Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: wolf Seite 1 von 2

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (12)

Sandsteinburg #47

Aus der ganzen Umgebung hatten sie ausgediente Möbel herbeigeschafft und quasi vor Finners Haustür aufgestapelt. Das war die Rückseite des Hauses, das vier großangelegte Betriebswohnungen beinhaltete. Das ganze Anwesen, inklusive der Katzenscheißefabrik gehörte eigentlich zum Granitwerk Vates, das etwa einen Kilometer Luftlinie von hier wie eine Steinwüste vor sich hin vibrierte. Die in aller Welt gebrochenen Rohblöcke gelangen auf verschiedenen Transportwegen zur Weiterverarbeitung in das Fichtelgebirge, aber die Grundlage der gigantischen Anlage bildete das Granitvorkommen in den Gebieten Waldstein und Kösseine. Adams Großvater gravierte dort Namen in die Grabsteine, und sein Vater Ludwig war einer der Fahrer. Die Netzsch Kunststoff GmbH hatte die abgelegenen Gebäude gekauft und zog dort einen Teil ihres eigenen Imperiums auf. So kam es, dass sich sogar Franzosen manchmal hierher verirrten, die alle ganz scharf auf Polyester waren. Es war das Material der Zukunft: Leicht bei einer hohen Festigkeit, resistent gegenüber vielen Chemikalien.

Das Feuer, das hier am 30. April entfacht wurde, konnte man bis nach Hebanz hinüber leuchten sehen. Zwischen Wendenschuchs Mühle und der namensgebenden Gemeinde befand sich Schwemmland, das die über die Ufer getretene Eger hier angelegt hatte. Labiate und Stechginster wuchsen hier, und die Heuschrecken ratterten durch den Abend. The Night has a thousand eyes von Bobby Vee drang aus einem entfernten Radiogerät, begleitet vom Geschepper der Teller und der keifenden Stimme Marlieses, mit der sie ihre Töchter anwies, die Salate nach draußen zu tragen. Die Bierbänke aus dem Schuppen standen um wackelnde Holztische herum, und rechts des Scheiterhaufens, auf dessen Gipfel man eine Stoffpuppe befestigt hatte, lagen Bierflaschen in Wannen, mit Eis bedeckt, in einer kleineren Hütte, die über und über mit Kronkorken zugenagelt war. Lumpi, der Hund, der ein Leben ohne Kette nicht kannte, bellte schrill und heiser und unablässig. Sein braunweißer Schwanz ragte wie eine vergammelte Banane krumm nach oben. Sobald es dunkel geworden war, kamen die Leute aus der Umgebung, die kein eigenes Feuer hatten. Willi Kaländer mit seiner Tochter Emma, Richard Langer, der Schiffsschrauben aus Harz und Kunststoff fabrizierte und dafür eine geheime Formel entwickelt hatte, hinter der die Firma Netzsch wie der Teufel hinter der armen Seele her war, kam mit seiner Tochter Michaela, einer Schulfreundin Adams – und sogar der Herold, der neben den Kaländers aus Schwarzenhammer wohl die meisten Schafe besaß, und bei dem sie alle ihre Eier holten, ließ sich kurz blicken. Viele brachten Bier mit, sprachen über ihre Arbeit bei Netzsch, Vates oder dem Sägewerk. Ida und Silke saßen in geblümten Sommerkleidchen da und starrten aus glasigen Augen heraus das gerade entfachte Feuer an. Beide hatten sie zerschundene Knie, blaue Flecke zierten die dünnen Oberarme. Helmut und Roland saßen etwas abseits hinter einem Gebüsch und betrachteten die verschwindenden Sonnenstrahlen auf der erst jüngst gestohlenen Goldmünze.

»Weißt du, in der Tschechei fragt dich niemand, wer du bist«, sagte Helmut und ließ die Dublone von der rechten in die linke Handfläche gleiten, die beide bereits überaus schwielig waren. Roland machte ein verdrießliches Gesicht. Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, was geschehen würde, wenn ihr Diebstahl ans Tageslicht käme. Sein Vater war zwar keineswegs so brutal wie Richard oder Ludwig – man konnte seinen Schlägen meist ausweichen, wenn man sich etwas konzentrierte, denn es ging Erich nicht darum, zu treffen. Er musste sich nur irgendwie abreagieren, war wegen seiner schlampigen Frau frustriert, die das Wort Haushalt zwar kannte, aber im Tablettennebel nicht wahrnahm, dass ihre Wohnung mit dem Schandloch der Finners wetteiferte. Nun, man sollte nicht schlecht über seine Mutter denken – und das tat Roland auch nicht. Ihm war es völlig egal, wie es aussah. Er versuchte, sich so wenig wie möglich im Haus aufzuhalten.

Aber wenn das mit der Münze herauskommt, wird er mich treffen wollen, dachte er.

»Wer wird so eine Münze denn kaufen?«

»Ein Juwelier natürlich. Gibt’s auch bei den Kommis. Wir fahren mit dem Zug nach Schirnding und latschen dort irgendwo über die Grenze.«

Roland zuckte mit den Schultern. Ihm gefiel das alles nicht. Es hörte sich so an, als habe Helmut etwas nicht bedacht. Etwas Entscheidendes. »Lass uns zurück zum Feuer gehen, die Hexe wird gleich brennen, und ich habe Hunger.« Er stand auf, seine Knie knackten wie das Reisig, das von den Flammen erfasst wurde. Helmut erhob sich ebenfalls. »Bier?«, fragte er, und als Roland ihn dämlich anblickte, erklärte er ihm, dass er Bier abgezwackt habe. »Das schütten wir uns rein, wenn alle schon betrunken sind, dann riecht keiner mehr was.« Er lächelte humorlos. »Jetzt hörʼ schon auf, dir Sorgen zu machen. Wir warten mit der Münze, bis es richtig Sommer ist. Sagen wir August.«

Roland nickte, aber er wusste, dass er im August noch mehr Angst haben würde, denn dann gäbe es keine Ausreden mehr.

Als sie das Maifeuer fast erreicht hatten, hörten sie plötzlich den Tumult losbrechen. Richard schrie Marliese an, dass sie die Eier im Kartoffelsalat vergessen habe und dass sie zu blöd sei, um überhaupt etwas richtig zu machen.

Sie blieben stehen und sahen Richard mit den Händen herumfuchteln. Es wirkte fast wie ein Schattentanz, wie er da hin und her sprang. Gesichter glühten, vom Feuer beschienen. Von den Körpern war nichts zu sehen. Das Feuer erreichte in diesem Augenblick die Hosenbeine der Puppe, die auch einen ausgedienten Besen verpasst bekommen hatte. Das war gewöhnlich der Augenblick, wo sich alle erhoben und sich Glück wünschten, ähnlich wie an Silvester. Diesmal war das Schauspiel ein anderes. Richard packte Marliese an den Haaren und schüttelte sie daran hin und her, als wäre sie selbst nur eine Puppe. Ida und Silke begannen zu weinen und klammerten sich aneinander. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann sprangen auf, bereit einzugreifen – blieben aber dann stehen, als Marliese, plötzlich losgelassen, mit dem Hosenboden in den Dreck plumpste. Richard machte einen großen Schritt über sie hinweg und verschwand brüllend im Haus. Sebastiana half Marliese, die sich den Kopf hielt und etwas Unverständliches murmelte, auf eine Bank. »Ist alles in Ordnung?«

Ludwig musterte seine Frau, wie sie auf Marliese einredete.

»Es war ja nichts«, sagte sie, immer noch leicht benommen.

Die Hexe kreischte, die Flammen hatten sie jetzt ganz und gar eingehüllt. »Ich verfluche euch!«, rief sie vom Gipfel des Scheiterhaufens herab. »Sieben mal sieben Jahre soll …«

»Wir gehen da jetzt besser nicht hin«, flüsterte Helmut. Roland konnte sich ohnehin nicht bewegen. Er sah die Puppe, die wie eine menschliche Fackel aussah, in die Mitte des Feuerkegels abrutschen. Der blaue Rauch ließ die Augen tränen und wirkte wie ein verschleiernder Nebel. Die kurze Ruhephase – keiner sprach in diesem Augenblick ein Wort – wirkte umso geisterhafter, weil man die beiden Finner-Mädchen leise wimmern hören konnte. Im Haus krachte es, und dann kam Richard mit einem ganzen Arm voll Kleider aus der Türöffnung gestürzt und warf sie in die Flammen. Unterwegs verlor er einige hellbraune Strumpfhosen und einen BH, in den man Melonen hätte einpacken können.

