Das Unendlichkeitsprinzip

Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz prägnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat für die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lektüre gegenübergestellt. Mallarmé kämpfte als Dichter auf verlorenem Posten um Resonanz bei einem bürgerlichen Publikum, das er bereits zu einem großen Teil an die Massenpresse und die wohlfeile Feuilletonliteratur verloren hatte. Er wies darauf hin, dass die Zweckorientiertheit eine ganz spezifische Lesehaltung einübe: die Sprache wird nur mehr als Instrument wahrgenommen und die Texte auf ihren Informationsgehalt reduziert. Dadurch würden Lesetechniken und Lesehaltungen verdrängt, die poetische Texte eigentlich fordern: ein Lesen, das den Zeitaufwand der Lektüre und ihren Nutzwert nicht gegeneinander aufrechnet, das das Geschriebene nicht auf einen konkreten Sinn hin festzunageln sucht und das einen gewissen Respekt der Sprache und dem eigenwilligen oder abseitigen sprachlichen Ausdruck gegenüber voraussetzt. Wer die Poesie liebt, könnte man folgern, hat Zeit.

Von hier aus gelängen wir schnell zu Borges, der einmal sagte, dass man sich ein Buch wie die Ilias oder die Komödie hernehmen und allein ein Leben mit der Lektüre dieses Buches zubringen könnte, weil darin alles enthalten sei. Das gilt natürlich insbesondere für die Lyrik Mallarmés.

In diesem kurzen Vorspiel zeigt sich die Romantik von ihrer stärksten Seite. Mallarmés hermetischer Symbolismus als auch Borges‘ „Unendlichkeitsprinzip“ tragen die aufgegangene Saat ins 20te Jahrhundert hinein, ausgehend davon nämlich, dass bereits Schlegel und Novalis einen Entwurf des Lesers einer romantischen, d.h. „unverständlichen“ Literatur durchaus auf Langsamkeit und Wiederholung anlegten. Freilich reagierte man hier mit einer Abgrenzung gegenüber der unüberschaubar gewordenen Buchproduktion mit der Forderung einer statarischen anstelle einer cursorischen Lektüre, in dem man diese zur Voraussetzung der erfolgreichen Entzifferung ihrer Texte erklärte. Bis zum heutigen Tage ist die im 18ten Jahrhundert beginnende Massenschwemme nicht zum Stillstand gekommen. Daher ist es keineswegs verwunderlich, dass diese Abgrenzung heute von einem zwar noch kleineren Kreis, dafür aber vehementer denn je – nicht wieder, sondern immer noch – ihr Recht einfordert.

Aber diese „Abgrenzung“, also der romantische Versuch, die Rationalisierungsschübe des ausgehenden 18ten Jahrhunderts – die Mechanik naturwissenschaftlicher Weltbilder sowie den analytischen Rationalismus der Philosophie – mit ganzheitlichen Vorstellungen zu überwinden, können vor diesem Hintergrund als Kompensationen verstanden werden. Trotz des bis heute nicht verklungenen Beharrens auf einem substantiellen Zusammenhang von Ich und Welt, Mikro- und Makrokosmos, Natur und Geschichte, darf man jedoch nicht vergessen, dass sich diese ästhetische Einheitsvision allenfalls mit der Kunst als Medium verwirklichen lässt. Man muss kaum erwähnen, dass, wenn diese „Einheit“ einer ästhetischen Differenz untersteht, dadurch bereits ein neuer Bruch auf den Fuß folgt – nämlich zwischen literarischer Differenz und erstrebter, aber immer nur momentan zu erreichender Identität.

Über 200 Jahre tobt bereits der Zweck gegen das Ganze. Der Grund, warum der Zweck so stark ist, liegt an seiner Massenorientierung und seiner völlig ausgereizten Effizienz. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob dabei alles in die Katastrophe steuert, weil die Lügen- und Manipulationsmaschinerie der Materialisten reibungslos funktioniert, die uns zu Land, Wasser und in der Luft – und mittlerweile auch im Äther „unterhaltsame Durchhalteparolen“ rund um die Uhr liefern.

