Schattentod

Was ich sagen will ist, dass Lyrik nicht gedacht werden kann – allenthalben die Formalisten taten sich daran gütlich, hatten aber zumindest mit ihrer Kritik Recht, die sich auf die Leugnung musikalischer Muster in Gedichten stützte; denn was lautet, ist grundsätzlich der Musik zuzurechnen, ob es den Vertretern der Musik oder den Vertretern der Poeterei nun passt oder nicht. Doch auch hier gilt das, was ich allenthalben für Europa sagen kann: dass die Verquickung aller Schulen ein Gespräch ergibt, dass der Bezug auf die eigene präferierte Leistung lahm erscheint, unergiebig; ein Schattentod, der die grellen Lichter das Objekt verunstalten lässt. Und damit will ich gar nicht an einer Verunstaltung rütteln, die eben gerade neu zu gestalten vermag. Mit neuen Erfahrungen das einst Aufgegebene noch einmal besehen, das Zeitlose daran filtern (und das meint immer das Rätsel unserer Existenz; es meint ausschliesslich das Rätsel unserer Existenz) – das scheint mir jegliche Verunstaltung zu rechtfertigen. Ich könnte jetzt hinzufügen: Um zum Kern zu gelangen, aber es dürfte sich herumgesprochen haben, dass es keinen Kern gibt, dass wir in Feldern zu denken haben. Lyrik – hat man einst behauptet – umkreist seinen Gegenstand, aber in Wirklichkeit wird da gar nichts umkreist, weil das Gedicht schon der Gegenstand ist, und sei es ein Loch, das alles in sein Gegenteil verkehrt.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

homas Ligotti, von einem Fan fotographiert. Per Mail erzählte mir Thomas, dass er selbst keine Kamera besitze. Ab und zu kämen jedoch Fans, um ihn zu besuchen. So käme er zu den weinigen Bildern, die es von ihm gibt.

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

Ligotti benötigt noch nicht einmal Blut oder Leichen, um die Schraube durchdrehen zu lassen (um die weltberühmte Novelle von Henry James zu bemühen), ihm gelingt es, von Anfang an eine bizarre und zutiefst beängstigende Atmosphäre zu erzeugen, indem er mit philosophischen und psychologischen Versatzstücken arbeitet, die sich tief in die Seele zu bohren wissen.

Ligotti wurde einmal gefragt, ob er einen Unterschied zwischen Unheimlicher Literatur und Horror-Literatur mache. Er antwortete, dass ohne Lovecrafts “The Supernatural Horror in Literature” überhaupt niemand von “Weird Fiction” sprechen würde. Das sagt uns in erster Linie eines: Kategorien sind das, was sie schon immer waren: ein eingeschränktes Sichtfeld. Mit Sicherheit reagieren Kritiker, die etwas auf ihre Bildung halten, erbost, wenn jemand daher käme und behauptete, Kafka sei ein Horror-Schriftsteller. Für mich ist er das aber, und für viele andere auch, nur tut man sich schwer, den Horror-Begriff bei ihm allgemeingebräuchlich anzuwenden.

Man hat gesagt, Ligotti schriebe eine Mischung aus Kafka und Lovecraft. Man kann, liest man Ligottis Storys, leicht erkennen, warum man das sagt, und wie oberflächlich diese Aussage dennoch ist. Ligotti selbst sagt von sich, dass er gerne den Ton von Bruno Schulz oder Thomas Bernhard annimmt.

Man könnte verzweifeln, denn das, mit Verlaub, findet man nun gar nicht vor. Ich würde darauf wetten, dass jeden Leser Bernhards, dem man ungerührt Ligotti empfehlen würde, der Schlag treffen müsste. Schlüssiger wird diese Aussage, wenn man Ligottis eigene Vorlieben kennt. Den Horror nämlich sieht er im Leben, in der gesamten Existenz, und nicht allein als literarisches Fach. Dazu mag sein früher geistiger Zusammenbruch, im Alter von 17 Jahren nämlich, nicht ganz unschuldig gewesen sein, ob er allerdings Ligottis komplexen Nihilismus und seine Hingezogenheit zu den Werken Ciorans erklärt, sei dahingestellt.

Es sieht so aus, als sei es Ligottis Schicksal, als unterbewerteter Autor ins Grab zu gehen. Der Thron, so scheint es, bleibt jenen vorbehalten, die nicht im Ansatz so gut oder so besonders sind wie er. Liest man seine Erzählungen, spürt man sofort, dass hier einer keinen Pfifferling auf kommerziellen Erfolg gibt. Ligotti schreibt gerade so, als sperre er sich gegen den Zugriff “uneingeweihter”, als wolle er dort gefunden werden, wo er oft genug seine Geschichten ansiedelt, wo der Schrecken seine maximale Effizienz erreicht. Ligotti lesen nur wenige, das ist von vielen Dingen abhängig zu machen. Wer ihn aber nicht gelesen hat, der hat keine Vorstellung von dem, was an Innovation möglich ist in einem Genre, das man (hilflos genug) dunkle Phantastik genannt hat.