»Der spinnt!«, sagte Helmut und es klang fasziniert. »Das sind die Klamotten meiner Mutter.«

Richard holte noch zweimal etwas aus der Wohnung. Schuhe, einen Stuhl, an dessen Lehne eine Stoffjacke hing, sowie zwei Wollmützen, bevor er sich beruhigen ließ, sich auf eine Bank setzte und stumm in das Feuer starrte. »Keine Eier«, murmelte er. »Wo gibt’s denn so was, dass ein Kartoffelsalat keine Eier enthält?«

Die Nacht duldet die Helligkeit des Feuers, sie duldet Kerzenschein und den Mond, denn dies sind die Lichter, die sie nicht zu durchdringen vermögen, die nicht gegen sie eifern. Ganz im Gegenteil bekränzen sie ihre unerbittliche Allgegenwart und beleuchten ihre Gestalt, die erst dadurch Formen bekommt. Was immer in der Nacht verborgen liegt, von ihr gefördert wird, ist nicht dazu angetan, von einem gesunden Geist geschaut zu werden, hat kein Interesse an der gewöhnlichen Schönheit, die von Apollon beschützt wird.

Aus der Eger krochen Schatten zum glimmenden Feuer hin, aus dem Schwemmland glitten seine Brüder durch Disteln und Lupinen und erstickten die noch seicht züngelnden restlichen Flämmchen. Von oben sah das glimmende Holz aus wie eine glühende gigantische Stadt. Adam hörte, in seinem Bett liegend, die lange Kette des goldbraunen Spitzmischlings Lumpi rasseln, und dann die Schaufeln, wie sie Sand und Erde über die Glut warfen. Aber nicht ein einziger Schatten wurde damit begraben. Körperlose Stimmen besuchten ihn. Da draußen stimmte irgendwas nicht. Und es sollte sich bewahrheiten.

»Wie geht es dir?«, fragte er seinen Bruder, der unter ihm im Etagenbett lag. Adam bekam keine Antwort. Claus hatte sich längst schon in den Schlaf gezappelt, hielt die Stoffwindel zusammengeknüllt an seine Wange. »Ich habe einen Wolf gesehen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Er hätte es nicht gesagt, wenn er gehört worden wäre. »Aber es war auch irgendwie kein Wolf.«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (10)

Sandsteinburg #45

Richard beachtete den vor Nervosität tänzelnden Roland nicht, als er einen einzigen Satz zwischen seinen strichartigen Lippen zerquetschte. »Das warʼs«, sagte er, als wäre eine langfristige Arbeit nun endlich erledigt. Dann stapfte er in seinen gumpelnden Gummistiefel, in die er die Röhren seiner braunen Latzhose gesteckt hatte, auf den Wendenschuch-Baum zu, drehte sich zu den anderen um, die sich nicht rührten und nur beobachteten, wie der Fliegenschwarm um seinen Kopf herum brauste und sich Richard Finner dadurch in den Beelzebock verwandelte. Ein von Schwärmen umgarnter Georges Gurdjieff (die Ähnlichkeit nämlich war nicht zu leugnen). Er befahl Erich, den Doktor zu holen, und das ein bisschen plötzlich, wandte sich dann seinem toten Sohn zu und achtete darauf, nicht auf das Gekröse zu treten. Dann zückte er ein Messer, das er in einer Lederscheide an seinem Gürtel hängen hatte und schnitt das Seil durch. »Und bring auch eine Schubkarre mit!«

Statt vornüber zu kippen, rutsche Helmuts sterbliche Hülle ein Stück am Stamm hinunter und fiel dann zur Seite. Mittlerweile sah die Leiche aus wie eine Strohpuppe, wie sie immer im Mai vor dem Haus verbrannt wurde. Erich rauschte wütend davon, aber er widersprach nicht. Obwohl es nicht seine Angelegenheit war, stand ihm nicht der Sinn danach, eine Diskussion zu entfachen. Nicht in dieser beschissenen Situation, denn es gab da ein Geheimnis zwischen ihm und diesem Teufel, der den Honigpott besaß, aus dem er sich selbst schon bedient hatte. Er wollte nicht riskieren, dass er mit unterging, falls das alles einmal herauskommen sollte. Aber noch weniger wollte er riskieren, nicht mehr davon naschen zu dürfen.

Trotzdem fand er eine Möglichkeit, seine Wut auf sich selbst zu mindern. Er entdeckte Roland, der immer noch hinter diesem Baum vor dem Trampelpfad stand und begierig jedes Detail in sich aufnahm, ging schnaubend auf ihn zu und schlug noch im Gehen mit der Faust ins Gesicht. Die ganzen zwölf Lebensjahre wichen aus Rolands Augen, als seine Nase in einem Feuerball explodierte und er zu Boden ging. »Du kommst mit!«, knirschte er, hielt aber nicht eine Sekunde inne, sondern marschierte den gewundenen Weg hinunter zur kasernenartigen Anlage, in der sie alle lebten. Roland rappelte sich auf und torkelte schniefend hinter seinem Vater her. Durch die Nase atmen war von jetzt an erst einmal vorbei. Gar nicht auszudenken, wenn das mit der Münze …

Etwa zwei Stunden später tauchte Dr. Sebastian Hohenner mit einer Ledertasche auf. Der Hemdkragen schnürte in seinen wuchernden Hals hinein. Er blickte verdrießlich, als er ganz allgemein fragte, was hier eigentlich los sei. Manfred war unten am Feldweg geblieben, um zu verhindern, dass es noch mehr Zeugen gab. »Das waren die Wölfe«, erläuterte ihm Finner das Gemetzel. Hohenner blickte sich erst einmal um, wobei sein Blick an keinem bestimmten Ort verharrte. »Aha!«, sagte er. »Wurden sie gesehen, diese Wölfe?« Darauf antwortete niemand. »Was glauben Sie also, was ich hier mache? Haben Sie die Polizei verständigt?«

Als wieder niemand antwortete, fuhr er fort: »Das habe ich mir gedacht.«

»Wir wollten erst sehen, was Sie dazu sagen.« Richard kratzte sich am Kinn und blickte dann zur Fliegeninvasion hinüber.

Die aus dem Gesicht ragenden Augenbrauen Hohenners sprengten nach oben. »Was haben Sie hier eigentlich veranstaltet? Am Telefon sagte man mir, es hätte einen Unfall gegeben, aber das da drüben sieht mir nicht nach einem Unfall aus. Soll ich es mir wirklich ansehen, was meinen Sie?«

»Vielleicht können Sie ja den Totenschein ausstellen.« Richard begleitete den Arzt, dem sein wütender Blick angeboren schien, zur Esche, an der das Blut jetzt braun und festgebacken war. Der Gestank stand wie unter einer Käseglocke, aber niemand reagierte darauf. Einige Meter vor Helmuts Überresten entfernt blieben die beiden Männer stehen. »Was zum Henker?«

Richard zuckte zusammen. »Das müssen die Wölfe gewesen sein!«, sagte er und wirkte dabei nicht wenig debil.

»Das … scheint mir etwas abwegig, und ich glaube, Sie wissen das auch!«

Im Hintergrund nutzte Roland die Gelegenheit, den Boden abzusuchen. Niemand achtete auf ihn.

»Sehen Sie die Rostblättchen?« Der Arzt ging in die Hocke, zog einen Gummihandschuh aus der Tasche seines Wollsakkos und fuhr mit den Fingern an den Rändern der Bauchwunde herum. Richard sah ihn düster an.

»Wie kommen Sie denn auf Wölfe?«

»Wer sollte so eine Verrücktheit sonst veranstaltet haben?«

»Erstens gibt’s hier keine Wölfe mehr, und schon gar nicht im Sommer, zweitens hantieren Wölfe nicht mit einer Säge herum, und drittens holen sich Wölfe nur etwas, wenn sie Hunger haben. Wer immer das hier getan hat, dem ging es nicht um Nahrungsaufnahme.«

Im Traum ist alles Gegenwart. Jedes Erwachen zieht fürchterliche Konsequenzen nach sich. Die Elemente des Traumes pressen sich zu einem verschwindenden Punkt zusammen, drücken von innen gegen die Augäpfel, bevor sie, von Blutkörperchen aufgegriffen, in den Verdauungstrakt befördert werden, als wolle sich der Körper augenblicklich von aller Illusion befreien, so gering sie auch immer scheinen mag. Es sind nur Bruchteile von Sekunden, die darüber entscheiden, wo und wie man aufwachen wird, langgestreckt oder kauernd. Jede Nacht verändert die Struktur des Denkens.

