Tontafelkalender vom 10ten Hartung xx20, einem Fridach

Oft ist nach Abschluss einer Sache der Zenit des Grams noch nicht erreicht; es ist wie bei einem Marathon-Lauf, dessen Ende den eigentlichen Gefahrenherd anzeigt, denn bevor sich alles entlastet, sieht es im Innern des Körpers aus, als sei gerade ein Herzinfarkt überstanden. Die eigentliche Problematik liegt in meiner Inkonsequenz begründet, ein Problem zu erkennen und nicht angemessen darauf zu reagieren. Die Hölle, das sind die anderen, nannte Sartre das; Vorsicht vor Leuten, war der Titel eines recht amüsanten Films. Tatsächlich ist es meine Art, mich mit niemandem abzugeben, aber in mancher Hinsicht habe ich gelernt, die unsägliche Dummheit der Menschen zu akzeptieren und als gegeben anzunehmen, was mich immerhin in die Lage versetzt, phasenweise sogar über Debilität hinwegzusehen, während sie mich früher zur Raserei trieb. Nun bin ich aber selbst derjenige, der sich sozusagen einen Klumpen ins Nest setzen ließ, und nicht darauf reagierte, was zwar mit angesprochener Inkonsequenz abgegolten sein könnte, es aber nicht ist. Die eigentliche Frechheit ist nicht das Geschehen selbst, sondern die Antwort darauf. So ist es zumeist. Es wäre für mich immer schon notwendig gewesen, aller Öffentlichkeit abhold zu sein, konsequent und ausnahmslos, was natürlich alle Netzaktivitäten einschlösse. Einst musste ich für einen versehentlich angeklickten Link 800 Euro bezahlen, da gab es kein entkommen, denn es ist ein Wirtschaftszweig geworden, andere zu betrügen. Ein gut gehüteter Wirtschaftszweig sogar. Die Spinne und das Netz im modernen Kostüm. Wer immer das Wort kafkaesk redlich verwenden will, der kann es – ohne falsch zu liegen (was oft geschieht) – auf unser Urheberrecht anwenden. In Gefahr befindet man sich ständig, und als damals die DSGVO verkündet wurde, war ich einer der ersten, die vollständig Abstand von allem nehmen wollte, was mit irgendeiner Publikation im Netz zu tun haben könnte. Habe ich aber nicht. Die Frage stellt sich erneut, und sie stellt sich immer dann, sobald man im Medienwahn sozusagen selbst am Zitat beteiligt ist.


Die letzte Nacht war kaum zu erschlafen, so packte ich mir Ricardo Piglias “Der letzte Leser” und notierte fast schon eine Parallelstudie, die weiterzuführen und dann zu bearbeiten ist. Gegen halbvier bin ich dann doch in eine Art Ruhe gekommen, die ich früh schon unterbrach. Heute morgen dann mit Sonny Rollins zum Kaffee, den ich noch immer koffeinfrei trinke. Dazwischen waren die Versuche, wieder auf die ganze Bohne umzusatteln, eher kläglich; manchmal vertrug ich das Insektengift so, dass ich gar keinen Unterschied merkte, manchmal pulsierte alles im Überschwang. Ich warte noch immer auf das Druckerzeugnis von epubli, das bereits über der Zeit ist, einhergehend mit dem Gedanken, es doch noch einmal zurückzuziehen. Andererseits werde ich gerade an diesen Geschichten absehbar nicht mehr arbeiten, und sie lägen dann – wie vieles – wohl für eine lange Zeit brach.

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