Ich bin die Nacht – 5 –

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talion zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.

Vir Desideriorum

Ich kannte Adam. Schließlich hatte er mich in die Brennnesseln geworfen (oder ich war gefallen, das sage ich mir wieder und wieder). Mit Bestimmt­heit kann ich jedoch sagen, daß er mich bei einem Wettrennen vom Rad stieß, weil ich drauf und dran war zu gewinnen. Ich lag auf dem Schotter, meine Beine bluteten, aufgeschlagen wie die frischen Kalkschalen zweier Hühnereier. Wir waren schicksalhaft aneinander gebunden, vermochten uns nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn wir es noch so sehr gewollt hätten.

Ich weiß, daß unser Bewußtsein auch durch das Land geprägt wird, auf dem sich das Verborgene heranpirscht und erwacht. Aber erst mit den Jah­ren lernte ich zu verstehen, daß es nicht nur brach liegt oder sich gerne nur betrachten oder durchwandern läßt, sondern, ganz im Gegenteil, eingreift in die Geschicke der Menschen, die ihm mehr oder weniger ausgeliefert sind. Dem Land. Dem, was wir Bewußtsein nennen. Seit diesen Tagen frage ich mich immer, wenn ich mich irgendwo von Neuem niederlasse: Was will das Land von dir, und was ist es bereit, für dich zu tun, wie wird es versuchen, dich zu verführen?

Der Landstrich, in dem wir damals mehr oder weniger angenehm gefangen waren, war vielleicht einfach nur da, um die Wiege Adams zu sein, ihn auf die Reise vorzubereiten, von der wir natürlich alle irgendwann Kenntnis bekamen. Gerüchte gab es allerhand, ob nun der Nachtgiger in den Wäldern gesehen worden war, oder ob die Wölfe wieder über die Böhmische Grenze gekommen sein sollten. Man wob Schauerliches zusammen, es paßte eben zur Kulisse. Jene aber, die Bescheid wußten, und die Adam hätten retten können, starben auf mehr oder weniger dramatische Weise. Es gehörte alles zum Plan, sozusagen. Auch ich gehörte dazu. Vieles weiß ich nicht mehr, es ist im dunklen Gewässer der Geschichte verloren gegangen (ich bemerke, wie sich stets ein Schatten über meine Erinnerung legt), dabei war mein Part vielleicht nicht einmal so gering zu werten, wie ich das stets glauben wollte. Ich weiß nichts Genaues, wirklich … ich weiß nichts, aber da ist etwas, das auch mich zeichnete. Wäre ich dort geblieben …

Mit mir zusammen betippte Adam eine kleine rosa Schreibmaschine aus Puppenplastik, wohl seine erste. In den Betriebswohnungen waren wir einge­sperrte Küken, wir schwelten als Futter, wenn auch nur vorübergehend, in unseren eigenen Dottermägen. Mit meiner neu zusammengewürfelten Familie lebte ich gegenüber des Granitwerks, das sich nur ein paar hundert Meter weiter die provisorische Straße abwärts von der Kunststoffabrik befand. Folgt man ihr weiter durch den massiven Wald, kommt man in Schwar­zenhammer wieder raus. Soweit ich mich erinnern kann, besuchten uns Lud­wig und Adam dort nur ein einziges Mal, wir zogen da ja bald aus. Mein Stiefvater baute sein Haus direkt in die Nachbarschaft der Familie Pikid, oben am Waldrand gelegen, direkt neben dem Jagdhaus mit der alten Sonnenuhr an seiner Vorderseite.

Wie ich schon sagte, wir konnten uns nicht voreinander verbergen.

Adam fand mich nicht mehr auf seinem Weg nach Raha, und ich suchte ihn nicht, aber die Blätter und Nadeln der Bäume raunten Geschichten. Ich verstand nicht viel von seinem Gedicht, das er mir bei stillem Lindenfieber und brausendem Sekt in der Badewanne vorlas.

Du wirst immer Falter sein / Wehe dem Mond

Vir desideriorum; ein Titel wie blanke Ferne. Mann der Sehnsucht, nicht hom­me de lettres, nein, vir desideriorum, einer, der sich nicht mit dem plumpen Vorhandensein zufrieden gibt. Wir tranken damals leise, nahmen uns den Krimsekt vor, das Flittergetränk meiner Mutter, feierten unsere Zusammen­kunft, die gleichzeitig der Abschied war. Staunend lief er über den Marmor­boden, betrachtete mich so, daß mir im warmen Wasser kalt wurde (wahrscheinlich wäre mir im kalten Wasser warm geworden). Er stellte diese schreckliche Musik ein, die er betwixt and between nannte, erzählte von Robert Johnson, der an den Crossroads seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Stan­dinʼ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, every­body pass me by – und blickte drein, als hätte er selbst es getan.

Wir befanden uns nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits mitten auf der Kreuzung. Ich blieb auf der großen Straße, aber er schlug sich ins Ge­büsch. Vielleicht hätte ich ihn allzu früh geliebt, wenn wir nicht mehr oder weniger zusammen aufgewachsen wären (und ohne seine Attacken, die nicht meine Niedergeschlagenheit beabsichtigten, die nur etwas verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, dass wir jetzt hier zusammen saßen).

»Ich erinnere mich nur, weil du es nicht vergessen hast!«

Bei den Langbooten aus Kunststoff-Harz, die in einem Lagerschuppen vor dem Teich aufgebahrt waren, fing ich mir die erste Berührung ein, die Brennhaare, die Methansäure des jähen Zorns. Aber war er es, der mich in die Brennnesseln warf, war es nicht das Land, die Luft, war es nicht etwas um ihn herum, das ihn zur Einsamkeit zwingen wollte? Er ahnte nicht, daß ich später, wenn die Zeit reif dafür war, die erste sein würde, die seine Federn zählte, die erste, die Spaß daran hatte, alles in Bewegung zu setzen.

