Das Jenseits im Nebel

Ich könnte singen von den unheilvollen und drohenden Dingen, den toten und verlorenen. Doch werde ich je wieder reisen durch den vom Wahnsinn gelb gefärbten Nebel des Vergessens, zu den Gestaden fremder Wirklichkeit? Fände ich überhaupt den Weg zurück, der mir damals so zufällig erschien wie einst Rip van Winkle sich über das Auftauchen einer flämischen Gesellschaft verwunderte? Mir selbst wurden keine Jahrzehnte durch einen sonderbaren Schnaps gestohlen, noch nicht einmal Jahre, aber von den merkwürdigen Festen wie in den Tiefen des verhängnisvollen Venusbergs könnte auch ich berichten. Doch wüsste ich nie zu sagen, was sich daran mit meinen halluzinatorischen Träumen mischte, denn eines ist mir klar geworden: Es gibt unterschiedliche Arten des nächtlichen Gespinstes und mindestens eines davon eröffnet uns das Jenseits mit seiner unendlichen Weite. Es ist für mich gar nicht ausgeschlossen, dass, sobald wir unser so stabiles Sternensystem verlassen würden, wir auch außerhalb unserer fleißigen Schlaftätigkeiten dorthin gelangen könnten, allein deshalb, weil wir unsere Körper nicht behalten dürften und stürben; d.h., es stürbe das, was wir in unserer Welt so sehr benötigen, und wenn wir es verlieren, geistern wir umher, unfähig, weiter zu träumen, weil wir in einem derartigen Zustand schlicht all unsere Erinnerungen für einen Traum halten. So nötig haben wir den Schutzschild der Materie, dass wir um seinen Verlust so sehr bangen wie um nichts anderes. Es mag sein, dass wir die Geister deshalb fürchten. Sie zeigen uns, dass wir auch im Tode nicht entkommen können und endlos weiterspielen müssen. Sie zeigen uns durch ihre finsteren Auftritte, wie wichtig die Wiederholung ist und wie sich eben alles so lange wiederholt, bis das Wort Ewigkeit seine Berechtigung erlangt.

Der Tempel von Karnak

Abgesehen davon, dass Türen auch Kunstobjekte sind, sind sie sehr nützlich – wer mag das bestreiten. Über ihre Funktion hinaus steckt in einer Tür ein nicht unbeträchtliches archetypisches Symbol.

Der Tempel von Karnak besaß (und man kann es noch heute sehen) eine Tür, die ins Nichts führte. Das will besagen, dass es eine Treppe gibt, die bis zu dieser Tür hinauf führt und die dann einfach abbricht. In altägyptischer Architektur finden wir solche “Scheintüren” zuhauf (und sie müssen noch nicht einmal, wie im Fall der nach oben führenden Treppe, an die Jakobsleiter erinnern). Aus tiefenpsychologischer Sicht besagen solche Scheintüren, dass die Vorstellung mehr Wert ist als die scheinbare Wirklichkeit. Nun könnte man einreichen, dass unsere gesamte Realität bereits eine Scheinrealität ist, die ausschließlich auf unserer Vorstellung beruht – und hat den Kern der Symbolik erkannt. Die Ägypter besaßen die Möglichkeit, diese Scheintüren Kraft ihrer Vorstellung ganz konkret zu durchschreiten und wenn wir so wollen, können wir eine Analogie zu Alice im Wunderland erkennen.

Das Überschreiten einer Schwelle oder auch das Durchschreiten eines Tores, gehört zu einer so genannten Schwellensymbolik. Nicht selten sind da auch Fenster mit einbezogen. Diese verdeutlicht das Überwechseln von einem Zustand in den anderen. Das kann sich auf Wachen und Träumen ebenso beziehen wie auf Leben und Tod. Schwellensymboliken sind besonders energetisch.

Die Bedeutung von Türen und Schwellen (auch Fenster gehören nicht selten dazu) kann man in folgenden Geschichten erfahren: Rapunzel; Die Tochter des Zitronenbaums, Wassilisa, die Wunderschöne, Ali Baba und die 40 Räuber, Das Wasser des Lebens.

