Die Veranda

melius esset ante omnia

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Das Manuskript in der Flasche

Ein namenloser Erzähler bemüht sich zu Beginn, seine Leser von seiner rationalistischen Geisthaltung zu überzeugen. Er gibt zu, eine starre, fantasielose Denkweise zu haben, die der Wahrheit gewidmet und dem Aberglauben gegenüber unempfänglich ist, um dann aber sofort in eine frühe Phase der psychologischen Verfahrensweise zu treten, die erst für die Figuren der späteren Prosa Poes typisch ist.:

“Viele Menschen haben mich verrückt geheißen, aber noch ist die Frage nicht gelöst, ob Wahnsinn nicht der höchste Grad von Intelligenz ist…”

Dann erzählt er von einer Reise mit einem Schiff voller Baumwolle, Kakaonüssen und ein paar Kisten Opium. Bald nach der Abreise bemerkt er eine große bedrohliche Wolke in der Ferne und fürchtet die Zeichen eines herannahenden Unheils. Der Kapitän des Schiffes weist jedoch die Befürchtungen des Erzählers zurück. Als er sich unter Deck zurückzieht, hört er ein lautes Geräusch und merkt, wie das Schiff von einer mächtigen Sturmwelle erfasst wird, der die gasamte Besatzung zum Opfer fällt, bis auf ihn und einen alten schwedischen Seemann. Fünf Tage lang dümpeln die beiden Männer auf dem zerbrochenen Schiff steuerlos dahin. Sie bemerken, dass ihre Umgebung kalt geworden ist, und bald überwältigt sie die völlige Dunkelheit.

Ein weiterer Hurrikan bricht in diese Dunkelheit hinein, und die Männer beobachten ein riesiges schwarzes Schiff, das unter vollen Segeln auf dem Kamm einer haushohen Welle reitet und dann in die Tiefe stürzt. Die folgende Kollision schleudert den Erzähler mit unwiderstehlicher Gewalt in das Tauwerk des fremden Schiffes. Bis dahin waren seine Erlebnisse noch rational erklärbar, aber nun ist er in einen Bereich eingedrungen, der außerhalb von Raum und Zeit liegt. Er versteckt sich im Laderaum, wo er die greisen Seefahrer des Schiffes beobachtet, die eine unbekannte Sprache sprechen. Er ist sich über den Zweck des Schiffes unsicher, dessen Holz seltsam porös ist. Außerdem scheinen die Besatzungsmitglieder nicht in der Lage zu sein, den Erzähler zu sehen. Selbst der alte Kapitän schenkt ihm keine Beachtung. Mutiger werdend erkundet er die private Kabine des Kapitäns, in der er Papier findet, auf das er vorliegende Geschichte schreibt. Er packt das Manuskript in eine Flasche und wirft sie ins Meer.

Das Geheimnis offenbart sich zuletzt – im Sturz in den Strudel, und nur das Manuskript in der Flasche gelangt zurück in den Bereich des Irdischen, um eine Ahnung zu vermitteln, was nicht in Worte zu fassen ist.

Das Manuskript in der Flasche (MS. Found in a Bottle) erschien zunächst in der Ausgabe vom 19. Oktober 1833 einer Zeitung aus Baltimore, dem Saturday Visiter und war der Siegertext eines Literaturwettbewerbs für die beste Kurzgeschichte. Poe hatte dem Visitor sechs Geschichten vorgelegt, und die Zeitung erhielt insgesamt über hundert Einreichungen. Obwohl der Visitor alle Beiträge von Poe lobte, hob er “MS. Found in a Bottle” für seine große Fantasie und seine einzigartige Demonstration stupenden Wissens hervor. Der Visitor ermutigte Poe, einen Band mit Erzählungen zu veröffentlichen. Diesem Rat folgend, stellte Poe in den nächsten Jahren seine “Tales of the Grotesque and Arabesque” zusammen und veröffentlichte die Sammlung dann 1840.

Das Manuskrip in der Flasche war ein frühes Highlight in Poes literarischer Karriere und trug zu seinem Ruf, besonders in Baltimore, bei. Poe fügte es ursprünglich einem größeren Band bei, den er “Eleven Tales of the Arabesque” nannte, und dem er später erst die Kategorie der “Grotesque” hinzufügte. Diese Klassifizierung deutet auf eine Unterscheidung in Poes Schriften zwischen einer arabesken Geschichte  und eine groteske Geschichte hin, deren Begriffe Poe selbst nie auflöste, auch wenn klar ist, dass er mit Arabesken die düster-phantastischen Schilderungen von Geschehnissen meint, die ein Prosa-Äquivalent zu seinen Dichtungen darstellen, während unter Grotesken Geschichten satirischen, burlesken und komischen Inhalts zu verstehen sind.