Zunächst lag ich mit meiner Hand zufällig im Schritt halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, bewegte mich, weil ich träumte, weil mich etwas am Nacken faßte. Ich wollte etwas sagen, aber aus mir heraus kam nur Miau­en. Mein Hals fühlte sich rau an, als wären dort mehrere Seile gespannt, auf denen Zugvögel meditieren. Etwas biß mir in den Nacken und erreichte die Hand in meinem Schritt, die sich nicht bewegte, die mucksmäuschenstill da lag und eingeschlafen war. Um sie zu wecken übte ich etwas Druck aus, aber mir explodierte nur mein pulsierendes Organ. Ich sah eine Sonne vor mir, die ihre Arme nach mir ausstreckte, mir war, als hätte ich diese Sonne verschluckt, denn sie befand sich in meinem Bauch und ihre Strahlen sausten mit dem Blut durch meine Adern. Ich miaute, miaute, miaute, ging tiefer in den Schlaf hinein, sah mich nackt unter Rehen stehen, aber nicht ganz nackt, denn auch ich trug ein Fell, waldbraun und sumpfig. Die Rehe nickten mir zu, ich ließ mich hinunter auf alle Viere und trank den Tau von den Grashalmen, den Blüten der Margeriten. Das Flutlicht vierteilte uns, aus der Umkleideka­bine drangen ebenfalls Licht, Musik und Gelächter. Aber wir, wir befanden uns ganz alleine auf dem dörflichen Fußballplatz, wir waren Rehe. Niemand schien uns zu beachten, niemand war zu sehen. Und doch fraß uns etwas auf. Keine Bestie, wie wir sie aus Filmen kannte, davor hätten wir fortlaufen können. Es war etwas viel Schlimmeres und es bestand aus einer Traumsubstanz, die nie ganz zu begreifen war.

Man On The Silver Mountain von Rainbow kam aus den Kabinen getönt, wo es nach Lederbällen, Schweiß, Bier, und nach trockenem Holz roch.

I’m the day, I’m the day / I can show you the way / And look, I’m right beside you / I’m the night, I’m the night / I’m the dark and the light / With eyes that see inside you

Irgendwie hörte es sich bereits nach Abschied an. Adam starrte mir auf die nackten Beine, betrachtete das Muttermal, mein Australien an der Wade, klein wie Madagaskar, meine Hand zufällig im Schritt, halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, während ich träumte, daß er mich am Nacken faßte und ich miaute, daß er mich biß, und ich wie ein Reh meinen Pelz abzog, um im Mondlicht zu tanzen. Blut lief an meinen Beinen herab, sah aus wie Wein, aus meinem Inneren sprudelte Wein, dort öffnete sich die rote Frucht. Ich die Rebe, das Reh, miaute auf der eingeschlafenen Hand, sah eine Sonne, explodierte in der Mitte zu einer Musik, die rief: »Myrrha, Myrrha!« Doch das war nicht der richtige Name, nicht mein Name, mein Name lautete Starstruck, Lady Starstruck, Bad Luck.

»Was tust du da, warum liegst du so lange im Bett? Brütest du etwas aus?« Die Mutter an der Tür. Wenn ich jetzt aufstehe, wird sie mein Fell entdecken, das mir über Nacht auf dem Fußballplatz gewachsen war, und das mich zu einem Opfer stilisierte.

Aber vielleicht habe ich es nur angezogen, übergestreift. Vergangenheit, in die wir niemals wieder zurückkönnen, Vergangenheit wie ein Traum. Ich betrachte mich im Jetzt und denke, daß ich nicht die Frau bin, an die ich mich erinnere, die ich durch Zufall geworden bin. Es ist eine geheimnisvolle Welt in meinem Kopf, und ich frage mich, ob wir dort immer noch sitzen und trinken und Rainbow hören, ob das bereits vor dem Urknall geschehen ist, ob dieses Zeug, das die Welt ausmacht, auf uns gewartet hat und dann in der Mitte explodiert ist; und seitdem bin ich Frau. Ich meine, nicht nur körperlich. Uns allen wurde etwas ausgetrieben damals. Kinder verschwanden. Erscheinungen tauchten auf. Das Schweigen wurde durch billige Lautstärke ersetzt. Man sprach sogar von Ritualmorden, aber das wurde nie bestätigt.

Ich war nun schon lange nicht mehr dort, es ist interessant, daß Sie mich das fragen. Aber ich weiß von einer Freundin, daß Schwarzenhammer das Ebenbild einer Geisterstadt ist. Nein, ich war nicht mehr dort, seit Adam zu mir sagte: »Ich muß jetzt gehen. Myrrha, ich muß jetzt gehen!«

Mein Name ist Emma, sagte ich zu ihm. Erinnerst du dich?

Adams Tinte war die erste Tinte, die ich sah, und in mir lähmte sich ein Nerv (oder lähmte mich gar der Stift?). Ich konnte mich – festgenagelt an mein Bett – konnte mich erinnern, wie ich vom Rad flog, in die Brennnesseln, und wie ich auslief. Erst Blut, dann Tränen, dann seine Tinte, die ich in mein Hemdchen schmierte, in die Innenseite, damit niemand auf die Idee käme, zu fragen : »Was ist das?«, die Mutter nicht fragt : »Was ist das?« Denn ich lief ja aus, klebte an ihm fest, und konnte es nicht vermeiden, jeden Tag erneut durch sein Fenster zu krabbeln, um seinen ganz und gar aufrechten Stift zu berühren, mit dem Mund, mit den Füßen. Es ging alles viel zu schnell, schon stürzte ich, aber danach sagte ich : »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Ich zeigte ihm meine Narben an den Beinen, kleine, beginnende Monde, neue Monde, vergehende Wunden von vor Jahren, als wir der Definition nach noch sächlich waren. Er nannte mein Muttermal : »Dein Australien an der Wade«, weswegen ich mich schämte. Ein tiefer, dunkler Impuls ließ mich jede Nacht mit ihm gehen, damit er sich ausprobieren konnte. Ich lag da und starrte an die Zimmerdecke. Nacht für Nacht brachte er mich auch wieder zurück, sobald ich alles in mir hatte. Jeden Tag wusch ich meine Kleider selbst, aber dann ertappte mich meine Mutter dabei, wie ich mein Höschen ausleckte.

»Was ist das?«

Der dunkle, tiefe Impuls.

Ich durfte Adam nicht wiedersehen, wurde in ein Internat geschickt und bekam eine andere Welt in mein Ohr geblasen, lernte die Dinge neu, blieb auch der Erinnerung fern für allezeit, die Erinnerung an die ersten Dinge, wenn keine Erwartung die Erfahrung trübt, wenn alles ohne Zutun, ohne Tat­kraft, ohne Ordnung in das Leben bricht, wenn eine süße Gewalt die Ohn­macht steuert. Heute würde ich an ihm vorübergehen, heute würde ich ihn ansehen und wissen. Ich bin mir heute sicher, daß wir damals unser Leben dadurch retteten, indem wir uns gegenseitig entdeckten.