Für jemanden, der mit Ligottis Werk noch nicht vertraut ist, ist der Zugang über Das Alptraum-Netzwerk zu empfehlen. Das hat unterschiedliche Gründe, vor allem aber den: in allen anderen Sammlungen ist der Effekt immer der gleiche, ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer einer Hoffnung auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewusstsein herumtreiben.

Viele der Geschichten Ligottis konzentrieren sich auf die Zerrüttung der Realität entweder durch übernatürlichen Einfluss, den bröckelnden Verstand des Erzählers oder beides. Mehr als einmal haben wir es hier mit einem Hauptprodukt Ligott’scher Schreibkunst zu tun: dem unzuverlässigen Erzähler.

Jener tritt besonders gut in Der rote Turm hervor, der Geschichte, mit der Ligotti den Bram Stoker Award gewann. (Ich habe sie schließlich mit freundlicher Genehmigung Frank Festas in die Anthologie “Miskatonic Avenue” aufgenommen). Bemerkenswert an dieser Erzählung ist das vollkommene Fehlen von menschlichen Charakteren. Es gibt einen Ich-Erzähler, der im Laufe seiner Bechreibung nichts von sich preisgibt und auch keine andere Rolle spielt. Der Protagonist der ganzen Story ist ausschließlich der rote Turm, eine kaputte Fabrik . Aber es gibt durchaus auch einen Antagonisten: Die Landschaft rings um den Turm herum. Der Eröffnungssatz führt beide ein: “Die Fabrikruine erhob sich dreigeschossig in einer sonst gesichtslosen Landschaft.”

In dieser Geschichte stehen Kreativität, Produktion und Neuheiten für das Kranke, Bizarre. Es folgen detailreiche Schilderungen dieser surrealen, oft grauenhaften Produkte, die der rote Turm herstellt. Diese Produktneuheiten sind noch nie dagewesen, verfolgen keinen Zweck, für ihre Produktion scheint nur der Turm als Ganzes verantwortlich zu sein und ihre Perversion nur dazu da, die graue Einsamkeit der Nichtexistenz zu stören, die sich um den Turm herum befindet. Die Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit ist völlig irrelevant, die Artefakte verändern und erweitern sich grundlos und spontan, selbst die Maschinen scheinen mehr gewachsen als gemacht worden zu sein. Und mögen diese fürchterlichen Produkte auch schrecklich sein, die graue Landschaft, diese weite, seelenlose Ödnis um den Turm herum, ist weitaus schlimmer.

Der rote Turm ist eines dieser Stücke, um die keine Genregrenze gezogen werden kann, weil es nur sich selbst als Beispiel hat, und das auf eine unvergessliche Art und Weise.

“Aus den frühesten Tagen der Menschheit hat die Überzeugung überdauert, daß es eine Seinsordnung gibt, die uns völlig fremd ist. Es scheint in der Tat so zu sein, daß die strikte Ordnung der sichtbaren Welt nur ein Schein ist, der gewisse grobe Materialien bereitstellt, die zur Basis für subtile ‘Improvisationen’ unsichtbarer Kräfte werden. Aus diesem Grund mag es einem so erscheinen, als sei ein blattloser Baum nicht ein Baum, sondern ein Wegweiser zu einem anderen Bereich; als sei ein altes Haus nicht ein Haus, sondern ein Ding, das einen eigenen Willen besitzt! als würfen die Toten jenes schwere Laken aus Erde ab, damit sie umherwandeln können in ihrem Schlaf – und in unserem.
Und dies sind nur wenige der unendlichen Variationen über die Themen der natürlichen Ordnung, wie sie üblicherweise begriffen wird.
Aber gibt es ‘wirklich’ eine fremde Welt? Natürlich. Gibt es also zwei Welten? Keineswegs. Es existiert nur unsere Welt, und sie allein ist uns fremd: eigentlich bloß wegen ihres Mangels an Geheimnissen.” (TG, S. 28; Das Tagebuch des J.P. Drapneau, Übers.: Michael Siefener)

Diese Äußerung vermittelt kurz und bündig Ligottis eigene Sache: Am Ende ist das Unwirkliche nicht der Ersatz für das Wirkliche, sondern es geschieht das Umstülpen der Wirklichkeit von innen nach außen, um zu zeigen, daß die wirkliche Welt schon die ganze Zeit über Unwirklich war. Das Instrument für diese Transformation ist Sprache.

Ligotti hat scheinbar mühelos einen sehr markanten und eigenwilligen Stil entwickelt, um Existenz in einen Alptraum zu verwandeln.

Viele von Ligottis Arbeiten könnten diese Bezeichnung tragen: stilistisch verschlungene, mataphernreiche Prosagedichte, die gleichzeitig eine alptraumhafte oder halluzinatorische Atmosphäre voller Seltsamkeiten binden. Handlung ist allenfalls nebensächlich, alles ist der Stimmung untergeordnet. Desweiteren steckt in Ligotti ein beträchtlicher Teil von Blackwoods Erforschung des präzisen psychologischen Effekts hinsichtlich der Wirkung des Unheimlichen auf das menschliche Bewusstsein.