»Gut, von mir aus, aber die Bisse … «

»Stammen von menschlichen Zähnen. Und die Zunge …« Hohenner fingerte in der Mundhöhle herum, gefüllt mit gestocktem Blut, als wäre Helmut an Schokoladenpudding erstickt. »Die hat jemand abgeschnitten und vermutlich mitgenommen, oder haben Sie irgendwo eine Zunge gefunden?« Hohenner erhob sich, wedelte ein paar Fliegen aus seinem Gesicht, und sagte laut, dass es auch Ludwig mitbekommen konnte: »Meine Herren, das hier ist ein Tatort. Ich kann hier keinen Totenschein ausstellen. Der junge Mann wurde ermordet. Will mir jemand erklären, was diese Seile zu bedeuten haben?«

Es stank nach Senf, Mosterd, Moutarde, Mustard, den man in Dijon nicht mit Essig sondern mit unreifen Trauben bespritzt, den pubertären Reben, die aufgrund ihres Quotienten die Aufnahmekriterien zum Wein nicht erfüllen können.

Richard tat sich schwer damit, von einem alten Ritual zu sprechen, von dem er selbst nicht genug wusste, das sich aber im Laufe der Zeit als praktisch erwiesen hatte, auch wenn man es kaum mehr nutzte. Die Zeiten der Moderne rückten immer näher und würden bald eine tote Erde hinterlassen haben, die niemand mehr düngt. »Das hier ist unser Sühnebaum, Hohenner! Hier regeln wir unsere häuslichen Angelegenheiten.«

Der Arzt starrte Richard verblüfft an. »Aber das sind keine häuslichen Angelegenheiten mehr! Damit haben Sie jetzt ein Problem, bei dem ich Sie nicht unterstützen kann. Ich kenne derartige Geschichten natürlich. Wir sind hier sehr weit vom Schuss, wie wir alle wissen. In Hebanz hat vor Kurzem eine Mutter ihren Sohn mit der Zunge an der Tischplatte festgenagelt, weil der sich nachts aus dem Haus schlich, um Zigaretten zu rauchen, die er ihr gestohlen hatte. Ich habe ihn verarztet. Schwamm drüber. Aber das hier ist etwas völlig anderes. Das ist Ihnen doch klar?«

»Wenn Sie es nicht ausplaudern …« Der Satz war kaum zu hören, so leise kam er aus Richards Mund. Manch gefährlicher Ton bahnt sich sanft seinen Weg.

»Was?«

Richard fuchtelte in einer hilflosen Geste mit den Händen in der Luft herum, als wolle er ein Bild dort malen. »Sie sind hier, weil wir dachten, Sie würden sich um die Angelegenheit kümmern, und zwar ohne dass wir hier bei Stahlnetz landen. Einen Totenschein wollen wir von Ihnen, in dem steht, dass mein Sohn von Wölfen angefallen wurde.«

Hohenner sah ihn an, als hätte er völlig den Verstand verloren. Dann sagte er gefasst: »Selbst wenn es so wäre, wie Sie es wollen, müssten wir die Polizei verständigen. Bei jedem Todesfall übrigens, der einige Zweifel aufwirft. Herrgott, wissen Sie das denn nicht?« Dann warf er seine grimmigen Blicke auf Ludwig. »Und Sie? Sie wissen das auch nicht?«

»Wir werden die Sache regeln. Aber wir müssen es auf unsere Weise tun«, sagte Ludwig.

»Und was war mit dem Sturm 1971!« Richard verschluckte sich fast an diesem nahezu brutal herausgespuckten Satz. »Ramelow und dieser andere Kerl?«

Der Arzt sah überrascht von einem zum anderen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben.«

»Laut Frankenpost Sie haben damals gesagt, es handle sich um die Bissspuren eines Wolfes.«

Hohenner seufzte, Luft ging durch seinen Körper. »Ich habe damals gesagt, es handle sich um ein Tier mit einer enormen Bisskraft, und das …« Er deutete hinter sich, »war verdammt noch mal kein Wolf.«

»Sie wissen, wie viele Menschen in den letzten Jahren einfach verschwunden sind.« Richard wechselte offensichtlich das Thema. »Ich meine, interessiert das überhaupt jemanden? Das hier ist schlimm. Sehr schlimm. Aber wir regeln das eben auf unsere Weise.«

Hohenner sah ein paar Minuten nachdenklich drein, hielt sein Kinn mit der rechten Hand fest und stakte, scheinbar tief in sich versunken, auf der Lichtung herum. Richard und Ludwig sahen sich an. Es war kaum zu merken, dass sich die beiden Männer spinnefeind waren. Der Arzt blieb abrupt stehen, richtete sich auf, klatschte in die Hände und sagte: »Also gut. Ich will die Augen!«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (4)

Sandsteinburg #39

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talion zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.

Ein aberwitziger Gestank lag in der Luft. Das laute Surren der Fliegen, die alle Farben, alle Größen angenommen hatten, kam direkt aus dem Fegefeuer. Lucki öffnete seinen Lippenring, um zu kreischen, wie es alle Kinder tun, die ihren älteren Bruder ohne Innereien an einen Baum gefesselt zu sehen bekommen. Eine von Rolands Krallen zuckte reflexartig nach oben, traf Luckis rotes O, und brachte das hohe Gilven abrupt zum Verstummen. Ein launiges Echo trat aus dem Wald, verzog sich aber schnell wieder ins Gebüsch. Lucki wollte gerne seinem Fluchtinstinkt folgen, aber er würde für alle Zeiten hier angewurzelt stehen bleiben, zu einem Baum werden, dem man nach einigen Monaten nicht mehr ansah, dass er vor kurzem noch ein fünfjähriges Kind gewesen war. Im Wald der Monumente, Sagen und Legenden. Das sieht doch aus wie … also, mit etwas Phantasie …

»Gehen wir näher ran!«, sagte Roland, fasziniert vom Keim seiner eigenen Panik, die sich, noch nicht richtig erwacht, irgendwo in der Nähe seiner Knie räkelte. Lucki schüttelte den hellblonden Kopf, so schnell wie es einem jungen Baum überhaupt möglich war. Es stank wirklich erbärmlich.

Die Nacht ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Roland packte Luckis Arm und zog ihn mit sich, drei Schritte legte er stolpernd zurück, bevor seine Motorik wieder einrastete. Er leckte sich hektisch über die Lippen, schmeckte das Blut, das aus einer kleinen Wunde floss.

Früher Morgen. Gegen Mittag würde der Gestank die ersten Häuser erreichen, vorausgesetzt, der Wind stand günstig. Niemand würde sich wundern, weil es hier doch ständig nach verbranntem Fell roch. Zum einen wegen der Schlotauswürfe des nahen Böhmerlandes, zum anderen, weil die Nasen von der Katzenscheißefabrik in Beschlag genommen wurden, die Kunststoffbottiche und Schiffsteile herstellte. Netzsch Kunststoff GmbH. Der Geruch nach süßem Blut wurde stärker. Das Gekröse glitzerte auf dem Boden, begleitet von einem wilden Fliegenbrausen. Helmut hing schief im Seil, das seinen Körper mit der Esche verband. Der Kopf war nach vorne gefallen. Ein halb geronnener Blutfaden hing aus seinem geöffneten Mund, seine Augen waren weiße Murmeln. Noch näher wollte Roland nicht zu dieser bizarren Installation aufrücken.

»Das waren Wölfe!«, flüsterte er und folgte damit den Gerüchten, die von der Witwe Gräf im ganzen Sechsämterland gestreut wurden. Doch welche Art Wolf hatte ihm die Zunge mit einem Messer abgetrennt und den Bauch mit einer Säge aufgerissen? Die rostigen Partikel schimmerten so zahlreich, dass man von einem wahren Eisenschauer sprechen konnte. Wegen des vielen Blutes fiel das nicht sofort auf. Roland beugte sich hinab, um in das sich ihm durch diese Bewegung erschließende Ohr zu flüstern: »Du rennst jetzt so schnell wie möglich nach Hause und sagst, dass Helmut von den Wölfen gefressen wurde. Ich bleibe hier und warte auf euch.«

Lucki nickte wieder heftig und war dann so schnell verschwunden wie ein Hundertmeterläufer nach dem Startschuss. Roland sah ihm eine Weile nach, wie er über die Lichtung wetzte und dann auf einem Trampelpfad im Grünen verschwand. Sofort setzte die Bestürzung wieder ein, die jetzt schon in die Nähe seiner Hoden gekrochen war, verengte seine Augen zu Schlitzen, weil sie zu Tränen begannen, und blickte sich um. Er hatte es auf Helmuts Kleider abgesehen, die er fein säuberlich zusammengelegt etwas abseits entdeckte. Er hoffte, dass er die Münze dort finden würde. Du musst dich jetzt zusammenreißen! Nichts tut dir etwas, alles ist bereits getan.

