Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

The Flash (Geschwindigkeit ist alles)

Obwohl er nicht Teil der berühmten Dreieinigkeit von Batman, Superman und Wonder Woman ist, ist der Flash insgeheim die wichtigste Figur im gesamten DC-Universum. Und das hat nichts mit Geschmack zu tun. Natürlich gibt es immer auch Geschichten, die sich nicht mit den persönlichen Vorlieben decken, aber über die Bedeutung der Figur wird wohl niemand ernsthaft diskutieren wollen. Sie war die treibende Kraft hinter so vielen Neuerungen und Trademarks, die heute fester Bestandteil des DC-Universums und der Comicwelt als Ganzes sind. Es ist durchaus legitim und möglich, die Geschichte der DC-Comics (und in kleinerem Maße auch die der Mainstream-Superheldencomics) mit dem roten Blitz als Maßstab darzustellen. “The Flash (Geschwindigkeit ist alles)” weiterlesen

Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell

Susanna Clarkes Debütroman Jonathan Strange & Mr. Norrell eroberte im Jahr 2004 mit starker Unterstützung eines selbstbewussten Verlegers die Genrewelt im Sturm und verdrehte sogar einigen Mainstream-Literaten den Kopf. Teils historische Fantasy, teils alternative Geschichte, ein bisschen Schwert und Zauberei mit einem Hauch von Gothic, gewann der Roman mehrere Preise und wurde in seinen ersten Jahren seines Erscheinens mehrfach neuaufgelegt. Bücher von derart gereifter Imagination und mit kulturell relevanten Aussagen innerhalb eines großen historischen Umfangs, geschrieben in einer stilvollen Prosa, gibt es nicht oft zu bestaunen. Es ist die Geschichte der Wiedergeburt der Magie in Großbritannien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und sie kehrt nicht in der Form zurück, wie man das hätte erwarten können.

Zu Beginn von Jonathan Strange & Mr. Norrell wird Magie in Großbritannien für tot gehalten – dabei ist es eine Facette der Geschichte, dass nur der legendäre Rabenkönig sie praktizieren kann, und selbst er wird gemeinhin als eine Erscheinung, Alpträumen entsprungen, angesehen. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass ein respektabler Herr (Norrell), sich seit Jahren zurückgezogen hält und magische Bücher hortet. Tatsächlich ist er der einzige bekannte praktizierende Magier (im Gegensatz zur Horde der “theoretischen Magier”, die ewig diskutieren, aber ihre Ideen nie anwenden), er wird nach London geladen und der High Society als Retter der Magie vorgestellt. “Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell” weiterlesen

Die Phantome des Franz Hellens

Von Franz Hellens ist heute kaum noch mehr als dieses traurige Gemälde zu finden, das Modigliani gemalt hat, der als Künstler bekannter ist als sein Modell. 1881 in Brüssel geboren, und für den Dienst an der Waffe für untauglich befunden, ließ er den ersten Weltkrieg in Nizza vorbeiziehen, wo er auch Modigliani begegnete, und seiner zukünftigen Frau Maria Marcovna. In einem späteren Buch voller Aufsätze und Erinnerungen mit dem Titel Geheime Dokumente, erzählt Hellens, wie Modiglini das Portrait in ein paar wenigen Stunden aufs Papier geschleudert hatte, während, unterbrochen von gelegentlichen Spaziergängen an der frischen Luft, drei Liter Wein durch seine Kehle rannen. Hellens und Maria waren von dem Portrait nicht begeistert. Er beschreibt seinen Eindruck in einer seiner besten Geschichten, Der Hellseher:

