Grummetschober

Es detonieren Bomben, aber nicht hier. Mächtige Rauchwolken treten aus dem Tal, von oben schön zu sehen. Tinte trifft auf Wasser, nur umgekehrt. Das Cydonia-Gesicht wühlt sich aus dem Dunst heraus, bläht die Flügel, verendet in einem Golfschläger.

Die Milch : frisch und fett, euterwarm. Beinahe hätte der Wanderer sich erbrochen, beugte sich schon, die linke Hand in der Nähe des Magens tastend, in seiner Kehle schon Luft und Gas und Speichel, sowie ein wohliges Rülpsen. Dabei dachte er an den Turm, der zum Himmel stank, dachte an Raha.

»Raha«, wiederholt sie. »Nie davon gehört.« Schöpft die Milch aus einem hölzernen Bottich, den ein Fliegenvolk umkreist. »Und da willste hin?«

Ihre Wangen flüstern, fallen straff nach unten wie ihre kaum unter der Tracht verbarrikadierten Euter. Ist das etwa deine Milch? Wo um alles in der Welt sind die Kühe?

»Es gibt nicht mehr viel Orte, an die man noch gehen kann.«

18 Kühe hat sie noch zu betreuen und einen Knecht, der nicht ganz richtig im Kopf ist, sagt sie (aber wo sind die Kühe? Ist das etwa ihre Milch?). Ich beobachte sie, wie sie mich anstiert, die Augen zu treffen versucht, aber ihr Blick entschwindet, als ich nach Konserven frage.

»Sinn teuer, gibt nich mehr viel, aber was wird’s wohl noch geben. Soll ich nachschau’n?« Wischt sich die milchnassen Hände an ihrer Lendenschürze ab, die keine Flüssigkeit mehr aufnehmen kann. Ihre Hände bleiben naß, der Wanderer nickt und folgt ihr aus dem stinkenden Bau.

»Wo hast’n du die Grenze überschritten, wenn’s dich nich’ stört, daß ich so frage?«

»Ich weiß nicht, wohl im Schlaf; ich bin davon überzeugt, recht tief geraten zu sein.«

»Na wenn’d jetzt schlafen würd’st, wärst’d ja nich hier, also schläfst’d wohl nich!«

»Warum gehst du nicht fort von hier?«

»Hab ich versucht, bin wiedergekomm’n – und jetzt sinn alle annern fort, oder tot, nur die Kühe sinn mir geblieben, also melke ich se, mir fällt sonst nichts ein.«

»Aber wo sind denn diese Kühe?«

»Welche Kühe?«

»Die Kühe, ich sehe keine Kühe!«

»Die sinn nich’ immer da, aber’s sinn 18.«

Die Nasen blutiger Häuser. Das dem Mückenschwarm immanente Rätsel, ein ständiges Wogen und Anbranden der im Spiel Gezeichneten. Die Stärke der Unsichtbarkeit, die unfaßbar ist, nicht auf dem Verschwinden beruht. Der Schwarm teilt sich in Puls und Impuls, keine Choreographie ist mächtiger, entstellt die Sage von einem Frieden mehr. Dann steigt der Mond aus einer Wanne voll Blut, die abgeschliffene Heiterkeit verendet behend an der Acrylwand des einstigen Himmels. Hinter der Glasglocke leuchtet eine bräunliche Substanz, ein Türstock erscheint ohne Tür (der Winkel ist zu steil, als daß man etwas sehen könnte). Hinaus ins stille Weltenall.

Der Wanderer wäre gerne geblieben in diesem Schmuckstück, das seine Gäste in einem Fliegensaal beherbergt; Bett-Attrappen, ölige Maschinen, die gemolken werden wollen, um zu dieseln, der Erde Nutzen aufzuzwingen abseits des Gartens, der einst war.

Magda deutet auf ein Stirnrunzeln dort bei der Hecke, umzüngelt von stürmischem Gras und loser Wäsche : Zauber einer plötzlichen Erscheinung als ein Weg, sich an alle Geburtstage zu erinnern, von der Welt ist nurmehr Alkoholdampf übrig, ein Pferdehalfter an das Scheunentor genagelt. »Hier spielte ich mein erstes Blumenpflücken; dort«, ihre Finger flogen wie Würmer durch die Luft, »mein erstes Schuhebinden! Dorothea hat Kissenzeuch mit Federn gefüllt, die einem in die Wange piksten, meist günstig, weil man dann aufwachen gemußt hat, was man im Traum ja nich’ so einfach kann.«

Der Wanderer hört sich die Geschichte von den treulosen Träumen an. Er hat eine Vorstellung davon, was alles hier nicht geschehen ist.

»Dort sollten mir nichʼ rein sehʼn, hängen doch die Bauersleut’! Dabei wärʼ die Scheune voller Futter. Falls auf den Äckern nichts mehr wächst!«

Die Romantische Zeit : Ich möchte sie mir gerne vorstellen als den sensiblen Aufbruch des Geistes, der sich seiner Fesseln entledigt. Mir selbst ist das Licht der Gegenwart zu grell. Man geht bekleidet vor die Tür und kehrt völlig nackt zurück, weil die Umgebung mächtig gefräßig die Plünnen abreißt. Wenn man dann in ein Gemälde hineingehen könnte, Farb-Äste beiseite beugen (ein wenig ducken muß man sich schon, ein wenig in die Farbe tauchen). Rascheln alter Pinsel, die niemand mehr führt. Die Bewegung nur eine mathematische Gleichung. Ich bin eingeplant, ein X, eine Rune, Klamotten, die im Bild ich trage. Oder ich denke mir : Wenn ich so einen Garten hätte, in dem die Blumen zur Erdmitte hin wachsen, müßte ich niemanden absorbieren, um dieses Dorf zu konservieren.

Anton Reisers Auffinden

Es spukt in manchen Häusern mit einer ganz besonderen Kraft. Ich weiß nicht, welche Meinung ich hatte als der französische Germanist Robert Mindler ein Exemplar des Anton Reiser im Pferdekarren eines Antiquariats fand. In die Seite des Polsters gerutscht. Im Dorf fanden Beschneidungsrituale statt, Hochzeitsfeste, die Erste Nacht, Götzenanbetung. Die Saftpresse mußte ihre Arbeit streng verrichten. Anstelle einer Citrusfrucht wurde dort ein Mensch gemalmt. Es gab Musik, denn der Zauber der Musik ist, wie der Zauber der Liebe, voller Wunder und Symbole. Wer das eine nicht hat, kann das andere nicht finden.

Der Nachhall der Töne ging noch säuselnd durch die Herzen der Versammelten. John Wilmot Earl Of Rochester krönt einen Affen zum Dichter. Es ist doch eine so aufrecht versoffene und verhurte Zeit wie man sich nur wünschen kann.

Ich bin nur dann, wenn du mich betrachtest, gehe ich aus dem Zimmer, habe ich nie existiert. Am Entsetzlichsten ist, was sich durch Masse definiert. Wir sind so viele Wege gegangen, daß sie sich durch unser Gehen auflösten, im Gras verschwanden. Ich habe dann dein Blumenkleid betrachtet, ich gestehe, ich habe es auch angehoben, aber es war zu spät, ließ mich nicht ein, deutete auf die Nacht. Es ist schon sehr spät, nicht wahr? So gingst du zu den anderen, und ich konnte das Kleid nicht mit dir teilen; sagtest, es müsse allein an dir haften, bis das Fest sich niederlegt, die Gesellschaft in alle Winde zerstoben ist. Ob mit oder ohne Pferde, Kutschen, Windjammer, Taschentuch, good bye, zum Tränen schütteln. Ein Windhund benetzt die Stiefel, die Spuren. Da sind Pfützen entstanden. Regen stürzt nach oben.

Andauernd tropft es aus der Erde, die Pferde trinken wie Narren sich Durst an.

Der Elvegust

Der Wetterbericht hat den Sturm nicht angekündigt, der sich zunächst über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt. Wer in den Betten liegt, wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und geschlossenen Fensterläden dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben. Niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen. Wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben.

Es beginnt mit einer jähen Wolke, unangenehm schwarz und quälend wie ein böser Gedanke. Und ebenso plötzlich entlädt sich diese Wolke, die pumpend die leuchtenden Sterne verdeckt. Capella in der Konstellation Fuhrmann, Pollux in den Zwillingen, Prokyon im Kleinen Hund. Das bedrohliche Massiv hat unscheinbar begonnen, als cumulus humilis, nicht zu unterscheiden von einem Papiertaschentuch, das von einem Hochhausbalkon geworfen trudelnd in der Tiefe den Wind zu reiten versucht, unbeachtet von jenen, die ab und zu zwinkernd den Kopf in den knirschenden Nacken legen, um zu erkennen, was da oben vor sich geht.

