Michael Knoke: Der kataleptische Traum (Goblin Press)

Es gibt wenige moderne Werke, denen man im Untergrund das Zeug zum Klassiker unterstellen kann. Das hat noch nicht einmal etwas mit der Qualität der Geschichte zu tun, sondern vielmehr mit einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Freilich ist das Werk des viel zu früh von uns gegangenen Michael Knoke nicht gerade in aller Munde, was uns und mich aber nicht davon entbindet, darauf hinzuweisen, dass hier ein außergewöhnlicher Autor die Fähigkeit besaß, eine bizarre und beklemmende Atmosphäre zu erschaffen, wie sie heute kaum mehr irgendwo anzutreffen ist. Das allein wäre noch nicht “klassisch” zu nennen. Michael Knoke bedient sich hier eine detailreichen Sprache, die nicht künstlich antiquiert zu sein versucht, aber auch nichts von diesem platten Stil, den heute viele schreiben und für modern halten, erkennen lässt.

“Unser Leben ist der Traum eines anderen, und wir müssen einen Weg finden, diesen Traum zu beeinflussen, dann können wir auch die Fäden unserer eigenen Schicksale ziehen.”

Inmitten eines dichten, dunklen Waldes am Rande eines Dorfes ohne Namen, dessen Bewohner seit Jahrhunderten degeneriert sind, lebt die Familie Duval in einer düsteren Villa, deren Erbauer ein Sadist und Ungeheuer gewesen sein soll. Das Wechselspiel der Familie Duvall mit den entstellten Bewohnern, die nicht nur durch ihre degenerierte Lebensweise so wurden, wie sie sind, sondern auch durch Schwarze Magie, die ihr Erbgut verändert hat, ist einer der folgenreichen Eckpfeiler der Erzählung. Der zweite ist ein bizarres Wesen – halb Mann, halb Frau – das in einem schwarzen Turm, berauscht vom Sud des Fliegenpilzes, unablässig das Schicksal anderer erträumt. “Michael Knoke: Der kataleptische Traum (Goblin Press)” weiterlesen

Die Furcht, die hinter den Bäumen haust

Wenn an einem lauen, sonnigen Tag der Wind die Blätter des Waldes leise zum Rauschen brachte, dann war man an einem heiligen Ort. Auch, wenn man das als Kind noch nicht so genau benennen konnte. Die ersten Bäume, die ersten Säulen dieser Kathedrale aus Holz und Laub und Träumen, schlossen direkt an den Kartoffelacker an, der hinter dem Hof meiner Großmutter lag. Und in den wirklich schönen Sommerwochen ging es oft genug bereits kurz nach Sonnenaufgang durch das große, überdachte Tor des Hinterhofs hinaus, in dessen Schatten der klobige, alte Traktor stand und so auf mich immer den Eindruck eines schlafenden Dinosauriers machte. Von dort aus liefen wir weiter über das Feld, auf den angrenzenden Trampelpfad, an dem entlang man sich bald schon zwischen den ersten Ausläufern des Dunkelsteinerwaldes verlor.

Der große, geliebte Wald, das war auch ein Stückchen Heimat für mich. Wenn wir über die wurzelbewachsenen Hänge kraxelten, den fliehenden Hasen im Unterholz nachstellten und uns mit Holzschwertern und Pfitschipfeilen, aus selbstgebrochenen, jungen Ästen, gegenseitig den Krieg erklärten, dann waren wir zuhause. Die Spiele waren rau und wir waren, trotz unserer jungen Jahre, uralt in unserem Wissen um die Grundlage der Dinge, die man nirgendwo anders so gut lernen konnte, wie zwischen den blätterbehangenen Pfeilern unserer endlosen Sommerresidenz. Ein Verständnis, das wir aber niemals sehr lange mit uns aus dem Wald hinaus zu nehmen vermochten. Denn meistens floss es, bereits bei der ersten Berührung mit Seife und Wasser, gemeinsam mit dem Schmutz und der Erde in den Abfluss der Dusche, in die wir nach unseren Spielen zwangsläufig von den Erwachsenen gesteckt wurden. Die Erkenntnisse aus dem Wald wurden uns dort vor dem Abendessen gewissenhaft von den Körpern gewaschen und kamen uns, außerhalb der baumbewachsenen Zone, höchstens noch in den Träumen besuchen. “Die Furcht, die hinter den Bäumen haust” weiterlesen

Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«

Eine Frage stellt sich nicht mehr: Wo ist Carlos Montúfar? Jener historisch verbürgte Begleiter Humboldts fehlte einst in Daniel Kehlmanns Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Gestrichen. Für die Geschichte. Für die Dramatik. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen steht mit »Tyll« der nächste vermeintlich historische Roman des österreichischen Autors an. Die Frage lautet jetzt: Warum Till Eulenspiegel? Denn Kehlmann versetzt den Narren für seinen aktuellen Roman aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Die Antwort lautet damals wie heute, »daß ein Erzähler niemand anderem verpflichtet ist als seiner Geschichte und daß auch diese ihm nicht gehört, selbst wenn er das glaubt. Daß die Kunst zwar zweitklassig ist gegenüber der Natur, daß sie ihr aber manchmal dennoch etwas hinzufügen muß, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht allen Fällen, das Wahre«. So schrieb es Kehlmann damals in einem Essay. Um das Wahre zu finden, braucht die Erzählung von »Tyll« seinen Schelm, seine Drachen, seine Anleihen an Märchen und an den klassischen historischen Roman. Denn es geht in diesem Buch vor allem darum: Entkomme dem Tod. Ein Glück ist hier der Schelm dem Schnitter stets einen Schritt voraus. »Sterben ist nichts, das begreift er.« Eine Erkenntnis, die Tyll bereits nach ein paar Seiten trifft. “Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«” weiterlesen

Samanta Schweblin: Das Gift

Dass das wirklich Monströse die Natur, das Fremde und das Menschliche ist, daran hat uns der klassische Terror bereits gewöhnt: Wald und Dschungel fungieren als Versteck für all das, was von der Vernunft verdrängt wird, und Kinder sind der Anfang dieser Fremdheit. Wir finden dort, wo wir uns in Sicherheit wähnen, nichts anderes als die Warnung vor unserem Aussterben.

Diese längere Erzählung Samanta Schweblins, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund als ihr erster Roman gehandelt wird, ist die intelligente Variation des Klischees „äußeres Monster gleich inneres Monster“, das sich auf eine Strömung in der lateinamerikanischen Literatur bezieht, die dem kolonialen Diskurs der Unschuld der Landschaft (im Gegensatz zur Stadt) einen Schlag versetzen will. Amanda und ihre kleine Tochter verbringen einige Tage auf dem Land in einem Haus, das von Carla vermietet wird, einer attraktive Frau, deren Sohn David, nachdem er durch das Wasser eines Baches, von dem er trank, vergiftet wurde, und dann bei einer rituellen Heilung seine halbe Seele verloren hat. Aus dem Gespräch zwischen Amanda und David, einem Kind mit einer verstörenden Erwachsenenstimme, rekonstruieren wir den Moment, in dem Amanda die „Rettungsabstand“(so heißt das Buch übersetzt im Original) verliert, mit der wir unsere Kinder schützen und tappen durch ein halluzinatorisches Dickicht.

„Das Gift“ ist eine Erzählung (und kein Roman), die den poetischen Stil mit Schweblins vorherigem Buch „Die Wahrheit über die Zukunft“ (Suhrkamp, 2010) teilt. Auch hier entfernt sie jegliches Beiwerk, um dem Leser das Vertrauen in die Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird, zu nehmen.

In diesem Fall handelt es sich um einen Dialog zwischen zwei wissbegierigen Stimmen, einer transformierten Erwachsenen und einem Kind (das Kind ist hier der Wissende, die Erwachsene hingegen naiv), der sich an einem verwirrenden Ort abrollt (auch wenn dieser Ort als „Erste Hilfe“ bezeichnet wird, ist seine wirkliche Verortung nicht möglich). Und obwohl Schweblins Fähigkeit, mit einer so komplexen Perspektive umzugehen, offensichtlich ist, setzt sie hier zu sehr auf den Plottwist, der von einem erzwungenen Ausgangspunkt und mithilfe minimalistischen Erzählens zu eindringlich auf diesen zusteuert. Dennoch ist diese Variation eines immunologischen Themas äußerst erfolgreich: der Feind von außen (das Virus, das giftige Element) ist gleichzeitig der natürlichste.

