Meister des Unheimlichen: Robert Aickman

Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der „tiefgründigste Verfasser“ von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der  renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.

48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von ihm bekannt. Für seine „Pages from a Young Girl’s Journal“ bekam er 1975 den World Fantasy Award.

Um Aickman zu verstehen, muss man viel Aickman lesen. Laird Barron sagte, dass dies Arbeit bedeute. Man kehrt zu seinen Geschichten zurück, sucht nach einem Zugang, einer Nahtstelle oder dem versteckten Haken. Und sobald man ihn glaubt, gefunden zu haben, wird man später, wenn man wieder zu diesen Geschichten zurückkehrt, bemerken, daß sich alles verändert und verschoben hat. Aickman ist einer jener raren Autoren, die einen Virus im Gehirn hinterlassen. Mit diesem Autor zu interagieren, bedeutet, eine Art der Quantenverschränkung zu erleben. Seine Geschichten nehmen das Unterbewusstsein und mutieren es in einer Weise wie es die Aufgabe transgressiver Literatur ist.

Aickman assistierte seinem Vater in dessen Architekturbüro, bevor er 1944 seine eigene Firma gründete. 1951 veröffentlichte er ein Buch mit Kurzgeschichten zusammen mit seiner Sekretärin Elizabeth Howard, zu dem er drei Erzählungen beitrug.

Strange Stories

1964 wurde seine erste eigene Sammlung veröffentlicht, „Dark Entries“. Zu seinen Lebzeiten erblickten weitere fünf Bände das Licht der Welt, sowie ein Roman und eine Autobiographie. Zwischen 1964 und 1972 war er als Herausgeber der ersten acht Bände der Serie „Fontana Book of Great Ghost Stories“ tätig.  Posthum wurde eine letzte Sammlung, ein Roman und der zweite Teil seiner Autobiographie veröffentlicht. Seine besten strange stories wurden in dem Band „The Wine Dark Sea“ (1988) und „The Unsettled Dust“ (1990) veröffentlicht.

Aickmans Großvater war der viktorianische Schriftsteller Richard Marsh, der 1897 seinen Besteller mit „The Beetle“ hatte (dt. „Der Skarabäus“), der sogar Bram Stokers Dracula auf die Plätze verwies.

In deutscher Übersetzung ist es natürlich noch schwieriger, etwas von Aickman zu finden, aber nicht aussichtslos. So sollte man nach „Glockengeläut“ sowie „Schlaflos“ aus DuMonts Bibliothek des Phantastischen suchen.

Robert Aickman

Aickmann war ein kultivierter Ästhet und befasste sich mit Ängsten, die auch jene Kafkas gewesen sein könnten, in einem präzisen, etwas erhöhten Stil, als ob er hinter einem Schleier der Gelehrsamkeit stünde, von wo aus er den Leser anspricht. Aber Aickman gehörte zu einer späteren Generation und war freier, so dass er die wirbelnden Ströme der Sexualität tiefer in seinen eindringlichen Geschichten einarbeiten konnte. So behält auch der Titel seines Buches „Dark Entries“ etwas von der finsteren Doppeldeutigkeit des Nachtaktiven und Obszönen.

In Aickmans Geschichten wird niemals die vorrangige Natur des Merkwürdigen enttarnt, das seine Figuren belauert. Zur Hälfte sind diese an ihrem eigenen Untergang mitbeteiligt, wenn sie mit schlafwandlerischer Sicherheit ins Unbekannte gezogen werden wie in einen Traum.

Aickmans ’seltsame Geschichten‘ sind Geheimnisse ohne Lösung, jede endet mit einer wehmütigen Note über unsere zweifelhaften, unzulänglichen Kenntnisse, über die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit.

Marvin Keye schrieb in seinem Vorwort zur Anthologie „Masterpieces of Terror and the Supernatural“, die er herausgab, dass er zunächst zögerte, die Geschichte „The Hospice“ (dt. „Das Hospiz“) in die Sammlung aufzunehmen, weil er nicht herauszufinden im Stande war, was sie aussagen wolle.

Die exemplarische Geschichte

„Glockengeläut“ beginnt dann auch mit dieser exemplarischen Geschichte. Die beiden Bände der Bibliothek des Phantastischen, die einst bei DuMont erschienen, haben wir Frank Rainer Scheck zu verdanken, und auch wenn es zu Beginn der 90er üblich war, eine Mischung aus mehreren Originalveröffentlichungen zu präsentieren – was aus heutiger Sicht ein Ärgernis ist – können wir uns glücklich schätzen, überhaupt zwei schmale Bände in Übersetzung vorliegen zu haben, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutscher Verlag jemals wieder etwas von Aickman veröffentlicht, tendiert schändlicherweise gegen Null.

„Das Hospiz“ ist wohl eine von Aickmans wichtigsten Geschichten. Auf relativ wenigen Seiten legt er Fragen des Übergangs, der Identität und des Handelns auf den Tisch. Die Veränderlichkeit der Wahrnehmung, das dünne Furnier von Loyalität und Sicherheit. Aickmans Arbeit stellt oft eine wichtige These der ganzen unheimlichen Literatur vor: Das Leben ist viel seltsamer, als wir annehmen. Er fragt oft, was wissen wir eigentlich? Die Antwort kann nur immer die gleiche sein: Nichts, und möglicherweise noch weniger.

Man liest diese Geschichte sechs oder sieben Mal (vielleicht auch öfter), und kommt immer noch nicht dahinter. Das aber ist genau das, was sie beabsichtigt. Die besten Geschichten sind jene, die ins Unterbewusstsein kriechen und flüstern und rätselhaft bleiben. Sie führen uns in die Dunkelheit und lassen uns dort allein. Vielleicht finden wir wieder heraus, vielleicht auch nicht. Viele Geschichten von Kafka funktionieren so, viele von Cortàzar tun es ebenfalls – und natürlich die meisten von Aickman. Aber Aickman ist keineswegs ein Avantgardist, der krude Rätsel für seine Leser zusammenspinnt. Das Hospiz ist in einer einfachen Sprache gehalten, fast flach, mit einem Minimum an Erschütterung und Bewegung: Ein Reisender verirrt sich auf einer Straße irgendwo in den West Midlands, kommt durch eine Siedlung, die aussieht wie im 19. Jahrhundert, mit hohen Bäumen und einsamen Häusern, sieht das Hinweisschild, das gutes Essen und andere Annehmlichkeiten verspricht, außerdem hat er fast kein Benzin mehr. Zu allem Überfluss wird er auch noch von etwas, das eine Katze gewesen sein könnte, ins Bein gebissen, als er kurz aussteigt, um sich grob zu orientieren. Diese Biss, der sich vielleicht entzünden könnte, spielt im weiteren Verlauf nur die Rolle, dass er da ist und schmerzt. Das ist die erste Irreführung der Erwartungshaltung.

Im Hospiz wird er freundlich aufgenommen und kommt gerade richtig, um am Abendessen teilzunehmen. Die Schilderungen und Geschehnisse sind immer nur knapp neben einer gewohnten und erwarteten Reaktion, einer bekannten und nachvollziehbaren Szenerie, aber sie treffen niemals das Bekannte, das jemals Erlebte.

Ihm wird also das Essen in mehren Gängen serviert, die exorbitant sind, gewaltig und unbezwingbar – und damit beginnt ein merkwürdiger Reigen, der sich zwar niemals ins Groteske zieht, aber einiges aus der Atmosphäre des Theater des Absurden schöpft.

Sexualisierte Metafiktion

Xavier Mellery; La Escalera. 1889. Der Maler wird in „Ravissante“ erwähnt als jemand, der die „Stille“ und „die Seele der Dinge“ malt.

Ein weiteres Beispiel einer Geschichte, die ihre Kraft durch das Wiederlesen erst entfaltet, ist „Ravissante“ (französisch für bezaubernd oder hinreißend). Gleichzeitig ist diese faszinierende Erzählung eine von Aickmans Ungewöhnlichsten, die durchaus ins Perverse abdriftet. Der für Aickman typische introvertierte Erzähler macht auf einer Cocktailparty die Bekanntschaft eines Malers. Ein spröder und unnahbarer Mann, in seinem Auftreten eher enttäuschend, aber ein Maler mit einer gewissen Ausdruckskraft. Seine Frau ist noch kühler und uninteressanter, nur die Karikatur einer Frau, die fast nie etwas sagt. Der Maler stirbt und hinterlässt dem Erzähler sein gesamtes künstlerisches Schaffen, von dem er nur ein Gemälde und einen Stapel Briefe und Schriften behält. Was er nicht nimmt, wird von der Witwe verbrannt.

Die eigentliche Erzählung beginnt, als der Erzähler eines dieser Papiere liest, das den Aufenthalt des Malers in Belgien dokumentiert. Der Inhalt bezeugt den Besuch bei der steinalten Witwe eines symbolistischen Malers. Es ist offensichtlich, dass dieses Haus, in dem Madame A. lebt, auf einer anderen Realitätsebene existiert. Die Witwe selbst ist herrisch, das Haus schwach beleuchtet, und die Realität scheint einen unangenehmen, fließenden oder verschwommenen Aspekt anzunehmen. Madames Ausführungen sind merkwürdig und beklemmend, und als auch noch ein geisterhafter Pudel mit Spinnenbeinen durch den Raum streift, zieht Aickman die Schrauben des Unheimlichen an.