„… es war lebendig, lebhaft; ‚es sprach‘, wie manche Kenner sagen würden. Aber es hatte wirklich keine Ähnlichkeit. Es muss gesagt werden, dass der Maler nicht für einen einzigen Augenblick daran dachte, dem Gesicht, das er vor sich hatte, zu schmeicheln. Es war seltsam in die Länge gezogen; das Oval des Gesichts derart zu strecken hebt ohne Zweifel eine charaktervolle Schlankheit hervor, einen Charakter aber, der nicht dem meinen entspricht. Außerdem hatte er die Schultern völlig weggelassen, so dass das wenige, das auf dem Portrait vom Körper zu sehen ist, noch weiter zum Fehlen des Volumens beiträgt, wie es nicht von dem, der ihm saß, stammen konnte. Letztlich sind die wenigen Falten, die damals bereits mein Gesicht zierten, übertrieben dargestellt worden. Das Portrait atmet eine geistige und körperliche Erschöpfung, gerechtfertigt durch das schwierige Leben, das ich bis dahin gelebt hatte. Trotz allem war ich am meisten von diesem jugendlichen, sogar kindlichen Ausdruck beeindruckt, genauso unverhältnismäßig und paradox wie der Rest, der sich aus der absichtlichen Fragilität der Konstruktion ergibt. Da war auch noch etwas anderes, das ich allerdings nicht erklären konnte.“

Hellens war ein großer, knochiger Mann mit großen, redseligen Augen, der etwas an Jeremy Irons erinnert, die Ebenen seines Gesichts waren Hager. Jahre später fand Hellens, dass das Portrait seinem jüngsten Sohn Serge wie aus dem Gesicht geschnitten war, und das war die Grundlage seiner Erzählung aus der Sammlung von 1941, Nouvelles réalités fantastiques [Neue Fantastische Realitäten].

Franz Hellens ist neben Jean Ray und Thomas Owen einer der drei Namen der (un)heiligen Dreifaltigkeit der Belgischen Phantastik. Vervollständigt wird das Pantheon durch zwei Schriftsteller, die sich ihren Ruhm in anderen literarischen Gefilden erwarben, die aber jeweils einen beachtlichen Beitrag zum Genre lieferten: Der Symbolist und Dramatiker Michel de Ghelderode mit Sortilèges [Verwünschungen], und der Dichter Marcel Thiry mit Les nouvelles du grand possible [Größtmögliche Geschichten].

Im Gegensatz zu Ray und Owen führte Hellens das Phantastische weg vom Horror, hin in Richtung des Magischen Realismus. Seine frühen Arbeiten wurden als leuchtende Beispiele der „echten Phantastik“ gefeiert, und sie entschieden seine ästhetische Richtung: zunächst in der erzählenden Literatur, und später in seinem Leben durch Essays, in denen er, mit wenig Erfolg, versuchte, eine Theorie der Phantastik zu entwickeln. Die „echte Phantastik“ ist ein unsicheres Konzept und hat nicht zuletzt teilweise ihre klassischen Momente verloren. Sie kann sich noch nach einer klassischen phantastischen Erzählung anhören, die den Rahmen einer Realität nimmt, in die dann das Unerklärliche hereinbricht und somit Verunsicherung auslöst. Für Hellens aber war die Phantastik ein spezifischeres Konzept, eine „ungewöhnlich Brechung alltäglicher Realität“, die Realität wurde desorientiert und verschoben zurückgelassen. Statt eines weit hergeholten Ansatzes ging es ihm darum, die Realität bis an die Grenzen des Bekannten und Glaubhaften zu treiben, um die „Erweiterung der Realität bis hin zum noch Vorstellbaren.“

Zu dieser Zeit waren Träume und Vorstellungskraft der neueste psychologisch Stand innerer Grenzen. Hellens Streben nach einer „inneren Phantastik“, die das „Ergebnis einer lyrischen Seele … essentielle Poesie“ sein sollte, zeichnete den Kult des Ästhetischen der Surrealisten bereits vor, ihre Erkundung des Geheimnisvollen, Verborgenen, und ihre Verehrung für die befreienden Kraft der Fantasie. Er bevorzugte sanftere Emotionen als den Schrecken, bevorzugte das Eindringliche gegenüber dem Eingedrungenen, und auf diese Weise bereitete er den Weg für spätere Autoren, die das Phantastische dazu nutzten, vergessenen Reichen nachzutrauern, wie Georges-Olivier Châteaureynaud und André Hardellet. Wenn der Tod durch Hellens fiktionale Landschaft streift, dann ist das weniger beängstigend als vielmehr „ein besserer Ort“, oder zumindest ein weit entfernter und ironischer Tod. Hellens ist am grundsätzlichen Charakter des Unheimlichen, an seinem etymologischen Sinn interessiert: an den Wendungen und Launen des Schicksals.

