Genevieve Cogman: Die unsichtbare Bibliothek

Geschichten über Bibliotheken oder geheimnisvolle Bücher besitzen immer ihren ganz eigenen Charme, so dass man bei genauerer Betrachtung sogar von einer eigenen Gattung sprechen müsste. Und dennoch sind sie so vielseitig und unterschiedlich, dass sie manchmal eben nichts weiter miteinander zu tun haben, als dass es darin um Bücher geht. Die unsichtbare Bibliothek reiht sich da ein. In gewisser Weise steht der Roman der Urban Fantasy und der Portal Fantasy nahe, bedenkt man die unzähligen Parallelwelten, die es hier gibt. Und im Zentrum steht besagte Bibliothek, ein mysteriöses und undurchschaubares Gebilde, so gewaltig, dass man seine Auswüchse gar nicht ermessen kann. Da läuft man schon mal zweieinhalb Stunden von einer Abteilung zur nächsten. Aber das ist noch längst nichts Besonderes. Dass die Bibliothek Zugänge zu allen denkbaren Paralleluniversen unterhält, hingegen schon.

Und die Bibliothekare sind auf besondere Weise an diese Bibliothek gebunden. Sie verfügen über außergewöhnliche Kräfte, weil sie ein Siegel in Form einer Tätowierung auf ihrem Rücken tragen. Das verleiht ihnen Zugriff auf ein magisches System, das Die Sprache genannt wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um herkömmliche Zaubersprüche, sondern um die Macht des Wortes selbst, das Dingen befiehlt, wie sie sich verhalten sollen. Und tatsächlich steht Die Sprache im völligen Gegensatz zur – ebenfalls vorhandenen – Zauberei.

Eine dieser Bibliothekarinnen ist die temperamentvolle  Irene, und gleich im ersten Kapitel begleiten wir sie bei der Erfüllung eines Auftrags, bevor sie mit einem Buch, das sie aus einer Parallelwelt gestohlen hat, in die Bibliothek zurückkehrt. Das nämlich ist ihre Aufgabe und die Aufgabe aller Bibliothekare: sie beschaffen seltene Bücher aus allen Welten, um diese zu bewahren. Dieser Einstieg ist gelungen und bereitet und auf das vor, was nun folgen sollte: die Beschaffung eines Buches der Gebrüder Grimm aus einem viktorianisch anmutenden London. Warum? Es könnten einhundert Gebrüder Grimm in einhundert verschiedenen Welten leben, und jedes Mal könnten sie eine andere Märchensammlung verfasst haben. Und genau dort liegt das Interesse der Bibliothek.

Wissenschaftliche Abhandlungen spielen dabei keine Rolle, denn Entdeckungen sind in allen Welten gleich, wenn auch in unterschiedlichen Mischungen vorhanden. Und sie werden nicht sie sehr geschätzt wie kreative Arbeit. Diese Kernaussage hat mich persönlich am meisten begeistert, um ehrlich zu sein.

Genevieve Cogman offenbart bereits in ihrem Debüt eine erstaunliche metatextuelle Gabe. Das wird in folgendem Beispiel deutlich:

Die Welt, in der Irene Winters und Kai ein Buch der Gebrüder Grimm beschaffen müssen, ist “vom Chaos verseucht”. Hier bedeutet das, die Welt ist “verzerrt”, die Dinge haben die Neigung, “in erzählerische Muster zu verfallen”, nehmen also die “Art von Rhythmus und Logik an, die man womöglich in der Erzählliteratur oder in Märchen vorfindet.”

Das ist auch gleichzeitig die Poetik des Romans, Erzähltext und Metatext überschneiden sich. Der Roman ist auch ein Spiel mit Buchwelten an sich, eine unverhohlene Huldigung. Es gibt sogar eine schlüssige Erklärung für die Existenz exotischer Geschöpfe wie Vampire, Werwölfe, Feen und Elben:

“Das Chaos benutzt Geschöpfe, die unlogischen Gesetzen auf logische Weise gehorchen.”

Dadurch destabilisiert das Chaos eine entsprechende Welt, drängt die Ordnung zurück und verseucht sie. Das ist nicht einfach nur ein Status Quo, die entsprechende Welt geht daran zugrunde wie ein lebender Organismus an einer Infektion.

Cogman schreibt mit einer Lebendigkeit und einem Witz, die dem Genre der Urban Fantasy neues Leben einhauchen. Die Handlung verbindet politische und akademische Intrigen mit hochkarätigen Kampfszenen und bewegt sich innerhalb eines atmosphärischen Szenarios. Klischeehafte romantische Spannungen lässt die Autorin glücklicherweise – und entgegen dem gegenwärtigen Strom – aus, eine Fantasy-Schnulze haben wir hier in der Tat nicht vorliegen (ich hätte das Ding ansonsten auch nicht angefasst). Die Scherze zwischen Irene und ihrem Studenten Kai sind hingegen ziemlich erfrischend. Dass man hin und wieder an die Werke von Neil Gaiman erinnert wird, schmälert Cogmans Originalität keineswegs. Und trotzdem lullt die hier vorgetragene Prosa mehr ein als dass sie mitnimmt. Das Geschehen scheint hinter einem Schleier stattzufinden, hat trotz der ausgewogenen Sätze etwas behäbiges, das jedwede Spannung – so sie denn einmal aufkommt – gleich wieder niedertrampelt.

Insgesamt sind vier Bücher dieser Serie bei Bastei-Lübbe erhältlich, und ein fünftes hat Cogman gerade abgeschlossen.

Genevieve Cogman: Die unsichtbare Bibliothek

Geschichten über Bibliotheken oder geheimnisvolle Bücher besitzen immer ihren ganz eigenen Charme, so dass man bei genauerer Betrachtung sogar von einer eigenen Gattung sprechen müsste. Und dennoch sind sie so vielseitig und unterschiedlich, dass sie manchmal eben nichts weiter miteinander zu tun haben, als dass es darin um Bücher geht. Die unsichtbare Bibliothek reiht sich da ein. In gewisser Weise steht der Roman der Urban Fantasy und der Portal Fantasy nahe, bedenkt man die unzähligen Parallelwelten, die es hier gibt. Und im Zentrum steht besagte Bibliothek, ein mysteriöses und undurchschaubares Gebilde, so gewaltig, dass man seine Auswüchse gar nicht ermessen kann. Da läuft man schon mal zweieinhalb Stunden von einer Abteilung zur nächsten. Aber das ist noch längst nichts Besonderes. Dass die Bibliothek Zugänge zu allen denkbaren Paralleluniversen unterhält, hingegen schon.

