Wieviel Phantastik verträgt die Fantasy?

Wenn wir etwas über uns lernen wollen, brauchen wir nicht zu studieren. Wir müssen Geschichten lesen. Gute Geschichten gelingen, wenn sie es schaffen, Unterhaltung und Anspruch zugleich zu bedienen – was alles über die Schwierigkeit des Erzählens besagt. — Tim Sarianidis

Wieviel Phantastik verträgt die Fantasy?

Ein Wesenskern der phantastischen Literatur ist der Eskapismus. Seien es High Fantasy, historische Schinken oder Cyberpunk-Thriller – wir flüchten vor dem Alltag in erfundene Welten und das stunden- oder gar tagelang. Sollte man das? Darf man das? Ist das eigentlich auf Dauer gesund?

Patrick O’Brian, Autor der Aubrey/Maturin-Saga, wusste laut eigenen Angaben wenig von der aktuellen Politik, dafür kannte er die Marinefachzeitschrift Naval Chronicle aus dem 18. und 19.Jahrhundert beinahe auswendig. Er liebte die Zeit der Aufklärung, und wer seine Romane liest weiß: diese Liebe war spektakulär. O’Brians Saga über die Freundschaft eines Kapitäns und seines Bordarztes hat 20 Bände und gilt als die vielleicht beste historische Romanserie überhaupt.

Ob dieses Epos oder die Welt voller phantastischer Wesen in J.R.R. Tolkiens Werk, in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts legten solche Geschichten den Grundstein für eine neue Größendimension. Heute wuchern Genrefilme und Genreliteratur wie wild: Comics von Superhelden haben die unglaublichsten Storylines; Vampirromane scheinen seit 20 Jahren nicht mehr aus der Mode zu kommen; Endzeitromane sind Legion, Zombiefilme nicht mehr zählbar, und die Zahl junger Autorinnen, die Fantasy-Bücher schreiben, dürften allein in Deutschland in die Tausende gehen. Wer soll da noch den Überblick behalten?

Die Stunde der Nerds

Da ist es kein Wunder, dass wunderliche Wesen wie Sheldon Cooper unsere Zeit bevölkern: Nerds. Nerds sind tendenziell männlich (wohl kein Zufall, Männlichkeit steht heute vielfach auf der Probe), meistens Singles, gerne verlottert. Sie kennen alle tausend Charaktere von Perry Rhodan, interessieren sich aber nur wenig für das tägliche Politik-Geschehen. Man könnte zu Nerds auch “die perfekten weltfremde Eskapisten” sagen. Erste Hinweise auf sie finden sich in den 80ern, etwa in der Verfilmung von Stephen Kings „Stand by me“: Die jugendlichen Ausreißer debattieren, ob Mighty Mouse eine Chance gegen Superman hätte. Der Zeitpunkt Mitte der 80er war kein Zufall. Die aufkommende Massenkonsumgesellschaft stellte den Nährboden für das neuartige Nerdtum dar, das dem Wissen huldigte, was keiner sonst wissen wollte.