Wenn man Hellens heute liest, dann blickt man in eine sehr frühe Phase des Genres. Seine Themen sind ziemlich klassisch: Doppelgänger, Wiedergeburt, das verfluchte Objekt, Gedankenlesen, Totenbeschwörung. Wenn phantastische Erzählungen zu Beginn die Musen anrufen, dann ist es immer eine Sache des Glaubens, und wie in Geschichten aus alter Zeit, scheut sich Hellens nicht, die seinen mit ermahnenden Sätzen zu beginnen:

„Es gibt Zeiten im Leben eines Menschen oder einer Nation, in denen das Wundersame – oder das Außergewöhnliche, wenn Sie so wollen – für eine Weile zum Gesetz wird, das erstaunlicherweise auch die meisten empirisch Denkenden annehmen.“ „

„Wir finden im einfachsten und gewöhnlichsten Leben eines Menschen, wenn wir diesen beobachten wollten, von einem Augenblick zum anderen, sehr außergewöhnliche Umstände vor, wo seine Sinne überfordert sind und sein Bewusstsein eine befremdliche Richtungsänderung erfährt, sich in unentwirrbaren Fantasien verliert.“

1964 gewann Hellens den Grand Prix for French Literature für nichtfranzösische Schriftsteller. In einem Interview von 1971 sagte kein geringerer als Vladimir Nabokov, der bekannt war für seine ausgeprägten Meinungen (und der Robbe-Grillet für den besten Schriftsteller seiner Zeit hielt):

„Es ist eine Schande, dass Franz Hellens weniger gelesen wird als der grauenhafte Monsieur Camus und der sogar noch schrecklichere Sartre.“

Jim Butcher: Harry Dresden 7: Erlkönig

In einer der coolsten Szenen aller bisherigen Bände animiert Harry das Skelett eines Dinosauriers, auf dem er schließlich zum Showdown reitet. Wer das für Kitsch hält, hat die große und faszinierende Welt des Harry Dresden nicht wirklich verstanden oder ist vielleicht des Genusses großartiger Abenteuer unfähig.

Am Anfang dieses Buches kämpft Harry kraftlos und verkrüppelt mit den Nachwirkungen, die seine Begegnung mit Mavra, der Vampirin des Schwarzen Hofes, bei ihm hinterließen. Und jetzt ist Mavra zurück und dürstet nach Rache. Außerdem lebt der Inkubus Thomas, der sich als Harry Halbbruder offenbarte, bei ihm im Exil, nachdem er von der Raith-Familie verstoßen wurde, und richtet ein regelrechtes Chaos an. Aufgrund seiner Natur als Vampir des Weißen Hofes unfähig, irgendeinen Job zu behalten, weil sich ihm Frauen reihenweise an den Hals werfen, kommt es auch gleich zu Spannungen. Doch das sind alltägliche Probleme. Schwierig wird es, als Mavra Harry erpresst.

Er erhält ein Paket mit Bildern von Murphy in einer komprimitierenden Situation und außerdem eine Haarlocke von ihr, mit der Mavra sie unter ihren Bann zwingen könnte. Bei einem Treffen an seinem Grab teilt sie ihm mit, was sie von ihm will: Kemmlers Wort (was auch immer das ist). Sollte er es nicht finden oder gar nicht erst suchen, bringt sie die Sache mit Murphy zu Ende. Wieder einmal hat Harry keine andere Wahl, was in seinem Leben nicht gerade selten vorkommt. “Jim Butcher: Harry Dresden 7: Erlkönig” weiterlesen

Tod & Horror

https://phantastikon.de/der-vampir-im-laufe-der-geschichte/Wir lernen den Tod.

