Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: universum (Page 1 of 2)

Es gab einen Sturm (11)

Sandsteinburg #13

Als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, die Blicke gebannt in die Holzma­serung drückten, die je nach Phantasie etwas anderes zeigte, sprach keiner ein Wort. Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Die ersten Stufen hell erleuchtet. Nebel, die Treppe aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassene Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns, Augensaft: die Tränke der Nymphen; Hermann bellte, die Lippen straff und geöffnet, künst­liches Loch, die Zunge wie ein Rollmops, großmütiger Ausdruck; dieses Ge­sicht, das vielleicht eines Tages das eines anderen sein wird, mit Doppelkinn, Tränensäcken, und weiteren Überschüssen im Gesicht eines Mannes.

Sie bemerkten ihre gegenseitige Verlegenheit, schoben ihr Schweigen auf das Wetter und die Jahre ihres gemeinsamen Lebens, wussten aber nicht, was ihre Welt aus dem Gleis gebracht haben könnte. Sie waren sich an die­sem Küchentisch aus Kirschbaumholz so nah wie seit langer Zeit nicht mehr, vielleicht sogar noch nie. Wenn sie darüber geredet hätten, wäre es ihnen klargeworden, so aber blieb die Gemeinsamkeit abstrakt, nur eine Ahnung, die ein verlöschender Stern oder eine ausgehende Kerze in die eigene Nacht schmilzt.

Im Krieg hatte Hermann die Mystifikation des Ausnahmezustands be­reits erlebt, als sie mit den Schnellbooten im Stichansatz in die englischen Häfen rasten, um Minen zu versenken. Oft genug driftete er vor Müdigkeit, Anstrengung und Angst aus seinem Körper, schwebte zeit- und schwerelos über dem rasenden Geschehen, den Zeitlupenexplosionen; seine Ohren schie­nen mit Wasser verstopft nur bestimmte Frequenzen durchzulassen. Irgend­wie war ihm leicht ums Herz, ein Traum und die Gewissheit des Träumens, Zerrspiegel des bewussten, stabilen und koordinationsfähigen Ichs. Das Land war nicht mehr England, das wogende, dunkle Wasser, auf dem vereinzelt Trümmer brandeten, nur eine Luftspiegelung, ein optisches Phänomen auf der Leinwand des Ozons. Er sah Sonnenstrahlen, die durch grüne Zweige tas­teten, obwohl der Himmel dahinter schwarz blieb, sodass die Sonne nur wie eine Funzel kurz vor dem Verglühen wirkte. Dann gesellte sich eine weitere Sonne hinzu, und noch eine, das Gefühl der Ruhe endete ebenso schnell wie es gekommen war, er erkannte die Hölle um sich herum und schoss auf die Suchscheinwerfer.

Das hier war nicht halb so schlimm, und dennoch war es schlimmer. Anna stellte keine Fragen, und er selbst fand sich unfähig, eine zu stellen. Hermann erwog die Möglichkeit, gar nicht hier zu sitzen, vielleicht aus dem Krieg gar nicht zurückgekommen zu sein. Möglicherweise waren all die Jahr­zehnte, an die er sich zu erinnern glaubte, nur die Halluzination eines Ertrin­kenden, ein luzides Träumen, bei dem er nicht sein vergangenes Leben, son­dern die Zukunft, wie sie gewesen sein könnte, erkennen durfte.

»Anna?«

Sie antwortete ihm nicht, starrte weiterhin die Tischplatte an.

»Bin ich wirklich hier?« Er wollte es wissen, also blieb ihm nichts ande­res übrig, als sie danach zu fragen. Hermann schmatzte, hatte den Geschmack von Algen und Öl im Mund, soff im wahrsten Sinne des Wortes ab, aber nicht an der englischen Küste, sondern hier am Küchentisch. Er bekam keine Luft mehr, wollte sich erheben, wirklich überrascht, und fiel mitsamt dem Stuhl nach hinten um, wo er mit dem Hinterkopf auf den Boden knallte. Sein Herz raste und setzte seinen Rhythmus unregelmäßig fort. Anna verwandelte sich von einer leblosen Statue in einen hektischen Wirbel, sprang auf und wusste nicht recht, was sie tun sollte. »Hermann!« rief sie. »Hermann! Großer Gott!« Auch ihr Stuhl fiel um.

Aus seinem Mund, seiner Nase und den Ohren spritze jäh ein Schwall Wasser. Hermann röchelte, umfasste mit beiden Händen seinen Hals, wollte sich auf die Seite rollen, was ihm nicht gelang. Die nächste Fontäne über­raschte Anna, die sich neben ihm auf die Knie warf, seinen Namen schrie, den Herrgott anrief, und ihrem Mann unsinnigerweise auf die Wangen schlug. Das salzige, brackige Wasser sprühte über sie hinweg, benetzte ihr Haar, das wie wilder Flaum eine Aura um ihren Kopf markierte, das entgeisterte Ge­sicht, die zitternden Hände. Sie zerrte an seinen Schultern. Als würde man seinen Kopf langsam mit Tinte befüllen, lief Hermanns Gesicht blau an. Der nächste Schwall kam über den Status des Rinnsals nicht hinaus, wofür ver­mutlich der Seetang verantwortlich war, der aus dem Mund des Sterbenden quoll, dessen Körper sich noch einmal aufbäumte, die Augen verdrehte, die von den geplatzten Äderchen feuerrot glühten, und dann – nichts mehr. Her­mann war ertrunken.

Anna kramte, nachdem bei ihr ein kriminalistisches Tohuwabohu veran­staltet worden war, eine Schallplatte mit den Gesängen der Banshees heraus, spielte allerdings nur eine Hälfte davon ab – und das den ganzen Tag, was an der Mechanik des Elac-Plattenspielers lag. Der Tonarm, der nichts dafür konnte, dass keine andere Scheibe auf der Stapelachse hing, setzte immer wieder von Neuem an, aber vermutlich hätten Seemannslieder besser zur Si­tuation gepasst, denn Anna musste den ganzen Saustall selbst beseitigen, schrubbte sozusagen das Peildeck wie ein einfacher Matrose. Dann suchte und wühlte sie in ihren Habseligkeiten, bis sie in etwa die Garderobe beisam­men hatte, von der sie glaubte, dass es sich dabei um die Kleidungsstücke handelte, die sie sich gekauft hatte, um Hermann wieder auf sich aufmerk­sam zu machen. Ein etwas lächerliches Ansinnen, das keinen Erfolg gezeitigt hatte. Dann ging sie los, um alle Stücke einzeln an eine Eberesche zu hängen.