Es gab einen Sturm (7)

Sandsteinburg #9

Horrido Krippner ging nicht gleich ans Telefon in seinem Haus, einem Wald­chalet von einer Größe, als ob der fränkische Hubertus selbst drin residierte. Gerade noch durchwühlte er das Hirschfleisch und befingerte die perlmutt­glänzenden Organe, ob er nicht eine Vision erhaschen könnte, wenn er, wie an der Wunderlampe, daran rieb. Er fand nicht gleich das Handtuch, um sich den roten Saft von den Fingern zu wischen. Verärgert über die Störung, die an diesem Tag nicht die letzte bleiben sollte, bellte er ins Telefon: »Ein Wolf? Warʼs nicht vielleicht ein Hund oder ein Fuchs? Die Sauferei macht dir die Augen fertig, dies ließ mich selbst schon manche Geister sehen, das Moos­weiblein nicht zuletzt genannt.«

Jetzt gehen die Jäger noch einmal den Waldrand ab. Sie glauben nicht an einen Mythos, würden verrückt werden, wenn sie wüssten, was sich in ihren Wäldern abspielt, wollten den Schädel mit den Pfoten und dem Balg, abgezo­gen und gesalzen, auf einem Tisch präsentieren. »Da habt ihr euer Monster!« Lachend, scherzend, aber noch war es nicht soweit.

Kaum zurück, poltert es an des Hubertus Tür. Krippner schielt sehnsüch­tig zu den Eingeweiden hinüber, bevor er irritiert öffnet. »Fortuna! Die Wit­we Gräf!«

Er erstickt fast an seinem Speichel, der plötzlich aus allen Drüsen spült. Jetzt weiß er nicht mehr weiter, wie formuliert man das? Da hebt sie schon ihre faltige Hand.

Keine Frage, sie zetert mit ihm, ein Loch in einer Felswand der Mund. Ich habʼs gewusst, da drin ist alles schwarz! Die alte Gräf, wie alt mag sie sein? 102, 104? Es gibt niemand im Dorf, der nicht erst ankam, als sie bereits da war. Jahre später würden sich die latenzperiodischen Kinder in dem zu dieser Zeit schon leerstehenden Haus am Mühlgraben darüber unterhalten, wie sie einst die Asche ihres Alten getrunken habe und ihre Kleider davon für immer schwarz geblieben seien.

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, dass die Wölfe einen menschlichen Ge­fährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte: »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

»Schau mal, Elster, wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, wird das in die­sem Leben gar nicht mehr geschehen«, sprach sie ihr Huhn an. »Diese Tölpel denken, es hätte etwas mit dem Winter zu tun. Natürlich, das hat es auch, aber …« Sie fährt dann noch etwa fünf Minuten damit fort, ihrem Lieblings­huhn Anweisungen zu geben, für den Fall, dass sie unterwegs der Schlag treffen sollte. Das war allerdings unwahrscheinlich, sie würde eher dann um­kippen, wenn sie ihren Schubkarren nicht mehr durch die Wiese manövrie­ren konnte, ihre Hände, schwielig wie die Landstraße um die Ecke, die nach Hebanz hinaufführt, nicht mehr durch gekutterte Würmer fahren ließ. Tat­sächlich wird sie eines Tages, wir greifen vor, im Stehen sterben, nicht aber schwerkrafthörig zu Boden sinken. Sie wird einfach aufhören, sich zu bewe­gen, das Blut wird erkalten. Von frühmorgens um dreiviertel sechs bis zum Sonnenuntergang gegen neunzehn Uhr zehn wird sie von allen möglichen Leuten gesehen werden, die Mistgabel im Heu, unbeweglich wie eine Statue in Witwentracht, ihren Porzellanfigürchen nicht unähnlich. Nur die Gummi­stiefel sind grün wie tiefsitzender Rotz. Elster wird von diesem Tage an den Tretakt mit dem Hahn verweigern. Ein halbfertiges Ei ohne Kalkschale wird sie sich noch abzwingen, dann ist Schluss.

Zwei Tage nach dem stante pede intermorior wird sich Elster einer Katze anbieten, aber verschmäht werden. Auch unter Tieren gilt die Furcht vor dem Fluch. Die Spur des treuen Tieres verliert sich im Gestöber der Unschär­fe, mit der jegliche Geschichtsschreibung zu kämpfen hat. Auch der Verbleib des statarischen Leichnams packt sich zu den Mirabeln, reiht sich spielend ein in die Liste der Rätsel, die hier offenkundig gar nicht abreißen.

Aber all das ist Zukunftsgeheul, und keiner weiß, ob es wirklich so ge­schehen wird.

»Sie muss verrückt geworden sein vor Trauer«, erzählte man im Dorf. Die Wahrheit aber ging anders.

Es gab einen Sturm (6)

Sandsteinburg #8

Am nächsten Tag sah er den Wolf, als er im Wald herumspazierte, um seinen Kater etwas zu besänftigen und sich vielleicht, nur vielleicht – warum nicht? –, den Busch anzusehen, an dem, ordentlich verteilt, ein kompletter Satz Damenwäsche hing. Ein Strumpf hier, ein Strumpf dort, ein Höschen mit Polka Dots, ein marineblauer BH, sogar ein Mieder. Nur die Schuhe fehlten oder mochten sonst wo liegen. Joe verstand nicht das geringste von Kunst, aber er fühlte mehr als das optische Interesse an dieser Präsentation. Seltsam berührt ahnte er einen verborgenen Teil des Lebens, den er nicht verstand, ahnte, dass es Zusammenhänge gab, die durch ihren Rätselspruch, ihre Un­eindeutigkeit überhaupt erst Interesse weckten. Joe stand vor dieser Anord­nung hautgewohnter Dinge wie ein Connaisseur vor einem MERZ-Objekt Kurt Schwitters’, genoss eine verborgene und grundlose Schuld, als wäre er für das, was dann diesen Strauch ergab, verantwortlich.

Erzählte dieser Wäschebusch eine Geschichte? Handelte es sich hierbei um das Fanal eines Verbrechens, oder war alles nur ein dummer Streich, dazu gedacht, dem ländlichen Leben mit einfachsten Mitteln etwas an der Pulsfrequenz zu schrauben? Er kam nicht umhin, die konischen Körbchen des Büstenhalters zu berühren. Würden zwei von diesen Dingern da hängen, wäre es wohl als Scherz zu verstehen, sagte er sich. Oder fände sich über­haupt ein Teil zu viel vorhanden. Aber da gab es nicht mehr als eine komplet­te Garderobe zu betrachten.

Der Wolf störte sein Interesse für die gewalzten Strümpfe, denen er sich als nächstes widmen wollte, denn um ehrlich zu sein, hatte er so einen Stoff noch niemals berührt. Das Tier trottete desinteressiert an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, tauchte auf und verschwand, gar nicht weit von ihm entfernt, etwas zerzaust und riesengroß, Rotkäppchen im Fang, Res­te der Großmutter. Wie groß ist denn ein Wolf? Wo einer ist, sind auch meh­rere, weißt du das nicht mehr? In seiner Kindheit hatte er alles über Wölfe gewusst. Nicht über ihre Natur, versteht sich, sondern über den ›Wolfalarm‹, und wie man sich zu verhalten hatte, wenn man ihn unterwegs zu hören be­kam; dem Fliegeralarm nicht unähnlich, von dem sich diese einzigartige Ein­richtung auch ableitete. Die alten Lautsprecher und Sirenen, die teilweise noch funktionstüchtig an den Fassaden hingen, übertrugen die Warnung mit einem 3 × 12 Sekunden langen Ton, der durch die hohen und niederen Lüfte sauste, mit je 12 Sekunden Pause dazwischen. Danach folgte der einminütige Dauerton. Manche hatten sich das sogar auf Chromkassette aufgenommen, weil es so gut wie nie vorkam.

Die Wölfe kommen im Winter hungrig aus dem Böhmerwald ins verhält­nismäßig warme Dorf. Die Hühner gebärden sich unruhig, weil sie ihren Tod bereits schmecken, sagte man. Und wenn ihr das Signal hört, nehmt ihr eure Ha­cken ohne Umschweife in die Hand und stürzt in das Haus, das euch am nächsten ist, wo immer ihr auch gerade seid! Mit Vorliebe erzählte man dann das Märchen ›Der Wolf und die sieben Geißlein‹, um die Ernsthaftigkeit des Gesagten zu unterstreichen. Keine Tür wird euch dann verschlossen sein, wir kennen uns doch alle, das Zusammensein birgt auch diese Bürde, ihr müsst euch sogleich in Sicherheit bringen, bis die Jäger die Sache erledigt haben!

Der Klang unterschied sich nur deshalb von anderen Katastrophenwar­nungen, weil die Botschaft durch die alten Propagandaleitungen brüllte und nicht von einer modernen Feuersirene stammte. Wenn man Glück hatte, wurde man als Kind mit Kuchen versorgt, bis die Jäger Entwarnung gaben.