Und die Bibliothekare sind auf besondere Weise an diese Bibliothek gebunden. Sie verfügen über außergewöhnliche Kräfte, weil sie ein Siegel in Form einer Tätowierung auf ihrem Rücken tragen. Das verleiht ihnen Zugriff auf ein magisches System, das Die Sprache genannt wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um herkömmliche Zaubersprüche, sondern um die Macht des Wortes selbst, das Dingen befiehlt, wie sie sich verhalten sollen. Und tatsächlich steht Die Sprache im völligen Gegensatz zur – ebenfalls vorhandenen – Zauberei.

Eine dieser Bibliothekarinnen ist die temperamentvolle  Irene, und gleich im ersten Kapitel begleiten wir sie bei der Erfüllung eines Auftrags, bevor sie mit einem Buch, das sie aus einer Parallelwelt gestohlen hat, in die Bibliothek zurückkehrt. Das nämlich ist ihre Aufgabe und die Aufgabe aller Bibliothekare: sie beschaffen seltene Bücher aus allen Welten, um diese zu bewahren. Dieser Einstieg ist gelungen und bereitet und auf das vor, was nun folgen sollte: die Beschaffung eines Buches der Gebrüder Grimm aus einem viktorianisch anmutenden London. Warum? Es könnten einhundert Gebrüder Grimm in einhundert verschiedenen Welten leben, und jedes Mal könnten sie eine andere Märchensammlung verfasst haben. Und genau dort liegt das Interesse der Bibliothek. Wissenschaftliche Abhandlungen spielen dabei keine Rolle, denn Entdeckungen sind in allen Welten gleich, wenn auch in unterschiedlichen Mischungen vorhanden. Und sie werden nicht sie sehr geschätzt wie kreative Arbeit. Diese Kernaussage hat mich persönlich am meisten begeistert, um ehrlich zu sein.

Genevieve Cogman offenbart bereits in ihrem Debüt eine erstaunliche metatextuelle Gabe. Das wird in folgendem Beispiel deutlich:

Die Welt, in der Irene Winters und Kai ein Buch der Gebrüder Grimm beschaffen müssen, ist “vom Chaos verseucht”. Hier bedeutet das, die Welt ist “verzerrt”, die Dinge haben die Neigung, “in erzählerische Muster zu verfallen”, nehmen also die “Art von Rhythmus und Logik an, die man womöglich in der Erzählliteratur oder in Märchen vorfindet.”

Das ist auch gleichzeitig die Poetik des Romans, Erzähltext und Metatext überschneiden sich. Der Roman ist auch ein Spiel mit Buchwelten an sich, eine unverhohlene Huldigung. Es gibt sogar eine schlüssige Erklärung für die Existenz exotischer Geschöpfe wie Vampire, Werwölfe, Feen und Elben:

“Das Chaos benutzt Geschöpfe, die unlogischen Gesetzen auf logische Weise gehorchen.”

Dadurch destabilisiert das Chaos eine entsprechende Welt, drängt die Ordnung zurück und verseucht sie. Das ist nicht einfach nur ein Status Quo, die entsprechende Welt geht daran zugrunde wie ein lebender Organismus an einer Infektion.

Cogman schreibt mit einer Lebendigkeit und einem Witz, die dem Genre der Urban Fantasy neues Leben einhauchen. Die Handlung verbindet politische und akademische Intrigen mit hochkarätigen Kampfszenen und bewegt sich innerhalb eines atmosphärischen Szenarios. Klischeehafte romantische Spannungen lässt die Autorin glücklicherweise – und entgegen dem gegenwärtigen Strom – aus, eine Fantasy-Schnulze haben wir hier in der Tat nicht vorliegen (ich hätte das Ding ansonsten auch nicht angefasst). Die Scherze zwischen Irene und ihrem Studenten Kai sind hingegen ziemlich erfrischend. Dass man hin und wieder an die Werke von Neil Gaiman erinnert wird, schmälert Cogmans Originalität keineswegs. Und trotzdem lullt die hier vorgetragene Prosa mehr ein als dass sie mitnimmt. Das Geschehen scheint hinter einem Schleier stattzufinden, hat trotz der ausgewogenen Sätze etwas behäbiges, das jedwede Spannung – so sie denn einmal aufkommt – gleich wieder niedertrampelt.

Erotik im literarischen Horror

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Die Welt bei Kerzenschein

Folklore und Legenden sind Teil eines Vermächtnisses unserer ursprünglichen Ängste, die in der Morgendämmerung der Menschheit ihren Ursprung haben, als die Welt noch vom Übernatürlichen dominiert war: Wälder, Hügel, Berge und Flüsse waren der Lebensraum von alten, unsichtbaren Dingen. Leben bedeutete, im Schatten dieser Geheimnisse zu leben. Kerzen drückten die tiefe Angst des Menschen aus, nur in einem kleinen Lichtkreis inmitten einer riesigen, dunklen Welt zu leben.

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da.

Einer der berühmtesten Gelehrten jener Geschichten bei Kerzenschein war der Brite JRR Tolkien. In seinem berühmten Aufsatz “Beowulf. The Monsters and the Critics” vertritt er das Argument, dass Beowulf, abgesehen davon, dass er ein Artefakt alter germanischer Kultur ist, noch einen weitaus größeren Wert besitzt, dass die Geschichte von einem Mann, der gegen mächtige Urkräfte kämpft, nämlich auch einen literarischen Wert hat.

