Die Berge, die Stadt, die Leere

Meine allererste Erinnerung ist die an meinen Vater, wie er im Vorgarten unserer gelben Hütte in Tacoma, Washington steht und Blumen in die Erde setzt. Dabei beobachtete ich ihn. Es war ein warmer Frühlingstag im Jahre 1966, und ich trug ein plissiertes Kleid und Mary Jane-Schuhe. Ich erinnere mich, wie ich über unseren immergrünen Garten hinweg blickte, die hohen Telefonmasten und ihre langen Drähte betrachtete, die überall im Himmel kreuz und quer gingen. Überall große Weite und mürrisches Schweigen in den Zweigen, die Massen grauer Wolken, die lange Schatten über den smaragdgrünen Rasen warfen. Der Garten war aufgeräumt und die Häuser in unserer Nachbarschaft waren hell und ordentlich, aber gleich hinter den geraden Hinterhofzäunen und beschnittenen Rhododendren kehrte das Land zu seiner natürlichen Ursprünglichkeit zurück, explodierte in einem dunklen Gewirr von vorsintflutlich-großen Bäumen und Farnen, um sich in der Höhe zu sammeln, bevor sie sich in der Kaskadenkette und dem Mount Rainier auf der einen Seite, und dem Olympic Mountain Range auf der anderen ergossen. “Die Berge, die Stadt, die Leere” weiterlesen

Octavio Paz

Der mexikanische Autor Octavio Paz genoss weltweit einen Ruf als Meisterpoet und Essayist. Obwohl Mexiko in Paz’ bekanntestem Buch “Das Labyrinth der Einsamkeit” eine wichtige Rolle spielt, ist sein Werk in Wirklichkeit international. Der berühmte Kritiker Manuel Duran war der Auffassung, dass Paz’ Erforschung der mexikanischen Existenzwerte es ihm erlaubt, eine Tür zum Verständnis anderer Länder und Kulturen zu öffnen und damit Leser unterschiedlicher Herkunft anspricht. “Was als eine langsame, fast mikroskopische Untersuchung des Selbst und einer einzigen kulturellen Tradition begann, weitete sich unerwartet aus”, so Duran weiter, “und wurde universell, ohne seine Einzigartigkeit zu opfern”. Paz gewann 1990 den Nobelpreis und starb acht Jahre später im Alter von 84 Jahren. Sein Tod wurde als das Ende einer Ära für Mexiko betrauert. In einem Nachruf heißt es: “Paz’ literarische Karriere half, die moderne Poesie und die mexikanische Persönlichkeit zu definieren.”

Paz wurde 1914 in der Nähe von Mexiko-Stadt in eine prominente Familie mit Verbindungen zur politischen, kulturellen und militärischen Elite Mexikos geboren. Sein Vater diente als Assistent Emiliano Zapatas, dem Führer einer Volksrevolution im Jahr 1911. Viele Zapatisten wurden ins Exil gezwungen, als ihr Führer einige Jahre später ermordet wurde, und die Familie Paz zog für eine Zeit lang nach Los Angeles, Kalifornien. Zurück in Mexico City verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie, aber als Teenager hatte Paz zunehmend mit seinem Gedichten und Kurzgeschichten Erfolg in lokalen Publikationen. Sein erster Gedichtband, Luna silvestre, erschien 1933. Während seines Jurastudiums zog es Paz jedoch in die linke Politik. Als er einige seiner Werke an den berühmten chilenischen Dichter Pablo Neruda schickte, gab der Senior-Schriftsteller eine positive Kritik ab und ermutigte Paz, an einem Kongress linksdenkender Schriftsteller in Spanien teilzunehmen. “Octavio Paz” weiterlesen

Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original. “Angela Carter: Schwarze Venus” weiterlesen

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen

Das Lorebuch (IV)

Die Aufzählung einiger Banalitäten versandete, während der
Druck der imaginierten Leitungen dem ein oder anderen zu Kopf
stieg. Sorglosigkeit hatte es sich mit weiten Ärmeln bequem
gemacht und nur die Verschwiegenheit der Wolken gewährleistete
eine Ansicht von oben. Dennoch trieben die Baumstämme in diesem
abgenagten Fluss und erkletterten das Land, sobald man sie brauchte,
um einen neuen Wald zu geben. Es war kein weiteres Gedeck nötig,
denn sie wussten, was alle wussten: Der Tagtraum zog nach Norden,
von wo er einst gekommen war. Man erzählte sich, dass der
große Abgrund mit seinen erhabenen Metaphern nicht mehr so
schön anzusehen war wie in ihren Kindertagen; eine Vermutung,
die den Anwesenden viel Leid ersparte, aber nicht, wenn man
alles wissen wollte und dazu bereit war, all das zu erwähnen.