Winterzeit, Windzeit, Wolfzeit, sagt das Wölsungenlied. In den Thermos­kannen steht der Tee bereit, der Zimtgeruch vertreibt den Schnee aus den Nüstern. Rotz gefriert klammheimlich, ein Mangel an Stolz in den Sekreten. Glühend wird der Wein getrunken, die Lippen verbrennen sich gerne an ei­nem kochenden Verschnitt, in den man Gewürzbeutel hängt. Nur ja nicht zu lange sieden, der Geist geht sonst verloren und die Körper der zermalmten Trauben inkarnieren nicht mehr richtig im nächsten Erntejahr.

Andere hatten vielleicht weniger Glück und mussten Kartoffeln aus dem Keller nach oben tragen. War das so aufregend gewesen wie jetzt vor der Wä­sche, die an Sträuchern hing, zu stehen? Der Wolf war fort, hatte ihn entwe­der nicht gesehen oder sich über ihn lustig gemacht, oder er gab gerade dem Rudel Bescheid. Das wäre alles halb so schlimm, wenn nicht im letzten Win­ter die beiden angefressenen Leichen gefunden worden wären. Ein blassblau­es Leuchten simmerte damals über den Landstrich.

Die reißende Bestie, die hier wütete, kam, so erzählt man sich, aus dem Šumava durch die Wälder, durch Seen und Moore gewandert. Vielleicht aber kam der Wolf aus den Herzen derer, die ihm dann auch zum Opfer gefallen waren, sagten andere, die die Meinung vertraten, Wölfe fräßen überhaupt keine Menschen.

Ach, so ein Revier! Habichte klimben beflügelt
über den Tellerrand, zucken rostrot von den Bänken
der Horizont erschallt in butterweichem Gelb. Ist
die Falle gestellt, ist es leicht, darauf zu warten.
Kuseln ploppen auf den übersäuerten Waldboden nieder,
hie und da ein salopper Wanderer, der seinen aus-
gewürgten Spazierstock streichelt, dann sich Blaubeeren
ansieht. Hochgeschossenes Lilablau, Lippen
violettschwarz, und Teekessel, die keine Ruhe geben.
Hübsch am Ofen den Arse gewärmt. Einer, der
Pferde stiehlt, seziert jetzt Schafe, rankende
Kühe, bespannt Äpfelkörbe, schießt scharf mit
Vogelbeeren. Ein stummer Gruß bleibt zu lokalisieren,
so ein Abendlicht, wie er dir schenkte.





Es gab einen Sturm (3)

Sandsteinburg #5

In seinen Träumen zeigt Hohenner seine außergewöhnliche Kollektion all­nächtlich dem Wanderer, der doch ein Gefangener ist (oder gerade weil er ein Gefangener ist), den er immer nur in seinen Träumen antrifft. Er nennt ihn den ›verbrannte Helden‹, denn im Traum weiß er Dinge über diese Erschei­nung, die der Heiligengeschichte des Bartholomäus verblüffend nahe kommt.

»Gefallen sie dir?«

»Ja, sie gefallen mir. Wo hast du sie her?«

»Ich habe sie mir erarbeitet. Sie gefallen dir wirklich?«

»Ja, wirklich. Sie sehen aus, als könnten sie sehen.«

»Oh, sie konnten sehen. Sie sahen viel. Sie alle sahen Dinge, die ich nie gesehen habe.«

»Hast Du sie deshalb archiviert?«

»Ich habe sie archiviert, damit sie weiterhin sehen können, niemals da­mit aufhören, zu sehen, in sich gekehrt. Niemals müde. Sie haben keine Lider. Sie können nicht schlafen. Sie werden immer weiter sehen. Sie werden Dinge sehen, die ich nie sah.«

Der Himmel prangt maulbeerfarben, Wolken galoppieren in undefinierbarer Geschwindigkeit dahin, verschwinden hinter dem Irrlicht, tauchen erneut wieder auf.

Man kommt aus dem Nirgendwo und man geht nirgendwo hin. Nur Au­gen sieht er in seinen Träumen, weit aufgerissen starren sie ihn lidlos an. Er sieht Menschen, die in jeder ihrer Körperöffnung jeweils ein Auge stecken haben, dort aber, wo sie von Natur aus hingehören, klaffen Abgründe, win­den sich Maden, die aus dem Gewebe hängen, das mit Schwert und Lanze ge­gen die Verwesung streitet. Die Welt braucht einen Beobachter, das Gesetz der Existenz ist von einem Zuschauer abhängig. Quälende Blicke, gequälte Blicke. Sämtliche Rezeptoren sind blind für die Qualität der Reize, sprechen lediglich auf die Quantität an. Weder Licht noch Farben sind da draußen, kein violetter Himmel, nur Wellen, Wellen, Wellen; weder Schall noch Musik sind da draußen, nur periodische Schwankungen der Luft; weder Wärme noch Kälte sind da draußen, nur Moleküle, die sich mit kinetischer Energie bewe­gen.

»Alle mal herhören … es gibt noch einen!«, ruft Michels neben seinem Wagen stehend, das Funkgerät in der Hand, ein unfassbares Instrument, bedient von einem fassungslosen Menschen.

»Herr Doktor? Sie sollten mit mir kommen.«

»Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, dass Sie bei diesem Scheißwetter ge­kommen sind«, sagt Michels zu seinem Lenkrad, so dass auch Hohenner es hören kann, der sich nicht die Mühe gemacht hat, den Sitz auf seine Größe einzustellen, wie Sperrholz auf dem Beifahrersitz lümmelt und nicht antwor­tet, weshalb er einen flüchtigen Blick von der Seite erntet, bevor Michels sich wieder auf seine dreißig Stundenkilometer konzentriert. Hohenner sieht aus wie ein Bubo Bubo mit tief hängenden Backen und nicht vorhandenen Lippen, mit einer Haarattrappe, die auf die Kopfhaut gemalt ist.

»Ich war neugierig«, sagt der Arzt nach reichlicher Verzögerung. »Au­ßerdem habe ich nicht viel zu tun.« Die Augen in seiner Manteltasche tauen auf, er kann das nasse Erwachen fühlen. Vielleicht hätte er eine Handvoll Schnee dazu packen sollen. »Warum haben Sie die Straße gesperrt?«

»Reaktion, nichts weiter. Ein kleines Gefühl von Ordnung. Sinnlos zwar, aber mir wird dadurch eindeutig wärmer hier drin.« Michels boxt auf seinen Brustkorb. Die Landschaft wirkt wie die Übung eines arktischen Pinsels. Mit­ten auf der Straße vor der stillgelegten Porzellanfabrik Schumann & Schreider steht jemand völlig eingehüllt in einen zu großen Pelzmantel und wedelt wie verrückt mit seinen Armen.

»Dann sind wir wohl da «, sagt Michels.

Die Leiche liegt nicht weit entfernt von der Straße auf dem Bauch im Schnee, vom Gestöber nahezu völlig abgedeckt, das allerdings nicht zu ver­bergen vermag, dass dem Körper der halbe Rücken fehlt. Der Schnee hat dort eine unregelmäßige Einbuchtung modelliert, das Tal der Sorge, und sieht sich nicht imstande, mit seinem reinen Weiß den purpurnen Ton zu überdecken. Auch hier fehlen einige Organe. Eine Niere liegt angenagt neben dem Kopf, der Darm bleibt unvollständig – und ebenfalls die Milz. Die Bissspuren sind hier eindeutig zu erkennen. Hohenner bildet sich ein, die Wonne des verzo­genen Mauls anhand der Spuren zu sehen, die Lust am Biss.

»Ein Wolf, sagen Sie?«

»Ich muss gestehen, ich weiß es nicht«, sagt er.

Die beiden Männer sehen aus wie Schneegespenster. Michels erkundigt sich bei der Frau, die sie zum Fundort geführt hat, und stellt fest, dass ihre Gestikulation nicht nur vorhin außer Kontrolle geraten war. Sie fuchtelt un­koordiniert mit ihren Armen und er muss sich vorsehen, nicht eine Hand ins Gesicht zu bekommen. Gesehen hat sie nichts, wollte nach etwaigen Sturm­schäden Ausschau halten, und fand dann etwas, das sie zunächst für einen entsorgten Teppich hielt.

Michels schickt sie nach Hause. Windmühlenartig tappt sie von dannen.

