den es ein Arkadien hier an der Erfa nie gegeben hätte.
Wie es Wunderlande so an sich haben, steht die Zeit – zumindest dehnt sie sich durch das intensive Einwirken des Märchens in ein Unermessliches, hört nicht einfach auf zu existieren, sondern vergeht in die Tiefe. Ich würde dieses Phänomen gerne Intensivqualität nennen, doch ich fürchte, dass ich es dann beschreiben müsste; und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich und nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.
Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu und vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand (es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft). Die Contrarii Zeit/Raum, Land/Wasser, Paris/Arkadien, Madeleine/Bert, Besatzung/Résistance, werden mich während dieser Erzählung beschäftigen – und vielleicht fallen mir später noch einige andere ein; aber für jetzt, 40 Jahre nach Woodstock, 20 Jahre nach Arkadia (von allen beiden Angaben ist der Autor betroffen, wie sich herausstellen wird), beginne ich das farbenprächtige Spiel so, wie es mir in der Erinnerung vor Anker liegt.
Werden die Tentakel die Haut des Schiffes aufschlitzen und das immerwährende Wasser einlassen? Wird es ein Unglück geben, auf dieser rauen und weindunklen See, auf der man alles verlieren, aber nichts gewinnen kann? Die Antwort darauf wird auch meine Antwort sein, und so harre ich nicht weniger als der geneigte Leser der Dinge, die da kommen mögen.