 

The enumeration of some banalities silted, while the
pressure of the imaginary pipes makes one or the other
conceited. Carefreeness had made itself comfortable with wide sleeves
and only the secrecy of the clouds guaranteed a view
from above. Nevertheless, the tree trunks floated in this
gnawed-off river and scaled the land as soon as they were needed
to build a new forest. There was no need to set another place setting,
because they knew what everybody knew: The daydream moved north
from where it had once come. It was said that the
great abyss with its sublime metaphors was no longer
as beautiful to look at as in their childhood; an assumption
that spared those present a great deal of suffering, but not if you
wanted to know everything and were prepared to mention all of it.

Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche

Cocktail für eine Leiche ist einer der mutigsten Filme, die Alfred Hitchcock je drehte. Hier verwandelt der Meister des “Suspense” ein kleines Spannungsstück in einen ganzen Spielfilm, und zeigt uns die Kehrseite der Thriller, mit denen er sich einen Namen machte. Mord wickelt sich in vielen Filmen mehr über das Motiv als über die Konsequenz ab. Die bösen Jungs planen ihr Verbrechen und sind viel Interessanter, bevor sie ihre Tat bereuen. Cocktail für eine Leiche verwirft diese Formel, lehnt sich an eine wirkliche (und besonders kaltherzige) Geschichte an und macht sich über deren Nachwirkung lustig.

Der Film ist der dunkle Schatten von Das Fenster zum Hof, den Hitchcock sechs Jahre später drehen sollte. Auch hier sehen wir James Steward in der Hauptrolle und auch hier spielt sich die Handlung in einem kleinen städtischen Apartment ab. In diesem späteren Film ist unser (und Stewards) Voyeurismus moralisch gerechtfertigt. Wir glauben, einen Mord beobachtet zu haben, sind uns dessen aber nicht sicher. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden, ruht in der weiteren Beobachtung der Szenerie. In Cocktail für eine Leiche wissen wir ganz genau, welchem kranken Geschehen wir da zusehen, die einzige Frage ist, wie lange wir es aushalten.

Es beginnt mit einem Mord und endet mit einem Pistolenschuss, der die Polizei auf den Plan ruft. Was dazwischen geschieht, wird in fast quälender Echtzeit gezeigt. “Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche” weiterlesen

Das Crimson’sche Semikolon

Die Erklärung, daß Staub nur Staub ist, ist ein gut gekleideter Irrtum. So viel die Himmel sich verdunkeln, gräbt mein Herz nach Abenteuern. Es bleibt nichts, die Ewigkeit endlos, die Dämonen der Chetin Bat Scheba, der Mutter des Salomon, Autorin der Tora, Kompilatorin des Tanach, Erfinderin des blasphemischen und skandalösen Gottes Jahwe, sticht aus eisigen Wolken hervor, steckt ihre Klauen in die staunenden Münder, reißt jedwedes Wort von der Zunge (die Lippen zerfetzen sich selbst).
Formen werden zu Brüsten, Brüste werden zu Bergen, nehmen das Gesicht zwischen ihre Höcker, irgendwo die fremde Stimme, kommt sie doch von außerhalb, dringt an das Ohr im Dämmerzustand, eingeklemmt zwischen zwei Brüsten.
“Ich habe noch eine Dose Nescafé; wenn einer noch eine Dose Nescafé hat, ist seine Lage nicht völlig aussichtslos, er kann noch eine Weile durchhalten.”

Zitterhexchen

Sie läuft auf Sand, auf Scherben, plantscht in Kettenrinnen, überquert Schienen und Gräber, schläft bei den unruhigen Toten in einer Leichenkutsche (als es einmal gar zu arg regnet). Die Seelensauger, die aus den Wänden kommen, diese merkwürdigen Orte, Oasen der Dunkelheit und Kälte, fackelndes Geschwür. Unvermittelt tauchen sie in der Landschaft auf, rauben dieser alles von ihrer irdischen Schönheit.

