Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Nick Cutter: Das Böse (Heyne)

Der Kanadier Craig Davidson hat bereits vier Bücher als Nick Cutter geschrieben, die auch alle in Übersetzung vorliegen. An einem fünften Cutter-Buch arbeitet der Autor gerade. Während Davidson unter seinem echten Namen mit Chuck Palahniuk verglichen wird, geht sein Horror-Alter Ego gerne mit Stephen King spazieren, zumindest wenn es nach der internationalen Presse geht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Davidson ihn oft genug als wichtigen Einfluss in Interviews erwähnt. King ist zwar nicht der einzige, dem sich der Autor verbunden fühlt, aber man weiß ja, wie das funktioniert: Nick Cutter schreibt Horror. “Nick Cutter: Das Böse (Heyne)” weiterlesen

Cthulhu (Der Tentakel-Horror erobert die Welt)

Cthulhu muss an dieser Stelle als stellvertretendes Symbol für Lovecrafts Einfluss gelten. Nicht nur, weil er der Namensgeber des von August Darleth im Nachhinein so bezeichneten Mythos ist, sondern weil die mit ihm in Verbindung gebrachten Tentakel mittlerweile nahezu allgegenwärtig sind.

Im Sommer 1926 schrieb ein damals wenig bekannter Schriftsteller, Howard Phillips Lovecraft, sein bekanntestes Werk, “The Call of Cthulhu”. Diese Geschichte sollte 1928 in Weird Tales veröffentlicht werden und dann einen immensen kulturellen Einfluss haben – einen, der bis heute anhält. Unzählige Kurzgeschichten, Romane, Videospiele, Filme, Lieder und mehr wurden inspiriert, die alle von Schriftstellern und Künstlern verfasst wurden, die das Kernthema des Cthulhu übernahmen und ihre eigene Vorstellung in den Kanon des Mythos setzten. Die verschiedenen Iterationen und Wendungen auf Cthulhu haben von tief beunruhigenden Darstellungen des Großen Alten als dunklen, außerirdischen Zerstörer bis hin zu einem Plüschtier geführt. Vielleicht war gerade dieses Plüschtier unvermeidlich, sobald Cthulhu zu einer Meme wurden, die Millionen Male in vielen Sprachen repliziert wurde.

Der Mythos beginnt

Howard Phillips Lovecraft ist im Laufe der Jahre posthum zu einer Berühmtheit der Popkultur geworden. Es ist nicht leicht, ein Medium auszumachen, das nicht zumindest eine Prise Lovecraft enthält. Während der Meister des kosmischen Horrors unzählige furchterregende Geschichten geschrieben hat, ist er vor allem für die Entstehung des berüchtigten Cthulhu-Mythos bekannt, einem literarischen Universum, das einige seiner schrecklichsten Werke miteinander verbindet. “Cthulhu (Der Tentakel-Horror erobert die Welt)” weiterlesen

Fantasy und Rockmusik

Vor einiger Zeit hatte Michael Schmidt einen Artikel (A Night at the Opera) hier im Phantastikon geschrieben, der sich mit phantastischer Literatur und Rockmusik auseinandersetzt. Damals entstand die Idee, etwas öfter auf diese sehr produktive Verbindung einzugehen. Jedoch kamen immer wieder andere Themen dazwischen. Heute aber wollen wir unser Anliegen noch einmal in Erinnerung rufen.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Fantasy-Autoren die Rockwelt prägen und geprägt haben. Ein prominentes Beispiel ist Michael Moorcock, der für seinen Ewigen-Helden-Zyklus bekannt ist, dessen SciFi-Lyrics aber auch einige der berühmtesten Rocksongs der 70er zieren. Seine fruchtbarste Zusammenarbeit war die mit der Spacerock-Band Hawkwind (ja, es ist dieselbe, in der sich der unsterbliche Lemmy von Motörhead seine (fast) ersten Sporen verdiente). J. R. R. Tolkien ist innerhalb der Rockmusik ebenfalls eine einflussreiche Figur. Seine Kreationen inspirierten Alben, Songs, Künstler- und Bandnamen, Kostüme sowie Modetrends (gerade im Gothic-Bereich), und wurden von ganzen Musikrichtungen verklärt. Es ist, als hätte die Fantasy-Literatur Musiker auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen. Werfen wir einen Blick auf die Magie, die durch einen Verstärker serviert wird. “Fantasy und Rockmusik” weiterlesen

A Ghost Story – Zeit ist alles

Es gibt natürlich Gründe dafür, warum Geschichten, die sich um Trauer drehen, auf die Erfahrungen der Lebenden (der Überlebenden) fokusiert sind, die mit dem Schmerz des Verlusts und dem Mysterium der Abwesenheit zu kämpfen haben. Vielleicht aber haben die Toten auch Gefühle. Wenn man darüber nachdenkt, ist das sogar der Urgrund vieler Geistergeschichten. Und genauso verhält es sich bei A Ghost Story, David Lowerys genialen und bewegenden Film von 2017.