Und sie stellt sogar die Konstruktion unserer Vorstellung von Gefahr in Frage, denn indem Schweblin die genmanipulierten Sojaplantagen auf subtile Weise mit der Angst vor physischer und moralischer Verformung der eigenen Nachkommen in Verbindung bringt, bietet sie hier zwei mögliche Lesarten an (die mütterliche und die ökologische) und demontiert den Begriff der heilbringenden Natur. Der „Rettungsabstand“ verwandelt sich in den verwundbaren Raum der Fürsorge des bürgerlichen Humanismus, in eine bereits verlorene Vertrautheit mit der Welt.

Das Lorebuch (IV)

Die Aufzählung einiger Banalitäten versandete, während der
Druck der imaginierten Leitungen dem ein oder anderen zu Kopf
stieg. Sorglosigkeit hatte es sich mit weiten Ärmeln bequem
gemacht und nur die Verschwiegenheit der Wolken gewährleistete
eine Ansicht von oben. Dennoch trieben die Baumstämme in diesem
abgenagten Fluss und erkletterten das Land, sobald man sie brauchte,
um einen neuen Wald zu geben. Es war kein weiteres Gedeck nötig,
denn sie wussten, was alle wussten: Der Tagtraum zog nach Norden,
von wo er einst gekommen war. Man erzählte sich, dass der
große Abgrund mit seinen erhabenen Metaphern nicht mehr so
schön anzusehen war wie in ihren Kindertagen; eine Vermutung,
die den Anwesenden viel Leid ersparte, aber nicht, wenn man
alles wissen wollte und dazu bereit war, all das zu erwähnen.

 

The enumeration of some banalities silted, while the
pressure of the imaginary pipes makes one or the other
conceited. Carefreeness had made itself comfortable with wide sleeves
and only the secrecy of the clouds guaranteed a view
from above. Nevertheless, the tree trunks floated in this
gnawed-off river and scaled the land as soon as they were needed
to build a new forest. There was no need to set another place setting,
because they knew what everybody knew: The daydream moved north
from where it had once come. It was said that the
great abyss with its sublime metaphors was no longer
as beautiful to look at as in their childhood; an assumption
that spared those present a great deal of suffering, but not if you
wanted to know everything and were prepared to mention all of it.

Edith

Ich kann nicht sagen, wie viele Hände ins große Spargelfeld meiner
                          zweiten Mutter gesickert sind, und ob sie dort noch liegen.
Ich erinnere nur das:

Stets zur Mittagszeit refelten sich feinflechtig, an vier schwebenden
                 Stühlen aufgespannt, zwei rote Beine auf.
Ich blieb, um zu sehen, wie sie sich verflüchtigten.
Konvex blieb um mich herum der Wald als große Lungenblase,
                 berstend gegen die Ortschaft stehen.
Es dauerte bis in den Abend hinein bis die Spannung seiner
                 Oberfläche einen Riss bekam, der mir sein dunkles Nadelmeer
                 vor Augen spülte.
Es war wie eine gewaltige Traube, die barst.
Ich fand mich unter den Röcken der Tannen wieder.
Von Weitem rief Edith nach mir.
Ich lief zu ihr.
Sie nahm mich an ihre rechte Hand, einen schwarzen
                 Eimer, gefüllt mit Spargeln, in der linken.
Mich mit ihren durch die dickwandigen Gläser, die sie trug, stark
       vergrößerten Augen anschauend, nahm sie mich mit sich.

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen.

Natürlich gibt es eine Art Realismus-Lobby, die durchaus mit jener der Tabak- uns Zuckerlobby zu vergleichen ist (was die unfassbare Verlogenheit betrifft). Betrachtet man, wann der “Realismus” begonnen hat, die literarische Welt zu übernehmen, trifft man unweigerlich auf die Modernisten und die Generation der Jahrhundertwende um 1900. Dort wurde eine Literaturkritik etabliert, die auf ihre Weise ein unansehnliches kleines Monster ist. In dieser Schule für Fantasielosigkeit wird nichts außerhalb der verschiedenen Formen des “Realismus” ernst genommen. Universitäten haben Generationen von Studenten gelehrt, Genres zu meiden (es sei denn, sie wurden vor 1900 geschrieben und / oder als Magischer Realismus bezeichnet).