In geisterhafter Isolation

Ich schaute nach innen und sah nichts als Phantome, aufgewühlte Erscheinungen, die Verderbnis um meine Seele schnürten. Ich hatte nichts dagegen, denn ich war der ungeschickten Menschheit und ihrer ungehobelten Welt gegenüber müde geworden, wo sie in freudigem Wahn unter einer verlöschenden Sonne tanzten. Ich fühlte nichts als Verachtung für ihre geistlose Ausgelassenheit, mit der sie meine Unzufriedenheit schalten. Ich fühlte mich einzig mit meinen Phantomen verbunden, die um mein Herz herum kreisten und diesem Organ ein tödliches Klopfen beibrachten. Folglich ruhe ich hier, in dieser einsamen und flachen Vertiefung in der Erde, weit entfernt von den Langweilern und ihren Halluzinationen der Freude, ihrem Gekreische armseliger Euphorie, die leuchtenden Augen voller strahlender Dummheit. Ich sank tiefer in die verständige Erde und in ihre diskrete Umarmung, schloss meine Augen vor einem blassen irdischen Licht, um nach innen zu blicken, wo meine Phantome sich in Aufruhr befanden; und ich sah nicht weg, als sie mich mit ihren besorgten Pfoten berührten und mir dabei halfen, mit ihrem Tanz und seinem unirdischen Rhythmus zu verschmelzen, wobei mein sterbliches Herz eine weitere Verlangsamung erfuhr, ein älteres Klopfen, das hinter meinen Augen pulsierte und sie lehrte, sich ein verschleiertes Reich vorzustellen, in dem die Träume krank gewachsen sind. Diese Krankheit, die zum Tode führt, zersetzte mich, und als Phantomteilchen schwebte ich aufwärts in Richtung des nächtlichen Abgrunds; und dann setzte ich mich wieder zusammen und meine Füße fanden sicheren Halt auf der soliden Oberfläche der Friedhofsmauer, auf der ich durch die Nebel der kargen Dämmerung ging, und durch einen dünnen Nebelschleier erblickte ich einen Dämonenstern mit einem Namen, den ich einst kannte, der aber nun vergessen ist – deshalb konnte ich ihn nicht anrufen. “In geisterhafter Isolation” weiterlesen

Octavio Paz

Der mexikanische Autor Octavio Paz genoss weltweit einen Ruf als Meisterpoet und Essayist. Obwohl Mexiko in Paz’ bekanntestem Buch “Das Labyrinth der Einsamkeit” eine wichtige Rolle spielt, ist sein Werk in Wirklichkeit international. Der berühmte Kritiker Manuel Duran war der Auffassung, dass Paz’ Erforschung der mexikanischen Existenzwerte es ihm erlaubt, eine Tür zum Verständnis anderer Länder und Kulturen zu öffnen und damit Leser unterschiedlicher Herkunft anspricht. “Was als eine langsame, fast mikroskopische Untersuchung des Selbst und einer einzigen kulturellen Tradition begann, weitete sich unerwartet aus”, so Duran weiter, “und wurde universell, ohne seine Einzigartigkeit zu opfern”. Paz gewann 1990 den Nobelpreis und starb acht Jahre später im Alter von 84 Jahren. Sein Tod wurde als das Ende einer Ära für Mexiko betrauert. In einem Nachruf heißt es: “Paz’ literarische Karriere half, die moderne Poesie und die mexikanische Persönlichkeit zu definieren.”

Paz wurde 1914 in der Nähe von Mexiko-Stadt in eine prominente Familie mit Verbindungen zur politischen, kulturellen und militärischen Elite Mexikos geboren. Sein Vater diente als Assistent Emiliano Zapatas, dem Führer einer Volksrevolution im Jahr 1911. Viele Zapatisten wurden ins Exil gezwungen, als ihr Führer einige Jahre später ermordet wurde, und die Familie Paz zog für eine Zeit lang nach Los Angeles, Kalifornien. Zurück in Mexico City verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie, aber als Teenager hatte Paz zunehmend mit seinem Gedichten und Kurzgeschichten Erfolg in lokalen Publikationen. Sein erster Gedichtband, Luna silvestre, erschien 1933. Während seines Jurastudiums zog es Paz jedoch in die linke Politik. Als er einige seiner Werke an den berühmten chilenischen Dichter Pablo Neruda schickte, gab der Senior-Schriftsteller eine positive Kritik ab und ermutigte Paz, an einem Kongress linksdenkender Schriftsteller in Spanien teilzunehmen. “Octavio Paz” weiterlesen