Als kondensierter Atem zieht das Wölkchen einer Herde halbstarker Gewitterwolken nach, verliert dann jegliche Spur von ihnen und bebt seinem persönlichen Bestimmungsort entgegen. Einmal nur gebraucht zu werden, den Himmel zu verdunkeln, elektrische Ladung auf sich zu ziehen, um damit Tonnen von Regenwasser auszulösen, das ist der Traum eines jeden heranwachsenden Nebelknäuels, Teil des angeblichen Zufalls, der sich im Kupferkessel der Troposphäre zusammenbraut. Wird das Wölkchen nicht bereits besungen? Mit jedem ›dum-di-dum‹ erklingt sein Name, der zur Gänze ›Dumdidum Wisch‹ lautet. Die Wolke ist eindeutig zu jung, um sich noch an Goethe zu erinnern, der sich auf der Luisenburg in den Granit verliebt hatte. Allzu kurz währt ein dunstiges Leben, nur wenige, die als gewaltiges Gewitter ihre Karriere beenden, bringen es überhaupt zu Ruhm : Galveston, Betsy, Inez, Beulah.

Die cumulus humilis genießt die gegenwärtig stattfindende Konvektion. Thermische Energie kitzelt sie so lange, bis sie vor Lachen, das keiner Heiterkeit entspringt, die Grenzschicht der Troposphäre durchstößt. In der Folge werden ganze fünf Häuser allein in Schwarzenhammer abgedeckt. Zaunlatten fliegen wie olympische Speere durch die Luft. Konrad Hartlings Taubenschlag, der neben der gewaltigen Linde auf einem phallusähnlichen Pfahl in ein hölzernes Miniaturschlößchen mündet, das wohl das gleich gegenüber zu bestaunende, echte Jagdschloss verstörend ungenau nachbilden sollte, wird aus seinem Betonsockel gefetzt. Eine Woche später hat er es wieder aufgebaut, aber keines der dort heimischen Tiere kehrt je zurück.

Bei Hendelhammer, wo die Nordufer der Eger steil abfallen, rutscht ein ganzer Hang ab. Auf den nach Süden gewandten Ackerflächen, die hauptsächlich aus verwitterten Granitporphyr bestehen, findet der aggressive Wind seine passende Munition in Form von Felsbrocken unterschiedlichster Größe, die er im Vorbeistürmen aufklaubt und gegen Hauswände wirft. Etliche Scheiben bersten unter den zeternden Elementen. Die Hauptzerstörungslinie befindet sich jedoch parallel zur Schlossstraße, die sich von Thierstein kommend an der Hohen Mühle vorbei wie eine träge Schlange durch Kaiser- und Schwarzenhammer windet, dort zur Egerstraße wird, und dann durch den Selber Forst, am dortigen Schausteinbruch vorbei, direkt in die Porzellanstadt Selb hinein führt.

Der Ort wirkt friedlich aber leer. Die Kulisse steht seit Jahrzehnten unverändert. Wenn es je ein Geisterdorf gegeben hat, dann ist es Schwarzenhammer, zu unwichtig, um erneuert und restauriert zu werden. Aufrechterhalten durch die Erinnerung der Fortgegangenen und der Toten, die ihre Energien hier zurückließen. Die Koffer des Lebens, das sie führten. Sie können zurückkehren, wenn ihre Häuser noch stehen, wenn es einen Gegenstand gibt, mit dem sie verschmolzen sind. Sie benötigen ihre Nachfahren nicht, keinen trauernden Verstand, der sie nicht loslässt. Der Körper ist stets nur die Flasche des Geistes. Was sie brauchen, ist das Tableau, eine Anordnung von Bauwerken, Straßen, Gassen und Wegen. Wie bei einem Tresorzahlenschloss können dann die Korridore geöffnet werden, Zeitenunabhängig, in beide Richtungen begehbar.

Die Vergangenheit sitzt gerne in ihrem alten Lehnstuhl, um das Treiben zu beobachten, das sich um die Zukunft dreht, um das Ausweiten von Raum durch Bewegung. Kindheiten tauchen auf, nachtbehemdet, wie ein Schock, nicht nur wie eine Brise. Die Nacht ist ein lebendiges Wesen, die Buntspechte holzen und rattern mit ihren Schnabeläxten tief in die Bäume hinein, die sofort damit beginnen, ihre Nadeln fallen zu lassen.

Johanna Specht sieht die Wolke laut poltrig anrollen, die Schönheit der Zerstörung im Gepäck, erblickt den Zauber sich entladender Blitze. Ihr Strickzeug ruht auf dem Donington-Polstersessel mit Tartanmuster im Eck, das dort den Embryo eines Pullovers aufspießt. Auge in Auge mit der Spiegelung, die noch von einem abgerissenen Giebel reflektiert wird und ihr kurz zulächelt, um dann mit nicht wenig Getöse von der Linde abzuprallen und zerschmettert liegen zu bleiben, bemerkt sie als Erste das Fehlen des Taubenschlags.

Trotz fehlender Unterspannbahn, schadhafter Blecharbeiten an Gesimsen und Kehlen, trotz versotteter Schornsteinköpfe, dem Schädlingsbefall im nicht gedämmten Dachstuhl, den Rissen im Putz, dem Schädlingsbefall an den Holzbalkendecken, den schadhaften Holzdielen, den feuchten Kellerwänden und der aufsteigenden Feuchte durch eine fehlende Abdichtung, durch schadhafte Zinnabdeckungen an den hervorstehenden Fassadenteilen, den angefaulten Balkenauflegern der Geschoßdecken, den Holzbalkendecken mit ungenügendem Schallschutz, dem schadhaften Innenputz, der direkten Schallübertragung durch die Treppen, den abgeplatzten Betondecken im massiven Keller mit der zu geringen Deckenhöhe, gibt sie sich unbekümmert.

Nichts rinnt so schön von dannen wie flüssige Nacht, nichts erwacht vorzüglicher als ein wilder Traum. Johanna wendet sich ab, sieht kurz nach, ob ihr Mann noch atmet, und legt sich dann auf ihr eigens dafür hergerichtetes Kanapee. Sie hat zu viel erlebt, um sich noch einen Gesichtsausdruck zu gönnen, der Erstaunen ausdrückt.

Lord Dunsany

In dem Stück “The Laughter of the Gods” des irischen Schriftstellers Lord Dunsany (Edward Plunkett) kann man folgende Zeile lesen:

“Ein Mensch ist eine sehr kleine Sache, und die Nacht ist sehr groß und voller Wunder.”

Man wird hier sehr kurz stutzen, denn irgendwie kommt einem dieser Satz bekannt vor, und dann hat man es herausgefunden. Diese Zeile erinnert an die Anrufung der Priesterin Melisandre in George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer: Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken. Es gibt im Grunde keinen Zweifel daran, dass Martin mit Dunsanys Arbeit vertraut, und diese Ähnlichkeit völlig beabsichtigt ist. Martin, wie viele wahrscheinlich wissen, genießt es, gelegentliche und schräge Verweise auf Werke anderer Autoren in Ein Lied von Eis und Feuer zu platzieren. H.P. Lovecraft ist einer jener Schriftsteller, die einige solcher Hinweise von Martin bekommen haben, und dieser war definitiv ein Anhänger Lord Dunsanys.

Für einen Autor, zu dessen Schülern nicht nur H.P. Lovecraft und möglicherweise George R.R. Martin gehören, sondern auch Neil Gaiman, J.R.R. Tolkien, Ursula Le Guin und viele andere, ist Lord Dunsanys Werk – zumindest heute – unverschämt obskur. Viel zu wenige zeitgenössische Leser kennen seinen Namen oder sogar die Titel seiner größten Werke – The Gods of Pegana (nicht übersetzt) und Die Königstochter aus Elfenland, um nur ein paar zu nennen – ganz zu schweigen von seinen weniger bekannten Kurzgeschichten, Gedichten und Theaterstücken. Über einen Zeitraum von 50 Jahren schuf er Werke von höchster Qualität und Bedeutung, die alle literarischen Formen abdeckten.

