Die Veranda

melius esset ante omnia

Schlagwort: wolken Seite 1 von 2

Irrstraße, äußerer Ring

GrammaTau #71

Straßen, die durch Schluchten ohne Stallung fliegen
Ändern ihre Routen in den Taschen der Zauberer
Wer sie kennt, kehrt gerne ein in den Näpfen
Die verbleiben, die Wasser zur Stärkung anbieten
Bis die giftige Flut neue Häuser gebaut

Teer dampft aus dem Sicker
Den Brüdern der Vulkane, künstlich angelegt
Geysire der langen Wege, gesäumt von Schottergruben
Ihr Geröll stempelt Zeit in die Erde
Drückt hinein den vergorenen Most der Pestilenz

Im Morast feiern knochenschlanke Hekaten
Den Tod eines seifenspendenden Embryos
Die Dinge entfliehen den sterbenden Wolken
Deren Regen gefriert in der Mutterbrust
Visionen am Straßenrand, von brennendem Ginster genährt

Ein ellenlanger Korridor (1)

Sandsteinburg #26

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schlossanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüsste … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer dass ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloss aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

           Adams Notizbuch:

          Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach: »Ich lege mich jetzt hin, ich habe nichts an!« Man wird den Sukkubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloss. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäurin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre zukünftige Schwiegermutter gegen sie hatte. Carlos hatte ihr erzählt: »Eine Bäurin, hat sie etwas pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte: »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäurin. Ihr Name ist Carisma.«

Der epikureische Garten

Sandsteinburg #15

Mag man sich an einen Aspekt erinnern, der, als er noch unverschüttet unser Wesen ausmachte, aufstieg, sich nicht besänftigen ließ: die Heimlichkeit des eigenen unfassbaren Rätsels. Ich war mir als Kind der höchste Philosoph, der mit den Dingen ringt, selbst zu diesen Dinge wird, anstatt sie nur zu greifen und zu untersuchen, wie es die spätere angelernte Distanz fälschlicherweise eine ›objektive Herangehensweise‹ nennt. Die Menschheit (und wir scheinen viel mit ihr zu tun zu haben) ernüchtert; nur ich selbst blieb betrunken, wie es die Götter allzeit gewesen. Das Unglück ach so vieler liegt an der Unfähigkeit, sich zu verweigern. Statt dessen geben sie ihr Fleisch dem Reißwolf der Konvention. Aber das Ringelreihen im Hain, wo wir neben den Weinquellen liegen könnten. Das Odeur unseres Schweißes (der epikureische Garten) scheint mir nach allem, was ich bereits angeschaut, das einzige Ziel zu sein. Nur im Liebesspiel können sich die Momente konservieren, nur darin werden sie unvergänglich sein. Ich erkenne nirgendwo, dass man die Welt entzaubert hätte. Die Brunnen sind gefüllt wie auch die Tassen, die Herzen schwellen an vom prallen Blut; ein Blick treibt alle Wolken aus dem Blau. Du nimmst Raum ein, dein Leib ist mir sinnlicher Gehalt. Kein anderes Mysterium, als über dich zu gleiten, kein anderer Wind als dein Atem, kein anderes Beben als dein Muskelspiel. Kein Zweifel, dass das Leben nur aus dir und mir besteht.

Die Augenbirnen in den Nussschalen, in regengebadeten Prismen, also ein künstliches Land. Ohne mich zu kennen, bin ich gerannt und schüttelte Hände im Sturm Alabasters, die Sagen vergessen das Land unbekannt. So stehen die Ritter bei Grabe und schmettern Gewölk vom Gesicht in die Tiefe aus den Höhlen der Mesmerei, dort hatten sie einst Schafe erschaffen mit Wolle durch silberne Lettern und Angst an der Wand stets in Blei. Es scheint mir alles zu sein, und ich weiß nicht: es scheint eine Art Stille zu sein, die uns in ein Vakuum fließen lässt, und ich weiß nicht: es scheint eine Art Verzweiflung zu sein, die uns einander näher bringt.