Die Mythologie hat die Fantasy-Autoren schon immer beeinflusst. Bei genauerer Betrachtung Tolkiens, dem Begründer der modernen High Fantasy, und den Autoren des Weird Tales Magazin, den Urvätern der Sword & Sorcery, entdecken wir ein ganzes Netz von Verbindungen und Einflüssen, die auf eine Welt bei Kerzenschein zurückweist. Dieser Einfluss hält bis heute an: zwei der berühmtesten und angesehensten Schriftsteller des Genres, Ursula LeGuin und gegenwärtig George R.R. Martin, spinnen den Kampf zwischen der Menschheit und der Dunkelheit in ihren Romanen weiter.

Um diesen Kampf jedoch zu verstehen, müssen die Leser einen Blick auf die Mythen werfen. Drei Vorstellungen werden wieder und wieder aufgegriffen: die Wildnis, der Grenzbereich zwischen Mensch und Welt, und die Dunkelheit. Das sind die Elemente der Welt bei Kerzenschein, von denen unsere Fantasy so tiefgreifend durchdrungen ist, und die ohne diese Elemente gar nicht zu denken wäre.

Der greifbarste Aspekt der Welt bei Kerzenschein ist die Wildnis. Laut James Frazer, einem bahnbrechenden Gelehrten magischer und religiöser Traditionen, war

“Europa von immensen Urwäldern bedeckt, in denen die vereinzelten Lichtungen wie Inselchen in einem Meer von Grün gewirkt haben müssen.”

Wälder und die übrige Wildnis waren unbekanntes Gebiet, das außerhalb der Kontrolle und des Wissens des Menschen lag. Natürlich waren diese ungezähmten Orte von Geschichten der Angst umgeben: die russischen Waldgeister, Leshys genannt, stöhnten und kreischten im Wind, der durch die Bäume fuhr, die geisterhaften Irrlichter führten die Menschen ins tödliche Moor, und schottische Redcaps schnappten sich ihre Opfer auf verlassenen Feldern.

Selbst nach der Christianisierung Europas waren die Wälder nach wie vor Orte einer tiefsitzenden Angst. Raub- und andere wilde Tiere waren eine ständige Bedrohung für Schäfer und Jäger, und Wölfe wurden zur besonderen Ikone dieser Gefahr.

Einhergehend mit der Wildnis als Bedrohung des Menschen, wurden Grenzen und Wälle notwendig, um die realen und übernatürlichen Gefahren fern zu halten. Dies ist das zweite Merkmal der Welt bei Kerzenschein: das Bedürfnis nach Grenzen.

Dieses Konzept hatte seinen großen Auftritt in Joseph Campbells Modell des “Heros in tausend Gestalten”. Hierbei handelt es sich um die Reise des Helden, gekennzeichnet vom Überschreiten der ersten Schwelle, indem sich der Held außerhalb der Grenze der menschlichen Bereiche begibt, in jene Regionen des Unbekannten, wie beispielsweise Wüste, Dschungel, die Tiefsee, oder in ein unbekanntes Land. Campbells Abgrenzung zwischen dem Reich der Menschen und “dem Unbekannten” gründet sich auf die Idee der Welt bei Kerzenschein, wo es Sicherheit innerhalb der Grenzen, dort, wo das Licht brennt, zu finden gibt, und die Gefahr draußen bleibt.

Grenzen spielen in der irischen Mythologie eine bedeutende Rolle, wo man sich Zwischenreiche vorstellte, Barrieren zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter, ein Zwielicht, das alles verwischte. Wo die Grenzen schwach waren, konnte es dem Chaos gelingen, in die Welt zu schleichen. Eines der bekanntesten Beispiele für übernatürliche Grenzen hat mit Vampiren zu tun. Die meisten Vampire können nicht ins Haus gelangen (die Schwelle nicht überschreiten) ohne Einladung. Das ist so, weil das Haus die Domäne des Menschen ist, von der Außenwelt durch seine Mauern getrennt.

Die Ur-Schwelle ist der Sonnenuntergang, bei dem das dritte Element die Welt überflutet: Dunkelheit. Dunkelheit ist das alles beherrschende Element der Welt bei Kerzenschein. Sie zieht sich durch den Mythos als Quelle einer allesdurchdringenden Furcht: Es ist Nacht, wenn Grendel Hrothgars Halle angreift, es ist Nacht, wenn die irischen Feen sich die Kinder holen, wenn die Vampire aller Kulturen erwachen, wenn Werwölfe sich verwandeln und Gespenster aus dem Grab steigen. Wenn die Sonne aufgeht, und das Licht zurückkehrt, wäscht es alle Dunkelheit mitsamt seinen Kreaturen hinfort, die sich in Höhlen, Wälder, Bergtäler oder in U-Bahnschächte zurückziehen. Der grundsätzliche Aspekt der Dunkelheit ist seine Gleichsetzung mit dem Unbekannten: in der Folklore sind die größten Ängste oft namenlos, nehmen die Gestalt von Tabus und Aberglauben an. Eine der ältesten Mythen beginnt mit einer Welt, belagert von ewiger Nacht. Dann erscheint eine Figur, wie der Rabe der nordamerikanischen Ureinwohner, und entzündet die Sonne. Meistens aber wird den Menschen ein Geschenk gemacht: Feuer; wie im griechischen Mythos von Prometheus. Feuer, die Quelle des Lichts, spielt eine herausragende Rolle in fast allen Mythen, vor allem im ländlichen Irland, wo das Herdfeuer zum Symbol für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Familie wurde, und das über Jahre hinweg am Brennen gehalten wird. Feuer ist, abgesehen vom Kochen und Heizen, die erste Verteidigung gegen die Dunkelheit.

Weil die Ideen der Wildnis, der Grenzen, und der Dunkelheit die Mythen so grundsätzlich durchziehen, hatten sie einen tiefgreifenden Einfluss auf jene Autoren, die die moderne Fantasy definierten, namentlich: JRR Tolkien, H.P. Lovecraft, Robert E. Howard und Clark Ashton Smith. Jeder von ihnen hat sich ausgiebig mit Folklore und Legenden befasst, und aus ihrer Arbeit leiten wir die Genres der High Fantasy und der Sword & Sorcery ab, die beide zu den beständigsten und beliebtesten Formen dieser Literatur gehören.