Lord Dunsany wurde 1878 in London geboren und teilte seine Zeit zwischen seinem Familienbesitz in Irland und verschiedenen Immobilien in England auf. Seine frühesten Schriften wurden von ihm selbst veröffentlicht, und die Literatur war nur eine Leidenschaft unter vielen, einschließlich Jagd und Cricket. Lord Dunsany musste sicherlich nicht für seinen Lebensunterhalt schreiben.

Dunsany fand in seinem irischen Kollegen W.B. Yeats einen literarischen Meintor, der Dunsanys traumhaftes Textgespinst mit den Werken des Schriftstellers Thomas De Quincey, dem Autor der Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, verglich. Denn Dunsanys Prosa strahlt ebenso wie De Quinceys von Drogen inspiriertes Werk, ergibt ein wunderschönes Mosaik aus Schmuckwörtern, die den Leser hypnotisieren wie Mohnblumen, die aus einer Opiumpfeife quellen.

Nehmen wir ein Beispiel aus “The Gods of Pegana”:

“Und Jabim ist der Herr der zerbrochenen Dinge, der hinter dem Haus sitzt, um jene Dinge zu beklagen, die weggeworfen werden. Und dort sitzt er und beklagt die zerbrochenen Dinge, bis die Welten an ihrem Ende angelangt sind, oder bis jemand kommt, um die zerbrochenen Dinge zu heilen. Oder er sitzt manchmal am Ufer des Flusses, um die vergessenen Dinge zu beklagen, die darauf treiben. Ein gütiger Gott ist Jabim, dessen Herz schmerzt, wenn etwas verloren geht.” (Übers. M. Perkampus)

Oder dies aus “The Fortress Unvanquishable” (Die unüberwindbare Festung):

“Dann ging der Zauberer des Dorfes in den Turm seines Hauses hinauf, und all jene, die vor Angst nicht zu schlafen vermochten, konnten sein Fenster hoch oben in der Nacht sanft und einsam glühen sehen. Am nächsten Tag, als die Abenddämmerung sich neigte und die Nacht sich schnell ausbreitete, ging der Magier zum Waldrand und sprach dort den Zauber aus, den er gewoben hatte. Und der Zauber war furchtbar und schlimm und hatte Macht über böse Träume und über kranke Geister; denn es war ein Vers von vierzig Zeilen in vielen Sprachen, gleichermaßen lebdendig und tot, mit einer Absicht in sich, mit der die Menschen der Ebene ihre Kamele nicht verfluchen wollten, und einem Schrei, mit dem die Walfänger des Nordens die Wale an die Küsten lockten, um sie zu töten, und ein Wort, das Elefanten zum Trompeten bringt; und jede der vierzig Zeilen schloss mit einem Reim für “Wespe”.” (Übers. M. Perkampus)

Beide Beispiele sind von barocker Qualität und weisen einen bogenförmigen Stil auf, als ob die Worte aus einem längst vergessenen Kapitel eines heiligen Buches stammen und nicht aus der Feder eines irischen Amateurschriftstellers. Einige Gelehrte führen dies auf den Einfluss der King James Bibel zurück, und damit haben sie vermutlich Recht.

Wiedervereinigung mit der Natur

Lord Dunsanys Werk wurde unter den Literaten seiner Zeit gefeiert, heute aber ist er nicht halb so bekannt wie seine literarischen Nachkommen. Und das ist eigentlich eine Schande. Er erschloss als Autor Bereiche, die heutigen Fantasy-Fans sehr vertraut sind. Dunsany erschuf ein ganzes Pantheon imaginärer Götter, Geschichten von fremdartigen Welten, und Geschichten von Helden, die gegen phantastische und magische Feinde antreten.

Er war mit einem Verständnis für die symbolische Kraft der Fantasie gesegnet und er benutzte diese Symbole als Metapher, um die Schrecken der übernatürlichen Welt mitsamt seiner eigenen tiefen Überzeugung darzustellen. Nach Ansicht einiger Experten, die diesen rätselhaften Schriftsteller im Detail studiert haben, war die Notwendigkeit der Wiedervereinigung des Menschen mit der Natur das übergeordnete Thema seines Gesamtwerks.

Der exzentrische 18. Lord Dunsany kandidierte einst für ein öffentliches Amt und galt als treuer Familienvater. Zusammen mit George MacDonald, Rider Haggard, Edgar Allen Poe und William Morris gilt er als einer der Vorreiter der modernen Fantasy.

Der Begriff Dunsanian bezieht sich auf einen Stil und eine Atmosphäre, die oft kopiert, aber nie erreicht oder sogar übertroffen wurde. Eine große Anzahl von Lord Dunsanys 70 Büchern wurden mit Entenfedern geschrieben, die von den Tieren zurückgelassen wurden, und die er selbst zuschnitzte – andere wiederum diktierte er seiner Frau Lady Beatrice.

Dunsany Castle

In seiner Eigenschaft als 18. Baron Dunsany hatte Lord Dunsany reichlich Besitz zu verwalten. Dazu gehörte auch Dunsany Castle, Irlands ältestes verbliebenes Familienhaus aus der Zeit um 1180. Das Schloss und sein Anwesen wurden von der Familie als ein wichtiger Teil des nationalen Erbes betrachtet und sie kämpften dafür, dass es trotz der Schwierigkeiten, die dazu führten, dass viele andere ähnliche Gebäude in Irland während der Amtszeit von Lord Dunsany aufgegeben werden mussten, erhalten blieb.

Dunsany Castle wurde ursprünglich als turmhohe Festung der normannischen Truppen erbaut. Der Bau begann 1180/81 unter dem Kommando des normannischen Kriegsherrn Hugh de Lacy. Der erste Teil des zu errichtenden Geländes war eine Wehranlage (Dun), nach der das Stadtzentrum von Dunsany benannt ist. Natürlich wurden weitere Arbeiten durchgeführt, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, als die Burg auf das Dreifache ihrer ursprünglichen Größe anwuchs. Ein großer Teil des ursprünglichen Gebäudes steht noch, einschließlich des großen Fundaments und der vier Haupttürme.

Noch heute wird Dunsany Castle von der Familie Plunkett geführt, nämlich dem 20. Lord Dunsany Edward Plunkett und seiner Frau Maria Alice de Marsillac. Es ist das am längsten bewohnte Haus und eines der ältesten kontinuierlich bewohnten Gebäude in Irland. Das Schloss kann besichtigt werden und beherbergt noch immer den Schreibtisch, an dem Lord Dunsany seine fantastischen Ideen niederschrieb.

Andere Besitztümer in Lord Dunsanys Obhut waren Trim Castle (Irlands größte Burg), Dunstall Priory und Ivy Cottage in Shoreham, Kent.

Lord Dunsany starb am 25. Oktober 1957 in Dublin an einer Blinddarmentzündung. Aus der daraus resultierenden Operation gelangte er nicht mehr zu Bewusstsein. Er wurde in Shoreham begraben.

Jorge Luis Borges / Die Erzählungen

Die Bedeutung von Borges für die Literatur ist nicht zuletzt eine stilistische, denn alle Autoren, ob sie ihn anerkannten oder nicht, haben von Borges die praktische Anwendung jener stilistischen Ökonomie gelernt, die zu jener beeindruckenden Dichte führt, die dem Leser das Gefühl gibt, die endgültige, nicht mehr abänder- oder ergänzbare Formulierung eines Gedankens vor sich zu haben. Im weltweiten Kanon der spekulativen Literatur nimmt Borges den ersten Rang ein.

Behandelte Bücher:

Jorge Luis Borges, Fiktionen
Jorge Luis Borges, Das Aleph
Jorge Luis Borges, Niedertracht und Ewigkeit

Einleitung

Wenn wir heute von der Literatur des 20. Jahrhunderts sprechen, dann ist es unmöglich, nicht sofort an Jorge Luis Borges zu denken, den Mann, dem seit vielen Jahrzehnten alle Schriftsteller der nachfolgenden Generationen bis heute die größten Bahnbrechungen der Literatur verdanken.