Aber “Realismus” ist eine sehr junge und kleine Bewegung. Vor dem achtzehnten Jahrhundert war Genre-Literatur noch nicht von der “ernsten” Literatur getrennt. Was macht also diese Art zu schreiben nach 1900 weniger bedeutend als ihre Vorgänger? Die Antwort kann nur lauten: Dünkel. Denn der literarische Wert eines Werkes kann gar nicht davon abhängen, zu welchem marktstrategischen Genre es gerechnet wird. Vielleicht verstehen diese Kritiker einfach nicht, wie man Fantasy liest. Und, wenn sie nicht verstehen, wie man Genre-Literatur liest, mit welcher Autorität können sie dann zum Beispiel den “Herrn der Ringe” kritisieren? Welche Autorität besitzen sie überhaupt?

Die Allegorie-Besessenheit der Kritiker kann eine der offensichtlichen Fallstricke sein, da Fantasy-Literatur – zumindest nach Tolkien – niemals auf diese Weise gelesen werden sollte. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von “Der Herr der Ringe” schreibt Tolkien:

Ich habe eine Abneigung gegen Allegorien in all ihren Erscheinungsformen, und zwar schon immer, seit ich alt und wachsam genug war, um ihr Vorhandensein zu entdecken. Ich bevorzuge viel mehr eine Geschichte, wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit auf das Denken und Erleben der Leser. Ich glaube, viele Leute verwechseln “Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Verfassers aufgezwungen.

Natürlich ist es nicht falsch, jene Teile in Märchen zu finden, die auf unser eigenes individuelles Leben anwendbar sind: das ist eines der größten Merkmale an ihnen. Aber Harold Blooms Behauptung, dass der “Herr der Ringe” ein “riesiges Zeitzeugnis” über den Zweiten Weltkrieg sei, ist Unsinn. Einfach ausgedrückt geht es hier um einen Hobbit und seine Gefährten und ihre Reise, einen Ring zu zerstören. Tolkien schrieb keine Allegorie. Alles, was aus der Geschichte herausgelesen wird, liegt am Leser selbst. Zwar beeinflusste das Leben in beiden Weltkriegen Tolkiens Ideologie, und diese Ideologie fand ihren Weg in seine Arbeit – aber beim Schreiben seiner Bücher hatte Tolkien keine politische Absicht. Er wollte nur ein Märchen erschaffen.

Warum also ruft der “Herr der Ringe” so starke Einwände der Kritiker hervor? Möglicherweise ist die Frage zu konkret. Vielleicht ist es das Genre der Märchen, das Kritiker verabscheuen, nicht den “Herr der Ringe” selbst. Kritiker erheben die gleichen Einwände gegen andere moderne Fantasy-Werke, die große Anerkennung finden. In einer Rezension zu Harry Potter schreibt Bloom:

“Sich gegen Harry Potter zu erheben, bedeutet, sich Hamlet als Vorbild zu nehmen, der seine Waffen ergriff, um gegen ein Meer aus Schwierigkeiten anzutreten. Wer immer sich gegen dieses Meer erhebt, wird es nicht bereuen. Das Harry-Potter-Phänomen wird zweifellos noch einige Zeit weitergehen, so war es auch bei J. R. R .R. Tolkien, und dann verebben.”

Dies stammt aus einer Rezension zu “Harry Potter und der Stein der Weisen”, dem ersten Buch der Serie, und wurde 2007 geschrieben, während der Roman selbst zehn Jahre zuvor erschienen ist. Doch 22 Jahre nach der Veröffentlichung ist Harry Potter immer noch so groß wie eh und je, wenn nicht sogar größer. Es stellt sich die Frage, was Bloom von Amazons Plänen für eine neue “Herr der Ringe”-Serie hält (65 Jahre nach der Veröffentlichung sind nirgendwo Ermüdungserscheinungen des Publikums zu sehen). Diese quatschigen Aussagen führen also nirgendwo hin. Märchen werden nicht verschwinden, weil wir sie brauchen.

Es ist kein Zufall, dass das Fantasy-Genre zu den Anfängen der Literatur zurückgeführt werden kann. Wir brauchen die Helden, das Abenteuer, die Ungeheuer, die Magie. Die Erforschung dieser Aspekte der Fantasie ist eine großartige Möglichkeit, Einblicke in die Bedeutung des Menschseins zu gewinnen. Kritiker lieben es, Fantasy anzugreifen, weil sie keine ernsthafte Literatur sei, schließlich wäre Realismus die eigentliche menschliche Erfahrung. In Wahrheit ist es aber so, dass Fantasy-Literatur nicht nur die eigentliche menschliche Erfahrung umfasst, sondern dass sie auch besser ist als jede “realistische” Literatur. In seinem Essay “Hamlet und seine Probleme” skizziert T. S. Eliot seine Theorie einer objektiven Wechselwirkung:

“Die einzige Möglichkeit, Emotionen in Form von Kunst auszudrücken, besteht darin, ein “objektives Korrelat” zu finden.”

