Erstes surreales Märchen (als Dialog)

M: Würdest du von goldnem Mottenstaub mich umringt wissen – wie wäre dann dein Vorschlag, unter rettende Trauben zu eilen? Oh, und start müsste es außerdem sein.

A: Du würdest nicht wissen, wie dir geschieht! Es wär’ dir, als bekämst du die Motten.

M: Die mir, wie gehabt, unter den Biberpelz fahren, um die Kissen zu kitzeln, die ich einst unter meiner Haut versteckte? Aber kannst du mir nichts Bessres raten, als tatenlos die Falle zuschnappen zu lassen?

A: Nein, von solchen Motten kann die Rede nicht sein! Ich sag dir, wenn ich’s täte, du schnapptest nach mir, schnapptest mit den Händen hier und dort, schnapptest als wolltest du sie, die Motten, fangen, die dich streifen mit wimpernem Aug’, hie und da, hie und da dich kitzeln, denn du sähest mich nicht. Doch ich nähme von dir das goldene Puder und knetete draus dir zwei Schuh, die dich windgeschwind ins Tal der Zwölfmittagsuhr bringen, zu den Wölflingswiesen und Käfermarien. Dort, wo der Schleierbaum steht. Denn nur unter diesem kann ich dir erscheinen.

M: Dann ist Windeseile geboten, das Mopezoid aus dem Kerker zu holen und mit ihm – fusch – hinweg gerast, durchs Tal der drei Glocken (wo man einst eine Jungfrau hat Jungfrau sein lassen, bis sie dann als Jungfer starb), über die Hügel der glorreichen Witzschänke (die heute keinen Wirt mehr findet, des maroden Kellers wegen), und hin zum Schleierbaum, den ich mit dir zusammen doch in meiner Kindheit ersann (als ich noch nicht der Körper war, sondern nur ein Raunen unter Liebesfenstern.). Du wartest, ja?

A: Ja hört’s denn nicht zu?! Was will es faul die Räder mühen, der Stadt eine Küss-meinen-Staub-Wolke zu hinterlassen. Nein, der Staub muss zu Teig, der Teig zu deinen Schuhen werden, die dich zu mir bringen. Von meiner Hand zu deinen Füßen. Denn ohne das, bleibt Staub nur immer Staub. Und sei er noch so golden. Es vermengt sich nichts.

M: Aber ich hatte doch nur geschwinde Winde im Sinn. Da muss ich gleich gestehen, wie mir die Sockpocken erst jüngst kuriert wurden, so dass ich vielleicht ignoriert habe, was da Gutes unter mich zu bringen sei. Aber ich will es noch einmal versuchen: trompete die Füße an und bewedel’ sie dann mit Eukalyptuslikör. Und dann eile ich. Per pedes, versteht sich, so nämlich, wie mir geheißen! Ja.

Lacus mortis

Die Stunde vierteilt sich, der Mann mit der Axt, nackter Teint, die Warzen : übergroß das Instrument, der Richter.

Nicht in den Mantelsack der Nymphen fällt der Kopf, nicht aus dem Blute entspringt der Pegasus, der dünne Ölfilm einer Pfütze wirft das Bildnis einer Laterne zurück, immer wieder die Axt, auch die Laterne.

Er hatte keinen Schlüssel, er klingelte, er klopfte; doch der Torso öffnete nicht.

Wie der Traum die Eingeweide des Tages verwurstet (so sagt man, aber das ist natürlich nicht wahr).

Die Tische haben ihre eigene Unterhaltung, er betrachtet die Stuckverzierungen an der Wand, den orientalischen Teppich in der Mitte, die gedämpften Stimmen begleiten einen immer leiser werdenden Rhythmus, nichts darf sich bewegen, das Ocker der Wände. Das Höhlengleichnis spielt sich ab in diesem Raum, die Figuren, die Schatten spielen ein Theater der Formen, entwickeln Rebusse, versuchen, formloses Dasein zu beschreiben und die Welt als eine Litanei der Schatten wiederzugeben. Gesichter werden mit dem beschmiert, was an die Wand zu malen nicht möglich ist.

Er stürzt in die Dunkelheit mit einem Gefühl des Schwindels, der Schatten, die Nacht von lunarer Schönheit, das Gesicht hinter dem Schleier, geschlossene Augen voller absurder Schönheit, goldener Regen läuft durch eine Rinne (er) löst sich aus dem Brei des Anzugs; da müßte der Kopf noch liegen, der abgeräumte Lampenschirm (den seine Eltern schon in zweiter Ware erworben) mit dem teuren Purpur an der Borte, müßte die Enthauptete (oder die Gespaltene) wie ein Kleid, gefüllt mit Runkelrüben, über der Bettkante hängen, die Hände nach außen gestülpt, das Blut ein Sicker, kein Quell mehr, der sich durch die luftige Wiese formt, dann wieder eine quarkige Stille, dann wieder eine Zusammenkunft geringer Leute auf freiem Feld.

Gefällt dir nicht, das Bild, was?

Die zersplitterte Tür, vor allem die Spreißel zur Divination, oder wie man bei den Pfadfindern sagt : den Zunder.

Aber die Bettdecke hebt und senkt sich und er will sie fragen, warum sie sich hebt und senkt, ob das denn atmen sein, ob das denn (wieder) einmal nur geträumt.

Aber da liegt das Buch wie ein Hüttendach ohne Hütte, in das er seine vielen Namen schreibt (wie alle Suchenden ist er auf jedem Weg ein anderer).

Chimären (Poetik zur Quantenpoesie)

Neben meinen phantastisch-surrealen Kurzgeschichten, die sich nicht begrenzen und abgrenzen lassen, arbeite ich seit geraumer Zeit an einer Sammlung Chimären, die man der Flash Fiction oder den Microrrelatos zuordnen kann. Dennoch gibt es Unterschiede, die oft in der Sprachgestaltung selbst begründet sind. Oft genug versuche ich, die Regelpoetik zugunsten einer Tiefensprache auszusetzen. Oft genug geht es dabei um Komposition, Rhythmus und Bruch der Konsensrealität. Dass sie in den Labyrinthen der Sandsteinburg auftauchen, macht sie an dieser Stelle zu Streukapiteln.

Quantenpoesie

Nichts entsteht im luftleeren Raum. Meine Ästhetik, völlig auf sich bezogen, steht in der Tradition – und all ihren Brüchen – der romantisch-symbolisch-surrealen Schule des Pfades zur linken Hand (Left Hand Path). Es handelt sich um eine Literatur der Wahrnehmung und meint somit Ästhetik in ihrer Reinform. So also ist meine Prosa keine Prosa, sondern Textur, denn nichts anderes sind wir überhaupt imstande wahrzunehmen. Das hört sich zunächst an, als gäbe es, wie die Vertreter des Nouveau Roman behaupteten, nur Oberfläche. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es überhaupt nirgends eine Oberfläche gibt. Das Erscheinende ist interpolierter Bestandteil unseres Wahrnehmungsapparates. Die Textur, die an die Form eines Leistungsdichtespektrums erinnert, wird in der menschlichen Expression meist zu Text oder Musik oder Bild. Ähnlich aber wie ein Atomkern nicht dargestellt werden kann indem man ihn fixiert, kann eine Szene (Sequenz) nicht dargestellt werden, ohne Partei zu ergreifen für das, was sich in Gattungen widerspiegelt. Die Textur ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist „Ablauf“. Und auch die Quantenpoesie ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist Regelpoetik. Aber hat nicht bereits die “Movens” – Gruppe auf den “Nur-Text” hingewiesen? Gewiss. Aber ähnlich wie der Kahlschlag aus Gründen einer Reduktion auf angeblich Wesentliches. Textur jedoch ist das Gegenteil von Reduktion; man könnte sagen, Textur ist alles – und das schließt das Unbekannte mit ein. “Bekannt” nämlich kann uns nichts sein, was sich nicht in unserem Takte bewegt (in Relation zu absoluter Bewegung). Textur bewegt sich absolut. Unsere Wahrnehmung wäre demnach der Takt, mit dem wir dieser Textur etwas für den Augenblick entnehmen. Das ist Quantenpoesie.

Wissenschaft und Philosophie; neben der Poesie sind sie die beiden anderen “großen Fiktionen”. Sobald man sich daran gemacht hat, ungelöste Fragen zu beantworten, zerstört man das axiomatische Fundament. Die Quantenpoesie fragt nicht, klärt nicht (außer in ihrer immanenten Rhetorik), weil sie schon allein Seelensprache ist, also die Ursprache, die weder Gattungen noch Konventionen kennt.

Ein Kleid spricht, ein Haus fährt nach Amerika.

Das absolute Buch

Mallarmé, der uns eine völlig neue Dichtung brachte, träumte von einem absoluten Buch, das er nie schrieb. Vielleicht aber war der Charakter des Werkes, zu dem er uns hunderte von Zetteln und Motiven hinterließ, das Scheitern. Einerseits das Scheitern am Schweigen, denn er erzählt uns, wie das Buch beschaffen sein sollte: aus losen Blättern, die bei jeder Lektüre so angeordnet werden sollten, dass sich immer ein anderer Text ergibt. Er erzählt uns von seinen Zweifeln; Fragmenten. Er hinterlässt uns Satzfetzen – das Buch aber schreibt er nicht. Er kann es nicht, denn er scheiterte nicht nur am Schweigen sondern ebenfalls am Werk, das er mit dem der Alchemisten vergleicht. Dem Dichter kann es immer nur um den Prozess gehen. Das Ergebnis ist völlig belanglos. Genau dieser Prozess aber, der ein Ergebnis außer Acht lässt, schneidet den Poeten von der Welt ab.

Wie sie einst im “Grenier” miteinander diskutierten, meinte Zola zu Mallarmé, dass in seinen Augen ein Dreck und ein Diamant gleichviel wert seien. — “Kann sein”, antwortete Mallarmé, “aber der Diamant ist — seltener.”

Degas ließ es sich nicht nehmen, Mallarmés Poesie zur Zielscheibe verschiedener boshafter Witze zu machen. So erzählte er zum Beispiel, wie Mallarmé seinen Jüngern einst ein Sonett vorgelesen habe, worauf diese in ihrer Bewunderung das Gehörte in Worte zu fassen versucht und es, jeder auf seine Weise, interpretiert hätten: die einen sahen darin einen Sonnenuntergang, die anderen den Triumph der Morgenröte; Mallarmé erklärte ihnen: “Aber ganz und gar nicht … es ist meine Kommode.”

Käte Hamburger hat in ihrer Logik der Dichtung den dankbaren Begriff des Epischen Präteritum geschaffen, der unter anderem einen Satz wie: Morgen war Weihnachten erklärt. In der Dichtung ist es freilich notwendig, einer anderen Grammatik zu folgen, weil auch diese bereits in der Fiktionalität existiert. Die Zeiten, die ja nur für unser Verständnis eines Ablaufs erfunden wurden, kaum aber etwas mit der Tropik zu tun haben, müssen sich in jedem Fall der Dichtung unterordnen. Ich benutze dieses Epische Präteritum kaum, befürworte im Gegenzug die radikale Lösung, alle Tempora der Tropik unterzuordnen, wie sie Harald Weinrich formulierte. Auch in der Prosa, die für mich im günstigsten Fall ein breitgewalztes Gedicht ist. Gedicht und Kurzgeschichte, um mit Poe zu sprechen, sind die eigentlichen Ausleger der Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind ja auch unverkennbar. Ziel ist die Stimmung, die Reflexion, die Musikalität.

Der Dichter

Lesen und schreiben sind ein und das gleiche. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, fundamental aber wurde sie bei Borges. Jeder Dichter ist inspiriert von seinem eigenen Leben und von den Beobachtungen, die er durch andere Autoren macht. Vornehmlich durch die toten. Denn jeder andere lebende Dichter ist ihm Ärgernis, abgemildert dadurch, dass der Betreffende vielleicht in einer anderen Sprache schreibt. Warum? Weil, wenn der Dichter schreibt, nur er schreibt. Diese Aussage ist selbstredend völlig vermessen, trifft aber auch auf den Leser zu (und damit ist ganz und gar nicht unser Marktleser gemeint).

Mit wem würden Sie das Buch, das Sie gerade lesen, im selben Augenblick, da Sie es lesen, teilen wollen?, fragte einst eine Journalistin auf einer Lesung. Einzig mit dem geliebten Menschen, wäre für die Fragende die richtige Antwort gewesen, aber der so Gefragte sagte nichts. Die Journalistin wiederholte ihre Frage, aber der Dichter sagte noch immer nichts, bis er in seine Manteltasche griff, ein Buch von Maurice Blanchot herauszog, und damit begann, die Seiten herauszureißen und sie sich in den Mund zu stopfen. Ich will nicht, dass Sie das lesen, wenn wir nachher miteinander im Bett liegen, sagte er dann; denn ich liebe Sie ja nicht. Und damit gab er die einzig mögliche Antwort also doch (abgesehen davon, dass er sich eine Ohrfeige einfing und später mit niemandem im Bett lag, das Buch also nicht hätte aufessen müssen).

Wer, wann, was, und warum, spielen hier keine Rolle, das wäre nur reiner Informationsfluss, folglich: völlig unbedeutend. Warum ist “mit dem geliebten Menschen” die richtige Antwort gewesen (wenn auch nicht die einzig mögliche)? Hier geht es nicht um romantische Beseeltheit, das steht fest. Das ganze Prozedere hat egoistische Gründe, denn auch die Liebe ist egoistisch, sie ist außerdem verschwörerisch, unduldsam, herrschsüchtig, sie ist ein Rausch des Exzesses. Und sie beruht auf Projektion. Wie die Literatur. Im besten Fall denkt man das, was man liest. Und man fühlt das, was man liebt. Fühlt man das, was man liest und denkt das, was man liebt, sind die Unterschiede kaum mehr auszumachen. Sie münden vielleicht in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk, das ist alles.

Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in “Märchen aus dem Phantasus” zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung “Volksmährchen” erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im “Phantasus” erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

Der blonde Eckbert

Wir lesen von einem kinderlosen Paar, das zurückgezogen im Harz lebt. Wir lesen vom Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha. Von Zweien, die nur gelegentlich Besuch von Walther erhalten, seinerseits ein Ritter, mit dem Eckbert eng befreundet ist. Eines Abends, als dieser wieder einmal in ihrem kleinen Schloss zu Gast ist, fordert Eckbert seine Frau auf, ihm die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Eckbert vermutet, es würde eine Freundschaft noch mehr festigen, lege man sich offen, enthülle man all seine Geheimnisse. Bertha folgt dieser Aufforderung und beginnt am Feuer des Kamins ihre Geschichte mit den Worten:

… haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Es folgt eine Binnenerzählung, die Schilderung von Berthas Jugend. Sie erzählt, wie sie ihren Eltern zu nichts nutze war, da sie über keinerlei Fertigkeiten verfügte, die ihrer bettelarmen Familie Geld ins Haus gebracht hätten. Wie ihr Vater, ein Hirte, sie dafür tadelte und bestrafte. Weshalb sie es eines Tages nicht mehr aushielt und im Alter von acht Jahren in die Welt floh, durch Wälder, felsige Landschaften und Dörfer, bis sie in einen Wald gelangte, in dem sie einer alten Frau mit Krückstock begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt, in der sie mit einem Hund und einem Vogel zusammenlebt. Die Alte unterweist sie im Führen des Haushalts, der Versorgung der Tiere und im Spinnen. Auch lehrt sie Bertha das Lesen. Zwar kommt sie Bertha immer wieder sonderbar vor, doch es geht ihr gut bei ihr. Und auch ihr wunderschöner Vogel ist ein seltener, da er Eier legen, in denen sich Perlen oder Edelsteine befinden, und ein Lied singen kann, das wie folgt lautet:

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Tag um Tag, Jahr um Jahr vergeht in dieser trauten Einsamkeit des kleinen Familienzirkels. Die Alte, die immer häufiger tagelang unterwegs ist, nennt sie mittlerweile Tochter oder Kind. Von der Fremde in den Büchern angestachelt, keimt in dem Mädchen der Wunsch, sich die Perlen und Edelsteine zu nehmen und in die Welt zu ziehen, obgleich sie sich glücklich unter diesem Dach vorfindet. Auch phantasiert sie von einem schönen Ritter, den sie sich als den ihren erträumt. Ihre Quasimutter warnte sie noch mit den Worten: “Du bist brav, mein Kind! … wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.” Doch es hilft nichts, Bertha bindet den Hund fest, nimmt sich ein paar der Edelsteine, wie auch den Käfig samt Vogel und verlässt, sechs Jahre später, das Haus. Sie irrt durch Wälder, lässt Berge hinter sich, leidet Hunger und reut, gelangt jedoch nach einiger Zeit in ihr altes Dorf. Freudig will sie ihren einstigen Eltern nun den Reichtum bringen, den sie erbeutet hat, jedoch wird ihr mitgeteilt, dass diese bereits gestorben sind. Traurig darüber kauft sie sich in einer Stadt ein kleines Haus mit Garten und eine Bedienstete. Mehr und mehr vergisst sie die Alte und auch der Name des Hundes, den sie so oft gerufen hatte, will ihr überhaupt nicht mehr einfallen. Als der Vogel jedoch eines Tages wieder anhebt zu singen, ist es das Lied von einst, allerdings verändert:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Bertha reut ihre Entscheidung, weggegangen zu sein, endgültig. Die Gegenwart des Vogels ängstigt sie nun, da er auch sein Köpfchen immer zu ihr dreht, und so drückt sie ihm kurzerhand die Kehle zu und begräbt ihn im Garten. Aber auch die Aufwärterin wird ihr nun verdächtig, sie fürchtet, sie könne sie irgendwann ausrauben und ermorden. Bertha heiratet einen Ritter, den sie schon einige Zeit kennt. Es ist Eckbert.

„Pool in the Woods“ von Jasper Francis Cropsey (1823-1900)

Walther bedankt sich für diese Geschichte und merkt an, dass er sich Bertha mit dem seltsamen Vogel gut vorstellen könne und wie sie den kleinen Strohmian füttert. Beide gehen zu Bett. Nur Eckbert geht in seinem Zimmer auf und ab, und fragt sich, ob sein Freund sie nun verachtet. Jede Handlung, jeder Ausdruck Walthers, der am nächsten Tag das Schloss verlässt, ist ihm von diesem Zeitpunkt an suspekt. Bertha, die seit der Nacht krank im Bett liegt, bestätigt ihren Mann in seinen Zweifeln, indem sie ihn darauf hinweist, dass Walther den Namen des Hundes wusste, der ihr längst nicht mehr einfiel. Woraufhin Eckbert, von seinem Wahn geplagt, seinem Freund einige Zeit später im Wald beim Sammeln von Moos begegnet und ihn mit einer Armbrust erschießt. Als er zum Schloss zurückkehrt, ist seine Frau bereits verstorben. Vor lauter Einsamkeit, die ihn erwartet, bereut Eckbert seine Tat und versucht sich durch Besuche von Festen ein wenig abzulenken. So lernt er den Ritter Hugo kennen, mit dem er bald eine enge Freundschaft pflegt, wie er sie auch mit Walther hatte. Wieder verspürt er das Gefühl, sich seinem Freund öffnen zu müssen. Und er tut es, obwohl ihm unwohl dabei ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, von Bertha und von Walther, und dass er ihn getötet hat. Hugo spricht ihm zu, doch Eckbert fühlt sich an Walther erinnert, erkennt von da ab auch in Hugos Verhalten das ablehnende und hämische seines ehemaligen Freundes. Wut und Entsetzen packen ihn, weshalb er flieht und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause findet. Halb wahnsinnig und von entsetzlichen Gedanken geplagt, die ihm das Rätsel der Geschehnisse nicht enthüllen, beschließt er zu Pferd eine Reise zu machen, um sich wieder ordnen zu können. Ziellos irrt er durch die Lande, findet sich in einem Gewinde von Felsen wieder, bis er endlich einen alten Bauern trifft, der ihm einen Weg hinaus zeigt. Und auch bei diesem bildet sich Eckbert ein, es könne Walther gewesen sein, da er seine Münzen, die er ihm zum Dank geben wollte, ausschlug. Durch Wiesen und Wälder reitet er sein Pferd zugrunde, setzt seinen Weg zu Fuß fort, bis er träumend einen Hügel hinaufsteigt, von dem aus er ein Bellen vernimmt, wie auch ein Säuseln der Birken. Ein Lied mit wunderlichen Tönen dringt an sein Ohr:

Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Eckbert glaubt sich nun endgültig wahnsinnig. Er weiß nicht ob er träumt oder wacht, kann das Rätsel nicht lösen. Gibt es Bertha überhaupt? Seine Erinnerungen sind keine zuverlässige Quelle mehr. Hustend schleicht die Alte mit ihrer Krücke dem Hügel entgegen. “Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?”, schreit sie Eckbert entgegen. “Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo.” Der Ritter erkennt seine entsetzliche Einsamkeit. Die alte Hexe fügt hinzu: “Und Bertha war deine Schwester. Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.” Eckbert liegt am Boden, ruft: “Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?” “Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe”, gibt sie ihm zur Antwort. Eckbert stirbt unter den Worten der Alten, dem Bellen des Hundes, während der Vogel sein Lied wiederholt.

Tieck, der Wald und die Waldeinsamkeit

Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Tieck, der als junger Mann noch unter den Fahnen der Aufklärung schrieb, versuchte bald, als Ergebnis eines inneren Aufbruchs, sein Werk unter dem Anspruch eines neuen hohen Ideals keimen und entstehen zu lassen. Und wie wir wissen, gelang es ihm. Von allen gelesen, beeinflusste er vehement das Denken und Schreiben, ganz allgemein die Kunst seiner Kollegen. Durch seine Bearbeitung der alten deutschen Volksbücher und -märchen (etwas, das den Aufklärern nicht im geringsten einfiel, da sie diese dem irrationalen Aberglauben zuordneten) versuchte er nicht nur Gedächtnisse von Jahrhunderten zu bewahren, sondern mehrte auch sein Wissen über die Lebensweisen der damaligen Zeiten. Mit Der blonde Eckbert präsentiert er typische Motive der Romantik. Die Sehnsucht, das Geheimnisvolle, der Abgrund und das Grauen sind allgegenwärtig in diesem Kunstmärchen. Der Wald, der in seinen Werken den wichtigstigsten Akteur stellt, dient ihm hier, wie auch in vielen anderen Märchen und Novellen, als subjektive Seelenlandschaft, die – anders in seiner Lyrik – häufig dunkel und dämonisch durchtränkt ist. Dennoch erfahren wir hier die Protagonisten des Waldes (die Bäume) auch als schwärmerische, säuselnde und verzaubernde. Und so ist der Wald bei Tieck nicht einfach dem städtischen Leben gegenüberzustellen, obgleich er doch, wie in dieser Geschichte, eine sehr eigene und individuelle Existenz nachzuzeichnen vermag. Was nicht verwundert, bedenkt man, dass Tieck selbst das Stadtleben sehr genossen hat, konnte er doch, vor allem in den Großstädten, mit Gleich- und Andersgesinnten über die Künste diskutieren. Pantheistisch und traumkonnotiert sind Tiecks Wälder. Denkt man bei Klopstock vor allem an Eichen, sind es hier die Birken, die verführen. Und so tritt Bertha mit dem Verlassen ihres Elternhauses in eine Sphäre des Magischen und Schicksalhaften ein (das typisch romantische Wanderschaftsmotiv wird hierbei vom Hänsel-und-Gretel-Motiv eingeleitet). Doch was lernt sie, und später auch Eckbert, kennen? Ist es die Natur ihres Wesens, oder ist es das Wesen der Natur, zu dem auch sie zu zählen sind? Klar ist: Die Emphase des in ihr Wandelnden wird ihr, der Natur, auszudrücken zugedacht. Daher sind es auch keine Naturlandschaften, die wir da draußen so vorfinden würden, würden wir sie mit den vorkommenden abzugleichen versuchen.

Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.

Die Idealisierung des Waldes, die den, im Zuge der Modernisierung, damalig häufig gepflanzten Nadelholzmonokulturen entgegensteht, erschafft dem Menschen einen sog. locus amoenus (hier das Birkental mit der Hütte der Alten), der ihm zum Idyll, zu einer Sehnsuchtslandschaft sondergleichen wird. Der von Tieck geprägte Begriff der “Waldeinsamkeit” erfährt mit diesem Naturmärchen an großer Bekanntheit. Weitere mit der Natur verschränkte Wortschöpfungen folgen, wie z.B. die “Bergeinsamkeit”.

Schicksal und Inzest

#13 © Igor Morski

Der umherirrende Mensch, der durch den locus terribilis (hier besonders die Felsenlandschaften) flieht, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, der nicht weiß, ob er träumt oder längst dem Wahnsinn anheimgefallen ist, dient vielleicht sogar der Natur als Projektionsfläche, die ihn träumt, die sich an ihm und durch ihn vollzieht. Denkbar, nehme ich das Inzestmotiv in Augenschein, das mir am Ende den frühen erzählerischen Sog dieser Geschichte erklärt, die wir selbst als Geschichte in einer Geschichte erfahren. Denn beide, Bertha wie auch Eckbert, sind fortwährend damit beschäftigt, ihre Geschichte einem Nächsten zu erzählen, in der Hoffnung, Verständnis für ihr Handeln zu erfahren, das ihnen selbst weitestgehend unerklärlich und schicksalhaft bleibt. Gehuldigt wird damit dem sog. Freundschaftskult, der ganz besonders den Romantikern ein Begriff war. Naiv und unschuldig sind die beiden gezeichnet, trotz ihrer moralisch verwerflichen Handlungen. An das Gute glaubend, auf Erfüllung hoffend, öffnen sie sich der Welt und ihren Gästen. Doch sogleich sie dies tun, gewinnt der Zweifel die dunkle Oberhand. Ihr einsames Glück scheint sofort bedroht. Schuldgefühle, wie die von Bertha, da sie die Alte beraubt und verlassen hatte, werden an die Oberfläche gespült. Auch scheinen beide seit je her ihr dunkles Schicksal zu ahnen. Bertha, die mit Beendigung ihrer Jugendgeschichte und dem Wiedereinsetzen der Rahmenhandlung erkrankt, stirbt sogar an ihren Schuldgefühlen, die sie zuvor lange verdrängt hatte. Walther wird zum Verhängnis, dass er Bertha gegenüber äußert, er könne sich gut vorstellen, wie sie den kleinen Strohmian füttert. Die Nennung des Namen des Hundes (der Hund als Treuemotiv), den sie lange vergessen hatte, erschüttert sie in ihrer Sicherheit. Woher konnte Walther ihn wissen? Eckbert, der daraufhin seinen Freund im Wald mit einer Armbrust tötet, will ihn bald in jeder ihm begegnenden Person wiedererkennen, so auch in Hugo und dem alten Bauern. Ähnlich wie Bertha einst, verlässt er sein Heim und irrt durch die Lande und Wälder. Bis er, sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher, zu dem Hügel gelangt, auf dem Bertha einst stand und auf ihr neues Zuhause herabblickte. Schreiend kommt ihm die Alte entgegen, die nach ihren Tieren und Edelsteinen ruft, nach Bertha und warum sie sie so tückisch verlassen hat. Ein die Seele terrorisierender Horror, bedenkt man, dass, während sie auf ihn einspricht und ihm die Wahrheit über Berthas Herkunft verkündet, der Hund bellt und der Vogel (der Vogel als Seelenmotiv) sein Lied singt. Eine klangliche Zuspitzung, die der malerischen dramaturgisch in die Hände spielt. Was seiner Frau einst eine Idylle war, ist Eckbert düster und todbringend. Als müsse das Unheil ihrer Liebe gesühnt werden. Als hätte es niemals unter einem guten Stern stehen können, obwohl sich beide tief verbunden zueinander fühlten, ihr eigenes Idyll, seit ihrer Begegnung und Heirat, leben konnten. Als wären sie Adam und Eva in ihrem Paradies gewesen, das ihnen, aufgrund dessen, dass sie Halbgeschwister waren, nicht zugedacht war. Und doch bleibt zu fragen, ob es nicht genau deshalb eines auf Zeit sein konnte, da die Liebe, die Natur ihren Willen forderte, beide zueinanderfinden ließ. Die Alte, die Eckbert gegen Ende wie eine Rachegöttin entgegentritt, erinnert stark an eine Erd- und Totengöttin wie Hel eine ist. Sesshaftigkeit verlangte sie von dem Mädchen, nicht vom Wege abzukommen riet sie ihr, statt vom Fernweh getrieben neugierig in die Welt zu treten, da sich sonst ein Unheil vollziehen würde. Prophetisch wurde das Heim als heiler Ort von ihr verkündet, als eine Idylle, in der der Mensch keinen Versehr erfährt, solange er sich der Neugier verweigert, passiv bleibt, die Dinge geschehen lässt, ohne sie selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Verstörend und enorm sehnsuchtsvoll ist dieses Horrormärchen, das die Grenze zwischen Wahn und Realität, Traum und Wirklichkeit auf eine dunkle, tief schauerliche Weise verwischt. Hell und inniglich sind mir die beiden Hauptprotagonisten, Eckbert und Bertha (die sich auch namentlich ähneln), dennoch in ihrem Bestreben glücklich zu sein, die Welt im Kleinen an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen, auch wenn dies nicht gelingt. Ein psychologisch herausragener Stoff, der dem Wahnsinn ganz eigene kraftvolle Landschaften wirkt, unter deren Oberflächen sich Dunkles verbirgt: eine blinde Natur, die sich im Menschen offenbart, der die Natur seines eigenen Willens entwickelt. Ein zeitlos mystischer Horror, der zeigt, wie unergründlich und unhintergehbar unser Dasein ist.

Stante pede intermorior

Horrido Krippner ging nicht gleich ans Telefon in seinem Haus, einem Waldchalet von einer Größe, als ob der fränkische Hubertus selbst drin residierte. Gerade noch durchwühlte er das Hirschfleisch und befingerte die perlmuttglänzenden Organe, ob er nicht eine Vision erhaschen könnte, wenn er, wie an der Wunderlampe, daran rieb. Er fand nicht gleich das Handtuch, um sich den roten Saft von den Fingern zu wischen. Verärgert über die Störung, die an diesem Tage nicht die letzte bleiben sollte, bellte er ins Telefon : »Ein Wolf? Warʼs nicht vielleicht ein Hund oder ein Fuchs? Die Sauferei macht dir die Augen fertig, dies ließ mich selbst schon manche Geister sehen, das Moosweiblein nicht zuletzt genannt.«

Jetzt gehen die Jäger noch einmal den Waldrand ab. Sie glauben nicht an einen Mythos, würden verrückt werden, wenn sie wüßten, was sich in ihren Wäldern abspielt, wollten den Schädel mit den Pfoten und dem Balg, abgezogen und gesalzen, auf einem Tisch präsentieren. »Da habt ihr euer Monster!« Lachend, scherzend, aber noch war es nicht soweit.

Kaum zurück poltert es an des Hubertus Tür. Krippner schielt sehnsüchtig zu den Eingeweiden hinüber, bevor er irritiert öffnet. »Fortuna! Die Witwe Gräf!«

Er erstickt fast an seinem Speichel, der plötzlich aus allen Drüsen spült. Jetzt weiß er nicht mehr weiter, wie formuliert man das? Da hebt sie schon ihre faltige Hand.

Keine Frage, sie zetert mit ihm, ein Loch in einer Felswand der Mund. Ich habʼs gewußt, da drin ist alles schwarz! Die alte Gräf, wie alt mag sie sein? 102, 104? Es gibt niemand im Dorf, der nicht erst ankam, als sie bereits da war. Jahre später würden sich die latenzperiodischen Kinder in dem zu dieser Zeit schon leerstehenden Haus am Mühlgraben darüber unterhalten, wie sie einst die Asche ihres Alten getrunken habe und ihre Kleider davon für immer schwarz geblieben sind.

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, daß die Wölfe einen menschlichen Gefährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte : »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

»Schau mal, Elster, wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, wird das in diesem Leben gar nicht mehr geschehen«, sprach sie ihr Huhn an. »Diese Tölpel denken, es hätte etwas mit dem Winter zu tun. Natürlich, das hat es auch, aber…« Sie fährt dann noch etwa fünf Minuten damit fort, ihrem Lieblingshuhn Anweisungen zu geben, für den Fall, daß sie unterwegs der Schlag treffen sollte. Das war allerdings unwahrscheinlich, sie würde eher dann umkippen, wenn sie ihren Schubkarren nicht mehr durch die Wiese manövrieren konnte, ihre Hände, schwielig wie die Landstraße um die Ecke, die nach Hebanz hinaufführt, nicht mehr durch gekutterte Würmer fahren ließ. Tatsächlich wird sie eines Tages, wir greifen vor, im Stehen sterben, nicht aber schwerkrafthörig zu Boden sinken. Sie wird einfach aufhören, sich zu bewegen, das Blut wird erkalten. Von frühmorgens um dreiviertel sechs bis zum Sonnenuntergang gegen neunzehn Uhr zehn wird sie von allen möglichen Leuten gesehen werden, die Mistgabel im Heu, unbeweglich wie eine Statue in Witwentracht, ihren Porzellanfigürchen nicht unähnlich. Nur die Gummistiefel sind grün wie tiefsitzender Rotz. Elster wird von diesem Tage an den Tretakt mit dem Hahn verweigern. Ein halbfertiges Ei ohne Kalkschale wird sie sich noch abzwingen, dann ist Schluß. Zwei Tage nach dem stante pede intermorior wird sich Elster einer Katze anbieten, aber verschmäht werden. Auch unter Tieren gilt die Furcht vor dem Fluch. Die Spur des treuen Tieres verliert sich im Gestöber der Unschärfe, mit der jegliche Geschichtsschreibung zu kämpfen hat. Auch der Verbleib des statarischen Leichnams packt sich zu den Mirabeln, reiht sich spielend ein in eine Liste der Rätsel, die hier offenkundig gar nicht abreißen.

Aber all das ist Zukunftsgeheul, und keiner weiß, ob es wirklich so geschehen wird. Sie muß verrückt geworden sein vor Trauer, erzählte man im Dorf. Die Wahrheit aber ging anders

1890 am 20. Januar mittags 2 ¼ Uhr erfolgten plötzlich 2 starke Blitz- und Donnerschläge mit darauffolgendem Schneegestöber. 1891 gab es sehr viel Mutterkorn, daß ein Pfd. Um 1,05 Mk. verkauft wurde. 1892 am 1. Mai war ein furchtbarer Schneesturm, der die Waldvögel in die Stadt hereintrieb. Der Schnee lag ein und mehr Fuß tief. Es wurden am 1. und 2. Mai Schlittenpartien unternommen. Dann kam Regen und am 6. Mai wieder Schnee. Der Heuertrag war sehr gut. Die Hitze des Sommers war schier unerträglich: 36 ½ R. (Réaumur) in der Sonne. Das Getreide wurde vormittags geschnitten und nachmittags eingefahren. Es war dies Jahr ohne Unkraut. Kartoffel gab es viele und gute.

Dort beim Hexenkraut

(Noch mit “altem” Anfang gelesen): …unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr fasst, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterlässt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

 

Die Wirklichkeit der Fantasy-Welten

Ich behaupte etwas Provokantes: Ich behaupte, dass es alle phantastischen Welten wirklich gibt, dass sie genauso existieren wie multiple Universen, dass es keinen Unterschied zwischen einer Erfindung und dem gibt, was wir für eine gesicherte Existenz halten. Zwei wesentliche Punkte sind dabei interessant: wie kam es überhaupt zu der Annahme einer Realität; erweist sich diese als Illusion, wäre auch die Illusion einer Mittelerde nicht abwegiger.

Frank Weinreich hat auf seinem Blog polyoinos mehr oder weniger zu diesem Thema Stellung genommen. Er hat eine abgespeckte Variante der Spekulation genommen, die auch für jedermann verständlich sein dürfte. In seinem Aufsatz “Elfenwelten” schreibt er:

Es wurden andere Universen erdacht; es wurden Wesen erdacht, die die Grenzen der physischen Welt überschreiten können; es wurden Götter erdacht, die das Universum vielleicht sogar überhaupt erst erschaffen haben. Und es wurden Phantasiewelten erdacht! Diese Universen, Wesen und Welten entziehen sich dem empirischen Nachweis, aber man kann eben auch nicht beweisen, dass sie nur Gedankenkonstrukte sind. Deshalb spricht man auch von einer Zweiten Welt der Gedanken oder des Geistes. Beides zusammen nennt man die Zwei-Welten-Theorie. Dass spätestens seit Karl Popper auch von Drei Welten oder noch mehr die Rede ist, spare ich aus, da es nichts an der grundlegenden Ontologie ändert.

Ich selbst halte mich hier lieber an die wissenschafliche Quantenmechanik, deren Viele-Welten-Theorie zwar ebenfalls nur philosophische Spekulation ist – aber das ist nahezu alles, was wir uns mithilfe unserers Gehirns zusammenreimen. Das Problem ist im Grunde nicht unsere Konsensrealität, sondern dass die jeweiligen Vertreter einer solchen nicht imstande sind, andere, wenn auch gewagte, Theorien gelten zu lassen.

Von Anbeginn taten die Sänger und Geschichtenerzähler das Richtige: sie fabulierten. Die Dämmerung der Menschheit, ihre Kindheit sozusagen, vollzog sich im Unbewussten, sie blieben über ihre Existenz im Unklaren. In den Geschichten, die zur Mythenbildung führten, erklärten sie sich dieses Rätsel, und wir tun es auch heute – und wahrscheinlich für immer, durch Erzählungen. Abgesehen davon, dass man sich heute an die beiden großen Denkschulen des Empirismus und des Rationalismus klammert, hat sich also nichts geändert. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass es kaum ein irrationaleres Wesen als den Menschen gibt, während der Empirismus immerhin durch den Konstruktivismus einen Aufwind und eine Korrektur erfuhr, mit der man gedanklich arbeiten kann, weil dadurch bewiesen wird, dass es keine empirische Wahrheit geben kann. Ich halte es sehr mit Heinz von Förster, den ich wahrscheinlich noch oft in diesen Überlegungen heranziehen werde:

[…] Aber diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden, man kann zwischen ihnen auswählen und hin und her hüpfen.

Ein Realist würde auf das Maxwellsche Prinzip verweisen, um das Funktionieren von Elektromotoren zu erläutern. Und ein Magier würde sagen, daß es die Menschen verstanden haben, mit Unerklärlichem umzugehen. Aber wenn Sie mich fragen: Mir erscheint die Idee vollständiger Erklärbarkeit als eine Hoffnung, die das Staunen befriedigt und beseitigt: Man kann nun in einer Welt leben, in der es das Wunder und das Unwißbare nicht mehr gibt, das ist das Ergebnis unserer Erklärungsversuche.

In der Literatur finden wir entweder das weinerliche Verteidigen oder das arrogante Zugeben einer eigenen Schwäche, das mich besonders stört, wenn es um phantastische Texte geht. Aber alle, die über Fantasy schreiben, stellen sich auf den falschen Schemel, sie argumentieren mit unzulänglichen oder falschen Prämissen, wie Dr. Florian F. Marzin im Lexikon der Fantasy-Literatur, der zwar literaturtheoretisch vernünftig argumentiert, aber keinen Schimmer von Erkenntnistheorie zu haben scheint, wobei er – trotz seiner Mitarbeit – wohl zu jenen gehört, denen ihr phantastisches Interesse peinlich ist. Im Übrigen ist das Lexikon nur jenen zu empfehlen, die eine Liste mit Fantasy-Autoren benötigen. Die Einführungen in die Fantasy mögen dem Neuling einen kurzen Überblick bieten, darüber hinaus sind sie nicht tauglich.

Stehende Knospen

Fortan schlüpften unsere Blüten den Minnesängern gleich aus ihren durchsichtigen, einsichtigen Welten. Der bestäubte Garn vieler Stunden wies ihnen den Weg durch den Kräuterfarn am Teich der irritierenden Gespinste, die mit den Butterfliegen rangen. Von den sanften Teilen ein Teil : das war ihr Begehr; und so drängten sie sich um das Seeufer herum, öffneten ihre Menuette (selbstverständlich im Dreivierteltakt) und zeugten in den Lüften von sich selbst und ihrem artistischen Flappern, der nahen Spule verwandt, nicht aber zu verwechseln mit den Tropfen, die sich vom endlos brausenden Mühlrad trennen. Besagter See ist ein gewisses Heute; unsere Blüten aber sind zeitlos, ein Mantel aus Flügelschlägen sorgt hierfür, genährt von Wiesenträumen. Die Kapriolen der Zinnober-Bürsten erklimmen ihre Wandten, vertanzen mit den Blüten einen gewissen Sommernachmittag. Wir werden uns den Schirm etwas kosten lassen, der uns während des Schauspiels ermöglicht, geschützt und sahnig eingeölt, das Okular auf die richtige Schärfe einzustellen.

Albera Anders; Öl auf Papier, 2009

Darstellung No. 3 
Bild und Zauber: Albera Anders
Text und Traum: Michael Perkampus

Die Liebesmüh

Gestern seit Weilen einmal wieder auf dem Markt gewesen. 3 Kilo Kartoffln gekauft. Kabeljau, um Ceviche zu machen. Büffelmozzarella, in den ich mich glatt hineinsetzen könnte, Limetten und Tomaten aus Sizilien. Einen Berg- und einen Höhlenkäse. Alle Käse hier sind fantastisch. Die vom Stich jedoch sind die Pralinen unter den Käsen. Im Anschluss 2 deiner Hosen zur Schneiderin gebracht.

Vor einem Jahr haben wir auch Ceviche gegessen. Du hast mich die Limetten auspressen lassen, mir dabei zugeschaut.

Diesbezüglich leben wir in einem kleinen Paradies, können uns auch darin als Adam und Eva erkennen. Allerdings, so ist es überliefert, gilt bis heute Eva als die Verführerin, die ihrem Adam den Apfel geradezu in den Mund gab, bevor dieser widersprechen konnte: Da, probiere! Noch nicht wissend, wie ihm geschah, schaute er überrascht, was sie ihm tat. Das mag in vielerlei Hinsicht auch bei diesen beiden, wie ich sie vor einem Jahr erinnere, stimmen, jedoch, was die kulinarischen Freuden und Erzeugnisse dieser Landschaft betrifft, war es Adam, der Eva vorschwärmte, beschwärmte und verführte, ihr Milch und Käse in den Mund gab, sie kosten ließ. Wie wunderbar, noch heute: da kein Alltag eingekehrt, stattdessen All:Tage, die Kraft und Substanz fordern.

Da, probiere!

Sich gegenseitig nähren, aus eigener gegebener Vorstellungs- und Liebeskraft, den Anderen durchs Leben zu bringen, mit allem, was es bedeutet, mag beim ersten Lesen einen stock- und steinlosen Boden der Leichtfüßigkeit evozieren. Statt eines Ackers eine immerblühende Wiese ins Bild setzen, auf der wir uns leichthändig handelnd betrachten können : Sittengemälde im Museum mit Sittichen. Auf denen sich alles wie von selbst für uns ergibt: Das Bett, in dem wir zu liegen kommen, das sich selbst aus dem Holz des Lebensbaumes schlägt, sich schleift und leimt, sich die Nägel ins Holz treibt, wie auch der Tisch: ein sich selbst deckender, an den uns Stühle tragen. Ein Hirsch, der sich selbst erlegt, sich auf- und ausweidet, uns zu sättigen. Eine Kuh mit Flügeln, die uns eine ihrer Zitzen in den Mund gibt, aus der ihre Milch fließt, ohne dass wir Hand anlegen müssten:

Und alle Schemel fliehen, scheuweiß geworden, ins dunkle Reich der unerfundenen Dinge. 

Das mag das Paradies von einem Schlaraffenland abgrenzen, das mir fern liegt. Ein waagerechter Zustand, lose der Schwerkraft, die uns schwer werden lässt. Schweiß und Blut sind zwei unserer Lebenssäfte, die das Tuch fordern, das sie aufnimmt. Angesichtertrunkene Gewebe. Und so sind wir eben nicht nackt, sind wir nur ledig dessen, was wir Kleider nennen. Die erste Egge, der erste Pflug und die, mit ihrer Benutzung einhergehende Nässe im Kleid weisen uns als jene aus, die eines Schlaraffenlandes verwiesen wurden, das man als Garten Eden ausgibt. Es beschreibt womöglich einen Zustand zweier Wesen, die, ohne sich zu berühren nebeneinanderlagen, von den Dingen gestopft und begattet wurden, ohne dass sich ihre Sinne je geöffnet hätten, hätte nicht Eines der beiden doch nach dem Anderen zu tasten begonnen, um sich selbst gewahr zu werden. So erfuhren wir unsere Leibränder, die jedoch, durch das Aufblühen der Sinne, nicht als Ränder, die der Wahrnehmung eine Grenze setzen, zu verstehen sind, da sich in jenem Moment das, was wir als Seele bezeichnen, in uns entfaltete.

Die erste Berührung war eine Anrührung der Seele in einem Körper, die auch immer eines Körpers bedarf. Gezeigt wurde und wird uns diese Allegorie:

Doch ich spreche von Adam und Eva (Lilith wäre einen eigenen Beitrag wert, ist sie doch bis heute noch immer mit diversen Stempeln versehen, die sie auf dem Tisch unzähliger Sessions etlicher Genderdebatten liegend erhält und erhalten hat. Wie auch Adam und Eva. Arschbackensiegel eingefleischter Politextremisten. Politisch korrekte Pieces of Peace:

Skriptferne Saltcat 
 
Nackte Spalterfrist. 
Nacktpflasterstier. 
 
Kastratene PC-Flirts. 
 
Flickst Sterne apart. 
Staatsk(as)erne. Flirt: pc. 
 
Fackelstartsprinte! 
 
Sankt Flirt-Carpet: es 
alpe! Teststirn. Frack. 

Nacktes sparte Flirt. 
 
Flatterne Sparticks. 
Apfelne Starttricks.)

Es ist erstaunlich, wie es mir wie Schuppen von den Augen fällt, da ich dies schreibe, und daran denke, wie oft du Ja, Anrührung! ausriefst, dich mir feilbotst und entgegenstrecktest als Kind, das keine Scheu kennt, das wahrgenommen und liebkost werden wollte, berührte ich dich in der Vergangenheit und tue ich es noch heute.

Wie du mir Mann bist, bist du mir auch Kind. Ich kann das Eine ohne das Andere nicht fühlen und denken. Nicht mehr jedenfalls. Edenfalls oder: Ich will mit deiner Pipi dusen. Will woruckeln, hab’s gegießt …

… 2 Milchen, die sich in meinem Bauch, meinem Schmetterlingsmund vermisch(t)en.

Milch und Honig fließen im Liebesfleiß. Im All:Tag, der von Hand verwobenen Sterne. Der Müh, auch im Dunkeln Leben durchs Leben zu bringen.

Das Allgäu war, wie du mir erzählt hast, einmal eine sehr arme Region. Dass das heute anders ist, hat es wohl vor allem Carl Hirnbein zu verdanken und auch sich selbst.

15:44 du schälst die Kartoffln: “Es ist unglaublich, wie sehr sie nach Erde riechen!”