Das Manuskript in der Flasche ist auch eine von Poes berühmtesten Science-Fiction-Geschichten. Poe war fasziniert vom Südpol, und er las wie besessen in den Tagebücher Alexander von Humboldts, der ein Zeitgenosse Poes war, und der im Rahmen seiner weltumspannenden Forschung überall hin reiste. Poe interessierte sich für die fantastische Vorstellung eines Lochs im Südpol, das sich bis auf die andere Seite des Globus ausdehnte. Das Bild des Strudels kennzeichnet den Südpol als eine bedrohliche Region jenseits von menschlicher Rationalität und Wissen. Poe genoss diese erzählerische Richtung so sehr, dass er sie in den folgenden Geschichten wieder aufgriff. Er erweiterte sein Thema über den Südpol in seinem 1838 erschienenen Roman Der Bericht des Arthur Gordon Pym, einer Abenteuergeschichte über Spionage, Meuterei und Forschug, die auf irrationale Weiße in einem Strudel in der Nähe des Südpols gipfelt.

Der Horror von Das Manuskript in der Flasche entstammt seinen wissenschaftlichen Imaginationen und der Beschreibung einer physischen Welt jenseits der Grenzen der menschlichen Erfahrung. Er betont diese Ideen und ruft uns an den Anfang der Geschichte zurück, in der der Erzähler seine Treue zum Realismus verkündet. Dieser Realismus geht mit dem Abstieg in den Strudel verloren, wie vermutlich auch das Leben des Erzählers.

Der britische Romantiker Samuel Taylor Coleridge beschrieb in seinem Gedicht “The Rime of the Ancient Mariner” eine ähnliche Reise ins Unbekannte. Durch das Betreten des Schiffes älterer Seeleute nimmt Poes Erzähler an einer ähnlichen Reise teil. Coleridges Seemann reiste nach Süden ins Unbekannte und kehrte vernarbt und verändert durch die Erfahrung zurück, mit größerer Kenntnis des inneren Selbst. Poes Erzähler blickt während der Erzählung tiefer in sein eigenes Selbst und schämt sich für sein früheres Ich. Wir erfahren jedoch nichts von einer Rückkehr, sondern erhalten nur das Manuskript in der Flasche.

Superrealistisches Kabinett

GrammaTau #59

Beim betreten der Knochenkammer helfen Schuhe
die an den Fesseln sehr eng geschnürt sind
dabei französische Automobile darzustellen.

Die Luftlöcher
bleiben weiterhin ein Ärgernis
aber keines
das nicht durch eine Partie Schach
aufgelöst werden kann
vorausgesetzt, die Miniaturen werden
von jener Dame abgestaubt
die uns von der anderen Straßenseite aus zuwinkt.

Geben wir uns nicht der Illusion hin
mit Steinen gefüllte Blusen
könnten jetzt
da wir den Tee aus Marmorvehikeln schlürfen
ihre Taktik ändern.

Wir lernen
die Keuschheit in einer Pillendose unterzubringen
die uns zum nächsten Punkt bringt –
der Heiterkeit des Telefons.

Wir hatten von dir gehört.
Du seist mit exotischen Soßen sehr spendabel
würdest, angenommen, das stimmt
auch auf die Gabeln verzichten
die sich unkontrollierbar vermehren.

Also holen wir unsere Affen hervor
und zeigen ihnen leise
wo der Notausgang einen Knick vorsieht
es wäre schließlich unvorstellbar
eine Tube Salz in der trockenen Wäsche zu lagern
obwohl wir unsere Namen noch nicht vergessen haben.

In diesem Buch stehen noch immer dieselben zwei Wörter
die sie schon auf die Innenschenkel von Grashüpfern
tätowieren wollten
damit sie von der Wissenschaft
nicht vergessen werden können.

Niemand kam auf die Idee
ausgerechnet jetzt den Keks
über die am Boden Liegenden zu krümeln.

Das würde morgen zwar in der Zeitung stehen
aber nicht so sehr
wie deine Tanzschritte
unsere neuen Gäste beeindrucken.

Greife doch bitte kurz hinter dich
und reiche uns von dieser köstlichen Farbe
einen Zentimeter mehr Geschick.