Mit anderen Worten: eine Reihe von Objekten, eine Situation, eine Kette von Ereignissen, sollen die Grundlage einer gewünschten Emotion sein, so dass, wenn die äußeren Fakten, die in einer sensorischen Erfahrung enden müssen, gegeben sind, die Emotion sofort hervorgerufen wird.

Sag uns nicht, wie du dich fühlst – zeig uns, wie du dich fühlst. Das ist ein Grund, warum das Erzählen von Geschichten so wichtig ist. Es ist nicht so, dass der “Realismus” das objektive Korrelat nicht ebenfalls auf schöne Weise integrieren kann, aber wie könnte man unsere Angst vor der Tiefe besser zeigen als durch Tolkiens Wächter im Wasser, unsere Angst vor dem Tod durch die Ringgeister, oder unsere Angst vor dem Wald durch den Düsterwald? Diese Bilder sind so viel stärker als alles, was der “Realismus” produzieren kann, denn der “Realismus” wird in vielen Fällen durch seine eigenen Grenzen gezwungen, sich mit Abstraktionen zu befassen, während die Fantasy uns konkrete Bilder von Emotionen liefert, die sonst nicht so anschaulich dargestellt werden könnten. Die Fantasy erlaubt es uns auch, unsere Wachsamkeit zu verringern, was es einfacher macht, ansonsten schwierige Themen zu verstehen und neue Perspektiven einzunehmen. Vielleicht sind die neuen Erkenntnisse über uns selbst, die wir aus der Fantasy-Literatur gewinnen, für Kritiker zu schwer zu akzeptieren. Die Leute geben normalerweise nicht gerne zu, dass sie sich irren. Und ob sie sich nun darüber bewusst sind oder nicht – das ist der Grund, warum sie Fantasy-Literatur meiden. Sie haben Angst davor, was sie durch die Lektüre über sich selbst herausfinden könnten. Die anthropozentrische Natur des “Realismus” macht uns zu Opfern und Helden unserer Realität, während die Fantasy uns zwingt, uns mit den Monstern in uns selbst auseinanderzusetzen. Das können Kritiker nicht akzeptieren. Viele können das nicht. Aber Wahrheit ist wichtiger als irgendwelche Befindlichkeiten.

Die Fantasy erinnert uns nicht nur an das, was wir sind, sie erinnert uns auch an das, was wir einmal waren. Die Industrialisierung unserer heutigen Welt hat uns von der Verbindung mit der Natur getrennt, die wir früher hatten. Ursula K. Le Guin brachte dies in einem ihrer Essays wunderbar zum Ausdruck:

“Die Felder und Wälder, die Dörfer und Pfade gehörten einst genau so zu uns, wie wir zu ihnen gehörten. Das ist die Wahrheit des nicht-industriellen Umfelds vieler Fantasy-Werke. Sie erinnern uns an das, was wir angefangen haben zu leugnen, woraus wir uns selbst verbannt haben.”

Tiere waren für uns einmal mehr als nur Fleisch, Schädlinge oder Haustiere: sie waren Mitgeschöpfe, Begleiter, Gleichgestellte … Was die Fantasy im Gegensatz zum realistischen Roman kann, ist, das Nichtmenschliche als Wesentliches miteinzuschließen.

Das ist möglicherweise ein weiterer Grund, warum Kritiker die Fantasy-Literatur diskreditieren. Die Fantasy ist in ihrer Grundlage nicht anthropozentrisch. Wir haben hier nicht das Sagen.