Der Aufenthalt des Malers wird von Mal zu Mal bizarrer und erreicht seinen befremdlichen Höhepunkt, als Madame ihn einlädt, die Kleidung von Crysothème, der abwesenden Stieftochter, zu berühren und zu untersuchen, indem sie ihm Befehle gibt, darauf zu knien, darauf zu treten und die Wäsche zu küssen. Der Maler gehorcht jedem dieser unmöglichen Schritte. Diese psychosexuelle, fetischistische  Auseinandersetzung mit Chrysothèmes Kleidung gipfelt in der Einladung, eine Truhe voller Unterwäsche zu öffnen. Wiederum, sowohl von Madames Befehlen als auch von seinem eigenen Drang getrieben, gehorcht er und erklärt, dass der Duft berauschend war. Verloren in dieser Träumerei, vergisst er die Zeit, bis er bemerkt, dass ihm kalt ist und er seinen Geruchssinn verloren hat. Als er auch noch ein Bild an der Wand entdeckt, das er selbst gemalt hat, hat er genug und flieht aus dem Haus. Auf dem Weg nach draußen folgt ihm die Madame mit einer Schere und fleht ihn an, ihr eine Haarlocke als Souvenir zu geben. 

Die Geschichte endet mit der Erosion des Glaubens an eine materielle Realität. Aickman listet diffuse Symbole und Manifestationen auf, die er auch in der Erzählung verwendet. Der Maler zweifelt an allem, was er bei Madame erlebt hat und ruft damit auch die Zweifel des Lesers hervor. Die mögliche Erklärung für all dies ist die klassische freudsche Trinität von Ich, Über-Ich und Es; mehr oder weniger tritt der Maler in die Substanz seines eigenen Bewusstseins ein, wörtlich und bildlich. Das entspricht Aickmans Vorstellung von einer gelungenen Gespenstergeschichte, nämlich dass der Autor das Unterbewusstsein für poetische Zwecke nutzen sollte. Dennoch befriedigt diese Erklärung – wie bei vielen Aickman-Geschichten – nicht, oder genauer: Aickmans Geschichten gehen über dieses vereinfachte System hinaus.

Der umgekehrte Succubus

Das Thema, das sich durch „Ravissante“ zieht, ist das des Künstlers, der sich von seinen eigenen kreativen Prozessen entfremdet fühlt. Der fragliche Maler glaubt, dass sein Werk von „jemand anderem“ stammt. Das wäre dann ein Beispiel für Inspiration als Besitz. Betrachtet man die Geschichte unter diesem Aspekt, wird sie metafiktional. Unser Maler kommt durch einen schattigen und fleischigen ontologischen Tunnel zu einem Haus, der seinen eigenen Geist repräsentiert. Dort wird er an die Quelle seiner eigenen Inspiration herangeführt. Der Muse selbst kann er allerdings nicht persönlich begegnen. An diesem Punkt ist er von dieser Quelle auf eine ziemlich unheimliche, onanistische Weise besessen. Obwohl es sich um einen Besitz handelt, der durch gebrauchte Gegenstände vermittelt wird – nämlich durch Kleidung, die auf seltsame Art und Weise als Substitut benutzt wird – handelt es sich nach wie vor um einen fruchtbaren Besitz. Chrysothème ist nicht so sehr ein Sukkubus, der Energie entzieht, sondern – paradoxerweise – ein weiblicher Inkubus, der Energie liefert. Sie ist ein abwesender Inkubus, aber dennoch ein Inkubus.

Diese beiden Beispiele sind unvollständig in ihrer kurzen Analyse, die im Grunde nur dazu dienlich ist, sich der Faszination von Aickmans strange stories auszuliefern, sie so rar auf uns gekommen sind und die mehr Aufmerksamkeit verdienen, weil sie zur Basis jeden Verständnisses über die moderne Weird Fiction gehören, ohne deren Kenntnis ein schrecklich großer Teil für immer fehlen wird.

Notizen zur Weird Fiction

Es gibt viele kluge Aufsätze über das, was Weird Fiction eigentlich ist, und trotzdem kursieren weiterhin widersprüchliche , ergänzende und unterschiedliche Aussagen. Das ist jedoch ein Umstand, der nicht allein auf dieses phantastische Subgenre zutrifft. Mit Etiketten und Begriffen ist es grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen. Das geht in diesem Fall sogar so weit, dass man Weird Fiction nicht selten als Synonym für die ganze Phantastische Literatur benutzt, oder dass der Begriff, wie es China Mievielle bevorzugt, für die gesamte Fantasy-Literatur herhalten muss (man darf hier anmerken, dass in den englischsprachigen Ländern die gesamte spekulative Literatur oft und gerne als Fantasy bezeichnet wird). Das bedeutet, dass sowohl Science Fiction, Fantasy und Horror Weird Fiction sein können, es aber nur dann wirklich sind, wenn eine weitere Zutat vorhanden ist. Aber um welche handelt es sich?

Eine beklemmende Atmosphäre, die nicht durch ein kathartisches Element in ihr Gegenteil verkehrt wird, eine rätselhafte Stimmung, die nicht aufgelöst wird, ein Grauen, das wie ein Damoklesschwert durch die Zeilen wabert, ein abenteuerliches Setting, das geheimnisvolle Zutaten enthält, die Nichtigkeit des Menschen angesichts des Kosmos – das sind nur einige Möglichkeiten, wie eine Weird Tale daherkommen kann. Leider finden wir genau diese Kriterien durchaus auch in der Mainstream-Literatur. Ehrlicher Weise müsste man sagen: es gibt nichts anderes als die Weird Fiction selbst, die sie definiert, denn jeder literaturtheoretische Hebel hat bisher das Feld nur eingrenzen können. Fest steht eigentlich nur, dass eine Weird Tale immer mit dem Übernatürlichen verquickt ist. Aber auch hier steckt das Missverständnis im Wort Natur. Nehmen wir Natur für die Gesamtheit des Seins, dann gibt es das Übernatürliche nicht, betrachten wir sie als einen Aspekt der Wirklichkeit, wird uns der Wirklichkeitsbegriff einen Strick drehen.

Psychische Auffälligkeiten, besonders abstoßende und ekelerregende Darstellungen sind möglicherweise grauenhaft, aber nicht unheimlich im Sinne von Weird. Kurz gesagt: das Schweigen der Lämmer, American Psycho usw. mögen der Horrorliteratur zugerechnet werden, aber nicht der unheimlichen Literatur, die – und es scheint, als hätte ich das unterschlagen – einer der Hauptmerkmale der Weird Fiction ist. Das Unheimliche. Tatsächlich wird weird oft in dieser Konnotation übersetzt. Das ist nicht falsch, aber eben auch nicht richtig. Wenn Köpfe abgehackt werden, gefoltert und verstümmelt wird, ist das abscheulich, aber es ist nicht unheimlich. Es gehört zu unserer Realität, wie abnorm sie sich auch zeigen mag. Gegen Gewaltdarstellungen kann man abstumpfen, gegen das Unheimliche nicht.

Eine der ersten Horrorgeschichten der deutschen Literatur, Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert, ist zugleich ein Paradebeispiel für Weird Fiction, auch wenn sie (aus gutem Grund) der Schauerliteratur der Romantik zugerechnet und als Märchen behandelt wird. Und natürlich hatte die deutsche Romantik einigen Einfluss auf die Horrorstory, die zum ersten Mal in Vollendung mit Poe auftauchte. Horror und seine unendlichen Gestalten gibt es, seitdem wir Menschen uns Geschichten erzählen, er ist in der ganzen Weltliteratur zu finden, aber vor Poe gab es diesbezüglich kaum etwas, was für einen ernsthaften Liebhaber der Weird Fiction von elementarer Bedeutung ist, und es ist nicht vermessen zu sagen, dass mit diesem Genius die moderne Literatur überhaupt beginnt.

Julio Cortázar (Studien zur Phantastik)

„Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?“

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer faßbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: „Dieses Buch besteht aus vielen Büchern“, schreibt Cortázar, „aber vor allem aus zwei Büchern.“ Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewißheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: „Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.“ Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar:

„Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Phantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen“.

Das Phantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er „die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt“ nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärte, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, daß es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. „Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser“, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, „daß dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten“. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: „Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat“.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfaßte, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Phantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela („Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren“) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

„Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt“, sagt er in einem Vortrag, „beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiß ist.“ In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Jitterbug

Welten – zwei, drei (ohne die unendlichen Nullen dahinter) – flirrten unruhig zitternd, szintilierten strahlend, gleißten über den Baldachin hinfort, bedachten das Erdlein mit keinem Blick (zu weit entfernt, zu wenig gespreizte Beine) und kümmerten sich um eine Verabredung drüben am Fluchtpunkt.