Das Klingeln im Ohr war hausgemacht, ein
Manucaptus voller Überraschungen, die nach der
Wahrheit streben, sie aufgrund des
staubigen Bodens aus den Augen verlieren.

Wo zum Teufel kommt es her? Wer steht
hinter den Blechfiguren, versucht, sie anzumalen
während voller Fahrt, Dampf im Kessel,
Himmel unter den Füßen? Eines Tages sollten
wir es erfahren, das Begehren hintanstellen,
austreten aus den Sümpfen, den Sumpfgasen, Verballhornungen
ewiger Ruhe, dem Garten, der darin steht, um
uns mit Schall und Rauch, mit Tafelwasser
und einem niederträchtigen Pudding zu versorgen.
Dann werden wir einsehen, wie schwer es ist,
der Milchmann der Zeit zu sein.

Zorn entweicht den Lippen inniger Küsse,
ihr Gehege wird durch echte Zeitlupe enttarnt,
epochenschwer weitergeführt auf rutschigem Eis.
Du malst dieses Bildnis zu Ende, ich weiß,
dass in den Briefen von dir Zeichen von bescheidener Kraft
darauf warten, zerkleinert und als Pulver geschnupft zu werden.
Die Vielfalt ist also nicht nur ein Traum, der
auf 30 Grad Celsius heruntergekühlt wurde, kein
wuchtiger Schlag mit der Suppenkelle gegen
die Brandung ordinärer Musikstücke,
von zwei Meistern im Delir zusammengegeigt,
aber nutzlos, wenn es darum geht, dem einen
nicht das Geld des anderen zukommen zu lassen.

Bewegte Bilder

GrammaTau #38

Er gießt mit einer Wolke, die er
Aus dem Ranzen nimmt, die
Tageszeitung von gestern, auf daß
Ihre Schlagzeilen leichter werden,
Besser zum Hals, besser zu Haferbrei
                                                                      passen.

Er möchte
Ein Fuchs sein.
                  Trotzdem bleibt die Tat unvollendet,
                  Benommen von Vorurteilen.

Die Zeit reißt alle Wunden.

Schönheit wiegt schwer, ihr
Torso mit Schuhen aus Beton
Oder auseinandergerissener Kehle
Trimmt den Rasen,
Wirft das Maul
                   Aber niemand ordnet
                   Heiterkeit an
                   Ohne eigenen Nutzen

So scheinen die Vergiftungen
Präzis’ gelenkt von
Winkenden Gassenhauern,

                                                   Konsumentenweibchen
                                                   Ohne Fußlimousinen

                                                   Triangelfetzen zwischen
                                                   Häuserschluchten

                                                   Purpurschreie, Bohnerwachs-
                                                   Stauden, Sattelschinken
                                                   Und Mopslocken in
                                                   Filigranen Doppelaromen,
                                                   Arak in Pfandflaschen,
                                                   Notsignale auf die
                                                   Hinterbacken genäht.

Wir alle haben etwas Freiwilligkeit verdient,
                   Zumindest im Verborgenen,
Alternanz in blinden Spiegeln.

Die Nummer ruft, jemand,
Vom Balkon mit den großen
Brüsten. Ohne eine Spur zu hinterlassen.

                   Die Katze im Film
                   Paramaunzt

                                                der über die Leinwand läuft
                                                die über die Leinwand läuft

                                                Eine Hirtengabel,
                                                Zahnstocher des Riesen.
Willst du dich nicht setzen?

Die automatische Vergangenheit
Lernt einen stolzen Mann zu tragen.
Frauen gießen den Acker, um das Haus
Vor rebellierenden Eimern zu schützen,
Farn um ranke Einheiten
Beine.

Ich gehe mit meiner Laterne.

Ein Toast auf Edgar Allan Poe

Baltimore: Jahrzehntelang schlich eine mysteriöse Gestalt, gänzlich in schwarz gekleidet, das Gesicht von einem weitkrempigen Hut sowie einem Schal verdeckt, auf den Westminster-Friedhof, um dort drei Rosen und eine Flasche Cognac auf dem Grab von Edgar Allan Poe niederzulegen. 2007 war es dann, daß der 92jährige Sam Porpora bekannte, für diese Idee verantwortlich zu sein.

“Ich und meine Stadtführer, wir haben das getan”, erklärte Sam Porpora. “Es war eine Werbekampagne. Wir dachten nicht im Traum daran, daß dies für ein weltweites Aufsehen sorgen würde.”