Der Kult des Eskapismus

Nun waren auch Autoren wie O’Brian und Tolkien bekannt für ihre Weltfremdheit. Im Unterschied zum typischen Nerd wirkten sie allerdings kreativ. Und wie! Oft sind sie ihre Geschichten nicht nur unterhaltsam und spannend, wir finden uns selbst in ihnen wieder: Bei Tolkien lernen wir etwa, dass vollkommener Frieden eine Illusion ist, bei O’Brian, dass Menschen Menschen bleiben, egal, welche Umwelt sie prägt. Eskapismus per se ist also nicht problematisch, wenn er Botschaften hat, sprich Kontakt mit uns hält. Auf der anderen Seite ist auch die Haltung der Konsumenten entscheidend. Stellt die Flucht in fremde Welten Vermeidungsverhalten dar, ist das problematisch. Stellen wir uns dagegen unseren täglichen Herausforderungen, kann Eskapismus ein Segen sein: Dank ihm erholen wir uns, lernen etwas, und werden inspiriert, die Welt durch neue Perspektiven zu sehen. Die Gefahr für den Nerd liegt darin, Fachidiot zu werden, daher plädiere ich für bewusstes Nerdtum. Vielleicht kann der oldschoolige Experte Vorbild sein. Er ist ein Spezialist, der weiß, dass sein Wissen begrenzt ist. Der Nerd dagegen denkt entgrenzt, agiert angstbesetzt und blendet aus. Außerdem versucht er, irrelevanten Dingen Bedeutung zu geben. Tarantinos  Pulp Fiction kultiviert dies, Zum Beispiel wenn die Gangster Vincent und Jules über McDonalds sprechen, oder ob Fußmassagen sexuell aufgeladen sind oder nicht. Das mag amüsant sein (und cool), bleibt aber letztlich folgenlos. Konsequenzen ergeben sich allein aus den Handlungen: Gangster Jules beendet sein Gangsterdasein und überlebt. Vince macht weiter und stirbt – auf dem Klo, beim Lesen eine Nerd-Zeitschrift.

Hinterm Horizon gehts weiter

Doch trotz aller Gewalttätigkeit in Pulp Fiction: Nerds sind eigentlich nicht aggressiv, weil auf ihre Welt geeicht. Schöne Nachrichten! Dennoch, der Blick über den Tellerrand lohnt sich. Der Gewinn ist außerordentlich: Erkenntnis. Indiana Jones eins und drei etwa gelten als die besten Filme der Reihe, während Nummer zwei und vier kritisiert werden. Warum? In Film Nummer eins und drei lernen wir, dass Menschen eine Wahl haben und diese Entscheidung Konsequenzen nach sich zieht – in Teil eins fällt der geniale französische Archäologe Belloq seiner Gier zum Opfer, in Teil drei die manipulative Doktor Schneider. In Teil zwei hingegen ist das Böse ungreifbar, und kommt von außen (fremder Kult), in Teil vier haben wir es gänzlich mit Aliens zu tun. Beides berührt uns kaum, damit sind die Filme auch fremder. Könnte das jeder problemlos einordnen? Ich meine nein. Oberflächliche Indy-Freaks würden allenfalls instinktive Aussagen treffen („langweilig“, „doofe Aliens“, „irgendwie düster“).  Indy-Expertennerds, die über den Tellerrand schauen, analysieren dies allerdings auf die richtige Weise.

Eine neue Kulturtechnik

Medienkonsum zu Unterhaltungszwecken bedeutet quasi immer Eskapismus. Auch leben wir in einem Zeitalter, in dem Weltflucht einfacher ist denn je. Dabei laufen wir Gefahr, Balance und Reflexionsfähigkeit zu verlieren. Wir brauchen jedoch unsere Unabhängigkeit, nur dann besteht die Chance für uns auf Perspektive und Entwicklung. Unabhängig sind wir dann, wenn wir es schaffen, Frau bzw. Herr über die Inhalte zu bleiben, die wir konsumieren. Wir müssen sie nicht nur einordnen, wir sollten sie auch sinnvoll nutzen, denn Medien sind Werkzeuge. Sie sind unser Blick auf die Welt, unser Kompass und unsere Grenze. Genau deswegen gilt Medienkompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch als vierte Kulturtechnik.  Wer das verinnerlicht, dem stehen riesige, phantastische Welten offen. Wer nicht, der verliert sich in ihnen.

Über

Tim Serandis
Tim Sarianidis
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Erzählen – das wollte ich schon immer und probierte mich in verschiedenen Medien aus. Beim Schreiben bin ich angekommen.
Ich war Radioreporter, bin Lehrbeauftragter im Medienbereich (Bewegtbild), sowie freier Mitarbeiter im TV-Journalismus.
Ich wurde 1972 in Frankfurt geboren. Dort und in Freiburg studierte ich Geographie und Geschichte. Mich interessieren Seefahrt, Filme, Bücher, TV-Sport und Humor.

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