»Wo kommst du her?«

»Aus Raha.«

»Wer lebt in dieser Stadt?«

»Unverändert wir.«

Jene, die nur Sporen wittern und zur Tränke gehen, wir, die wir dort ba­den, die weiße Haut ausgelassen von der Sonne. Adam kennt die Nächte dieser weißen Flecken, Adam kennt das Mauerwerk ohne Putz, fünf Gärten für die Sinne. Den Garten der Hesperiden, den Garten des Alkinoos, Olymp und Asgard. Schändlich, wer sich gefangen gibt, und sei es im Namen des allgemeinen Nutzens. Er setzte all seine Erwartungen einzig in seine Ungebundenheit, in diesen Drang, sich treiben zu lassen, um allem zu begegnen, ein Drang, der eine Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen ungebundenen Menschen herstellte, als wären sie berufen, sich plötzlich zu vereinigen, mit dem Mund, den Füßen, den Händen. Ich kannte dich in diesen Sommerstun­den, dich, der mich aus den Nesseln hob, der mich im Schotter liegen sah, in meiner schwächsten Stunde, die er selbst herbeigerufen hatte.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer

Erschienen bei Hanser.

Der polnische Boxer ist eine kleine Sammlung miteinander verbundener Geschichten des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon. Diese Offenbarung erschien im Jahre 2014 fast unbemerkt im Hanser Verlag. Überraschend daran mag vor allem sein, dass es bereits Halfons zehntes Buch ist, aber das erste, das übersetzt wurde. Das Original erschien bereits 2008 und im September 2019 erscheint – nach „Signor Hoffman“ von 2016 – sein lang erwartetes „Duell“.

In dem vorliegenden kleinen Puzzle bewegen sich Halfons Fragmente mühelos von Antigua, Guatemala, einem kulturellen Transitpunkt Mittelamerikas, nach Durham, North Carolina, Belgrad und Póvoa do Varzim, Portugal. Erzählt wird das alles von dem Protagonisten „Eduardo Halfon“, einem jüdisch-guatemaltekischen Schriftsteller und Literaturprofessor (ein Zufall, diese Ähnlichkeit mit dem Autor). Die Geschichten kreisen unter anderem um Themen wie Kunst und Schrift, Identität, Auschwitz, sexuelle Ekstase und Zigeunermusik. Und sie trumpfen mit dieser ganz bestimmten Art erdiger lateinamerikanischer Intelligenz; beschäftigen sich mit der Suche nach Antworten und geheimen Schlüsseln zu den Rätseln von Leben und Familie, Geschichte und Heimat, Wahrheit und Leidenschaft.

Halfons Neugier auf die Erfahrungen seines Großvaters in einem Konzentrationslager zieht sich durch jedes Kapitel, von der subtilsten Ebene bis zur tiefsten Erkundung. Halfon weiß nur, dass es ein polnischer Boxer war, der seinen Großvater Oitze in Auschwitz gerettet hat, aber die Details bleiben ein Rätsel. Oitze zeigt Halfon selbst nur die grausigsten, aber verschwommensten mentalen Dias von Auschwitz. Dieses klaustrophobische Bild der dunklen, feuchten, mit Flüstereien gefüllten Zelle gibt den Ton für den Großteil des Romans vor. Für Halfon (den Protagonisten) ist die Idee eines Boxers, der Oitze rettet, ein Symbol, an dem er festhält, die Hoffnung, dass etwas oder jemand ihn retten wird.

Im dritten Teil „Epistrophy“, in dem der Erzähler Milan Rakic, einem Halbzigeuner und serbischen Pianisten, der auf einem Kunstfestival in Antigua auftritt, begegnet, beginnt das Buch wirklich zu schweben. Es ist Rakic, „ein moderner Nomade, ein allegorischer Nomade“, der dieses Buch in zwei atemberaubende Kapitel führen wird. Das erste, „Postkarten“, ist eine Serie von rätselhaften Schnappschüssen über Jazz und obskure Zigeunerkünstler, die Rakic von seinen Tourneen rund um den Globus zu Halfon schickt, während der klassisch ausgebildete Musiker als wandernder Akkordeonist immer tiefer in das Geheimnis der Wurzeln seines Vaters hineingezogen wird. Und das zweite, „Die Pirouette“, beinhaltet Halfons außergewöhnliche Suche nach dem verlorenen Rakic, der in „seinem eigenen verdammten Mythos“ irgendwo in der rauchigen Zigeunerunterwelt des postkommunistischen Belgrads verschwunden ist.

Indem er sich selbst als Protagonisten darstellt, vermischt Halfon die Fiktion mit der Realität. Er spielt explizit allwissender Erzähler und den im Dunkel Tastenden. Er vermischt auffallend diese beiden Ebenen und sagt uns: „Literatur ist nicht mehr als ein guter Trick, den ein Magier oder eine Hexe ausführen kann, um die Realität als Ganzes erscheinen zu lassen und die Illusion zu schaffen, dass die Realität eine ganze Einheit ist“. Er wird selbst zu diesem Zauberer, wenn er nach Milan sucht und sich bemüht, eine Postkarte zu rekonstruieren, die er von ihm bekommen hat: „Es gibt immer mehr als eine Wahrheit in allem“.

Die Geschichten sind geschickt und kunstvoll miteinander verbunden – eine amerikanische akademische Konferenz über Mark Twain (der zufällig 1866 durch Nicaragua reiste); ein literarisches Symposium in Portugal, wo Halfon über die leidige Beziehung zwischen Literatur und Realität nachdenkt; Nächte am Strand mit seiner Freundin Lía verbringt, die danach versucht, Ebbe und Flut ihrer Orgasmen auf Papier festzuhalten, als ob sie Wellen oder Träume skizzieren würde. Die Geschichte von Halfons Großvater, der von seinem Zellengenossen, einem Boxer aus der polnischen Stadt Lodz, vor Auschwitz gerettet wurde, weil er  ihn in einer lange Nacht auf eine Befragung durch die Nazis vorbereitet.

Im weiteren Verlauf des Romans wird der metafiktionale Farbton stärker und heller. Sein unergründlicher Wunsch, Milan zu finden und Oitzes Vergangenheit aufzudecken, wird als surreales Verlangen dargestellt. Seine Fantasie überschlägt sich, und in dem Versuch, ihre Geheimnisse zu lösen, umarmt er deren Geschichten als seine eigenen. Er vergleicht seine Besessenheit, mehr über ihr Leben zu erfahren, mit der Art und Weise, wie ein neugieriges, krankhaftes, leicht ängstliches Kind unter dem Bett nach Geistern sucht.