Es gab einen Sturm (9)

Sandsteinburg #11

Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹ in die Nacht­stunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestäti­schen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitter­stoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, An­thrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufge­hört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte. Als Selma, die Nach­barin, die einst den Miss-Marple-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hatte, förmlich an ihrem Krebs erstickt war, beerbte sie auch deren Garten. Nichts als Blumen hat die im Kopf, sagte Hermann zu ihr, als sich diese zusätzliche Aufgabe anzubahnen schien, du willst doch nicht auch nur Blumen im Kopf haben, oder? Nein … im Kopf wollte sie keine Blumen haben, in den vielen vorzeigbaren Vasen, die noch ungebraucht in den Schränken herumlümmel­ten, schon. Zumindest bis sie an einer Luftembolie zugrunde gehen würden. Schnittblumen schienen ein Synonym für den Müßiggang der Hausfrau zu sein, wohingegen die ein oder andere eingevaste Nelke am Sonntagstisch na­hezu erforderlich war, um diesen Tag, an dem sie gemeinsam bei schönem Wetter zum Weißenstädter See hinausfuhren, nicht bereits in den Morgen­stunden scheitern zu lassen.

Anna taktete schneller. Selbst dem Staub, der sich unter Kommoden, Betten und hinter den Schränken einzurichten gedachte, blieb die Entde­ckung mit anschließender Eliminierung durch ihre flinke Hand nicht erspart. Als sie einen Progress-Staubsauger zum Hochzeitstag bekam, blieb sie den­noch beim Reisigbesen und dem Teppichklopfer, von den kleinen Helfern in der Küche, die in Tüten steckten, hielt sie wenig, Fond und Jus, die sie für ihre Suppe am Samstag und die Sauce am Sonntag benötigte, begann sie be­reits am Montag anzusetzen. Hermann kam täglich von seiner Arbeit als Ver­treter für Grabsteine, die er, bis es um seinen Rücken nicht mehr so gut be­stellt war, selbst gravierte, in ein überaus gepflegtes und strahlendes Haus. Und darum ging es ja im Leben, oder worum ging es sonst?

Gegen 16 Uhr, wenn sie sich den nachmittäglichen Kaffee brühte und sich mit einem selbstgebackenen Kuchen niedersetzte, verspürte sie einen Hauch der Müdigkeit, die immer seltener ihren Geist zu erfassen mochte, ein angenehmes Kribbeln in den Beinen und eine leichte Betäubung in der Nähe der Stirnlappen. Hätte sie sich um diese Zeit ins Bett gelegt, wäre sie wohl tatsächlich eingeschlummert. In vier Stunden wird es noch besser sein, dach­te sie zu Beginn ihrer Wechseljahre. Sie war der Meinung, wenn sie sich Nacht für Nacht wie eine Braut kleidete, würde das ihre Stimmung in die richtige Frequenz bewegen, doch sobald sie dann tatsächlich lag, gingen ihr die Ereignisse des Tages derart grob im Kopf herum, dass ihre Schläfrigkeit, die noch am Nachmittag wie eine Verheißung geklungen hatte, wie wegge­blasen war, unauffindbar wie der Staub, von dem man doch annehmen durf­te, dass er einen unbezwingbaren Gegner abgab, aber in Annas Refugium nie eine Besatzungsmacht werden würde. Der Schlaf kam nicht und kam immer weniger. Oft döste sie ein und träumte von Dingen, die sie sich vornahm zu merken, was ihr aber bis auf wenige Ausnahmen nicht gelingen wollte. Wenn sie erwachte und auf den klickernden Wecker schielte, waren oft nicht mehr als ein paar Minuten verstrichen. Zwei Kinder hatte sie zur Welt und aus dem Haus gebracht, aber außer einem wuchernden Garten, der in Wirk­lichkeit aus zwei wuchernde Gärten bestand, und einer Küche, deren Wohlge­rüche selbst durch die mit Schimmel überzogenen Mauern drangen, durch gleichförmige Tage, Wochen, Monate, durch die Jahre schipperten, besaß sie nichts, das ihre Persönlichkeit vergolden könnte. Die Liebe zwischen ihr und Hermann war den Weg aller Lieben gegangen, die sich lange genug damit be­gnügten, den Status Quo zu erhalten ohne ein utopisches Ziel zumindest for­muliert zu haben. Steinern und grau wie ein Konzern, der seine Mitarbeiter benutzt, aber nicht kennt, reichte sie das Zepter an das Gewöhnliche, an das Mittelmaß weiter. So war nichts weiter geblieben als die Materialisation des Sprichworts, dass das Leben stets weiterging, was immer auch geschah, und dass ihr Leben so lange weiterging, bis es einmal enden würde. In ihren Tag­träumen dachte sie nicht an eine Zukunft, sondern immer nur an die Vergan­genheit, die trotz des Krieges vornehmlich aus jugendlicher Ahnungslosig­keit bestanden hatte. Ein Schrecken, der sich manifestiert, kann bei gut ge­führtem Optimismus überwunden werden, das ausgerufene Paradies, das sich aus zunehmender Routine und gesellschaftlichen Konventionen zusammen­setzt, ist hingegen das eigentliche, das unüberwindbare Grauen.