Wir werden durch Symbole, Rituale, Religionen, Sprache und Kunst gelehrt. Unsere gesellschaftliche Sicht der Sterblichkeit verschiebt sich immer dann, wenn sich in unserer Kultur Veränderungen vollziehen. Zum größten Teil, zumindest in der westlichen Gesellschaft, fürchten wir den Tod und versuchen ihn irgendwie zu besiegen, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Die Notwendigkeit, den Tod zu besiegen, war stets ein Hauptimpuls der Menschheit. Vielleicht versuchen wir, Unsterblichkeit über die biologische Schiene zu erreichen, indem wir durch unsere Elternschaft versuchen, eine genetische Kontinuität zu erlangen. Ein anderer Weg, auf dem Menschen versucht haben, den Tod zu besiegen, ist durch Kreativität und Erfindungsgabe. Indem wir etwas machen, das über unsere Lebenszeit hinausgeht, versuchen wir die Unsterblichkeit zu finden. Dramatische oder bildende Kunst, Musik, Literatur, Gedanken; neue Wege, der Menschheit zu dienen, ermöglichen dem Schöpfer ein gewisses Maß an Leben jenseits des Grabes.

Wir suchen auch irgendeine Form des ewigen Lebens durch die Religion zu erreichen: eine Wiedergeburt, eine Auferstehung, eine Metamorphose, eine Art von Leben nach dem Tod. Religion in der Vergangenheit bot Trost, aber sie erzeugte auch Ängste, die zu gesellschaftlichen Kontrollen wurden. Lebe ich ein gutes Leben? Werde ich zur Hölle verdammt? Steht mir nach dem Tod ein Urteil bevor? Die Schaffung von Werten und Moral war ein Ergebnis dieser Annahme, dass ein Leben jenseits der Gegenwart irgendwie von den Handlungen oder Überzeugungen im eigenen Leben abhing.

Der Respekt, den wir den Toten entgegenbringen, ist ein anderer Weg, die Sterblichkeit zu besiegen. Die ersten nachweisbaren Zeichen der Zivilisation und der Anerkennung des Lebenszyklus waren die Art und Weise, wie WIR unsere Toten bestatteten. In der Tat basiert das, was wir heute über die Vergangenheit wissen, in der Regel auf Grabbeigaben und Artefakten, die mit den Toten bestattet wurden.

Friedhof bedeutet “Schlafplatz”. Denkmäler und Grabsteine ​​sind ebenfalls eine Möglichkeit, das Vergessen zu vermeiden. Die einfachen Grabsteine ​​und das Vorherrschen des Schädelsymbols in den frühen puritanischen Grabmälern spiegelten das Beharren des Puritaners wieder, dass die “Endzeit” nahe war und zeigten die Verachtung für eine garantiert temporäre Welt.

Im neunzehnten Jahrhundert wich die grimmige theologische Konzentration auf eine zum Untergang verurteilte Welt mit wenig Aussicht auf den Himmel schließlich einer weniger pessimistischen Form des Christentums. Es wurde Hoffnung auf ein besseres Leben in einem jenseitigen “gelobten Land” angeboten, wo man mit denjenigen wieder vereint werden konnte, die man vorher verloren hatte. Auch kam es zu einem soziologischen Wandel durch die neuen Wissenschaften der Psychiatrie und Psychologie und sogar der Kriminologie, so dass man glaubte, dass die Menschen reformiert oder zum Besseren verändert werden könnten. Auf Friedhöfen wurde dieser neue Optimismus durch süße, geflügelte Putten, tröstende Engeln, verzierte Gräber und den milden Grabinschriften jenes Jahrhunderts widergespiegelt. Der Tod selbst schien durch das Versprechen eines Lebens jenseits des Grabes weniger abschreckend zu sein.

Unsere modernen parkähnlichen Friedhöfe nehmen hier ihren Anfang als angenehme Orte innerhalb der städtischen Grenzen für die Lebenden, die so unter den Toten spazieren können, um über ein mögliches Wiedersehen nachzudenken. Tod und Trauer wurden im neunzehnten Jahrhundert häufig etwas romantisiert. In einer Zeit, als die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch war, konnte dies ein beruhigender Gedanke sein.