Dies ist die Geschichte eines Gespenstes, dessen Namen wir zu keiner Zeit erfahren, auch als es noch als Mensch existiert nicht. Es schwelgt in einigen der üblichen gespenstischen Verhaltensweisen: es schlägt Bücher aus den Regalen, lässt Glühbirnen flackern, öffnet mitten in der Nacht Schranktüren und verängstigt eine Familie durch einen großflächigen, übernatürlichen Wutanfall.

Die Wirkung all dessen auf den Betrachter ist seltsam und intensiv, aber nicht gerade beängstigend im Sinne der erwarteten Horrorfilm-Manier. Im Zeitalter der breit angelegten, digitalen Möglichkeiten verfolgt Lowery einen bewährten, einfachen Ansatz. Unser Gespenst ist ein Bettlaken mit ausgeschnittener Augenpartie. Das hindert  die Figur aber nicht daran, uns ein grüblerisches, schwelendes Temperament hinter dem Stoff zu offenbaren. “A Ghost Story – Zeit ist alles” weiterlesen

A Ghost Story – Zeit ist alles

Es gibt natürlich Gründe dafür, warum Geschichten, die sich um Trauer drehen, auf die Erfahrungen der Lebenden (der Überlebenden) fokusiert sind, die mit dem Schmerz des Verlusts und dem Mysterium der Abwesenheit zu kämpfen haben. Vielleicht aber haben die Toten auch Gefühle. Wenn man darüber nachdenkt, ist das sogar der Urgrund vieler Geistergeschichten. Und genauso verhält es sich bei A Ghost Story, David Lowerys genialen und bewegenden Film von 2017.

Dies ist die Geschichte eines Gespenstes, dessen Namen wir zu keiner Zeit erfahren, auch als es noch als Mensch existiert nicht. Es schwelgt in einigen der üblichen gespenstischen Verhaltensweisen: es schlägt Bücher aus den Regalen, lässt Glühbirnen flackern, öffnet mitten in der Nacht Schranktüren und verängstigt eine Familie durch einen großflächigen, übernatürlichen Wutanfall. “A Ghost Story – Zeit ist alles” weiterlesen

Conan (Der Barbar als Verteidiger der Literatur)

Conan hat stets im Unterbewusstsein der Popkultur gelauert, er ist von dort nicht mehr wegzudenken. Manch einer wird – zum Leidwesen vieler Conan-Fans unweigerlich das Bild von Arnold Schwarzenegger vor Augen haben. Manche mögen Arnold in dieser Rolle sogar, aber das zeigt im Grunde nur, dass Conan eine der unterschätzten Figuren der amerikanischen Literatur ist (dicht gefolgt von Lederstrumpf). Schwarzeneggers Conan-Darstellung mag spaßig sein, aber es fehlt ihr eindeutig an jener Tiefe, die Howards literarische Figur tatsächlich hat. “Conan (Der Barbar als Verteidiger der Literatur)” weiterlesen

Algernon Blackwood

Algernon Blackwood wurde als adliger Viktorianer geboren und starb als Fernsehstar.

Bekannt ist er für seine atmoshärischen Edwardianischen Geistergeschichten. Sein John Silence stellt eine Verbinung her zwischen Le Fanus Van Hesselius und Hope Hodgesons Thomas Carnacki, was die Literaturgeschichte der ‘Psychodetektive’ betrifft, allesamt Ärzte oder Wissenschaftler. Allerdings wird diese Aussage seinem verblüffenden Werk nicht gerecht. Im Laufe seines langen Lebens erwarb er nur soviel Besitz, wie in einem Koffer Platz findet und viele seiner gesammelten Notizen wurden bei einem Blitzschlag in das Haus seines Neffen zerstört, einer Katastrophe, bei der Blackwood selbst gerade noch mit dem Leben davonkam. “Algernon Blackwood” weiterlesen

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal. “Thomas Ligotti” weiterlesen

Von den Hexenjagden

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich Hexen fürchtete, als ich aufwuchs. Stattdessen fürchtete ich die Männer, die sie verbrannten. Als merkwürdiges, tyrannisches Kind, das Magie immer für selbstverständlich hielt, nahm ich stillschweigend an, wenn die Hexenjagd jemals wieder beginnen würde, wäre ich nicht sicher. Jemand würde mich schnell als “falsch” erkennen und an den nächsten Scheiterhaufen binden.

