Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell

Susanna Clarkes Debütroman Jonathan Strange & Mr. Norrell eroberte im Jahr 2004 mit starker Unterstützung eines selbstbewussten Verlegers die Genrewelt im Sturm und verdrehte sogar einigen Mainstream-Literaten den Kopf. Teils historische Fantasy, teils alternative Geschichte, ein bisschen Schwert und Zauberei mit einem Hauch von Gothic, gewann der Roman mehrere Preise und wurde in seinen ersten Jahren seines Erscheinens mehrfach neuaufgelegt. Bücher von derart gereifter Imagination und mit kulturell relevanten Aussagen innerhalb eines großen historischen Umfangs, geschrieben in einer stilvollen Prosa, gibt es nicht oft zu bestaunen. Es ist die Geschichte der Wiedergeburt der Magie in Großbritannien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und sie kehrt nicht in der Form zurück, wie man das hätte erwarten können.

Zu Beginn von Jonathan Strange & Mr. Norrell wird Magie in Großbritannien für tot gehalten – dabei ist es eine Facette der Geschichte, dass nur der legendäre Rabenkönig sie praktizieren kann, und selbst er wird gemeinhin als eine Erscheinung, Alpträumen entsprungen, angesehen. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass ein respektabler Herr (Norrell), sich seit Jahren zurückgezogen hält und magische Bücher hortet. Tatsächlich ist er der einzige bekannte praktizierende Magier (im Gegensatz zur Horde der “theoretischen Magier”, die ewig diskutieren, aber ihre Ideen nie anwenden), er wird nach London geladen und der High Society als Retter der Magie vorgestellt.

Während er in der britischen Hauptstadt praktische Magie unterrichtet, wird Norrell einem dynamischen jungen Herrn namens Jonathan Strange vorgestellt. Heißblütig und voller radikaler Ideen, wie Magie angewendet werden könnte, wird schnell eine Grenze zwischen Lehrling und Mentor gezogen. Herr Norrell ist weitaus zurückhaltender und schweigsamer, die Dynamik der Beziehung zwischen den beiden treibt die Geschichte in immer tiefere Implikationen kultureller Gepflogenheiten und historischer Relevanz.

Aber das Buch besitzt zusätzliche Schichten, von denen zwei erwähnenswert sind. Während Norrell sich in London bei den Reichen und Mächtigen beliebt macht, schließt er einen Pakt mit einem Elfen, dem Gentleman mit dem Haar wie Distelwolle, um eine wichtige Persönlichkeit namens Lord Pole zu unterstützen. Poles Verlobte von den Toten auferstehen zu lassen, hat seinen Preis: Das halbe Leben der Frau muss in der Finsternis des Märchenlandes verbracht werden und sie dort endlos bis in die Nacht tanzen. Diese Frau, Emma Pole, und ein schwarzer Diener, den sie eines Abends trifft, Stephen Black, fügen sich nahtlos in das Leben der beiden Magier, der Elfen und der Herren und Adligen von London ein. Noch wichtiger ist, dass ihre gesellschaftliche Relevanz im Laufe der Geschichte immer mehr an Bedeutung gewinnt, was in Clarkes Aussagen zu Themen gipfelt, die ihren eigenen Positionen innewohnen.

Clarkes Kommentare sind brillant subtil, die Positionen der verschiedenen Charaktere finden sich am Ende des Romans sowohl als eine vernichtende und aufmunternde Stimme der britischen Kultur. Keine leichte Aufgabe, die Autorin schließt die eine Hand zu einer Faust und richtet sie auf die “stickigen” und “imperialen” Aspekte der traditionellen “Avalon-Weltanschauung”. Die andere Hand streckt sie aus, indem sie Charaktere wie Emma Pole, Stephen Black und andere in ein neues Licht hebt – ein Licht, das hell auf ihre Zukunft scheint, aber auch andere wichtige Charaktere in den Schatten wirft. Der Reichtum dieser Symbolik ist nur ein weiterer Grund für die Größe des Romans.

