Die Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman

Wenn man sich nicht ausschließlich mit deutscher Literatur beschäftigt, bietet es sich an, die hierzulande gebräuchlichen Genreumschreibungen nahezu allesamt zu verwerfen. Das Englische ist die literaturwissenschaftliche Leitsprache, daran ändern auch die länderspezifischen Eigenheiten nichts. Eines von vielen Beispielen ist die Mystery Fiction, also die “Rätselgeschichte”, die bei uns kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” behalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Krimnalliteratur wird. Das wäre in Wahrheit die Crime Fiction, die sich aber von der Mystery Fiction wiederum unterscheidet. “Die Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman” weiterlesen

Tontafelkalender vom 28ten Hartung xx20, einem Zistag

Berthold Brecht sagte über den Kriminalroman: “Die Tatsache, dass ein Charakteristikum des Kriminalromans in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dem ganzen sogar ein ästhetisches Niveau. Es ist eines der Merkmale eines kultivierten Literaturzweigs.”

Was also dam Kriminalroman häufig kritisiert wird, trifft auch auf die phantastische Erzählung zu, wobei ich hinzufügen möchte, dass diese weitaus weniger limitiert ist als der KR. Eine ähnliche Befürwortung oder Ablehnung erfährt die Weird Tale (die unheimliche Geschichte, die seltsame Geschichte, die phantastische Geschichte, die Geistergeschichte usw.), zumindest wenn sie im lovecraftschen Kosmos angesiedelt ist. Im Vergleich dazu war die Horrorgeschichte der 80er Jahre ein weitaus weniger ästhetisches Phänomen. Natürlich kann man den KR nicht mit der PE vergleichen. Auf der einen Seite haben wir den modernen Vertreter einer Rätselerzählung, auf der anderen die theistische oder atheistische Philosophie, die den Hintergrund bildet.

Schreiben wie Lovecraft

Im Juni 2013 bekam ich per Post die neueste Ausgabe von Famous Monsters of Filmland, die ich mir bestellte, weil S.T. Joshi zwei Artikel dafür geschrieben hat. Ich war erstaunt darüber, dass kein einziger Artikel von einer Filmadaption eines Lovecraftschen Themas handelte. Zwei Artikel (“Lovecraft’s Acolytes,” von Robert M. Price und “The New Mythos Writers,” von S. T. Joshi) behandelten jene Schriftsteller, die von seiner Arbeit beeinflusst wurden und unter diesem Einfluss selbst schrieben, angefangen von der Zeit, als Lovecraft noch am Leben war, bis heute; und ein Artikel (“The Language of Lovecraft,” von Holly Interlandi) sah sich Lovecrafts Stil und Satzstruktur etwas näher an! Dass Lovecrafts Einfluss gegenwärtig reiche Blüten treibt, kann anhand solcher großartigen Anthologien wie Lovecraft Unbound (herausgegeben von Ellen Datlow), Black Wings (aka Black Wings of Cthulhu, herausgegeben von S. T. Joshi), New Cthulhu: The Recent Weird (herausgegeben von Paula Guran) und The Book of Cthulhu (herausgegeben von Ross E. Lockhart) abgelesen werden.

Wenn wir von Lovecraftschem Horror reden, oder vom Lovecraft-Mythos (wie er allein in Lovecrafts Werk existent ist), sollten wir diese Erzählungen von jenen unterscheiden, die unter dem Begriff „Cthulhu-Mythos“ bekannt wurden, ein Begriff, den August Derleth eingeführt hat. Lovecraftscher Horror beinhalten Aspekte des Cthulhu-Mythos (der sich von Lovecrafts Einfluss fort entwickelte), aber Lovecratfs Horror besteht aus mehr als kosmischen Entitäten, die auf unseren Planeten sickern, um unsere Träume und unsere geistige Gesundheit negativ zu beeinflussen. “Schreiben wie Lovecraft” weiterlesen

So irisch wie der Vampir

Vergiss die Kobolde und das grüne Bier am St. Patrick’s Day. Wenn an diesem Tag jeder Ire ist, dann sollte man in Betracht ziehen, das populärste aller irischen Monster zu feiern, eine wahre Kreatur des Ould Sod (des alten Landes) – den Vampir.

So manches schreckliche Tier fand seinen Ursprung in den dunklen Tälern und melancholischen Bergen von Eire. Alte keltische Legenden und Bräuche vermischten sich zuerst mit der römischen Mythologie und dann mit dem Christentum, woraus ein reicher Trank aus dunklen Überlieferungen entstand. Ein Teil dieser Vermischung der Kulturen findet sich in unserem heutigen Fest zu Halloween. Viele der Traditionen, die erstmals in den USA von irischen Einwanderern im 19. Jahrhundert populär gemacht wurden, haben ihren Ursprung im keltischen Feiertag Samhain. Es wurde gesagt, dass die sterbliche und die geistige Welt während dieses Festes, das das Ende des Sommers und den Beginn des Winters markiert, verschmelzen. Die Menschen schützten sich vor bösen Geistern, indem sie sich selbst als Geister und Goblins verkleiden. Um Respekt zu zeigen, boten sie den Toten, die an diesem Tag nach Hause zurückkehrten, Essen an. Die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen (1. November und 2. November) wurden zu einem Ersatz für die heidnischen Feiertage mit Feierlichkeiten ab dem Abend des 31. Oktober – dem Allerheiligenabend. “So irisch wie der Vampir” weiterlesen

John Crawford: Der Geisterhügel

Die vielen Namen des John Glasby

John Glasby arbeitete in den 50er und 60er hauptberuflich einige Jahre als Chemiker. Gleichzeitig veröffentlichte er mehr als 300 Romane und Kurzgeschichten, die von Beginn an bei Badger Books erschienen, ein Imprint von John Spencer & Co, der sich auf Pulp-Magazine verstand und später auf Taschenbücher spezialisierte, die hauptsächlich Science Fiction und Fantasy enthielten. Fast alle Bücher bei Badger wurden entweder von Glasby oder von Lionel Fanthorpe geschrieben (der es immerhin auf mehr als 250 Veröffentlichungen brachte). Die beiden Autoren lieferten auch alle Geschichten für die Zeitschrift Supernatural Stories. Man kann also durchaus behaupten, dass die beiden eine echte Schreibfabrik betrieben. “John Crawford: Der Geisterhügel” weiterlesen

Neu in der Sammlung (3)

Bildrechte der Cover, von links nach rechts: Knaur; Moewig; Bastei

Lisa Tuttle – Das Böse wartet auf dich, Sarah (Moewig)
Die besten Horror-Stories (Knaur)
Spuk-Roman Nr. 1 – Der Fluch der Totenmaske

Lisa Tuttle, die eigentlich für ihre hervorragenden Science Fiction bekannt ist, hat auch einen starken Hang zur Phantastik. Gelesen habe ich davon bisher noch nichts, aber da mir ohnehin eine Komplettierung der Moewig Phantastica vorschwebt, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Sie wird ja auch immer wieder in Bezug auf die New Weird genannt.

Der Spuk-Roman von Bastei (hier die Nr. 1 vom Januar 1979) ist eigentlich die einzige Gothic Novel-Reihe, die es je in Heftform gab. Nicht zu vergleichen mit dem Geheimnis-Roman, der hauptsächlich in das heutige Mode-Genre “Romantasy” passen würde. 1985 – im Zuge des Seriensterbens – wurde die Reihe eingestellt. Zu Beginn gab es viele Übersetzungen, bis der Anteil deutscher Autoren immer mehr zunahm und schließlich komplett von ihnen übernommen wurde. Gleichzeitig ging damit auch der schleichende Niedergang der Reihe einher.

Die besten Horrorstories ist als Buch ein Pfund, und eine der besten Anthologien modernen Horrors, entstanden in einer Phase, da es vor vorzüglichen Horror-Anthologien geradezu wimmelte. Selbstverständlich ist auch hier eine Story von Sterphen King enthalten, das ging auch zur Hochzeit werbetechnisch gar nicht anders.

Neu in der Sammlung (1)

Heute sind neu angekommen:

Mary Hottinger (Hg.): Gespenster / Mehr Gespenster
Lady Cinthia Asquith (Hg.): Schrecksekunden
Jaquelin Visick (Hg.): Gespenstergeschichten aus London
Peter Hasining (Hg.): Die Damen des Bösen

Die Sammlungen stammen alle aus den 70er Jahren (bis auf “Gespenster”, das bereits 1956 bei Diogenes erschien; hier habe ich allerdings den Nachdruck von 1982).

In letzter Zeit versuche ich, alte Anthologien zu finden. Die klassische Gespenstergeschichte ist heute kaum mehr weit verbreitet. Durch diese Anthologien aber kommt man an seltene Stücke, die sonst nirgendwo erschienen sind. Während die moderne Horrorliteratur immer mehr in Richtung Nihilismus und/oder Gewalt abdriftet, die nur einen schlechten Stil zu kaschieren sucht, sind hier noch echte Perlen der Weird Fiction und der Schauerliteratur vertreten.

Die Schwärme unmöglicher Vögel

Gestern erschien im Phantastikon die Hörfassung der “Schwärme unmöglicher Vögel”, die ich im Zuge der Veröffentlichung “Nighttrain” eingelesen habe. Das sind immerhin 40 Minuten dieser hervorragenden Sammlung an modernen Weird Tales, die Tobias Reckermann zusammengestellt und herausgegeben hat. 

Ich lese auch deshalb an den hier in der Veranda angelegten Passagen nicht weiter, weil ich wöchentlich den Podcast bedienen will, den ich erst einmal auf 10 Folgen festgelegt habe – und es ja ohnehin mehr eine Privatsache ist, die ganzen Hörstücke in der Veranda zu haben, die durchaus noch schwerer Tobak sind. Auf andere Weise aber.

 

H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens: Xulhu (Blitz)

Wenn man sich etwas im Netz umsieht, dann gibt es eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Anhängern von Festas “Lovecrafts Bibliothek des Schreckens” und “H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens” aus dem Blitz-Verlag, obwohl beide Titelreihen eigentlich bei Blitz entstanden sind. über diese Querelen möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, aber während Festa mit seiner Reihe einen Schlussstrich gezogen hat, konnte Blitz keinen Geringeren als Jörg Kleudgen für die Redaktion gewinnen.

Die Anthologie “Xulhu” ist eine der neueren Veröffentlichungen dieser Reihe, allesamt schön aufgemachte Taschenbücher. In vorliegendem Fall wurde das Cover von Ernst Wurdack gezeichnet, und ich gehe wirklich selten auf Cover ein, aber wenn man sich die meisten Cover heutzutage anschaut – vor allem bei den Publikumsverlagen – wird einem schlecht. Da ragt der Blitz-Verlag wie ein gewaltiges Felsmassiv hervor.

Sechs Geschichten erwarten uns nach einem kryptischen Vorwort von Jörg Kleudgen, in dem er erklärt, dass er in sen 70er jahren in einem Reiseführer auf eine merkwürdige Karte stieß, die terra cthulhiana, die uns auf den ersten Seiten auch gezeigt wird. Es handelt sich dabei um eine Weltkarte, auf der sechs Icons zu sehen sind, von Venedig bis zur Südsee. Es versteht sich von selbst, dass es sich hier um Schauplätze der folgenden Geschichten handelt. “H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens: Xulhu (Blitz)” weiterlesen