Sein Erzählband „Fiktionen“ löste in den 40iger Jahren eine Revolution aus und gilt bis heute als das wichtigste einzelne Buch hispanischer Prosa des 20. Jahrhunderts – für viele das wichtigste seit Don Quijote. Mit seinen Erzähltechniken brachte Borges die hispanische Novelistik zur Weltgeltung: kühl kalkulierte Kunst statt biederen Dahinschreibens, Präzision und lakonische Tiefenschärfe statt breiter Auswalzung, eine Vielzahl von Erzählperspektiven statt des ewigen „allwissenden Autors“. Witz und disziplinierte Phantasie, dazu perfektes Handwerk lassen diese vielschichtigen Erzählungen nie akademisch erstarren; sie sind nach allen Seiten offen und immer ein Lesevergnügen. Borges’ Fiktionen sind der Ursprung der gesamten modernen Phantastik. Ohne diesen Band wäre vieles nicht denkbar, was heute mit grossen Namen verbunden ist, Umberto Eco macht keinen Hehl daraus, wer seinen Werken Pate stand.

So kann man von zwei grossen Polen der modernen Literatur an sich sprechen: der eine, das ist zweifelsohne Edgar Allan Poe, der neben Walt Whitman alle modernen Genres im Alleingang erfand, und in der Neuzeit: Jorge Luis Borges.

Mittels einiger Verfahren zur Auflösung des Dualismus, der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem Autor und dem Leser, nimmt Borges die Theorie des nouveau roman und der Tel Quel-Gruppe vorweg, nach welcher sich die Texte selbst generieren. Der Autor verwandelt sich in jenen Part, der die Aktivität des Rezipienten als Co-Autor anregt und versuchen muss, den Prozess des Schreibens mit dem des Lesens in Einklang zu bringen. Borges behauptet in verschiedenen Interviews, dass der Schriftsteller vor allem Leser sei. Die Aspekte seines Denkens haben vor allem die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts bis heute geprägt und ließen Borges zum Urvater des postmodernen und postkolonialen Zeitalters werden. Es steht unumstritten fest, dass er ein neues Paradigma in der Literatur des 20. Jahrhunderts eröffnet hat, das gar nicht oft genug zu wiederholen ist: Die Auffassung, Literatur sei nicht mehr Mimesis der Realität sondern Pseudo-Mimesis der Literatur/Fiktion. Man habe es mit einer Literatur der Wahrnehmung zu tun, die nach dem Prinzip des Rhizoms organisiert ist (ein Prinzip, bei dem sich ein Element mit einem anderen von sehr verschiedener Struktur verbindet). Damit entledigt sich Borges jeder Art von Mimesis (die freilich bereits in der Romantik aufgegeben wurde, da aber in der Praxis noch keine durchschlagende Kraft entwickelte).

Heben wir die Wirklichkeit auf, indem wir den Unterschied zwischen ihr und der Fiktion nicht mehr gelten lassen, können die Erzählungen von Borges schwerlich als Nachahmung der Wirklichkeit und auch nicht mehr als phantastisch bezeichnet werden, da die Phantastik gerade aus der Opposition der Fiktion zur Realität erwächst. Hiermit zwingt Borges den Leser, seine Rezeptionshaltung entscheidend zu ändern: Dieser darf keine traditionelle und kohärente Geschichte erwarten, ebensowenig wie die Widerspiegelung der Realität oder eine Botschaft. Der Text soll als eine eigenständige und dem Moment der Lektüre innewohnenden Realität verstanden werden.

Dabei entsteht hier das Labyrinthische, das die moderne Literatur so sehr kennzeichnet: Texte verweben sich ohne das Prädikat „universell“ oder „trivial“ zu einem Knäuel. Der Rezipient kann auf dieses Abenteuer eingehen und den Personen, Werken, Zitaten und Anspielungen nachgehen oder er kann einfach die Geschichte lesen. Für Borges gibt es keine Unterschiede der Gattungen, keine objektive Bewertung der Literatur, sondern nur persönlichen Geschmack.

Das Abenteuer

Kafka ist stets als einer der Paten für die wohl bekannteste´eigenständige Literaturströmung des 20. Jahrhunderts im La Plata-Raum genannt worden: für die „phantastische Literatur“ der Gruppe um Jorge Luis Borges, einem fleißigen Leser von Berkeley, Hume und Schopenhauer, und der sowohl in seinen Gedichten, in seinen Erzählungen und Essays versuchte, die Konsequenz des zugrundeliegenden Zweifels dieser Philosophie als Gedankenexperiment durchzuspielen.

Damit trat Borges dem aufkeimenden Naturalismus und der Tendenz zum Psychologischen in Theorie und Praxis entgegen. In der Praxis tut er das mit dem Band „Niedertracht und Ewigkeit“, einem Band meisterhafter Nacherzählungen von Abenteuergeschichten aus allen Erdteilen, in dem auch zum ersten Mal Borges’ die Intertextualitätsdebatteder 70iger Jahre vorwegnehmendes Textverständnis zum Ausdruck kommt. In der Theorie geschieht das durch die Neudefinition des phantastischen Genres, und vor allem durch das Vorwort zu dem 1940 erschienenen Roman der neuen phantastischen Strömung „Morels Erfindung“ seines Freundes Adolfo Bioy Casares. Im selben Jahr erschien, mit einem ebenfalls programmatischen Vorwort, diesmal von Bioy Casares, der Band, der die neue Strömung sozusagen eröffnen sollte: eine Anthologie phantastischer Erzählungen aller Zeiten und Länder, herausgegeben von Borges, Bioy Casares und dessen Frau Silvina Ocampo.

Mit dem ersten Band „Der Garten der Wege, die sich verzweigen“, der später mit dem nächstfolgenden zu „Fiktionen“ zusammengefasst wurde, folgt das Spiel mit virtuellen Welten und virtuellen Büchern. Tatsächlich nutzt Borges in seinen phantastischen Erzählungen die leserorientierte Strategie aus Anspielungen und scheinbaren oder tatsächlichen Auflösungen, die für das Genre des Kriminalromans typisch sind. Das parodiert er, wiederum mit Bioy Casares, unter dem gemeinsamen Pseudonym H. Buston Domecq.

Im allgemeinen beruht seine Strategie auf einem intensiven Einsatz beglaubigter Fakten, die dem Leser das Erzählte als realistische Erzählung und sogar als Zeugenaussage präsentieren.

Das wird klar an seiner signifikanten und berühmten Erzählung Tlön, Uqbar, Orbis Tetris.

Die beiden handelnden Personen Borges (Ich) und Bioy Casares, die sich auf ein real existierendes, Bioy gehörendes Landgut zurückgezogen haben, stoßen dort in einem Raubdruck einer tatsächlich exisierenden Enyklopädie auf einen Artikel über das Land Uqbar, von dem Borges bisher nichts wusste. Zurück in Buenos Aires sieht er in einem anderen Exemplar derselben Enzyklopädie nach – dort fehlen die vier Seiten zu Uqbar. Damit bricht das phantastische Element in die Erzählung ein, das den rationellen Leser verunsichern möchte, der bislang anhand einer Fülle verifizierbarer Details in dem Glauben sein musste, eine Tatsachengeschichte zu lesen.

Aber selbst als Borges nun allmählich eine fiktive Welt zeichnet, in der noch eine andere, ausschließlich Uqbar, bzw. dem fiktiven Land Tlön gewidmete Enzyklopädie auftaucht, werden die bekanntesten Namen der zeitgenössischen Literaturszene als handelnde Figuren und damit als „Zeugen“ für die Realität der erzählten Welt aufgeboten, um diese Verunsicherung noch zu verstärken.

Zugleich wird der Text selbst zum Artikel einer solchen Enzyklopädie, in dem Tlön in essayistischer Form beschrieben, aber nicht mehr erzählt wird. Die Geschichte endet mit der Andeutung einer hinter dem ganzen Zauber stehenden Weltverschwörung, die dafür sorgen werde, dass die Welt Tlön wird. An dieser Stelle wäre auch eine allegorische Deutung möglich, aber Borges kehrt stattdessen zur Erzählung zurück und berichtet in einem Postskriptum zwei „tatsächliche“ Erlebnisse mit unheimlichen Objekten, die die Existenz Tlöns zu bestätigen scheinen, um sich hierauf als Erzähler zu beziehen, weil ihn die Tlön gewordene Welt nicht mehr interessiert.

Die phantastische Kurzerzählung auf philosophischer Grundlage beherrscht auch den wohl bekanntesten Band „Das Aleph.“

Die fortschreitende Erblindung zwingt Borges ab den 50iger Jahren, in denen er, durch eine „erhabene Ironie“ des Schicksals gleichzeitig das Augenlicht verliert und zum Direktor der Nationalbibliothek (also zum Herrn über viele Bücher, die er nicht mehr lesen kann) ernannt wird, zu immer kürzeren Texten, die sich in den letzen Jahren nur noch in mündlicher Darstellung äußern, indem er bekannte Ideen variiert.