»Dance the Ghost with me!«

Ja, sie tanzten den ›Geist‹, so als ob überhaupt kein Körper da wäre, der die alleinstehende Bewegung hemmt, die Figur wichtiger als das Motiv, vergänglich (ein Jitterbug).

Yoruba und Bantu sämen das magmatische Blut.

Das Zimmer, der Schrank, die Kommode, die Parfümflaschen, das Zimmer (eine Puppenstube) : Schurwolle und handmarmorierter Märchenfilz, gibt es denn eine gedachte Rinne für schwitzende Kissen, einen theoretischen Abstell-Halbmesser für eine Tasse Kaffee ohne Untersetzer, mit Untersetzer, ein Develey-Senfglas?

Man kann nicht aufstehen und tanzen, es gibt keinen Radius in diesem Juke Joint für Grundschritt, Wegdrehen, Retourdrehen, Platzwechsel, Handwechsel, Licht lässt sich kombinieren, die Kerzen leuchten auch bei Tag; dann erzittern die Gegenstände, betatschen sich entlang der Wand als Schatten, vom nahen Wald dringt der Geruch der großen Fichten durch das geöffnete Fenster, die Schafe blöken zum Fließen der Eger, dicke Teppiche schlucken jeglichen Lärm und auch das Lustgeschrei der Mädchen. Manchmal riecht es nach Alkohol und nackten Menschen.

Sebastiana : »Wo im Wald bist du gewesen?«

»Ich war überall!« Wie recht er damit hatte : Über-All; die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt, über allem das Blau des Himmels, über allem das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich aufhält.

»Doch nicht im Steinbruch?«

Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung? Was ist der Steinbruch für ein Symbol? Aufbruch, Abbruch, Spuk und Tod und Teufel.

Lebendiger Abfall, sein Ausdampfen : alles voller Symbole, verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte in dem Moment ein, als man kein Feld mehr mit seiner eigenen Jauche düngen durfte, wollte man der Pestorchidee aus dem Wege gehen.

»Ich war einfach nur im Wald!«

»Und der spricht mit dir?«

Eigentlich war es kein richtiges Sprechen, es war mehr ein Flüstern. Man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Es ist nicht einfach zu erklären : Ich nehme anders wahr! Er erinnert sich an den ersten Schneefall seines Lebens. Das ist mein erster Schneefall, dachte er. In Wirklichkeit war es etwa der vierte oder fünfte, aber Schnee war ihm bis dahin nicht bewußt, und irgendwann in den letzten Tagen des Aprils krönte ihn die Welt zum König des Unglücks.

Es war ihm nicht gelungen, alles zu verhindern; einen Pakt mit der Zeit konnte er nicht gültig schließen, aber für Vergessen sorgen. Das gelang durch das Hineinziehen seines Gegenübers in seine Vision. Der Betroffene existierte dann zwar weiter, vielleicht etwas stumpfer an mentalen Prozessen; Wortkarg zumeist; verträumt, wie es in diesem Landstrich jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt.

In den wenigen Fällen, da dies aus unbekannten Gründen mißlang, halfen die Moiren mit der ganzen Verve eines unverfänglichen Unfalls nach.

Der wilde Wind 1

Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹ in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte. Als Selma, die Nachbarin, die einst den Miss-Marple-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hatte, förmlich an ihrem Krebs erstickt war, beerbte sie auch deren Garten. Nichts als Blumen hat die im Kopf, sagte Hermann zu ihr, als sich diese zusätzliche Aufgabe anzubahnen schien, du willst doch nicht auch nur Blumen im Kopf haben, oder? Nein … im Kopf wollte sie keine Blumen haben, in den vielen vorzeigbaren Vasen, die noch ungebraucht in den Schränken herumlümmelten, schon. Zumindest bis sie an einer Luftembolie zugrunde gehen würden. Schnittblumen schienen ein Synonym für den Müßiggang der Hausfrau zu sein, wohingegen die ein oder andere eingevaste Nelke am Sonntagstisch nahezu erforderlich war, um diesen Tag, an dem sie gemeinsam bei schönem Wetter zum Weißenstädter See hinausfuhren, nicht bereits in den Morgenstunden scheitern zu lassen.

Anna taktete schneller. Selbst dem Staub, der sich unter Kommoden, Betten und hinter den Schränken einzurichten gedachte, blieb die Entdeckung mit anschließender Eliminierung durch ihre flinke Hand nicht erspart. Als sie einen Progreß-Staubsauger zum Hochzeitstag bekam, blieb sie dennoch beim Reisigbesen und dem Teppichklopfer, von den kleinen Helfern in der Küche, die in Tüten steckten, hielt sie wenig, Fond und Jus, die sie für ihre Suppe am Samstag und die Sauce am Sonntag benötigte, begann sie bereits am Montag anzusetzen. Hermann kam täglich von seiner Arbeit als Vertreter für Grabsteine, die er, bis es um seinen Rücken nicht mehr so gut bestellt war, selbst gravierte, in ein überaus gepflegtes und strahlendes Haus. Und darum ging es ja im Leben, oder worum ging es sonst?

Gegen 16 Uhr, wenn sie sich den nachmittäglichen Kaffee brühte und sich mit einem selbstgebackenen Kuchen niedersetzte, verspürte sie einen Hauch der Müdigkeit, die immer seltener ihren Geist zu erfassen mochte, ein angenehmes Kribbeln in den Beinen und eine leichte Betäubung in der Nähe der Stirnlappen. Hätte sie sich um diese Zeit ins Bett gelegt, wäre sie wohl tatsächlich eingeschlummert. In vier Stunden wird es noch besser sein, dachte sie zu Beginn ihrer Wechseljahre. Sie war der Meinung, wenn sie sich Nacht für Nacht wie eine Braut kleidete, würde das ihre Stimmung in die richtige Frequenz bewegen, doch sobald sie dann tatsächlich lag, gingen ihr die Ereignisse des Tages derart grob im Kopf herum, daß ihre Schläfrigkeit, die noch am Nachmittag wie eine Verheißung geklungen hatte, wie weggeblasen war, unauffindbar wie der Staub, von dem man doch annehmen durfte, daß er einen unbezwingbaren Gegner abgab, aber in Annas Refugium nie eine Besatzungsmacht werden würde. Der Schlaf kam nicht und kam immer weniger. Oft döste sie ein und träumte von Dingen, die sie sich vornahm zu merken, was ihr aber bis auf wenige Ausnahmen nicht gelingen wollte. Wenn sie erwachte und auf den klickernden Wecker schielte, waren oft nicht mehr als ein paar Minuten verstrichen. Zwei Kinder hatte sie zur Welt und aus dem Haus gebracht, aber außer einem wuchernden Garten, der in Wirklichkeit aus zwei wuchernde Gärten bestand, und einer Küche, deren Wohlgerüche selbst durch die mit Schimmel überzogenen Mauern drangen, durch gleichförmige Tage, Wochen, Monate, durch die Jahre schipperten, besaß sie nichts, das ihre Persönlichkeit vergolden könnte. Die Liebe zwischen ihr und Hermann war den Weg aller Lieben gegangen, die sich lange genug damit begnügten, den Status Quo zu erhalten, ohne ein utopisches Ziel zumindest formuliert zu haben. Steinern und grau wie ein Konzern, der seine Mitarbeiter benutzt, aber nicht kennt, reichte sie das Zepter an das Gewöhnliche, an das Mittelmaß weiter. So war nichts weiter geblieben als die Materialisation des Sprichworts, daß das Leben stets weiterging, was immer auch geschah, und daß ihr Leben so lange weiterging, bis es einmal enden würde. In ihren Tagträumen dachte sie nicht an eine Zukunft, sondern immer nur an die Vergangenheit, die trotz des Krieges vornehmlich aus jugendlicher Ahnungslosigkeit bestanden hatte. Ein Schrecken, der sich manifestiert, kann bei gut geführtem Optimismus überwunden werden, das ausgerufene Paradies, das sich aus zunehmender Routine und gesellschaftlichen Konventionen zusammensetzt, ist hingegen das eigentliche, das unüberwindbare Grauen.

Daß immer alles langsam beginnt, schleichend und unmerklich, daß sich die Gefahren im Nacken bemerkbar machen, in den Poren brodeln, zunächst die Haarwurzeln attackieren, bevor das Unglück geschieht, ist eine Wahrheit in den Büchern des Mesmerismus, in denen die Wechselwirkung mit dem Fluidum des Äthers eingehend geschildert wird. Doch noch nachdem wir Menschen, die wir die Bastarde einer kosmischen Rasse sind, aufhörten, wie die Tiere den Instinkt zu nutzen, rochen wir die Stille zwischen den Ereignissen, weil wir aus einer einzigen sich fortpflanzenden Nase bestehen, und es auch heute nicht lassen können, dieses mittlerweile völlig verkümmerte Organ, einst der Stolz eines längst zu einem Schwarzen Loch gewordenen Planeten, tief in die Wäsche anderer zu versenken. Unsere Augen sind nicht und werden nie im Bilde sein, bauen die uns umgebenden Dinge (wenn es sich denn um Dinge handelt) nahezu vollständig falsch auf, was zeitweise zu verheerenden Irrtümern führt, die uns aus einem unerklärlichen Grund nicht zu kümmern scheinen – aber die Nase erinnert uns an den Urgrund unserer schleimabsorbierenden- und ausscheidenden Spezies. Freilich gingen wir dazu über, unsere Verrücktheit durch einen billigen psychologischen Trick einer höheren Entwicklung zuzuschreiben, von der allerdings weit und breit nichts zu sehen ist. Daß also immer alles langsam beginnt, um uns Zeit zu lassen, die elektrische Ladung zu erschnuppern, bevor der Blitz das Russische Roulette eröffnet, traf auch auf den Sturm der Winterdämonen zu, deren barfüßige Vorhut bereits nach dem Mittagessen aus allen Wolken fiel. Keine zwei Stunden später wurde das allgemeine Schneeschippen eingestellt, weil sich zu den fallenden Flocken auch die Verwehungen gesellten, man also bald nicht mehr wußte, wo sich das eigene Haus befand. Wer konnte, verbarrikadierte sich, schlummerte glühweintrunken vor den knallenden Holzscheiten oder legte sich etwas früher zu Bett. In drei Tagen sollte sich Weihnachten wiederholen, außerhalb der Städte war man längst darauf vorbereitet, die Speisekammern und Keller barsten unter der Last der für die Dezemberorgie vorgesehenen Hortung. Hier wie überall auf der Welt würde der ein oder andere Baum in Brand geraten, solidarisch eine glühende Gemeinschaft bilden, vielleicht war mehr drin, vielleicht konnte man das ganze Haus erwischen.

Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in „Märchen aus dem Phantasus“ zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung „Volksmährchen“ erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im „Phantasus“ erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

Der blonde Eckbert

Wir lesen von einem kinderlosen Paar, das zurückgezogen im Harz lebt. Wir lesen vom Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha. Von Zweien, die nur gelegentlich Besuch von Walther erhalten, seinerseits ein Ritter, mit dem Eckbert eng befreundet ist. Eines Abends, als dieser wieder einmal in ihrem kleinen Schloss zu Gast ist, fordert Eckbert seine Frau auf, ihm die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Eckbert vermutet, es würde eine Freundschaft noch mehr festigen, lege man sich offen, enthülle man all seine Geheimnisse. Bertha folgt dieser Aufforderung und beginnt am Feuer des Kamins ihre Geschichte mit den Worten:

… haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Es folgt eine Binnenerzählung, die Schilderung von Berthas Jugend. Sie erzählt, wie sie ihren Eltern zu nichts nutze war, da sie über keinerlei Fertigkeiten verfügte, die ihrer bettelarmen Familie Geld ins Haus gebracht hätten. Wie ihr Vater, ein Hirte, sie dafür tadelte und bestrafte. Weshalb sie es eines Tages nicht mehr aushielt und im Alter von acht Jahren in die Welt floh, durch Wälder, felsige Landschaften und Dörfer, bis sie in einen Wald gelangte, in dem sie einer alten Frau mit Krückstock begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt, in der sie mit einem Hund und einem Vogel zusammenlebt. Die Alte unterweist sie im Führen des Haushalts, der Versorgung der Tiere und im Spinnen. Auch lehrt sie Bertha das Lesen. Zwar kommt sie Bertha immer wieder sonderbar vor, doch es geht ihr gut bei ihr. Und auch ihr wunderschöner Vogel ist ein seltener, da er Eier legen, in denen sich Perlen oder Edelsteine befinden, und ein Lied singen kann, das wie folgt lautet:

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Tag um Tag, Jahr um Jahr vergeht in dieser trauten Einsamkeit des kleinen Familienzirkels. Die Alte, die immer häufiger tagelang unterwegs ist, nennt sie mittlerweile Tochter oder Kind. Von der Fremde in den Büchern angestachelt, keimt in dem Mädchen der Wunsch, sich die Perlen und Edelsteine zu nehmen und in die Welt zu ziehen, obgleich sie sich glücklich unter diesem Dach vorfindet. Auch phantasiert sie von einem schönen Ritter, den sie sich als den ihren erträumt. Ihre Quasimutter warnte sie noch mit den Worten: „Du bist brav, mein Kind! … wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.“ Doch es hilft nichts, Bertha bindet den Hund fest, nimmt sich ein paar der Edelsteine, wie auch den Käfig samt Vogel und verlässt, sechs Jahre später, das Haus. Sie irrt durch Wälder, lässt Berge hinter sich, leidet Hunger und reut, gelangt jedoch nach einiger Zeit in ihr altes Dorf. Freudig will sie ihren einstigen Eltern nun den Reichtum bringen, den sie erbeutet hat, jedoch wird ihr mitgeteilt, dass diese bereits gestorben sind. Traurig darüber kauft sie sich in einer Stadt ein kleines Haus mit Garten und eine Bedienstete. Mehr und mehr vergisst sie die Alte und auch der Name des Hundes, den sie so oft gerufen hatte, will ihr überhaupt nicht mehr einfallen. Als der Vogel jedoch eines Tages wieder anhebt zu singen, ist es das Lied von einst, allerdings verändert:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Bertha reut ihre Entscheidung, weggegangen zu sein, endgültig. Die Gegenwart des Vogels ängstigt sie nun, da er auch sein Köpfchen immer zu ihr dreht, und so drückt sie ihm kurzerhand die Kehle zu und begräbt ihn im Garten. Aber auch die Aufwärterin wird ihr nun verdächtig, sie fürchtet, sie könne sie irgendwann ausrauben und ermorden. Bertha heiratet einen Ritter, den sie schon einige Zeit kennt. Es ist Eckbert.

„Pool in the Woods“ von Jasper Francis Cropsey (1823-1900)

Walther bedankt sich für diese Geschichte und merkt an, dass er sich Bertha mit dem seltsamen Vogel gut vorstellen könne und wie sie den kleinen Strohmian füttert. Beide gehen zu Bett. Nur Eckbert geht in seinem Zimmer auf und ab, und fragt sich, ob sein Freund sie nun verachtet. Jede Handlung, jeder Ausdruck Walthers, der am nächsten Tag das Schloss verlässt, ist ihm von diesem Zeitpunkt an suspekt. Bertha, die seit der Nacht krank im Bett liegt, bestätigt ihren Mann in seinen Zweifeln, indem sie ihn darauf hinweist, dass Walther den Namen des Hundes wusste, der ihr längst nicht mehr einfiel. Woraufhin Eckbert, von seinem Wahn geplagt, seinem Freund einige Zeit später im Wald beim Sammeln von Moos begegnet und ihn mit einer Armbrust erschießt. Als er zum Schloss zurückkehrt, ist seine Frau bereits verstorben. Vor lauter Einsamkeit, die ihn erwartet, bereut Eckbert seine Tat und versucht sich durch Besuche von Festen ein wenig abzulenken. So lernt er den Ritter Hugo kennen, mit dem er bald eine enge Freundschaft pflegt, wie er sie auch mit Walther hatte. Wieder verspürt er das Gefühl, sich seinem Freund öffnen zu müssen. Und er tut es, obwohl ihm unwohl dabei ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, von Bertha und von Walther, und dass er ihn getötet hat. Hugo spricht ihm zu, doch Eckbert fühlt sich an Walther erinnert, erkennt von da ab auch in Hugos Verhalten das ablehnende und hämische seines ehemaligen Freundes. Wut und Entsetzen packen ihn, weshalb er flieht und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause findet. Halb wahnsinnig und von entsetzlichen Gedanken geplagt, die ihm das Rätsel der Geschehnisse nicht enthüllen, beschließt er zu Pferd eine Reise zu machen, um sich wieder ordnen zu können. Ziellos irrt er durch die Lande, findet sich in einem Gewinde von Felsen wieder, bis er endlich einen alten Bauern trifft, der ihm einen Weg hinaus zeigt. Und auch bei diesem bildet sich Eckbert ein, es könne Walther gewesen sein, da er seine Münzen, die er ihm zum Dank geben wollte, ausschlug. Durch Wiesen und Wälder reitet er sein Pferd zugrunde, setzt seinen Weg zu Fuß fort, bis er träumend einen Hügel hinaufsteigt, von dem aus er ein Bellen vernimmt, wie auch ein Säuseln der Birken. Ein Lied mit wunderlichen Tönen dringt an sein Ohr:

Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Eckbert glaubt sich nun endgültig wahnsinnig. Er weiß nicht ob er träumt oder wacht, kann das Rätsel nicht lösen. Gibt es Bertha überhaupt? Seine Erinnerungen sind keine zuverlässige Quelle mehr. Hustend schleicht die Alte mit ihrer Krücke dem Hügel entgegen. „Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?“, schreit sie Eckbert entgegen. „Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo.“ Der Ritter erkennt seine entsetzliche Einsamkeit. Die alte Hexe fügt hinzu: „Und Bertha war deine Schwester. Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.“ Eckbert liegt am Boden, ruft: „Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?“ „Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe“, gibt sie ihm zur Antwort. Eckbert stirbt unter den Worten der Alten, dem Bellen des Hundes, während der Vogel sein Lied wiederholt.