Notizen zur Weird Fiction

Es gibt viele kluge Aufsätze über das, was Weird Fiction eigentlich ist, und trotzdem kursieren weiterhin widersprüchliche , ergänzende und unterschiedliche Aussagen. Das ist jedoch ein Umstand, der nicht allein auf dieses phantastische Subgenre zutrifft. Mit Etiketten und Begriffen ist es grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen. Das geht in diesem Fall sogar so weit, dass man Weird Fiction nicht selten als Synonym für die ganze Phantastische Literatur benutzt, oder dass der Begriff, wie es China Mievielle bevorzugt, für die gesamte Fantasy-Literatur herhalten muss (man darf hier anmerken, dass in den englischsprachigen Ländern die gesamte spekulative Literatur oft und gerne als Fantasy bezeichnet wird). Das bedeutet, dass sowohl Science Fiction, Fantasy und Horror Weird Fiction sein können, es aber nur dann wirklich sind, wenn eine weitere Zutat vorhanden ist. Aber um welche handelt es sich?

Eine beklemmende Atmosphäre, die nicht durch ein kathartisches Element in ihr Gegenteil verkehrt wird, eine rätselhafte Stimmung, die nicht aufgelöst wird, ein Grauen, das wie ein Damoklesschwert durch die Zeilen wabert, ein abenteuerliches Setting, das geheimnisvolle Zutaten enthält, die Nichtigkeit des Menschen angesichts des Kosmos – das sind nur einige Möglichkeiten, wie eine Weird Tale daherkommen kann. Leider finden wir genau diese Kriterien durchaus auch in der Mainstream-Literatur. Ehrlicher Weise müsste man sagen: es gibt nichts anderes als die Weird Fiction selbst, die sie definiert, denn jeder literaturtheoretische Hebel hat bisher das Feld nur eingrenzen können. Fest steht eigentlich nur, dass eine Weird Tale immer mit dem Übernatürlichen verquickt ist. Aber auch hier steckt das Missverständnis im Wort Natur. Nehmen wir Natur für die Gesamtheit des Seins, dann gibt es das Übernatürliche nicht, betrachten wir sie als einen Aspekt der Wirklichkeit, wird uns der Wirklichkeitsbegriff einen Strick drehen.

Psychische Auffälligkeiten, besonders abstoßende und ekelerregende Darstellungen sind möglicherweise grauenhaft, aber nicht unheimlich im Sinne von Weird. Kurz gesagt: das Schweigen der Lämmer, American Psycho usw. mögen der Horrorliteratur zugerechnet werden, aber nicht der unheimlichen Literatur, die – und es scheint, als hätte ich das unterschlagen – einer der Hauptmerkmale der Weird Fiction ist. Das Unheimliche. Tatsächlich wird weird oft in dieser Konnotation übersetzt. Das ist nicht falsch, aber eben auch nicht richtig. Wenn Köpfe abgehackt werden, gefoltert und verstümmelt wird, ist das abscheulich, aber es ist nicht unheimlich. Es gehört zu unserer Realität, wie abnorm sie sich auch zeigen mag. Gegen Gewaltdarstellungen kann man abstumpfen, gegen das Unheimliche nicht.

Eine der ersten Horrorgeschichten der deutschen Literatur, Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert, ist zugleich ein Paradebeispiel für Weird Fiction, auch wenn sie (aus gutem Grund) der Schauerliteratur der Romantik zugerechnet und als Märchen behandelt wird. Und natürlich hatte die deutsche Romantik einigen Einfluss auf die Horrorstory, die zum ersten Mal in Vollendung mit Poe auftauchte. Horror und seine unendlichen Gestalten gibt es, seitdem wir Menschen uns Geschichten erzählen, er ist in der ganzen Weltliteratur zu finden, aber vor Poe gab es diesbezüglich kaum etwas, was für einen ernsthaften Liebhaber der Weird Fiction von elementarer Bedeutung ist, und es ist nicht vermessen zu sagen, dass mit diesem Genius die moderne Literatur überhaupt beginnt.