Thomas Ligottis Tankstellen-Jahrmärkte (Gas Station Carnivals)

Ungewöhnlich innerhalb einer seiner Erzählungen zweimal lachen zu müssen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch so erging es mir mit der Kurzgeschichte Tankstellen-Jahrmärkte (im Englischen: Gas Station Carnivals), die aus der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ (1996) stammt. Und so konnte ich mich recht schnell entscheiden, mit welcher phantastischen Schauderphantasie Ligottis ich hier zuerst ins Feld ziehen würde.

‘Prince of Dark Fantasy’

Thomas Ligotti, der 1953 in Detroit, Michigan, USA, geboren wurde, gilt längst als Meister der ‘Dunklen Phantastik’ oder des ‘Pure Horror’. Mehrfach ausgezeichnet, ist es unmöglich, sein Werk einem einzelnen Genre zuzuweisen. Zu groß ist seine stilistische Bandbreite, zu artifiziell sein Schreiben, zu dräuend die Philosophie, die eine Psyche formt und hervorbringt, die seinen Erzählungen den Nährboden bereitet, was in dem 2010 erschienenem Sachbuch The Conspiracy Against the Human Race kulminierte.

Von Poe und Lovecraft beeinflusst, zählen auch Autoren wie Vladimir Nabokov, Franz Kafka, Thomas Bernhard und Bruno Schulz u.a. zu den von ihm hoch geschätzten. Nicht massentauglich, ging Ligotti eigene Wege, dem Horror eine Wiege zu erschreiben, die tief in einer conditio (in-)humana wurzelt, die wir in dieser Gewaltigkeit schon bei Lovecraft finden, und doch, anders als jener, ohne ein kosmisches Götterpantheon auskommt, das den Horror erst implementiert. Bei ihm ist es das Übernatürliche als solches, sind es kosmische Kräfte, die ins Bewusstsein des Individuums, des Protagonisten strömen, die ihm das ihn Umgebende instandsetzen. Die innere Welt wird nach außen gestülpt. Während die äußere wiederum mächtig auf die innere einwirkt: eine hoch psychosomatische sich gegenseitig durchdringende und gestaltende Verstoffwechslung von Individuum und seiner Umwelt. Äußere Zustände inkarnieren die seelischen und wieder umkehrt uswusf.. Dabei sind es Puppen, Marionetten und Harlequins, die als Unheilsbringer bei Ligotti fungieren.

Nightmare Factory

‘Hyper Organism’ von Aeron Alfrey, inspiriert von ‘The Red Tower’

Nichts hat Bestand, verwunschen sind die Städte und Häuser. Alles sich Darbietende scheint sich in eine dunkle Groteske zu verwandeln, die ihr eigenes Schauspiel aufwirft. Als würde ein Schleier gehoben, der doch nichts lüftet, der die dunkle Schöpfung all dessen, was existiert, nicht preisgibt, sie nur immer mehr in Nacht taucht, obgleich sie doch durch das Schauspiel verheißungsvoll beschworen wird. Als Marionette erfährt sich das Ich, an dessen Fäden gezogen wird. Völlig unklar jedoch bleibt, ob es die den Protagonisten umgebende Welt ist, die sich, aus den Angeln des Rationalen gehoben, im Nichts des Grotesken / Sinnlosen verliert, oder: ob er es ist, der sie sich, mit zunehmenden Wahnsinn seines Verstandes, als eine solche erstehen lässt. Was es auch sei, ob Henne oder Ei, das Ergebnis bzw. die Wirkung ist die gleiche: es ist absolut wirklich. Und so verwendet er recht häufig den sog. ‘Unzuverlässigen Erzähler’, von dem wir kaum etwas bis gar nichts erfahren, der sich selbst seiner Eindrücke unsicher ist, der sich auf die Erzählungen von Anderen stützt (siehe Der Rote Turm). All das ist nicht sehr verwunderlich, bedenkt man, dass Ligotti, der sehr zurückgezogen lebt, unter anderem unter Agoraphobie und immer wiederkehrenden schweren depressiven Zuständen leidet. Er selbst bezeichnete sich in dem von Matt Cardin geführten Interview als Anhedoniker.

Gas Station Carnivals

Flau im Magen ist dem Ich-Erzähler, der sich, während sich die Welt draußen in eine stürmische See verwandelt, in das ‘Kabarett in Karmesin’ (ein Künstlerclub) geflüchtet hat, um sich ein wenig isoliert in Gedanken bei Tee und nikotinarmen Zigaretten zu laben. Hinter seinem Notizbuch seiner von ihm angenommenen Virusinfektion oder Lebensmittelvergiftung harrend, die bald ausbrechen werde. Es ist ihm, als wäre er auf einem alten Schiff, oder als befände er sich im Salonwagen eines luxuriösen Eisenbahnzuges, der vom Wind gepeitscht wird. Er fühlt sich an diesem Ort sicherer, denn würde er zusammenbrechen, wären ja Menschen um ihn herum, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Menschen mit denen er, solange es nicht soweit ist, nicht eigentlich näher in Kontakt kommen möchte. Jedoch betritt Stuart Quisser den Club, ein Kunstkritiker, von dem er überrascht ist, dass er sich in diesem blicken lässt. Er wolle mit der Karmesinfrau ins Reine kommen, antwortet dieser. Er hätte sie auf einer Party gedemütigt, sie eine von Selbsttäuschung geblendete Unbegabte genannt. Sie sei eine, die man sich besser nicht zur Feindin macht, da sie über Verbindungen verfüge, von denen Quisser keine Ahnung habe. Auch die sie bedienende Kellnerin sei ihr sehr ergeben.

Der Ich-Erzähler fordert Quisser auf, die sie umgebenden Wände zu betrachten. Woraufhin dieser bemerkt: Die Lage ist ernster als gedacht. Ihm scheint, als habe sie ihre alten Gemälde abgenommen, an deren Stelle nun neue hängen. Auch scheint sie die Bühne in der gegenüberliegende Ecke des Clubs neu gestaltet zu haben, auf der diverse Veranstaltungen wie: Dichterlesungen, Puppenspiele, Diashows, musikalische Darbietungen u.a. dargeboten werden. Vier Stellwände umgeben die Bühne, deren jede mit schwarzen und goldenen Geheimzeichen vor einem schimmernden roten Hintergrund bemalt war. Während Quisser die Schriftzeichen als veränderte wahrnimmt, die ihn an eine chinesische Speisekarte erinnern, kann der Ich-Erzähler nichts Neues an ihnen entdecken. Doch er erinnert sich, dass Quisser diese Bemerkung in einer Besprechung schon einmal von sich gegeben hat, in einer im letzten Monat stattgefundenen Ausstellung. Der Kritiker gibt an, sich daran nicht zu erinnern, jedoch als der Ich-Erzähler nachhakt, antwortet er:

Ich erinnere mich, kapiert? Was mich darauf bringt, daß es etwas gibt, worüber ich mit dir reden möchte. […] Ich kann nicht glauben, daß es vorher nie aufgefallen ist. Du solltest besser als alle anderen über sie Bescheid wissen. Kein anderer scheint eine Ahnung zu haben. Es ist Jahre her, aber du bist alt genug, um dich an sie zu erinnern. Du mußt dich an sie erinnern.

‘Abandoned Carnival’ von crego

Quisser spricht von den Tankstellen-Jahrmärkten. Seine Erinnerungen an sie reichen bis in seine frühe Kindheit zurück. Er erzählt wie er mit seinen Eltern in den Ferien mit dem Auto häufig weite Strecken zurücklegte, und sie deswegen immer wieder an einer Vielzahl von Tankstellen halten mussten. Besonders die ländlich / provinziell gelegenen waren es, die dem Kunden und Besucher innerhalb der kargen Landschaft ein Kuriosum offenbarten, obwohl es sich dabei um ganz normale Tankstellen handelte. Oft waren es einfache, mit vielen Werbeplakaten versehene Häuser, die zwei bis vier Zapfsäulen hatten. Hinter diesen Häusern jedoch befanden sich die Gebeine eines alten, nicht mehr vollständigen Jahrmarkts. Hatte man den großen Torbogen mit den bunt leuchtenden Glühbirnen passiert (das geschah immer in der Abenddämmerung), fand man Miniaturkarusselle und -riesenräder, Miniaturschiffschaukeln, kleine Berg-und-Tal-Bahnen, wie auch andere Gerätschaften, die häufig nicht mehr intakt und offenbar niemals repariert worden waren. Doch gab es immer eine sich unterscheidende Darbietung, eine Show, die stets in einem kleinen Zelt aus zerschlissener und verdreckter Leinwand stattfand.