Dass immer alles langsam beginnt, schleichend und unmerklich, dass sich die Gefahren im Nacken bemerkbar machen, in den Poren brodeln, zu­nächst die Haarwurzeln attackieren, bevor das Unglück geschieht, ist eine Wahrheit in den Büchern des Mesmerismus, in denen die Wechselwirkung mit dem Fluidum des Äthers eingehend geschildert wird. Doch noch nach­dem wir Menschen, die wir die Bastarde einer kosmischen Rasse sind, aufhör­ten, wie die Tiere den Instinkt zu nutzen, rochen wir die Stille zwischen den Ereignissen, weil wir aus einer einzigen sich fortpflanzenden Nase bestehen, und es auch heute nicht lassen können, dieses mittlerweile völlig verküm­merte Organ, einst der Stolz eines längst zu einem Schwarzen Loch geworde­nen Planeten, tief in die Wäsche anderer zu versenken. Unsere Augen sind nicht und werden nie im Bilde sein, bauen die uns umgebenden Dinge (wenn es sich denn um Dinge handelt) nahezu vollständig falsch auf, was zeitweise zu verheerenden Irrtümern führt, die uns aus einem unerklärlichen Grund nicht zu kümmern scheinen – aber die Nase erinnert uns an den Urgrund un­serer schleimabsorbierenden und -ausscheidenden Spezies. Freilich gingen wir dazu über, unsere Verrücktheit durch einen billigen psychologischen Trick einer höheren Entwicklung zuzuschreiben, von der allerdings weit und breit nichts zu sehen ist.

Dass also immer alles langsam beginnt, um uns Zeit zu lassen, die elek­trische Ladung zu erschnuppern, bevor der Blitz das Russische Roulette eröff­net, traf auch auf den Sturm der Winterdämonen zu, deren barfüßige Vorhut bereits nach dem Mittagessen aus allen Wolken fiel. Keine zwei Stunden spä­ter wurde das allgemeine Schneeschippen eingestellt, weil sich zu den fallen­den Flocken auch die Verwehungen gesellten, man also bald nicht mehr wusste, wo sich das eigene Haus befand. Wer konnte, verbarrikadierte sich, schlummerte glühweintrunken vor den knallenden Holzscheiten oder legte sich etwas früher zu Bett. In drei Tagen sollte sich Weihnachten wiederholen, außerhalb der Städte war man längst darauf vorbereitet, die Speisekammern und Keller barsten unter der Last der für die Dezemberorgie vorgesehenen Hortung. Hier wie überall auf der Welt würde der ein oder andere Baum in Brand geraten, solidarisch eine glühende Gemeinschaft bilden, vielleicht war mehr drin, vielleicht konnte man das ganze Haus erwischen.

Es gab einen Sturm (3)

Sandsteinburg #5

In seinen Träumen zeigt Hohenner seine außergewöhnliche Kollektion all­nächtlich dem Wanderer, der doch ein Gefangener ist (oder gerade weil er ein Gefangener ist), den er immer nur in seinen Träumen antrifft. Er nennt ihn den ›verbrannte Helden‹, denn im Traum weiß er Dinge über diese Erschei­nung, die der Heiligengeschichte des Bartholomäus verblüffend nahe kommt.

»Gefallen sie dir?«

»Ja, sie gefallen mir. Wo hast du sie her?«

»Ich habe sie mir erarbeitet. Sie gefallen dir wirklich?«

»Ja, wirklich. Sie sehen aus, als könnten sie sehen.«

»Oh, sie konnten sehen. Sie sahen viel. Sie alle sahen Dinge, die ich nie gesehen habe.«

»Hast Du sie deshalb archiviert?«

»Ich habe sie archiviert, damit sie weiterhin sehen können, niemals da­mit aufhören, zu sehen, in sich gekehrt. Niemals müde. Sie haben keine Lider. Sie können nicht schlafen. Sie werden immer weiter sehen. Sie werden Dinge sehen, die ich nie sah.«

Der Himmel prangt maulbeerfarben, Wolken galoppieren in undefinierbarer Geschwindigkeit dahin, verschwinden hinter dem Irrlicht, tauchen erneut wieder auf.