Tolkiens Wissen über Mythologie erstreckt sich über Homers Ilias bis hin zu den nordischen Sagen, in seiner Arbeit wird dem Leser ein Urgefühl der Angst nahe gebracht, vor allem jene gegenüber des Waldes. Eines der besten Beispiele aus “Die Gefährten” ist der Alte Wald: Fredegar Bolger, einer von Frodos Freunden, erschrickt zutiefst bei Merrys Plan, ihn zu betreten. Er behauptet, dass dies ein Ort sei, der aus Alpträumen bestehe, und niemand es wage, hineinzugehen. Tatsächlich gibt es eine Grenze zwischen dem Alten Wald und Bockland – die Hecke. Die Bäume hatten diese Hecke schon einmal angegriffen und die Hobbits mussten sie mit Äxten und Feuer zurückdrängen. Es war der sich wiederholende Kampf der Zivilisation gegen die Wildnis.

Im Innern des Waldes sind die Hobbits deutlich erkennbar Eindringlinge. Merry muss die Bäume beruhigen und ihnen erklären, dass sie als Freunde kommen und dass sie nicht hier sind, um ihnen irgendwie zu schaden. Die Bäume führen die Hobbits jedoch in die Irre und immer tiefer in den Wald hinein, bis hin zu einer mächtigen Weide, von der sie angegriffen werden. Der Alte Wald und auch der noch ältere Düsterwald (Mirkwood) sind Reflexionen der Feindseligkeit und der Gefahr, die in der Wildnis lauern. In „Der kleine Hobbit“ liegt der Düsterwald in ewiger Dunkelheit, dort hineinzugehen birgt die Gefahr, für immer in ihm verloren zu gehen.

1923, über ein Jahrzehnt, bevor der Hobbit das Licht der Welt erblickte, kam das Weird Tales Magazin auf den Markt, das von Abenteuergeschichten bis zu Horror-Geschichten alles veröffentlichte. Den Schwerpunkt bildete allerdings der „Lovecraft-Zirkel“, also jene Gruppe von Autoren, mit denen Lovecraft rege in Kontakt stand und die von ihm inspiriert wurden. H.P. Lovecraft beschrieb seine Sicht der Weird Fiction (was wir bei uns mit „unheimlicher Literatur“ oder „Schauerliteratur“ nur unzureichend übersetzen können) folgendermaßen:

„Eine gewisse Atmosphäre atemloser und unerklärbarer Angst vor äußeren, unbekannten Kräften muss gegenwärtig sein; und es muss einen Hinweis darauf geben … auf die schrecklichste Vorstellung, die ein menschliches Gehirn ersinnen kann – eine unheilvolle und einmalige Übertretung oder Aussetzung der Naturgesetze, die unser Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen aus dem ungestalteten Raum sind.“

Seine klassische Erzählung „Berge des Wahnsinns“ beginnt mit einer Gruppe Wissenschaftler, die in ein unerschlossenes Gebiet der Antarktis ziehen, um dieses zu untersuchen. Diese Wildnis ist, wie so oft, die Domäne älterer, feindseliger Wesen. Die Wissenschaftler finden die Überreste einer uralten Rasse, die einst die urzeitliche Erde regiert haben musste. Diese erwacht zum Leben und töten die Crew, bevor sie wieder zu ihren Ruinen in den Bergen des Wahnsinns zurückkehrt. Die Protagonisten, Danforth und Dyer, folgen den Kreaturen in die uralte Stadt Leng und entdecken, dass die Erde nur aufgrund der Gnade dieser mächtigen, finsteren Wesen noch existiert, die in den Tiefen des Ozeans und in den Weiten des dunklen Raums lauern.

Inspiriert von Arthur Machen, der selbst fasziniert war von einem mittelalterlichen, unbekannten Zeitalter, hatte Lovecraft einen gewaltigen Einfluss auf viele seiner Zeitgenossen, besonders auf die seines Zirkels, wie z.B. Robert E. Howard, dem Erfinder des Conan, und Clark Asthon Smith, dem Schöpfer der Welt Zothique. Beide Autoren, deren Geschichten sich um Diebe, Totenbeschwörer, Krieger und Abenteurer in vergessenen Tempeln drehen, pflegten während ihrer gesamten schriftstellerischen Karriere einen regen Briefkontakt mit Lovecraft; sie entlehnten Ideen von ihm und aus seinem Werk, ganz besonders aus dem Cthulhu-Mythos.

Das Erbe des „Kerzenscheins“ wirkt auch heute noch in den Werken der bekanntesten Fantasy-Autoren nach. 1970 schrieb Ursula Le Guin, die gefeierte Verfasserin der Erdsee-Saga, „Die Gräber von Atuan“. Darin wird das Leben der Tenar beleuchtet, einem jungen Mädchen, das zur Hohepriesterin der Gräber der Namenlosen gewählt wird. Es handelt sich hierbei um ein unterirdisches Labyrinth, in immerwährender Dunkelheit gelegen. Durch das ganze Buch hindurch wird „die Dunkelheit“ als der Verschlinger von Tenars Selbst und als Synonym für die „Namenlosen“ genannt. Deren Höhle ist der Sitz der Ur-Finsternis: es wurde nie vom Licht der Schöpfung der Welt berührt. Als Tenar und der Zauberer Ged versuchen, den Gräbern zu entkommen, beginnt die Dunkelheit Tenar derart in Panik zu versetzen, dass sie Ged anfleht, sein magisches Licht einzusetzen. Aber Ged offenbart ihr, dass seine gesamte Kraft dabei aufgebraucht wurde, die Dunkelheit daran zu hindern, sie beide zu verschlingen.
Im ersten Band der Erdsee-Saga, Der Magier von Erdsee, ist Geds Stolz daran schuld, dass die Finsternis überhaupt in die Welt gelangen kann. Nachdem er von einem anderen Magier permanent verspottet und verlacht wird, will Ged seine Macht beweisen, indem er Tote wieder zum Leben erweckt. Er beschwört den Schatten von Elfarran herauf, aber dann –

„das fahle Oval zwischen Geds Armen wurde breiter und weiter, ein Riss in der Finsternis der Erde und der Nacht, ein Zerreißen des Gewebes. Durch diese leuchtende, unförmige Verletzung kletterte etwas wie ein Klumpen schwarzen Schattens …“

Ged hat in seiner Arroganz die Schwelle zwischen der Welt und der Finsternis zerstört.