Clarke füttert die Erzählung mit subtil substantiellen Bögen und bedient sich eines Tons, den man von Charles Dickens kennt (wenn auch gelegentlich augenzwinkernd und ironisch). Ihre Prosa – wie auch ihre beiden Hauptfiguren – sind ein wunderbares Beispiel für zurückhaltende Dynamik. Ihre Beschreibungen sitzen am rechten Fleck. Der düstere Äther des Märchenlandes, die heimgesuchten Wälder in ihrer Merkwürdigkeit und Schwärze und Black, die Machenschaften des Gentleman mit dem Haar wie Distelwolle, die magischen Seltsamkeiten in Spanien und das dunkle Land, in dem einige der Charaktere gefangen werden, sind eine Freude für jeden Phantasten.

Allerdings ist Jonathan Strange & Mr. Norrell kein Buch für jeden Genre-Fan. Die übernatürlichen Elemente sind mehr thematisch als funktional angelegt. Diejenigen, die sich dem Buch nähern und einen Fantasy-Roman mit Zauberern und Zaubersprüchen erwarten, werden völlig enttäuscht sein. Diejenigen jedoch, die sich in der Dämmerung, der Zartheit der Elfen, den Stimmungen eines gestörten Egos und der anspielungsreichen Kultur erfreuen, werden in Clarkes Debüt alles finden, was sie lieben. Stilistisch klar, phantasievoll, tief und gesellschaftlich relevant, erreichen nur wenige Werke der modernen Phantastik diesen Grad an literarischer Qualität.

Die Phantome des Franz Hellens

Von Franz Hellens ist heute kaum noch mehr als dieses traurige Gemälde zu finden, das Modigliani gemalt hat, der als Künstler bekannter ist als sein Modell. 1881 in Brüssel geboren, und für den Dienst an der Waffe für untauglich befunden, ließ er den ersten Weltkrieg in Nizza vorbeiziehen, wo er auch Modigliani begegnete, und seiner zukünftigen Frau Maria Marcovna. In einem späteren Buch voller Aufsätze und Erinnerungen mit dem Titel Geheime Dokumente, erzählt Hellens, wie Modiglini das Portrait in ein paar wenigen Stunden aufs Papier geschleudert hatte, während, unterbrochen von gelegentlichen Spaziergängen an der frischen Luft, drei Liter Wein durch seine Kehle rannen. Hellens und Maria waren von dem Portrait nicht begeistert. Er beschreibt seinen Eindruck in einer seiner besten Geschichten, Der Hellseher:

„… es war lebendig, lebhaft; ‚es sprach‘, wie manche Kenner sagen würden. Aber es hatte wirklich keine Ähnlichkeit. Es muss gesagt werden, dass der Maler nicht für einen einzigen Augenblick daran dachte, dem Gesicht, das er vor sich hatte, zu schmeicheln. Es war seltsam in die Länge gezogen; das Oval des Gesichts derart zu strecken hebt ohne Zweifel eine charaktervolle Schlankheit hervor, einen Charakter aber, der nicht dem meinen entspricht. Außerdem hatte er die Schultern völlig weggelassen, so dass das wenige, das auf dem Portrait vom Körper zu sehen ist, noch weiter zum Fehlen des Volumens beiträgt, wie es nicht von dem, der ihm saß, stammen konnte. Letztlich sind die wenigen Falten, die damals bereits mein Gesicht zierten, übertrieben dargestellt worden. Das Portrait atmet eine geistige und körperliche Erschöpfung, gerechtfertigt durch das schwierige Leben, das ich bis dahin gelebt hatte. Trotz allem war ich am meisten von diesem jugendlichen, sogar kindlichen Ausdruck beeindruckt, genauso unverhältnismäßig und paradox wie der Rest, der sich aus der absichtlichen Fragilität der Konstruktion ergibt. Da war auch noch etwas anderes, das ich allerdings nicht erklären konnte.“

Hellens war ein großer, knochiger Mann mit großen, redseligen Augen, der etwas an Jeremy Irons erinnert, die Ebenen seines Gesichts waren Hager. Jahre später fand Hellens, dass das Portrait seinem jüngsten Sohn Serge wie aus dem Gesicht geschnitten war, und das war die Grundlage seiner Erzählung aus der Sammlung von 1941, Nouvelles réalités fantastiques [Neue Fantastische Realitäten].

Franz Hellens ist neben Jean Ray und Thomas Owen einer der drei Namen der (un)heiligen Dreifaltigkeit der Belgischen Phantastik. Vervollständigt wird das Pantheon durch zwei Schriftsteller, die sich ihren Ruhm in anderen literarischen Gefilden erwarben, die aber jeweils einen beachtlichen Beitrag zum Genre lieferten: Der Symbolist und Dramatiker Michel de Ghelderode mit Sortilèges [Verwünschungen], und der Dichter Marcel Thiry mit Les nouvelles du grand possible [Größtmögliche Geschichten].