Ligotti spricht in Essays, Interviews und in den Geschichten selbst viel über Stil und Sprache, und jede einzelne seiner Arbeiten ist mit einer makellosen Akribie verfasst.

Mainstream-Mainstreet

Die Mainstream-Literatur hat mit ihrem Nobelpreis-Skandal einen Schlag in die Fresse bekommen, den ich ziemlich amüsiert zur Kenntnis genommen habe. Damit wird dieser Käse aber wohl nicht endlich beendet sein, der Mainstream lechzt schließlich nach Preisen. Apropos Preise: Das Phantastikon hat den Vincent Sonderpreis in diesem Jahr nicht gewonnen. Da dies ein Publikumspreis ist, war das auch nicht wirklich zu erwarten. Die Nominierung hat mich dann auch mehr beunruhigt als begeistert. Schließlich ist aus dem Phantastikon in dreieinhalb Jahren nicht ganz das geworden, was ich eigentlich beabsichtigt hatte. Das trifft aber rückwirkend auch auf die Veranda zu, die jetzt schön im Schatten von allem liegt. Denn eins ist klar: wenn man sein Publikum mehr verachtet als irgendetwas anderes, wird sich das spätestens nach zehn Jahren herumgesprochen haben. Das Publikum, wohlgemerkt, und nicht den einzelnen Betrachter, der hier ohnehin nicht weiß, wo er da hingeraten ist (falls er sich solche Fragen überhaupt stellt). Der einzelne Betrachter also ist das arme verirrte Schaf, das sich verklickt hat und plötzlich mit etwas konfrontiert wird, das er nicht kennt, das er noch nie gesehen hat und das er also auch nicht begreift. Aber er ist lernfähig (so nennt er das hinter seiner Stirn), der Fehler wird ihm nie wieder passieren. Es ist, als ob man in einer großen Stadt von einem belebten Boulevard plötzlich in eine Seitengasse abgedrängt wird – vielleicht war es der Wind, vielleicht die Pfützen im Teer, die er umgehen wollte – und plötzlich findet er sich in einer anderen Dimension wieder. Meuchelmörder treten aus den Schatten, zerschneiden ihm die feisten Wangen, entnehmen ihm ein Auge, kürbisgroße Augen sind das (und eins fehlt jetzt für immer), bevor er mit einem Besenstiel wieder auf die Hauptstraße getrieben wird. Mainstream-Mainstreet liest er auf einem Schild. Und er scheißt auf sein Auge, solange er noch eines hat, das ihn von der Wirklichkeit überzeugt.

Hallo die Post

Für den Kanon kam heute Benjamin Percys “Roter Mond” an. Die Postbotin klingelt mich verlässlich um 9 Uhr aus dem Bett, ich versuche dann, ohne in den Schrankspiegel zu fallen, zur Sprechanlage zu gelangen. Sie sagt: “Hallo, die Post.” Sie sagt es ohne Komma: Hallodiepost. Und ich sage: “Ich komme!” Dann drücke ich auf den Summer und mache mich auf den Weg. Von oben kann ich dann das Päckchen auf der ersten Stufe der Haustreppe liegen sehen.

Percy schrieb auch für Detective Comics und sehr erfolgriech für Green Arrow, aber auch für das Wall Street Journal oder den Esquire. Diese Verbindungen sind immer wieder amüsant, wenn man unsere eigene literarische Landschaft so betrachtet. Die Rezensionen über Jedediah Berry Handbuch für Detektive und Steven Ericksons Das Meer kam um Mitternacht für das Phantastikon sind geschrieben, ein Interview mit Berry habe ich übersetzt. Gegenwärtig sehe ich mir Kirsten Bakis und ihr Leben der Monsterhunde genauer an (in Wirklichkeit lese ich es). Man muss sich den Slipstream, also die Phantastik, die nicht unter dieser Kategorie firmiert, überall mühsam zusammensuchen und dann auch noch nachsehen, ob es überhaupt eine Übersetzung gibt. Manchmal überrascht mich das, manchmal enttäuscht es mich, der Punkt aber ist: ich werde fündig.