Erst vor 300 Jahren überträgt die Sprache die Sammelbezeichnung ›Frauenzimmer‹ auf das Einzelwesen, ehe vor 200 Jahren für die Sprache eine frauenzimmerliche Zeit anbricht. Nicht allein ›entflammte Schnurrbärte‹ (wie man verliebte Männer damals humorvoll nannte) schwärmten von ihren ›Frauenzimmerchen‹. Die ganze Sprache wimmelt von Wörtern, deren erster Teil ein ›Frauenzimmer‹ ist: von ›Frauenzimmerhänden‹, ›Frauenzimmermützen‹, ›Frauenzimmerseelen‹, so dass ein Wörterbuch dieser Tage die Frauenzimmer kaum unter­bringen konnte. Der deutsche Physiker Christoph Lichtenberg, berühmt durch seine Entde­ckungen über Elektrizität, spottet in seinen Tagebüchern über die Frauenzimmermode und ihr Decolleté, die Bauernmädchen gingen barfuß, die Vornehmen jedoch ›barbrust‹. Und der norddeutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing stellt damals wohl aus Erfahrung fest, dass es gewisse Dinge gibt, wo ein ›Frauenzimmeraug‹ schärfer sieht als hundert Augen von Mann­spersonen.

Im vorigen Jahrhundert verlor das Wort ›Frauenzimmer‹ seinen ehrbaren Klang (so wie auch ›Dirne‹, ›Jungfer‹, ›Mensch‹ ), zunächst durch Zusätze wie ›gemein‹ , ›liederlich‹, ›unver­schämt‹, ›verdächtig‹, die dann auch wegbleiben konnten. ›Dame‹, ›Frau‹, ›Fräulein‹ und ›Mäd­chen‹ lösten das Wort allmählich ab.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Thomas Ligotti

Thomas Ligotti, von einem Fan fotographiert. Per Mail erzählte mir Thomas, dass er selbst keine Kamera besitze. Ab und zu kämen jedoch Fans, um ihn zu besuchen. So käme er zu den winigen Bildern, die es von ihm gibt.

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

Ligotti benötigt noch nicht einmal Blut oder Leichen, um die Schraube durchdrehen zu lassen (um die weltberühmte Novelle von Henry James zu bemühen), ihm gelingt es, von Anfang an eine bizarre und zutiefst beängstigende Atmosphäre zu erzeugen, indem er mit philosophischen und psychologischen Versatzstücken arbeitet, die sich tief in die Seele zu bohren wissen.

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Der König in Gelb

Die Sammlung seltsamer Jugendstil-Geschichten des amerikanischen Autors Robert W.Chambers blieb nahezu für ein ganzes Jahrhundert ein ungelesenes Buch. Die erste Hälfte des Buches besteht aus vier unheimlichen Geschichten, die, außer der losen Verbindung des Königs in Gelb, nichts miteinander zu tun haben.

Der König in Gelb ist ein Buch, das jeden, der es liest, in den Wahnsinn treibt. Chambers’ Sammlung war für damalige Verhältnisse seiner Zeit weit voraus. Sie ist einer der ersten literarischen Metatexte, einer Form, die bei so verschiedenen Autoren wie Franz Kafka, H.P. Lovecraft und Vladimir Nabokov Verwendung fand. Das Spiel mit Andeutungen, der literarische Isis-Schleier wurde hier geboren. Im letzten Jahr (2014), wurde dieses Buch, das zum Zentrum der HBO-Serie “True Detective” avancierte, an die Spitze der Amazon-Bestsellerlisten katapultiert. Aber auch in dieser ersten Staffel bleibt der König in Gelb ebenso ungesehen wie im Buch. Aufreizend angedeutet zwar, aber nie aufgedeckt.

“True Detective” ist ein düsterer, existentieller Neo-Noir-Stoff, der zahlreiche Hinweise auf den König in Gelb ausstreut. Angesiedelt ist der Mehrteiler im Louisiana Bayou. Die Detectives Rust Cohle und Martin Hart jagen einen Serienmörder, bekannt als der Gelbe König. Die Referenzen an Chambers Werk sind mannigfaltig, ob es sich nun um Symbole handelt, die auf den Leichen hinterlassen werden oder um direkte Zitate, die in den Dialogen vorkommen (Rust Cohle werden dabei jedoch hauptsächlich Sätze aus Thomas Ligottis “The Conspiracy Against The Human Race” in den Mund verfrachtet). Auch finden die beiden Detectives ein Notizbuch, in dem Texte aus Der König in Gelb stehen. Selbst das Wall Street Journal hat einige Artikel veröffentlicht, die sich auf die Verbindung zwischen Buch und Serie beziehen. So blieb das literarische Phänomen nicht aus: ein Buch, hundert Jahre nach seiner Veröffentlichung, wird zum Bestseller und greift um sich wie ein Virus. (Ich spreche hier vornehmlich vom angelsächsischen Raum, in Deutschland hinkt man traditionell allem hinterher.)

Dennoch bleibt die grundsätzliche Frage nach dem Warum dieses merkwürdigen Erfolges. Die Antwort dürfte in dem liegen, was Lovecraft sagte. Es geht um die Kraft, mit der ein Mythos gezeichnet wird: Geschichten, die ein literarisches Universum miteinander teilen, definiert von der unerklärlichen Furcht vor äußeren, unbekannten Kräften des unauslotbaren Raums.