Dorothea, nahe an der Tür : »Sie ist in der Kammer, aber ich werde sie jetzt nicht wecken!«

Da ist sie längst schon über alle Berglein, träumt aber immerzu von ihrer engen, düsteren Behausung. Sie weisen darauf hin, die Kettenspuren, die Radstandspuren, daß hier einmal ein Mensch lag, von Sinnen zwar, außer sich, verplant in einem ›Van de Graaf Generator‹, die Blumen aufgeschmolzen, bunte Tümpel preisend (nur von einer sengenden Sonne umgeben knüpft ein Punkt an den nächsten, stiert aus roten Augen hervor).

Das Neon bleibt Neon, selbst wenn es sein Licht emittiert hat. Sie überquert die Jagdgründe der Insekten, in ihren nassen Kleidern sieht sie sich schließlich ähnlicher als jemals in ihrem finsteren Leben, aus zahlreichen Rinnen fließt baldige Flut, im Zorn spricht sie Namen, die sie nicht kennt : Scharlachmunt, Susemilck, Rupsac Manderscheid, Füllengast, Karin Halbfotz, Crumbhals, Eppele Guguck, Gretel Ars; das Gespei wilder Worte verfängt sich – zart schmelzende Schokolade – zwischen ihren hübschen Zahnlücken. Flucht ist eine Tugend, und die Nacht fragt nicht, wohin sie flieht. Nur Wolken folgen ihr hinaus in ein törichtes Bild. An die Kammer erinnert sie sich schallend, hinter den Laternen steht ihr Geist Spalier, beobachtet sie aus Facettenaugen, geblendet von ihrer eigenen Furcht. Niemand hält sie auf, die Spalten nicht, die zwischen zwei Fluren abrupt alle Masken fallenlassen, zum Teil gehören sie ihr, die jetzt erschöpft aus dem Fensterrahmen äugt, ein blinder Passagier. Aber wen hätte sie fragen sollen?

Auf dem Weg zu katatonischer Starre von Vorkommnissen begleitet, die ihr die Schau stahlen, trat sie in den vor ihr liegenden Traum, unbekannt, von welchen Wegen, Sehnsüchten, Pflastersteinen (vornehmlich Grus) erschaffen, ungenau in seiner euklidischen Darstellung, freskenbetont und einsam. Sie, die sich stets in ihrer Mitte wußte, fand hinaus, fand die Stimme wieder, die sie dazu ermuntert hatte, durch die Wand zu entschwinden. Hören wir hinein, ablauschend die Erinnerung, aber kein Wort, weil Worte versagen, kein Schild, weil Schilde versagen, und der Hof, der schöne verfallene Hof lag hinter ihr. Schlief sie in Wellen, erwachte als ein Ding, oft in Taschen oder anderorts verlegt, ein Gegenstand von Kälte, blassem Fieber. Eine Welt oder eine andere. Die Motoren drücken strenge Muster aus. Sie hört davon in den Ecken einer gewissen Grabesstille, flüsternde Tote, spinngewobene Kleidung, Humus aus Dosen, Grabstätten der einen Fantasie. Alle Male auf ihrer Haut verheißen ihre Rückkehr, eine Begegnung mit dem Wanderer wird unvermeidlich sein; sie lügt ihn an, was ihre Tätigkeit betrifft, denn sie ist nicht die, für die er sie hält. Eine hübsche Trophäe wäre sein Kopf, seine ausgebeinte Schulter, sein trockengelegter Tränenkanal, statt dessen gießt sie ihm ein, bereits mit Händen, die keine Zeichen mehr geben können, die Nähte ungewachst und spröde geworden. Alle Rätsel fließen in ihrer Brust, alle Fragen in seiner.

Ihre Haut leuchtet perlweiß, rötlich, schwarz wie Opal und schillerndes Orange, sie scheint über den Scheitelpunkt des höchsten Sterns hinaus zu schweben, trunken von Eingebungen. Noch ist sie nicht angekommen, hängt fest zwischen Wünschen der Nacht und des Tages, ein erstarrendes Zitterhexchen, aus stiller Kindheit unschuldiger Hut gejagt, so daß ihr der Mythos selbst nicht mehr die Wahrheit vorenthalten konnte. Jetzt wohin? Am Hange schleicht sie, krank und matt, das Warnungsflüstern, krankhaftes Funkeln im verwirrten Haar, als käme nun alles auf sie zurück, was sie je gelebt: viele verbrannte Lebensläufe.