This is the wall of dolls
Secret world of smalls

– Golden Earring, The Wall of Dolls

Warum ich ein Phantast geworden

Vielleicht ist es das Dilemma der Geburt, das die Perspektive ein für alle Mal verändert, nachdem wir vorher nichts als Wärme kennengelernt haben, die sich um unseren Körper schmiegt, den wir noch gar nicht kennen und zu diesem Zeitpunkt auch nicht kennen wollen. Uns genügt das mütterliche Meer, in dem wir endlos träumen, bis eines Tages die Vertreibung eingeleitet wird. Das erklärt uns später die Sage von Eden, aber kein Apfel war daran schuld – Erkenntins ist doch eher ein hartes Brot. Das aber nehmen wir mit: dass etwas anders war. Vordem. Natürlich ist das vormundane Träumen eines, das die Konflikte des Ereignisses nicht kennt, denn es bedingt den Verlust, um überhaupt etwas suchen zu wollen. Dabei kann es sich nur um die Gänze des Universums handeln und um den Tod, in dem wir schlummernd lagen. Denn als wir noch nicht geboren waren, was wussten wir da vom Leben? Von des Lebens Entropie? Vom grundsätzlichen Vergehen des Seins? Vom Werden und genommen werden? Als ich noch zu jung war, um meine Seele strikt in meinem Körper zu halten, da schwebte ich über dem Dorf, in dem alle schlafend lagen und erfuhr die Grenze, die ich nicht überschreiten durfte durch ein Gefühl, das sich meiner bemächtigte, wenn ich den Waldrand im Nordosten erreichte. In diesem Stadium fragte ich mich nicht, was dahinter liegen könnte, denn obwohl sich alles genauso ausnahm wie ich es auch tagsüber kannte – abgesehen davon, dass ich es von oben betrachtete – wusste ich, dass es nicht der Weg in meine Geburtsstadt Selb sein konnte, der sich unter mir durch den Forst schlängelte und üppige Steinformationen links und rechts liegen ließ.

Erfahrungen wie diese ließen mich in späteren Jahren die Literatur durchforsten, um ähnliche Phänomene aus einer gewissen Sicherheit heraus und den Umgang damit zu erfahren. Denn vielleicht wäre ein anderer ja schon dort gewesen. Ich glaube, das ist der Scheideweg zwischen der Blindheit, die in jeglicher Religion lauert, und der gedanklichen Freiheit, die in der spekulativen Literatur zu finden ist. Die Philosophie ist der Mittler zwischen beidem. Anders aber als in sachbezogenen Texten weist die Fiktion ein Element auf, das für mich den wirklichen Kern einer Tatsache herausbildet: das Entstehen von Welten ist nur durch das Erzählen möglich. Wovon nicht zu sprechen ist, davon haben wir keine Vorstellung. Wo unsere Sprache endet, dort endet unser Horizont.

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen.
Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen.

Erst im Angesicht des Phantastischen, wenn die Vernunft ihre Kontrollmacht verliert, vermag sich die tiefste Empfindung des Seins zu äußern, eine Empfindung, die im Rahmen der ›wirklichen Welt‹ nicht hervortreten kann und die keinen anderen Ausweg findet, als dem ewigen Reiz der Symbole und der Mythen zu erliegen.

Jorge Luis Borges / Die Erzählungen

Die Bedeutung von Borges für die Literatur ist nicht zuletzt eine stilistische, denn alle Autoren, ob sie ihn anerkannten oder nicht, haben von Borges die praktische Anwendung jener stilistischen Ökonomie gelernt, die zu jener beeindruckenden Dichte führt, die dem Leser das Gefühl gibt, die endgültige, nicht mehr abänder- oder ergänzbare Formulierung eines Gedankens vor sich zu haben. Im weltweiten Kanon der spekulativen Literatur nimmt Borges den ersten Rang ein.

Behandelte Bücher:

Jorge Luis Borges, Fiktionen
Jorge Luis Borges, Das Aleph
Jorge Luis Borges, Niedertracht und Ewigkeit

Einleitung

Wenn wir heute von der Literatur des 20. Jahrhunderts sprechen, dann ist es unmöglich, nicht sofort an Jorge Luis Borges zu denken, den Mann, dem seit vielen Jahrzehnten alle Schriftsteller der nachfolgenden Generationen bis heute die größten Bahnbrechungen der Literatur verdanken.

Sein Erzählband „Fiktionen“ löste in den 40iger Jahren eine Revolution aus und gilt bis heute als das wichtigste einzelne Buch hispanischer Prosa des 20. Jahrhunderts – für viele das wichtigste seit Don Quijote. Mit seinen Erzähltechniken brachte Borges die hispanische Novelistik zur Weltgeltung: kühl kalkulierte Kunst statt biederen Dahinschreibens, Präzision und lakonische Tiefenschärfe statt breiter Auswalzung, eine Vielzahl von Erzählperspektiven statt des ewigen „allwissenden Autors“. Witz und disziplinierte Phantasie, dazu perfektes Handwerk lassen diese vielschichtigen Erzählungen nie akademisch erstarren; sie sind nach allen Seiten offen und immer ein Lesevergnügen. Borges’ Fiktionen sind der Ursprung der gesamten modernen Phantastik. Ohne diesen Band wäre vieles nicht denkbar, was heute mit grossen Namen verbunden ist, Umberto Eco macht keinen Hehl daraus, wer seinen Werken Pate stand.

So kann man von zwei grossen Polen der modernen Literatur an sich sprechen: der eine, das ist zweifelsohne Edgar Allan Poe, der neben Walt Whitman alle modernen Genres im Alleingang erfand, und in der Neuzeit: Jorge Luis Borges.