Gegen Klärung und Reinheit

Das Bewusstsein um die Aspekte des Nächtlichen, Abseitigen und Unheimlichen reicht weit ins 18. und 19. Jahrhundert hinein und wurde in der Epoche der Romantik, man möchte fast sagen, geboren als eine antiaufklärerische und schwärmerische Suche. Soweit die Klischees. In Wahrheit formulierte diese literarische Bewegung aber keinen radikalen Bruch mit der Aufklärung, sondern bereicherte diese noch um den Zusatz produktiver Zweifel an einer vollständig rationalen-diskursiven Durchdringung der Welt.

Der Allwissenheitsanspruch der Aufklärung verwandelte sich in der Romantik in eine fragmentierte Realität gegenüber des sinnvollen Ganzen. Mit einer umfassenden Ästhetisierung der porös gewordenen Welt begegnet das romantische Ich der so entstandenen Kluft zwischen Wirklichkeit und Subjekt, das im Kunstwerk nicht zu einer bruchlosen Einheit zurückfindet, sondern in der Sehnsucht nach Einswerdung von den nicht rückgängig zu machenden Rissen im fragil gewordenen Gesellschaftsgefüge kündet. Die Ironie zwischen dem zugleich Ganzheits-Streben und der Erfahrung eines fortschreitenden Auseinanderfallens von Welt und Ich unterstreicht den Charakter einer Epoche, die den Übergang zur Moderne markiert. Dieser in sich gebrochene Blick auf das eigene Selbst und die als Entfremdung empfundene Realität generiert als Subtext des Romantischen eine Atmosphäre latenter Bedrohung und Abgründigkeit. Das Romantische verbindet sich mit dem Unheimlichen durch das Moment der Widersprüchlichkeit. “Gegen Klärung und Reinheit” weiterlesen

Extrablatt mit Katze

Ich forsche schlicht in allen Dingen nach dem Phantastischen, dem Wunderbaren, und ich finde sehr viel davon dort, wo man es gar nicht bemerkt, eingeklemmt in limitierte Gedanken, Wünsche, einen limitierten Geist. Das mag daran liegen, dass bereits die Welt völlig undurchdringbar ist. Welche Welt?, wäre die berechtigte Frage. Dem spüre ich nach mit jeder Zeile. Eine Gesamtwelt existiert schlichtweg nirgends. Die Sprache ist das Vehikel oder auch das Geschoss, das ins Unbekannte führt. Konventionen sind hingegen wie ein bereits gekautes Schnitzel. Es wimmelt geradezu von diesem halbfertigen Speisebrei, den bereits andere im Maul hatten.

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen.

Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen. “Extrablatt mit Katze” weiterlesen

Schreiben wie Lovecraft

Im Juni 2013 bekam ich per Post die neueste Ausgabe von Famous Monsters of Filmland, die ich mir bestellte, weil S.T. Joshi zwei Artikel dafür geschrieben hat. Ich war erstaunt darüber, dass kein einziger Artikel von einer Filmadaption eines Lovecraftschen Themas handelte. Zwei Artikel (“Lovecraft’s Acolytes,” von Robert M. Price und “The New Mythos Writers,” von S. T. Joshi) behandelten jene Schriftsteller, die von seiner Arbeit beeinflusst wurden und unter diesem Einfluss selbst schrieben, angefangen von der Zeit, als Lovecraft noch am Leben war, bis heute; und ein Artikel (“The Language of Lovecraft,” von Holly Interlandi) sah sich Lovecrafts Stil und Satzstruktur etwas näher an! Dass Lovecrafts Einfluss gegenwärtig reiche Blüten treibt, kann anhand solcher großartigen Anthologien wie Lovecraft Unbound (herausgegeben von Ellen Datlow), Black Wings (aka Black Wings of Cthulhu, herausgegeben von S. T. Joshi), New Cthulhu: The Recent Weird (herausgegeben von Paula Guran) und The Book of Cthulhu (herausgegeben von Ross E. Lockhart) abgelesen werden.