Quisser erinnert sich z.B. an eine, die er ‘Die menschliche Spinne’ nannte. Hierbei handelte es sich um eine sehr kurze Darbietung, in deren Verlauf jemand in einer plumpen Verkleidung von einer Seite der Bühne zur anderen und wieder zurück flitzte, woraufhin er durch einen Schlitz am hinteren Ende des Zeltes entschwand. Eine andere Erinnerung ist ‘Der Hypnotiseur’, eine Showeinlage ohne stattfindende Hypnose: Der Akteur war einfach in einen langen, weiten Mantel gekleidet und trug eine Plastikmaske, welche die simple, sehr blasse Nachbildung eines menschlichen Gesichtes vorstellte, wenn man davon absah, daß sie statt Augen (oder Augenhöhlen) zwei große Scheiben mit aufgemalten Spiralstrudeln aufwies. Der ‘Hypnotiseur’ kasperte einige Augenblicke lang ungelenk vor dem Publikum herum, zweifellos weil seine Sicht von den Spiralmuster-Scheiben vor den Augenschlitzen seiner Maske behindert wurde, und stolperte anschließend von der Bühne. Weitere Darbietungen wie die der ‘Tanzenden Puppe’, des ‘Wurms’, des ‘Buckligen’ und die des ‘Doktor Finger’ gab es. Und jedesmal konnte Quisser unter dem Bühnengewand des Akteurs die Uniform des Tankstellenwärters erkennen.

Zur Obsession aber wird dem Kunstkritiker der Auftritt des ‘Showmann’, wie er ihn nennt. Eine ihm, über die Tankstellen-Jahrmärkte hinaus, immer wieder erscheinende Gestalt, dessen Faszination und Schrecken sich für ihn nicht lösen lassen, von dem er nie mehr zu sehen bekommt als seine Rückansicht: Dort stand der Showmann, […], mit dem Rücken zum Publikum, und trug einen alten Zylinderhut und einen langen Umhang, der den schmutzigen Boden der winzigen Bühne berührte, auf der man ihn sah. Unter der Zylinderkrempe ragte in dichten und langen Büscheln das drahtige rote Haar des Showmanns hervor, […] wie das Nest irgendeines ekelerregenden Ungeziefers.

Eine groteske Gestalt, die sich niemals rührte, obwohl sie für Quisser stets den Eindruck erweckte. […], eine alptraumhafte Gliederpuppe, die durch die bloße Andeutung irgendeiner Bewegung zu allen möglichen Phantasievorstellungen einlud. Eine Gestalt, die er – so glaubt er sich zu erinnern – schon an anderen Orten gesehen zu haben, bevor sie ihm das erste Mal auf einem der Tankstellen-Jahrmärkte begegnete.

Der Ich-Erzähler bedeutet Quisser, dass es keine Tankstellen-Jahrmärkte gibt, und es niemals welche gegeben hat. Dass solch eine Vorstellung absurd, er nur einer Täuschung erlegen sei. Eine rückwirkende Täuschung, wie er meint, in diesem Fall ein Kunst-Zauber der Karmesinfrau. Quisser lässt endlich den Blick von der Bühne ab und verschwindet auf der Toilette. Der Ich-Erzähler schaut sich die Gesichter der Künstler im Club an, er mutmaßt, dass auch sie etwas spüren, von einem Schrecken befallen sind, nur dass sie nicht ahnen, daß keinerlei spezielle Regeln im Spiel waren; […], daß die ganze Angelegenheit einfach ein Spiel des Zufalls war, ein zielloser Schrecken, der über einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit hereinbrach, aber aus keinem bestimmten Grund. Dass sie sich diesen Schrecken, das Böse vielleicht sogar unwissentlich selbst herbeigewünscht hatten. Als die Kellnerin wiederkommt, um den Ich-Erzähler zu fragen, ob er noch einen Tee haben wolle, lehnt er ab, da er nun befürchtet, dass auch er mit einem Kunst-Zauber belegt wurde, und der Tee sein Magenleiden nur befördern würde, deutet jedoch an, dass sein Freund vielleicht noch ein Glas Wein trinken wolle, indem er auf das leere Glas am anderen Tischende zeigt. Doch dort steht keines. Er beschuldigt die Kellnerin, es weggenommen zu haben. Sie bestreitet es. Auch kann sich keiner der anderen Künstler im Club an Quisser erinnern. Ebensowenig der Kunstkritiker selbst, den er am nächsten Tag in einer Galerie trifft, der angibt, besagten Abend, unter einem Bazillus leidend, bei sich zu Hause verbracht zu haben. Der Ich-Erzähler schimpft ihn einen Lügner. Quisser tritt flüsternd an ihn heran. Aufpassen solle er, was er sagte und zu wem er es sagte. Gerade er als Künstler müsse doch Kenntnis von diesen Dingen haben. … jemanden eine von Selbsttäuschung verblendete Unbegabte zu nennen. Es gäbe gewisse Personen, […], die machtvolle Verbündete hätten … ermahnt ihn Quisser und fügt hinzu: “Nicht, daß ich dem, was du über du-weißt-schon-wen gesagt hast, widersprechen wollte … aber ich hätte es nicht so offen geäußert. Du hast sie gedemütigt. Und in diesen Tagen kann so etwas sehr gefährlich sein, wenn du weißt, was ich meine.”

Wilde Gerüchte kursieren bald unter den Künstlern und Kennern, wer sich denn nun auf der besagten Party der beleidigenden Äußerung schuldig gemacht hatte, und wer überhaupt das Opfer der Beleidigung war. Der Ich-Erzähler versucht sich bei der Karmesinfrau zu entschuldigen. Diese antwortet ihm: “Ich weiß kaum, wer Sie sind. Ich habe genug eigene Probleme. Dieses Luder von Kellnerin hier im Club hat alle meine Gemälde von den Wänden genommen und dafür ihre eigenen aufgehängt.”

Immer häufiger ertappt sich der Ich-Erzähler, wie er, auf der Suche nach einer Antwort, zu den Erinnerungen an die Tankstellen-Jahrmärkte zurückkehrt: Aber es ist niemand hier, […]. Und jeder Raum, den ich betrete, kann zu einem Showzelt werden, wo ich auf einer wackeligen alten Bank Platz nehmen muss, die kurz vor dem Zusammenbruch steht.
Sogar jetzt habe ich den Showmann vor Augen. Sein drahtiges rotes Haar bewegt sich leicht in Richtung einer seiner beiden Schultern, so als sei er im Begriff, mir seinen Blick zuzuwenden, und bewegt sich wieder zurück; dann bewegt sich sein Kopf ein wenig in Richtung der gegenüberliegenden Schulter in diesem endlosen, grauenhaften Versteckspiel. Ich kann nur sitzen und warten, im Wissen, daß er sich eines Tages ganz umdrehen, von seiner Bühne herabsteigen und mich in den Abgrund rufen wird, den ich immer gefürchtet habe. Vielleicht werde ich dann erfahren, was ich tat – was jeder von uns getan hat – um dieses Schicksal zu verdienen.