Hexenjagden waren für mich der Stoff, aus dem echte Alpträume sind. Männer würden einen in der Nacht aus dem Bett reißen und in eine dunkle Zelle sperren. Die Chance auf einen fairen Prozess war nicht gegeben. Und sie taten dies angeblich zum Wohle der Nachbarn und der Familie, um sie vor einem zu schützen. Auch zum eigenen Besten würden sie das tun. Bereue vor deiner Hinrichtung, so wie die Flammen dein Fleisch verbrennen und deine Seele erlöst werden wird, sagen sie. Sie würden dich umbringen, um dich zu “retten”.

Ich tröstete mich damit, dass es besser war, dieses Risiko zu kennen. Märchen haben uns gelehrt, dass alles besiegt werden kann, oder? Wenn ein Wolf an der Tür stünde, würde ich ihn als das erkennen, was er war, und ich könnte mein bestes tun, um ihn auszusperren.

So wirbelte die Frage in meinem Kopf herum: Wer waren diese Inquisitoren? Wie könnte ich sie in der Menge erkennen, um vor ihnen auf der Hut sein? (Als ob es in der Logik eines Kindes ausreichen würde, sie zu identifizieren, um sich zu schützen). Die Hexenjagd-Abbildungen aus dem Mittelalter zeigten nur sehr wenig. Die Inquisitoren sahen so gewöhnlich aus wie normale Männer. Das hat nicht geholfen. Schließlich waren die Männer überall, und sie konnten nicht alle Inquisitoren sein, die auf der Lauer lagen.

Oder etwa doch?

***

Im Grunde geht es bei Hexerei um Macht. Es geht darum, Stärke zu finden, auch wenn die Gesellschaft dir alles verwehrt hat. Als solche war die Magie schon immer ein Zufluchtsort für Frauen. Bei den europäischen Hexenjagden, die zwischen 30.000 und 100.000 Menschenleben forderten, waren auch Männer Opfer, aber die meisten von ihnen waren Frauen. Hexenjagden waren vor allem eine Frage der Frauenfeindlichkeit. Frauen, die zu stark wurden, die sich zu weit über das hinaus wagten, was “gut und normal” war, mussten mit allen Mitteln gestoppt werden.

Wegen seinem inhärenten Schrecken hat der Horror die Tiefen der Hexerei schon lange ausgelotet. Aber das Genre hat mit seinen Darstellungen nicht immer gute Arbeit geleistet. Bis hin zu Shakespeare werden die Weird Sisters beschuldigt, Macbeth in seinen mörderischen Amoklauf geführt zu haben, als wäre er von Anfang an unschuldig gewesen. Im Kino wird Witchfinder General oft als Klassiker angesehen, aber es wird fast ausschließlich durch den männlichen Blick erzählt, wobei die einzige weibliche Hauptfigur meist in den Hintergrund ihrer Geschichte gedrängt wird. Und es tut mir leid, Christopher Lee, aber Menschenopfer in geflochtenen Weidenfiguren sind mit ziemlicher Sicherheit nie passiert. Dies war eine Fälschung, die Julius Cäsar auf der Grundlage eines Gerüchts wiederholte. Ja, es war die alte urbane “Ich kenne jemanden, der jemanden kennt”-Legende, die fest in der populären Denkweise verankert ist.

Im moderneren Kino stellt The Vvitch von 2015 eine beißende Kritik an religiöser Hysterie dar, aber die namensgebende Figur wird auf ganz normale Weise dargestellt. Das heißt, eine gottlose Frau, die im Wald allein gelassen wurde, konnte nur ein laszives Monster werden. Und obwohl ich den “schwarzen Phillip” so sehr liebe wie jeder Horror-Fan, ist Thomasins Unterschrift in seinem Buch am Ende eine typische Inquisitionspropaganda: dass alle weibliche Kraft satanischer Herkunft ist, und nicht einmal von Natur aus weiblich. Weil eine Frau allein keine Macht haben kann; sie muss sie sich von einem Mann leihen.

Von all den Ungenauigkeiten des Films abgesehen ist es jedoch eine frühe Szene, die mir am unangenehmsten auffiel. Nachdem die Hexe das Baby der Familie entführt hat, bringt sie es in ihre Hütte, wo sie sein Fett entfernt und eine Flugsalbe daraus herstellt. Dies verewigt eine Lüge, mit der die Inquisition unschuldige Frauen verurteilt hat. Einige Hexen haben unter anderem Flugsalben oder ähnliche Salben aus Lanolin hergestellt. Selbst wenn sie keine Magie praktizieren würden, könnte diese gelatinöse Creme in ihrem Haus vorhanden gewesen sein. Wegen seiner seltsamen Konsistenz und seiner Allgegenwart könnten die Inquisitoren dies als Beweis für einen Kindesmord benutzen. Unabhängig davon, ob überhaupt Babys vermisst wurden, sie hatten ihren “Beweis” und das genügte.