Die Idee des Fortschritts geht davon aus, dass sie für die Verbesserung des menschlichen Zustandes unerlässlich ist, aber es kann genau das Gegenteil sein. Die Auswirkungen einer solchen Philosophie ist eine narzisstische, materialistische und rücksichtslose Menschheit, die sich immer mehr von ihren natürlichen Wurzeln entfernt. Es ist kein Zufall, dass der “Realismus” während der industriellen Revolution die Rolle des primären literarischen Modus übernommen hat. Vielleicht sind wir zu geistlos geworden, um in kindlichen Märchen einen Sinn zu finden. Aber, während wir vor diesen kindlichen Themen von Hoffnung, Heldentum, Magie und Göttlichkeit davonlaufen, sind wir immer weniger geneigt, uns um irgendjemand oder irgendetwas anderes als uns selbst zu kümmern. Wir sind egoistisch geworden. Wir bauen uns auf, nur um andere niederzureißen; wir verschmutzen unsere Ozeane und zerstören unsere Wälder. Wir trennen uns von der Natur, mit der wir in Harmonie leben sollten. Vielleicht ist es also die Schuld der Gesellschaft, dass Kritiker den “Herrn der Ringe” und andere fantastische Literaturen meiden. Wir brauchen keine Magie, wir haben Wissenschaft. Wir sind unsere eigenen Helden, die für uns selbst da sind. Aber mit unserem industriellen Fortschrittswahn scheinen wir nichts zu erreichen: Wir leben in einer Welt der Gier, des Hasses und des ständigen Krieges. Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum wir die Märchen und ihre Bedeutung aufgeben und völlig ignorieren. Das mag wie ein riesiger Sprung erscheinen, aber vielleicht können wir die Moral nur durch das Erzählen von Geschichten und aus der Magie der fantastischen Literatur lernen.

Kaiserhammer / Schwarzenhammer

Ein Ort denkt selten daran, Werk zu sein; und wenn er es dann doch wird, kann er sich dem Abstrakten nicht mehr entziehen; das zu sein, was er nie war. Hier erzählt es sich leicht vom Heksenkraut. Dieser Text ist vielleicht der beste Ausgangspunkt. Die Koordinaten sind: : 50° 8′ 0″ N, 12° 4′ 39″ O

Das Fichtelgebirge in seiner typischen Hufeisenform.

Und obwohl Schwarzenhammer und Kaiserhammer Geschwister sind, sind das nur Aneinanderreihungen des größeren Raha, das zu keiner Zeit die Größe Babylons oder Roms erreichte, aber dennoch das Sechsämterland umschloss.

Ich neige dazu, Lovecrafts Aussage ›I am Providence‹ zu entlehnen, wage aber nicht, diesen Satz anzupassen und dann zu übersetzen. Der Klang wäre entsetzlich, der Rhythmus überhaupt unrund. So lasse ich es bei der Andeutung.

Es sind die Hämmer, die uns Geschichten weben. 1499 wurde Schwarzenhammer als ›Mitlern Hammer‹ verzeichnet, 1787 gehörte der Ort zum Richteramt Selb, bestand aber nur aus einem Wohnhaus mit Erkerstube, Nebengebäuden, Feldern, Wiesen und Weihern. Erst als Christoph Schumann und August Schreider 1905 eine Porzellanfabrik errichteten, wuchs die Siedlung zu jenem Ort heran, der hier Namensgeber ist.

Der Einfluss von Kaiserhammer ist größer. Hier wurde 1787 ein Jagdschloss mit drei Flügeln und verschiedenen Nebengebäuden errichtet, nachdem bereits seit 1706 ein Jagdhaus und ein Tiergarten bekannt waren. Durch den Tannenforst führte eine gehauene Allee zu einem (1761 von Carl Gondard begonnenen) achteckigen Rundel, von dessen acht Fenstern im oberen Salon man durch acht Alleen, die durch den ganzen Wald gehauen waren, hindurchsehen konnte.

Es muss wohl kaum hinzugefügt werden, dass diese acht Alleen die ganze Welt umfassten.

Ich bin die Nacht – 6 –

Ein aberwitziger Gestank lag in der Luft. Das laute Surren der Fliegen, die alle Farben, alle Größen angenommen hatten, kam direkt aus dem Fegefeuer. Lucki öffnete seinen Lippenring, um zu kreischen, wie es alle Kinder tun, die ihren älteren Bruder ohne Innereien an einen Baum gefesselt zu sehen bekommen. Eine von Rolands Krallen zuckte reflexartig nach oben, traf Luckis rotes O, und brachte das hohe Gilven abrupt zum Verstummen. Ein launiges Echo trat aus dem Wald, verzog sich aber schnell wieder ins Gebüsch. Lucki wollte gerne seinem Fluchtinstinkt folgen, aber er würde für alle Zeiten hier angewurzelt stehen bleiben, zu einem Baum werden, dem man nach einigen Monaten nicht mehr ansah, dass er vor kurzem noch ein fünfjähriges Kind gewesen war. Im Wald der Monumente, Sagen und Legenden. Das sieht doch aus wie … also, mit etwas Phantasie …

»Gehen wir näher ran!«, sagte Roland, fasziniert vom Keim seiner eigenen Panik, die sich, noch nicht richtig erwacht, irgendwo in der Nähe seiner Knie räkelte. Lucki schüttelte den hellblonden Kopf, so schnell wie es einem jungen Baum überhaupt möglich war. Es stank wirklich erbärmlich.

