Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in “Märchen aus dem Phantasus” zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung “Volksmährchen” erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im “Phantasus” erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

Der blonde Eckbert

Wir lesen von einem kinderlosen Paar, das zurückgezogen im Harz lebt. Wir lesen vom Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha. Von Zweien, die nur gelegentlich Besuch von Walther erhalten, seinerseits ein Ritter, mit dem Eckbert eng befreundet ist. Eines Abends, als dieser wieder einmal in ihrem kleinen Schloss zu Gast ist, fordert Eckbert seine Frau auf, ihm die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Eckbert vermutet, es würde eine Freundschaft noch mehr festigen, lege man sich offen, enthülle man all seine Geheimnisse. Bertha folgt dieser Aufforderung und beginnt am Feuer des Kamins ihre Geschichte mit den Worten:

… haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Es folgt eine Binnenerzählung, die Schilderung von Berthas Jugend. Sie erzählt, wie sie ihren Eltern zu nichts nutze war, da sie über keinerlei Fertigkeiten verfügte, die ihrer bettelarmen Familie Geld ins Haus gebracht hätten. Wie ihr Vater, ein Hirte, sie dafür tadelte und bestrafte. Weshalb sie es eines Tages nicht mehr aushielt und im Alter von acht Jahren in die Welt floh, durch Wälder, felsige Landschaften und Dörfer, bis sie in einen Wald gelangte, in dem sie einer alten Frau mit Krückstock begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt, in der sie mit einem Hund und einem Vogel zusammenlebt. Die Alte unterweist sie im Führen des Haushalts, der Versorgung der Tiere und im Spinnen. Auch lehrt sie Bertha das Lesen. Zwar kommt sie Bertha immer wieder sonderbar vor, doch es geht ihr gut bei ihr. Und auch ihr wunderschöner Vogel ist ein seltener, da er Eier legen, in denen sich Perlen oder Edelsteine befinden, und ein Lied singen kann, das wie folgt lautet:

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Tag um Tag, Jahr um Jahr vergeht in dieser trauten Einsamkeit des kleinen Familienzirkels. Die Alte, die immer häufiger tagelang unterwegs ist, nennt sie mittlerweile Tochter oder Kind. Von der Fremde in den Büchern angestachelt, keimt in dem Mädchen der Wunsch, sich die Perlen und Edelsteine zu nehmen und in die Welt zu ziehen, obgleich sie sich glücklich unter diesem Dach vorfindet. Auch phantasiert sie von einem schönen Ritter, den sie sich als den ihren erträumt. Ihre Quasimutter warnte sie noch mit den Worten: “Du bist brav, mein Kind! … wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.” Doch es hilft nichts, Bertha bindet den Hund fest, nimmt sich ein paar der Edelsteine, wie auch den Käfig samt Vogel und verlässt, sechs Jahre später, das Haus. Sie irrt durch Wälder, lässt Berge hinter sich, leidet Hunger und reut, gelangt jedoch nach einiger Zeit in ihr altes Dorf. Freudig will sie ihren einstigen Eltern nun den Reichtum bringen, den sie erbeutet hat, jedoch wird ihr mitgeteilt, dass diese bereits gestorben sind. Traurig darüber kauft sie sich in einer Stadt ein kleines Haus mit Garten und eine Bedienstete. Mehr und mehr vergisst sie die Alte und auch der Name des Hundes, den sie so oft gerufen hatte, will ihr überhaupt nicht mehr einfallen. Als der Vogel jedoch eines Tages wieder anhebt zu singen, ist es das Lied von einst, allerdings verändert:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Bertha reut ihre Entscheidung, weggegangen zu sein, endgültig. Die Gegenwart des Vogels ängstigt sie nun, da er auch sein Köpfchen immer zu ihr dreht, und so drückt sie ihm kurzerhand die Kehle zu und begräbt ihn im Garten. Aber auch die Aufwärterin wird ihr nun verdächtig, sie fürchtet, sie könne sie irgendwann ausrauben und ermorden. Bertha heiratet einen Ritter, den sie schon einige Zeit kennt. Es ist Eckbert.

„Pool in the Woods“ von Jasper Francis Cropsey (1823-1900)

Walther bedankt sich für diese Geschichte und merkt an, dass er sich Bertha mit dem seltsamen Vogel gut vorstellen könne und wie sie den kleinen Strohmian füttert. Beide gehen zu Bett. Nur Eckbert geht in seinem Zimmer auf und ab, und fragt sich, ob sein Freund sie nun verachtet. Jede Handlung, jeder Ausdruck Walthers, der am nächsten Tag das Schloss verlässt, ist ihm von diesem Zeitpunkt an suspekt. Bertha, die seit der Nacht krank im Bett liegt, bestätigt ihren Mann in seinen Zweifeln, indem sie ihn darauf hinweist, dass Walther den Namen des Hundes wusste, der ihr längst nicht mehr einfiel. Woraufhin Eckbert, von seinem Wahn geplagt, seinem Freund einige Zeit später im Wald beim Sammeln von Moos begegnet und ihn mit einer Armbrust erschießt. Als er zum Schloss zurückkehrt, ist seine Frau bereits verstorben. Vor lauter Einsamkeit, die ihn erwartet, bereut Eckbert seine Tat und versucht sich durch Besuche von Festen ein wenig abzulenken. So lernt er den Ritter Hugo kennen, mit dem er bald eine enge Freundschaft pflegt, wie er sie auch mit Walther hatte. Wieder verspürt er das Gefühl, sich seinem Freund öffnen zu müssen. Und er tut es, obwohl ihm unwohl dabei ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, von Bertha und von Walther, und dass er ihn getötet hat. Hugo spricht ihm zu, doch Eckbert fühlt sich an Walther erinnert, erkennt von da ab auch in Hugos Verhalten das ablehnende und hämische seines ehemaligen Freundes. Wut und Entsetzen packen ihn, weshalb er flieht und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause findet. Halb wahnsinnig und von entsetzlichen Gedanken geplagt, die ihm das Rätsel der Geschehnisse nicht enthüllen, beschließt er zu Pferd eine Reise zu machen, um sich wieder ordnen zu können. Ziellos irrt er durch die Lande, findet sich in einem Gewinde von Felsen wieder, bis er endlich einen alten Bauern trifft, der ihm einen Weg hinaus zeigt. Und auch bei diesem bildet sich Eckbert ein, es könne Walther gewesen sein, da er seine Münzen, die er ihm zum Dank geben wollte, ausschlug. Durch Wiesen und Wälder reitet er sein Pferd zugrunde, setzt seinen Weg zu Fuß fort, bis er träumend einen Hügel hinaufsteigt, von dem aus er ein Bellen vernimmt, wie auch ein Säuseln der Birken. Ein Lied mit wunderlichen Tönen dringt an sein Ohr:

Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Eckbert glaubt sich nun endgültig wahnsinnig. Er weiß nicht ob er träumt oder wacht, kann das Rätsel nicht lösen. Gibt es Bertha überhaupt? Seine Erinnerungen sind keine zuverlässige Quelle mehr. Hustend schleicht die Alte mit ihrer Krücke dem Hügel entgegen. “Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?”, schreit sie Eckbert entgegen. “Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo.” Der Ritter erkennt seine entsetzliche Einsamkeit. Die alte Hexe fügt hinzu: “Und Bertha war deine Schwester. Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.” Eckbert liegt am Boden, ruft: “Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?” “Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe”, gibt sie ihm zur Antwort. Eckbert stirbt unter den Worten der Alten, dem Bellen des Hundes, während der Vogel sein Lied wiederholt.