Wenn wir von Lovecraftschem Horror reden, oder vom Lovecraft-Mythos (wie er allein in Lovecrafts Werk existent ist), sollten wir diese Erzählungen von jenen unterscheiden, die unter dem Begriff „Cthulhu-Mythos“ bekannt wurden, ein Begriff, den August Derleth eingeführt hat. Lovecraftscher Horror beinhalten Aspekte des Cthulhu-Mythos (der sich von Lovecrafts Einfluss fort entwickelte), aber Lovecratfs Horror besteht aus mehr als kosmischen Entitäten, die auf unseren Planeten sickern, um unsere Träume und unsere geistige Gesundheit negativ zu beeinflussen. “Schreiben wie Lovecraft” weiterlesen

›Brocken‹ von der ›Pirkerin‹

[…] Vielleicht ist es schon der letzte Atemzug der ›Pirkerin‹, die in Hohenasperg ihre Kerkerrunde dreht, begleitet von den Ratten und ihrem Gesang, der sich den Lüften offenbart und von ihnen davongetragen wird, einst lieblich, jetzt schmerzvoll und ohne Takt, sinnlos; wie im Hildebrandslied: ›sunufatarungo!‹ Wie wohl hätte sie sich jetzt hier umgesehen, die Gedanken geschnürter Wind, der in ihrer Kehle Klänge schuf? Vor allem hätte ihr die mütterliche Freundin wohl angeraten, nicht so unbekleidet vor den Zinnen herumzugeistern. Ihr hatte sie die Wahrheit über ihren Gemahl Karl Eugen zu verdanken, der sich nicht überschätzte, denn seine Macht schüttelte ihm die Unansehnlichkeit und das Fett aus den Poren. All das Trübe, das der Zeiten Lauf verspricht, wäscht sich hinfort durch unkontrollierte Sekrete, die dem Felsenquell der Backenwülster entspringen. Was abwärts in den Hals geschlagen wird, beruhigt die Mitte des Leibes nicht – diese Ruhe wird bald und heimlich das Berufsweib auslösen, damit aber das Drama der zwitschernden Anna Maria Pyrker vorskizzieren, die dem Ohr Friederikes singt, und vielleicht warʼs anders als in ihren Liedern und vielleicht kannte sie nur die falschen, oder aber ihr Anstand sträubte sich, was sie sah als Lied aufzufassen: Auguste Agatha, die Tochter des Gondoliere Gardela tropfte herein (das sage ich dir), und wusste sich so zu verrenken, dass Karl Eugen eine neue Optik seines Augenpaares erfuhr; diese Dinger nahmen nun nichts mehr von der Wirklichkeit wahr und platzierten sich mitsamt dem Inhalt seines Gehirns auf dem Leib der Tänzerin, die dieses zusätzliche Gewicht für noch kühnere Hüpfer zu nutzen verstand. Mit allen Gliedern Weltgesang, zauberte sie ihre vielen Nachbilder in den großen Saal. Mit Honigflöten spielten nun die Köche um dampfende Terrinen herum, die Nebelschlangen feixten zitternd aus dem Porzellan, setzten sich unter den blumichten Plafond und bejubelten gemeinsam mit dem Gesicht des Herzogs das stürmende Fleisch. Also schüttelte Eugens Macht auch die ›Pirkerin‹ in den Kerker, in dem sie erst ihr Stimmchen und dann den Verstand verlor, nicht weil sie zu viel über Liebschaften wusste, sondern weil sie zu viel davon in falsche Ohren hinein sang. […]

Sandsteinburg; Der Geburtstag der Friederike; Überarb., Passage der Pirkerin.