»Was immer es war, es wollte nur an die Innereien. Leber, Niere, Lunge, Herz … die schmackhaften Kaldaunen. Sie sollten wirklich den Jäger infor­mieren.«

»Was jagen wir denn nun wirklich?«

»Das verschleierte Bildnis zu Sais.«

»Oh! Während ich damit beschäftigt bin, meinen Magen zu beruhigen, haben Sie sogar Farbe angenommen. Außerdem weiß ich nicht, wovon Sie re­den.«

Hohenner schüttelt den Kopf. Frischer Schnee verabschiedet sich per­lend aus seinen dünnen Haaren. »Medizinisches Interesse. Blut gerät in Wal­lung. Und Sais ist nur eine Metapher auf die Unergründlichkeit der Natur.«

Michels nickt und stapfte davon, vergisst aber nicht, Hohenner zu sei­nem Auto einzuladen. »Ich habe Kaffee dabei. Der schmeckt zwar wie Hoch­wasser in einem Kohlenkeller, aber er ist heiß und süß.«

»Lieber nicht … ich glaube, ich sehe mir die Wunden etwas genauer an, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Geben Sie nur auf die Spuren acht. Fassen Sie besser nichts an!«

Ich fasse hier nichts an, fast nichts!

Augen werfen die Reflexion zurück, das ist wie in einen Spiegel sehen. Man kann sich darin betrachten, oh ja, darf das aber nicht allzu lange tun, höchstens um sich eventuell die Borsten aus dem Gesicht zu sensen, auf kei­nen Fall aus Eitelkeit. Abbild, Abklatsch, Augenlicht der tiefsten Tiefe!

Sandsteinburg (Inhaltsverzeichnis)

Die Tableaus sind fertig und warten nur noch auf ihre Silbetrennung. Die aber füge ich gleichzeitig mit den Aufnahmen ein, die zu machen sind. Die beiden Stücke der “Prenunzion” stehen ja bereits zur Verfügung, mit dem “Elvegust” beginne ich morgen. Allerdings werde ich bis in den Juni hinein die Serie GrammaTau nicht unterbrechen, so dass auch hier etwas Vorlauf entstehen wird.

Inhaltsverzeichnis
Prenunzion 5
Dort beim Hexenkraut 7
Seit wann schaukeln meine Schafe? 10
Der Elvegust 13
Es gab einen Sturm 15
Die hohe Hand des Helden 43
Die Schnitt die Zunge leidet 44
Der epikureische Garten 45
Vir Desideriorum 46
Ungesehene Winkel 52
Frikative Labiale 54
Die Gefilde Roms 55
Der Turm der höchsten Trümmer 56
Im Mundrot der morgendlichen Brise 57
Mistsudel 59
Vor uns der Kickertisch 60
Scheiterboden 62
Die Einsamkeit langer Distanz 63
Ein ellenlanger Korridor 64
Der Geburtstag der Friederike 68
Die Kusskelbertate 73
Haderlumpen in der Küche beim Schmacken 74
Wer vollkommen ist, hat keinen Namen 75
Pissstand 76
Die Engelmacherin 77
Meister Vollpferd hat ein Ziel 79
Ich bin die Nacht / Du bist der Ort 81
Ich bin die Nacht 83
Jitterbug 111
Falter aus nächtlichem Horn 113
Walden 115
Das letztliebliche Tal 117
Das eingeschworene Raupenmaß 118
Gambrinus 119
Der Hase 120
Ein Hungerleider am Straßenrand 121
Anton Reisers Auffinden 123
Turmzimmer zu Karstenfels 124
Terra finestre 126
Mitternacht in einer perfekten Welt 127
Die Kleider dem Huhn 129
Lacus Mortis 132
Zitterhexchen 134
Die Reise 137
Ein Eintopf voller Rätsel 138
Die Bananenkisten des Physikers 139
Die Wäsche wird nass und du wirst nass 140
Die Romantische Zeit 141
Das Katzengold ihres Herdes 142
Die Mondmacher 143
Der verbrannte Mann 144
Bartholomäus 146
Cornelius liegt wach 173
Morena 174
Die Zimtweiber 175
Grummetschober 176
Ödmarken der Dunkelheit 178
Das Singen niederstürzenden Regens 181
Stimmgewirr der Toten 182
Schweins drüber 183
Der Zuchtstuten Zunder 184
Pellkartoffelzucht 185
Der ewige Wanderer 186
Rache für den Marmortraum 187
Niemand betritt das Haus des Gestern 190
Ein Regenwurm ist reinster Magen 191
Das unzerbrochene Kirschlgas 192
Der Pfeifer an den Toren 193
Die Pest der Vernunft 198
Die Ankunft des Genies 201
Diese Alpträume reisen viel 202
Haus der 1000 Köpfe 204
Das Arganöl der Anständigkeit 206
Pechrabella 207
Wolf aus Erz 216
Wolf aus Erz 218
Der Brief des Cornelius 238
Im Wald von Ypern 240
Der kolossale Weltenschwund 241
Die Servierdame 244
Das blaue Kleid 245
Der Magier 253
Sonnenpolierte Nymphen 254
Sterntaler 256
Der Solomensch von Java 259
Die Rektaszension 260
Trolle & Barstukken 261
Vom Horizont walzt immer noch Licht 263
Ich kenne eine Stadt 268
Triumphator 269
Das Od 271
Was Weniges von Nachtkrappens Fauna 278
Märchenseher 279
Die Zentrifuge 280
Überschüsse im Gesicht eines Mannes 286
1 Zauber 287
Airus 288
Urgrund 289
Wismutoxyd 290
Quellen aus Mondlicht 291
Gelächter hinter den Schächten 292
Georg Heyms Verschwinden 293
Das knappe Wunderhorn 294
Flamboyant 296
Der Volontär 298
Amt für Halluzination & Psychonautik 332
Duft des Narkotikums 333
Der Tag, an dem die Nacht nicht mehr verging 334
Felsen der Bayonner 339
Es stinkt nach Gift 340
Trümmer des Schlafs 342
Der Mythos eines Gesangs 345
Felder, verrutschende Äcker 346
Das direkte Streuen der Herzen war grundlos 347
Pechbrand 349
Schlamm der Knochen 350
Trunken 351
Die letzte Herbaria 353
Ein Haus zu umarmen 354
Stubenfragment (Vergiftete Kekse) 355
Ohne Gewicht und ganz von irdischer Hefe geläutert 356
Gesang über dem Odfeld 358
Plüschbalkone 360
Lupinenhonig 361
Diabolus in Musica 362
Die Gasse der sprechenden Häuser 363
Erschrockener Brief mit folgendem Aufatmen, der Falle entkommen zu sein 366
Unter Huf & Egge 367
Quadratwurzel minus 1 368
Spukhafte Fernwirkung 369
Affentheuerlich & Naupengeheuerlich 370
Wir betraten den Schrank 372
Der Gänsehüter 373
Die Veranda 377
Der Taubenfütterer 379
Ilenes Lieblingsgeschichte 415
Nimrod 417
Unter der Chamäleonsonne 418
L´amour gout 420
In puris naturalibus 423
Halkyonische Tage 424
Sequena 425
Monstra Sunt 426
Ein alter Schuh 427
Nachtwach unter Himmels Schwärze 428
Untreulich 430
Süßes & Bitteres 431
Walditalien 432
Gezirp schüchterner Lippen 436
Messer Gabel Leffel 437
Das Experiment mit Eisen 438
Der Abgrund 444
Muttermörder 451
Feldpost 452
Landschaft mit Saft 454
Inwanderers 455
Messing der Lampe 456
Titanomachia 457
Erste Erwähnung des Vielgereisten Mantels 460
Schlanker Versucher Wind 461
Ockermoos 462
Tiefsitzende Verwebnisse 463
Der Weg nach Raha 464
Früher war das ein Hotel dʼAmour 466
Evaluation 483
Ein alter Bahnhof 486
Madame Blandot 490
Neonfragmente 494
Leichenfest 495
Gondel 497
Guter heißer April 498
In der Gesellschaft von Bildern 499
Nekyia 500
Dreh- und Engelpunkt 501
Parahotelzimmer 502
Geruch frischer Krapfen 503
Das süße Gift der Adoleszenz 504
Gliese 518 c 512
An einem weinroten Tag 513
Terra Incognita 517
Staffellauf der Abendlichter 518
Walden (Reprise) 520
Paradies aus Schwefel 522
Ödium des Verrats 523
Gliederlose Schweißperlen 526
Die Boten 527
Die Geröllhalden von Herculaneum 528
Die Fliegenpilzin 529
Kenorland 535
Pupillenängste 537
Pferdeköpfe 538
Die latenzperiodischen Kinder 540
Im Atelier 542
Gewalt über deine Ohren 545

Angela Carter / Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes „Reue“ nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.
Sie seufzt.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

Es wäre nicht genüge, diese acht Perlen einfach nur Geschichten zu nennen. Wären sie das, könnten wir uns leicht über das Abrupte in ihnen beklagen, geschrieben von einer Virtuosin, die ihr Instrument einfach nur hinlegt, ihr Können längst bewiesen, als ob der Nachhall ihrer Legende ausreichen würde, sie als Autorin in Szene zu setzen. Es gibt in dieser Sammlung Sätze, die sich als poetische Fragmente betrachten lassen. Ihre Erzählungen haben mehr mit der Struktur von Märchen zu tun, hier wirkt eine autoritative Stimme im Hintergrund, die Dialoge vermeidet, scheinbar undruchsichtige Ereignisse werden in einen Prolog und ein Nachspiel gekleidet, so dass sie aus dem Text heraustreten. Hier ist eine Phantasie am Werk, die unter dem Deckmantel historischer Meditationen waltet.