In Brooklyn 1865 geboren, war Robert W. Chambers ein in Paris ausgebildeter Schriftsteller, der dutzende Romane und Sammlungen in den unterschiedlichsten Genres veröffentlichte. Seine größten Erfolge aber hatte er mit Romanzen und seinen Erzählungen im Bereich des Übernatürlichen. Obwohl Chambers den Leser nie mehr sehen lässt als ein Bruchstück, deuten seine Geschichten doch an, dass sie sich einer ähnlichen Handlung bedienen wie Poes “Maske des roten Todes”. Wie in Poes Erzählung scheint der König in Gelb eine Larve zu sein, die sich unter den dekadenten Adel mischt, eine schreckliche Gestalt, von der man nicht sicher sein kann, ob sie nun eine Maske trägt oder nicht. Noch bizarrer hingegen wirkt Carcosa, eine verfluchte Stadt in einer fremden Welt.

Aus heutiger Sicht ist das Bemerkenswerteste an Der König in Gelb nicht der literarische Wert der Geschichten. H.P. Lovecraft, der stark beeinflußt war von Chambers’ Arbeit, nannte ihn einen “gefallenen Titanen”, der mit guter Bildung und Herkunft ausgestattet, dennoch unfähig blieb, diese zu nutzen. Die beste Geschichte im König in Gelb ist “Der Wiederhersteller des guten Rufes”, eines der großen Beispiele eines unzuverlässigen Erzählers. Der Rest ist bestenfalls Durchschnittskost. Dennoch war Der König in Gelb in einer weiteren Sache bahnbrechend: 27 Jahre bevor H.P. Lovecraft sein Necronomicon ersann, enthüllte Chambers’ “Zauberbuch” unwiderstehliche Wahrheiten über den Kosmos all jenen, die mutig genug waren, es zu lesen. Es hat zu allen Zeiten Autoren gegeben, die fiktive Bücher erfanden, aber keiner ist dabei so weit gegangen, um deren Existenz glaubhaft zu machen. Nach S.T. Joshi, einem Literaturkritiker und führender akademischen Figur, der eine Studie über phantastische Geschichten schrieb, baut True Detective auf die Kraft einer Idee, die seit mehr als einem Jahrhundert gewachsen ist.

“Mit Der König in Gelb stellt Chambers eine flüchtige Verbindung zwischen Geschichten her, die ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Er tut das auf eine sehr indirekte Weise, tröpfchenweise, und hat somit viele spätere Schriftsteller mit dem fasziniert, was er nicht schrieb.”

Das macht den Mythos als literarische Form so gewaltig. Es gilt, damit einen fruchtbaren Boden für künftige Autoren zu schaffen.

“Schriftsteller wie Chambers waren sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, jedes Detail des Universums, das sie entworfen hatten, auszuarbeiten, während sie gleichzeitig darum bemüht waren, zu erklären, dass da noch so viel mehr unter der Oberfläche lauert,”

sagt Joshi.

“Es ist dieser Mangel an Definition, das anderen Autoren erlaubt, die Lücken zu füllen, die Themen und Ideen für eine neue Zielgruppe neu zu interpretieren.”

Das ist es, was True Detective mit dem König in Gelb so faszinierend macht. Während Chambers mit nur ein paar Dutzend Sätzen seinen Mythos skizzierte, nutzt die Idee des gelben Königs unsere existentiellen Ängste, unsere Zurechnungsfähigkeit, unsere Handlungsfähigkeit und unseren Platz in einem Universum, dass sich nicht im mindesten um uns schert. Mehr als die spezifischen Handlungsdetails der Geschichte selbst, ist es der Abgrund, den die Protagonisten von True Detective untersuchen. Blickt man in Cohles Augen, sieht man die unausgesprochene nihilistische Verzweiflung. Man sieht dort gespiegelt die Seele eines Mannes, der den König in Gelb gelesen hat – nicht als billiges Taschenbuch, sondern geschrieben auf den Seiten unseres modernen Lebens. Ob es da unten im Abgrund wirklich einen Gelben König gibt, ist dabei völlig nebensächlich.

Die unheimliche Kraft der Schauerliteratur

Von Leonora Carrington bis Haruki Murakami : unterschiedlichsten Autoren erschließen das Universelle, das sie im Bizarren finden.

von Jeff Vandermeer / übersetzt von Michael Perkampus

In Clive Barkers Geschichte Im Bergland: Agonie der Städte von 1984, die im ersten Band des Buch des Blutes nachzulesen ist,  wird beschrieben, wie sich die Bürger von konkurrierenden Dörfern zu riesigen menschlichen Figuren verbinden, groß wie Hochhäuser, um so aufeinander getürmt einen blutigen Krieg in abgelegenen Tälern zu führen.

In Georg Heyms Geschichte Die Sektion, “zittert der Tote leise vor Seligkeit”. Diese Geschichte enthüllt eine Form verborgenen Lebens.

Die zeitgenössische finnische Schriftstellerin Leena Krohn erzählt in ihrem Briefroman Tainaron von einem Besuch in einer Stadt, die vom Licht ihrer Bewohner beleuchtet wird: intelligenten Insekten.

Der Titelheld von Haruki Murakamis Wilde Schafsjagd, ein Mann, selbst förmlich aus Eis, verändert sich auf subtile aber kraftvolle Art und Weise während einer Reise durch ein gefrorenes Land.

Dies ist das Reich des Unheimlichen, manchmal Schauerliteratur genannt, oder einfach Phantastische Literatur. (Anm. des Übersetzers: Im angelsächsichen Sprachraum gibt es den Begriff der Phantastischen Literatur genauso wenig wie sich “Weird Fiction” adäquat ins Deutsche übersetzen lässt). Ein Land ohne Grenze, das sich in einem Zwischenraum befindet. Es schimmert und glitzert in so unterschiedlichen Quellen wie in den Arbeiten von Helen Oyeyemi, in Teilen in Deborah Levys Roman Beautiful Mutants, den Geschichten von Jamiaca Kincaid, die mit dem Etikett “New Gothic” versehen sind, und, nachvollziehbarer, in den dunklen Minen von Moria und den Todessümpfen in J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe.

Es gibt da eine gewichtige Kraft innerhalb dieser Art von Erzählung, die uns durch die Präsentation eines dunklen Mysteriums fern unseres Verstehens fasziniert, und dadurch unser Unterbewusstsein fesselt. Genau wie im richtigen Leben, wo die Dinge nicht immer einen Sinn ergeben, liefern diese Erzählungen nicht immer das, was wir erwarten. In diesem dadurch entstehenden Freiraum entdecken wir einige der mächtigsten Aussagen über das, was es bedeutet, menschlich oder unmenschlich zu sein.

Ich dachte, ich würde die Welt des Unheimlichen, der surrealen Erzählung verstehen. Das war lange bevor ich mit meiner Frau Ann zusammen 2010 die Anthologie “The Weird” herausgab. Ich glaubte zu wissen, weil die Arbeit an diesem 1000-Seiten-Wälzer, der hundert Jahre abdeckt, mehr als vier Millionen Wörter der Lektüre erforderte. Aber ich wusste eben nichts.

Diese Erfahrung hat mich grundlegend verändert. In einer Weise, die ich jetzt erst beginne, zu verstehen.

Für einen Schriftsteller hält die Zusammenstellung einer Anthologie mehrere Lektionen bereit. Er lernt von den Geschichten selbst, aber auch aus dem Leben derer, die sie geschrieben haben, sowie aus dem Prozess, wie diese Geschichten zustande kamen. Die Informationen, die man sammelt, scheinen mehr mit einer Intelligenzleistung zu tun zu haben, weil man ähnlich wie ein Detektiv versucht, einen unerklärbaren Fall zu lösen. Nachlassberge abbauen; obskure Geschichten sind schwer aufzufinden; Autoren, durch das Leben, die Vergangenheit verletzt, sind gute Täuscher. Zu erfahren, dass ein Nachlassverwalter im Koma liegt und erst sterben oder gesunden muss, bevor die Rechte für einen Nachdruck gewährt werden können, bedeutet, das Kafkaeske in dem zu entdecken, was man eigentlich als langweiliges Vertragsgeschäft erwartet. In Erwägung zu ziehen, einen Freund aus einem mexikanischen Zirkus auf dem Rücken eines Pferdes entlang der Küste zu Leonora Carringtons1 Haus reiten zu lassen, um sich die Rechte an ihren Geschichten zu sichern – man fragt sich hierbei unweigerlich, ob das Weltbild des Autors, dessen Arbeit man begehrt, den Redaktionsprozess zu bestimmen begonnen hat.

Das Geheimnis beginnt eine Leuchtkraft aus versteckten Verknüpfungen und Anspielungen, verwoben mit literarischer Resonanz, zu entwickeln, um einen größeren, tieferen Sinn der Komplexität unserer Welt aufzuzeigen. Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein. Abgelenkt von Angela Carters Aufsätzen fand ich die gleiche wütende Intelligenz und den Sinn für Humor, der auch den Texten und Phrasen ihres erzählerischen Werks innewohnt. Aus diesem Grund kann ich die eine Sache nicht von der anderen trennen; ich will es auch gar nicht. Manchmal muss man das Leben in seiner Gesamtheit betrachten, man braucht das Ganze.

Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein.

Viele Dichter des Unheimlichen, vor allem jene vor unserer modernen, ultra-professionellen Zeit, waren in der Tat sehr seltsame Zeitgenossen, und manchmal sogar richtiggehende künstlerische Außenseiter. Die Geschichten, die man sich über sie erzählt, sind voller Exzentrizität, Verrufenheit oder Tragödien. Der große belgische Schriftsteller Jean Ray, wegen Veruntreuung verurteilt, nutzte seinen Aufenthalt im Gefängnis Stint gleich zu zwei seiner großen Geschichten. Die Gasse der Finsternis und Der Mainzer Psalter. Der Österreichische Schriftsteller und Maler Alfred Kubin, dessen 1909 erschienener Roman Die andere Seite von einer Stadt in Zentralasien handelt, die sich an der Grenze zwischen Realem und Nicht-Realem auflöst, war zeit eines Lebens geprägt vom Hass gegen seinen Vater und auch von den Nachwirkungen einer frühen Verführung durch eine ältere Frau. Sogar Franz Kafka wurde, um diesen biederen Vergleich anzubringen, von seinem Freund Max Brod als “schüchterne mondblaue Maus mit Menschenaugen” beschrieben.

Zu viele einzigartige, an den Rand gedrängte Schriftsteller begingen Selbstmord, starben verarmt, starben allein, starben besessen oder waren einfach nur am falschen Ort zur falschen Zeit. Der große polnische Dichter Bruno Schulz wurde während des II. Weltkriegs auf der Straße erschossen, nicht ohne uns zwei dünne Ausgaben bemerkenswerter, traumartiger Geschichten über eine mythologisierte Kindheit zu hinterlassen. Eine davon – Das Sanatorium zur Sanduhr – handelt von einem Leben nach dem Tod, das die Vergangenheit zurückzugewinnen versucht. So schließt sich der Kreis. Bodensatz, der sich irgendwo in der eigenen Geschichte manifestiert. Biografische Hintergründe sind von der Fiktion nicht mehr zu trennen … und doch ist die rote Linie klar erkennbar: sie markiert den wahren Spuk der Geister.

Es gibt freundlichere Geschichten, klar. Wie kann ich, zum Beispiel den phantasmagorischen Roman Der Palmweintrinker des Nigerianischen Schriftstellers Amos Tutuola (erschienen 1952) im Angesicht des eMail-Verkehrs mit seinem Sohn Yinka Tutuola wiederlesen, ohne diese Arbeit etwas differenzierter zu betrachten? Der Sohn berichtet in Anekdoten von der Zufriedenheit des Geschichtenerzählers, so dass die Arbeit seines Vaters fast in etwas Fröhliches verwandelt wird … selbst als man vierhundert toten Babies auf der Straße begegnet, die sich hinauf in den Wanst eines Ungeheuers winden, oder dem Skelett, das sich in einen “vollständigen Gentleman” verwandelt, indem es sich einen Körper aus zusammengeklaubten Teilen zusammenbaut.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand – oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt.

Das Makabere hängt oft mit dunklem Humor zusammen, eine Tatsache, die umso einleuchtender wird, desto mehr Zeit man mit dem Lesen von unheimlichen Erzählungen verbringt. Man gewöhnt sich an die Dunkelheit dort, findet in ihr eine Art Freund, und sogar (zumindest für eine gewisse Zeit) eine gewisse Geborgenheit. Sobald man diesen Punkt erreicht hat, findet sich eine Steigerung von Lust und Schauder in der gruseligen Erkundung des Unbekannten. Die Legionen von fleischfressenden “Hasenartigen” in Leonora Carringtons surrealer Erzählung von 1942 Weiße Kaninchen sind nicht nur zutiefst beunruhigend, sondern auch völlig absurd. Mit der fixierenden Genauigkeit eines Juweliers verfährt Julio Cortázar in der Geschichte um den Axolotl (1956), den ein Mann in einem Pariser Aquarium beobachtet. Das ist ein Genuß für alle, die daran interessiert sind, wie sich das Spirituelle anhand von spezifischen Details in einer Erzählung offenbart. Und auch das Ende, das die Rolle des Beobachters und des Beobachteten invertiert, ist tiefgründig und beunruhigend.

Robert Aickmans mustergültige Erzählung von 1975, Das Hospiz, ist entsetzlich in seiner übergreifenden Absicht, aber auch frech in der Beschreibung eines absurden Abendessens, bei dem die Gäste an ihren Tischen festgekettet sind; und später wird eine Peinlichkeit geschildert, die aus Missverständnissen über Schlafangelegenheiten besteht – und die uns selbst nicht unbekannt vorkommen.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt. In Ryunosuke Akutagawas Meisterwerk von 1918, Die Qualen der Hölle, ist es das einfache Verschütten von Flüssigkeit, die sich am Boden die Form einer Schlange sucht, die nach ihrer unheimlichen Bedeutung befragt werden muss.

Mehr als einmal wurde ich an die Aussage des Naturforschers Richard Jeffries aus dem 19. Jahrhundert erinnert: “Für mich ist alles Übernatürlich.” Auch Thomas Ligottis Erzählung The Town Manager aus dem Jahr 2003, mit den kryptischen Nachrichten des Stadtmanagers, der nie gesehen wird, ruft nicht nur die verschrobene Anerkennung einer absurden Bürokratie hervor, sondern auch den mehr modernen Schrecken des Ausspioniertwerdens, das innerhalb eines banalen Kontextes am besten funktioniert.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden das Universum.

Einfluss steigt sehr leicht aus Buchseiten heraus, zusammen mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Keine entdeckerischen Kunststücke oder Vertiefung in die Materie sind notwendig, um festzustellen, dass sich Elemente aus Kafkas In der Strafkolonie jahrzehnte später in Geschichten wie The Winding Sheet von William Sansom oder The Brotherhood of Mutilation 2 manifestierten.

Ich bekam also das Gefühl, teilweise begünstigt durch die wechselseitige Ansteckung durch die Suche nach dem Unbekannten, dass überall in der Welt Enklaven existieren, die nie etwas voneinander gehört hatten – Autoren, die sich gegenseitig nie gelesen haben können – und die dennoch über Jahrzehnte und eine beträchtliche Entfernung hinweg miteinander kommuniziert hatten, im Nachthimmel die gleichen fremdartigen Konstellationen sahen, die gleiche überirdische Musik hörten: einen wunderbaren Chor, bestehend aus einzigartigen und doch miteinander verflochtenen Vorstellungen, Visionen und Gespenstern.

In solchen Momenten fragt man sich als Schriftsteller und Redakteur wohl, ob man selbst Erzählungen erfindet oder sich lediglich wie durch einen Kanal bei dem bedient, was längst schon da ist.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden unser Universum. Ich kam weg von dieser Lesart durch mein Gespür für unheimliche Literatur als kraftvollen Weg, auf dem sich die Entfernung und die Allgemeingültigkeit mit der Negation dieser Idee auseinandersetzt.

Es gibt so viele Widersprüche, in denen wir uns als Menschen befinden – versunken in einer Kultur moderner Technologie, des “Fortschritts”, der doch als primitiv anzusehen ist, im Angesicht dessen, wie zum Beispiel Pflanzen Quantenmechanik während der Photosynthese nutzen.

Eine solches Leseerlebnis ist demütigend; als Mensch, aber auch als Schriftsteller.

In unserer Zeit, in der wir glauben, wir seien älter als wir sind, ist es reinigend, auf die Suche zu gehen und Geschichten zu erzählen, die nicht versuchen, das Unlogische, das Widersprüchliche, und auch das Instinktive, mit dem in Einklang zu bringen, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen, sondern diese Elemente als einen Weg herausstellen, der uns zeigt, wer wir wirklich sind. Widerborstig. Unbeherrscht. Abergläubisch. Absurd. In Abhängigkeit mit tausend destabilisierenden Ängsten und Hoffnungen.

In Michael Bernanos kaum gewürdigten Meisterwerk von 1960, The Other Side of the Mountain, sind die Figuren schiffbrüchig an der Küste eines fremden Landes mit feindlichen Pflanzen und Artefakten, die sie zu zerstören drohen. Trotzdem versuchen sie, im Angesicht eines immerwährenden Unbekannten, immer weiter zu machen. Sie senken ihren Blick nicht, und ihre Bizarrerien sind Launen einer rohen Menschheit. Pathos, der ihnen nichts hilft, aber sie aufwühlt und mit seltsamen Stolz erfüllt.

Ein solches Leseerlebnis ist demütigend; es demütigt nicht nur den Menschen sondern auch den Schriftsteller. Es neigt dazu, dir jeglichen Impuls zu nehmen, der nicht zum Wesentlichen führt. Er setzt nicht den Wunsch in dich, gut zu sein oder groß, wohl aber ein kleines bisschen wahrhaftig, wahrhaftig gegenüber den Grundlagen der Welt und der Anstrengung, diese Welt zu verstehen. Dieser Impuls wird durch die Erkenntnis, dass wir nie alles über unsere Welt wissen können, oder sogar nicht einmal das meiste von ihr, vergütet – und dieser scheinbare Mangel ist in Wirklichkeit eine Stärke.

 

Anmerkungen des Übersetzers:

1 Leonora Carrington war eine Surrealistin, die einst mit Max Ernst zusammen in einem Bauernhof lebte. Sie floh von Paris nach New York und lebte bis zu ihrem Tod in Mexiko. Ihre Geschichten sind ganz im surrealistischen Stil traumhaft, wundersam, bizarr, sowie eindringlich.

2 von den beiden genannten Autoren wurde nichts ins Deutsche übersetzt

Anna Kavans Bazooka

Anna Kavans unverkennbarer, markanter Stil wurde von so unterschiedlichen Autoren wie Brian Aldiss, J.G. Ballard, Doris Lessing und Anais Nin bewundert.

Sie wurde als “Helen Woods” in Cannes, Frankreich am 10 April, 1901 als Tochter wohlhabender Britischer Auswanderer geboren. Anna verbrachte ihre Kindheit in verschiedenen Europäischen Ländern, in Kalifornien und England. Sie heiratete Donald Ferguson und lebte eine geraume Zeit in Burma. Die Ehe scheiterte, aber es war dies die Zeit, in der sie mit dem Schreiben begann.

Anna Kavan heiratete noch einmal. Aufzeichnungen über diese zweite Ehe existieren nicht. Erneut lebte sie in verschiedenen Europäischen Ländern, bevor sie sich in England niederließ. Es erschienen in dieser Zeit einige Bücher von ihr, die sie unter dem Namen Helen Ferguson veröffentlichte. Zunächst waren das noch traditionelle Erzählwerke. Erst später entwickelte sie ihren einzigartigen und anspruchsvollen Stil.

Um 1926 nahm sie immer öfter Heroin zu sich, um die zeit ihres Lebens auftretenden, teils schweren Depressionen in Schach zu halten. Ihre anhaltende psychische Erkrankung, wie auch die Veränderung ihres Schreibstils, waren das Ergebnis eines Zusammenbruchs. Nach diesem änderte sie ebenfalls ihr Äußeres und ihren Lebenswandel radikal. Das führte schließlich zum Namen Anna Kavan, einer Figur aus ihrem Roman “Let Me Alone”, mit der sie sich identifizierte. Mehrer Male versuchte sie den Entzug, wurde aber wieder und wieder rückfällig. Sie nannte die Heroinspritze ihre “Bazooka”. Selbst während ihrer depressiven Episoden hielt sie am Schreiben fest. Die Zeiten ihrer akuten Phasen verbrachte sie in Kliniken in der Schweiz oder in England. Dort sammelte sie auch Material für ein Werk, das in einer Klinik spielen sollte. Neben ihrer Schriftstellerei brachte sie es in London zu einigen Ausstellungen ihrer Gemälde.

Zeit ihres Lebens blieb sie eine schwierige Person. Je näher ihr Ende rückte, desto mehr zog sie sich zurück. Dennoch besaß sie einen kleinen Freundeskreis, der ihre Probleme und ihr exzentrisches Verhalten wohlwollend übersah. Sie starb, nachdem sie mehreren Selbstmordversuche überlebt hatte am 5. Dezember 1968 an Herzversagen. Ihr bekanntest Roman ist “Ice”.

Auszüge aus: Anna Kavan, Jlia & the Bazooka, 1970 (Julia und die Bazooka. Novellen und Erzählungen)
Übersetzt von Michael Perkampus

Der Verkehr brüllt, bellt, schleudert sich selbst in einer reißenden Woge in die Schlacht – Autos schlagen wie urzeitliche Monster um sich. Manche haben das Grinsen teuflischer Lust in ihren bösartigen, rudimentären Gesichtern stehen, Schadenfreude über zukünftige Opfer. Sie ahnen den Moment voraus, in dem ihr mörderisches Gewicht, bestehend aus hartem Schwermetall, weiches, verletzliches, schutzloses Fleisch zerreißt, es zu einem Brei anrührt, in dünnen Schichten über die Fahrbahn verteilt, eine tückische, rutschige Fläche anrichtet, auf der andere Autos im Kreis schleudern, ihre Reifen mit den Wurstpellen aus Gedärm verheddert, das aus dem ganzen Schlamassel platzt. Plötzlich merke ich, dass ein Auto mich als Beute ausgewählt hat und auf direktem Wege durch das Chaos auf mich zusteuert. (p.5)

Da das Universum nur in meinem Kopf existiert, muss ich selbst diesen Ort erschaffen haben, abscheulich und verdorben, wie er ist. (p.8)

Während ich ihn beobachtete, atmete ich die ganze Zeit über seinen natürlichen Geruch ein, den wilden urzeitlichen Duft von Sonnenschein, Freiheit, Mond und zerkleinerten Blättern, kombiniert mit der kühlen Frische fleckiger Tierhaut, noch klamm von der mitternächtlichen Feuchtigkeit der Dschungelpflanzen. (p.11)

Der Vorfall wurde übermäßig verlängert. Das merkwürdiges Katzengeschrei hörte nicht mehr auf, und undeutliche Formen brachen daraus hervor. Als es endlich vorbei war, fuhr ich weiter, als wäre nichts geschehen. Es war ja auch nichts geschehen, wirklich nicht. (p.22)

Alles ging weiter und weiter: der Nebel, der Scheibenwischer, meine Fahrt. Es war so, als wüsste ich nicht, wie man das Auto anhielt, und als müsste ich so lange weiter fahren, bis der Tank leer wäre, oder bis alle Wege zu ihrem Ende kommen würden.(p.22)

Alles, was ich wollte, war, dass alles so weiterging wie bisher, so dass ich in tiefem Schlaf verbleiben konnte, und nicht mehr wäre als ein Loch im Raum, weder hier noch sonstwo, so lange wie möglich, am liebsten für immer. (p.29)

Weiß, still, heiter und kühl, um mich an die unnahbaren, makellosen, schneebedeckten Berge zu erinnern; Rot für den Kontrast, für Liebe und Rosen, für Gefahr, Gewalt, Blut. (p.30)

Unglück türmt sich über ihnen auf wie ein Kreis vereister Berge, die unerbittlich näher rücken. (p.49)