Tatsächlich ist es die begrabene Vergangenheit des Großvaters, die schließlich enthüllt wird, die das kraftvolle zentrale Bild des Buches liefert: die „fünf mysteriösen grünen Ziffern, die mir viel mehr auf einen Teil seiner Seele als auf seinen Unterarm tätowiert zu sein schienen“. Als Kind wurde Halfon gesagt, das Tattoo sei gemacht worden, damit sein Großvater seine Telefonnummer nicht vergessen würde. Nach dem Tod seines Großvaters im letzten Akt des Buches „Sonnenuntergänge“ schwingt sich Halfon von den in sein Fleisch eingebrannten Figuren über Lias Zeichnungen und Visionen zu Maya-Tempeln in der Abenddämmerung und sucht atemlos nach einem verbindenden Faden im Gewirr der Elemente des Buches: „Ich dachte an die fünf  blassgrünen Zahlen, die jetzt auf dem Unterarm meines Großvaters, unter der dicken schwarz und dunkelviolett karierten Decke, dabei waren, zu sterben. Ich dachte an Auschwitz. Ich dachte an Tätowierungen, Nummern, Zeichnungen, Tempel, Sonnenuntergänge.“

„Der polnische Boxer“ ist ein Buch der kleinen Wunder. Dabei erinnert Halfons Werk in gewisser Weise an andere Autoren, etwa an die Würzigkeit des Kubaners Pedro Juan Gutierrez oder auch an Henry Miller (von dem ein Zitat das Buch eröffnet) bis zu den eindringlichen Stimmen von John Berger und dem Argentinier Edgardo Cozarinsky. Auch die schiere erzählerische Dynamik und Faszination der Mischung aus Leben und Büchern, Sex und Kunst scheinen Echos des chilenischen Meisters Roberto Bolaño zu sein.

Der guatemaltekische Autor glaubt wie Platon, dass „die Literatur eine Täuschung ist, in der der Betrüger ehrlicher ist als der, der nicht betrügt; und der, der betrogen wird, ist weiser als der, der sich nicht betrügen lässt“.

Ein Gemälde auf Erde

Daß man in der Veränderung steht, daß man in der Veränderung sich selbst nicht verändert, gestreift wird vom Verfall; andere verfallen und man selbst. Aber es sind nur Kleider; man hat eines ausgezogen, darüber hinaus ändert sich nichts.

Aus einem Ballon tranken wir Würze, wir tranken das Leben in einem einzigen Zug, installierten unsere Vergangenheit in dieser Gegenwart, für immer ein Gemälde auf Erde, Land, Zeit.

Der wilde Wind 1

Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹ in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte. Als Selma, die Nachbarin, die einst den Miss-Marple-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hatte, förmlich an ihrem Krebs erstickt war, beerbte sie auch deren Garten. Nichts als Blumen hat die im Kopf, sagte Hermann zu ihr, als sich diese zusätzliche Aufgabe anzubahnen schien, du willst doch nicht auch nur Blumen im Kopf haben, oder? Nein … im Kopf wollte sie keine Blumen haben, in den vielen vorzeigbaren Vasen, die noch ungebraucht in den Schränken herumlümmelten, schon. Zumindest bis sie an einer Luftembolie zugrunde gehen würden. Schnittblumen schienen ein Synonym für den Müßiggang der Hausfrau zu sein, wohingegen die ein oder andere eingevaste Nelke am Sonntagstisch nahezu erforderlich war, um diesen Tag, an dem sie gemeinsam bei schönem Wetter zum Weißenstädter See hinausfuhren, nicht bereits in den Morgenstunden scheitern zu lassen.

Anna taktete schneller. Selbst dem Staub, der sich unter Kommoden, Betten und hinter den Schränken einzurichten gedachte, blieb die Entdeckung mit anschließender Eliminierung durch ihre flinke Hand nicht erspart. Als sie einen Progreß-Staubsauger zum Hochzeitstag bekam, blieb sie dennoch beim Reisigbesen und dem Teppichklopfer, von den kleinen Helfern in der Küche, die in Tüten steckten, hielt sie wenig, Fond und Jus, die sie für ihre Suppe am Samstag und die Sauce am Sonntag benötigte, begann sie bereits am Montag anzusetzen. Hermann kam täglich von seiner Arbeit als Vertreter für Grabsteine, die er, bis es um seinen Rücken nicht mehr so gut bestellt war, selbst gravierte, in ein überaus gepflegtes und strahlendes Haus. Und darum ging es ja im Leben, oder worum ging es sonst?

Gegen 16 Uhr, wenn sie sich den nachmittäglichen Kaffee brühte und sich mit einem selbstgebackenen Kuchen niedersetzte, verspürte sie einen Hauch der Müdigkeit, die immer seltener ihren Geist zu erfassen mochte, ein angenehmes Kribbeln in den Beinen und eine leichte Betäubung in der Nähe der Stirnlappen. Hätte sie sich um diese Zeit ins Bett gelegt, wäre sie wohl tatsächlich eingeschlummert. In vier Stunden wird es noch besser sein, dachte sie zu Beginn ihrer Wechseljahre. Sie war der Meinung, wenn sie sich Nacht für Nacht wie eine Braut kleidete, würde das ihre Stimmung in die richtige Frequenz bewegen, doch sobald sie dann tatsächlich lag, gingen ihr die Ereignisse des Tages derart grob im Kopf herum, daß ihre Schläfrigkeit, die noch am Nachmittag wie eine Verheißung geklungen hatte, wie weggeblasen war, unauffindbar wie der Staub, von dem man doch annehmen durfte, daß er einen unbezwingbaren Gegner abgab, aber in Annas Refugium nie eine Besatzungsmacht werden würde. Der Schlaf kam nicht und kam immer weniger. Oft döste sie ein und träumte von Dingen, die sie sich vornahm zu merken, was ihr aber bis auf wenige Ausnahmen nicht gelingen wollte. Wenn sie erwachte und auf den klickernden Wecker schielte, waren oft nicht mehr als ein paar Minuten verstrichen. Zwei Kinder hatte sie zur Welt und aus dem Haus gebracht, aber außer einem wuchernden Garten, der in Wirklichkeit aus zwei wuchernde Gärten bestand, und einer Küche, deren Wohlgerüche selbst durch die mit Schimmel überzogenen Mauern drangen, durch gleichförmige Tage, Wochen, Monate, durch die Jahre schipperten, besaß sie nichts, das ihre Persönlichkeit vergolden könnte. Die Liebe zwischen ihr und Hermann war den Weg aller Lieben gegangen, die sich lange genug damit begnügten, den Status Quo zu erhalten, ohne ein utopisches Ziel zumindest formuliert zu haben. Steinern und grau wie ein Konzern, der seine Mitarbeiter benutzt, aber nicht kennt, reichte sie das Zepter an das Gewöhnliche, an das Mittelmaß weiter. So war nichts weiter geblieben als die Materialisation des Sprichworts, daß das Leben stets weiterging, was immer auch geschah, und daß ihr Leben so lange weiterging, bis es einmal enden würde. In ihren Tagträumen dachte sie nicht an eine Zukunft, sondern immer nur an die Vergangenheit, die trotz des Krieges vornehmlich aus jugendlicher Ahnungslosigkeit bestanden hatte. Ein Schrecken, der sich manifestiert, kann bei gut geführtem Optimismus überwunden werden, das ausgerufene Paradies, das sich aus zunehmender Routine und gesellschaftlichen Konventionen zusammensetzt, ist hingegen das eigentliche, das unüberwindbare Grauen.