Mittels einiger Verfahren zur Auflösung des Dualismus, der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem Autor und dem Leser, nimmt Borges die Theorie des nouveau roman und der Tel Quel-Gruppe vorweg, nach welcher sich die Texte selbst generieren. Der Autor verwandelt sich in jenen Part, der die Aktivität des Rezipienten als Co-Autor anregt und versuchen muss, den Prozess des Schreibens mit dem des Lesens in Einklang zu bringen. Borges behauptet in verschiedenen Interviews, dass der Schriftsteller vor allem Leser sei. Die Aspekte seines Denkens haben vor allem die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts bis heute geprägt und ließen Borges zum Urvater des postmodernen und postkolonialen Zeitalters werden. Es steht unumstritten fest, dass er ein neues Paradigma in der Literatur des 20. Jahrhunderts eröffnet hat, das gar nicht oft genug zu wiederholen ist: Die Auffassung, Literatur sei nicht mehr Mimesis der Realität sondern Pseudo-Mimesis der Literatur/Fiktion. Man habe es mit einer Literatur der Wahrnehmung zu tun, die nach dem Prinzip des Rhizoms organisiert ist (ein Prinzip, bei dem sich ein Element mit einem anderen von sehr verschiedener Struktur verbindet). Damit entledigt sich Borges jeder Art von Mimesis (die freilich bereits in der Romantik aufgegeben wurde, da aber in der Praxis noch keine durchschlagende Kraft entwickelte).

Heben wir die Wirklichkeit auf, indem wir den Unterschied zwischen ihr und der Fiktion nicht mehr gelten lassen, können die Erzählungen von Borges schwerlich als Nachahmung der Wirklichkeit und auch nicht mehr als phantastisch bezeichnet werden, da die Phantastik gerade aus der Opposition der Fiktion zur Realität erwächst. Hiermit zwingt Borges den Leser, seine Rezeptionshaltung entscheidend zu ändern: Dieser darf keine traditionelle und kohärente Geschichte erwarten, ebensowenig wie die Widerspiegelung der Realität oder eine Botschaft. Der Text soll als eine eigenständige und dem Moment der Lektüre innewohnenden Realität verstanden werden.

Dabei entsteht hier das Labyrinthische, das die moderne Literatur so sehr kennzeichnet: Texte verweben sich ohne das Prädikat „universell“ oder „trivial“ zu einem Knäuel. Der Rezipient kann auf dieses Abenteuer eingehen und den Personen, Werken, Zitaten und Anspielungen nachgehen oder er kann einfach die Geschichte lesen. Für Borges gibt es keine Unterschiede der Gattungen, keine objektive Bewertung der Literatur, sondern nur persönlichen Geschmack.

Das Abenteuer

Kafka ist stets als einer der Paten für die wohl bekannteste´eigenständige Literaturströmung des 20. Jahrhunderts im La Plata-Raum genannt worden: für die „phantastische Literatur“ der Gruppe um Jorge Luis Borges, einem fleißigen Leser von Berkeley, Hume und Schopenhauer, und der sowohl in seinen Gedichten, in seinen Erzählungen und Essays versuchte, die Konsequenz des zugrundeliegenden Zweifels dieser Philosophie als Gedankenexperiment durchzuspielen.

Damit trat Borges dem aufkeimenden Naturalismus und der Tendenz zum Psychologischen in Theorie und Praxis entgegen. In der Praxis tut er das mit dem Band „Niedertracht und Ewigkeit“, einem Band meisterhafter Nacherzählungen von Abenteuergeschichten aus allen Erdteilen, in dem auch zum ersten Mal Borges’ die Intertextualitätsdebatteder 70iger Jahre vorwegnehmendes Textverständnis zum Ausdruck kommt. In der Theorie geschieht das durch die Neudefinition des phantastischen Genres, und vor allem durch das Vorwort zu dem 1940 erschienenen Roman der neuen phantastischen Strömung „Morels Erfindung“ seines Freundes Adolfo Bioy Casares. Im selben Jahr erschien, mit einem ebenfalls programmatischen Vorwort, diesmal von Bioy Casares, der Band, der die neue Strömung sozusagen eröffnen sollte: eine Anthologie phantastischer Erzählungen aller Zeiten und Länder, herausgegeben von Borges, Bioy Casares und dessen Frau Silvina Ocampo.

Mit dem ersten Band „Der Garten der Wege, die sich verzweigen“, der später mit dem nächstfolgenden zu „Fiktionen“ zusammengefasst wurde, folgt das Spiel mit virtuellen Welten und virtuellen Büchern. Tatsächlich nutzt Borges in seinen phantastischen Erzählungen die leserorientierte Strategie aus Anspielungen und scheinbaren oder tatsächlichen Auflösungen, die für das Genre des Kriminalromans typisch sind. Das parodiert er, wiederum mit Bioy Casares, unter dem gemeinsamen Pseudonym H. Buston Domecq.

Im allgemeinen beruht seine Strategie auf einem intensiven Einsatz beglaubigter Fakten, die dem Leser das Erzählte als realistische Erzählung und sogar als Zeugenaussage präsentieren.

Das wird klar an seiner signifikanten und berühmten Erzählung Tlön, Uqbar, Orbis Tetris.