Die Totenacker waren nicht länger an einen privaten ländlichen Familienfriedhof oder an das heilige Gelände der Kirche gebunden. Jede Person konnte an diesem neuen Ort der Ruhe begraben werden. Wenn sie wollten, konnten sie mit ihren Nachbarn oder Feuerwehrleuten oder Veteranen oder solchen, die die gleiche ethnische Herkunft hatten, begraben werden. Wenn man an das Leben nach dem Tod glaubte, konnte man sich auf einen Tag konzentrieren, an dem Gläubige aus dem Grab gerufen wurden. Der Gedanke war tröstlich, zu denken, man würde eines Tages selbst aus dem Grab gerufen. Die Religion war immer noch einflussreich, aber die städtischen gesellschaftlichen Bindungen koexistierten mit ihr. Ein weiterer ganz praktischer Einfluss war der erhöhte Platzbedarf durch verschiedene Krankheiten, die in nur kurzer Zeit Tausende auslöschten. Anfangs waren diese “Friedens-Höfe” vollgestopft mit gotischem Marmor und sogar kleinen Mausoleen. Aber schließlich ersetzten die schlichten einheitlichen Grabsteine ​​der Moderne das Individuelle und Dekorative. Sie spiegeln unsere gegenwärtige Betonung der Rationalität und unsere bürokratische Zeit wider.

Heute hat die Religion kein Monopol mehr auf den Tod – Gesetz und Medizin haben das übernommen. Durch Gesetzestexte können die Toten durch Vermächtnisse und Testamente unnatürliche Macht über die Lebenden ausüben. Der Tod ist kein natürlicher Teil des Lebens mehr. Unser Leben wurde erweitert und verlängert. Wir sterben nicht mehr zu Hause bei Verwandten, sondern in Institutionen, in die uns die moderne Wissenschaft versetzt hat. Wir fürchten den verlangsamten Akt des Sterbens in diesen Tagen vielleicht mehr als den Tod selbst. Jetzt sind es die Alten, die annehmbar und unter wenig Kummer sterben, und der Tod wird nicht mehr als nützlich erachtet. Einst kam der Tod vor allem über die Jungen und die Schwachen; jetzt ist es das junge, unerfüllte Leben, das man, wenn es verkürzt wird, betrauert.

Im Horror haben wir uns immer schon mit den Toten und mit dem negativen emotionalen Terror der Unsterblichkeit beschäftigt. Die meisten unserer Archetypen sind symbolische Darstellungen des Lebens jenseits der Realität und jenseits eines tröstlichen Lebens nach dem Tod. Gespenster sind hier meist die gestörten Geister der Toten; Zombies sind die lebenden Toten; Vampire sind ein Triumph der Unsterblichkeit – und auch ihr Fluch. Unsere Monster – wahre, verwandelte und menschliche – sind erschreckend, weil sie den vorzeitigen Tod bringen. Wir personifizieren das, was uns am Tod ängstigt: dass das nächste Leben schrecklicher sein könnte als das gegenwärtige; dass die Toten uns als Beute betrachten und dass all unsere Religion und Vernunft dies nicht verhindern kann; dass es böse Mächte gibt, die den Tod benutzen, einen Tod, der gewalttätig und unnatürlich ist; selbst wenn wir unsterblich sein sollten, werden wir ewig Leiden.

In den Vereinigten Staaten sind wir fasziniert von einem gewaltsamen, gefährlichen Tod, ja, vom Tod selbst – genau wie wir von der Erotik fasziniert sind. Das erwächst aus der Zurückhaltung in unserer Kultur, sich öffentlich mit diesen Themen zu befassen. Das, was wir leugnen, ist immer verführerisch. Es wurde beobachtet, dass, wenn Sex von den Gefühlen, der Liebe und der Zuneigung getrennt wird, pornografisch und daher reizvoll wird, es sich ebenso mit dem Tod verhält: auch er wird dadurch pornografisch, wenn er sich von der natürlichen Emotion der Trauer getrennt zeigt. Vielleicht ist es die angloamerikanische Prüderie gegenüber Sex und Tod, die den Horror in der Kultur so populär macht.

Wir behandeln diese Themen im modernen Horror ständig. Wir verführen den Leser und Betrachter dazu, Angst zu haben, indem wir ihn dazu nötigen, darüber nachzudenken, welche Annehmlichkeiten wir doch gefunden haben, um mit dem Tod fertig zu werden.