Man kommt aus dem Nirgendwo und man geht nirgendwo hin. Nur Au­gen sieht er in seinen Träumen, weit aufgerissen starren sie ihn lidlos an. Er sieht Menschen, die in jeder ihrer Körperöffnung jeweils ein Auge stecken haben, dort aber, wo sie von Natur aus hingehören, klaffen Abgründe, win­den sich Maden, die aus dem Gewebe hängen, das mit Schwert und Lanze ge­gen die Verwesung streitet. Die Welt braucht einen Beobachter, das Gesetz der Existenz ist von einem Zuschauer abhängig. Quälende Blicke, gequälte Blicke. Sämtliche Rezeptoren sind blind für die Qualität der Reize, sprechen lediglich auf die Quantität an. Weder Licht noch Farben sind da draußen, kein violetter Himmel, nur Wellen, Wellen, Wellen; weder Schall noch Musik sind da draußen, nur periodische Schwankungen der Luft; weder Wärme noch Kälte sind da draußen, nur Moleküle, die sich mit kinetischer Energie bewe­gen.

»Alle mal herhören … es gibt noch einen!«, ruft Michels neben seinem Wagen stehend, das Funkgerät in der Hand, ein unfassbares Instrument, bedient von einem fassungslosen Menschen.

»Herr Doktor? Sie sollten mit mir kommen.«

»Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, dass Sie bei diesem Scheißwetter ge­kommen sind«, sagt Michels zu seinem Lenkrad, so dass auch Hohenner es hören kann, der sich nicht die Mühe gemacht hat, den Sitz auf seine Größe einzustellen, wie Sperrholz auf dem Beifahrersitz lümmelt und nicht antwor­tet, weshalb er einen flüchtigen Blick von der Seite erntet, bevor Michels sich wieder auf seine dreißig Stundenkilometer konzentriert. Hohenner sieht aus wie ein Bubo Bubo mit tief hängenden Backen und nicht vorhandenen Lippen, mit einer Haarattrappe, die auf die Kopfhaut gemalt ist.

»Ich war neugierig«, sagt der Arzt nach reichlicher Verzögerung. »Au­ßerdem habe ich nicht viel zu tun.« Die Augen in seiner Manteltasche tauen auf, er kann das nasse Erwachen fühlen. Vielleicht hätte er eine Handvoll Schnee dazu packen sollen. »Warum haben Sie die Straße gesperrt?«

»Reaktion, nichts weiter. Ein kleines Gefühl von Ordnung. Sinnlos zwar, aber mir wird dadurch eindeutig wärmer hier drin.« Michels boxt auf seinen Brustkorb. Die Landschaft wirkt wie die Übung eines arktischen Pinsels. Mit­ten auf der Straße vor der stillgelegten Porzellanfabrik Schumann & Schreider steht jemand völlig eingehüllt in einen zu großen Pelzmantel und wedelt wie verrückt mit seinen Armen.

»Dann sind wir wohl da «, sagt Michels.

Die Leiche liegt nicht weit entfernt von der Straße auf dem Bauch im Schnee, vom Gestöber nahezu völlig abgedeckt, das allerdings nicht zu ver­bergen vermag, dass dem Körper der halbe Rücken fehlt. Der Schnee hat dort eine unregelmäßige Einbuchtung modelliert, das Tal der Sorge, und sieht sich nicht imstande, mit seinem reinen Weiß den purpurnen Ton zu überdecken. Auch hier fehlen einige Organe. Eine Niere liegt angenagt neben dem Kopf, der Darm bleibt unvollständig – und ebenfalls die Milz. Die Bissspuren sind hier eindeutig zu erkennen. Hohenner bildet sich ein, die Wonne des verzo­genen Mauls anhand der Spuren zu sehen, die Lust am Biss.

»Ein Wolf, sagen Sie?«

»Ich muss gestehen, ich weiß es nicht«, sagt er.

Die beiden Männer sehen aus wie Schneegespenster. Michels erkundigt sich bei der Frau, die sie zum Fundort geführt hat, und stellt fest, dass ihre Gestikulation nicht nur vorhin außer Kontrolle geraten war. Sie fuchtelt un­koordiniert mit ihren Armen und er muss sich vorsehen, nicht eine Hand ins Gesicht zu bekommen. Gesehen hat sie nichts, wollte nach etwaigen Sturm­schäden Ausschau halten, und fand dann etwas, das sie zunächst für einen entsorgten Teppich hielt.

Michels schickt sie nach Hause. Windmühlenartig tappt sie von dannen.