Tieck, der Wald und die Waldeinsamkeit

Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Tieck, der als junger Mann noch unter den Fahnen der Aufklärung schrieb, versuchte bald, als Ergebnis eines inneren Aufbruchs, sein Werk unter dem Anspruch eines neuen hohen Ideals keimen und entstehen zu lassen. Und wie wir wissen, gelang es ihm. Von allen gelesen, beeinflusste er vehement das Denken und Schreiben, ganz allgemein die Kunst seiner Kollegen. Durch seine Bearbeitung der alten deutschen Volksbücher und -märchen (etwas, das den Aufklärern nicht im geringsten einfiel, da sie diese dem irrationalen Aberglauben zuordneten) versuchte er nicht nur Gedächtnisse von Jahrhunderten zu bewahren, sondern mehrte auch sein Wissen über die Lebensweisen der damaligen Zeiten. Mit Der blonde Eckbert präsentiert er typische Motive der Romantik. Die Sehnsucht, das Geheimnisvolle, der Abgrund und das Grauen sind allgegenwärtig in diesem Kunstmärchen. Der Wald, der in seinen Werken den wichtigstigsten Akteur stellt, dient ihm hier, wie auch in vielen anderen Märchen und Novellen, als subjektive Seelenlandschaft, die – anders in seiner Lyrik – häufig dunkel und dämonisch durchtränkt ist. Dennoch erfahren wir hier die Protagonisten des Waldes (die Bäume) auch als schwärmerische, säuselnde und verzaubernde. Und so ist der Wald bei Tieck nicht einfach dem städtischen Leben gegenüberzustellen, obgleich er doch, wie in dieser Geschichte, eine sehr eigene und individuelle Existenz nachzuzeichnen vermag. Was nicht verwundert, bedenkt man, dass Tieck selbst das Stadtleben sehr genossen hat, konnte er doch, vor allem in den Großstädten, mit Gleich- und Andersgesinnten über die Künste diskutieren. Pantheistisch und traumkonnotiert sind Tiecks Wälder. Denkt man bei Klopstock vor allem an Eichen, sind es hier die Birken, die verführen. Und so tritt Bertha mit dem Verlassen ihres Elternhauses in eine Sphäre des Magischen und Schicksalhaften ein (das typisch romantische Wanderschaftsmotiv wird hierbei vom Hänsel-und-Gretel-Motiv eingeleitet). Doch was lernt sie, und später auch Eckbert, kennen? Ist es die Natur ihres Wesens, oder ist es das Wesen der Natur, zu dem auch sie zu zählen sind? Klar ist: Die Emphase des in ihr Wandelnden wird ihr, der Natur, auszudrücken zugedacht. Daher sind es auch keine Naturlandschaften, die wir da draußen so vorfinden würden, würden wir sie mit den vorkommenden abzugleichen versuchen.

Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.

Die Idealisierung des Waldes, die den, im Zuge der Modernisierung, damalig häufig gepflanzten Nadelholzmonokulturen entgegensteht, erschafft dem Menschen einen sog. locus amoenus (hier das Birkental mit der Hütte der Alten), der ihm zum Idyll, zu einer Sehnsuchtslandschaft sondergleichen wird. Der von Tieck geprägte Begriff der „Waldeinsamkeit“ erfährt mit diesem Naturmärchen an großer Bekanntheit. Weitere mit der Natur verschränkte Wortschöpfungen folgen, wie z.B. die „Bergeinsamkeit“.

Schicksal und Inzest

#13 © Igor Morski

Der umherirrende Mensch, der durch den locus terribilis (hier besonders die Felsenlandschaften) flieht, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, der nicht weiß, ob er träumt oder längst dem Wahnsinn anheimgefallen ist, dient vielleicht sogar der Natur als Projektionsfläche, die ihn träumt, die sich an ihm und durch ihn vollzieht. Denkbar, nehme ich das Inzestmotiv in Augenschein, das mir am Ende den frühen erzählerischen Sog dieser Geschichte erklärt, die wir selbst als Geschichte in einer Geschichte erfahren. Denn beide, Bertha wie auch Eckbert, sind fortwährend damit beschäftigt, ihre Geschichte einem Nächsten zu erzählen, in der Hoffnung, Verständnis für ihr Handeln zu erfahren, das ihnen selbst weitestgehend unerklärlich und schicksalhaft bleibt. Gehuldigt wird damit dem sog. Freundschaftskult, der ganz besonders den Romantikern ein Begriff war. Naiv und unschuldig sind die beiden gezeichnet, trotz ihrer moralisch verwerflichen Handlungen. An das Gute glaubend, auf Erfüllung hoffend, öffnen sie sich der Welt und ihren Gästen. Doch sogleich sie dies tun, gewinnt der Zweifel die dunkle Oberhand. Ihr einsames Glück scheint sofort bedroht. Schuldgefühle, wie die von Bertha, da sie die Alte beraubt und verlassen hatte, werden an die Oberfläche gespült. Auch scheinen beide seit je her ihr dunkles Schicksal zu ahnen. Bertha, die mit Beendigung ihrer Jugendgeschichte und dem Wiedereinsetzen der Rahmenhandlung erkrankt, stirbt sogar an ihren Schuldgefühlen, die sie zuvor lange verdrängt hatte. Walther wird zum Verhängnis, dass er Bertha gegenüber äußert, er könne sich gut vorstellen, wie sie den kleinen Strohmian füttert. Die Nennung des Namen des Hundes (der Hund als Treuemotiv), den sie lange vergessen hatte, erschüttert sie in ihrer Sicherheit. Woher konnte Walther ihn wissen? Eckbert, der daraufhin seinen Freund im Wald mit einer Armbrust tötet, will ihn bald in jeder ihm begegnenden Person wiedererkennen, so auch in Hugo und dem alten Bauern. Ähnlich wie Bertha einst, verlässt er sein Heim und irrt durch die Lande und Wälder. Bis er, sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher, zu dem Hügel gelangt, auf dem Bertha einst stand und auf ihr neues Zuhause herabblickte. Schreiend kommt ihm die Alte entgegen, die nach ihren Tieren und Edelsteinen ruft, nach Bertha und warum sie sie so tückisch verlassen hat. Ein die Seele terrorisierender Horror, bedenkt man, dass, während sie auf ihn einspricht und ihm die Wahrheit über Berthas Herkunft verkündet, der Hund bellt und der Vogel (der Vogel als Seelenmotiv) sein Lied singt. Eine klangliche Zuspitzung, die der malerischen dramaturgisch in die Hände spielt. Was seiner Frau einst eine Idylle war, ist Eckbert düster und todbringend. Als müsse das Unheil ihrer Liebe gesühnt werden. Als hätte es niemals unter einem guten Stern stehen können, obwohl sich beide tief verbunden zueinander fühlten, ihr eigenes Idyll, seit ihrer Begegnung und Heirat, leben konnten. Als wären sie Adam und Eva in ihrem Paradies gewesen, das ihnen, aufgrund dessen, dass sie Halbgeschwister waren, nicht zugedacht war. Und doch bleibt zu fragen, ob es nicht genau deshalb eines auf Zeit sein konnte, da die Liebe, die Natur ihren Willen forderte, beide zueinanderfinden ließ. Die Alte, die Eckbert gegen Ende wie eine Rachegöttin entgegentritt, erinnert stark an eine Erd- und Totengöttin wie Hel eine ist. Sesshaftigkeit verlangte sie von dem Mädchen, nicht vom Wege abzukommen riet sie ihr, statt vom Fernweh getrieben neugierig in die Welt zu treten, da sich sonst ein Unheil vollziehen würde. Prophetisch wurde das Heim als heiler Ort von ihr verkündet, als eine Idylle, in der der Mensch keinen Versehr erfährt, solange er sich der Neugier verweigert, passiv bleibt, die Dinge geschehen lässt, ohne sie selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Verstörend und enorm sehnsuchtsvoll ist dieses Horrormärchen, das die Grenze zwischen Wahn und Realität, Traum und Wirklichkeit auf eine dunkle, tief schauerliche Weise verwischt. Hell und inniglich sind mir die beiden Hauptprotagonisten, Eckbert und Bertha (die sich auch namentlich ähneln), dennoch in ihrem Bestreben glücklich zu sein, die Welt im Kleinen an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen, auch wenn dies nicht gelingt. Ein psychologisch herausragener Stoff, der dem Wahnsinn ganz eigene kraftvolle Landschaften wirkt, unter deren Oberflächen sich Dunkles verbirgt: eine blinde Natur, die sich im Menschen offenbart, der die Natur seines eigenen Willens entwickelt. Ein zeitlos mystischer Horror, der zeigt, wie unergründlich und unhintergehbar unser Dasein ist.

Imago

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen.

Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen.

Woher stammt der Begriff „Heavy Metal“?

Untersucht man den Begriff Heavy Metal als ein Musigenre auf seine etymologische Herkunft, führt das zu dem überraschenden Ergebnis, dass die konventionellen Meinungen und Darstellungen der Herkunft des Begriffs falsch sind. Recherchiert man in der Fachpresse und in Interviews mit den am Begriff beteiligten Personen, offenbart sich, dass der Begriff teilweise in der kulturellen Atmosphäre der damaligen Zeit lag. Es gab durchaus konkurrierende Begriffe für die Art von Musik, die sich dann als Heavy Metal durchgesetzt hat, aber keiner von ihnen hätte dem Genre die gleiche Strahlkraft und Authentizität vermitteln können.

Wo aber kommt der Begriff Heavy Metal her? Das hat sich mit Sicherheit jeder schon einmal gefragt, um dann auf die gängigen Antworten zu treffen. So weit so gut, wenn man sich damit zufrieden gibt. Heutzutage ist der Heavy Metal in Bezug auf den Sound, die Lyrics und das unterschiedliche Publikum so sehr zersplittert, dass wir im besten Falle von einem Meta-Genre sprechen können. Das einzige Verbindungsglied ist die Reduzierung auf das Stammwort Metal. Hat der Begriff darüber hinaus eine Bedeutung? Eine Antwort kann man finden, wenn man sieht, wann und warum er überhaupt verwendet wurde.

Ein Genre erfüllt immer auch eine „Ordnungsfunktion“, die es erlaubt, eine bestimmte Anzahl von Musikstücken zu gruppieren, zu definieren, zu unterscheiden und mit anderen zu vergleichen. Wenn wir also Metalsongs einem Genre zuordnen, dann weist das darauf hin, dass unter ihnen ein Verhältnis von Homogenität, gleicher Abstammung, und Authentizität bereits etabliert ist.

Die herkömmlichen Antworten auf die Frage: „Woher stammt der Begriff Heavy Metal“?

In einschlägigen Printmedien werden drei verschiedene Quellen genannt. Zwei davon hatten mit diesem Begriff allerdings keinen Musikstil im Sinn. Die erste Quelle besagt, dass die Textzeile „Heavy Metal Thunder“ aus dem Song „Born to be Wild“ von Steppenwolf dafür verantwortlich ist, dass wir heute mit diesem Begriff hantieren.

Im Juni 1968 erreichte der Song Platz 2 in den US-Charts. Wie jeder zu wissen glaubt, taucht der Begriff hier zum ersten Mal innerhalb eines Musikstücks auf.

Abgesehen davon, dass der Song einer der meist gespielten im Radio ist, hat er seine Bekanntheit nicht zuletzt dem Film Easy Rider von 1969 zu verdanken. Mars Bonfire, der den Song schrieb, erklärt den Begriff folgendermaßen:

Ich benutzte den Ausdruck „Heavy Metal Thunder“ in „Born To Be Wild“, um damit zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn du mit dem Auto oder dem Motorrad auf den Wüstenhighways Kaliforniens unterwegs bist. Als ich das Lied schrieb, erinnerte ich mich an solche Erlebnisse und diese Phrase fiel mir ein, um die Schwere und die Lautstärke der Motoren zu beschreiben. Erst danach wurde mir klar, dass ich den Begriff „Heavy Metal“ noch aus der Schule kannte. Die Schwermetalle sind Teil des Periodensystems von Mendelejew, das Elemente mit hohen Atommassen enthält.

Die zweite Quelle, die als Urheber des Begriffs Heavy Metal zitiert wird, hat ebenfalls keinen musikalischen Kontext. Es handelt sich dabei um den Roman „Naked Lunch“ von William S. Burroughs. In diesem apokalyptischen Buch verwendet Burroughs den Ausdruck Heavy Metal als Synonym für Folter. Der Journalist des Circus Magazine Philip Bashe schrieb in einem Buch über das Genre, dass „der Begriff Heavy Metal wohl am ehesten aus William S. Burroughs Roman Naked Lunch, 1959 in Paris geschrieben, 1962 in den USA veröffentlicht, stammt.“

Und ein Journalist des Toronto Globe stimmte dem zu:

„Die moderne Musik der Stahlarbeiter, der Rockergangs, und die Hintergrundmusik der südamerikanischen Folterkammern hat ihren Namen von einem Begriff, der von William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde“.

Gefunden werden kann die Figur des Uranus-Willy, the heavy metal kid im zweiten Teil der sogenannten Nova-Trilogie, genannt „Nova-Express“. Da es so viele unterschiedliche Editionen von Burroughs Schriften gibt, wird man sie in der gekürzten deutschen Übersetzung von Naked Lunch wohl eher nicht finden.

Wie auch immer, Willy, the heavy metal kid hat keinerlei Bezug zur Heavy Metal-Musik. Es bleibt also erst einmal unklar, warum gerade dieser Charakter zu einem Namensgeber wurde. Vielleicht war es auch gar nicht diese Figur, Burroughs diente der Begriff nämlich ebenfalls als Bezeichnung einer Droge, oder genauer: für Heroin.

In dem Buch „The Ticket that explodes“ heißt es:

„Was wir Opium oder Junk nennen, ist eine stark verdünnte Form der Schwermetallsucht“.

(Hier haben wir die erste mögliche Analogie, die besagt, dass man von der Musik abhängig ist und sie hört, um high zu werden).

Bisher konnte nicht bestätigt werden, ob Steppenwolfs Text sich in irgendeiner Weise auf Burroughs Werk bezieht, obwohl der berühmte Rockkritiker Lester Bangs Burroughs in seinen bahnbrechenden Artikeln im Creem Magazine zitiert, in denen sich der Schriftsteller davon überzeugt zeigt, den Begriff Heavy Metal, bezogen auf eine Musikform, erfunden zu haben.

Creem-Magazine vom Juni 1972. Der besagte Artikel dreht sich um Black Sabbath.

Tatsächlich erwähnen die meisten Quellen, in denen es um die Namensgebung geht, Bangs. Und so haben wir unsere drei Ursprünge beisammen: Steppenwolfs Song, Burroughs‘ Buch, und einen Artikel des Musikkritikers Lester Bangs.

So deutete beispielsweise der Eintrag „Heavy Metal“ in der Rolling Stone Encyclopedia of Rock & Roll von 1983 an, dass „der Begriff Heavy Metal ursprünglich von dem Beat-Autor William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde, von Steppenwolf in ihrem Hit „Born to be Wild“ („Heavy Metal Thunder“) wieder in das Pop-Vokabular aufgenommen, und anschließend von Rockkritiker Lester Bangs in der Heavy-Metal-Fanzeitschrift Creem“ neu definiert wurde.

Und es gab noch mehr Magazine, die das jahrelang genauso voneinander abschrieben. Kritiker wie Bangs sind fast schon logischerweise Namensgeber von Genres, weil sie diese Konstrukte kontinuierlich als Kurzform verwenden müssen. Das verhielt sich mit der NWOBHM ganz genauso. Das macht die Sache dann besonders glaubhaft. Der Witz an der Sache: Es ist falsch.

Die Soziologie-Professorin Deena Weinstein hat das in ihrem Buch „Heavy Metal: The Music and it‘s Culture“ nachgewiesen, indem sie sich durch die zitierte Ausgabe des Creem Magazine von Juni 1972 arbeitete. Natürlich fand sie den oft zitierten Artikel von Bangs, aber davon war kein Wort von Heavy Metal zu lesen. Tatsächlich ging Weinstein die ersten zwei Jahre nach der Gründung des Magazins durch, wurde aber nur ein einziges Mal fündig.

In einer Rezension von Sir Lord Baltimores Debüt Kingdom Come (Mercury) im Mai 1971 schrieb der Creem-Kritiker Mike Saunders:

Dieses Album ist weit entfernt vom derzeit vorherrschenden Grand Funk-Matsch, denn Sir Lord Baltimore scheinen die besten Heavy Metal-Tricks für sich zu verbuchen. Genau genommen klingen sie instrumental wie eine Mischung aus den schnelleren Led Zeppelin-Songs, und gesanglich wie ein endloses Johny Winter-Kreischen. Sie halten alles mit kühlem Kopf beisammen.

Deena Weinstein: Heavy Metal: The Music and it’s Culture

Mike Saunders war also ihr Kandidat, um als Urheber des Genre-Begriffs zu gelten. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde diese Gewissheit jedoch erschüttert. Sie sprach mit einer Plattenpublizistin und diese erwähnte Bangs mit viel Ehrfurcht. Weinstein wollte den Sachverhalt richtig stellen und erwähnte, dass es nicht Bangs, sondern Saunders gewesen war, der den Begriff Heavy Metal zuerst verwendete, um einen Musikstil zu beschreiben. Die Publizistin kannte Saunders und gab Weinstein die eMail-Adresse. Zur Überraschung der Professorin erklärte ihr Saunders, dass er es garantiert nicht gewesen sei, sondern dass der Begriff definitiv 1971 zum ersten Mal in der Presse benutzt wurde. Er selbst habe zwar keine Erinnerung mehr daran, vermute aber, dass Lester Bangs der erste war, weil er in den Anfangstagen von Creem eine Menge Artikel verfasst habe.

Diese Aussage jedoch blieb unbestätigt. Kein einziger Text wies daraufhin, dass der Begriff vor Saunders‘ Lord Baltimore-Rezension jemals benutzt worden war, bis im Jahre 2006 eine Mail von Saunders an Weinstein den Sachverhalt aufklärte. Darin sagt der Musikkritiker, dass tatsächlich er den Begriff geprägt habe, allerdings schon früher als bisher angenommen, nämlich am 12. November 1970 im Rolling Stone, als er die ersten drei Humble Pie-Alben besprach.

Bei der Beschreibung ihres zweiten Albums Safe as Yesterday sagten Saunders, dass Humble Pie

„eine laute, unmelodische, bleiern-heavy-metal-schwere Shit-Rock-Band sind, deren laute und lärmende Stücke auch schon alles aussagen“.

In dieser Mail erklärte er auch, wie er auf den Begriff Heavy Metal kam:

Mittlerweile ist es mir ganz klar. Ich hatte im Herbst 1969 und im Frühjahr 1970 meine ersten Semester Chemie studiert. Die Phrasen „bleiernes Metall“ und „Schwermetall“, zusammen mit dem Periodensystem der Elemente, aus der sie stammten, hatten meinen Alltag zu diesem Zeitpunkt stärker geprägt als jeder alte Steppenwolf-Hit.

Humble Pies Album war steif, schwülstig, das heißt, bleiern in seinem Mangel an Swing, was die Drums betraf. Seit drei Jahren gab es bereits den gebräuchlichen Genrebegriff heavy, nämlich als Heavy Rock. Zum Teufel, warum also nicht den Begriff „bleierner Metal“ zwischen das Heavy/Rock-Tandem einfügen? „Metallisch bleiern“ muss auf dem Papier besser aussehen, also; „bleierner Heavy-Metal-Rock“. Seitdem sind die beiden Wörter heavy und metal selbst in ein Tandem verwandelt worden, genau wie auf der Periodentafel.“

Saunders‘ Ableitung basierte nicht auf Steppenwolfs Song, „und man kann mir glauben, dass ich noch nie etwas von Burroughs gesehen oder gelesen hatte“, betonte er. Er berichtete, dass einige Monate nach dem Schreiben der Humble Pie-Rezension folgendes geschah:

Als ich dem Sir Lord Baltimore-Debüt aufmerksam lauschte, verwertete ich einfach mein eigenes mentales Inventar an Phrasen in einem viel günstigeren Licht, als ich nämlich von den „besten Heavy-Metal-Tricks“ sprach.

Das könnte man jetzt einfach mal so stehen lassen. Weinstein tat das nicht und hegte einen gesunden Zweifel daran, dass Saunders sich richtig erinnerte. Schließlich hatte er zuerst behauptet, seine Sir Lord Baltimore-Rezension wäre nicht das erste Mal gewesen, dass der Begriff „Heavy Metal“ im Druck verwendet wurde. Also lag er vielleicht auch mit seiner Humble-Pie-Rezension falsch.Vielleicht war es gar nicht Saunders, der den Namen des Genres geprägt hat. Schließlich gab es weitere Kandidaten.

Andere Mitbewerber

Der glaubwürdigste und bekannteste Rivale ist Sandy Pearlman. Er war bereits ein Rockkritiker gewesen, als die Rockkritik noch in ihren Kinderschuhen steckte, Autor und Mitherausgeber von Crawdaddy! Außerdem produzierte und unterstütze er auch sonst Bands, vor allem aber war er der Produzent und Mentor von Blue Oyster Cult. 1991 sagte er in einem Interview:

„Ich habe den Begriff Heavy Metal erfunden. Tatsächlich habe ich ihn aus dem Periodensystem genommen, aber ich habe ihn auf die Musik geklebt.“

In einem Gespräch, das er mit dem Mondo 2000-Autor Jas Morgan führte, erwähnte Pearlman, , dass er den Begriff in seiner Crawdaddy!-Rezension des The Notorious Byrd Brothers-Albums wegen „der unglaublichen Komplexität der Verzerrung“ verwendete.

Tim Connors, Inhaber der Website ByrdWatcher: A Field Guide to the Byrds of Los Angeles, auf der eine Kopie dieses Interviews zu finden war (die Seite ist nicht mehr im Netz), ließ Zweifel an Pearlmans Behauptung aufkommen:

Pearlmans Rezension in Crawdaddy! enthält in Wirklichkeit den Begriff „Heavy Metal“ nicht; vielleicht kann ein hilfreicher Leser eine andere Erwähnung der Byrds in einem Artikel finden, in dem Pearlman den Begriff verwendet. Beachten Sie, dass in der Regel Lester Bangs dafür Anerkennung erhält, den Begriff von William Burroughs aufgenommen und in seinem musikalischen Sinne angewendet zu haben. Dennoch ist Pearlmans Beobachtung interessant, auch wenn sein Gedächtnis ungenau ist.

Weinstein.Deena

Pearlman lässt das Wort „Metal“ zwar fallen, allerdings in anderen Rezensionen. „Metal“ durchdringt seine Rezension des Live-Albums der Rolling Stones, Got Live if you Want It!, im März 1967 in Crawdaddy! veröffentlicht.

„Auf diesem Album werden die Stones zum Metal. Technisch sitzen sie fest im Sattel.“

Er verwendete den Begriff Metall (oder metallisch) achtmal in den ersten acht Sätzen der Rezension. Allerdings verwendet er nicht die Formulierung „Heavy Metal“. Er verwendet einfach „Metal“ als Adjektiv, um einen Sound zu beschreiben, und nicht etwa einen Stil, der über dieses Album oder diese Band hinausgeht – das heißt, nicht als Genre.

Auch Barry Gifford wurde zu einem wichtigen Kandidaten, nachdem er 1968 im Rolling Stone eine Rezension über ein Electric Flag-Album schrieb:

Niemand, der Mike Bloomfield in den letzten Jahren zugehört hat – weder redend noch spielend – hätte das erwarten können. Das ist die New Soul Music, die Synthese aus White Blues und Heavy Metal-Rock.

Lester Bangs

Diese Verwendung kann hier als Beschreibung des Sounds des Albums oder als Genreprägung interpretiert werden, da Soulmusik und White Blues Genres sind. Der Autor verdeutlichte jedoch später seine Absicht. In Bezug auf den Begriff  „Heavy Metal“ sagte er:

„Ich habe nur den Sound der Band beschrieben, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem hatte, was später im Volksmund als Heavy Metal bekannt wurde“.

Und noch ein weiteres Gerücht über die erstmalige Nutzung des Begriffs gibt es. In einem BBC-Interview sagte Chas Chandler, der Manager von Jimi Hendrix, dass der Begriff in der New York Times verwendet werde, um Hendrix‘ Musik zu beschreiben. Es wurde jedoch kein solcher Artikel gefunden. Man vermutet deshalb, dass Chandler die Review von Axis: Bold as Love im Rolling Stone im Kopf hatte. Dort schrieb Jim Miller:

Jimi Hendrix klingt wie ein Schrotthaufen, sehr heavy und metallisch laut.

Kritiker Scott Woods, der 2011 zum Chandler-Hendrix-Posting Stellung nahm, schrieb:

Interessant an all diesen frühen Beispielen ist wahrscheinlich, dass die Autoren alle das Wort „Metal“ (und seine Ableitungen) als eigentliches Adjektiv verwendeten, um herauszuarbeiten, wie die Musik klingt. Das ist alles, und es war noch kein Genre damit kodifiziert. („Grunge“ hat ähnliche Anfänge und wurde von Kritikern oft als Wort benutzt, um eine bestimmte Art von lautem, dreckigem Gitarrenrock zu beschreiben.)

Bis auf Saunders verschwinden alle anderen Konkurrenten im Diffusen. Doch starke Zweifel gab es auch an seiner Aussage.

Tatsächlich hatte Weinstein bisher nur das Creem-Magazin durchsucht, um fündig zu werden. Was aber war mit dem Offensichtlichsten, dem Rolling StoneIn der Tat wurde hier der Begriff zum ersten Mal verwendet, und zwar von keinem geringeren als Lester Bangs.

In seiner Rezension von The Guess Whos Canned Wheat in der Rolling Stone-Ausgabe vom 7. Februar 1970 schrieb Bangs:

Mit der feinen Hit-Single ‚Undun‘ im Gepäck sind sie nach all den Heavy-Metal-Robotern des vergangenen Jahres ziemlich erfrischend.

Hier wird der Begriff Heavy Metal als Adjektiv verwendet. Er bezieht sich auf eine Gruppe von Bands. Diese als Roboter zu beschreiben, ist kein Lob – es erniedrigt ihre Arbeit als mechanisch und nicht als kreativ, als allgemein und nicht als authentisch. Dennoch gilt er hier als der Name für ein Genre. Dass sie als „Schwermetallroboter“ bezeichnet werden, scheint überflüssig, da Roboter im Allgemeinen aus Metall bestehen (und nicht aus weichem Material wie Stoff oder nicht formbarem Material wie Beton). Warum nicht den Begriff  „Metallroboter“ (Metal Robot) oder einfach nur Roboter verwenden? Man kann spekulieren, dass Bangs sich auf Burroughs‘ Blue Heavy Metal People of Uranus mit ihren Metallgesichtern und Antennen bezog, wie Uranus-Willy, the heavy metal kid, ein Charakter aus der Nova-Trilogie.

Bangs kannte sich mit den Beat-Dichtern gut aus. Obwohl Kerouac zu seinem Haupteinfluss wurde, war er sicherlich mit Burroughs‘ Werk vertraut.

Ein Genre mit einem anderen Namen ist ein anderes Genre.

Obwohl Bangs und Saunders den Begriff Heavy Metal jeweils aus sehr unterschiedlichen Quellen entlehnt haben, haben beide Kritiker ihn in den ersten Reviews, in denen sie ihn verwendeten, im negativen Sinne eingesetzt. Dennoch war ihre Einstellung zu dieser Art von Musik, zumindest in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, etwas anders. Bangs hat vielleicht über einige der Bands geschrieben, die er oder andere als Heavy Metal bezeichnen würden, aber er war kein Fan. Saunders hingegen spielte das, was er für guten Heavy Metal hielt, so oft im Schlafsaal seiner Uni, dass er Ende 1971 den Spitznamen Metal Mike bekam.

Wer das Genre zuerst benannt hat, ist weniger bedeutend als die Gründe, warum sich dieser Name durchsetzte.

Anfangs gab es mehrere alternative Genre-Namen für die Art von Rock, der schließlich als Heavy Metal bekannt wurde. Der früheste war „Heavy Rock“. Er wurde in den späten 1960er Jahren mit CreamBlue Cheer und vor allem Led Zeppelin in Verbindung gebracht und blieb bis Anfang der 1970er Jahre vor allem in Großbritannien im Einsatz. Black Sabbath, die aus der gleichen Birminghamer Szene wie Robert Plant und John Bonham stammten, wurden ebenfalls häufig als Heavy Rock eingestuft. (Für kurze Zeit galt Black Sabbath auch als Prog-Rock. Frühe Konzertplakate für ihre Auftritte auf der Insel im Jahr 1970 benutzten diesen Slogan, und auf ihrer ersten US-Tournee eröffneten sie für Yes, eine Progrockband der Extraklasse.)

„Heavy“ referenzierte den Klang der Musik – die lauten E-Gitarren und Bässe, und auch das knackige Schlagzeugspiel. Aber „heavy“ war auch ein Wort, das von der Jugend der 60er Jahre stark benutzt wurde. Es bedeutete „tief“, „bedeutungsvoll“ oder einfach nur „gut“.

Hard Rock war ein weiterer Begriff, nicht so sehr für ein Genre, sondern für einen weiten Bereich der Rockmusik, der den Blues-Rock als gemeinsamen Nenner hatte. Wenn eine Band mit E-Gitarren und Bass und einem großen Schlagzeug nicht an ein bestimmtes Genre wie Psychedelic Rock oder Heavy Metal gebunden war, wurde sie in diese breitere Kategorie eingeordnet.

Ein weiterer Genrebegriff, der vor allem in den USA für Sabbath, Grand FunkBloodrock und andere verwendet wurde, war „Downer Rock“. Diese Bezeichnung wurde von Kritikern auf verschiedene Weise verwendet. Zuerst wurden die Texte der unter der Rubrik versammelten Bands als Antipoden des hoffnungsvollen Happy-Hippie-Verhaltens angesehen. Tatsächlich konzentrierten sich diese Bands auf die dunkleren Wahrheiten der Realität, wie Krieg und Tod. Eine zweite Referenz für „Downer“ war die Tendenz einiger Fans dieser Bands, Barbiturate wie Seconal und Quaaludes (‚ludes) zu verwenden. Diese sedierenden oder beruhigenden Medikamente waren allgemein als „Downers“ bekannt.

Das Rolling Stone Magazine machte den Genrebegriff durch ein Feature vom Oktober 1971 mit dem Titel: „Twelve Homesick Hours with the Princes of Downer Rock: How Black Was My Sabbath“ populär.

„Downer“ bezog sich in diesem Fall nicht auf Drogen; das Publikum wurde als Bier trinkend beschrieben und auch

„der Geruch von Drogen und dampfenden Körpern umhüllte jeden mit einer feuchten Wolke, die sich mit der Musik und den Worten vermischte, als Ozzie auf der Bühne schrie und seine Faust in der Luft schüttelte, während er auf und ab sprang“

Der Downer Rock im Titel des Artikels bezog sich auf die Texte der Band. Alle Texte der eisenharten Rock-Songs enthalten Bilder einer zum Scheitern verurteilten Welt, die Frustration des einzelnen Menschen, Atomgezeiten, und durch all das hindurch hört man das Lachen des Teufels. All dies zu schmerzhaft lauter und dreckiger Musik. Das Publikum liebte es.

Es war „Downer Music“, nicht „Heavy Metal“, was Bangs in seinem oft zitierten (aber von allen falsch gelesenen) Artikel über Black Sabbath in Creem 1972 verwendete:

„Das Publikum, das endlos sowohl nach dem knochenrüttelnden Klang als auch nach jemandem suchte, der die gegenwärtigen sozialen und psychischen Traumata ins rechte Licht rückt, fand das alles in Black Sabbath. Sie besaßen eine dunkle Vision der Gesellschaft und der menschlichen Seele, die aus schwarzer Magie und christlichem Mythos entlehnt war; sie schnitten direkt in das jugendliche Herz der Dunkelheit mit obsessiven, erdrückenden Klangblöcken und „Worten, die direkt zu deinem Schmerz führen“, Worte, „bei denen es kein Morgen gibt,“ wie Ozzy in „Warning“ von ihrem ersten Album sang. Die Kritiker antworteten fast einstimmig, indem sie sie sie als „Downer Music“ verurteilten.“

Bangs war hier schüchtern und schien sowohl für als auch gegen den Sabbat zu sein. Doch er erkannte das Vorurteil des kritischen Establishments, dessen zentrale Figur er wurde, und vermittelte ein drittes Verständnis des Wortes „Downer“ – ein Versagen.

Was ist der Name Heavy Metal? Die Musik, die mindestens in den ersten zwei Jahrzehnten unter dem Namen „Heavy Metal“ zusammengefasst wurde, zeigte eine Reihe von Eigenschaften und Sensibilität. Diese Musik würde zwar unter anderen Namen genauso klingen, aber wäre sie auch ohne diesen Begriff „Heavy Metal“ zusammengefasst worden? Genres schließen aus und schließen ein. Wäre die gleiche Musik zusammengetragen worden, wenn der Begriff „Downer Rock“ statt „Heavy Metal“ gewesen wäre? Oder einfach nur „heavy rock“?

Zunächst einmal besitzt Heavy Metal das Wort „heavy“, mit all den Konnotationen und Erkenntnissen, die dieses Wort im „Heavy Rock“ als Genre-Namen hatte. In gewisser Weise ist Heavy Metal so etwas wie Heavy Rock, aber mehr noch. Und dieses mehr ist natürlich der „Metal“.

Das Wort „Metal“ selbst hatte in den späten 60er bis mittleren 70er Jahren mehrere Konnotationen. Viele benutzten „Metal“ als Beschreibung eines Klangs. Sie bezogen sich wahrscheinlich auf den dichteren, harmonischeren Klang verstärkter E-Gitarren und benutzten das Metall der Gitarrensaiten als Metonym.

Die Verbindung von „heavy“ und „metal“ kam natürlich nicht aus dem Nichts. Es hatte zu dieser Zeit bereits in anderen Kontexten Geltung, und diese wurden von einigen, einschließlich der Kritiker, in der Rockwelt aufgegriffen.

Bonfire, der Songwriter von „Born to be Wild“ und Kritiker Mike Saunders sagten beide, dass sie den Ausdruck aus ihrem Wissen über das Periodensystem der Elemente nahmen. Es ist schwer vorstellbar, dass einer von ihnen an ein bestimmtes Schwermetall dachte (Kobalt, Kupfer, Mangan, Molybdän, Vanadium, Strontium und Zink, Quecksilber, Blei und Cadmium). Wahrscheinlicher war es, dass sie an Stahl oder seinen Rohstoff Eisen dachten. Eisen ist laut Chemikern nicht Teil der Schwermetallfamilie; es gehört zur Gruppe der Übergangsmetalle. Aber für Metalheads, besonders in den 1970er Jahren, war eindeutig Eisen das echte Metall, das ihr Genre darstellte. So viele der Fans der ersten Jahrzehnte kamen aus den metallverarbeitenden Bereichen – Eisenbergbau, Schmelzereien, Schmieden, Kohlebergbau, Automobilproduktion – der britischen Midlands um Birmingham, die unter anderem Black Sabbath und Judas Priest hervorbrachten, und den Industriegebieten Nordbritanniens und in den USA um Detroit.