Daß immer alles langsam beginnt, schleichend und unmerklich, daß sich die Gefahren im Nacken bemerkbar machen, in den Poren brodeln, zunächst die Haarwurzeln attackieren, bevor das Unglück geschieht, ist eine Wahrheit in den Büchern des Mesmerismus, in denen die Wechselwirkung mit dem Fluidum des Äthers eingehend geschildert wird. Doch noch nachdem wir Menschen, die wir die Bastarde einer kosmischen Rasse sind, aufhörten, wie die Tiere den Instinkt zu nutzen, rochen wir die Stille zwischen den Ereignissen, weil wir aus einer einzigen sich fortpflanzenden Nase bestehen, und es auch heute nicht lassen können, dieses mittlerweile völlig verkümmerte Organ, einst der Stolz eines längst zu einem Schwarzen Loch gewordenen Planeten, tief in die Wäsche anderer zu versenken. Unsere Augen sind nicht und werden nie im Bilde sein, bauen die uns umgebenden Dinge (wenn es sich denn um Dinge handelt) nahezu vollständig falsch auf, was zeitweise zu verheerenden Irrtümern führt, die uns aus einem unerklärlichen Grund nicht zu kümmern scheinen – aber die Nase erinnert uns an den Urgrund unserer schleimabsorbierenden- und ausscheidenden Spezies. Freilich gingen wir dazu über, unsere Verrücktheit durch einen billigen psychologischen Trick einer höheren Entwicklung zuzuschreiben, von der allerdings weit und breit nichts zu sehen ist. Daß also immer alles langsam beginnt, um uns Zeit zu lassen, die elektrische Ladung zu erschnuppern, bevor der Blitz das Russische Roulette eröffnet, traf auch auf den Sturm der Winterdämonen zu, deren barfüßige Vorhut bereits nach dem Mittagessen aus allen Wolken fiel. Keine zwei Stunden später wurde das allgemeine Schneeschippen eingestellt, weil sich zu den fallenden Flocken auch die Verwehungen gesellten, man also bald nicht mehr wußte, wo sich das eigene Haus befand. Wer konnte, verbarrikadierte sich, schlummerte glühweintrunken vor den knallenden Holzscheiten oder legte sich etwas früher zu Bett. In drei Tagen sollte sich Weihnachten wiederholen, außerhalb der Städte war man längst darauf vorbereitet, die Speisekammern und Keller barsten unter der Last der für die Dezemberorgie vorgesehenen Hortung. Hier wie überall auf der Welt würde der ein oder andere Baum in Brand geraten, solidarisch eine glühende Gemeinschaft bilden, vielleicht war mehr drin, vielleicht konnte man das ganze Haus erwischen.

Der Elvegust

Der Wetterbericht hat den Sturm nicht angekündigt, der sich zunächst über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt. Wer in den Betten liegt, wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und geschlossenen Fensterläden dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben. Niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen. Wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben.

Es beginnt mit einer jähen Wolke, unangenehm schwarz und quälend wie ein böser Gedanke. Und ebenso plötzlich entlädt sich diese Wolke, die pumpend die leuchtenden Sterne verdeckt. Capella in der Konstellation Fuhrmann, Pollux in den Zwillingen, Prokyon im Kleinen Hund. Das bedrohliche Massiv hat unscheinbar begonnen, als cumulus humilis, nicht zu unterscheiden von einem Papiertaschentuch, das von einem Hochhausbalkon geworfen trudelnd in der Tiefe den Wind zu reiten versucht, unbeachtet von jenen, die ab und zu zwinkernd den Kopf in den knirschenden Nacken legen, um zu erkennen, was da oben vor sich geht.

Als kondensierter Atem zieht das Wölkchen einer Herde halbstarker Gewitterwolken nach, verliert dann jegliche Spur von ihnen und bebt seinem persönlichen Bestimmungsort entgegen. Einmal nur gebraucht zu werden, den Himmel zu verdunkeln, elektrische Ladung auf sich zu ziehen, um damit Tonnen von Regenwasser auszulösen, das ist der Traum eines jeden heranwachsenden Nebelknäuels, Teil des angeblichen Zufalls, der sich im Kupferkessel der Troposphäre zusammenbraut. Wird das Wölkchen nicht bereits besungen? Mit jedem ›dum-di-dum‹ erklingt sein Name, der zur Gänze ›Dumdidum Wisch‹ lautet. Die Wolke ist eindeutig zu jung, um sich noch an Goethe zu erinnern, der sich auf der Luisenburg in den Granit verliebt hatte. Allzu kurz währt ein dunstiges Leben, nur wenige, die als gewaltiges Gewitter ihre Karriere beenden, bringen es überhaupt zu Ruhm : Galveston, Betsy, Inez, Beulah.