»Was immer es war, es wollte nur an die Innereien. Leber, Niere, Lunge, Herz … die schmackhaften Kaldaunen. Sie sollten wirklich den Jäger infor­mieren.«

»Was jagen wir denn nun wirklich?«

»Das verschleierte Bildnis zu Sais.«

»Oh! Während ich damit beschäftigt bin, meinen Magen zu beruhigen, haben Sie sogar Farbe angenommen. Außerdem weiß ich nicht, wovon Sie re­den.«

Hohenner schüttelt den Kopf. Frischer Schnee verabschiedet sich per­lend aus seinen dünnen Haaren. »Medizinisches Interesse. Blut gerät in Wal­lung. Und Sais ist nur eine Metapher auf die Unergründlichkeit der Natur.«

Michels nickt und stapfte davon, vergisst aber nicht, Hohenner zu sei­nem Auto einzuladen. »Ich habe Kaffee dabei. Der schmeckt zwar wie Hoch­wasser in einem Kohlenkeller, aber er ist heiß und süß.«

»Lieber nicht … ich glaube, ich sehe mir die Wunden etwas genauer an, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Geben Sie nur auf die Spuren acht. Fassen Sie besser nichts an!«

Ich fasse hier nichts an, fast nichts!

Augen werfen die Reflexion zurück, das ist wie in einen Spiegel sehen. Man kann sich darin betrachten, oh ja, darf das aber nicht allzu lange tun, höchstens um sich eventuell die Borsten aus dem Gesicht zu sensen, auf kei­nen Fall aus Eitelkeit. Abbild, Abklatsch, Augenlicht der tiefsten Tiefe!

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand:

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Das Bielehaus

Gespenster in einem weiten Land gehen in ein sich biegendes Grau. Im Magen haben sie Zerberusanteile von Sümpfen und stehenden Kloaken. Land nimmt, Land speichert Land, Zeiten, Epochen. Ruhig ist es hier auf der Heide. Pferde, Rehe. Ich bin mit dir da gewesen, das heißt, du wohntest, ich suchte, du trankst und ich hatte Durst. Quellen fern ab von einem Sterben in den Bergen dort am Fuß der rockigen mountains, den Kelch: man nennt das Gipfel. So gelangt, was übrigbleibt a: schneller unter die schwere Erde, b: rascher zu diesem Bahnhof der Wolken (Wolkenfurte sind keine Bahnen, sondern Flöße). Die Abfahrtszeiten sind identisch. Im Zug traf ich aus dem Rucksack Trinkende und auf dem Boden Sitzende (obwohl sie für Polster bezahlt). Meister und Traveller zurück aus dem Süden. Ich traf sie eine Dose Bier lang. Qualität der wilden Macken, Subkultur, die man nicht mehr so oft sieht; nur wenn man sich unsichtbar oder scheinbar macht, fährt man mit. Zuerst erkannte ich ein Kleid auf einer Bank sitzen, angezogen von Füßen, die von Schuhen nicht eingekesselt (es ist etwas Merkwürdiges an Füßen, erweitern das Geschlecht). Die Landschaft für ein Streifen mit der Zunge. Du erzähltest, wie sich einer zwischen deine Beine kniete und dir auf den Bauch spritzte, weil du nicht zu öffnen warst.

Erzähltest, wie dein Bruder Hilfe sich erbat, aber mit den Füßen auf der Erde, auf der Bank und dem Kleid, erkannten dich die Glockenblumen wieder.

Karavelle der Mäusefänger

Ungeheuerlich die Klippen über Wolkenspuren
ragen, im Profil unentschieden.
Aber Berge sind Wanderer, sie wollen
alleine sein, vor allem dann, wenn
sie sich gedulden müssen, den richtigen
Stehplatz zu bekommen.
Bekommen & Beobachten. Zwei Strümpfe
am selben Fuß.

Das sprach der Horizont :
	Ausgerechnet dieser Stern war Kasiopeia.

Bekannt wurde sie durch Namensnennung, durch Bilder
der real vergangenen Vergangenheit &
ihrer gesamten Dienerschaft in
Zipfelmützen und Wollsakkos. Sie
haben es gesehen, ich selbst nur applaudiert. Jeder
Steptanz hat zwei Gesichter und mehr.

Darum :
Die Hand ans Geviert,
wir wecken den Bären, sein Fell in der Tonne. Der
Regen gesellt sich frostig zu uns, ganz Herr seiner
Sinne, stupide im Bach, erwartet von
Millionen strickender Eichhörnchen,
lassen Sie uns Luft anschnallen, Sicherheit
ist das Hobby vieler.

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