Serial-Kuchner (1): Schokobanane in der Brachgasse

Dieser Artikel ist Teil 1 von 1 der Reihe Serial Kuchner

Nach dem Serial Killer ist jetzt der Serial Kuchner das neue Phänomen. Zugegeben, das ist eine etwas merkwürdige Umschreibung, wenn man bedenkt, dass ein Serial Killer seriell Leichen hinterlässt, die er gekillt hat. Man könnte jetzt nicht wirklich behaupten, dass ich andere Menschen kuchne, anstatt sie zu killen. Nun ja, ich kille sie natürlich auch nicht, aber viel weniger kuchne ich sie. Aber unterm Strich kuchne ich eben doch. Die Verwandtschaft zum Serial Killer besteht also darin, dass ich mir gerne Kuchen einverleibe. Ihr seht es? Leib, einverleiben? Das folgende Porträt ist schon etwas älter, aber als Beweis durchaus annehmbar, die Opfer eindeutig und klar zu erkennen.

Test for Echo

Tableau 428

Ach, wenn ich Tal wäre, auch mal Berg (und Sonnenschein), eine Lache Regenfläche, Pferdehälfte (gut abgehangen). So ein Wunsch nach Ornamenten, kyrillische Weberei, an den Borden entlang holpern, ganz der Teppich, der sich unter Sohlen schmiegt (die auch auf glühenden Kohlen könnten).
Vierzich Gruben sein. Vierzich so wie unendlich. Ein Salinenmeister. Da unten in der Düsternis.

Tableau 429

Der Flug ist Augur in den müden Augen, die das eine Zeichen deuten können, das andere aber übersehen. Der Vogel weiß nichts davon, gelesen zu werden, so wie die Buchstaben nichts davon wissen. Was steht hier – das ist so zweierlei und dreierlei. Was bedeutet es – das sind wir selbst.

Tableau 430

Auswringen; das Trällern des Goldstrahls auf pures Wasser treffend. Die Luke öffnet sich trotzdem, auch wenn der schwarze Teer noch nicht zur Gänze verarbeitet, schnappt wie ein Fischmaul (wenne wartest platschts).

Tableau 431

Sah ich eine Magd das Euter tritzen, Milch auswichsen (hats dann auch am Knecht probiert).
“Als wärste ne Kuh, bissgen mager vielleicht.”

Tableau 432

“Hör doch auf, herumzualbern, du machst ja alles voller Prosa! Und wer wirds wegwischen?”

Heliotrop – Romantik in Blau

Blumen des Himmels
im Pflanzenkleid der Erde
Blaue Achate zeichnen Geschichten
spielen mit blaufarbnen T?nen
zum heilen malen und fr?hlich sein
Almadin Amethyst und Aquamarin
blauer Saphir, Zirkon und Topas blau
Chalzedon schimmernd mit Heliotrop
Lapislazuli, Labrador und Opal
Turmalin sendet von all seinen Farben
das Blaulicht f?r die blaue Stunde
den labyrinthenen Steinkreis zu schlie?en:
Blaues Lapidarium in der Sph?re
des Blauen Planeten
- I. Bott

Die Blaue Blume ist das Jenseitige in dem Sinne, als dass sie all das symbolisiert, was augenblicklich nicht erreichbar ist. Deutschlehrer nennen das dann Sehnsucht. Eichendorff findet die Blaue Blume nicht, und weiß in seinem Gedicht von ihr, dass er sie zwar beständig suchen wird (er suchtet förmlich nach ihr), dass es aber ihrer Natur entspricht, dort zu erblühen, wo er gerade nicht ist. Die Blaue Blume ist nicht erreichbar und deshalb ideal (nur die nicht-erreichbare Liebe ist romantisch, wie wir aus der Minne wissen, das Hinschweifen, das verzehrende Feuer):