Ich wusste, dass sie es getan hatten, also muss ich sie gehört und gefühlt haben, aber es war in einem anderen Raum geschehen und betraf mich nicht. Ich würde nicht zurück kommen, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnten. (p.76)

“Eine Person ist entweder hier oder sie ist nicht hier, stimmts? Und wenn sie nicht hier ist, dann muss sie woanders sein, was bedeutet, sie ist verschwunden…” (p.77)

Schneebedeckte Gipfel ragen überall in den Himmel, bleich wie Phantome in der Nacht, breite, körperlose Geisterschatten, größer als das Leben. Sie fließen in leuchtender Blässe, die Sichel des Mondes gleitet zwischen sie. Fahre ich oder träume ich? Traumhaft sind diese kolossalen, fantastischen Berge, unnahbar wie Götter. Traumhaft dieser aus dem Himmel fallende Mond. Eine endlose Traumstraße, stets spiralförmig nach oben. Alptraumstraße, stets am Rande schwindelnder Abgründe, eines Messers Schneide, die sich immer steiler und schärfer nach oben dreht. Soll ich überhaupt zur nächsten Biegung gelangen? (p.100)

Die Scheinwerfer werfen erneut ihr Streulicht von sich, stechen vorwärts, verwandeln sich in einen Gegenstand, der etwas aufspießt, etwas ausweidet. Vier Gestalten werden festgenagelt, vier weiße Gesichter, erschreckend nahe. Sie heben sich ab vor dem Hintergrund der taumelnden Berge, weiße Fischgesichter, erstarrt, mit offenen Mündern. Die Luft wird kälter und dunkler, Donnergrollen im Eis; eiskalt von den Anhöhen ausgeatmet wie ein Befehl. Die Vormachtstellung des Hochgebirges macht sich geltend. (p.100-101)

Fritz Leiber / Das Rauchgespenst

Fritz Leiber, bekannt durch seine Lankhmar-Geschichten, war einer der ersten Autoren, die das Horror-Genre aus seinem 19. Jahrhundert-Mief befreite und ihm neue, schwärzere Impulse gab. Viele seiner Geschichten haben ihr Zentrum in der modernen Welt und zeigen deren Gesicht in seiner ganzen Schäbigkeit, Abscheulichkeit und Ausbeutung. Themen wie Alkoholismus, Armut und Rassismus werden sachlich gehandhabt, während der Inhalt stets düster ist: Sand, Sediment, Schmutz sind als physikalische Substanzen vorherrschend.

Smoke Ghost erschien zunächst 1941 in einer Ausgabe von “Unknown Words”. Es ist die Geschichte von Catesby Wran und seinem obsessiven Bedürfnis, der Verdunkelung der Welt um ihn herum zu entkommen. Im Laufe der Geschichte erblickt der neurotische Städter das in der Eröffnungspassage beschriebene Gespenst und glaubt sich von ihm verfolgt. Wran beschreibt den Geist als “ein Gesicht aus dem Rauch der Schlote, ein Flickengesicht, zusammengesetzt aus der drängenden Existenzangst der Arbeitslosen, der neurotischen Ruhelosigkeit eines Menschen ohne Ziel, der nervösen Anspannung eines gestressten Arbeiters in der Großstadt, dem explosiven Hass eines Streikenden, dem abgestumpften Opportunismus der Streikbrecher …” Es ist die Stadt, die er fürchtet, mitsamt ihrer rastlosen menschlichen Energie. In der Eröffnungsszene versucht er, den Schwarzen Mann rational zu verarbeiten, um seine Ängste zu mäßigen. Wran ist die Quintessenz des Vernunftmenschen, eripicht darauf, seine Visionen als “Halluzinationen” abzutun, als “verdammte psychische Auffälligkeiten“. Leibers eindrucksvolle Sprache bezieht sich auf die Stadt: “Eine schmuddelige, melancholische kleine Welt aus Teer, Papier, Kies und rauchigem Backstein, rostigen Schloten mit vorspringenden konischen Hüten, die an aufgegebene Horchposten erinnern.” Er bemerkte den Geist “stets in der Abenddämmerung, im rauchigen Halbdunkel, eingerahmt von geisterhaft verwehten Blättern oder in den schwärzlichen Schnee gepanscht.” Die Stadt ist das allumfassende Universum dieser Geschichte – und es ist ein dreckiger Ort. Eine Welt der Eisenbahnen, Mühlen und vor allem: Umweltverschmutzung. Der Himmel ist grau und nur grau. Diese Welt gebiert das Rauchgespenst.

Warum ich ein Phantast geworden

Vielleicht ist es das Dilemma der Geburt, das die Perspektive ein für alle Mal verändert, nachdem wir vorher nichts als Wärme kennengelernt haben, die sich um unseren Körper schmiegt, den wir noch gar nicht kennen und zu diesem Zeitpunkt auch nicht kennen wollen. Uns genügt das mütterliche Meer, in dem wir endlos träumen, bis eines Tages die Vertreibung eingeleitet wird. Das erklärt uns später die Sage von Eden, aber kein Apfel war daran schuld – Erkenntins ist doch eher ein hartes Brot. Das aber nehmen wir mit: dass etwas anders war. Vordem. Natürlich ist das vormundane Träumen eines, das die Konflikte des Ereignisses nicht kennt, denn es bedingt den Verlust, um überhaupt etwas suchen zu wollen. Dabei kann es sich nur um die Gänze des Universums handeln und um den Tod, in dem wir schlummernd lagen. Denn als wir noch nicht geboren waren, was wussten wir da vom Leben? Von des Lebens Entropie? Vom grundsätzlichen Vergehen des Seins? Vom Werden und genommen werden? Als ich noch zu jung war, um meine Seele strikt in meinem Körper zu halten, da schwebte ich über dem Dorf, in dem alle schlafend lagen und erfuhr die Grenze, die ich nicht überschreiten durfte durch ein Gefühl, das sich meiner bemächtigte, wenn ich den Waldrand im Nordosten erreichte. In diesem Stadium fragte ich mich nicht, was dahinter liegen könnte, denn obwohl sich alles genauso ausnahm wie ich es auch tagsüber kannte – abgesehen davon, dass ich es von oben betrachtete – wusste ich, dass es nicht der Weg in meine Geburtsstadt Selb sein konnte, der sich unter mir durch den Forst schlängelte und üppige Steinformationen links und rechts liegen ließ.

Erfahrungen wie diese ließen mich in späteren Jahren die Literatur durchforsten, um ähnliche Phänomene aus einer gewissen Sicherheit heraus und den Umgang damit zu erfahren. Denn vielleicht wäre ein anderer ja schon dort gewesen. Ich glaube, das ist der Scheideweg zwischen der Blindheit, die in jeglicher Religion lauert, und der gedanklichen Freiheit, die in der spekulativen Literatur zu finden ist. Die Philosophie ist der Mittler zwischen beidem. Anders aber als in sachbezogenen Texten weist die Fiktion ein Element auf, das für mich den wirklichen Kern einer Tatsache herausbildet: das Entstehen von Welten ist nur durch das Erzählen möglich. Wovon nicht zu sprechen ist, davon haben wir keine Vorstellung. Wo unsere Sprache endet, dort endet unser Horizont.

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen.
Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen.

Erst im Angesicht des Phantastischen, wenn die Vernunft ihre Kontrollmacht verliert, vermag sich die tiefste Empfindung des Seins zu äußern, eine Empfindung, die im Rahmen der ›wirklichen Welt‹ nicht hervortreten kann und die keinen anderen Ausweg findet, als dem ewigen Reiz der Symbole und der Mythen zu erliegen.

Schreddermaschine

Literarisch bin ich ein Nichts. Ich habe nie gelernt, meinen Stoff zu bewältigen, ich habe nie gelernt, meine Sprache zu domestizieren, und so passe ich mehr als überhaupt nicht mehr in unsere Gegenwart, der ich schon immer murksig war. Das hatte einst anders aussehen sollen, als ich 89 aufbrach, um eine Schneise zu hinterlassen, die sich allerdings sehr schnell wieder schloß. Über tausend Gedichte später, mehreren Novellen und Erzählungen und zwei Romanen, befinde ich mich weiterhin in meiner katastrophalen Hand. Ich hatte stets versucht, meine Prosa von Sprachspielen zu reinigen, aber dann blieb recht wenig übrig. Meine Handlungen haben keinen Sinn und erreichen kaum einen Klimax, was geschieht, geschieht ohne jegliche Motivation. Die brutale Wahrheit: mir gefällt das, es ist genau mein Literaturverständnis, in dem es kein oben und unten gibt, sondern nur das burleske, chaotische Walten der Seele. Die Sprache, in der ich arbeite, leistet nahezu alles, sie ist ein überaus flexibler Werkstoff, der selbst schon reiner Geist zu sein scheint.

Wenn ich so etwas schreibe, ist es aus mit mir:

hinten im Eck beim Kickertisch –
1 Spiel in der Spiel=Lunke, rotierende Stangen mit ›Manneken Pis‹ hinter dem Kachelofen, Geruch nach friedlich ausgelaufenem Bier, schlecht weggelappt, das Licht im Spiegel oder im Fensterglas humpelt, die Wirtin Erna uns zu Diensten, stapft uns Geld zu wechseln, humpelt uns Flasche um Flasche in den Nebenraum (Schaumbart x Schaumbart : laut juveniles Gedorf); pengt der Ball an die Kant Kantaten Kanten. Jetzt tickt die Tür, geht auf und es läuten alle Korken, jetzt sitzen wir bey Tisch, jetzt jetzt und sprechen : nichts Gehörtes. Im Erdenwall dort nebenan, dem Graben, den wir schufen (Nacht für Nacht) mit Spaten Schaufeln Kufen. Erdschlitten & der Ostermann (fanden die Leiche einer Kickermaschine neben 1 leeren Haus, neben puzzelierten Scheiben). Sekunden triefen von den Bäumen, aber wo sie auf die Erde fallen –
1 trübes Bild : Stangen & Federn, 1 zugehäuftes Äschchen, 1 Münz­ monument, zwölf Bälle (für jeden Mond) : Halb=Ball, Voll=Ball, Neu=Ball, gingen wieder rein, verplemperten die Zeit der Wirtin im Keller, die 1 Faß zapft, wir in der Stube Fußzapfen sammelten, Fußzapfen vorzeigten und aus der Flasche tranken, auf gespannt die Gesichter an den Scheiben, die wir mieden / rieben (die es in den Träumen trieben mit Spucke als Ersatz), festgepint am Schaukelpferdchen, hübsch und vor=zurück verschwammen. Mal Mond mal nicht mal Mond mal Licht mal völlig ist die Dunkelheit. Wirtin piepst aus einem Wangenloch, schlägt den Schaum mit einem Schläger westwärts wo schon Kacheln quadern, Netz um Netz sich dadurch spinnt, daß sie nie trifft den Siphon.
Eines Tages war der Kickertisch verschwunden–

Und es ist ja auch sofort klar, warum. Das entspricht nun einmal ganz und gar nicht den Gepflogenheiten, die man als Leser kennt und gerne hat. Es scheint wie ein willkürliches Spiel, wie die Erfindung einer Schreddermaschine. Die Entropia hatte ich fast nur in diesem Kammerton geschrieben, und so weit ich weiß, hat das Manuskript nur Friedericke Mayröcker genossen, aber die Dame kommt nicht nur aus einer anderen Zeit sondern auch von einem anderen Stern. Die Zeit: Als Literatur noch geholfen hat. Der Stern: Far from all.

In der Sandsteinburg habe ich nicht gar so viel dieser Griffe in den Kessel der faghaim nan Daoine, stattdessen rolle ich Zeit und Raum einfach zusammen und werfe den entstandenen Teppich in einen Winkel des Universums, wo ihn garantiert niemand für sein Wohnzimmer beanspruchen wird.

Denn: wie könnte ich mich dem Rätsel um mich herum mit einer blankpolierten Sprache nähern? Das Problem hingegen ist mein eigener Schädel.

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