George R.R. Martins Werk, Das Lied von Eis und Feuer, birgt ebenfalls deutliche Spuren einer „Welt bei Kerzenschein“. Das erste Kapitel von Die Herren von Winterfell trägt den Leser in das Reich von Eddard Stark, einem Landstrich am Rande der zivilisierten Welt. Starks Pflicht ist es, die „Mauer“, die Grenze also zwischen einem wilden, gefährlichen Land im Norden, und den Sieben Königreichen, zu erhalten.

Das ist das Herz der Fantasy: die Kämpfer, Waldläufer, und Magier, die unsere Seiten bevölkern, sind jene Archetypen, die als Wächter unserer Grenzen und Schwellen zwischen den Menschen und der Dunkelheit begannen. Wohin auch immer sich die Fantasy noch entwickeln wird, dieses Erbe ist und wird der Kern der Sache bleiben.

Stephen King: ES

Stephen Kings ES. Es dauerte vier Jahre, bis King das Buch vollenden konnte. Es ist sein ambitioniertestes Buch, eines seiner berühmtesten, und, wie auch The Stand, stellt es einen Wendepunkt zwischen Carrie, Brennen muss Salem, The Shining und der nächsten Phase seiner Karriere dar. ES ist die Summe all dessen, was vorher war, der Roman lässt alte Interessen hinter sich und bewegt sich nach vorne.

Beendete The Stand die Reihe der Bücher, die King schrieb, bevor er bekannt wurde, beginnt mit ES eine erste Ruhmesphase, eine Phase, in der er nichts mehr zu beweisen hatte. Fehlerhaft, seltsam, abwechselnd langweilig und schockierend – ES ist eines von Kings verwirrendsten und frustrierendsten Büchern. Gleichzeitig ist es auch das traurigste. Es war der Anfang dessen, was sich dann als perfekter Sturm neuer King-Romanen erwies, das erste von vier Büchern, die in einem Zeitraum von 14 Monaten erschienen, von Oktober 1986 bis Ende 1987. ES kam im Oktober, danach wurde die Öffentlichkeit in kurzer Folge mit Das Auge des Drachen, Sie und Tommyknockers überrollt. Die Erstauflage umfasste (in Amerika) eine Million Exemplare. Es rangiert auf dem zehnten Platz der meistverkauften Bücher der 80er.

“Es war die Summe all dessen, was ich bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben gemacht hatte.” Auch war es das Buch, vor dessen Niederschrift er sich fürchtete. Insgesamt dauerte das vier Jahre, und drei davon ließ er es “keimen”, was die Art eines Bestseller-Autors ist, zu sagen: “Ich dachte viel darüber nach, während ich mir teure Motorräder kaufte.”

King schrieb den ersten groben Entwurf am Ende des Jahres 1980, direkt nachdem Feuerkind veröffentlicht wurde. Allerdings nahm er die Geschichte erst ein Jahr später wieder auf, weil er sich so ausgelaugt fühlte. Das Buch war derart wichtig für ihn, dass er sogar mitsamt seiner Familie nach Bangor zog. Er sagt:

“Wir hatten zwei Möglichkeiten. Es gab Portland und es gab Bangor. Tabby wollte nach Portland, ich wollte nach Bangor, weil ich die Stadt für eine harte Arbeiterstadt hielt … und ich dachte, dass die Geschichte, die große Geschichte, die ich schreiben wollte, hier stattfinden müsse. Ich hatte eine fixe Vorstellung, wie ich meine ganzen Gedanken über Monster und die Kindergeschichte “Three Billy Goats Gruff'” zusammenführen wollte. Das ging nicht in Portland, weil Portland eine Yuppie-Stadt war.
Da war ein Artikel in der Zeitung, gerade zu der Zeit, als wir uns davonmachen wollten. Er handelte von einem jungen Mann, der während der Messe in Bangor aus der Jaguar Tavern kam. Er war homosexuell und einige Jungs trieben ihre Späße mit ihm. Die Späße gerieten außer Kontrolle und sie warfen ihn über die Brücke und töteten ihn. Und ich dachte, das ist genau das, worüber ich schreiben will. Tabby wollte nicht wirklich hierher, aber schließlich haben wir es dann doch getan.”

King kam in Bangor an, lief in der Stadt herum und sammelte Material.

“Bevor ich anfing, ES zu schreiben … lief ich überall herum. Ich fragte jeden nach Geschichten über jene Ort aus, die meine Aufmerksamkeit bereits erregt hatten. Ich wusste natürlich, dass die meisten der Geschichten, die man mir erzählte, gelogen waren, aber das interessierte mich nicht. Diejenigen, die wirklich meine Phantasie entflammten, das waren die Mythen. Jemand hatte mir erzählt … angeblich kann man mit einem Kanu nicht weit von der Westgate Mall durch die Kanalisation bis hinüber zum Mount Hope Friedhof paddeln … der gleiche Kerl erzählte mir, dass das ganze Kanalisationssystem in Bangor im Rahmen der WPA (eine großangelegte amerikanische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, M.P.) gebaut wurde, und sie irgendwann nicht mehr wussten, was sie dort überhaupt taten. Sie hatten genug Geld von der Regierung bekommen, also bauten sie wie wild durcheinander. Ein Großteil der Pläne ist verloren gegangen, und es ist leicht, sich dort unten heillos zu verirren. Ich beschloss, das alles in mein Buch zu packen und das habe ich schließlich auch getan … Bangor wurde Derry. Es gibt ein Bangor in Irland, das sich in der Grafschaft Derry befindet, also änderte ich den Namen in die fiktive Stadt Derry. Es ist ein Ort, zu dem ich immer wieder zurück komme, so wie vor kurzem in meinem Roman Schlaflos … Castle Rock ist viel fiktiver als Derry. Derry aber ist Bangor.”