Die cumulus humilis genießt die gegenwärtig stattfindende Konvektion. Thermische Energie kitzelt sie so lange, bis sie vor Lachen, das keiner Heiterkeit entspringt, die Grenzschicht der Troposphäre durchstößt. In der Folge werden ganze fünf Häuser allein in Schwarzenhammer abgedeckt. Zaunlatten fliegen wie olympische Speere durch die Luft. Konrad Hartlings Taubenschlag, der neben der gewaltigen Linde auf einem phallusähnlichen Pfahl in ein hölzernes Miniaturschlößchen mündet, das wohl das gleich gegenüber zu bestaunende, echte Jagdschloss verstörend ungenau nachbilden sollte, wird aus seinem Betonsockel gefetzt. Eine Woche später hat er es wieder aufgebaut, aber keines der dort heimischen Tiere kehrt je zurück.

Bei Hendelhammer, wo die Nordufer der Eger steil abfallen, rutscht ein ganzer Hang ab. Auf den nach Süden gewandten Ackerflächen, die hauptsächlich aus verwitterten Granitporphyr bestehen, findet der aggressive Wind seine passende Munition in Form von Felsbrocken unterschiedlichster Größe, die er im Vorbeistürmen aufklaubt und gegen Hauswände wirft. Etliche Scheiben bersten unter den zeternden Elementen. Die Hauptzerstörungslinie befindet sich jedoch parallel zur Schlossstraße, die sich von Thierstein kommend an der Hohen Mühle vorbei wie eine träge Schlange durch Kaiser- und Schwarzenhammer windet, dort zur Egerstraße wird, und dann durch den Selber Forst, am dortigen Schausteinbruch vorbei, direkt in die Porzellanstadt Selb hinein führt.

Der Ort wirkt friedlich aber leer. Die Kulisse steht seit Jahrzehnten unverändert. Wenn es je ein Geisterdorf gegeben hat, dann ist es Schwarzenhammer, zu unwichtig, um erneuert und restauriert zu werden. Aufrechterhalten durch die Erinnerung der Fortgegangenen und der Toten, die ihre Energien hier zurückließen. Die Koffer des Lebens, das sie führten. Sie können zurückkehren, wenn ihre Häuser noch stehen, wenn es einen Gegenstand gibt, mit dem sie verschmolzen sind. Sie benötigen ihre Nachfahren nicht, keinen trauernden Verstand, der sie nicht loslässt. Der Körper ist stets nur die Flasche des Geistes. Was sie brauchen, ist das Tableau, eine Anordnung von Bauwerken, Straßen, Gassen und Wegen. Wie bei einem Tresorzahlenschloss können dann die Korridore geöffnet werden, Zeitenunabhängig, in beide Richtungen begehbar.

Die Vergangenheit sitzt gerne in ihrem alten Lehnstuhl, um das Treiben zu beobachten, das sich um die Zukunft dreht, um das Ausweiten von Raum durch Bewegung. Kindheiten tauchen auf, nachtbehemdet, wie ein Schock, nicht nur wie eine Brise. Die Nacht ist ein lebendiges Wesen, die Buntspechte holzen und rattern mit ihren Schnabeläxten tief in die Bäume hinein, die sofort damit beginnen, ihre Nadeln fallen zu lassen.

Johanna Specht sieht die Wolke laut poltrig anrollen, die Schönheit der Zerstörung im Gepäck, erblickt den Zauber sich entladender Blitze. Ihr Strickzeug ruht auf dem Donington-Polstersessel mit Tartanmuster im Eck, das dort den Embryo eines Pullovers aufspießt. Auge in Auge mit der Spiegelung, die noch von einem abgerissenen Giebel reflektiert wird und ihr kurz zulächelt, um dann mit nicht wenig Getöse von der Linde abzuprallen und zerschmettert liegen zu bleiben, bemerkt sie als Erste das Fehlen des Taubenschlags.

Trotz fehlender Unterspannbahn, schadhafter Blecharbeiten an Gesimsen und Kehlen, trotz versotteter Schornsteinköpfe, dem Schädlingsbefall im nicht gedämmten Dachstuhl, den Rissen im Putz, dem Schädlingsbefall an den Holzbalkendecken, den schadhaften Holzdielen, den feuchten Kellerwänden und der aufsteigenden Feuchte durch eine fehlende Abdichtung, durch schadhafte Zinnabdeckungen an den hervorstehenden Fassadenteilen, den angefaulten Balkenauflegern der Geschoßdecken, den Holzbalkendecken mit ungenügendem Schallschutz, dem schadhaften Innenputz, der direkten Schallübertragung durch die Treppen, den abgeplatzten Betondecken im massiven Keller mit der zu geringen Deckenhöhe, gibt sie sich unbekümmert.

Nichts rinnt so schön von dannen wie flüssige Nacht, nichts erwacht vorzüglicher als ein wilder Traum. Johanna wendet sich ab, sieht kurz nach, ob ihr Mann noch atmet, und legt sich dann auf ihr eigens dafür hergerichtetes Kanapee. Sie hat zu viel erlebt, um sich noch einen Gesichtsausdruck zu gönnen, der Erstaunen ausdrückt.

Die Fantasie als Prozess der Betrachtung

Das Wort Fantasie (Fantasy) wird in der Psychologie meist als „Produktionskraft des Bewusstseins, die Fähigkeit, sich Dinge auszudenken“ und weiter als „Ersatzbefriedigung, indem das durch den Alltag beschädigte Selbstbewußtsein durch Tagträume und Utopien ausgeglichen wird“ oder „imaginäre Wahrnehmung oder Erinnerung und damit Täuschung“ bezeichnet. Diese Definitionen stellen ein Hindernis zwischen Realität und Begehren dar und definieren die Fantasie als Vermittler. „Fantasie“ und seine vielen Ableitungen gehen auf das griechische Wort „Phantasia“ zurück, was wörtlich übersetzt „sichtbar machen“ bedeutet. Widersprüchliche Definitionen ergeben sich aus der unterschiedlichen modernen Verwendung des Wortes Fantasy und seines Gegenstücks, der Phantasie, die sich aus dem deutschen Wort „Fantasie“ (im Sinne von „die Welt der Phantasie, ihre Inhalte und die schöpferische Tätigkeit, die sie belebt“) ableitet (Laplanche, Urphantasie). Trotz ihres identischen Klangs und ihrer Etymologie wird die letztere in der Regel eher in der psychoanalytischen Diskussion verwendet, die erstere beispielsweise in Diskussionen über Ästhetik und Medien. 1948 schlug Susan Isaacs in ihrem Artikel „The Nature and Function of Phantasy“ vor, „die beiden alternativen Schreibweisen Phantasie und Fantasie (Fantasy) zu verwenden, um „bewusste Tagträume, Fiktionen und so weiter“ bzw. „den primären Inhalt unbewusster mentaler Prozesse“ zu bezeichnen. Issacs‘ Absicht bei der Unterscheidung der beiden Begriffe war es, die Kohärenz mit Freuds Gedanken zu wahren (Freud ist einer der grundlegenden Autoren zum Thema Fantasy in der Psychoanalyse). Freud benutzte natürlich das deutsche Wort ‚Phantasie‘, und es bleibt eine Debatte darüber, wie man sein Wort entweder als Phantasie oder als Fantasie (Fantasy) übersetzen kann, um willkürliche Interpretationen zu vermeiden. Im modernen amerikanischen Sprachgebrauch ist die „Fantasy“ (Fantasie) jedoch viel stärker verbreitet und spiegelt beide Definitionen wider.