Die beiden handelnden Personen Borges (Ich) und Bioy Casares, die sich auf ein real existierendes, Bioy gehörendes Landgut zurückgezogen haben, stoßen dort in einem Raubdruck einer tatsächlich exisierenden Enyklopädie auf einen Artikel über das Land Uqbar, von dem Borges bisher nichts wusste. Zurück in Buenos Aires sieht er in einem anderen Exemplar derselben Enzyklopädie nach – dort fehlen die vier Seiten zu Uqbar. Damit bricht das phantastische Element in die Erzählung ein, das den rationellen Leser verunsichern möchte, der bislang anhand einer Fülle verifizierbarer Details in dem Glauben sein musste, eine Tatsachengeschichte zu lesen.

Aber selbst als Borges nun allmählich eine fiktive Welt zeichnet, in der noch eine andere, ausschließlich Uqbar, bzw. dem fiktiven Land Tlön gewidmete Enzyklopädie auftaucht, werden die bekanntesten Namen der zeitgenössischen Literaturszene als handelnde Figuren und damit als „Zeugen“ für die Realität der erzählten Welt aufgeboten, um diese Verunsicherung noch zu verstärken.

Zugleich wird der Text selbst zum Artikel einer solchen Enzyklopädie, in dem Tlön in essayistischer Form beschrieben, aber nicht mehr erzählt wird. Die Geschichte endet mit der Andeutung einer hinter dem ganzen Zauber stehenden Weltverschwörung, die dafür sorgen werde, dass die Welt Tlön wird. An dieser Stelle wäre auch eine allegorische Deutung möglich, aber Borges kehrt stattdessen zur Erzählung zurück und berichtet in einem Postskriptum zwei „tatsächliche“ Erlebnisse mit unheimlichen Objekten, die die Existenz Tlöns zu bestätigen scheinen, um sich hierauf als Erzähler zu beziehen, weil ihn die Tlön gewordene Welt nicht mehr interessiert.

Die phantastische Kurzerzählung auf philosophischer Grundlage beherrscht auch den wohl bekanntesten Band „Das Aleph.“

Die fortschreitende Erblindung zwingt Borges ab den 50iger Jahren, in denen er, durch eine „erhabene Ironie“ des Schicksals gleichzeitig das Augenlicht verliert und zum Direktor der Nationalbibliothek (also zum Herrn über viele Bücher, die er nicht mehr lesen kann) ernannt wird, zu immer kürzeren Texten, die sich in den letzen Jahren nur noch in mündlicher Darstellung äußern, indem er bekannte Ideen variiert.

Die Wirklichkeit der Fantasy-Welten

Ich behaupte etwas Provokantes: Ich behaupte, dass es alle phantastischen Welten wirklich gibt, dass sie genauso existieren wie multiple Universen, dass es keinen Unterschied zwischen einer Erfindung und dem gibt, was wir für eine gesicherte Existenz halten. Zwei wesentliche Punkte sind dabei interessant: wie kam es überhaupt zu der Annahme einer Realität; erweist sich diese als Illusion, wäre auch die Illusion einer Mittelerde nicht abwegiger.

Frank Weinreich hat auf seinem Blog polyoinos mehr oder weniger zu diesem Thema Stellung genommen. Er hat eine abgespeckte Variante der Spekulation genommen, die auch für jedermann verständlich sein dürfte. In seinem Aufsatz “Elfenwelten” schreibt er:

Es wurden andere Universen erdacht; es wurden Wesen erdacht, die die Grenzen der physischen Welt überschreiten können; es wurden Götter erdacht, die das Universum vielleicht sogar überhaupt erst erschaffen haben. Und es wurden Phantasiewelten erdacht! Diese Universen, Wesen und Welten entziehen sich dem empirischen Nachweis, aber man kann eben auch nicht beweisen, dass sie nur Gedankenkonstrukte sind. Deshalb spricht man auch von einer Zweiten Welt der Gedanken oder des Geistes. Beides zusammen nennt man die Zwei-Welten-Theorie. Dass spätestens seit Karl Popper auch von Drei Welten oder noch mehr die Rede ist, spare ich aus, da es nichts an der grundlegenden Ontologie ändert.

Ich selbst halte mich hier lieber an die wissenschafliche Quantenmechanik, deren Viele-Welten-Theorie zwar ebenfalls nur philosophische Spekulation ist – aber das ist nahezu alles, was wir uns mithilfe unserers Gehirns zusammenreimen. Das Problem ist im Grunde nicht unsere Konsensrealität, sondern dass die jeweiligen Vertreter einer solchen nicht imstande sind, andere, wenn auch gewagte, Theorien gelten zu lassen.