Simultan zwischen 1985 und 1958 angelegt, ist ES eine von Kings Science-Fiction-Erzählungen. Wie in Die Arena, Tommyknockers und Duddits, kommt eine außerirdische Lebensform auf die Erde und versteht sich nicht wirklich gut mit ihren Bewohnern. King ist süchtig nach den 50-Jahre-Monsterfilmen, genauso wie nach Rock N Roll. Das Geschöpf, als ES bezeichnet, nimmt die Form all dessen an, wovor sich seine Opfer am meisten fürchten – Mumien, Werwölfe, Vampire, Clowns – und frisst sie auf. Es tut dies alle 27 Jahre, aber im Jahr 1958 wird der Zyklus unterbrochen, als ES George Denbrough tötet. Georges Bruder Bill gehört zum Club der Verlierer, einer losen Vereinigung von Kindern, jedes mit einem anderen Problem. Bill stottert, Ben Hanscom ist fett, Eddie Kaspbrak hat eine überängstliche Mutter sowie Asthma, Richie Tozier ist ein Großmaul, das Stimmen nachahmt, Mike Hanlon ist ein nerdiges afroamerikanisches Kind, und Beverly Marsh ein Mädchen mit einem gewalttätigen Vater. Ihre Feinde sind eine Bande schmieriger Rocker, wie sie in nahezu jedem King-Buch vorkommen (siehe Die Leiche, Christine und Manchmal kehren sie wieder). Der Club der Verlierer lernt ES durch eine Kombination aus Selbstverwirklichung und physischer Gewalt zu bekämpfen, und vergisst dann, was einst geschehen ist.

Sie werden erwachsen, verlassen Derry, werden alle mehr oder weniger erfolgreich. Dann werden sie an die Ereignisse des Sommers von 1958 erinnert, als die Morde wieder beginnen und Mike Hanlon sie alle wieder nach Hause ruft. Club-der-Verlierer-Mitglied Stan Uris tötet sich sofort nach der Nachricht und die anderen sind auch nicht gerade weit davon entfernt. Aber sie gehen zurück nach Derry, und während einige von ihnen umkommen, halten die anderen umso stärker zusammen. Nach 1138 Seiten bekämpfen sie ES mit der Unterstützung einer metaphysischen Kraft, die als “Schildkröte” bekannt ist. Das Buch springt zwischen 1985 und 1958 hin und her, bis in beiden Zeitsträngen der Höhepunkt zusammenfällt. Unterwegs gibt es noch einige Abschweifungen, etwa die Geschichte Derrys, zurück bis ins Jahr 1740.

Das Buch fühlt sich groß an, frisch, rot, triefend, vital und roh. Sein Stil ist von Anfang an übermäßig. Auf Seite 2 hören wir von einem Mann, der in den Kanälen ertrunken ist, und King macht uns klar, dass man seine aufgeblähte Leiche mit einem Penis, der von einem Fisch angefressen wurde, entdeckt hat. Ein paar Seiten später wird dem fünf Jahre alten George Denbrough der Arm aus der Schulter gerissen. Später, in einer der Derry-Vergangenheiten sehen wir jemanden, der seinen Penis an die Wand eines Holzfällercamps genagelt bekommt. Das Buch ist recht explizit..

Es ist aber auch ein Buch, bei dem King sich mit dem Schreiben schwer tat. So wie seine Figuren die Erinnerung an ihre Kindheit im Erwachsenenalter verloren, sagt King, dass er sich selbst kaum noch an seine Kindheit erinnern kann, in der es doch einige Zwischenfälle gab, wie zum Beispiel diesen, dass er zusehen musste, wie einige seiner Freunde von einem Zug überrollt wurden. King hatte das völlig verdrängt und erinnerte sich erst später wieder daran. Während des Schreibprozesses, so King, hatte er sich sich in einen halb träumenden Zustand versetzt, in dem er sich in seine Kindheit zurückblendete. Je mehr er schrieb, desto besser erinnerte er sich.

Auch ist es ein Buch der Abschiede geworden. Kings jüngstes Kind war gerade neun Jahre alt und er wollte nicht mehr über traumatisierte Kinder schreiben. King näherte sich dem Ende von ES mit einem solchen Widerwillen, dass es 500 Seiten dauert, bis Pennywise beim Namen genannt wird, und die Handlung ab diesem Zeitpunkt nur noch vorwärts taumelt. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlt es sich an, als ob Kings Räder alle ineinander greifen. Sein Motor summt, hält sich zurück, bis er keine andere Möglichkeit mehr hat, als loszubrechen. Er hatte bereits vorher große Bücher an der 500-Seiten-Marke aufgegeben (The Cannibals ist ein Beispiel). Diesmal scheint er zu versuchen, eine Masse an Hintergrundgeschichte einzubauen, eine Menge Staub aufzuwirbeln, so dass er die Geschichte vorwärts schieben kann, bevor er den Nerv verliert.

Es gibt die Idee, dass ES eine Variation des Minotaurus sei (die Jugend einer Jungfrau wird für die städtische Vitalität einer Kreatur geopfert, die inmitten eines Labyrinths haust), oder eine Antwort auf Ronald Reagans Fetischisierung der 50er-Jahre-Werte. Hier sind die schlafenden Erwachsenen, 1985 aufgeweckt durch den Totschlag an einem Homosexuellen, die plötzlich erkennen, dass ihre Kindheit in den 50ern alles andere als das idyllische Paradies war, nämlich ein problembeladener Ort, an dem Rassismus, Sexismus, Mobbing und Terror auf der Tagesordnung standen. Dass der glänzende Motor amerikanischer Unternehmungen die hässliche Schattenseite von Armut und Leid mit sich brachte.
Aber letztlich ist ES genau das, was darin zu finden ist: Kids bekämpfen ein Monster. In einem Interview sagte King:

“Meine Beschäftigung mit Monstern und dem Entsetzen hat auch mich verwirrt. Also nahm ich jedes Monster, das mir in den Sinn kam und jedes Ereignis aus der Kindheit, über das ich schon mal geschrieben hatte, und versuchte, diese beiden Aspekte zu integrieren. Und es wuchs und wuchs.”