Wenn ein Pärchen Nachtigallen Tag und Nacht sein Lied lässt schallen, Lass uns in die Blumen fallen, Liebste mein. Bald schon wird der T?rmer schrein: - Liebesleut, erhebt euch schnell! Frühling glimmt, der Tag wird hell- Anonymus

Das Rätselraten um die Blaue Blume der Romantik und welche Art denn nun das Vorbild gewesen sein soll, k?nnte mit einem Dichterwort erklärt werden (auch wenn man es nicht wahrhaben will). Novalis nannte als Inspirationsquelle den Heliotrop (die Inder nennen diese Pflanze Sonnenanbeter), der jedoch mehr in tropischen Gefilden – wo nicht wirklich blau, da nämlich violett – gefunden werden wird. Jetzt wird das manch einen schröcklich verwirren, dabei hat das Violett des Sonnenwenders etwas mit der komplementären Wahrnehmung zu tun. Unser Auge hat nämlich die Tendenz zur Kontraststeigerung bei Komplementärfarben. Im Allgemeinen spricht man hier von einem Nachbild, das entsteht, nachdem man (hier am Beispiel Blau) eine gewisse Zeit damit zubringt, Gelb anzustarren, und dann die Augen schließt. Was wir als Komplementärfarbe erkennen, ist violett, obwohl es laut Farbkreis blau sein müsste. Das kommt der Romantischen Auffassung des Mysteriösen recht nahe, weiß man doch, dass Farben weniger ein physikalisches denn ein psychologisches Phänomen sind.

Natürlich kannte Novalis als Salinenmeister auch den Heliotrop unter den Edelsteinen, der Blutjaspis genannt wird. Dieser ist nun weder blau noch violett, sondern rot, zumindest eine Art von.

Eine andere Metapher möchte ich anbringen. Heinrich von Ofterdingen setzt in die im Traum geschaute Blume sein Liebchen Mathilde, zumindest hat im Blumenkelch ihr Antlitz Platz, für das ganze Mädchen reicht es nicht. Die meisten Pflanzen sind ihrer Natur nach “Sonnenwender” also Heliotrop, recken sich zum Licht (in der Dichtung spricht man in so einem Fall davon, dass der Leib das Auge aufschlägt wie die Pflanze ihre Knospe). Heinrich erblickt Mathilde im Kelch der Blauen Blume. Das ganze Erlebnis in der Höhle (da tut sich ja auch noch ein ganzer Schwarm liebreizender Mädchen an ihm gütlich) ist die Feinjustierung der Sinne, die für das Werden des Dichters eine entscheidende Rolle spielt (ich variiere des Thema im entsprechend mit einer Wolke).

Im Uhrenträger schrieb ich der Blauen Blume die Wegwarte zu, das hatte aber taktische Gründe, weil ich, um das entsprechende M?rchen anzubringen, kaum auf die Vanille zurückgreifen kann (der blaue Heliotrop ist nichts anderes). Ritter und Vanille, das ging mir irgendwie nicht.

Novalis übernahm aus Goethes Morphologie (als Erkenntnisform) “von den ersten physischen und chemischen Elementen an bis zur geistigsten Äußerung der Menschen” auch dessen Farbenlehre, die unter anderem eben jenes Phänomen der Komplementärfareben beschreibt.

Blau ist eine Farbe, die uns dabei hilft, außerhalb des vorgegebenen Rahmens zu denken. Es ist die Farbe des Ideals, der Sicherheit und der Treue zu einer Idee.

ich bin in dem vielen leid gefangen, das ich ich schaute, aber muss mich zerreißen, und ob der träume will ich nicht klagen, denn sie bringen mich zu den geschichten hin
(sie wären gar nicht da)

m. perkampus, die wundersamen abenteuer des cornelius schlehenfeuer genannt prunus spinosa