Kunst vs. Wirtschaftshorror

Edition Metzengerstein; 2. Auflage 2001; Festa-Verlag

Unverkennbar, dass diese Erzählung vor allem an die Erzählung Teatro Grottesco erinnert, die ebenso der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ entstammt. Denn auch hier sind – wie zumeist in Ligottis Texten – vor allem Künstler / Intellektuelle (ganz allg. Wissende) und deren Kreise betroffen. Betroffen von übermächtigen Kräften. Denn wie sich der Ich-Erzähler unserer Geschichte überlegt, ob es nicht die Künstler selbst waren, die sich den Schrecken, das widernatürlich Böse herbeiwünschten, heißt es in der Teatro Grottesco-Erzählung: Ob ein Künstler von dem Teatro kontaktiert wurde oder seinerseits die Initiative ergriff und selbst an das Teatro herantrat, führte anscheinend zum gleichen Ergebnis: es beendete das Schaffen des betreffenden Künstlers. In beiden Geschichten wissen die Protagonisten nie, wie ihnen geschieht, sie spüren nur etwas, ahnen allenfalls, was mit ihnen vielleicht geschehen könnte, zumindest sind sie sich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, dass eine Kraft oder Magie im Spiel ist. Beidesmal steht es um die Gesundheit des Ich-Erzählers nicht zum besten. Beidesmal ist es ein mehr oder weniger unbestimmtes Magenleiden. Krankheit und äußere Gegebenheiten werden miteinander in Verbindung gebracht. Das hypochondrisch anmutende Ich hat sprichwörtlich einiges zu verdauen. Der abgerufene körperliche Zustand wird zum einzigen Fakten liefernden Scan für den Protagonisten. Zwar ist die Ursache der gesundheitlichen Beschwerden unklar, wie es auch keine Diagnose gibt – das Ich vermutet nur – , der gefühlte Befund jedoch, die Verstimmung bzw. das Leiden, wird als wirklich begriffen und in seiner Präsenz als gegeben angenommen. Es ist dem Ich-Erzähler als wäre die Verschlechterung seiner Gesundheit eine Auswirkung der bösen irrealen Kräfte, die als ebenso gegeben angenommen werden aber doch unbestimmt und unfassbar bleiben. Es wundert ihn nicht, dass sich die Dinge verschlechtern, begreift er das dunkle Treiben auch als einen Virus, der sich unaufhaltsam ausbreitet und seinen eigenen unhintergehbaren absurden und bösartig erschreckenden Schabernack treibt. Doch was ist das Bösartige?

Ligotti zeigt es uns nicht, er lässt es uns spüren. Dunkel ist die Kindheitsanekdote, die von Quisser erzählt wird, dunkel ist dem Ich-Erzähler ohnehin, auch ohne diese. Grotesk und albern sind die Auftritte auf den kleinen Bühnen der Tankstellen-Jahrmärkte, von denen wir nicht genau wissen, ob es sie nicht tatsächlich gegeben hat. Skurril und unheimlich bis zum Bersten sind die geschilderten Atmosphären, schrecklich faszinierend, wie der ‘Showmann’ selbst es ist. Eine Figur, die Figur bleibt. Wir haben nur seine Rückansicht. Wissen nichts von ihm. Wir kennen seine Gedanken nicht, wissen nichts über seine Motivation, seinen Gesichtsausdruck, wissen nichts über den Grund seines Erscheinens. Er ist ein immer wiederkehrendes Standbild des Schreckens. Ein Schrecken, der so ultimativ ist, da er sich nicht offenbart. Nur immer wiederkehrt. Das Interessante aber ist, dass wir sein Stillstehen als eine abnorme Handlung deuten, die nicht unbedingt unseren Verhaltensweisen entspricht. Dabei wären es wir, die potenziell in eine Schockstarre fallen könnten, würde sich die alptraumhafte Gliederpuppe rühren, sich abrupt zu uns umdrehen, um uns mit all dem zu konfrontieren, das wir schon immer be- und gefürchtet haben. Im Grunde kann man sich überlegen, ob er nicht auch eine Dopplungsfigur unserer Selbst ist. Ein Beiwohner wie wir, ein Zuschauer all der grotesken Spektakel, die sich in dieser Welt aufführen. Jedoch einer, der demnach längst in eine Starre verfallen ist. Stellvertretend für uns, für jene, die so sensibel sind, zu bemerken, dass etwas in dieser Welt nicht in Ordnung ist. Kein Wunder, wissen wir doch, dass sich das Ich in Ligottis Texten alsbald als Marionette im Treiben dunkler Mächte erfährt. Und als würde all das nicht schon reichen, sieht sich der Ich-Erzähler am Ende der Erzählung selbst mit ihm konfrontiert. Er selbst ist nun in Quissers Position. Aber nicht nur das. Er findet auch heraus, dass Quissers Anwesenheit am Abend, an dem er seine Kindheitsanekdote erzählte, von allen Anwesenden verneint wird. Quisser selbst bestätigt dies. Nun ist er es vielleicht gewesen, der die Karmesinfrau gedemüdigt hatte, der auf der Hut sein sollte. Aber auch das ist keine still- und feststehende Entwicklung der Geschehnisse, da bald niemand mehr weiß, die Karmesinfrau eingeschlossen, wer wem überhaupt zum Opfer fiel. Es wird vermutet, spekuliert und gemunkelt. Alles verliert sich im immer Dunkleren. Ein Horror, der purer nicht sein könnte. Denn wenn es nichts mehr gibt, an das wir uns halten können, wenn selbst unsere Umwelt nicht mehr als widerspiegelndes Korrektiv fungiert, als eines, das uns eine Antwort darauf gibt, wie es mit unserem Verstand bestellt sein könnte, haben wir nicht einmal uns selbst. Unsere Handlungen laufen ins Leere. Jeglicher Entscheidungswille schwindet, müsste erheblich neu motiviert werden. Doch durch was? Diese Antwort steht auf einem anderen Blatt …

Bereits in dieser Erzählung ist Ligottis Wirtschaftshorror – wie wir ihn besonders aus der Novelle My Work Is Not Yet Done kennen – spürbar. Die Tankstellen-Jahrmärkte, ob es sie gegeben hat oder nicht, sind ein Zeugnis und Erzeugnis der damals stark voranschreitenden Wirtschaftsmaschinerie. Die Auswirkungen dürften heute längst noch die letzte Provinz erreicht haben, ganz gleich, ob sie hinter sieben Bergen schlummerte. Tankstellen als solches repräsentieren, trotz ihres ganz eigenen Charms, den sie manchmal in manchen Gegenden haben, die großen Ölkonzerne. Der per Auto Reisende ist genötigt, bei der nächsten sich anbietenden Halt zu machen, geht das Benzin in seinem Tank gegen Null. Das Kuriosum des einstigen Jahrmarkts mit seinen Freaks wird zum dürftigen Ein-Mann-Entertainmentunternehmen in Kooperation, indem der angestellte Tankstellenbetreiber von einer Rolle in die nächste schlüpft. Der Zauber ist längst vorbei. Heute gibt es, wie wir wissen, den Rummel der Kirmes: absolut unskurril, magielos und nur profitorientiert. So sind die Tankstellen-Jahrmärkte ein letztes Indiz für das Verschwinden einer alten Welt, die immer eine eigene bizarre in unserer darstellte. Und in ihrem Auslaufmodell so witzig in der Bühnenaufführung, dass mich Ligotti zweimal laut zum Lachen brachte, weil ich die Darbietungen ‘Die menschliche Spinne’ und ‘Der Hypnotiseur’ so herzlich albern fand, und noch immer finde, denke ich daran und lache wieder. Grotesk!, kann man da meinen, aber das ist die Welt ja auch. Heute mehr denn je …

‘Dancer’ von reddoor, inspiriert von ‘The Consolations of Horror’

Und wem dürfte das weniger entgangen sein als Thomas Ligotti, der aufgrund seines psychosomatischen Leidens ein besonderes Gespür und Empfinden für die Dinge und Vorgänge in dieser Welt hat.

Zumindest in seinen Texten haben Künstler und Intellektuelle dem Wirken der dunklen Kräfte nichts entgegenzusetzen. Es sind den Verstand absorbierende dunkle Welten, in die nach und nach die Produktneuheiten des Roten Turmes ziehen, ihr Unwesen zu treiben, denn, um es mit den Worten des Ich-Erzählers aus der Erzählung Teatro Grottesco zu formulieren:

“Man weiß nie, mit was man in Berührung kommt, oder was mit einem in Berührung kommt. Schon bald werden all meine Gedanken jede Klarheit verlieren, und ich werde nicht einmal mehr wissen, daß ich jemals eine Entscheidung zu treffen hatte. Die weichen schwarzen Sterne beginnen bereits, den Himmel anzufüllen.”

Fritz Leiber – Hexenvolk

Wenige Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts führten ein bewegteres Leben als Fritz Leiber.

Er war ein brillanter Schachspieler, Prediger, Lehrer, ein Meister im Fechten, Theaterschauspieler (vornehmlich für Shakespeare-Rollen), und hatte sogar einen Film mit Greta Garbo zusammen gedreht. Der große Wurf allerdings gelang ihm im Zusammenhang mit einem Spiel: Dungeons & Dragons, dem Klassiker des Rollenspiels, für das die bahnbrechende epische Heldengeschichte von Fafhrd und dem Grauen Mausling Pate stand. Bis heute sind deren Abenteuer die bekanntesten Geschichten des großen amerikanischen Autors.