Die Augen stumpfen ab, gelegentlich erreicht der Blick die Wimpern. Woher du wohl gekommen bist, den ganzen weiten Weg allein, und ob du wohl nicht gesehen hast, wie alles hin zur Asche rennt, und ob du dich gewundert hast, wie du überhaupt hierher gekommen sein kannst, wo hast du die Grenze überschritten?

Hinter ihrem Rücken ragt eine Maschine auf ins Unermeßliche.

Vielleicht war es ihr erstaunlicher Werdegang, begonnen mit einem in der Welt sein auf Stachelkissen, gewaschen mit Brackwasser, vielleicht waren ihre großen Nüstern schuld, Dinge namentlich zu erschnüffeln, ein Trüffelmädchen mit einer Neigung zum Hässlichen, denn darin standen ihr die Augen offen, erblickten dort Grenzposten in gilben Uniformen auf- und abpatrouillieren, das Niemandsland bewachen. Ihr gelang es von Zeit zu Zeit einen Fuß auf das verbotene Feld zu setzen, um zu erkunden, was geschehen würde, wenn sie sich nicht an Kompromisse hielt. Es geschah nie etwas, ihr Vorhandensein blieb unbemerkt. Wer achtet schon auf eine Nase, die sich über Grasnaben schiebt?

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Der wilde Wind 1

Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹ in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte. Als Selma, die Nachbarin, die einst den Miss-Marple-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hatte, förmlich an ihrem Krebs erstickt war, beerbte sie auch deren Garten. Nichts als Blumen hat die im Kopf, sagte Hermann zu ihr, als sich diese zusätzliche Aufgabe anzubahnen schien, du willst doch nicht auch nur Blumen im Kopf haben, oder? Nein … im Kopf wollte sie keine Blumen haben, in den vielen vorzeigbaren Vasen, die noch ungebraucht in den Schränken herumlümmelten, schon. Zumindest bis sie an einer Luftembolie zugrunde gehen würden. Schnittblumen schienen ein Synonym für den Müßiggang der Hausfrau zu sein, wohingegen die ein oder andere eingevaste Nelke am Sonntagstisch nahezu erforderlich war, um diesen Tag, an dem sie gemeinsam bei schönem Wetter zum Weißenstädter See hinausfuhren, nicht bereits in den Morgenstunden scheitern zu lassen.

Anna taktete schneller. Selbst dem Staub, der sich unter Kommoden, Betten und hinter den Schränken einzurichten gedachte, blieb die Entdeckung mit anschließender Eliminierung durch ihre flinke Hand nicht erspart. Als sie einen Progreß-Staubsauger zum Hochzeitstag bekam, blieb sie dennoch beim Reisigbesen und dem Teppichklopfer, von den kleinen Helfern in der Küche, die in Tüten steckten, hielt sie wenig, Fond und Jus, die sie für ihre Suppe am Samstag und die Sauce am Sonntag benötigte, begann sie bereits am Montag anzusetzen. Hermann kam täglich von seiner Arbeit als Vertreter für Grabsteine, die er, bis es um seinen Rücken nicht mehr so gut bestellt war, selbst gravierte, in ein überaus gepflegtes und strahlendes Haus. Und darum ging es ja im Leben, oder worum ging es sonst?