Von Anbeginn taten die Sänger und Geschichtenerzähler das Richtige: sie fabulierten. Die Dämmerung der Menschheit, ihre Kindheit sozusagen, vollzog sich im Unbewussten, sie blieben über ihre Existenz im Unklaren. In den Geschichten, die zur Mythenbildung führten, erklärten sie sich dieses Rätsel, und wir tun es auch heute – und wahrscheinlich für immer, durch Erzählungen. Abgesehen davon, dass man sich heute an die beiden großen Denkschulen des Empirismus und des Rationalismus klammert, hat sich also nichts geändert. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass es kaum ein irrationaleres Wesen als den Menschen gibt, während der Empirismus immerhin durch den Konstruktivismus einen Aufwind und eine Korrektur erfuhr, mit der man gedanklich arbeiten kann, weil dadurch bewiesen wird, dass es keine empirische Wahrheit geben kann. Ich halte es sehr mit Heinz von Förster, den ich wahrscheinlich noch oft in diesen Überlegungen heranziehen werde:

[…] Aber diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden, man kann zwischen ihnen auswählen und hin und her hüpfen.

Ein Realist würde auf das Maxwellsche Prinzip verweisen, um das Funktionieren von Elektromotoren zu erläutern. Und ein Magier würde sagen, daß es die Menschen verstanden haben, mit Unerklärlichem umzugehen. Aber wenn Sie mich fragen: Mir erscheint die Idee vollständiger Erklärbarkeit als eine Hoffnung, die das Staunen befriedigt und beseitigt: Man kann nun in einer Welt leben, in der es das Wunder und das Unwißbare nicht mehr gibt, das ist das Ergebnis unserer Erklärungsversuche.

In der Literatur finden wir entweder das weinerliche Verteidigen oder das arrogante Zugeben einer eigenen Schwäche, das mich besonders stört, wenn es um phantastische Texte geht. Aber alle, die über Fantasy schreiben, stellen sich auf den falschen Schemel, sie argumentieren mit unzulänglichen oder falschen Prämissen, wie Dr. Florian F. Marzin im Lexikon der Fantasy-Literatur, der zwar literaturtheoretisch vernünftig argumentiert, aber keinen Schimmer von Erkenntnistheorie zu haben scheint, wobei er – trotz seiner Mitarbeit – wohl zu jenen gehört, denen ihr phantastisches Interesse peinlich ist. Im Übrigen ist das Lexikon nur jenen zu empfehlen, die eine Liste mit Fantasy-Autoren benötigen. Die Einführungen in die Fantasy mögen dem Neuling einen kurzen Überblick bieten, darüber hinaus sind sie nicht tauglich.

Fritz Leiber – Hexenvolk

Wenige Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts führten ein bewegteres Leben als Fritz Leiber.

Er war ein brillanter Schachspieler, Prediger, Lehrer, ein Meister im Fechten, Theaterschauspieler (vornehmlich für Shakespeare-Rollen), und hatte sogar einen Film mit Greta Garbo zusammen gedreht. Der große Wurf allerdings gelang ihm im Zusammenhang mit einem Spiel: Dungeons & Dragons, dem Klassiker des Rollenspiels, für das die bahnbrechende epische Heldengeschichte von Fafhrd und dem Grauen Mausling Pate stand. Bis heute sind deren Abenteuer die bekanntesten Geschichten des großen amerikanischen Autors.

Dabei legte Leiber den Fokus gar nicht so sehr auf das Schreiben, begann damit erst in seinem dreißigsten Lebensjahr, freilich unter dem Einfluss von Autoren wie Lovecraft (der sein Mentor wurde), Carl Jung, Robert Graves oder Joseph Campbell.

Sein Debut, Conjure Wife (Die zaubernde Ehefrau; übersetzt mit “Hexenvolk”, ungekürzt erschienen in der Edition Phantasia – siehe Artikelende) erblickte 1943 das Licht der Welt und gilt heute als eines der einflussreichsten Werke moderner Horror-Literatur. Alle paar Jahrzehnte kommt es zu einer filmischen Adaption (1944, 1961 u. 1980). United Artist hat sich die Rechte an einer vierten Variante gesichert.

Der Roman beginnt mit John Saylor, Professor an einem kleinen College in New England, der sich, eher spontan und zufällig, etwas im Ankleidezimmer seiner Frau umsieht. Zwischen allerlei kosmetischen Artikeln findet er Friedhofserde, Paketchen voller Haar oder abgeschnittener Fingernägel, Beschwörungsformeln, die in ein Buch gekritzelt wurden, Hufnägel, ungewöhnliche Pflanzenextrakte … und noch einiges mehr. Kurz gesagt: Tansy Sailor ist eine Hexe.

Sailors Frau überrascht ihn mitten in seiner Entdeckungsreise durch ihre magischen Utensilien. Während der nachfolgenden Konfrontation gibt sie ihre Besessenheit von Zauber und Magie zu. Die Ironie an der Sache ist, dass ihr Mann, Professor für Soziologie, ein engagierter Rationalist ist, der seine Karriere dem Entlarven primitiven Aberglaubens gewidmet hat, und der jetzt erfahren muss, dass seine Frau seine Forschungen und Exkursionen dazu in Anspruch genommen hat, ihr Arsenal an magischen Praktiken zu entwickeln. Die Gegenüberstellung verschiedener Versionen einer Wirklichkeitsauffassung ist eine der Freuden konzeptioneller Literatur (jener Non-realistischen Tradition der Literatur), und Leiber macht in diesem Roman wirklich eine Menge aus den sich widerstreitenden Welten. Die Überlagerung der wissenschaftlichen Methode mit der grassierenden Zauberei in ein und derselben Erzählung lässt die Darwin-versus-Kreationismus-Debatte wie einen Kaffeehausstreit wirken. Und obwohl sich Meister der Pulp Fiction wie Leiber in der Regel mehr mit Handlung als mit philosophischen Resonanzen beschäftigen, gelingt ihm die Überraschung, beides in einem kompakten Roman unterzubringen.