Um den Begriff der Fantasy und ihre Rolle in verschiedenen Medien (wie Literatur, Film, Malerei, Theater und Internet) zu verstehen, ist es wichtig, zunächst einmal zu untersuchen, wie er in der Psychologie verstanden wird. Die klinische Zusammenfassung des Wortes „Fantasy (Fantasie) (oder Phantasie)“, wie es in „Die Sprache der Psychoanalyse“ heißt, ist „[eine] imaginäre Szene, in der das Subjekt ein Protagonist ist, der die Erfüllung eines Wunsches (in der letzten Analyse ein unbewusster Wunsch) in einer Weise darstellt, die mehr oder weniger durch Abwehrprozesse verzerrt wird“). Diese Definition basiert auf der Analyse von Freuds Arbeit. Freuds Schriften unterstützen die Verwendung des Begriffs Fantasy, indem sie eine Unterscheidung zwischen Imagination und Realität (oder Wahrnehmung) hervorrufen. Diese Bezugsachse zwingt dazu, die Fantasy (Fantasie) als eine illusorische Produktion zu betrachten, die nicht „aufrechterhalten werden kann, wenn sie mit einer korrekten Wahrnehmung der Realität konfrontiert wird“. Freud stellt die innere Welt, die zur Befriedigung durch Illusion neigt, der äußeren Welt gegenüber, die als Realität oder Vermittlung des Wahrgenommenen verstanden wird. Um den Freudschen Begriff der Fantasy richtig zu verstehen, muss man auf verschiedenen Ebenen unterscheiden. Fantasien sind Tagträume, Episoden, Romanzen oder Fiktionen, die man im Wachzustand erschafft und erzählt. Unbewusste Fantasy scheint unterschwellig und nicht unbedingt reflexiv, sondern eng mit Tagträumen verwandt zu sein. Alternativ schlägt Freud in Die Traumdeutung vor, dass bestimmte unbewusste Fantasien mit unbewussten Wünschen verbunden sind. Die Fantasie stellt daher für Freud einen einzigartigen Brennpunkt dar, an dem es möglich ist, den Übergang oder die Vermittlung zwischen „den verschiedenen psychischen Systemen in vitro zu beobachten – den Mechanismus oder die Repression oder die Rückkehr der Unterdrückten in Aktion“. Die Dualität der Fantasy wird daher sowohl als organisierte, bewusste Gedanken der Imagination als auch als unbewusste Gedanken erkannt. Der Ursprung der Fantasie entscheidet also über ihre Kategorie.

Sehnsucht und Fantasie scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Das Verlangen hat seinen Ursprung in der Erfahrung der Zufriedenheit. Wie Freud analysierte, ist die Fantasie selbst ein Vermittler zwischen dem Subjekt und seinen Wünschen und der Verneinung des Handelns nach seinen Wünschen in der Realität.

Unter Philosophen wird der Begriff Fantasie oft nur im Zusammenhang mit der Imagination untersucht. Albertus Magnus betrachtete die Imagination als „die Quelle der Bilder und die Phantasie als die aktive Kraft, die sie betreibt“ (Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics). Reynolds betrachtet Imagination mit Genie und Fantasie mit Geschmack. Fantasie wird im Verhältnis zur Imagination (als der höhere, umfassendere Begriff) als der niedrigere, eingeschränktere Begriff definiert.

In der heutigen Gesellschaft und den Medien wird der Begriff Fantasie oft als Teilmenge und untergeordnete Möglichkeit der Imagination betrachtet. Die Fantasy ist ein eigenes Genre, in Film, Fernsehen, Theater und Literatur, aber sie wird allgemein als eine niedrigere, perversere und ungefilterte Reflexion der Realität in der Kunst angesehen. Diese Klassenunterscheidung, wenn man so will, ist zum großen Teil auf die Waren- und Kapitalismuskultur zurückzuführen, die das Genre der Fantasy in diesen unterschiedlichen Medien unterstützt. Denken Sie zum Beispiel an die vielen Beispiele der „Fantasy-Architektur“. Restaurants wie das Rainforest Café und Medieval Times verlassen sich auf das Bedürfnis der Menschen, zu konsumieren und ihren Wunsch, sich außerhalb der Realität zu bewegen, in einen Amazonas-Regenwald und nicht auf ihren Esszimmertisch. In „Fantasy Island: The Dialectic of Narcissism“ argumentiert Michael Budd, dass viele Fernsehprogramme zum Beispiel nach menschlichen Wünschen handeln, um ein Publikum für Werbespots zu produzieren. Indem sie sich selbst als Therapie darstellt, erzeugt die Warenkultur Unzufriedenheit durch die Falschheit ihrer Versprechen und erzeugt eine „Dialektik der Eindämmung und des Überflusses“. Er schreibt weiter, dass „die von der Kulturindustrie hergestellten Fantasien nicht nur nicht in der Lage sind, die wirklichen übermäßigen Wünsche der Menschen einzudämmen, sondern sie produzieren auch in dem Maße, wie sie in ihrer Anziehungskraft erfolgreich sind – mehr Abhängigkeit und damit mehr Exzesse und Frustrationen“. Wie Freud und der psychoanalytische Blick auf die Fantasie ist auch die moderne mediale Repräsentation des Genres Fantasy tief verwurzelt in der Fantasie als Begehren, einer Flucht aus der Realität durch eine imaginäre Szene, die die Erfüllung eines Wunsches darstellt. Es ist jedoch wichtig, die private oder individuelle Erfahrung der Fantasie im Kopf, die durch Psychologie und Freud verstanden wird, von der repräsentierten Fantasy in Kunst und Massenmedien zu unterscheiden, die im Wesentlichen eine kollektive Erfahrung ist.