Die Nacht ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Roland packte Luckis Arm und zog ihn mit sich, drei Schritte legte er stolpernd zurück, bevor seine Motorik wieder einrastete. Er leckte sich hektisch über die Lippen, schmeckte das Blut, das aus einer kleinen Wunde floss.

Früher Morgen. Gegen Mittag würde der Gestank die ersten Häuser erreichen, vorausgesetzt, der Wind stand günstig. Niemand würde sich wundern, weil es hier doch ständig nach verbranntem Fell roch. Zum einen wegen der Schlotauswürfe des nahen Böhmerlandes, zum anderen, weil die Nasen von der Katzenscheißefabrik in Beschlag genommen wurden, die Kunststoffbottiche und Schiffsteile herstellte. Netzsch Kunststoff GmbH. Der Geruch nach süßem Blut wurde stärker. Das Gekröse glitzerte auf dem Boden, begleitet von einem wilden Fliegenbrausen. Helmut hing schief im Seil, das seinen Körper mit der Esche verband. Der Kopf war nach vorne gefallen. Ein halb geronnener Blutfaden hing aus seinem geöffneten Mund, seine Augen waren weiße Murmeln. Noch näher wollte Roland nicht zu dieser bizarren Installation aufrücken.

»Das waren Wölfe!«, flüsterte er und folgte damit den Gerüchten, die von der Witwe Gräf im ganzen Sechsämterland gestreut wurden. Doch welche Art Wolf hatte ihm die Zunge mit einem Messer abgetrennt und den Bauch mit einer Säge aufgerissen? Die rostigen Partikel schimmerten so zahlreich, dass man von einem wahren Eisenschauer sprechen konnte. Wegen des vielen Blutes fiel das nicht sofort auf. Roland beugte sich hinab, um in das sich ihm durch diese Bewegung erschließende Ohr zu flüstern: »Du rennst jetzt so schnell wie möglich nach Hause und sagst, dass Helmut von den Wölfen gefressen wurde. Ich bleibe hier und warte auf euch.«

Lucki nickte wieder heftig und war dann so schnell verschwunden wie ein Hundertmeterläufer nach dem Startschuss. Roland sah ihm eine Weile nach, wie er über die Lichtung wetzte und dann auf einem Trampelpfad im Grünen verschwand. Sofort setzte die Bestürzung wieder ein, die jetzt schon in die Nähe seiner Hoden gekrochen war, verengte seine Augen zu Schlitzen, weil sie zu Tränen begannen, und blickte sich um. Er hatte es auf Helmuts Kleider abgesehen, die er fein säuberlich zusammengelegt etwas abseits entdeckte. Er hoffte, dass er die Münze dort finden würde. Du musst dich jetzt zusammenreißen! Nichts tut dir etwas, alles ist bereits getan.

Ich bin die Nacht – 2 –

Die Siedlung war bereits auf den Beinen, man brühte sich Kaffee, der samt und sonders aus dem Tante-Emma-Laden der Familie Burges aus Kaiserhammer stammte, man schüttelte die Nacht wie einen Anzug aus, der noch eine Weile halten sollte. Wie die Stämme Nordamerikas den Büffelherden, so folgten sie hier den Fabriken, und hier waren sie nun alle gelandet. Früher waren es die großen Hammerwerke, die alle in Brot und Lohn brachten, die Glas- und Pechhütten, heute hieß die Zauberformel Kunststoff und Granit.

Freudig stürzten sich übermütige Vögel durch die Fliegenwolken, die große Löcher in den Himmel rissen. Nur die Aura irritierte die gefiederten Jäger etwas, so als wäre hier mit dem Magnetismus etwas nicht in Ordnung, so als kündigte sich ein Beben an. Der Hunger aber war stärker. Noch war er das.