Im Gegensatz zu Ray und Owen führte Hellens das Phantastische weg vom Horror, hin in Richtung des Magischen Realismus. Seine frühen Arbeiten wurden als leuchtende Beispiele der „echten Phantastik“ gefeiert, und sie entschieden seine ästhetische Richtung: zunächst in der erzählenden Literatur, und später in seinem Leben durch Essays, in denen er, mit wenig Erfolg, versuchte, eine Theorie der Phantastik zu entwickeln. Die „echte Phantastik“ ist ein unsicheres Konzept und hat nicht zuletzt teilweise ihre klassischen Momente verloren. Sie kann sich noch nach einer klassischen phantastischen Erzählung anhören, die den Rahmen einer Realität nimmt, in die dann das Unerklärliche hereinbricht und somit Verunsicherung auslöst. Für Hellens aber war die Phantastik ein spezifischeres Konzept, eine „ungewöhnlich Brechung alltäglicher Realität“, die Realität wurde desorientiert und verschoben zurückgelassen. Statt eines weit hergeholten Ansatzes ging es ihm darum, die Realität bis an die Grenzen des Bekannten und Glaubhaften zu treiben, um die „Erweiterung der Realität bis hin zum noch Vorstellbaren.“

Zu dieser Zeit waren Träume und Vorstellungskraft der neueste psychologisch Stand innerer Grenzen. Hellens Streben nach einer „inneren Phantastik“, die das „Ergebnis einer lyrischen Seele … essentielle Poesie“ sein sollte, zeichnete den Kult des Ästhetischen der Surrealisten bereits vor, ihre Erkundung des Geheimnisvollen, Verborgenen, und ihre Verehrung für die befreienden Kraft der Fantasie. Er bevorzugte sanftere Emotionen als den Schrecken, bevorzugte das Eindringliche gegenüber dem Eingedrungenen, und auf diese Weise bereitete er den Weg für spätere Autoren, die das Phantastische dazu nutzten, vergessenen Reichen nachzutrauern, wie Georges-Olivier Châteaureynaud und André Hardellet. Wenn der Tod durch Hellens fiktionale Landschaft streift, dann ist das weniger beängstigend als vielmehr „ein besserer Ort“, oder zumindest ein weit entfernter und ironischer Tod. Hellens ist am grundsätzlichen Charakter des Unheimlichen, an seinem etymologischen Sinn interessiert: an den Wendungen und Launen des Schicksals.

Wenn man Hellens heute liest, dann blickt man in eine sehr frühe Phase des Genres. Seine Themen sind ziemlich klassisch: Doppelgänger, Wiedergeburt, das verfluchte Objekt, Gedankenlesen, Totenbeschwörung. Wenn phantastische Erzählungen zu Beginn die Musen anrufen, dann ist es immer eine Sache des Glaubens, und wie in Geschichten aus alter Zeit, scheut sich Hellens nicht, die seinen mit ermahnenden Sätzen zu beginnen:

„Es gibt Zeiten im Leben eines Menschen oder einer Nation, in denen das Wundersame – oder das Außergewöhnliche, wenn Sie so wollen – für eine Weile zum Gesetz wird, das erstaunlicherweise auch die meisten empirisch Denkenden annehmen.“ „

„Wir finden im einfachsten und gewöhnlichsten Leben eines Menschen, wenn wir diesen beobachten wollten, von einem Augenblick zum anderen, sehr außergewöhnliche Umstände vor, wo seine Sinne überfordert sind und sein Bewusstsein eine befremdliche Richtungsänderung erfährt, sich in unentwirrbaren Fantasien verliert.“

1964 gewann Hellens den Grand Prix for French Literature für nichtfranzösische Schriftsteller. In einem Interview von 1971 sagte kein geringerer als Vladimir Nabokov, der bekannt war für seine ausgeprägten Meinungen (und der Robbe-Grillet für den besten Schriftsteller seiner Zeit hielt):

„Es ist eine Schande, dass Franz Hellens weniger gelesen wird als der grauenhafte Monsieur Camus und der sogar noch schrecklichere Sartre.“