Das Medium Film ermöglicht eine gelungene Kreation der dargestellten Fantasie in ihrer Fähigkeit, durch die Manipulation von Zeit und Raum mit Schnitt und Spezialeffekten ein physikalisches Universum zu erschaffen. Die private Erfahrung der Fantasy in Prosaerzählungen mag der Fantasie Raum lassen, aber der Film schafft die Fantasien unserer Imaginationen. Das „Complete Film Dictionary“ folgt Freuds Vorbild, wenn es feststellt, dass „Fantasy-Filme als Projektionen menschlicher Ängste und Wünsche gesehen werden, als objektivierte Situationen, in denen sowohl unbewusste als auch bewusste Ängste des Publikums Befreiung und Befriedigung finden…. aber alle Fantasy-Filme befriedigen das allgegenwärtige Kind in uns durch Magie und Wunder“. Die Hauptkategorie des Fantasy-Films lässt sich in verschiedene Genres oder Untergruppen des Films einteilen (die aus früheren Medien wie Literatur und Theater stammen): Science Fiction (Star Wars), Horror (Frankenstein), romantische Märchen (Beauty and the Beast) und Musicals (Chicago).

Odilon Redon, Chimère (Monstre fantastique), 1883

Für den Dramatiker und Regisseur Anton Artaud ist der Einsatz der Fantasie, oder des Phantastischen, im Kino und Theater in Verbindung mit dem Surrealismus zu sehen. Die Surrealisten sind der Ansicht, dass der Rationalismus keine genaue Kenntnis des Realen liefern kann, da er die Realität auf die Grenzen der Logik beschränkt. Die surrealistische Bewegung suchte daher nach neuen Kriterien, um die Realität zu definieren. André Breton drückt diese Begriffe im Zweiten Manifest des Surrealismus so aus: „Alles führt uns zu der Annahme, dass es einen bestimmten Punkt im Geist gibt, von dem aus Leben und Tod, das Reale und das Imaginäre, die Vergangenheit und die Zukunft, das Kommunizierbare und das Nicht-Kommunizierbare,…. nicht mehr als widersprüchlich wahrgenommen werden. Und es ist vergeblich, dass man im Surrealismus ein anderes Motiv sucht als die Hoffnung, diesen Punkt zu bestimmen“. Die Fantasie und das Phantastische spielen daher eine wichtige Rolle in der Arbeit der Surrealisten, sowohl als Inspirationsquelle als auch als Ausdrucksmittel. Zu Odilon Redons Gemälde „Chimère“ bemerkte Paul Gauguin, dass er nicht sah, „in welchem Sinne Redon Monster schafft“. Sie sind imaginäre Wesen. Er ist ein Träumer, ein Mann der Fantasie. Hässlichkeit – eine brennende Frage, die der Prüfstein unserer modernen Kunst und ihrer Kritik ist“. In diesem Sinne wird das Medium der Malerei genutzt, um Fantasie und Imagination zu vermitteln, oft durch surrealistische Techniken, die neue Fragen und Theorien in der Kunst generieren. Artaud betrachtet in „Das Theater und sein Double“ sowohl das Theater als auch das Kino als Fluchtweg für die Imagination, indem er ihre Suggestionskraft nutzt, um eine Befreiung aller dunklen Kräfte unseres Denkprozesses zu bewirken. In seinen zahlreichen Stücken wie „Die Cenci“ will er die „Geheimnisse, die in unserem Bewusstsein verborgen liegen“, darstellen, indem er einem hilft, sich selbst und seine Umwelt besser kennenzulernen. Eskapismus ist oft ein Begriff, der die Tätigkeit der Fantasie beschreibt, aber auch ein Prozess, der einen der eigenen Realität und dem Verständnis der Welt näher bringt.

Mit dem Internet ist Eskapismus sowohl im individuellen als auch im kollektiven Sinne möglich. Durch Chat-Räume, Cybersex, Fantasy-Sport-Ligen und virtuelles Spielen kann ein Individuum seine Wünsche in einer gemeinsamen, aber anonymen Welt privat erfüllen. In „The Plague of Fantasies“ rekonstruiert Slavoj Zizek den psychoanalytischen Begriff der Fantasie und erforscht anhand zahlreicher Beispiele wie Virtual Reality und Cybersex das Verhältnis von Fantasie und Ideologie und wie die Fantasie den Genuss belebt und vor seinen Exzessen schützt. Für Zizek ist der Cyberspace ein Schlüsselsymptom unseres ideologischen Zustandes, der durch den „neo-gnostischen Wunsch gekennzeichnet ist, den eigenen Körper zu verlassen und in einen rein spirituellen Bereich einzutreten“. Das Internet bietet ein Medium für eine private/öffentliche Flucht, wo jede Kommunikation anonym und im Gegensatz zur Realität steht, wo die Fantasie sowohl die anregende als auch die vermittelnde Handlung übernimmt; wo die private und die gemeinschaftliche, die psychoanalytische und die künstlerische Definition kollidieren.

Die Verwendung der Fantasy als Genre in den Künsten stützt sich konsequent auf das ursprüngliche psychoanalytische Verständnis des Begriffs, wie er von Freud betrachtet wird, und nutzt es bis zu einem gewissen Grad aus. Der vermittelnde Faktor der Fantasy in den Künsten ermöglicht es dem Betrachter, sich durch den Prozess der Betrachtung der Fantasie in den Medien und nicht im Kopf mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen in der Realität zu verbinden.

Ulixes

Tatsächlich fetzten wir gestern mit einem Mietwagen über völlig verstopfte Autobahnen – was ja an sich eine glasklare Sache ist:  SonntagSonne programmiert den Gehirnstamm auf die LandfraßStraßen. Wir aber hatten eine Mission, die wir dann hinter Ulm abbrechen mussten, klaustrophobische Zustände sagten also die Reise in den Odenwald ab (was ein Krankheitsbesuch geworden wäre). Um den Tag noch zu retten, rollten wir ins ehemalige Erdton-Studio, um etwas in meiner Vergangenheit herumzuwühlen und sie auf Gegenwärtigkeit zu testen. Es ist ein üppiges Land dort draußen, aber auch hier bleibt Vergangenes vergangen. Es gibt nicht einmal die Illusion von Gegenwart.