Das jüngste Kind der Finners schielte durch seine Brille und watete durch den Schlick der Reifenspuren. Richard Finner glaubte nicht, dass er sein Vater war, was ihn kaum weiter störte, die beiden Mädchen waren ja ebenfalls nicht von ihm. Patchwork, das wird man später dazu sagen, aber noch waren sie dem Sprachgebrauch nach ein Haufen Zigeuner. Weil die Not auch eine Tugend hat, prahlte Richard mit seinem Nomadenleben, wo immer er konnte. Von wo sie wirklich abstammten, wusste er nicht, er betonte nur immer wieder, dass er unter einem Kettenkarussell zur Welt gekommen war und deshalb oft von herumwirbelnden Sesseln träumte, zumindest wenn er viel intus hatte. Dass er seinen Beruf mit Schiffsschaukelbremser angab, tat sein Übriges. Um seine Frau hatte er sich einst geprügelt, sie war der Gewinn eines Kampfes gewesen, der auf einem Schrottplatz stattgefunden hatte. An Ort und stelle wurden sie von einem Pastor getraut, der normalerweise nur Hundekämpfen beiwohnte und ansonsten Ford-Motoren segnete. Für eine Kiste Bier riss er sich jedoch zusammen und brachte sogar eine anständige Litanei zustande.

Wie ein Zirkusensemble waren sie einst hier aufgeschlagen. Grummeln, Brummeln, wie die Vorhut einer Invasion, stark motorisiert, drauf und dran, die Felder, die Äcker (die ganze Landschaft) im Flug zu nehmen. Dabei handelte es sich bei den brechenden Echos, die zwischen den Gebäuden und den heruntergekommenen Betriebswohnungen kein Reißaus fanden, um die Laute eines Ford Transit, der die Einfahrt hinauf durch den Staub marschierte; knatternd töffte und meckerte der nur von einem Draht festgehaltene Auspuff, die Lichtmaschine, die am helllichten Tage sämtliche Scheinwerfer auforgeln ließ, eben auch jene vier, die sich auf dem Dach befanden, ratterte, als müsse vor dem Blechmonstrum Nebel zerfetzt werden, um die Spur zu halten.

»Ich denke, das ist es«, sagte jemand, aber niemand stieg aus. Der Motor hörte auf zu prasseln und die Lichter hörten auf, mit der Sonne zu flirten, die heute garantiert 33° abarbeitete.

»Aber das hier ist nicht unten, unten ist auf der anderen Seite, das hier ist oben. So hat’s geheißen: unten; erst rauf, dann runter, unten ist der Eingang.«

»Halt lieber die Fresse! Halt lieber deine Fresse!«

Erneut begann der Höllenlärm aufzubranden, der Bus stotterte rückwärts und warf Kieselsteine nach vorne. In der Zwischenzeit nahm Bernhardt Langer seine Pfeife, führte sie durch den grauen Wald, der seinen Mund wie ein mystisches Gewässer umgab, zur Lippenmuskulatur und verließ seine Werkstatt, weil er durch die halbblinden Scheiben erkennen konnte, dass dem Wendemanöver im Hof nur in geringem Maße zu trauen war.

Der Auspuff des Ford und die Pfeife des Erfinders verständigten sich durch Rauchwölkchen, hatten angebandelt und mussten doch wieder auseinandergehen, als nämlich der Bus die akkurate Einfahrt rechts neben dem Wohnhaus doch noch fand und in kleinen Schritten auf den Sumpf zufuhr. Er sah, wie der Transit im Morast steckenblieb, den die letzte Überschwemmung hier angelegt hatte, und beobachtete weiter, wie ein hagerer Kerl mit mächtigem Schnauzbart, eine Frau, deren Oberarme sich weiß und lasch zur Erde neigten, zwei gleich große Mädchen, die an ihren Lippen sogen, und zwei unterschiedlich alte Jungen ausstiegen, der eine strohblond und klein, der andere gebeugt wie ein Fragezeichen und ebenso dürr wie sein vermeintlicher Vater, nachgerade in sich kauernd. Die Haustür fanden sie unverschlossen vor, der Schlüssel steckte, aber das konnte Langer nicht mehr sehen, und so zog diese Tatsache nur als eine nicht wahrgenommene Vermutung an ihm vorbei. Kein Mensch machte sich hier draußen die Mühe, jemanden zu empfangen. Während sie also ein paar Taschen aus dem Bus hievten, versank der langsam im Schlamm, die Räder waren schon kaum mehr zu sehen. Langer kehrte dorthin zurück, wo es nach Polyesterharz, Epoxidharz und Glasfilamentgewebe roch, weil er frische Luft ohnehin nicht lange ertrug.