Dabei legte Leiber den Fokus gar nicht so sehr auf das Schreiben, begann damit erst in seinem dreißigsten Lebensjahr, freilich unter dem Einfluss von Autoren wie Lovecraft (der sein Mentor wurde), Carl Jung, Robert Graves oder Joseph Campbell.

Sein Debut, Conjure Wife (Die zaubernde Ehefrau; übersetzt mit “Hexenvolk”, ungekürzt erschienen in der Edition Phantasia – siehe Artikelende) erblickte 1943 das Licht der Welt und gilt heute als eines der einflussreichsten Werke moderner Horror-Literatur. Alle paar Jahrzehnte kommt es zu einer filmischen Adaption (1944, 1961 u. 1980). United Artist hat sich die Rechte an einer vierten Variante gesichert.

Der Roman beginnt mit John Saylor, Professor an einem kleinen College in New England, der sich, eher spontan und zufällig, etwas im Ankleidezimmer seiner Frau umsieht. Zwischen allerlei kosmetischen Artikeln findet er Friedhofserde, Paketchen voller Haar oder abgeschnittener Fingernägel, Beschwörungsformeln, die in ein Buch gekritzelt wurden, Hufnägel, ungewöhnliche Pflanzenextrakte … und noch einiges mehr. Kurz gesagt: Tansy Sailor ist eine Hexe.

Sailors Frau überrascht ihn mitten in seiner Entdeckungsreise durch ihre magischen Utensilien. Während der nachfolgenden Konfrontation gibt sie ihre Besessenheit von Zauber und Magie zu. Die Ironie an der Sache ist, dass ihr Mann, Professor für Soziologie, ein engagierter Rationalist ist, der seine Karriere dem Entlarven primitiven Aberglaubens gewidmet hat, und der jetzt erfahren muss, dass seine Frau seine Forschungen und Exkursionen dazu in Anspruch genommen hat, ihr Arsenal an magischen Praktiken zu entwickeln. Die Gegenüberstellung verschiedener Versionen einer Wirklichkeitsauffassung ist eine der Freuden konzeptioneller Literatur (jener Non-realistischen Tradition der Literatur), und Leiber macht in diesem Roman wirklich eine Menge aus den sich widerstreitenden Welten. Die Überlagerung der wissenschaftlichen Methode mit der grassierenden Zauberei in ein und derselben Erzählung lässt die Darwin-versus-Kreationismus-Debatte wie einen Kaffeehausstreit wirken. Und obwohl sich Meister der Pulp Fiction wie Leiber in der Regel mehr mit Handlung als mit philosophischen Resonanzen beschäftigen, gelingt ihm die Überraschung, beides in einem kompakten Roman unterzubringen.

Unter dem Druck ihres Ehemanns, akzeptiert Tansy ihr Verhalten als pathologisch und stimmt der Vernichtung ihrer Utensilien zu. Eine schlechte Entscheidung! Gleich nach der flammenden Reinigung geschehen Professor Sailor die merkwürdigsten Dinge. Falsche Anschuldigungen werden vorgebracht, neue Gegnerschaften entstehen, alte Geheimnisse werden aus der Versenkung geholt. Noch schlimmer aber: das tödlichste Spiel von allen – Fakultätspolitik – richtet sich nun gegen ihn. Hat er einen Fehler bei der Beseitigung des ganzen Schutzzaubers begangen? Oder hat sein tadellos rationelles Denken Schaden durch die verrückten Überzeugungen seiner Frau genommen? Mittlerweile scheint sie glücklich ohne ein Leben mit Magie zu sein, und würde er mit ihr über seine zunehmenden Probleme sprechen, könnte sie das wieder zu ihrem ungesunden Verhalten zwingen. Aber trotzdem …

Leiber entwickelt die Geschichte mit viel Geschick, hält in diesem Drama die Waage zwischen Humor und Ironie. Vierzig Jahre vor Updikes Hexen von Eastwick, das wie Leibers Hexenvolk in schöner Regelmäßigkeit für andere Genres bearbeitet wurde, fängt Leiber die pikanten Details einer Geschichte über Zauberei ein, die in einem modernen New England spielt. Fern also von jedem Gothic-Touch.

Der Erfolg solcher Geschichten ist kaum verwunderlich, denn der Aberglaube hat unsere Welt nie wirklich verlassen. Fast zur gleichen Zeit mit dem Erscheinen von Updikes Buch, erklärte ein US-Gericht “Wicca” zu einer Religion, was “Hexerei” zu einer interessanteren Geschichte machte als andere New-Age-Bewegungen.

Erschienen ist dieses Buch in Joachim Körbers Edition Phantasia. Und dort natürlich auch die überragenden Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling, denen wir uns noch gesondert widmen dürfen.

Stehende Knospen

Fortan schlüpften unsere Blüten den Minnesängern gleich aus ihren durchsichtigen, einsichtigen Welten. Der bestäubte Garn vieler Stunden wies ihnen den Weg durch den Kräuterfarn am Teich der irritierenden Gespinste, die mit den Butterfliegen rangen. Von den sanften Teilen ein Teil : das war ihr Begehr; und so drängten sie sich um das Seeufer herum, öffneten ihre Menuette (selbstverständlich im Dreivierteltakt) und zeugten in den Lüften von sich selbst und ihrem artistischen Flappern, der nahen Spule verwandt, nicht aber zu verwechseln mit den Tropfen, die sich vom endlos brausenden Mühlrad trennen. Besagter See ist ein gewisses Heute; unsere Blüten aber sind zeitlos, ein Mantel aus Flügelschlägen sorgt hierfür, genährt von Wiesenträumen. Die Kapriolen der Zinnober-Bürsten erklimmen ihre Wandten, vertanzen mit den Blüten einen gewissen Sommernachmittag. Wir werden uns den Schirm etwas kosten lassen, der uns während des Schauspiels ermöglicht, geschützt und sahnig eingeölt, das Okular auf die richtige Schärfe einzustellen.

Albera Anders; Öl auf Papier, 2009

Darstellung No. 3 
Bild und Zauber: Albera Anders
Text und Traum: Michael Perkampus

Von der Lab zu Tale

So der schneeweiße Stier zu den Blättern aus Thule:

Ich sagte noch, ich singe nie die Lieder meiner Ahnen. Doch hören wollte keiner, und klamm in meiner Brust mein Donnerherz, ihr kennt es wohl – und flieht, wenn ihr es lauscht. Durch Berge breche, durch Täler ich, durch Steppen gleite, durch Weite ich, und hufe empor und stauche in Wut das Gebirg’ zu einem Talisman. Es waren keine Tore mir verschlossen: ich rannte sie ein mit dem Lachen der Gespenster und eroberte mich selbst. Ich diktiere, in deine Kammer dringend, dir die Wege, die ich kam.

So die Handschrift aus Thule zu  dem schneeweißen Stier:

Du hast mich gefunden, nicht gesucht, du hast mich gerufen in feurigen Träumen. Ich nehme dein kostbares Blut in meine Seiten hinein, sickerst du in die ruhmvolle Reihe hinab, wird dich das Leben nie mehr durch die Welten jagen, verschwimmst du nur auf meiner Fläche, so fürchte meine Tiefe!

Albera Anders; Mischtechnik, Acryl und Öl, 2009

Darstellung No. 2
Bild und Zauber: Albera Anders
Text und Duktus: Michael Perkampus

Nymphentag 63

dabei wird es erforderlich sein, notwendig und wichtig, die Sprache von jedem Zweck fernzuhalten, von jeder Vereinnahmung, von jedem Ziel, von jeder Gesellschaftsfähigkeit; Sprache nämlich ist nichts über ihren Zauber hinaus, nichts außer die Magie unserer Existenz (wenn wir diese annehmen, was nicht ganz klar ist); wenn kein Körper mehr ist (wie auf einer Fotografie ist der Körper nur simuliert), bleibt eine Form bestehen, die “rein” ist, vollkommen ungeometrisch zwar; in GrammaTau bringe ich Kunde von der Wirklichkeit, die verschwiegen wird (teils und häufig sogar aus Unkenntnis), weil sonst kein System sich mehr Sklaven generieren könnte. Es gibt durchaus einen Kampf, der hauptsächlich aus der Säuberung all dessen besteht, was unverständlich scheint, weil es nicht dem Dogma des Informationsgehalts dient, weil es dieses Dogma nicht nur umgehen will, sondern die völlige Vernichtung dieser Maschine anstrebt, weil