Und es wurde genau das: ein Buch über Monster und Kinder.

Aber seine Kinder sind ein bisschen zu perfekt, betrachtet durch einen Weichzeichner, ein wenig zu strahlend und versöhnlich. Sie brechen ohne Grund in Lachen aus, werden schnell aus dem Gleichgewicht gebracht. Es wird ständig darüber geredet, wie überlegen Kinder Erwachsenen sind – und das in jeder Hinsicht. Erwachsene sind kalt, sie verrammeln die Türen, wenn Kinder um Hilfe rufen, sie sind feige, sie sind beleidigend, kritisch und im besten Falle amüsant.

An einer Stelle sinniert Bills Mutter über ihn und einen seiner Freunde:

Ich verstehe nicht einen von ihnen, dachte sie. Wohin sie gehen, was sie so treiben, was sie wollen … oder was aus ihnen werden soll. Manchmal, oh manchmal sind ihre Augen wild, und manchmal mache ich mir Sorgen um sie, und manchmal fürchte ich mich vor ihnen …

Es ist eine lächerlich erhöhte Sprache (“Manchmal, oh manchmal …”) und eine lächerlich noble Vorstellung von Kindheit. Es ist das, was ein Kind hofft, dass seine Eltern über es denken, nicht das, was Eltern wirklich über ihre Kinder denken. Diese Art von Großmütigkeit und Wunscherfüllung ist die Schwäche des Romans. Andererseits ist aber genau das auch seine Stärke. Vielen Schriftstellern wäre es peinlich, ein Buch über ihre Kindheit zu schreiben, in dem sie wie edle Helden auftreten, sich dem Kampf mit einem Monster stellen, das unter ihrer Heimatstadt lebt. King kennt die Bedeutung von Verlegenheit nicht. Er sieht, was ein Kind will (nämlich ein Held sein), und er macht es möglich, ohne Umschweife. Zur Hölle mit den Kritikern, zur Hölle mit dem würdevollen Benehmen, zur Hölle mit dem guten Geschmack.

Guter Geschmack und Stephen King haben wirklich nie zusammengepasst. Man bekommt den Eindruck, dass er John Waters zustimmt, der behauptet, dass “guter Geschmack der Feind der Kunst ist.” Das wird nirgends deutlicher als in der zentralen Sex-Szene des Buches. Ich kann mich an keine Szene, die King je geschrieben hat, erinnern, die kontroverser diskutiert wurde, als diese – 1958 – in der die Kinder sich im Alter zwischen 11 und 12 bewegen, ES für den Moment besiegt haben, und in der Kanalisation herumstolpern, ohne den Ausgang finden zu können. In einem magischen Ritual hat Beverly der Reihe nach Sex mit jedem der Jungen. Sie hat einen Orgasmus, und danach sind sie in der Lage, den Weg aus der Kanalisation zu finden. Die Leser haben alles getan: King einen Pädophilen genannt, einen Sexisten, ihm unverzeihlichen Vertrauensbruch vorgeworfen. Aber, in gewisser Weise ist diese Szene das Herzstück des Buches.

Das Buch zieht eine harte Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, die Menschen auf beiden Seiten scheinen jeweils eine eigene Spezies zu ein. Der Durchgang ist in der Regel Sex. Die Jungfräulichkeit verlieren ist der Stempel, der dich wissen lässt, dass du kein Kind mehr bist (Die Geschlechtsreife ist in den meisten Kulturen zwischen 13 und 14 Jahren festgelegt). Beverly ist im Buch diejenige, die ihren Freunden dabei hilft, von magischen, einfachen Kindern zu komplizierten, wahren Erwachsenen zu werden. Sollte es irgendeinen Zweifel daran geben, dass dies das Herzstück des Buches ist, dann betrachten wir den Titel. “It” (Es) ist das, was wir Sex nennen, bevor wir ihn haben. “Hast du ES getan? Wollte er ES tun? Tun sie ES?”

Keines der Kinder im Buch überwindet seine Schwäche. Jedes hat zu lernen, dass seine Schwäche eigentlich seine Stärke ist. Richies Stimmen bringen ihn in Schwierigkeiten, werden aber zu einer effektiven Waffe im Kampf gegen ES, wo Bill ins Stocken gerät. Bills Stottern kennzeichnet ihn als Außenseiter, aber seine Übungen dagegen schwächen ES. Das gleiche gilt für Eddie Kaspbraks Inhalator. Mehr als einmal nutzt Ben Hanscom sein Gewicht, um von der Rockerbande loszukommen. Und Mike Hanlon ist ein Feigling und Stubenhocker, aber er wird der Hüter Derrys, der Wächter, der zurückbleibt und Alarm schlägt, wenn die Zeit kommt. Und Berverly hat Sex (guten Sex – die Art, die heilt, kräftigt, Menschen einander näher bringt), weil es ihre Schwäche ist, eine Frau zu sein.

Durch das ganze Buch hindurch wird Beverly von ihrem gewalttätigen Vater beschimpft, schikaniert und geschlagen, aber er versucht nie, sie sexuell zu missbrauchen, bevor er nicht von ES besessen ist. Erinnern wir uns daran, dass ES zu dem wird, vor dem man am meisten Angst hat. Während ES für die Jungen zu einer Mumie, einem Wolfmann, der Kreatur aus den schwarzen Lagunen wird, hat ES für Beverly die Form einer Gischt aus Blut, die aus dem Abfluss der Badewanne spritzt – einhergehend mit der Bedrohung, ihr Vater könnte sie vergewaltigen. Im ganzen Buch ist sich Beverly über ihren sich verändernden Körper bewusst und unglücklich mit der Pubertät im Allgemeinen. Sie will zum Club der Verlierer gehören, wird aber immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nicht einfach einer der Jungs ist. Wie sie immer von ihnen angesehen wird – das erinnert sie permanent daran, dass sie sich von einem Mädchen in eine Frau verwandelt. Jedesmal, wenn ihr Geschlecht erwähnt wird, verschließt sie sich, fühlt sich isoliert und zieht sich zurück.