Die Eröffnungsgeschichte „Schwarze Venus“ ist Carters Interpretation der Muse und Geliebten von Charles Baudelaire, Jeanne Duval, die er seine „Vénus Noire“ nannte, die Inspiration für insgesamt sieben Gedichte aus den „Blumen des Bösen“ war, von der man tatsächlich sehr wenig weiß und die wohl ihren Namen als Tänzerin und Objekt der Begierde sehr häufig geändert haben dürfte. Geheimnisvoll erscheint sie nicht zuletzt deshalb, weil sie die Geliebte eines perversen, „bösen“ Dichters war. Uns wird erzählt, wie er eines Nachts von ihr in Erregung versetzt wird, als er sie ohne einen Hinweis oder jedwedes Schamgefühl auf die Straße urinieren sieht.

Die subtile Andeutung, dass sie eine gefallene Frau ist, wie in dem obigen Auszug angedeutet, wird durch die letzte Beobachtung des Fotografen Nadar verstärkt, der eine syphilitische, zahnlose und auf Krücken stehende Frau sieht. Durch Carter wird sie transformiert, ihre Sexualität wird zu einer Ermächtigung, als sie Baudelaire für den Sex bezahlen läßt, weil sie ihn respektiert und weil sie es wert ist. Außerdem wird sie als die Intelligentere von beiden dargestellt; obwohl sie seine Kunst zu schätzen weiß, erkennt sie die Dummheit seines Vergleichs ihres Tanzes mit dem einer Schlange. Hätte er – wie sie – je eine gesehen, wüsste er, wie lächerlich der Vergleich war.

Baudelaire selbst zeigt sich als sehr gesprächig und ein wenig als Poseur, während er in ihren Armen nach dem Koitus zu weinen beginnt. Am Ende der Erzählung überlebt sie den Dichter und kehrt nach Martinique zurück.

Angela Carter

Die zweite Geschichte, “Der Kuss“, ist die kürzeste Geschichte in der Sammlung und handelt von einem Zwischenfall zwischen Timurs schöner und klugen Frau und einem Baumeister. Die Ehefrau will ihrem siegreich von einem Feldzug zurückkehrenden Mann eine Moschee bauen und pocht darauf, dass sie rechtzeitig fertig wird. Aber ein Torbogen bleibt noch unvollendet. Sie ruft den Bauherrn herbei, aber er wird den Torbogen nur unter der Gegenleistung eines Kusses vollenden. Die Ehefrau will nicht untreu sein, und deshalb entwirft sie einen Plan, um ihn zu täuschen, indem sie ihm Eier mit verschiedenfarbiger Schalen zum Essen gibt. Als er sie gegessen hat und unbeeindruckt ist, weil sie alle gleich schmeckten, benutzt sie das gegen ihn, indem sie sagt, dass die gleiche Logik für Küsse gilt, unabhängig von der Ästhetik, deshalb wird sie ihm erlauben, stattdessen irgendeine ihrer Mägde zu küssen.

Sein Gegenvorschlag umfasst drei Schüsseln mit klarer Flüssigkeit, zwei mit Wasser und einen Wodka, mit dem Argument, dass, obwohl sie gleich aussehen, jede Flüssigkeit anders schmeckt und so sei es auch mit Liebe. Danach küsst sie ihn und als Tamur nach Hause zurückkehrt, wird sie nicht in den Harem zurückkehren, weil sie Wodka probiert hat und ihm gesteht, dass sie den Architekten geküsst hat. Sie wird geschlagen, und er schickt seine Wachen, um den Architekten hinzurichten, der auf dem fertiggestellten Torbogen steht, sich Flügel wachsen lässt und davon fliegt.

Unsere Liebe Frau vom Großen Massaker“ erzählt die Geschichte eines Mädchens aus Lancashire, das nach London zieht, wo sie einen Laib Brot stehlen muss, um nicht zu verhungern, und von einem Gentleman erwischt wird, der sie dazu überredet, mit ihm in ein Zimmer zu gehen, um Sex zu haben. Als er merkt, dass sie noch Jungfrau ist, schämt er sich und gibt ihr etwas Geld. Die Folge davon ist, dass ihr das recht gut gefällt und sie damit beginnt, sich zu prostituieren. Nebenbei beginnt sie aus Spaß auch noch zu stehlen, wird erwischt und in die Neue Welt verfrachtet, um dort auf einer Plantage zu arbeiten. Dort muss sie fliehen, als sie einem Vorarbeiter, der sie vergewaltigen will, die Ohren abschneidet. In der Wildnis begegnet sie einer Indianerin, die sie als Tochter aufnimmt und so wird sie Teil des Stammes. Dort lebt sie ein einfaches Leben, glücklich, weil sie keine Wünsche und Bedürfnisse hat und zu einer Gemeinschaft gehört. Sie heiratet sogar einen der Stammesangehörigen und hat einen kleinen Jungen. Ihr Glück ist jedoch nicht von Dauer, denn die Engländer kommen und schlachten alle ab. Sie selbst wird von den Engländern mitgenommen, wo sie von einem Priester gekauft wird, der ihre und die Seele ihres Kindes retten will. Die Geschichte würde in der Hand einer weniger begabten Schriftstellerin leicht platzen, denn die Gegenüberstellung der ekelerregenden „Zivilisation“, wo sie ihren Körper verkaufen muss, um zu überleben, und den respektvollen „Wilden“, in deren Gemeinschaft sie sich sinnhafte einfügt ist schon vielen mißlungen. Tatsächlich könnte man einen Makel darin sehen, dass die Geschichte an sich nicht phantastisch ist. Aber wie bereits bei Schwarze Venus selbst ist sie spekulativ-abenteuerlich, und das rückt sie in die Nähe der Literatur, die wir meinen.

Die nächste Geschichte stellt den Höhepunkt der an sich schon sehr starken Sammlung dar: „Das Kabinett des Edgar Allan Poe“. Diese Erzählung beschäftigt sich mit den Effekten, die seine Kindheit und seine Mutter auf Poes pathologischen Probleme im Mannesalter hatten. Bekanntermaßen war Poes Mutter eine Schauspielerin, die für ihr Können und ihre Vielseitigkeit in den Rollen von Shakespeares tragischen Heldinnen Ophelia und Juliet Capulet bis hin zu Chor-, Tanz- und Komödienrollen gelobt wurde. Die Sache, die Edgar am meisten genießt, ist, sie in ihrem Schrankspiegel zu sehen und dabei zuzusehen, wie sie sich komplett von einer Person in eine andere verwandelt. Nachdem der Vater verschwunden ist (er löst sich einfach auf), versucht sie weiterhin unter Selbstaufgabe sich um ihn und um seine zwei Geschwister zu kümmern. Bis zu ihrem Tod, den Carter so beschreibt:

Der feuchte, mürrische Winter des Südens unterzeichnete ihr Ende. Sie legte das Hemd der irren Ophelia zum Abschied an.
Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Edgar schaute aus dem Fenster und sah ihn. Die lautlosen Hufe von Pferden, die schwarze Federbüsche trugen, schlugen Funken aus den Pflastersteinen der Straße drunten. „Vater!“, sagte Edgar; er dachte, ihr Vater müsse sich in dieser verzweifelten Lage wieder zusammengefügt haben, um sie alle zu einem besseren Ort zu fahren, doch als er genauer hinsah, beim Licht des schwelenden Mondes, erkannte er, daß die Augenhöhlen des Kutschers voller Würmer waren.

Der Tod seiner Mutter hat tiefgreifende Auswirkungen auf Poe, da er seine Mutter schon unzählige Male auf der Bühne sterben und sie nach dem gefallenen Vorhang wieder aufstehen sah, aber diesmal kehrt sie nicht zurück. Drei Wochen nach ihrem Tod wird er von den Allens aufgenommen und bekommt ein gutes Zuhause und eine gute Ausbildung, er wächst auf und heiratet seine dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm. Elf Jahre lang werden sie verheiratet sein, bis das bleiche, sanfte Mädchen an Tuberkulose stirbt. In dieser Ezählung zeigt Carter virtuos auf, wie sehr Poe durch den tragischen Tod der beiden Frauen, die er liebte, geprägt wurde. Wir kennen das stets wiederkehrende Thema der sterbenden oder toten Frauen in seiner Arbeit natürlich sehr genau und ich selbst habe schon eine Menge darüber geschrieben, was aber hier nichts zur Sache tut.