Tieck, der Wald und die Waldeinsamkeit

Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Tieck, der als junger Mann noch unter den Fahnen der Aufklärung schrieb, versuchte bald, als Ergebnis eines inneren Aufbruchs, sein Werk unter dem Anspruch eines neuen hohen Ideals keimen und entstehen zu lassen. Und wie wir wissen, gelang es ihm. Von allen gelesen, beeinflusste er vehement das Denken und Schreiben, ganz allgemein die Kunst seiner Kollegen. Durch seine Bearbeitung der alten deutschen Volksbücher und -märchen (etwas, das den Aufklärern nicht im geringsten einfiel, da sie diese dem irrationalen Aberglauben zuordneten) versuchte er nicht nur Gedächtnisse von Jahrhunderten zu bewahren, sondern mehrte auch sein Wissen über die Lebensweisen der damaligen Zeiten. Mit Der blonde Eckbert präsentiert er typische Motive der Romantik. Die Sehnsucht, das Geheimnisvolle, der Abgrund und das Grauen sind allgegenwärtig in diesem Kunstmärchen. Der Wald, der in seinen Werken den wichtigstigsten Akteur stellt, dient ihm hier, wie auch in vielen anderen Märchen und Novellen, als subjektive Seelenlandschaft, die – anders in seiner Lyrik – häufig dunkel und dämonisch durchtränkt ist. Dennoch erfahren wir hier die Protagonisten des Waldes (die Bäume) auch als schwärmerische, säuselnde und verzaubernde. Und so ist der Wald bei Tieck nicht einfach dem städtischen Leben gegenüberzustellen, obgleich er doch, wie in dieser Geschichte, eine sehr eigene und individuelle Existenz nachzuzeichnen vermag. Was nicht verwundert, bedenkt man, dass Tieck selbst das Stadtleben sehr genossen hat, konnte er doch, vor allem in den Großstädten, mit Gleich- und Andersgesinnten über die Künste diskutieren. Pantheistisch und traumkonnotiert sind Tiecks Wälder. Denkt man bei Klopstock vor allem an Eichen, sind es hier die Birken, die verführen. Und so tritt Bertha mit dem Verlassen ihres Elternhauses in eine Sphäre des Magischen und Schicksalhaften ein (das typisch romantische Wanderschaftsmotiv wird hierbei vom Hänsel-und-Gretel-Motiv eingeleitet). Doch was lernt sie, und später auch Eckbert, kennen? Ist es die Natur ihres Wesens, oder ist es das Wesen der Natur, zu dem auch sie zu zählen sind? Klar ist: Die Emphase des in ihr Wandelnden wird ihr, der Natur, auszudrücken zugedacht. Daher sind es auch keine Naturlandschaften, die wir da draußen so vorfinden würden, würden wir sie mit den vorkommenden abzugleichen versuchen.

Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.

Die Idealisierung des Waldes, die den, im Zuge der Modernisierung, damalig häufig gepflanzten Nadelholzmonokulturen entgegensteht, erschafft dem Menschen einen sog. locus amoenus (hier das Birkental mit der Hütte der Alten), der ihm zum Idyll, zu einer Sehnsuchtslandschaft sondergleichen wird. Der von Tieck geprägte Begriff der “Waldeinsamkeit” erfährt mit diesem Naturmärchen an großer Bekanntheit. Weitere mit der Natur verschränkte Wortschöpfungen folgen, wie z.B. die “Bergeinsamkeit”.

Schicksal und Inzest

#13 © Igor Morski

Der umherirrende Mensch, der durch den locus terribilis (hier besonders die Felsenlandschaften) flieht, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, der nicht weiß, ob er träumt oder längst dem Wahnsinn anheimgefallen ist, dient vielleicht sogar der Natur als Projektionsfläche, die ihn träumt, die sich an ihm und durch ihn vollzieht. Denkbar, nehme ich das Inzestmotiv in Augenschein, das mir am Ende den frühen erzählerischen Sog dieser Geschichte erklärt, die wir selbst als Geschichte in einer Geschichte erfahren. Denn beide, Bertha wie auch Eckbert, sind fortwährend damit beschäftigt, ihre Geschichte einem Nächsten zu erzählen, in der Hoffnung, Verständnis für ihr Handeln zu erfahren, das ihnen selbst weitestgehend unerklärlich und schicksalhaft bleibt. Gehuldigt wird damit dem sog. Freundschaftskult, der ganz besonders den Romantikern ein Begriff war. Naiv und unschuldig sind die beiden gezeichnet, trotz ihrer moralisch verwerflichen Handlungen. An das Gute glaubend, auf Erfüllung hoffend, öffnen sie sich der Welt und ihren Gästen. Doch sogleich sie dies tun, gewinnt der Zweifel die dunkle Oberhand. Ihr einsames Glück scheint sofort bedroht. Schuldgefühle, wie die von Bertha, da sie die Alte beraubt und verlassen hatte, werden an die Oberfläche gespült. Auch scheinen beide seit je her ihr dunkles Schicksal zu ahnen. Bertha, die mit Beendigung ihrer Jugendgeschichte und dem Wiedereinsetzen der Rahmenhandlung erkrankt, stirbt sogar an ihren Schuldgefühlen, die sie zuvor lange verdrängt hatte. Walther wird zum Verhängnis, dass er Bertha gegenüber äußert, er könne sich gut vorstellen, wie sie den kleinen Strohmian füttert. Die Nennung des Namen des Hundes (der Hund als Treuemotiv), den sie lange vergessen hatte, erschüttert sie in ihrer Sicherheit. Woher konnte Walther ihn wissen? Eckbert, der daraufhin seinen Freund im Wald mit einer Armbrust tötet, will ihn bald in jeder ihm begegnenden Person wiedererkennen, so auch in Hugo und dem alten Bauern. Ähnlich wie Bertha einst, verlässt er sein Heim und irrt durch die Lande und Wälder. Bis er, sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher, zu dem Hügel gelangt, auf dem Bertha einst stand und auf ihr neues Zuhause herabblickte. Schreiend kommt ihm die Alte entgegen, die nach ihren Tieren und Edelsteinen ruft, nach Bertha und warum sie sie so tückisch verlassen hat. Ein die Seele terrorisierender Horror, bedenkt man, dass, während sie auf ihn einspricht und ihm die Wahrheit über Berthas Herkunft verkündet, der Hund bellt und der Vogel (der Vogel als Seelenmotiv) sein Lied singt. Eine klangliche Zuspitzung, die der malerischen dramaturgisch in die Hände spielt. Was seiner Frau einst eine Idylle war, ist Eckbert düster und todbringend. Als müsse das Unheil ihrer Liebe gesühnt werden. Als hätte es niemals unter einem guten Stern stehen können, obwohl sich beide tief verbunden zueinander fühlten, ihr eigenes Idyll, seit ihrer Begegnung und Heirat, leben konnten. Als wären sie Adam und Eva in ihrem Paradies gewesen, das ihnen, aufgrund dessen, dass sie Halbgeschwister waren, nicht zugedacht war. Und doch bleibt zu fragen, ob es nicht genau deshalb eines auf Zeit sein konnte, da die Liebe, die Natur ihren Willen forderte, beide zueinanderfinden ließ. Die Alte, die Eckbert gegen Ende wie eine Rachegöttin entgegentritt, erinnert stark an eine Erd- und Totengöttin wie Hel eine ist. Sesshaftigkeit verlangte sie von dem Mädchen, nicht vom Wege abzukommen riet sie ihr, statt vom Fernweh getrieben neugierig in die Welt zu treten, da sich sonst ein Unheil vollziehen würde. Prophetisch wurde das Heim als heiler Ort von ihr verkündet, als eine Idylle, in der der Mensch keinen Versehr erfährt, solange er sich der Neugier verweigert, passiv bleibt, die Dinge geschehen lässt, ohne sie selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Verstörend und enorm sehnsuchtsvoll ist dieses Horrormärchen, das die Grenze zwischen Wahn und Realität, Traum und Wirklichkeit auf eine dunkle, tief schauerliche Weise verwischt. Hell und inniglich sind mir die beiden Hauptprotagonisten, Eckbert und Bertha (die sich auch namentlich ähneln), dennoch in ihrem Bestreben glücklich zu sein, die Welt im Kleinen an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen, auch wenn dies nicht gelingt. Ein psychologisch herausragener Stoff, der dem Wahnsinn ganz eigene kraftvolle Landschaften wirkt, unter deren Oberflächen sich Dunkles verbirgt: eine blinde Natur, die sich im Menschen offenbart, der die Natur seines eigenen Willens entwickelt. Ein zeitlos mystischer Horror, der zeigt, wie unergründlich und unhintergehbar unser Dasein ist.

Die Mondmacher 2

Am nächsten Tag sah er den Wolf, als er im Wald herumspazierte, um seinen Kater etwas zu besänftigen und sich vielleicht, nur vielleicht – warum nicht? –, den Busch anzusehen, an dem, ordentlich verteilt, ein kompletter Satz Damenwäsche hing. Ein Strumpf hier, ein Strumpf dort, ein Höschen mit Polka Dots, ein marineblauer BH, sogar ein Mieder. Nur die Schuhe fehlten oder mochten sonst wo liegen. Joe verstand nicht das geringste von Kunst, aber er fühlte mehr als das optische Interesse an dieser Präsentation. Seltsam berührt ahnte er einen verborgenen Teil des Lebens, den er nicht verstand, ahnte, daß es Zusammenhänge gab, die durch ihren Rätselspruch, ihre Uneindeutigkeit überhaupt erst Interesse weckten. Joe stand vor dieser Anordnung hautgewohnter Dinge wie ein Connaisseur vor einem MERZ-Objekt Kurt Schwitters, genoß eine verborgene und grundlose Schuld, als wäre er für das, was dann diesen Strauch ergab, verantwortlich.

Erzählte dieser Wäschebusch eine Geschichte? Handelte es sich hierbei um das Fanal eines Verbrechens, oder war alles nur ein dummer Streich, dazu gedacht, dem ländlichen Leben mit einfachsten Mitteln etwas an der Pulsfrequenz zu schrauben? Er kam nicht umhin, die konischen Körbchen des Büstenhalters zu berühren. Würden zwei von diesen Dingern da hängen, wäre es wohl als Scherz zu verstehen, sagte er sich. Oder fände sich überhaupt ein Teil zu viel vorhanden. Aber da gab es nicht mehr als eine komplette Garderobe zu betrachten.

Der Wolf störte sein Interesse für die gewalzten Strümpfe, denen er sich als nächstes widmen wollte, denn um ehrlich zu sein, hatte er so einen Stoff noch niemals berührt. Das Tier trottete desinteressiert an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, tauchte auf und verschwand, gar nicht weit von ihm entfernt, etwas zerzaust und riesengroß, Rotkäppchen im Fang, Reste der Großmutter. Wie groß ist denn ein Wolf? Wo einer ist, sind auch mehrere, weißt du das nicht mehr? In seiner Kindheit hatte er alles über Wölfe gewußt. Nicht über ihre Natur, versteht sich, sondern über den ›Wolfalarm‹, und wie man sich zu verhalten hatte, wenn man ihn unterwegs zu hören bekam; dem Fliegeralarm nicht unähnlich, von dem sich diese einzigartige Einrichtung auch ableitete. Die alten Lautsprecher und Sirenen, die teilweise noch funktionstüchtig an den Fassaden hingen, übertrugen die Warnung mit einem 3 × 12 Sekunden langen Ton, der durch die hohen und niederen Lüfte sauste, mit je 12 Sekunden Pause dazwischen. Danach folgte der einminütige Dauerton. Manche hatten sich das sogar auf Chromkassette aufgenommen, weil es so gut wie nie vorkam.

Die Wölfe kommen im Winter hungrig aus dem Böhmerwald ins verhältnismäßig warme Dorf. Die Hühner gebärden sich unruhig, weil sie ihren Tod bereits schmecken, sagte man. Und wenn ihr das Signal hört, nehmt ihr eure Hacken ohne Umschweife in die Hand und stürzt in das Haus, das euch am nächsten ist, wo immer ihr auch gerade seid! Mit Vorliebe erzählte man dann das Märchen ›Der Wolf und die sieben Geißlein‹, um die Ernsthaftigkeit des Gesagten zu unterstreichen. Keine Tür wird euch dann verschlossen sein, wir kennen uns doch alle, das Zusammensein birgt auch diese Bürde, ihr müßt euch sogleich in Sicherheit bringen, bis die Jäger die Sache erledigt haben!

Der Klang unterschied sich nur deshalb von anderen Katastrophenwarnungen, weil die Botschaft durch die alten Propagandaleitungen brüllte und nicht von einer modernen Feuersirene stammte. Wenn man Glück hatte, wurde man als Kind mit Kuchen versorgt, bis die Jäger Entwarnung gaben.

Winterzeit, Windzeit, Wolfzeit, sagt das Wölsungenlied. In den Thermoskannen steht der Tee bereit, der Zimtgeruch vertreibt den Schnee aus den Nüstern. Rotz gefriert klammheimlich, ein Mangel an Stolz in den Sekreten. Glühend wird der Wein getrunken, die Lippen verbrennen sich gerne an einem kochenden Verschnitt, in den man Gewürzbeutel hängt. Nur ja nicht zu lange sieden, der Geist geht sonst verloren und die Körper der zermalmten Trauben inkarnieren nicht mehr richtig im nächsten Erntejahr.