Niemand hatte bis dahin je Anspruch auf diese Legende erhoben. Warum rückte also Porpora jetzt damit heraus?

“Kann ich nicht sagen. Ich liebe Poe. Ich liebe es, über ihn zu sprechen.”

Porpora glaubt, daß die internationale Bedeutung Poes, diesem Meister des Mysteriums und der Melancholie, durch einige Poe-Jünger ihre Form erst angenommen hat. Aber die Rettung des Friedhofs an der Westminster Presbyterian Church, wo der Autor begraben liegt, ist Porporas Verdienst.

“Ich weiß nicht, was ich sagen soll”, erklärte Jeff Jerome, der Verwalter des Poe-Hauses in Baltimore, das all die Jahre von der Legende des sogenannten Poe-Toasters profitierte. Mit Porporas Aussage, daß das Ganze ein Scherz war, konfrontiert, reagierte Jerome wie ein Mann, der von seinem Großvater in den Magen getreten wurde. Er war traurig und fühlte sich betrogen. Trotzdem war er nicht gewillt, zurückzutreten.

“Er ist wie ein Mentor für mich”, sagte Jerome über Porpora. “Ohne ihn gäbe es den Westminster-Friedhof nicht mehr. Aber zu behaupten, der ‘Toaster’ sei ein Werbe-Gag, nun, alles was ich sagen kann ist, daß das nicht stimmt.”

Porporas Geschichte beginnt in den späten 60er Jahren. Er hatte gerade seine Historie über die Westminster Presbyterian Church, 1852 erbaut, abgeschlossen . Es gab weniger als 70 Gemeindemitglieder und Porpora, in seinen 60ern, war eines der jüngsten. Der von Unkraut überwucherte Friedhof war ein beliebter Treffpunkt für Trunkenbolde. Man benötigte Geld und Öffentlichkeitsarbeit, erinnert sich Porpora. Das, sagte er, war der Zeitpunkt, als ihm die Idee für den ‘Poe-Toaster’ kam.

Seit 1949 wurden jedes Jahr am 19. Januar drei Rosen – eine für Poe, eine für seine Frau und eine für seine Schwiegermutter – und eine Flasche Cognac an seinem Grab niedergelegt, weil er das Zeug so gern mochte, auch wenn er es sich nicht leisten konnte, es sei denn, jemand anders kaufte es ihm.

Das romantische Bild des mysteriösen Mannes in Schwarz beflügelte die Fantasie der Poe-Fans und die Legende wuchs. 1977 begann Jerome jedes Jahr eine Handvoll Leute einzuladen, um eine Nachtwache für den seltsamen Fremden abzuhalten. Die Medien begannen damit, Ankunft und Abreise ‘Poe-ähnlicher-Gestalten’ festzuhalten.

1990 veröffentlichte das Life Magazine ein Bild des verhüllten Mannes. 1993 hinterließ der eine Notiz mit dem Wortlaut: “Die Fackel wurde übergeben.” Eine andere Notiz von 1998 gab an, daß der Begründer der Tradition gestorben sei. Spätere Ehrenwächter gaben an, daß mindestens zwei ‘Toaster’ die ‘Fackel’ in all den Jahren angenommen hatten. Für Jeffrey A. Savoye, Sekretär und Schatzmeister der Poe Society of Baltimore, hat sich die Tradition längst verselbständigt.

“Sogar wenn Sams Geschichte wahr ist, na und? Es ist eine schöne Tradition, ob sie nun zurück geht auf das Jahr 1949 oder 70”, sagte Savoye.

Mitglieder der alten Gemeinde, die jetzt alle bereits verstorben sind, sprachen über den Poe-Toaster, bevor Porpora sagte, er wäre der Initiator. Geschichten kursieren seit den 70ern, die sich auf alte Zeitungsberichte beziehen. Jerome fand in der Baltimore Evening Sun von 1950 einen Zeitungsausschnitt über einen anonymen Bürger, der jedes Jahr um den Friedhof herumschleicht, um eine leere Flasche eines ausgezeichneten Cognacs gegen den Grabstein zu lehnen.

Porporas Bericht weist indes einige Widersprüche auf und Jerome kündigte an, daß die jährliche Nachtwache weitergehe.

Und das tat sie. Aber der Poe-Toaster ließ sich zum letzten Mal im Jahre 2009 blicken, also zu Poes 200. Geburtstag. Offiziell gilt die Tradition als beendet.