Unter dem Druck ihres Ehemanns, akzeptiert Tansy ihr Verhalten als pathologisch und stimmt der Vernichtung ihrer Utensilien zu. Eine schlechte Entscheidung! Gleich nach der flammenden Reinigung geschehen Professor Sailor die merkwürdigsten Dinge. Falsche Anschuldigungen werden vorgebracht, neue Gegnerschaften entstehen, alte Geheimnisse werden aus der Versenkung geholt. Noch schlimmer aber: das tödlichste Spiel von allen – Fakultätspolitik – richtet sich nun gegen ihn. Hat er einen Fehler bei der Beseitigung des ganzen Schutzzaubers begangen? Oder hat sein tadellos rationelles Denken Schaden durch die verrückten Überzeugungen seiner Frau genommen? Mittlerweile scheint sie glücklich ohne ein Leben mit Magie zu sein, und würde er mit ihr über seine zunehmenden Probleme sprechen, könnte sie das wieder zu ihrem ungesunden Verhalten zwingen. Aber trotzdem …

Leiber entwickelt die Geschichte mit viel Geschick, hält in diesem Drama die Waage zwischen Humor und Ironie. Vierzig Jahre vor Updikes Hexen von Eastwick, das wie Leibers Hexenvolk in schöner Regelmäßigkeit für andere Genres bearbeitet wurde, fängt Leiber die pikanten Details einer Geschichte über Zauberei ein, die in einem modernen New England spielt. Fern also von jedem Gothic-Touch.

Der Erfolg solcher Geschichten ist kaum verwunderlich, denn der Aberglaube hat unsere Welt nie wirklich verlassen. Fast zur gleichen Zeit mit dem Erscheinen von Updikes Buch, erklärte ein US-Gericht “Wicca” zu einer Religion, was “Hexerei” zu einer interessanteren Geschichte machte als andere New-Age-Bewegungen.

Erschienen ist dieses Buch in Joachim Körbers Edition Phantasia. Und dort natürlich auch die überragenden Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling, denen wir uns noch gesondert widmen dürfen.

Nymphentag 63

dabei wird es erforderlich sein, notwendig und wichtig, die Sprache von jedem Zweck fernzuhalten, von jeder Vereinnahmung, von jedem Ziel, von jeder Gesellschaftsfähigkeit; Sprache nämlich ist nichts über ihren Zauber hinaus, nichts außer die Magie unserer Existenz (wenn wir diese annehmen, was nicht ganz klar ist); wenn kein Körper mehr ist (wie auf einer Fotografie ist der Körper nur simuliert), bleibt eine Form bestehen, die “rein” ist, vollkommen ungeometrisch zwar; in GrammaTau bringe ich Kunde von der Wirklichkeit, die verschwiegen wird (teils und häufig sogar aus Unkenntnis), weil sonst kein System sich mehr Sklaven generieren könnte. Es gibt durchaus einen Kampf, der hauptsächlich aus der Säuberung all dessen besteht, was unverständlich scheint, weil es nicht dem Dogma des Informationsgehalts dient, weil es dieses Dogma nicht nur umgehen will, sondern die völlige Vernichtung dieser Maschine anstrebt, weil

Schuttgedächtnis

Nur die Lyrik ist dazu imstande, uns zu befreien. Daß wir überhaupt befreit werden müssen, daran ist ein Phänomen schuld, das wir “modern” nennen. In Wirklichkeit meinen wir jedes Mal, wenn wir dieses Wort benutzen “Entfremdung”, und doch läßt sich mit dieser Entfremdung hervorragend arbeiten, vor allem, wenn wir akzeptieren, daß wir niemals irgendwohin zurückkehren können. Wir alle sind den Orten unserer Vergangenheit fremd. Indem wir über Vergangenes nachdenken, verfremden wir die Vergangenheit, bedienen uns eines Stilmittels, das im Gedicht sein Königreich erfährt. Das ist ein Vorgang der Evokation, unser Gedächtnis ist ein Schuttgedächtnis, und wir rufen uns in Erinnerung, was wir längst nicht mehr parat haben, das aber unsere Träume beeinflußt, die wiederum ein Gefühl in uns zurücklassen, als hätten wir etwas Bedeutsames vergessen. Wir erinnern uns an die Lücken des Gewesenen, treffen also mit der Gabel nie das Fleisch, das uns stets entwischt, obwohl der Teller endlich scheint. Natürlich: auch das ist immer nur Schein. Wir preschen in die Spuren, die wir selbst nicht angelegt haben.