Andere hatten vielleicht weniger Glück und mußten Kartoffeln aus dem Keller nach oben tragen. War das so aufregend gewesen wie jetzt vor der Wäsche, die an Sträuchern hing, zu stehen? Der Wolf war fort, hatte ihn entweder nicht gesehen oder sich über ihn lustig gemacht, oder er gab gerade dem Rudel Bescheid. Das wäre alles halb so schlimm, wenn nicht im letzten Winter die beiden angefressenen Leichen gefunden worden wären. Ein blaßblaues Leuchten simmerte damals über den Landstrich.

Die reißende Bestie, die hier wütete, kam, so erzählt man sich, aus dem Šumava durch die Wälder, durch Seen und Moore gewandert. Vielleicht aber kam der Wolf aber aus den Herzen derer, die ihm dann auch zum Opfer gefallen waren, sagten andere, die die Meinung vertraten, Wölfe fräßen überhaupt keine Menschen.

Ach, so ein Revier! Habichte klimben beflügelt
über den Tellerrand, zucken rostrot von den Bänken,
der Horizont erschallt in butterweichem Gelb. Ist
die Falle gestellt, ist es leicht, darauf zu warten.
Kuseln ploppen auf den übersäuerten Waldboden nieder,
hie und da ein salopper Wanderer, der seinen aus-
gewürgten Spazierstock streichelt, dann sich Blaubeeren
ansieht. Hochgeschossenes Lilablau, Lippen
violettschwarz, und Teekessel, die keine Ruhe geben.
Hübsch am Ofen den Arse gewärmt. Einer, der
Pferde stiehlt, seziert jetzt Schafe, rankende
Kühe, bespannt Äpfelkörbe, schießt scharf mit
Vogelbeeren. Ein stummer Gruß bleibt zu lokalisieren,
so ein Abendlicht, wie er dir schenkte.

Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.
Sie seufzt.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

Es wäre nicht genüge, diese acht Perlen einfach nur Geschichten zu nennen. Wären sie das, könnten wir uns leicht über das Abrupte in ihnen beklagen, geschrieben von einer Virtuosin, die ihr Instrument einfach nur hinlegt, ihr Können längst bewiesen hat, als ob der Nachhall ihrer Legende bereits ausreichen würde. Es gibt in dieser Sammlung Sätze, die sich als poetische Fragmente betrachten lassen. Ihre Erzählungen haben mehr mit der Struktur von Märchen zu tun; hier wirkt eine autoritative Stimme im Hintergrund, die Dialoge vermeidet, scheinbar undurchsichtig Ereignisse werden in einen Prolog und ein Nachspiel gekleidet, so dass sie aus dem Text heraustreten. Hier ist eine Fantasie am Werk, die unter dem Deckmantel historischer Meditationen waltet.

Die Eröffnungsgeschichte Schwarze Venus ist Carters Interpretation der Muse und Geliebten von Charles Baudelaire, Jeanne Duval, die er seine “Vénus Noire” nannte, die Inspiration für insgesamt sieben Gedichte aus den „Blumen des Bösen“ war, von der man tatsächlich sehr wenig weiß und die wohl ihren Namen als Tänzerin und Objekt der Begierde sehr häufig geändert haben dürfte. Geheimnisvoll erscheint sie nicht zuletzt deshalb, weil sie die Geliebte eines perversen, “bösen” Dichters war. Uns wird erzählt, wie er eines nachts von ihr in Erregung versetzt wird, als er sie ohne einen Hinweis oder jedwedes Schamgefühl auf die Straße urinieren sieht.

Die subtile Andeutung, dass sie eine gefallene Frau ist, wie in dem obigen Auszug angedeutet, wird durch die letzte Beobachtung des Fotografen Nadar verstärkt, der eine syphilitische, zahnlose und auf Krücken stehende Frau sieht. Durch Carter wird sie transformiert, ihre Sexualität wird zu einer Ermächtigung, als sie Baudelaire für den Sex bezahlen läßt, weil sie ihn respektiert und weil sie es wert ist. Außerdem wird sie als die Intelligentere von beiden dargestellt; obwohl sie seine Kunst zu schätzen weiß, erkennt sie die Dummheit seines Vergleichs ihres Tanzes mit dem einer Schlange. Hätte er – wie sie – je eine gesehen, wüsste er, wie lächerlich der Vergleich war.

Baudelaire selbst zeigt sich als sehr gesprächig und ein wenig als Poseur, während er in ihren Armen nach dem Koitus zu weinen beginnt. Am Ende der Erzählung überlebt sie den Dichter und kehrt nach Martinique zurück.

Die zweite Geschichte, Der Kuss, ist die kürzeste Geschichte in der Sammlung und handelt von einem Zwischenfall zwischen Timurs schöner und klugen Frau und einem Baumeister. Die Ehefrau will ihrem siegreich von einem Feldzug zurückkehrenden Mann eine Moschee bauen und pocht darauf, dass sie rechtzeitig fertig wird. Aber ein Torbogen bleibt noch unvollendet. Sie ruft den Bauherrn herbei, aber er wird den Torbogen nur unter der Gegenleistung eines Kusses vollenden. Die Ehefrau will nicht untreu sein, und deshalb entwirft sie einen Plan, um ihn zu täuschen, indem sie ihm Eier mit verschiedenfarbiger Schalen zum Essen gibt. Als er sie gegessen hat und unbeeindruckt ist, weil sie alle gleich schmeckten, benutzt sie das gegen ihn, indem sie sagt, dass die gleiche Logik für Küsse gilt, unabhängig von der Ästhetik, deshalb wird sie ihm erlauben, stattdessen irgendeine ihrer Mägde zu küssen.

Sein Gegenvorschlag umfasst drei Schüsseln mit klarer Flüssigkeit, zwei mit Wasser und einen mit Wodka, mit dem Argument, dass, obwohl sie gleich aussehen, jede Flüssigkeit anders schmeckt und so sei es auch mit der Liebe. Danach küsst sie ihn und als Tamur nach Hause zurückkehrt, wird sie nicht in den Harem zurückkehren, weil sie Wodka probiert hat und ihm gesteht, dass sie den Architekten geküsst hat. Sie wird geschlagen, und er schickt seine Wachen, um den Architekten hinzurichten, der auf dem fertiggestellten Torbogen steht, sich Flügel wachsen lässt und davon fliegt.

Unsere Liebe Frau vom Großen Massaker erzählt die Geschichte eines Mädchens aus Lancashire, das nach London zieht, wo sie einen Laib Brot stehlen muss, um nicht zu verhungern, und von einem Gentleman erwischt wird, der sie dazu überredet, mit ihm in ein Zimmer zu gehen, um Sex zu haben. Als er merkt, dass sie noch Jungfrau ist, schämt er sich und gibt ihr etwas Geld. Die Folge davon ist, dass ihr das recht gut gefällt und sie damit beginnt, sich zu prostituieren. Nebenbei beginnt sie aus Spaß auch noch zu stehlen, wird erwischt und in die Neue Welt verfrachtet, um dort auf einer Plantage zu arbeiten. Dort muss sie fliehen, als sie einem Vorarbeiter, der sie vergewaltigen will, die Ohren abschneidet. In der Wildnis begegnet sie einer Indianerin, die sie als Tochter aufnimmt und so wird sie Teil des Stammes. Dort lebt sie ein einfaches Leben, glücklich, weil sie keine Wünsche und Bedürfnisse hat und zu einer Gemeinschaft gehört. Sie heiratet sogar einen der Stammesangehörigen und hat einen kleinen Jungen. Ihr Glück ist jedoch nicht von Dauer, denn die Engländer kommen und schlachten alle ab. Sie selbst wird von den Engländern mitgenommen, wo sie von einem Priester gekauft wird, der ihre und die Seele ihres Kindes retten will. Die Geschichte würde in der Hand einer weniger begabten Schriftstellerin leicht platzen, denn die Gegenüberstellung der ekelerregenden „Zivilisation“, wo sie ihren Körper verkaufen muss, um zu überleben, und den respektvollen „Wilden“, in deren Gemeinschaft sie sich sinnhafte einfügt ist schon vielen mißlungen. Tatsächlich könnte man einen Makel darin sehen, dass die Geschichte an sich nicht phantastisch ist. Aber wie bereits bei Schwarze Venus selbst ist sie spekulativ-abenteuerlich, und das rückt sie in die Nähe der Literatur, die wir meinen.

Die nächste Geschichte stellt den Höhepunkt der an sich schon sehr starken Sammlung dar: Das Kabinett des Edgar Allan Poe. Diese Erzählung beschäftigt sich mit den Effekten, die seine Kindheit und seine Mutter auf Poes pathologische Probleme im Mannesalter hatten. Bekanntermaßen war Poes Mutter eine Schauspielerin, die für ihr Können und ihre Vielseitigkeit in den Rollen von Shakespeares tragischen Heldinnen Ophelia und Juliet Capulet bis hin zu Chor-, Tanz- und Komödienrollen gelobt wurde. Die Sache, die Edgar am meisten genießt, ist, sie in ihrem Schrankspiegel zu sehen und dabei zuzusehen, wie sie sich komplett von einer Person in eine andere verwandelt. Nachdem der Vater verschwunden ist (er löst sich einfach auf), versucht sie weiterhin unter Selbstaufgabe sich um ihn und um seine zwei Geschwister zu kümmern. Bis zu ihrem Tod, den Carter so beschreibt:

Der feuchte, mürrische Winter des Südens unterzeichnete ihr Ende. Sie legte das Hemd der irren Ophelia zum Abschied an.
Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Edgar schaute aus dem Fenster und sah ihn. Die lautlosen Hufe von Pferden, die schwarze Federbüsche trugen, schlugen Funken aus den Pflastersteinen der Straße drunten. „Vater!“, sagte Edgar; er dachte, ihr Vater müsse sich in dieser verzweifelten Lage wieder zusammengefügt haben, um sie alle zu einem besseren Ort zu fahren, doch als er genauer hinsah, beim Licht des schwelenden Mondes, erkannte er, daß die Augenhöhlen des Kutschers voller Würmer waren.

Der Tod seiner Mutter hat tiefgreifende Auswirkungen auf Poe, da er seine Mutter schon unzählige Male auf der Bühne sterben und sie nach dem gefallenen Vorhang wieder aufstehen gesehen hat, aber diesmal kehrt sie nicht zurück. Drei Wochen nach ihrem Tod wird er von den Allens aufgenommen und bekommt ein gutes Zuhause und eine gute Ausbildung, er wächst auf und heiratet seine dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm. Elf Jahre lang werden sie verheiratet sein, bis das bleiche, sanfte Mädchen an Tuberkulose stirbt. In dieser Erzählung zeigt Carter virtuos auf, wie sehr Poe durch den tragischen Tod der beiden Frauen, die er liebte, geprägt wurde. Wir kennen das stets wiederkehrende Thema der sterbenden oder toten Frauen in seiner Arbeit natürlich sehr genau und ich selbst habe schon eine Menge darüber geschrieben, was aber hier nichts zur Sache tut.

In den nächsten beiden Erzählungen kehrt Angela Carter auf das ihr vertraute Gebiet der Volkserzählungen zurück. Einmal, um Shakespeares “Sommernachstraum” neu zu erfinden, in dem sie einen goldenen Hermaphroditen einführt, und ein anderes Mal, um sich in „Peter und der Wolf“ erneut dem Motiv der Wolfskinder anzunehmen, wo sie unter anderem ja ihre stärksten Momente auch in „Blaubarts Zimmer“ hat.

In Capriccio-Ouvertüre zu “Ein Sommernachstraum‘” stellt sich Carter einen sehr englischen Wald als Schauplatz vor, in dem sie besagten goldenen Hermaphroditen namens Herm in die Geschichte einfügt, der unter der Obhut von Titania steht, die entschlossen ist, sie vor den verliebten Annäherungsversuchen ihres Mannes Oberon zu schützen. Während sich der Wald zu verändern beginnt, um Oberons sexueller Frustration anzupassen, benutzt Titania den Herm für sich selbst. Darüber hinaus ist Herm auch das Objekt der Begierde von Puck, der ihr/ihm in den Wald folgt, wo Herm Yoga praktiziert, den Hermaphrodieten aber nicht zu nahe treten kann, weil eine Barriere um ihn geschaffen wurde, um ihn zu schützen. Deshalb sieht er ihm nur zu und masturbiert. Puck schafft es sogar, seine Genitalien so umzustellen, dass er sich in einen Zwitter verwandelt, aber auch das nützt ihm nichts.

Selbst für Carters Maßstäbe ist die hier genutzte Sprache üppig, das eigentlich Interessante jedoch ist die Symbolik, die sie jedem Charakter zuweist. Titania ist eine Fruchtbarkeitsgöttin, während ihr Mann, der König, frustrierte männliche Dominanz darstellt und Puck reine, ungehemmte animalische Sexualität ist. Der goldene Herm, obwohl er beide Geschlechtsteile besitzt und von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt wird, scheint die ganze Idee des Geschlechts langweilig zu finden, als ob er durch einen höheren Zustand erleuchtet wäre, wie sein Yoga dann auch zeigt. Bei der Adaption der Geschichte behält Carter die Unzucht von Shakespeares Stück zwar bei, macht es aber uneingeschränkt zu ihrer eigenen Geschichte.

In Peter und der Wolf entdeckt Peter während der Jagd ein junges Mädchen unter den Wölfen. Es handelt sich um seine Cousine, die verwilderte, als ihre Eltern, die abgeschieden auf einem Berg lebten, von Wölfen getötet wurden, als sie selbst noch ein Baby war. Gemeinsam mit anderen Jägern wird sie eingefangen und „nach Hause“ gebracht. Peter und seine Großmutter sind fest entschlossen, ihr zu helfen. Sie allerdings fängt laut zu heulen an und es dauert nicht lange, da kommen die Wölfe vom Berg herunter und befreien das Mädchen.

Nach diesem Ereignis wird Peter religiös. Als er volljährig ist, empfiehlt es sich von daher für ihn, ins Priesterseminar zu gehen und dort zu studieren. Als er das Dorf verlässt, kommt er an einen Fluss und sieht seine Cousine mit zwei Wolfsjungen, die von ihr gesäugt werden (hier haben wir die dunkle Symbolik der Sodomie). Als er sie dort sieht, wird er an seine Sehnsucht erinnert, die ihn überkam, als er zum ersten Mal von ihrem Geschlecht angezogen wurde als er sie nackt und wild im Haus sah, bevor die Wölfe sie befreiten. Er versucht über den Fluss zu ihr zu gelangen, aber er verschreckt sie nur. Wie Puck in der vorigen Geschichte, steht das wilde Mädchen für die animalische Sexualität, aber sie repräsentiert auch eine Art Freiheit, die Peter nicht weniger begehrt, aber nicht haben kann. Auf seinem weiteren Weg bemerkt Peter, dass ihm die Berge seiner Jugend wie auf einer Postkarte geworden sind und blickt nicht zurück aus Angst, das gleiche Schicksal wie Lots Frau zu teilen.

In der nächsten Erzählung, Das Küchenkind, wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der aus einer zufälligen Begegnung zwischen seiner Mutter und einem mysteriösen Mann in der Küche eines Landhauses, in dem sie arbeitet, geboren wurde. In der Küche aufgewachsen, lernt der Junge von klein auf eine Reihe von kulinarischen Fertigkeiten unter der Obhut seiner Mutter, einer begnadeten Köchin. Doch sie fühlt sich unterschätzt, denn wenn der Hausherr zu Besuch kommt, fragt er nie nach ihrer Spezialität, dem Hummersoufflé. Eines Tages geht der Junge auf den Herzog zu, um näheres über seinen Vater in Erfahrung zu bringen. Von ihm erfährt er, dass es sich dabei um den Kammerdiener des Herzogs handelte und dieser traurigerweise verstorben sei, aber auch, dass die Haushälterin – und Gegenspielerin der Köchin – diese Nachricht absichtlich nicht weitergegeben hatte, was seine Mutter fälschlicherweise glauben ließ, er interessiere sich nicht für das Hummersoufflé. Als Zeichen seiner freundlichen Geste geht er in die Küche, um der Mutter des Jungen eine kleine Aufmerksamkeit zu machen, aber sie lehnt seine Annäherung ab, denn als sie bei der letzten Gelegenheit belästigt wurde (der Zeugung des Jungen), gab sie zu viel Cayenne in die Schüssel. Der Herzog ist bewegt von der Hingabe der Mutter an ihre Arbeit und bittet sie, Chefköchin in seiner Residenz zu werden. Der Junge wird sein Ziehsohn und der jüngste Koch in ganz England.

Auch diese Geschichte ist weniger phantastisch als einfach nur ein sprachliches Meisterwerk.

Die letzte Geschichte in der Sammlung ist Die Morde von Fall River, die Geschichte von Lizzy Borden, die in der allgemein bekannten Legende ihren Vater als auch ihre Mutter mit einer Axt ermordet haben soll. Tatsächlich bestehen noch immer Zweifel, ob sie es wirklich getan hat, vor Gericht wurde sie jedenfalls freigesprochen.

Carters Lizzy lebt in einem bedrückenden Haus, in dem aufgrund eines kürzlichen Einbruchs alle Türen zu jeder Zeit verschlossen bleiben. Ihr Vater ist recht wohlhabend, aber er ist ein Geizhals, so dass selbst die Form des Hauses bedrückend, sehr eng ist, und Carter nutzt dies, um eine Atmosphäre zu schaffen, die höchst klaustrophobisch ist. Ihre Stiefmutter wird als ziemlich gefräßig dargestellt, und die Beziehung zwischen ihr und Lizzy ist nicht gerade gut. Lizzys Schwester ist weggegangen, um bei Freunden in einer anderen Stadt zu leben, aber Lizzy fühlt sich aus Gründen, die nur mit einer inneren Stimme erklärt werden, gezwungen, in Massachusetts zu bleiben.

Während die Hitze unerträglich wird und jeden im Haus krank macht, ereignet sich das, was schließlich Lizzys Verbrechen auslöst (und Carter geht von ihrer naheliegenden Schuld aus).

Obwohl ihr Vater ein Geizhals ist (der als Bestatter den Leute die Füße abschneidet, damit sie in einen kleinen, billigen Sarg passen), gewährt er seiner Tochter jeden (finanziellen) Wunsch. Eines Tages tötet er aber Lizzys Tauben, um sie seiner Gemahlin wortwörtlich zum Fraß vorzuwerfen.

Lizzys Verbrechen wird beinahe zu einem Akt radikaler Befreiung. Sie greift auf Gewalt zurück, um sich einer grausamen und bedrückenden Situation zu entledigen.

Angela Carters Schreibstil wird oft dem Magischen Realismus zugeordnet, obwohl nach ihrer eigenen Aussage dieses Etikett nicht ganz stimmig ist. Sie selbst plädiert für ein “literarisches Spiel” im Geiste lateinamerikanischer Schriftsteller wie Garca Marquez und Borges. Borges war bei weitem ihr wichtigster Einfluss – und darin liegt vielleicht das Problem mit dem Etikett. In Europa geht man allgemein davon aus, Borges sei eben der Prototyp des Magischen Realisten gewesen – und auch Marquez bekam ja dieses Schild verpasst, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass die Erfindung des Magischen Realismus nur ein Marketingkonzept der Verlage gewesen ist.

Die Mondmacher

Da war diese Erscheinungen im Wald. Das konnte man vielleicht abtun. Man mußte nicht alles glauben, solange man nicht selbst davon betroffen war. Aber es sprach sich herum. Ein Jux, sagte man, ein geschmackloser obendrein, aber nicht gar so geschmacklos, wie uns verkaufen zu wollen, daß da jemand auf dem Mond gelandet wäre, sagte man. Da kann man gar nicht hin, das kann man technisch gar nicht bewältigen, sagte man. Wo doch gar nicht einmal feststeht, ob es den Mond überhaupt gibt. Natürlich gibt es den Mond, was ist denn in dich gefahren? Man sieht ihn doch da oben! Ja, aber vielleicht ist das nur eine Täuschung, eine Luftspiegelung. Wie in einem Kabinett auf dem Wiesenfest; du denkst, du weißt, woʼs langgeht, du hast doch Augen im Kopf, und dann knallst du gegen die Scheibe! Du hast recht, ich knalle auch immer gegen die Scheibe, aber die Russen waren doch auch schon oben! Also, ich glaube an die Russen. Ach ja? Du kannst ja mal rüber gehen, wirst schon sehen, wie sie dich empfangen! Und der Mond ist mal groß, mal klein, ist euch das noch nicht aufgefallen? Groß und dann wieder klein. Man hat doch, ich schwörʼs, diese runden Türme entdeckt, in welchen der Vollmond jeden Monat gegossen wird, um dann mit einem großen Katapult in den Himmel geworfen zu werden. Der Mond erkaltet unter der Erde, wird fest in den Tiefen, wird zu Basalt und Eisen.

»Ihr mit euren blödsinnigen Geschichten«, sagt Konrad, an dessen Oberlippe stets ein Tropfen darauf wartet, im Gewirr seines Schnurrbarts unterzutauchen. »Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, es liegt am Bier, vielleicht war im Felsenkeller der Scherdels was nicht in Ordnung.«

»Es liegt höchstens an zu wenig davon!« Trinklein hantiert mit der Fliegenklatsche, obwohl es gar keine Fliegen gibt, um damit anzudeuten, er benötigt mehr von diesem goldenen Saft, oder die Langeweile wird ihn augenblicklich auffressen.

»Was! Hat der schon wieder zehn! Joe, du bist ein Loch!«, sagt Ludwig und mischt das Kartenspiel neu. Das letzte Spiel hatte er mit Schneider gewonnen.

»Ich bin also ein Loch, ja? Und was ist mit Carlos?«

»Carlos ist der Weißenstädter See!«, sagt der Postler, den alle nur unter diesem Namen kennen, weil er nach dem Krieg die erste Poststelle in Schwarzenhammer betrieben hatte. Sein Bauch, der aussieht wie ein Medizinball im Pullunder, wippt bei jedem Wort auf und nieder. Was sieht er, der Mond? Den alten und vor allem runden Postler, der nachts, wenn er sich alleine wähnt, mit seiner Kirschtorte spricht, die er sich wie ein Haustier hält, das er mit Sahne, so denkt er, mästet, und dabei einen unförmigen Batzen Schmand hinterläßt, unter dem die Kuvertüre ihre makellose Oberfläche einbüßt, abstrus, abstrus, aber deshalb nicht weniger wahr. Seine Tochter kommt ihn jeden Tag pflegen, die Wäsche waschen, das Essen kochen, das Schnäuzchen abwischen … aber nachts – da hält er Zwiegespräch mit Tortenguß und Sahnesteif.

Ludwig eröffnet das Spiel : Grün. Zehn tiefgrüne Blätter ranken sich aus einem rotweißgelben Mittelstrunk. Fünflinks. Fünfrechts. Oh ja, Carlos hält im Gasthof zum Egertal den Rekord über 30 Seidel Bier. Der Rekord reicht in die Zeit zurück, als nichts als Flüssigkeit in der Luft lag, allen Willen durchweichte, und doch das ganze Goldblut der Welt war.

Carlos kam gerade von einer seiner sehr langen Wanderungen, bei denen er Vogelgesänge studierte (wenn auf der Waldblöße die Heidelerche wonniglichsüß lülüdüdüte, verwandelte er sich fast selbst in einen Turmfalken, der das Land überspechtete) und ansonsten ordentlich Strecke machte, von Zuhause abgeholt. Diese Wanderung hatte ihn wie folgt des Weges geführt : Vom Bahnhof Schwarzenhammer aus begleitete er die Straße nach Selb, bog dann nach einem halben Kilometer links ein und ging den Weg nach Heidelheim, um dann nach rechts zur Steinselb, die am Großen Kornberg der Tiefe entsprang, das Steinbächlein, Hirtenbächlein und Gemeindebächlein aufnahm, abzuzweigen. Am ›Ewigen Rauschen‹ kam er vorbei, am Hohenstein und den dortigen Dachshöhlen, an der Ruine ›Schlößlein‹ auf dem Tannenberg. Er schritt durch Hochwald nach Norden aus, folgte der Steinselb aufwärts und gelangte über den Breiten Berg nach Oberweißenbach, ging zum Basaltkegel Weißenhöhe und betrachtete lange von dort aus den Kornberg, bevor er wieder zurücklief, durstig, lechzend, ahnungslos, und zu einem legendären Gelage ansetze. Fünfzehn Liter sind eine Menge, die einem Pferd zur Ehre gereicht hätte. Aber Carlos hatte das Glück oder das Fatum, auf einem Platz zu sitzen, der an Außergewöhnlichkeit keine Wünsche offen ließ, zumindest was die geomantischen Daten betraf. Der Stuhl, auf dem er saß, stand exakt auf dem Omphalos, dem Mittelpunkt der Welt. Betrachtet man den Kiesgarten, in dem vereinzelt Löwenzahngewächse und Disteln sprießen, den Bretterschupfen am anderen Ende der zwergenhaft niedrigen Eingangstür der Gaststätte, kann man verstehen, warum nie jemand auf den Gedanken kam, das Weltzentrum genau hier zu vermuten. Weder Carlos, wenn er es noch einmal wissen wollte, noch ein anderer Zecher, fanden sich je in der Lage, sich auch nur in die Nähe dieser Masse zu süffeln, was daran lag, daß der unscheinbare, ächzende Gartenstuhl mit seiner abgeplautzten Farbe nie wieder an genau dieser Stelle stand, oder, wenn doch, der darauf sitzende Gast gar nicht auf die Idee kam, sich mit einem Scherdel-Faß zu messen.

»Warum nimmt eigentlich niemand die Wäsche von diesem Strauch da oben fort?« Joe Trinklein ist ein aufmerksamer Bewunderer dieser Installation, die direkt neben einem Waldweg, der hoch zum Rondell führt, bestaunt werden kann.

»Warum tust du es nicht?« Der Postler spielt Eichel und sticht seine Mitspieler damit aus.

»Wer immer auch die Wäsche abnimmt, könnte Gefahr laufen, für den Täter gehalten zu werden, das ist doch klar«, sagt Ludwig.

»Für welchen Täter denn? Es ist nicht verboten, Damenwäsche an einen Vogelbeerstrauch zu hängen, vorausgesetzt natürlich, die Wäsche hat nichts dagegen.«

»Meine Güte, Joe«, sagt Konrad, »der Wäsche ist das völlig wurscht, aber dem Mädel vielleicht nicht, dem die Garderobe gehört.«

»Oder dem Scherzbold«, sagt Ludwig.

Die Tischrunde sieht ihn fragend an.

»Na, irgendwer hat die Wäsche dort zum Spaß hingehängt, damit Kerle, wie Joe einer ist, sich den Kopf darüber zerbrechen«, erläutert er, schon ganz glasig von der schlechten Luft im Schankraum. »Mach doch mal ein Fenster auf, Konny!«

»Ich weiß nicht«, sagt Joe in Richtung seines Bierglases, »die hängt jetzt schon sehr lange da. Jeder weiß davon.«

»Und? Hast du sie dir schon genauer angeschaut?« Der Postler spielt die Schellen-Sau, wirft dabei sein Glas um, alles über die Karten, in den Aschenbecher hinein. Das Gespräch wendet sich wieder dem Mond zu, aber Joe – Joe nimmt sich in diesem Augenblick vor, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zum Wäschebusch zu gehen, nimmt sich vor, zu tun, was er bisher nie getan hatte : nach Spuren zu fahnden. Der Mond ist ihm völlig egal.

Stille

A: Fangen Sie einfach an. 
D: Ich habe Angst. 
A: Vor was? 
D: Vor nichts. 
A: Was ist nichts? 
D: Die Ungebärde. Der musiklose Automat. Laute Frauen zerstückeln Orpheus. 
A: Haben Sie das denn gesehen? 
D: Ja! Sie nicht? 
A: Wieso sind die laut? 
D: Sie kennen die Stille nicht. Stille ist Empfang. 
Ich empfange dich in meiner Stille. Ich zerstückele dich nicht. 
Nicht in meinem Haus. In meinem Hauthaus hält die Sprache an. 
Bewegen sich Zweige. Bewege ich mich. 
Manchmal instabil. Weil Lärm droht. 
A: Was für Lärm? Und wieso droht er Ihnen? 
D: Applaus! 
Weil die klatschen und applaudieren wollen. 
Weil sie analysieren wollen, was von der Musik übrig geblieben ist. 
Für ihr Gehör. 
Deswegen sind die so laut, wenn sie ihn zerstückeln. 
Sie hören die Musik der Stille nicht mehr. 
Nicht den Wald. Nicht den Berg. Das Meer. Die Wüste. 
Sie müssen selbst laut sein. 
Sonst sind sie nirgends.

Orte

Es gibt einen Zwischenraum, getragen von 8 Spinnenbeinen. Er bewegt sich hinter Zeitlupen. Zu langsam für ein menschliches Auge ihn zu erfassen. Zu schnell der Raum, in den es gewohnt ist zu blicken. Begehbar nur durch einen Steg, an dem er zu bestimmten Zeiten steht und ruht. Dann ist er sichtbar. Zwei nebeneinanderliegende Türen hat er, von gleicher Größe und Art. Beide sind sie weiß, mit einer blauen Raute in einer blauen Ellipse darauf. Sein Inneres ist rosig und warm. Kleine Spinnen sitzen auf den feuchten weiten Gewebswandungen, die, sich hinstreckend zu einer langen Passage, zeitüberwindend in die Welt zu allen Orten führen, die ich mir in Gedanken vorstelle. Städte, Wüsten, Berge, Seen, Wälder. Orte, die hinter immer neuen Spinnennetzen entstehen. Netze, die mich umschließen, sobald ich in sie gehe. Feiner als ein Taucheranzug, angereichert mit einem stundenausbreitenden Sauerstoff. Es ist ein Raum, verloren im Hier. Zeit, die ich ablege, wenn ich ihn, durch die rechte Tür tretend, verlasse. Weil ich muss. Um mich wieder schlafen zu legen. Nahe meines Netzes. Hinter dem sich im Wind die Welt abspult.

Das hölzerne Pferd und die Phantastik

(noch ohne 1. Stock)

Im Mondschein lief ich die Dorfstraße entlang. Lief bis an ihr Ende. War wieder hier. Sprang über den Zaun neben dem Eingang, lief durchs Rosenbeet und streunte über den Hof. Abermals, die zwei hölzernen Torflügel waren weit aufgeklappt, stand die Scheune offen, die zweimal so hoch war wie das Haus, in dem wir gerade schliefen. Auch die kleine Tür, dem Tor gegenüberliegend, durch die man sie verließ und so in den Garten gelangte, war geöffnet worden. Hinter dem Garten lag ein Acker, hinter dem Acker der Wald. Wieder saß mein Urgroßvater betrunken auf dem hölzernen Pferd schaukelnd versunken vor ihr : so floss aus ihr Nacht in den Hof.

Frauen in schwarzen Kleidern krochen wendig über den Flur, versuchten, angelockt vom knarzenden Klang, in unsere Scheune zu gelangen, die unserem Haus direkt gegenüber stand. Ich wusste, er ritt dem Wald entgegen: schaukelte schneller, schneller und schneller, dass sie, die Krochen, kommen mögen. Da schoss meine Urgroßmutter wie ein aufgeschrecktes Biest im Nachtkleid: weiß wie ihr wehendes Haar, furios wie eine Lichtscheuche, aus dem Haus und über ihn hinweg, sie zu schließen.

So sah ich es noch einmal. Sah es, als sah ich es zum ersten Mal. Mein zartes Alter ließ mich ihn damals nicht fragen: 

Wieso reitest du das Pferd so doll?

 
So oft hat er es versucht. So oft war seine Liebesmüh’ ihr gegenüber vergeblich.

Und so blasst diese Erinnerung nun auch vor meinem inneren Auge. Wird schwarz und schwärzer.

Es fließt nun immer Nacht auf diesen Hof, ihn zu dunkeln, die Torflügel stets weit offen, das hölzerne Pferd zu schaukeln, auf dem er jedes Mal saß, wenn er betrunken war, in dessen Mähne und Schweif noch Waldkletten hängen. So war ich noch einmal hier: es zu sehen. Und lausche bis heute bang einem letzten Knarzen.

Kein Märchen heute. Nur die Neige Nacht.

Überrumpelt, die Hex’,
ihr Körper taubengrau,
liegt unter einer Eibe.

Der Hahn ist tot,
das Gras ist schwarz,

rückst keinem mehr zu Leibe:
jubelte Hänsel, jubelte Gretel.

Da war es dann ganz still im Walde.
So tranken beide bang noch Nacht.
Ihre Bürde war die Neige.

: Hörte ich und konnt’s kaum glauben :

Schnurstracks lief durchs Erzähltal ich
lief in den einstigen Wald der Fanggen,
wo man ihn, den Hänsel, gefangen
glaubte, doch wusste, es gibt sie dort nicht mehr.

Ich suchte. Suchte und suchte, bis ich ihn fand,
zog den schönen Fella aus dem Pfefferkuchenhaus
der Gretel,
die in der Stadt längst wohnte,
nachdem ich den Käfig, in dem er lag,
mit den Pfoten vom Tisch gestoßen.
Zog ihn mit den Zähnen am Kragen ins Laub.

Der abgemagerte Mann kam gar nicht mehr recht zu sich.
Ich gab ihm eine Zitze in den Mund, ihn zu stärken, mir in die Stadt zu folgen.
Er tats,
wenn auch taumelnd, hielt inne und trank.

Dort wollte er all die Geschichten niederschreiben,
die man sich noch an manchen Abenden erzählt.
Die man dem Menschen erzählt. Wohlgemerkt,
nicht mir.

Ich selbst bin vor die Flinte zu nehmen.
Bin eine, die durchs Erzähltal streift,
die Geschichten, die der alte Faselwind mir zuheult,
zu hüten. Drum behüte mich, wer will.

Ich bin selbst kein Märchen.
Das weiß der Jäger, weiß Hänsel, weiß ich.
Bin weiß wie der Schnee. Bin Lauer. Bin Ohr
für die Geschichten, die man sich nicht mehr erzählt
und erzählte, an all den Abenden, die man vergaß und vergisst.

Im Erzähltal erzählt man sich von mir, erzählt man sich,
mich gibt es nicht. Recht zeitgenössisch, wie ich finde.

Hinter meinen Augen

Dem Erdboden gleichgemacht,
hieß es. So als wäre man mit
einer Riesenwalze darüber
gefahren. Als läge es ganz
flach dem Himmel zu, liegt es
nun auf irgendeiner Halde als
Schutt. Eingerissene Mauern.
Ziegel. Bruchstücke. Scheiben.

Hinter meinen Augen verborgen
steht noch leuchtend der Wald.
Sich öffnend hinter dem Haus
das verwehte.