Drei Jazz-Storys

Peter Straub – Pork Pie Hat

Pork Pie Hat ist die Geschichte der fiktiven Jazzlegende mit dem gleichen Namen. Der Erzähler der Geschichte läßt die Zeit, als er noch ein College-Student war, Revue passieren, während der er von dem Saxophonisten ‘Hat’ fasziniert war.
Als er Hat ein Stück spielen hört, bittet er den Musiker um ein Interview. Obwohl der sehr zurückhaltend ist, akzeptiert er die Fragen des Erzählers. Während des ‘offiziellen’ Interviews beweist der Erzähler, daß er wirklich ein Kenner von Hats musikalischer Karriere ist und Hat bietet ihm an, eine Geschichte zu erzählen, die er noch niemals erzählt hat, wenn der Erzähler einwilligt, sie niemals zu publizieren.
Was folgt, ist aus Hats Perspektive erzählt, dem seit seiner Kindheit Erinnerungen an ein unsagbares Erlebnis quälen, daß er im Alter von elf Jahre in der Nähe des ‘verbotenen’ Waldes mit dem Namen “The Back” hatte. Jetzt, da er krank ist und sich dem Ende nähert, das der Alkohol und die Depression für ihn vorsieht, ist die Zeit gekommen, zu offenbaren, was er sah und vor allem: was er tat.
Straub verwendet große Aufmerksamkeit darauf, Hat lebendig darzustellen, portraitiert einen Mann mit unglaublichen musikalischen Talent, der von zahllosen persönlichen Dämonen verfolgt wird. Er entspinnt die Geschichte detailversessen und langsam. Herausgekommen ist ein Meisterwerk an Charakterisierung und Stimmung.

 

T.E.D Klein – Der schwarze Mann mit dem Horn

In dieser Geschichte geht es eigentlich überhaupt nicht um Jazz, auch wenn mit dem Titel ein Plattencover von John Coltrane und seinem Saxophon einhergeht. Es ist die Erzählung eines alternden Schriftstellers, der in seiner Jugend ein guter Freund Lovecrafts war, der nun, da er die Geschichte erzählt, 77 Jahre alt ist. Es handelt sich um Frank Belknap Long, mit dem Lovecraft einen regen Briefwechsel führte. Der Erzähler ist darüber verbittert, daß ihm Leben und Glück so einfach durch die Finger gleitet, gleichzeitig ist seine Freundschaft zu Lovecraft aufrichtig. Er ist eifersüchtig, aber doch ehrlich mit sich selbst, was sein Talent gegenüber dem Lovecrafts für einen Stellenwert besitzt. Man kommt nicht umhin, Mitleid mit dem Erzähler zu haben – und das ist der Punkt, an dem Klein den Horror losläßt.

 

Julio Cortázar – Der Verfolger

Cortazár schrieb formvollendete Erzählungen. Sein phantastischer Realismus, der stark vom Noveau Roman, mehr aber noch durch den Surrealismus geprägt wurde, ist bis heute solitär und einzigartig geblieben. Während Borges durchaus seine Epigonen fand, scheint es bei Cortázar unmöglich, seinen Stil auch nur annähernd zu erfassen. Zu viele Silhouetten, zu viele Variablen, zu viele technische Meisterleistungen lassen ihn – und nur darin gleicht er Poe – unnachahmlich bleiben.
Von den drei vorgestellten Erzählungen ist diese die einzige, die wahre, die dem Jazz huldigt, zumindest aber einen seiner Legenden und Ikonen: Charlie Parker, von seinen Freunden “Bird” genannt, dem Cortázar diese Geschichte widmet. Posthum, versteht sich.

Laut Cortázar wohnt dem Konzept des Schreibens eine musikalische Handlung inne, basierend auf dem Rhythmus des Textes. Ohne einen angemessenen Rhythmus verfehlen sich Autor und Leser in ihrer Kommunikation.

Also vergleicht Cortázar den Rhythmus, den er in seinen Geschichten wählt, mit dem Swing des Jazz. Er fügt hinzu, daß Jazz auf dem Prinzip der Improvisation basiert. Diese Improvisation nutzt Cortázar als Vehikel für seine Arbeit, Improvisation nämlich als Prozeß und nicht als Produkt. Der Charakter im Text, der Parker nachempfunden ist, heißt Johnny Carter. Bruno hingegen ist ein Jazz-Kritiker und hat vor kurzem Johnnys Biographie veröffentlicht. Diese beiden Protagonisten verkörpern völlig gegensätzliche Persönlichkeiten. Johnny, der intuitive Jazz-Improvisiteur und Bruno, der westliche Intellektuelle, der einem logischen System verbunden ist. Die Geschichte beginnt in Johnnys Apartment. Bruno trifft nach einem Anruf von Dédée, Johnnys Partner, dort ein, der ihn davon unterrichtete, daß es Johnny nicht besonders gut gehe.