Gegen 16 Uhr, wenn sie sich den nachmittäglichen Kaffee brühte und sich mit einem selbstgebackenen Kuchen niedersetzte, verspürte sie einen Hauch der Müdigkeit, die immer seltener ihren Geist zu erfassen mochte, ein angenehmes Kribbeln in den Beinen und eine leichte Betäubung in der Nähe der Stirnlappen. Hätte sie sich um diese Zeit ins Bett gelegt, wäre sie wohl tatsächlich eingeschlummert. In vier Stunden wird es noch besser sein, dachte sie zu Beginn ihrer Wechseljahre. Sie war der Meinung, wenn sie sich Nacht für Nacht wie eine Braut kleidete, würde das ihre Stimmung in die richtige Frequenz bewegen, doch sobald sie dann tatsächlich lag, gingen ihr die Ereignisse des Tages derart grob im Kopf herum, daß ihre Schläfrigkeit, die noch am Nachmittag wie eine Verheißung geklungen hatte, wie weggeblasen war, unauffindbar wie der Staub, von dem man doch annehmen durfte, daß er einen unbezwingbaren Gegner abgab, aber in Annas Refugium nie eine Besatzungsmacht werden würde. Der Schlaf kam nicht und kam immer weniger. Oft döste sie ein und träumte von Dingen, die sie sich vornahm zu merken, was ihr aber bis auf wenige Ausnahmen nicht gelingen wollte. Wenn sie erwachte und auf den klickernden Wecker schielte, waren oft nicht mehr als ein paar Minuten verstrichen. Zwei Kinder hatte sie zur Welt und aus dem Haus gebracht, aber außer einem wuchernden Garten, der in Wirklichkeit aus zwei wuchernde Gärten bestand, und einer Küche, deren Wohlgerüche selbst durch die mit Schimmel überzogenen Mauern drangen, durch gleichförmige Tage, Wochen, Monate, durch die Jahre schipperten, besaß sie nichts, das ihre Persönlichkeit vergolden könnte. Die Liebe zwischen ihr und Hermann war den Weg aller Lieben gegangen, die sich lange genug damit begnügten, den Status Quo zu erhalten, ohne ein utopisches Ziel zumindest formuliert zu haben. Steinern und grau wie ein Konzern, der seine Mitarbeiter benutzt, aber nicht kennt, reichte sie das Zepter an das Gewöhnliche, an das Mittelmaß weiter. So war nichts weiter geblieben als die Materialisation des Sprichworts, daß das Leben stets weiterging, was immer auch geschah, und daß ihr Leben so lange weiterging, bis es einmal enden würde. In ihren Tagträumen dachte sie nicht an eine Zukunft, sondern immer nur an die Vergangenheit, die trotz des Krieges vornehmlich aus jugendlicher Ahnungslosigkeit bestanden hatte. Ein Schrecken, der sich manifestiert, kann bei gut geführtem Optimismus überwunden werden, das ausgerufene Paradies, das sich aus zunehmender Routine und gesellschaftlichen Konventionen zusammensetzt, ist hingegen das eigentliche, das unüberwindbare Grauen.

Daß immer alles langsam beginnt, schleichend und unmerklich, daß sich die Gefahren im Nacken bemerkbar machen, in den Poren brodeln, zunächst die Haarwurzeln attackieren, bevor das Unglück geschieht, ist eine Wahrheit in den Büchern des Mesmerismus, in denen die Wechselwirkung mit dem Fluidum des Äthers eingehend geschildert wird. Doch noch nachdem wir Menschen, die wir die Bastarde einer kosmischen Rasse sind, aufhörten, wie die Tiere den Instinkt zu nutzen, rochen wir die Stille zwischen den Ereignissen, weil wir aus einer einzigen sich fortpflanzenden Nase bestehen, und es auch heute nicht lassen können, dieses mittlerweile völlig verkümmerte Organ, einst der Stolz eines längst zu einem Schwarzen Loch gewordenen Planeten, tief in die Wäsche anderer zu versenken. Unsere Augen sind nicht und werden nie im Bilde sein, bauen die uns umgebenden Dinge (wenn es sich denn um Dinge handelt) nahezu vollständig falsch auf, was zeitweise zu verheerenden Irrtümern führt, die uns aus einem unerklärlichen Grund nicht zu kümmern scheinen – aber die Nase erinnert uns an den Urgrund unserer schleimabsorbierenden- und ausscheidenden Spezies. Freilich gingen wir dazu über, unsere Verrücktheit durch einen billigen psychologischen Trick einer höheren Entwicklung zuzuschreiben, von der allerdings weit und breit nichts zu sehen ist. Daß also immer alles langsam beginnt, um uns Zeit zu lassen, die elektrische Ladung zu erschnuppern, bevor der Blitz das Russische Roulette eröffnet, traf auch auf den Sturm der Winterdämonen zu, deren barfüßige Vorhut bereits nach dem Mittagessen aus allen Wolken fiel. Keine zwei Stunden später wurde das allgemeine Schneeschippen eingestellt, weil sich zu den fallenden Flocken auch die Verwehungen gesellten, man also bald nicht mehr wußte, wo sich das eigene Haus befand. Wer konnte, verbarrikadierte sich, schlummerte glühweintrunken vor den knallenden Holzscheiten oder legte sich etwas früher zu Bett. In drei Tagen sollte sich Weihnachten wiederholen, außerhalb der Städte war man längst darauf vorbereitet, die Speisekammern und Keller barsten unter der Last der für die Dezemberorgie vorgesehenen Hortung. Hier wie überall auf der Welt würde der ein oder andere Baum in Brand geraten, solidarisch eine glühende Gemeinschaft bilden, vielleicht war mehr drin, vielleicht konnte man das ganze Haus erwischen.