14 ästhetisch herausragende Horrorfilme

Die Kameratechnik ist eines der wichtigsten Elemente eines Horrorfilms. Mit ihren wegweisenden technischen Innovationen, surrealen Bildern und der Kraft der Subjektivität veränderten diese 14 Meisterwerke den Lauf der Filmgestaltung – und das Horrorgenre für immer. Warum diese Filme einen ästhetischen Mehrwert bieten, ist nicht Teil dieses Artikels, für Ästheten aber nicht schwer zu verstehen.

1. Der Fuhrmann des Todes (Victor Sjöström, 1921)

Dieser schwedische Film hat alle nachfolgenden Regisseure stark beeinflusst – vor allem Ingmar Bergman, dessen Film Das siebte Siegel eine direkte Hommage an Der Fuhrmann des Todes darstellt, und Stanley Kubricks Shining, der zahlreiche thematische und visuelle Ähnlichkeiten (wie z.B. die berühmte Axt-Szene) aufweist. Um die Geschichte eines geisterhaften Kutschers zu erzählen, der nach Mitternacht die Seelen der Toten stiehlt, verwendeten Regisseur Victor Sjöström und DP Julius Jaenzon Doppelbelichtungen, damals ein hochinnovativer Spezialeffekt. Diese Doppelbelichtungen wurden bis zu viermal übereinander gelegt, was die Illusion erweckt, dass Geister durch die aufwändigen Sets des Films wandern. Jeder “Geist” wurde mit einem Filter unterschiedlich beleuchtet. Jaenzon folgte ihnen mit einer Handkamera, die in der Lage war, außergewöhnlich tief zu fokussieren – höchst ungewöhnlich für diese Zeit.

Der Film zeigt auch komplexe narrative Strukturelemente, wie Meta-Flashbacks (oder Rückblenden innerhalb von Rückblenden), die vom linearen Erzählen abweichen, und damit Vergangenheit und Gegenwart zu einer ätherischen Realität verschmelzen. “14 ästhetisch herausragende Horrorfilme” weiterlesen

Elizabeth Kostova: Der Historiker

Der in Schäßburg (wo man heute noch sein Geburtshaus besichtigen kann) geborene Vlad Tepes war bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende. Über seine Grausamkeiten kursieren im Westen die unterschiedlichsten Geschichten (während im Osten ganz andere Variationen kursieren), und nicht zuletzt lieferte er einen Teil der Blaupause zu Bram Stokers “Dracula”. Aufzeichnungen vermuten sein erstes Grab in der Kirche des Klosters einer Insel im Snagov-See. Als man es öffnete, fand man es allerdings leer. Das passt als Grundlage für den Vampirmythos recht gut ins Bild, denn wenn er nicht in seinem Grab liegt, könnte das durchaus bedeuten, dass er noch lebt. In Elizabeth Kostovas vielgerühmten Roman tut er das tatsächlich.

Wenn jemand in der heutigen Zeit zehn Jahre an einem Roman über Dracula schreibt, kann das nur bedeuten, dass sich da jemand in etwas verliert, dem man kaum mehr etwas Neues abgewinnen kann. Zumindest muss das von außen so aussehen. Wir reden hier nicht über einen fast schon alltäglich gewordenen Fantasy-Zyklus über Vampire, sondern über ein ambitioniertes Werk, das seinen Namen “Der Historiker” nicht umsonst trägt. Genau aus diesem Grund musste Kostova so lange recherchieren und schreiben. Das Ergebnis ist erstaunlich und weit entfernt von Teenager-Romanzen und bissigen Horror-Tropen. Wenn auf dem Umschlag zu lesen ist: Der Roman gibt einen vielschichtigen Einblick in 500 Jahre südosteuropäische Geschichte, dann ist das keineswegs gelogen. Kostova geht als Romanautorin exakt so vor, wie ein Historiker das tun würde. Natürlich schlüpft sie dabei in die Rolle ihrer 16-Jährigen Protagonistin, die namenlos bleibt (bis auf einen einzigen Hinweis, der leicht zu überlesen ist), und selbst Historikerin, aber auch Tochter eines Historikers und einer Anthropologin ist.

Während wir in diese ungeheuerliche Geschichte eintauchen, sind wir viel auf Reisen, während ihr Paul (ihr Vater) von der Erkenntnis seines unheilvollen Erbes erzählt, immer in Sorge, die Tochter könnte ebenfalls darin verwickelt werden, was sie längst schon ist. Diese Reiseberichte sind enzyklopädisch. Kostovas Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten, Geräusche, der eigentümlichen Gerüche und der einzigartigen Köstlichkeiten sind derart stark, dass sie durchaus auch abschreckend wirken können. Allerdings wäre die dunkle, unheimliche Atmosphäre ohne diese Zutaten vielleicht zeitgemäßer, aber weniger erstaunlich.

Während dieser Reisen schlägt wieder und wieder die Dunkelheit zu, und zwar in einer Art und Weise, die viel erschreckender ist als die meisten plakativ zur Schau gestellten Entwürfe einschlägiger Schriftsteller des Genres.

Es ist wohltuend, ein Buch über kultivierte Menschen zu lesen. Das schwingt in diesem Buch nicht aufgesetzt und beiläufig mit, es ist sozusagen das Fleisch all dieser Einblicke. Das mag manchen Lesern zu langatmig vorkommen – tatsächlich las ich davon, dass die Autorin durch ihr akribisch ausformuliertes Setting etwaige Spannungsbögen zunichte mache – jedoch ist Spannungsliteratur (ohnehin ein unschönes Wort) hier nicht das Prädikat. Es geht vielmehr um das Interessante, aus dem der Effekt entstehen kann, und dazu braucht es Tiefe, die ein Spannungsroman nun einmal nicht hat. Offenbarungen und Enthüllungen gibt es reichlich in diesem Roman, der eben nicht nur tief, sondern auch breit angelegt ist. Statt Aktion gibt es hier Aktivitäten, und auch wenn es Vampire gibt, so sind sie alles anderes als Pulp-Gestalten, sondern so glaubhaft eingebettet, dass zwischen der faktischen Historie, die ohnehin sehr interessant ist, und dem Mythos kein Unterschied mehr besteht, was zeigt, dass es immer noch vom Talent des Autors abhängt, wie eine Geschichte wahrgenommen werden kann.

Die verschiedenen Einzelinstanzen sind eine Reminiszenz an Bram Stokers “Dracula”, der ja auch mehrere Stimmen vereint, um die Geschichte vorzutragen. Es sind hauptsächlich Briefe und Dokumente, durch die sich die Erzählung entblättert, und es gibt Rückblicke, die der Vater seiner Tochter nach und nach enthüllt und die sein Leben als jungen Historiker beleuchten, der ein normales akademisches Leben führte, bis sein Professor und Mentor Rossi eines Tages spurlos verschwindet, was ihn auf eine epische Suche führt – der Suche nach Dracula.

Die Autorin sagte über ihr Buch, sie habe gerade Mal eine Tasse Blut vergossen; dafür aber zeigt sie die Stärke der Stille exakt auf. Die Gespräche scheinen mehr geflüstert als gesprochen zu werden, in denen es dann aber zu großen Erkenntnissen kommt. Überall scheinen schattenhafte Gestalten zu lauern, und niemand will belauscht werden. Ein Teil der Handlung findet hinter dem Eisernen Vorhang statt, und diese ist gespickt mit einer gewissen Paranoia, die zu der des grundsätzlichen Rätsels – nämlich wo sich das Grab von Vlad, dem Pfähler befindet – hinzu kommt.

“Der Historiker” ist eine große Liebesgeschichte, eine Geschichte über eine Vater-Tochter-Beziehung, eine wunderbare Erzählung über die Geschichte selbst und exotische Orte in Europa, eine saubere Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart im Dracula-Mythos. Als scholastisches Rätsel findet ein Großteil der Handlung in Bibliotheken, Archiven und Privatstuben statt.

Von Elizabeth Kostova gibt es gegenwärtig zwei weitere Romane und an einem anderen arbeitet sie gerade. Wie sie selbst sagt, wird dieser das Thema der Schauerromantik aufgreifen, aber auch eine Detektivgeschichte enthalten. Bleibt ihre Neigung für historische Settings konstant, kann das nur Gutes bedeuten.

Fantômas (Der Herr des Schreckens)

(c) Sotheby’s

Wenn es um Bösewichte geht, ist Fantômas selbst in diesem Zirkel noch der Böse. Er wurde 1911 eingeführt und ist das, was man einen Gentleman-Ganoven nennen könnte, der grausame, aufwendig geplante Verbrechen ohne klare Motivation begeht. Er hängt sein Opfer schon mal in eine Kirchenglocke hinein, so dass, wenn sie läutet, das Blut auf die Gemeinde darunter spritzt. Er versucht Jove, den Detektiv, der ihm auf der Spur ist, zu töten, indem er den Mann in einem Raum gefangen hält, der sich langsam mit Sand füllt. Er häutet ein Opfer und macht Handschuhe aus den Händen des Toten, um die Fingerabdrücke der Leiche am Tatort zu hinterlassen.

Seine Schöpfer nannten ihn das “Genie des Bösen” und den “Herrn des Schreckens”, aber er blieb ein Rätsel mit so vielen Identitäten, dass ihn oft nur Jove erkennen hätte können. Das Buch, das ihn vorstellt, beginnt mit einer Stimme, die fragt: Wer ist Fantômas?

Und es gibt keine echte Antwort:

“Niemand… Und dennoch, natürlich, ist er jemand.”
“Und was tut dieser Jemand?”
“Er verbreitet Angst und Schrecken!”

Von Fantômas über Hitchcock zu den X-Men

Fantômas war zu seiner Zeit unglaublich populär. Inzwischen ist er ein vergessener fiktiver Schurke, der allerdings dazu beitrug, das 20. Jahrhundert zu definieren. Sein Einfluss ist überall sichtbar, von surrealistischen Gemälden über Hitchcock-Filme bis hin zu den X-Men-Comics. Fantômas war so geheimnisvoll, dass er viele Male neu erfunden werden konnte. Aber in all diesen Iterationen gelang es niemandem, den reinen, chaotisch-bösen und ursprünglichen Charakter einzufangen, der er im Original war.

Ersonnen wurde Fantômas von den beiden Pariser Schriftstellern Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst als Journalisten zusammenarbeiteten. Den übriggebliebenen Raum, den sie bei ihren Artikeln noch zur Verfügung hatten, füllten sie manchmal mit fragmentarischen Detektivgeschichten, die die Aufmerksamkeit eines Verlegers auf sich zogen. Er beauftragte Souvestre und Allain, eine Reihe packender Romane zu schreiben; ihr Vertrag verlangte von ihnen, einen pro Monat zu produzieren. Sie erfanden Fantômas auf dem Weg zu ihrem Treffen mit dem Verleger und verbrachten die nächsten drei Jahre damit, fantastische Geschichten über ihren Erzbösewicht zu erzählen.

Fantômas war am leichtesten durch seine Verbrechen zu erkennen, die aggressiv und asozial waren. Er hat gestohlen; er hat betrogen; er hat häufig und fast wahllos getötet. In einer Geschichte beginnt eine zerbröckelnde Wand das Blut von den vielen Opfern zu spucken, die dahinter versteckt sind. Seine Motivation scheint die Freude am Verbrechen selbst zu sein.

Als Charakter hat er nur wenige Erkennungsmerkmale. Schon in den Originalbüchern ist die Identität von Fantômas formbar. Er wechselt mehrmals die Aliase und oft erkennt ihn nur Jove, der von ihm besessene Detektiv, in seiner neuen Gestalt. Er ist so geheimnisvoll, dass es manchmal den Anschein hat, dass Jove ihn selbst erfunden haben könnte und die Verbrechen vieler Männer einem von ihm ausgedachten Phantom zuschreibt. Wenn Fantômas “als er selbst” erscheint, ist er in Schwarz gehüllt und eine Maske verdeckt sein Gesicht. “Am Ende eines 32-teiligen Buchzyklus’ bleibt Fantômas genauso ein Geheimnis wie zu Beginn”, schrieb der Filmwissenschaftler David Kalat.

Fantômas ist überall

Dieser schattenhafte Bösewicht eroberte in den frühen 1910er Jahren die Herzen und Köpfe der französischen Öffentlichkeit. Die Buchreihe war ein sofortiger Erfolg, denn das Publikum verschlang die Krimis vielleicht gerade, weil sie so übertrieben waren. Filmgesellschaften kämpften um die Produktionsrechte, und innerhalb weniger Jahre war Fantômas der Gegenstand einer Stummfilmreihe. Die Bücher wurden mit großem Erfolg in Italien und Spanien veröffentlicht, wo der Schurke 1915 sogar Gegenstand eines Musicals wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es ihn überall.

Von Anfang an zog Fantômas Fans in ihren Bann, die ihn für ihre eigenen Zwecke benutzten. Guillaume Apollinaire, der große Dichter, liebte die Serie: Er nannte sie “eines der reichsten Werke, die es gibt”. Er und der Dichter Max Jacob gründeten einen Fanclub, La Société des Amis de Fantômas, die Gesellschaft der Freunde Fantômas’. Die surrealistische Bewegung, die etwas späte aufkam, war von Fantômas besessen, und René Magritte stellte einmal das Cover des ersten Romans als Gemälde nach.

Die Surrealisten fühlten sich von Fantômas auch deshalb so angezogen, weil seine Welt derjenigen entsprach, die sie in ihrer Kunst erschufen. Diese folgte ihrer eigenen Logik und hatte nichts mit den rationalen und zugeknöpften Regeln der gemeinen Gesellschaft zu tun. In einem Film verhaftet Jove Fantômas in einem Restaurant, nur um ein paar gefälschte Arme in den Händen zu halten – der Schurke war entkommen!

“Aber wie kommt es, dass Fantômas ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt gefälschte Arme bei sich hatte? Wenn Sie sich Fragen wie diese stellen müssen, wird Ihnen die Magie des Fantômas entgehen”,

schrieb Kalat. Die Surrealisten liebten das.

Weil die ursprüngliche Fantômas-Serie so beliebt war, verbreitete sie sich schnell in ganz Europa, nach Italien, Spanien, England, Deutschland und Russland, wie der Filmwissenschaftler Federico Pagello dokumentierte. Er war einer der ersten Erzschurken, die es zum Film brachten, und die Reihe wurde von Louis Feuillade geleitet, dem Pionier des Thriller-Genre. Die Fantômas-Serie war eines seiner ersten großen Projekte, und darin experimentierte er mit Erzähltechniken, die er später dann in seinem berühmten Klassiker “Die Vampire” anwenden würde. Hier wurde eine ganze Reihe Fantômasähnlicher Schurken in schwarzer Kleidung gezeigt. Die von Feuillade erfundenen Techniken beeinflussten wiederum Fritz Lang und Alfred Hitchcock.

Szene aus “Les Vampires” (c) Gaumont DVD

Der bereinigte Charakter

Mit dem Aufkommen des Thrillers als Genre verbreiteten sich Fantômas und seine Nachahmer auf der ganzen Welt. Nach den wirklichen Übeln des Zweiten Weltkriegs war Fantômas’ extravagante Schurkerei jedoch nicht mehr attraktiv und er verschwand bis in die 60er Jahre, als er in einer französischen Filmreihe, einem türkischen Film und einem italienischen Comic als Diabolik seine Rennaissance erfuhr. 1975 befasste sich sogar der grandiose phantastische Schriftstseller Julio Córtazar in “Fantômas gegen die multinationalen Vampire” mit dem Stoff, der auch verfilmt wurde.

Jedoch weichte man den Charakter schon vor seiner ersten Neuinterpretation an auf.

“Auf dem Filmplakat war die kindliche rechte Hand des Bösewichts nur eine geballte Faust, während sie auf dem Cover des Romans einen tödlichen Dolch hielt”,

schrieb eine Filmkritikerin. Auch die Handlung änderte sich: In der ursprünglichen Geschichte entkommt Fantômas der Hinrichtung, indem er sich von einem Schauspieler spielen lässt; der Schauspieler wird enthauptet, bevor jemand den Fehler bemerkt. Im Film findet Jove die Charade heraus, bevor der Schauspieler getötet wird und rettet sein Leben.

Noch häufiger wird Fantômas jedoch als tapfer dargestellt. Man wollte ihn als eine Robin-Hood-Figur mit edlen Motiven sehen. Als Fantômas die USA erreichte, wurde er eher als Gentleman-Dieb denn als schwarzherziger Nihilist dargestellt. Als er in den 1970er Jahren als Star einer Reihe mexikanischer Comics wiederbelebt wurde, war Fantômas mehr ein Held als ein Bösewicht; in den X-Men-Comics, in denen eine Figur namens Fantomex 2002 zum ersten Mal auftauchte, versucht er, als gutherziger Dieb zu fungieren. Es wird aber schnell enthüllt, dass er als Teil eines staatlichen Waffenprogramms geschaffen wurde.

Obwohl Fantômas Anfang des 20. Jahrhunderts ein legendärer Schurke war, war er zu dunkel, um in seiner ursprünglichen Form überleben zu können. Schriftsteller zogen es vor, ihre Schurken ein wenig besser erkennbar zu machen, ein wenig rationeller und letztendlich weniger dunkel.

Tatsächlich ist der Mythos um Fantômas in der heutigen Popkultur überall spürbar, aber die reine Essenz des Bösen wurde eben auf mehrere Figuren verteilt und erheblich abgeschwächt. Es scheint, als hätte jeder Angst vor – Fantômas.

Genevieve Cogman: Die unsichtbare Bibliothek

Geschichten über Bibliotheken oder geheimnisvolle Bücher besitzen immer ihren ganz eigenen Charme, so dass man bei genauerer Betrachtung sogar von einer eigenen Gattung sprechen müsste. Und dennoch sind sie so vielseitig und unterschiedlich, dass sie manchmal eben nichts weiter miteinander zu tun haben, als dass es darin um Bücher geht. Die unsichtbare Bibliothek reiht sich da ein. In gewisser Weise steht der Roman der Urban Fantasy und der Portal Fantasy nahe, bedenkt man die unzähligen Parallelwelten, die es hier gibt. Und im Zentrum steht besagte Bibliothek, ein mysteriöses und undurchschaubares Gebilde, so gewaltig, dass man seine Auswüchse gar nicht ermessen kann. Da läuft man schon mal zweieinhalb Stunden von einer Abteilung zur nächsten. Aber das ist noch längst nichts Besonderes. Dass die Bibliothek Zugänge zu allen denkbaren Paralleluniversen unterhält, hingegen schon.

Und die Bibliothekare sind auf besondere Weise an diese Bibliothek gebunden. Sie verfügen über außergewöhnliche Kräfte, weil sie ein Siegel in Form einer Tätowierung auf ihrem Rücken tragen. Das verleiht ihnen Zugriff auf ein magisches System, das Die Sprache genannt wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um herkömmliche Zaubersprüche, sondern um die Macht des Wortes selbst, das Dingen befiehlt, wie sie sich verhalten sollen. Und tatsächlich steht Die Sprache im völligen Gegensatz zur – ebenfalls vorhandenen – Zauberei.

Eine dieser Bibliothekarinnen ist die temperamentvolle  Irene, und gleich im ersten Kapitel begleiten wir sie bei der Erfüllung eines Auftrags, bevor sie mit einem Buch, das sie aus einer Parallelwelt gestohlen hat, in die Bibliothek zurückkehrt. Das nämlich ist ihre Aufgabe und die Aufgabe aller Bibliothekare: sie beschaffen seltene Bücher aus allen Welten, um diese zu bewahren. Dieser Einstieg ist gelungen und bereitet und auf das vor, was nun folgen sollte: die Beschaffung eines Buches der Gebrüder Grimm aus einem viktorianisch anmutenden London. Warum? Es könnten einhundert Gebrüder Grimm in einhundert verschiedenen Welten leben, und jedes Mal könnten sie eine andere Märchensammlung verfasst haben. Und genau dort liegt das Interesse der Bibliothek.

Wissenschaftliche Abhandlungen spielen dabei keine Rolle, denn Entdeckungen sind in allen Welten gleich, wenn auch in unterschiedlichen Mischungen vorhanden. Und sie werden nicht sie sehr geschätzt wie kreative Arbeit. Diese Kernaussage hat mich persönlich am meisten begeistert, um ehrlich zu sein.

Genevieve Cogman offenbart bereits in ihrem Debüt eine erstaunliche metatextuelle Gabe. Das wird in folgendem Beispiel deutlich:

Die Welt, in der Irene Winters und Kai ein Buch der Gebrüder Grimm beschaffen müssen, ist “vom Chaos verseucht”. Hier bedeutet das, die Welt ist “verzerrt”, die Dinge haben die Neigung, “in erzählerische Muster zu verfallen”, nehmen also die “Art von Rhythmus und Logik an, die man womöglich in der Erzählliteratur oder in Märchen vorfindet.”

Das ist auch gleichzeitig die Poetik des Romans, Erzähltext und Metatext überschneiden sich. Der Roman ist auch ein Spiel mit Buchwelten an sich, eine unverhohlene Huldigung. Es gibt sogar eine schlüssige Erklärung für die Existenz exotischer Geschöpfe wie Vampire, Werwölfe, Feen und Elben:

“Das Chaos benutzt Geschöpfe, die unlogischen Gesetzen auf logische Weise gehorchen.”

Dadurch destabilisiert das Chaos eine entsprechende Welt, drängt die Ordnung zurück und verseucht sie. Das ist nicht einfach nur ein Status Quo, die entsprechende Welt geht daran zugrunde wie ein lebender Organismus an einer Infektion.

Cogman schreibt mit einer Lebendigkeit und einem Witz, die dem Genre der Urban Fantasy neues Leben einhauchen. Die Handlung verbindet politische und akademische Intrigen mit hochkarätigen Kampfszenen und bewegt sich innerhalb eines atmosphärischen Szenarios. Klischeehafte romantische Spannungen lässt die Autorin glücklicherweise – und entgegen dem gegenwärtigen Strom – aus, eine Fantasy-Schnulze haben wir hier in der Tat nicht vorliegen (ich hätte das Ding ansonsten auch nicht angefasst). Die Scherze zwischen Irene und ihrem Studenten Kai sind hingegen ziemlich erfrischend. Dass man hin und wieder an die Werke von Neil Gaiman erinnert wird, schmälert Cogmans Originalität keineswegs. Und trotzdem lullt die hier vorgetragene Prosa mehr ein als dass sie mitnimmt. Das Geschehen scheint hinter einem Schleier stattzufinden, hat trotz der ausgewogenen Sätze etwas behäbiges, das jedwede Spannung – so sie denn einmal aufkommt – gleich wieder niedertrampelt.

Insgesamt sind vier Bücher dieser Serie bei Bastei-Lübbe erhältlich, und ein fünftes hat Cogman gerade abgeschlossen.

Genevieve Cogman: Die unsichtbare Bibliothek

Geschichten über Bibliotheken oder geheimnisvolle Bücher besitzen immer ihren ganz eigenen Charme, so dass man bei genauerer Betrachtung sogar von einer eigenen Gattung sprechen müsste. Und dennoch sind sie so vielseitig und unterschiedlich, dass sie manchmal eben nichts weiter miteinander zu tun haben, als dass es darin um Bücher geht. Die unsichtbare Bibliothek reiht sich da ein. In gewisser Weise steht der Roman der Urban Fantasy und der Portal Fantasy nahe, bedenkt man die unzähligen Parallelwelten, die es hier gibt. Und im Zentrum steht besagte Bibliothek, ein mysteriöses und undurchschaubares Gebilde, so gewaltig, dass man seine Auswüchse gar nicht ermessen kann. Da läuft man schon mal zweieinhalb Stunden von einer Abteilung zur nächsten. Aber das ist noch längst nichts Besonderes. Dass die Bibliothek Zugänge zu allen denkbaren Paralleluniversen unterhält, hingegen schon.

Und die Bibliothekare sind auf besondere Weise an diese Bibliothek gebunden. Sie verfügen über außergewöhnliche Kräfte, weil sie ein Siegel in Form einer Tätowierung auf ihrem Rücken tragen. Das verleiht ihnen Zugriff auf ein magisches System, das Die Sprache genannt wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um herkömmliche Zaubersprüche, sondern um die Macht des Wortes selbst, das Dingen befiehlt, wie sie sich verhalten sollen. Und tatsächlich steht Die Sprache im völligen Gegensatz zur – ebenfalls vorhandenen – Zauberei.

Eine dieser Bibliothekarinnen ist die temperamentvolle  Irene, und gleich im ersten Kapitel begleiten wir sie bei der Erfüllung eines Auftrags, bevor sie mit einem Buch, das sie aus einer Parallelwelt gestohlen hat, in die Bibliothek zurückkehrt. Das nämlich ist ihre Aufgabe und die Aufgabe aller Bibliothekare: sie beschaffen seltene Bücher aus allen Welten, um diese zu bewahren. Dieser Einstieg ist gelungen und bereitet und auf das vor, was nun folgen sollte: die Beschaffung eines Buches der Gebrüder Grimm aus einem viktorianisch anmutenden London. Warum? Es könnten einhundert Gebrüder Grimm in einhundert verschiedenen Welten leben, und jedes Mal könnten sie eine andere Märchensammlung verfasst haben. Und genau dort liegt das Interesse der Bibliothek. Wissenschaftliche Abhandlungen spielen dabei keine Rolle, denn Entdeckungen sind in allen Welten gleich, wenn auch in unterschiedlichen Mischungen vorhanden. Und sie werden nicht sie sehr geschätzt wie kreative Arbeit. Diese Kernaussage hat mich persönlich am meisten begeistert, um ehrlich zu sein.

Genevieve Cogman offenbart bereits in ihrem Debüt eine erstaunliche metatextuelle Gabe. Das wird in folgendem Beispiel deutlich:

Die Welt, in der Irene Winters und Kai ein Buch der Gebrüder Grimm beschaffen müssen, ist “vom Chaos verseucht”. Hier bedeutet das, die Welt ist “verzerrt”, die Dinge haben die Neigung, “in erzählerische Muster zu verfallen”, nehmen also die “Art von Rhythmus und Logik an, die man womöglich in der Erzählliteratur oder in Märchen vorfindet.”

Das ist auch gleichzeitig die Poetik des Romans, Erzähltext und Metatext überschneiden sich. Der Roman ist auch ein Spiel mit Buchwelten an sich, eine unverhohlene Huldigung. Es gibt sogar eine schlüssige Erklärung für die Existenz exotischer Geschöpfe wie Vampire, Werwölfe, Feen und Elben:

“Das Chaos benutzt Geschöpfe, die unlogischen Gesetzen auf logische Weise gehorchen.”

Dadurch destabilisiert das Chaos eine entsprechende Welt, drängt die Ordnung zurück und verseucht sie. Das ist nicht einfach nur ein Status Quo, die entsprechende Welt geht daran zugrunde wie ein lebender Organismus an einer Infektion.

Cogman schreibt mit einer Lebendigkeit und einem Witz, die dem Genre der Urban Fantasy neues Leben einhauchen. Die Handlung verbindet politische und akademische Intrigen mit hochkarätigen Kampfszenen und bewegt sich innerhalb eines atmosphärischen Szenarios. Klischeehafte romantische Spannungen lässt die Autorin glücklicherweise – und entgegen dem gegenwärtigen Strom – aus, eine Fantasy-Schnulze haben wir hier in der Tat nicht vorliegen (ich hätte das Ding ansonsten auch nicht angefasst). Die Scherze zwischen Irene und ihrem Studenten Kai sind hingegen ziemlich erfrischend. Dass man hin und wieder an die Werke von Neil Gaiman erinnert wird, schmälert Cogmans Originalität keineswegs. Und trotzdem lullt die hier vorgetragene Prosa mehr ein als dass sie mitnimmt. Das Geschehen scheint hinter einem Schleier stattzufinden, hat trotz der ausgewogenen Sätze etwas behäbiges, das jedwede Spannung – so sie denn einmal aufkommt – gleich wieder niedertrampelt.

Erotik im literarischen Horror

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Die Welt bei Kerzenschein

Folklore und Legenden sind Teil eines Vermächtnisses unserer ursprünglichen Ängste, die in der Morgendämmerung der Menschheit ihren Ursprung haben, als die Welt noch vom Übernatürlichen dominiert war: Wälder, Hügel, Berge und Flüsse waren der Lebensraum von alten, unsichtbaren Dingen. Leben bedeutete, im Schatten dieser Geheimnisse zu leben. Kerzen drückten die tiefe Angst des Menschen aus, nur in einem kleinen Lichtkreis inmitten einer riesigen, dunklen Welt zu leben.

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da.

Einer der berühmtesten Gelehrten jener Geschichten bei Kerzenschein war der Brite JRR Tolkien. In seinem berühmten Aufsatz “Beowulf. The Monsters and the Critics” vertritt er das Argument, dass Beowulf, abgesehen davon, dass er ein Artefakt alter germanischer Kultur ist, noch einen weitaus größeren Wert besitzt, dass die Geschichte von einem Mann, der gegen mächtige Urkräfte kämpft, nämlich auch einen literarischen Wert hat.

Die Mythologie hat die Fantasy-Autoren schon immer beeinflusst. Bei genauerer Betrachtung Tolkiens, dem Begründer der modernen High Fantasy, und den Autoren des Weird Tales Magazin, den Urvätern der Sword & Sorcery, entdecken wir ein ganzes Netz von Verbindungen und Einflüssen, die auf eine Welt bei Kerzenschein zurückweist. Dieser Einfluss hält bis heute an: zwei der berühmtesten und angesehensten Schriftsteller des Genres, Ursula LeGuin und gegenwärtig George R.R. Martin, spinnen den Kampf zwischen der Menschheit und der Dunkelheit in ihren Romanen weiter.

Um diesen Kampf jedoch zu verstehen, müssen die Leser einen Blick auf die Mythen werfen. Drei Vorstellungen werden wieder und wieder aufgegriffen: die Wildnis, der Grenzbereich zwischen Mensch und Welt, und die Dunkelheit. Das sind die Elemente der Welt bei Kerzenschein, von denen unsere Fantasy so tiefgreifend durchdrungen ist, und die ohne diese Elemente gar nicht zu denken wäre.

Der greifbarste Aspekt der Welt bei Kerzenschein ist die Wildnis. Laut James Frazer, einem bahnbrechenden Gelehrten magischer und religiöser Traditionen, war

“Europa von immensen Urwäldern bedeckt, in denen die vereinzelten Lichtungen wie Inselchen in einem Meer von Grün gewirkt haben müssen.”

Wälder und die übrige Wildnis waren unbekanntes Gebiet, das außerhalb der Kontrolle und des Wissens des Menschen lag. Natürlich waren diese ungezähmten Orte von Geschichten der Angst umgeben: die russischen Waldgeister, Leshys genannt, stöhnten und kreischten im Wind, der durch die Bäume fuhr, die geisterhaften Irrlichter führten die Menschen ins tödliche Moor, und schottische Redcaps schnappten sich ihre Opfer auf verlassenen Feldern.

Selbst nach der Christianisierung Europas waren die Wälder nach wie vor Orte einer tiefsitzenden Angst. Raub- und andere wilde Tiere waren eine ständige Bedrohung für Schäfer und Jäger, und Wölfe wurden zur besonderen Ikone dieser Gefahr.

Einhergehend mit der Wildnis als Bedrohung des Menschen, wurden Grenzen und Wälle notwendig, um die realen und übernatürlichen Gefahren fern zu halten. Dies ist das zweite Merkmal der Welt bei Kerzenschein: das Bedürfnis nach Grenzen.

Dieses Konzept hatte seinen großen Auftritt in Joseph Campbells Modell des “Heros in tausend Gestalten”. Hierbei handelt es sich um die Reise des Helden, gekennzeichnet vom Überschreiten der ersten Schwelle, indem sich der Held außerhalb der Grenze der menschlichen Bereiche begibt, in jene Regionen des Unbekannten, wie beispielsweise Wüste, Dschungel, die Tiefsee, oder in ein unbekanntes Land. Campbells Abgrenzung zwischen dem Reich der Menschen und “dem Unbekannten” gründet sich auf die Idee der Welt bei Kerzenschein, wo es Sicherheit innerhalb der Grenzen, dort, wo das Licht brennt, zu finden gibt, und die Gefahr draußen bleibt.

Grenzen spielen in der irischen Mythologie eine bedeutende Rolle, wo man sich Zwischenreiche vorstellte, Barrieren zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter, ein Zwielicht, das alles verwischte. Wo die Grenzen schwach waren, konnte es dem Chaos gelingen, in die Welt zu schleichen. Eines der bekanntesten Beispiele für übernatürliche Grenzen hat mit Vampiren zu tun. Die meisten Vampire können nicht ins Haus gelangen (die Schwelle nicht überschreiten) ohne Einladung. Das ist so, weil das Haus die Domäne des Menschen ist, von der Außenwelt durch seine Mauern getrennt.

Die Ur-Schwelle ist der Sonnenuntergang, bei dem das dritte Element die Welt überflutet: Dunkelheit. Dunkelheit ist das alles beherrschende Element der Welt bei Kerzenschein. Sie zieht sich durch den Mythos als Quelle einer allesdurchdringenden Furcht: Es ist Nacht, wenn Grendel Hrothgars Halle angreift, es ist Nacht, wenn die irischen Feen sich die Kinder holen, wenn die Vampire aller Kulturen erwachen, wenn Werwölfe sich verwandeln und Gespenster aus dem Grab steigen. Wenn die Sonne aufgeht, und das Licht zurückkehrt, wäscht es alle Dunkelheit mitsamt seinen Kreaturen hinfort, die sich in Höhlen, Wälder, Bergtäler oder in U-Bahnschächte zurückziehen. Der grundsätzliche Aspekt der Dunkelheit ist seine Gleichsetzung mit dem Unbekannten: in der Folklore sind die größten Ängste oft namenlos, nehmen die Gestalt von Tabus und Aberglauben an. Eine der ältesten Mythen beginnt mit einer Welt, belagert von ewiger Nacht. Dann erscheint eine Figur, wie der Rabe der nordamerikanischen Ureinwohner, und entzündet die Sonne. Meistens aber wird den Menschen ein Geschenk gemacht: Feuer; wie im griechischen Mythos von Prometheus. Feuer, die Quelle des Lichts, spielt eine herausragende Rolle in fast allen Mythen, vor allem im ländlichen Irland, wo das Herdfeuer zum Symbol für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Familie wurde, und das über Jahre hinweg am Brennen gehalten wird. Feuer ist, abgesehen vom Kochen und Heizen, die erste Verteidigung gegen die Dunkelheit.

Weil die Ideen der Wildnis, der Grenzen, und der Dunkelheit die Mythen so grundsätzlich durchziehen, hatten sie einen tiefgreifenden Einfluss auf jene Autoren, die die moderne Fantasy definierten, namentlich: JRR Tolkien, H.P. Lovecraft, Robert E. Howard und Clark Ashton Smith. Jeder von ihnen hat sich ausgiebig mit Folklore und Legenden befasst, und aus ihrer Arbeit leiten wir die Genres der High Fantasy und der Sword & Sorcery ab, die beide zu den beständigsten und beliebtesten Formen dieser Literatur gehören.

Tolkiens Wissen über Mythologie erstreckt sich über Homers Ilias bis hin zu den nordischen Sagen, in seiner Arbeit wird dem Leser ein Urgefühl der Angst nahe gebracht, vor allem jene gegenüber des Waldes. Eines der besten Beispiele aus “Die Gefährten” ist der Alte Wald: Fredegar Bolger, einer von Frodos Freunden, erschrickt zutiefst bei Merrys Plan, ihn zu betreten. Er behauptet, dass dies ein Ort sei, der aus Alpträumen bestehe, und niemand es wage, hineinzugehen. Tatsächlich gibt es eine Grenze zwischen dem Alten Wald und Bockland – die Hecke. Die Bäume hatten diese Hecke schon einmal angegriffen und die Hobbits mussten sie mit Äxten und Feuer zurückdrängen. Es war der sich wiederholende Kampf der Zivilisation gegen die Wildnis.

Im Innern des Waldes sind die Hobbits deutlich erkennbar Eindringlinge. Merry muss die Bäume beruhigen und ihnen erklären, dass sie als Freunde kommen und dass sie nicht hier sind, um ihnen irgendwie zu schaden. Die Bäume führen die Hobbits jedoch in die Irre und immer tiefer in den Wald hinein, bis hin zu einer mächtigen Weide, von der sie angegriffen werden. Der Alte Wald und auch der noch ältere Düsterwald (Mirkwood) sind Reflexionen der Feindseligkeit und der Gefahr, die in der Wildnis lauern. In „Der kleine Hobbit“ liegt der Düsterwald in ewiger Dunkelheit, dort hineinzugehen birgt die Gefahr, für immer in ihm verloren zu gehen.

1923, über ein Jahrzehnt, bevor der Hobbit das Licht der Welt erblickte, kam das Weird Tales Magazin auf den Markt, das von Abenteuergeschichten bis zu Horror-Geschichten alles veröffentlichte. Den Schwerpunkt bildete allerdings der „Lovecraft-Zirkel“, also jene Gruppe von Autoren, mit denen Lovecraft rege in Kontakt stand und die von ihm inspiriert wurden. H.P. Lovecraft beschrieb seine Sicht der Weird Fiction (was wir bei uns mit „unheimlicher Literatur“ oder „Schauerliteratur“ nur unzureichend übersetzen können) folgendermaßen:

„Eine gewisse Atmosphäre atemloser und unerklärbarer Angst vor äußeren, unbekannten Kräften muss gegenwärtig sein; und es muss einen Hinweis darauf geben … auf die schrecklichste Vorstellung, die ein menschliches Gehirn ersinnen kann – eine unheilvolle und einmalige Übertretung oder Aussetzung der Naturgesetze, die unser Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen aus dem ungestalteten Raum sind.“

Seine klassische Erzählung „Berge des Wahnsinns“ beginnt mit einer Gruppe Wissenschaftler, die in ein unerschlossenes Gebiet der Antarktis ziehen, um dieses zu untersuchen. Diese Wildnis ist, wie so oft, die Domäne älterer, feindseliger Wesen. Die Wissenschaftler finden die Überreste einer uralten Rasse, die einst die urzeitliche Erde regiert haben musste. Diese erwacht zum Leben und töten die Crew, bevor sie wieder zu ihren Ruinen in den Bergen des Wahnsinns zurückkehrt. Die Protagonisten, Danforth und Dyer, folgen den Kreaturen in die uralte Stadt Leng und entdecken, dass die Erde nur aufgrund der Gnade dieser mächtigen, finsteren Wesen noch existiert, die in den Tiefen des Ozeans und in den Weiten des dunklen Raums lauern.

Inspiriert von Arthur Machen, der selbst fasziniert war von einem mittelalterlichen, unbekannten Zeitalter, hatte Lovecraft einen gewaltigen Einfluss auf viele seiner Zeitgenossen, besonders auf die seines Zirkels, wie z.B. Robert E. Howard, dem Erfinder des Conan, und Clark Asthon Smith, dem Schöpfer der Welt Zothique. Beide Autoren, deren Geschichten sich um Diebe, Totenbeschwörer, Krieger und Abenteurer in vergessenen Tempeln drehen, pflegten während ihrer gesamten schriftstellerischen Karriere einen regen Briefkontakt mit Lovecraft; sie entlehnten Ideen von ihm und aus seinem Werk, ganz besonders aus dem Cthulhu-Mythos.

Das Erbe des „Kerzenscheins“ wirkt auch heute noch in den Werken der bekanntesten Fantasy-Autoren nach. 1970 schrieb Ursula Le Guin, die gefeierte Verfasserin der Erdsee-Saga, „Die Gräber von Atuan“. Darin wird das Leben der Tenar beleuchtet, einem jungen Mädchen, das zur Hohepriesterin der Gräber der Namenlosen gewählt wird. Es handelt sich hierbei um ein unterirdisches Labyrinth, in immerwährender Dunkelheit gelegen. Durch das ganze Buch hindurch wird „die Dunkelheit“ als der Verschlinger von Tenars Selbst und als Synonym für die „Namenlosen“ genannt. Deren Höhle ist der Sitz der Ur-Finsternis: es wurde nie vom Licht der Schöpfung der Welt berührt. Als Tenar und der Zauberer Ged versuchen, den Gräbern zu entkommen, beginnt die Dunkelheit Tenar derart in Panik zu versetzen, dass sie Ged anfleht, sein magisches Licht einzusetzen. Aber Ged offenbart ihr, dass seine gesamte Kraft dabei aufgebraucht wurde, die Dunkelheit daran zu hindern, sie beide zu verschlingen.
Im ersten Band der Erdsee-Saga, Der Magier von Erdsee, ist Geds Stolz daran schuld, dass die Finsternis überhaupt in die Welt gelangen kann. Nachdem er von einem anderen Magier permanent verspottet und verlacht wird, will Ged seine Macht beweisen, indem er Tote wieder zum Leben erweckt. Er beschwört den Schatten von Elfarran herauf, aber dann –

„das fahle Oval zwischen Geds Armen wurde breiter und weiter, ein Riss in der Finsternis der Erde und der Nacht, ein Zerreißen des Gewebes. Durch diese leuchtende, unförmige Verletzung kletterte etwas wie ein Klumpen schwarzen Schattens …“

Ged hat in seiner Arroganz die Schwelle zwischen der Welt und der Finsternis zerstört.

George R.R. Martins Werk, Das Lied von Eis und Feuer, birgt ebenfalls deutliche Spuren einer „Welt bei Kerzenschein“. Das erste Kapitel von Die Herren von Winterfell trägt den Leser in das Reich von Eddard Stark, einem Landstrich am Rande der zivilisierten Welt. Starks Pflicht ist es, die „Mauer“, die Grenze also zwischen einem wilden, gefährlichen Land im Norden, und den Sieben Königreichen, zu erhalten.

Das ist das Herz der Fantasy: die Kämpfer, Waldläufer, und Magier, die unsere Seiten bevölkern, sind jene Archetypen, die als Wächter unserer Grenzen und Schwellen zwischen den Menschen und der Dunkelheit begannen. Wohin auch immer sich die Fantasy noch entwickeln wird, dieses Erbe ist und wird der Kern der Sache bleiben.

Stephen King: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.

In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.

1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.

„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“

Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein. Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo

Stephen King: Brennen muss Salem

Den Großteil des Manuskripts zu Brennen muss Salem schrieb King, bevor er seine Carrie verkaufen konnte, als er sich noch über einem Schultisch im Wäscheschrank seines Wohnmobils krümmte, am Ende, verzweifelt und ohne Hoffnung, und an der Highschool unterrichtete. Teilweise inspiriert von den auf seinem Lehrplan stehenden Werken Thornton Wilders “Unsere kleine Stadt” und Bram Stokers “Dracula”, bezeichnete er später sein Buch als “eine eigenartige Mischung aus Peyton Place und Dracula“, oder als “Vampire in unserer Stadt”. Und genau das ist das Thema.

Nachdem er Carrie verkaufen konnte, überbrückte er die Wartezeit bis zum Erscheinen mit der Weiterarbeit an Salem’s Lot. Er polierte das Manuskript etwas auf und schickte es zusammen mit Roadwork (das später unter seinem Pseudonym Richard Bachmann als Sprengstoff erscheinen sollte) an seinen Verleger Bill Thompson, der zwischen den beiden entscheiden sollte. Thompson war der Auffassung, dass Sprengstoff zwar das literarischer sei, dass aber Salem’s Lot, nach einigen Veränderungen, wohl eher die Chance auf kommerziellen Erfolg haben würde.

Die beiden großen Veränderungen, die Thompson verlangte: King solle die grausame Beschreibung eines Todes durch Ratten entfernen (“Ich ließ sie wie einen wütenden pelzigen Teppich über das Opfer hereinbrechen, beißend und kauend. Und als der so Überfallene eine Warnung an seine Gefährten in Obergeschoss rufen will, schlüpft eine von ihnen in seinen offenen Mund und windet sich in Ekstase, während sie ihm die Zunge zerkaut”, schrieb King später). Und King sollte den Anfang der Geschichte ausweiten, um die Plage, die diese kleine Stadt befällt, zweideutiger zu gestalten. King protestierte mit dem Argument, dass jeder Leser von Anfang an wüsste, dass es sich um Vampire handelt und diese Zurückhaltung als literarischen Striptease übelnehmen. Thompson erwiderte, dass er mit “jeder Leser” nur eine sehr kleine Leserschaft meinen könnte. Jetzt schreibe er für ein Mainstream-Publikum, und das Letzte, was dieses erwarten würde, wären Vampire.

Und er hatte Recht. Zu dieser Zeit erwartete niemand Vampire in einem fein aufgemachten Hardcover-Bestseller. Heute allerdings, und aufgrund des Erfolges, ist Salem’s Lot quasi ein Synonym für Vampire und der Anfang zieht sich endlos hin. Man könnte vielleicht einwerfen, dass dies der Einführung der Charaktere dienlich sei, wenn wir es hier nicht mit den wahrscheinlich flachsten Charakteren zu tun hätten, die jemals gedruckt wurden.

Ben Mears (den sich King als Ben Gazzara vorgestellt hatte) kommt in die kleine Stadt Salem’s Lot (Bevölkerung 289), um ein Buch über das alte Marsten-Haus zu schreiben, das auf einem Hügel steht und dort wie ein gotischer Held brütet. Das Marsten-Haus wird im ganzen Buch nichts anderes zu tun haben als für die großartige Atmosphäre zu sorgen, und King beschreibt es mit nicht gerade wenigen Worten. Ben beginnt eine Affäre mit der extrem langweiligen Susan Norton, die ihm dabei hilft, den tragischen Motorradunfall in seiner Vergangenheit zu überwinden. Mit von der Partie sind ein dem Alkohol verfallener Priester, der mit seinem Schicksal hadert, ein netter junger Arzt, die an die Naturwissenschaften glaubt und ein zu Scherzen aufgelegter Schullehrer, der von seinen Schülern geliebt wird. Ohne besonders von King herausgearbeiteten Grund zieht Barlow, ein Vampir, komplett ausgestattet mit Europäischem Manierismus und hypnotischen Augen mit seinem Diener Straker in das alte böse Marsten-Haus ein. Wenn das Buch zu Ende ist, wird Barlow das Blut der meisten Stadtbewohner getrunken und sie dadurch zu Vampiren gemacht haben. Die anderen werden geflohen sein.

Brennen muss Salem entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, wirft seine Angel aus, an der man unweigerlich festhängt. Das Buch ist voller grandioser Actionmomente. Die “Bösen” sind dermaßen arrogant, dass es ein wahres Vergnügen ist, wenn jemand des Weges kommt und ihnen das Grinsen aus dem Gesicht wischt, und seine “Guten” lässt King nicht ohne eine gewisse Vehemenz sterben. Der wahre Grund, warum das hier nicht zu Kings besten Arbeiten zählt ist jedoch, dass man dem Buch jederzeit anmerkt, wie sehr King hier versucht, über das Horrorpublikum hinauszugehen.

Stark beeinflusst von Bram Stokers Dracula, Grace Metalious’ erfolgreichem Kleinstadt-Skandalroman Die Leute von Peyton Place und Shirley Jacksons großem Horror-Roman Spuk in Hill House, kommt Brennen muss Salem nicht von diesen Einflüssen los. Der Roman überführt Dracula in ein modernes Amerika, oder es wirft ein paar Vampire nach Peyton Place. Dabei sind die Charaktere äußerst dünn gezeichnet und erreicht nicht einmal Ansatzweise die Tiefe von Peyton Place.

Salem’s Lot ist von der ersten Seite an ein hügeliges Höllenloch, die Hauptfiguren sind eindimensional, die Zweitbesetzung eine blasse Kopie aus Grace Metalious’ Roman. In Kings Buch hat jeder ein schreckliches Geheimnis, und die Stadt ist voller Baby-Prügler, böswilligen Klatschbasen, heimlichen Trinkern, kinderhassenden Schulbusfahrern, pornoliebenden Stadträten, Frauenkleidertragenden Ladenbesitzern, unentdeckten Mördern, pädophilen Priestern. Jeder ist entweder ein Idiot, ein Quälgeist oder ein Penner, und alle miteinander sind verbittert oder hasserfüllt. Sogar der Milchmann hasst es, täglich die Milch auszuliefern.

Kings Herzlosigkeit gegenüber seinen Figuren erlaubt ihm, sie mit größtem Vergnügen um die Ecke zu bringen (tatsächlich sind die Todesarten von exklusiver Qualität), aber er macht auch den jugendlichen Fehler, zu glauben, die übertriebene Darstellung, wie man eine Frau schlägt, ein Kind misshandelt, wie Ehegatten sich betrügen, von einem tyrannischen, betrunkenen Ehemann, sei in irgendeiner Form dazu geeignet, ein reifes und erwachsenes Buch zu schreiben. Stattdessen werden hier nur dunkle und dreckige Klischees bedient.

Es ist aufschlussreich, dass der einzige unvergessliche Charakter in dem Buch derjenige ist, den King selbst entworfen hat: Mark Petrie, ein übergewichtiger Horror-Nerd, dessen lebenslanger Popkulturgebrauch ein Ausbildungslager für eine Vampirapokalypse war. Er ist vorbereitet durch seinen extremen Konsum an Horrorfilmen, Comics und Gruselgeschichten. Mark ist der Prototyp aller heutigen Nerds wie ihn etwa Jesse Eisenberg in Zombieland als Columbus spielt oder Fran Kranz als Marty in The Cabin in the Woods. Für diese Jungs macht ihr Interesse sie nicht zu Außenseitern, es macht sie zu Überlebenden.

Aber es ist Kings Verehrung für Shirley Jackson, die ihn reitet – zum guten wie zum schlechten. Jackson war eine begnadete Stilistin, und auch für heutige Verhältnisse ist Spuk in Hill House als außerordentliche Leistung anzusehen. In seinem Sachbuch Danse Macabre bezeichnet King Jacksons Buch als “Ur-Roman” über den “bösen Ort” und widmet ihr ein ganzes Kapitel.

“Es ist weder meine Absicht noch der Platz, um meine eigene Arbeit hier zu besprechen, aber Leser meiner Bücher wissen, dass ich mit dem Archetyp des “bösen Orts” mindestens zweimal liebäugelte. Einmal indirekt in Brennen muss Salem, und einmal direkt in Shining.”

In Brennen muss Salem ist es das Marsten-Haus, über das King auch in Danse Macabre schreibt:

“Es gab dieses Haus, aber es hatte nicht mehr zu tun, als für die Atmosphäre zuständig zu sein.”

Und das legt den Finger genau in die Wunde. Nach der kurzen, gemeinen und schnell abgehandelten Carrie war Brennen muss Salem voller endloser Passagen in lilafarbener Prosa (gespickt mit unzähligen idiomatischen Extravaganzen), die zwar nach Jackson’scher Größe strebte, aber sich eben doch nur nach endlosen Passagen anhörte. Aber King tat hier vor allem eins: Er zeigte, dass er mehr wollte als ein Pulp-Autor sein. Er wollte über das Leben der Menschen schreiben. Er strebte nach Literatur.

1974 hatte der Horror noch keine Ambitionen, aber Salem’s Lot war ein Hardcover-Versuch über einen literarischen Roman, der auch zufällig Vampire beinhaltete. Oft überzeichnet und verquer wies das Buch darauf hin, dass King nicht etwa Fantasy oder Science Fiction schrieb. Er schrie Horror, und er tat das mit dem gleichen Ernst wie die besten Mainstream-Schriftsteller dieser Tage. Das Buch ist das Dokument eines gescheiterten Versuchs, aber es ist wichtig als eine Standortbestimmung, ein Manifest. King hatte eine Absicht, und Brennen muss Salem war ein Wurf, der seine Möglichkeiten noch nicht ganz umfasste.

Das sollte sich mit seinem nächsten Roman grundlegend ändern. In Shining nämlich trifft er genau auf die Zwölf.

Carmilla, der Vampir

Viel prämiert ist sie mittlerweile, die Gruselkabinett-Hörspielserie aus der Hörschmiede der Titania Medien, die zu ihrem Einstand 2004 die 1872 erschienene Novelle Carmilla des irischen Autors Joseph Sheridan Le Fanu adaptierte und bis dato unzählige veröffentlichte Hörspiele vorgelegt hat. Von der Schauerromantik bis zur Science-Fiction. Meisterwerke der Phantastik. Brilliant vertont?

– Das will ich herausfinden. Und steige seit langem wieder, seit meiner Kindheit, in die Tiefen meiner Gehörgänge hinab, die mich einst in die üppigen Märchenlande und -wälder der Gebrüder Grimm oder eines Hans Christian Andersen führten.

Sicher zählt Carmilla nicht zu Le Fanus herausragendsten Werken, denkt man z.B. an Schalken the Painter von 1851. Doch aber diente Carmilla 25 Jahre später als Inspirationsquelle für Bram Stokers epochemachenden Dracula. Und ist nun auch Auftakt einer Serie, die ihres Gleichen sucht. Wir hören offenbar doch gerne zu. Waren die ersten, die ein Hörspiel in den Äther geschickt haben, und sind heute das Land, in dem die meisten Hörspiele produziert werden. Wir kehren ein, die Lider zu schließen, gewillt, die Phantasie über unsere Ohren kommen zu lassen, mit Stimmen wie diesen: Daniela Hoffmann (Julia Roberts), Manja Doering (Reese Witherspoon), Christian Rode (Christopher Lee), Arianne Borbach (Uma Thurman), David Nathan (Johnny Depp), Joachim Tennstedt (John Malkovich), Ursula Heyer (Joan Collins), Dagmar Altrichter (Ingrid Bergmann) … um nur einige der Sprechakteure zu nennen, die für diese Hörspielserie gecastet wurden.

Interessant ist: Le Fanu träumte seinen weiblichen Vampir, dieses Wesen, das er Carmilla nannte. Carmilla alias Millarca alias die Gräfin Mircalla Karnstein, die eine, wie sich später durch ein Familienportrait herausstellt, Vorfahrin von Laura ist. Die, deren Name du nicht wissen darfst. Die ihren Namen anagrammiert statt ihn zu nennen. Die es scheut beim Namen genannt zu werden, wie Dämonen es tun, um nicht gebannt zu werden. Und Laura. Zwei wie Licht und Schatten. Die eine ätherisch in ihrer Erscheinung, die andere irdisch blühend. Zwei, die sich dennoch gleichen. Jung. Unglaublich schön. Sehnend nach Leben.

Laura, die erzählt, von ihrer Begegnung mit Carmilla. Laura, die als “Siegerin” aus der Geschichte hervorgehen wird, ganz ihrem Namen nach. Wenn auch am Ende traumatisiert. Laura, die Besonnene. Die mit ihrem Vater, einem General, und zwei Gouvernanten auf einem Schloss in der Steiermark lebt. Recht einsam. Sich sehnend nach Austausch mit anderen Menschen, da General Spielsdorf, ein Freund ihres Vaters, erst kürzlich in einem Brief absagte der kleinen Familie gemeinsam mit seiner Nichte Bertha einen Besuch abzustatten. Bertha: ein nicht minder schönes Mädchen, das von einem weiblichen Wesen, das sich ihr als Millarca vorstellte, heimgesucht wurde und zum Opfer fiel, wie schon viele andere Mädchen vor ihr. Laura, die ihre Mutter verloren hat als sie noch sehr klein war. Die keine Furcht kennt, da man ihr, auf Geheiß ihres Vaters, keine Geister- und Gruselgeschichten als Kind erzählen durfte. Laura, die uns zu Beginn verrät: 

“Hätte ich mich doch nur gefürchtet! Meine Begegnung mit Carmilla wäre sicherlich anders verlaufen.”

Laura, die erfreut ist über den unverhofft über sie hereinbrechenden Gast. Über dieses junge Mädchen, das mit seiner Mutter, eine Gräfin, die unablässig versucht ihre Tochter an ein Mädchen zu bringen, um sie unter der Haube des Lebens zu wissen, in ihrer Kutsche vor ihrem Schloss verunfallt ist. Einer Kutsche wie der Hölle entfahren. Ein Bund mit dir. Ich und du. Du und ich. Carmilla stellt nicht infrage. Sie sehnt. Sehnt sich nach Laura. Nach Leben. Dem ewigen. Schon bei ihrer ersten Begegnung im Schlafzimmer der jungen Laura, viele Jahre zuvor, als Laura noch ein kleines Mädchen war, das da noch nicht ahnen konnte, wem oder was sie da begegnet ist und auch wieder begegnen wird, sagt Carmilla zu ihr:

“Ich bleibe stets an deiner Seite. Such’ nach mir im Schatten oder in den Spiegeln. Ich werde dort sein.”

Hoppla!

In den Spiegeln?

Geben mir Spiegel nicht eigentlich ein eindeutiges Indiz dafür, einen Vampir als solchen zu erkennen und zu entlarven, sehe ich ihn in ihm nicht? Und scheuen Vampire nicht gar auch gänzlich das Tageslicht, so wie sie Kruzifixe und auch Knoblauch scheuen? Und so spaziert Carmilla, zwar beschirmt und im Schatten, mit Laura im Sonnenuntergang. Auch ist weit und breit kein einziges Flapp Flapp zu vernehmen. Anders als wir es vom heutigen Vampirmythos kennen. Vampire und Fledermäuse. Als gäbe es da keinen Zweifel. Als wäre es schon immer so gewesen. Carmilla jedoch erscheint Laura, die sich nicht sicher ist, ob sie in diesen Moment träumt, einmal des Nachts als riesige dunkle Katze, die ihre Zähne ein zweites Mal in ihre Brust, ihr Herz zu schlagen versucht. Denn einmal ist es ihr bereits gelungen. Damals. Als sie Laura das erste Mal aufsuchte. Dieses seltsame Erlebnis, das sie, Laura, nicht vergessen konnte, das sie als Kind hatte, als sie eines Nachts erwachte und eine junge Frau neben ihrem Bett knien sah, die sich ihr sogleich näherte, sich zu ihr legte und sie, mich erinnernd an eine Mutter, die sich ihrem Kind zuwendet, liebkoste. Woraufhin Laura wieder einschlief, um erneut zu erwachen, als sie nämlich von ihr gebissen wurde. Da jedoch sah sie sie noch nicht als Katze, sie spürte nur zwei Stiche in ihrem Herz, als ob zwei Nadeln es durchstechen würden. Und tatsächlich: Ihre Brust wies Bissspuren auf. Zwei kleine Löcher, die von ihrem Vater und den beiden Frauen mit Entsetzen entdeckt wurden. Bei ihrem zweiten Treffen, also Jahre später, wird Carmilla angeben, dass sie dies damals auch als Traum erlebt habe.

Vampirinnen und Katzen, meine Damen und Herren! Meine erste Assoziation, die ich Ihnen anbieten kann ist Jacques Tourneurs Film Cat People (zu dt.: Katzenmenschen) von 1942, in dem die Geschichte einer aus Serbien stammenden und nun in New York lebenden jungen Frau erzählt wird, die ihrem frisch vermählten Mann versucht näher zu bringen, dass sie sich, wie es eine “Legende” aus ihrer Heimat erzählt, in einen Panther verwandelt sobald sie sich einem Mann ungehemmt hingibt. Etwas, das er sich von ihr wünscht, zugleich aber, was die Verwandlung betrifft, für einen Aberglauben hält. Und so besucht sie immer wieder im Zoo einen in einem Käfig eingesperrten Panther, zu dem es sie magisch hinzieht, den sie am Ende des Films, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, befreit, der aber sogleich von einem Auto erfasst wird.

Die Mythologie der Katze ist ein weiter Rasen. Kulturabhängig. In der nordischen Mythologie z.B. sind Katzen Begleiterinnen der Freyja, der Göttin der Liebe. Oder denken Sie an Bastet, die Tochter des Sonnengottes Re, eine Katzengöttin aus dem alten Ägypten. Und diese, Le Fanus Katze, kann zudem ja noch durch Wände gehen oder, zurückverwandelt in eine Frau, das Zimmer durch ein ungeöffnetes Fenster verlassen. Von Vampiren oder Fledermäusen weiß ich solches nicht zu sagen. Das mag vielleicht daran liegen, dass Fledermäuse von Natur aus nachtaktiv sind, während Carmilla, auch wenn sie tagsüber ebenso schläft, doch eher die Wirkung eines nachtwandlerischen Wesens verströmt. Eines jedoch ist aber auffallend: Es finden sich viele unterschiedliche Kulturen, in denen es wie auch immer geartete Dämonen gibt, die die Gestalt einer Katze annehmen können, um einem anderen Lebewesen das Blut zu saugen. So z.B. die Chordeva (zu dt.: Diebdämonin), eine Vampirhexe des indischen Oraonstammes, die sich als schwarze Katze verwandelt in die Häuser von Kranken schleicht, um ihnen die Nahrung wegzufressen und deren Lippen zu lecken, woraufhin ihre Opfer sterben. Und nicht zu vergessen, dient die Katze in unserem Kulturkreis dem Aberglauben auf viele verschiedene Weisen: z.B. als Schutz vor sog. bösen Hexen, gräbt man ihren Kadaver unter den Dielen gen Osten ein. Oder sie gilt als Unglücksbote, läuft sie einem von links nach rechts über den Weg. Und mehr dergleichen …

Le Fanu hat mit Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, der ja selbst von dieser Quelle inspiriert, die Handlung im ersten Entwurf in der Steiermark spielen ließ. Auch hat Van Helsing nicht wenig Ähnlichkeit mit Dr. Hesselius, den General Spielsdorf konsultiert, um zu erfahren, was mit Bertha geschieht. Ebenso Lucy Westenra, Mina Murrays beste Freundin, die in ihrem Wesen an Carmilla erinnert. Und deswegen ist Le Fanus Novelle ein besonderes Fundstück, das unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt. Man kann darin die Liebe einer Frau zu einer anderen Frau bzw. die eines Mädchens zu einem anderen Mädchen lesen. Aber allein das wäre mir zu wenig. Das Besondere an diesem Hörspiel ist, dass die Beziehung von Laura und Carmilla nicht eindeutig und explizit konnotiert wird. Die Erotik findet auf vielen unterschiedlichen Ebenen statt, läuft stets subkutan. Es sind diese starken ausgewählten Stimmen, die mich wahrnehmen lassen, was dieser Vampirprototyp Carmilla allen verheißt, wie es Le Fanu selbst in seinem Traum ergangen sein muss, als sie ihm erschien. Carmilla, die sich Laura zu Beginn als mütterliches Wesen nähert, das liebt und beschützt und ihr doch gleich ihren “Dämon” zu spüren gibt, sie “infiziert” mit ihrem Wesen, dem Anderen, dem Andersartigen, dem, was man im Spiegel sieht, schaut man hinein, was man in der Nacht, der Dunkelheit, den Schatten findet. Denn erst später, bei ihrer zweiten Begegnung, nähern sich die beiden einander an und erscheinen darin wie Mädchen an der Schwelle zum Frausein. Und um es zu werden, so scheint es, brauchen sie dafür die jeweils Andere: einen Spiegel.

Alles in allem: ein gelungenes Hörspiel mit starken Stimmen und einer durchaus überzeugenden Atmosphäre.