Alice (Auf der anderen Seite)

Es war der 4. Juli 1862, als Lewis Carroll (in Wirklichkeit Charles Dodgson) – angeblich ein schüchterner und exzentrischer Mann, der Mathematik an der Oxford University lehrte, die drei kleinen Töchter seines Freundes Henry Liddell zu einer Bootsfahrt entlang der Themse mitnahm. Aus dem, was sich inzwischen aus seinen Tagebucheinträgen ableiten lässt, hat er sich spontan eine lustige und absurd ausgefallene Geschichte ausgedacht, um sie zu unterhalten. Dieser Tag ging in die Literaturgeschichte ein.

Kurz zusammengefasst: Ein junges Mädchen namens Alice (nach einer der Liddell-Schwestern selbst benannt) stürzt versehentlich in eine bizarre Fantasiewelt, in der es auf verschiedene anthropomorphe Kreaturen trifft, einen Wahnsinnigen, der eine sehr seltsame und sehr wunderliche Teeparty veranstaltet, und eine merkwürdige Herzdame, die gerne Krocket spielt, wobei sie Flamingos als Schläger benutzt. Jahre später erinnerte sich Carroll an die Geschichte und entschied sich, sie weiterzuentwickeln und zu transkribieren.

Die veröffentlichte Version, die von John Tenniel illustriert wurde, war ein sofortiger Erfolg, der von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen geschätzt wurde. Selbst die berüchtigte, schwer zu beeindruckende Queen Victoria war amüsiert. Alice im Wunderland war reiner Eskapismus – völlig absurd und doch wunderbar bunt, erhebend und unendlich inspirierend. “Alice (Auf der anderen Seite)” weiterlesen

Tontafelkalender / Julmond / Sonnabend 19

Niemand ist recht zufrieden, wenn er nichts über den Verfasser herauszufinden weiß. Das Geschriebene allein reicht dem Leser, der in seiner echtesten Form ein Seelentauscher ist, nicht, er möchte sich – so scheint’s – nicht mit den Entwürfen zufrieden geben, sondern die Qual des Entwurfs selbst durchleiden. Dann erst glaubt er, dem Werk so nahe zu sein, wie er überhaupt nur kann. Man versucht nicht ohne Grund, in Szenen und Sätzen die Illusion des Lebens herauszufinden, in einem Gericht sich zu verlieren, dessen Gewürze man nicht weiß.

Einschrieb

Meine krakelige Handschrift hat sich seit 40 Jahren kaum verändert. Wenn ich schneller schreibe, legt sie sich offen nach vorne, das ist der einzige Unterschied.

Natürlich habe ich mein ganzes Werk mit der Hand geschrieben, bevor ich es mehrfach tippte. Ein Ausnahme bildet die neuere Geschichte “Die Schwärme unmöglicher Vögel”. Von den vielen hundert vollgeschmierten Notizbüchern, habe ich mindestens die Hälfte weggeschmissen. Das waren hauptsächlich die Sachen aus den 1980er Jahren. Warum ich mit 12 nur englisch schrieb, weiß ich nicht mehr so ganz, vielleicht stand es da irgendwo und ich müsste mich ärgern, nicht mehr nachschlagen zu können, wenn der Ärger etwas wäre, das mit meiner Vergangenheit zusammenhinge. Zu dieser Zeit war der Stift egal, jetzt ist er das nicht mehr. Vor kurzem wollte ich an meinem Pelikan K40 Pura die Feder wechseln gehen, wegen eines feineren Striches, aber der ganze Füller hätte eingeschickt werden müssen und ich habe ja nur den einen. Drei Wochen Wartezeit sind mir zu arg, also suche ich mir einen neuen Kandidaten, der diesmal ein Parker sein wird. Jetzt muss ich mir nur noch einen Nachmittag im Schreibgeschäft gönnen, um mich durch die Modelle zu krakeln.

Jetzt aber versuche ich erst einmal etwas zu frühstücken.

15:47

Geduld ist meine Sache nicht, und so stürzten wir noch Nachmittags von dannen, um in das älteste Schreibwarengeschäft Kemptens zu huschen. Tatsächlich kratzte ich dort zunächst mit einem anvisierten Parker, um später dann die Fliehkraft des Faber Castells schätzen zu lernen. Künftig kann ich mich mit meines Fingers Manneskraft im Mundieren üben. Genau. So. Du süße Bestie. (Die denken jetzt, der Füller ist deine süße Bestie! — A.A.)