Die Tatsache, dass der Akt, “es zu tun”, ihr Moment ist, ihr Herz mit dem zu konfrontieren, was sie so isoliert und traurig macht, und sich das dann als wohliger, schöner Akt entpuppt, der sie mit ihren Freunden verbindet anstatt sie für immer zu trennen, das ist Kings Methode, uns zu zeigen, dass der Verlust unserer Kindheit im Grunde nicht in allen Belangen so schlecht ist.

Viele Leute glauben, dass der richtige Moment, King zu entdecken, die Jugendzeit ist, und in der Regel wird er tatsächlich zum ersten Mal von Teenagern entdeckt. Wie oft wird das “Erste Mal” für Mädchen als etwas Schmerzhaftes porträtiert, das sie bereuen werden. Wie oft präsentieren die Medien die Jungfräulichkeit eines Mädchens als etwas, das geschützt werden muss, gestohlen, geraubt, zerstört werden kann, als etwas, auf das es zu achten gilt. In gewisser Weise ist ES ein Mittel Kings, um Kindern zu sagen, dass Sex, auch ungeplanter Sex, auch seltsamer Sex, auch Sex, indem ein Mädchen die Unschuld in der Kanalisation verliert, kraftvoll und schön sein kann, wenn er mit Respekt unter Menschen, die sich mögen, vollzogen wird. Das ist eine mutige Nachricht, und eine, die andere Autoren nicht bereit sind, zu liefern.

Als ES dann erschien, wusste King, worauf sich seine Kritiker als erstes stürzen würden: auf seine Länge. Er gab sogar ein Interview, in dem er sagte, dass lange Romane in Amerika nicht mehr akzeptabel seien, und er hatte Recht. Die Kritiken waren im Allgemeinen von der Länge des Romans besessen. Sie wogen es wie ein Baby (Vier Pfund!); das Twilight Zone Magazine meckerte, dass King einen besseren Lektor bräuchte. Die New York Times Book Review schrieb: “Wo hat Stephen King, der erfahrenste der Kronprinzen der Dunkelheit, bei ES etwas falsch gemacht? Fast überall. Lassen wir die Disziplin einmal beiseite, die für einen Schriftsteller ebenso wichtig ist wie Fantasie und Stil, hat er alles, was er sich auch nur vorstellen konnte, in diesem Buch angehäuft, zu viel von allem.” Sogar Publishers Weekly hasste den Umfang des Buches: “Überbevölkert und in unnötige Details verliebt, aufgebläht durch faule, undurchdachte Philosophiererei und Theologisiererei. ES ertrinkt durch Kings ungebremstem Stift … es ist einfach viel zu viel hineingepackt.”

Aber King war vorbereitet. Schließlich war er einmal ein dickes Kind, und er weiß, dass es nichts gibt, das die Leute mehr hassen als dicke Jungs. Kings hat sein Gewicht in vielen seiner Bücher thematisiert, da gibt es den Fluch in Thinner, Vern in Die Leiche, Die Rache des Schmalzarsch Hogan und natürlich Ben Hanscom in ES. Sogar Andy McGees Abstieg in die Fettleibigkeit in Feuerkind. King war als fettes Kind aufgewachsen, um fette Bücher zu schreiben, und er weiß, dass sich die Leute über diese verdammt fetten Bücher beschweren, weil Übermaß die Puritaner in Amerika auf die Palme bringt, vor allem die Kritiker. Manchmal ist fett-sein jedoch ein Teil der Schönheit.

Während King behauptet, dass sein Buch von der Kindheit handelt, ist das nicht ganz richtig. Seine Kinder sind zu gut, zu loyal, zu brav. Sie entspringen einer erinnerten Kindheit, keiner erlebten. Was in ES gezeichnet wird, ist das Erwachsenwerden. Dieses Buch handelt von der Tatsache, dass sich Türen nur in eine Richtung öffnen, und während es einen Ausgang aus der Kindheit gibt, gibt es keinen, der aus Erwachsenen wieder Kinder macht.

Im letzten Kapitel, nachdem das Monster besiegt ist, hebt Kings Stil förmlich ab. Das Buch endet nicht mit einem Gefecht, nicht mit Entsetzen, nicht mit Pennywise, sondern mit Bill, der Kontakt mit seiner Frau aufnehmen will, die in ein Koma gefallen ist. In der letzten Passage des Buches wacht er im Bett neben ihr auf, berührt sie, erinnert sich an seine Kindheit, aber er denkt auch daran, wie gut es ist, sich zu verändern, zu wachsen, erwachsen zu sein. Er erinnert sich, dass das Besondere an der Kindheit ihr Ende ist, und dieser kleine Augenblick fühlt sich wie der Funke an, aus dem das Buch entstanden ist, die Saat, aus der es heraus wuchs.

Ja. Es ist ein dickes Buch. Aber vielleicht sind wir alle nur neidisch. Weil so viel enthalten ist, deshalb ist es so dick. Wir bekommen immer gesagt, es zählt das, was drin steckt. Es ist ein erstaunliches Buch, ein fehlerhaftes Buch – und manchmal ist es auch peinlich. Aber es kann nicht zusammengefasst werden durch ein Statement, eine Inhaltsangabe oder durch einen langen, ermüdenden Artikel wie diesen hier. Es ist ein Buch, das etwas einfängt, einige Stücke Zeit, ein paar Gefühle über das Erwachsenwerden und über den Abschied. King schreibt am Ende: “Das Auge des Tages schließt sich”. So geschieht Vergessen. Das ist die Art, wie Kindheit verschwindet. Du schließt die Augen für eine Minute, und wenn du sie wieder öffnest, ist sie für immer fort. Keine Angst, scheint ES zu sagen, das alles ist vorbei mit einem Wimpernschlag.