Es mag leicht sein, diese fehlerhaften Bilder in Horrorfilmen als Spaß abzutun, aber diese Logik birgt eine Gefahr.
Die Leugnung der Erfahrungen von Frauen ist für uns seit Anbeginn der Zivilisation zweitrangig. Wenn man den Babyfett-Mythos benutzt, ist die reale Implikation klar: Eine Frau kann die Wahrheit sagen – dass es nur Lanolin ist – aber sie werden sie eine Kindsmörderin nennen und sie trotzdem verbrennen, während sie ihre falsche Anschuldigung wiederholen, bis sie als die einzige Realität akzeptiert wird. Die Lügen der Hexenjäger ergeben für uns mehr Sinn als die Wahrheiten der Frauen.

Und diese Unwahrheiten gewinnen an Macht, je mehr sie sich wiederholen. In der Regel erzählen wir Geschichten, die bereits vertraute Elemente nachbilden, weil sie uns sicherer machen. Wir kennen diese Geschichten. Die Welt ist ein chaotischer und unsicherer Ort, aber zumindest haben wir vorhersehbare Geschichten, die uns den Weg weisen.

Aber es gibt keine Sicherheit in Lügen. Diese Mythen weiter zu reproduzieren – ohne Kommentar, ohne etwas Neues hinzuzufügen, um die Trugschlüsse zu entwirren, die sie erschaffen haben – das grenzt an Rücksichtslosigkeit. Sie behalten ihren Status quo bei, auch wenn sie vorgeben, ihn in Frage zu stellen. Und heute, in einer immer gefährlicheren Welt, können wir nicht riskieren, auch nur der kleinste Teil des Problems zu sein.

***

Im vergangenen Jahr bekam ich endlich die Antwort auf diese Frage aus meiner Kindheit. Unsere modernen Inquisitoren wurden demaskiert, mit ihren hasserfüllten Tweets und ihrer endlosen Flut von grausamen Gesetzen gegen jeden, der nicht zu ihrer engen Definition von dem, “was richtig ist”, passt.

Wie Wölfe stehen sie jetzt vor der Tür.

Aber es passiert noch etwas anderes. Inmitten dieser unsicheren Zeiten, in denen der Aktivismus blüht, kehren die Menschen zur Hexerei zurück. Als ob es ein Trostpflaster wäre, suchen sie darin einen Zufluchtsort. Einen Monat nach seiner Einweihung machten Tausende von Hexen im ganzen Land Schlagzeilen, als sie sich zusammenschlossen, um Donald Trump zu verzaubern (eine der Komponenten: eine orangene Kerze). Was weniger Schlagzeilen machte, war, dass viele Hexen diesen Zauber weiterhin jeden Monat als Teil einer wachsenden Fraktion aufführen, die politischen Aktivismus und Hexerei nicht so weit voneinander entfernt sieht. Und warum nicht beides kombinieren? Denn ist das gemeinsame Singen während eines Protestes nicht eine Form des Zauberspruches, der Hoffnung, die Welt mit der Kraft der Worte zu verändern?

Es ist noch nicht zu spät, um unsere verlorenen Geschichten zurückzufordern. Wir müssen nicht länger die Lügen akzeptieren, die uns unserer Macht beraubt haben, Geschichten, die einst von Cäsar und der Inquisition verewigt wurden, sich jetzt in verschiedenen, aber ebenso schädlichen Permutationen einer Präsidialverwaltung, die niemals hätte existieren dürfen, wieder zu erkennen gibt.

Obwohl Hexenjagden als uralte Geschichten gelten, gibt es auch heute noch jene, die weiterhin offen die Hexerei verleumden. In einigen Ländern bleibt die Ausübung von Magie illegal, und Frauen werden immer noch zu Tode gesteinigt, weil sie die kleinste Neigung zu etwas Okkultem zeigen.

Es gibt auch diejenigen, die Hexerei nicht aus moralischer Panik, sondern aus intellektuellen Gründen verleumden. Hexerei ist dumm, sagt man. Das ist Pseudowissenschaft, das ist New Age-Quatsch. Aber ob die Magie objektiv funktioniert oder nicht, ist dabei fast nebensächlich. Hexerei ist für die Verlorenen, die Verlassenen, die Anderen. Es geht um Synergie auch in den dunkelsten Zeiten. Es sind Frauen und Männer, die zusammenkommen und sich weigern, eine Gesellschaft zu akzeptieren, die nicht alle als gleichberechtigte Mitglieder dieses Planeten anerkennt. Hexerei ist Widerstand, schlicht und einfach.

Und es gibt nichts Mächtigeres als das.