Zeit bildet, nach dem Verständnis unserer gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftswelt, die Grundlage für Effizienz und Produktivität. Das kapitalistische Individuum bewegt sich nach der Uhr. Im Falle von Bruno bedeutet das, er arbeitet für die Zeitung. Johnny begreift die konventionelle Konzeption von Zeit nicht als den Begleiter durch die tägliche Realität. Sein ‘Wahn’ besteht darin, Brunos Logik herauszufordern und in Frage zu stellen. Für ihn besteht der eigentliche ‘Wahn’ darin, die sozialen Normen zu akzeptieren, wie im Falle der Zeit. Der Leser bekommt den grundlegenden Beweis, wie es möglich ist, durch Improvisation über die Logik hinaus zu gehen, um ein anderes Verständnis von Realität zuzulassen.

Kaffee bei Birnstiels

Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den

Einem geschenkten Kaffee schaut man
nicht in den After

Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffeeausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art – und einer der letzten einer aussterbenden Zunft. Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und … nur so zum Spaß … einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten : Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet : Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch : auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.

Der Meister im Birnstiel-o-versum

 

Nymphentag 16

Dass ausgerechnet heute um 4 Uhr in der Früh nicht etwa der Wecker anbimmelte, sondern die Blase, und ich danach nicht mehr in den Schlaf finden konnte, weil die Helligkeit schon spürbar in den Raum drang und noch immer keine Vogelstimmen zu hören waren, veranlasste auch die erwachte Albera, mit mir zusammen nach dem frühen Wurm zu suchen. Die Krähen tauchten dann doch auf, und in Kempten gibt es davon die größte Population ganz Deutschlands.

Die geschützten Vögel verunreinigen nicht nur Wege und Bänke, sondern auch geparkte Fahrzeuge. Doch die Stadt ist machtlos. Alle Vergrämungsversuche waren bisher erfolglos.

war in der Allgäuer Zeitung zu lesen.

Vor allem die vollgeschissenen Blechkarren freuen mich besonders.

Nun hielt unser neu erwachtes Früherwachen nicht lange stand und gen 5 Uhr verwickelten wir uns wieder in die eigentliche Realität des Schlafes, die dann bis halbzehn anhielt.

In Kürze wird Michael Liberatore bei uns mitschreiben, seines Zeichens Illustrator, wie ja jeder weiß, der hier liest.

Verlorene Vergangenheit

Heute kam nach sieben Jahren, die ich nun bereits wieder in Deutschland bin, der Rest meiner Manuskripte und Bücher an. Fabienne, die wirklich eine ausgezeichnete Archivarin ist, hat Bilder, Briefe, Romananfänge mitgeliefert, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt, teilweise bis in die 80er Jahre zurückreichend, als ich noch für das Theater arbeitete. Es waren Studioberichte dabei, als ich meine ersten Hörbücher einlas, Zeitungsberichte und eine Menge skurriler Dinge mehr. Teilweise kann ich gar nicht glauben, dass dies wirklich mein Leben war – aber natürlich weiß ich es besser. Schließlich war auch das Manuskript einer Story von Christian Kind, dessen Nachlassverwalter ich ja bin, dabei.

Sehr treffend, dass ich heute dieses Netzbuch eröffnet habe. Da ist eine Menge Platz für Reflexionen.

Vor einem Jahr:

Ich habe mir auf igittige Weise den Magen verdorben. Schuld daran ist eine Paprikawurst, die ich gestern im Feneberg kaufte. Die Wurst war nicht etwa verdorben, sie war einfach nur scheiße. Mein Kartenpulk zeigt indessen Die Liebenden. Siehe, siehe (oder doch eher: hört, hört?). Fast ein Temporallappen-Phänomen: Ich ertippe mir Dorothea aufs Neue. Die Erzählung ist dann auch fertig, kühl fast, ohne Wortkaskaden. Symbolisch freilich. Die Joyce-Biographie von Ellmann habe ich jetzt auch wiedergefunden.

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