In den nächsten beiden Erzählungen kehrt Angela Carter auf das ihr vertraute Gebiet der Volkserzählungen zurück. Einmal, um Shakespeares „Sommernachstraum“ neu zu erfinden, in dem sie einen goldenen Hermaphroditen einführt, und ein anderes Mal, um sich in „Peter und der Wolf“ erneut dem Motiv der Wolfskinder anzunehmen, wo sie unter anderem ja ihre stärksten Momente auch in „Blaubarts Zimmer“ hat.

Sommernachstraum; Titania & Bottom

In „Capriccio-Ouvertüre zu ‚Ein Sommernachstraum‘“ stellt sich Carter einen sehr englischen Wald als Schauplatz vor, in dem sie besagten goldenen Hermaphroditen namens Herm in die Geschichte einfügt, der unter der Obhut von Titania steht, die entschlossen ist, sie vor den verliebten Annäherungsversuchen ihres Mannes Oberon zu schützen. Während sich der Wald zu verändern beginnt, um Oberons sexueller Frustration anzupassen, benutzt Titania den Herm für sich selbst. Darüber hinaus ist Herm auch das Objekt der Begierde von Puck, der ihr/ihm in den Wald folgt, wo Herm Yoga praktiziert, den Hermaphrodieten aber nicht zu nahe treten kann, weil eine Barriere um ihn geschaffen wurde, um ihn zu schützen. Deshalb sieht er ihm nur zu und masturbiert. Puck schafft es sogar, seine Genitalien so umzustellen, dass er sich in einen Zwitter verwandelt, aber auch das nützt ihm nichts.

Selbst für Carters Maßstäbe ist die hier genutzte Sprache üppig, das eigentlich Interessante jedoch ist die Symbolik, der sie jedem Charakter zuweist. Titania ist eine Fruchtbarkeitsgöttin, während ihr Mann, der König, frustrierte männliche Dominanz darstellt und Puck reine, ungehemmte animalische Sexualität ist. Der goldene Herm, obwohl er beide Geschlechtsteile besitzt und von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt wird, scheint die ganze Idee des Geschlechts langweilig zu finden, als ob er durch einen höheren Zustand erleuchtet wäre, wie sein Yoga dann auch zeigt. Bei der Adaption der Geschichte behält Carter die Unzucht von Shakespeares Stück zwar bei, macht es aber uneingeschränkt zu ihrer eigenen Geschichte.

In „Peter und der Wolf“ entdeckt Peter während der Jagd ein junges Mädchen unter den Wölfen. Es handelt sich um seine Cousine, die verwilderte, als ihre Eltern, die abgeschieden auf einem Berg lebten, von Wölfen getötet wurden, als sie selbst noch ein Baby war. Gemeinsam mit anderen Jägern wird sie eingefangen und „nach Hause“ gebracht. Peter und seine Großmutter sind fest entschlossen, ihr zu helfen. Sie allerdings fängt laut zu heulen an und es dauert nicht lange, da kommen die Wölfe vom Berg herunter und befreien das Mädchen.

Nach diesem Ereignis wird Peter religiös. Als er volljährig ist, empfiehlt es sich von daher für ihn, ins Priesterseminar zu gehen und dort zu studieren. Als er das Dorf verlässt, kommt er an einen Fluss und sieht seine Cousine mit zwei Wolfsjungen, die von ihr gesäugt werden (hier haben wir die dunkle Symbolik der Sodomie). Als er sie dort sieht, wird er an seine Sehnsucht erinnert, die ihn überkam, als er zum ersten Mal von ihrem Geschlecht angezogen wurde als er sie nackt und wild im Haus sah, bevor die Wölfe sie befreiten. Er versucht über den Fluss zu ihr zu gelangen, aber er verschreckt sie nur. Wie Puck in der vorigen Geschichte, steht das wilde Mädchen für die animalische Sexualität, aber sie repräsentiert auch eine Art Freiheit, die Peter nicht weniger begehrt, aber nicht haben kann. Auf seinem weiteren Weg bemerkt Peter, dass ihm die Berge seiner Jugend wie auf einer Postkarte geworden sind und blickt nicht zurück aus Angst, das gleiche Schicksal wie Lots Frau zu teilen.

In der nächsten Erzählung, „Das Küchenkind“, wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der aus einer zufälligen Begegnung zwischen seiner Mutter und einem mysteriösen Mann in der Küche eines Landhauses, in dem sie arbeitet, geboren wurde. In der Küche aufgewachsen, lernt der Junge von klein auf eine Reihe von kulinarischen Fertigkeiten unter der Obhut seiner Mutter, einer begnadeten Köchin. Doch sie fühlt sich unterschätzt, denn wenn der Hausherr zu Besuch kommt, fragt er nie nach ihrer Spezialität, dem Hummersoufflé. Eines Tages geht der Junge auf den Herzog zu, um näheres über seinen Vater in Erfahrung zu bringen. Von ihm erfährt er, dass es sich dabei um den Kammerdiener des Herzogs handelte und dieser traurigerweise verstorben sei, aber auch, dass die Haushälterin – und Gegenspielerin der Köchin – diese Nachricht absichtlich nicht weitergegeben hatte, was seine Mutter fälschlicherweise glauben ließ, er interessiere sich nicht für das Hummersoufflé. Als Zeichen seiner freundlichen Geste geht er in die Küche, um der Mutter des Jungen eine kleine Aufmerksamkeit zu machen, aber sie lehnt seine Annäherung ab, denn als sie bei der letzten Gelegenheit belästigt wurde (der Zeugung des Jungen), gab sie zu viel Cayenne in die Schüssel. Der Herzog ist bewegt von der Hingabe der Mutter an ihre Arbeit und bittet sie, Chefköchin in seiner Residenz zu werden. Der Junge wird sein Ziehsohn und der jüngste Koch in ganz England.

Auch diese Geschichte ist weniger phantastisch als einfach nur ein sprachliches Meisterwerk.

Die letzte Geschichte in der Sammlung ist „Die Morde von Fall River“, die Geschichte von Lizzy Borden, die in der allgemein bekannten Legende ihren Vater als auch ihre Mutter mit einer Axt ermordet haben soll. Tatsächlich bestehen noch immer Zweifel, ob sie es wirklich getan hat, vor Gericht wurde sie jedenfalls freigesprochen.

Carters Lizzy lebt in einem bedrückenden Haus, in dem aufgrund eines kürzlichen Einbruchs alle Türen zu jeder Zeit verschlossen bleiben. Ihr Vater ist recht wohlhabend, aber er ist ein Geizhals, so dass selbst die Form des Hauses bedrückend, sehr eng ist, und Carter nutzt dies, um eine Atmosphäre zu schaffen, die höchst klaustrophobisch ist. Ihre Stiefmutter wird als ziemlich gefräßig dargestellt, und die Beziehung zwischen ihr und Lizzy ist nicht gerade gut. Lizzy’s Schwester ist weggegangen, um bei Freunden in einer anderen Stadt zu leben, aber Lizzy fühlt sich aus Gründen, die nur mit einer inneren Stimme erklärt werden, gezwungen, in Massachusetts zu bleiben.

Während die Hitze unerträglich wird und jeden im Haus krank macht, ereignet sich das, was schließlich Lizzys Verbrechen auslöst (und Carter geht von ihrer naheliegenden Schuld aus).

Obwohl ihr Vater ein Geizhals ist (der als Bestatter den Leute die Füße abschneidet, damit sie in einen kleinen, billigen Sarg passen), gewährt er seiner Tochter jeden (finanziellen) Wunsch. Eines Tages tötet er aber Lizzys Tauben, um sie seiner Gemahlin wortwörtlich zum Fraß vorzuwerfen.

Lizzys Verbrechen wird beinahe zu einem Akt radikaler Befreiung. Sie greift auf Gewalt zurück, um sich einer grausamen und bedrückenden Situation zu entledigen.

Angela Carters Schreibstil wird oft dem Magischen Realismus zugeordnet, obwohl nach ihrer eigenen Aussage dieses Etikett nicht ganz stimmig ist. Sie selbst plädiert für ein “literarisches Spiel” im Geiste lateinamerikanischer Schriftstseller wie Garca Marquez und Borges. Borges war bei weitem ihr wichtigster Einfluss – und darin liegt vielleicht das Problem mit dem Etikett. In Europa geht man allgemein davon aus, Borges sei eben der Prototyp des magsichen Realisten gewesen – und auch Marquez bekam ja dieses Schild verpasst, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass die Erfindung des Magischen Realismus nur ein Marketingkonzept der Verlage gewesen ist.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén