William Fryer Harvey: Die Bestie mit den fünf Fingern

Hallo, Freunde draußen an den Radiogeräten. Wir gehen heute etwas in der Zeit zurück, um uns einen Klassiker aus dem Hause Diogenes anzuschauen. Ein Verlag mit einem überhaupt interessanten Profil, dessen Credo besagt: “Jede Art des Schreibens ist erlaubt, nur nicht die langweilige”. Zugegeben, das Buch, um das es heute geht, besser gesagt, die Sammlung von Geschichten, ist dort schon lange nicht mehr zu finden. Sie wurde 1979 veröffentlicht und so weit ich weiß, niemals nachgedruckt, aber antiquarisch ist das Taschenbuch nicht schwer zu finden: “Die Bestie mit den fünf Fingern”

William Fryer Harvey wurde in das faszinierende Zeitalter der Psychoanalyse hineingeboren. Als Arzt sind ihm die Unternehmungen Freuds um 1900 natürlich nicht entgangen. Die Surrealisten zogen ihren eigenen Spuk daraus, andere lehnten die Psychoanalyse rigoros ab. In der Kunstwelt fand Freud – wenig erstaunlich – den größten Anklang, aber Harvey ist einer jener Schriftsteller, die aus der Psychoanalyse Gespenstergeschichten ableiteten.

Es gibt neun Sammlungen von ihm, aber wir haben hierzulande leider nur eine bekommen: “Die Bestie mit den fünf Fingern“, die jedem nur ans Herz gelegt werden kann. Die Sammlung enthält neben der berühmten Titelgeschichte auch die anderen Meisterwerke wie “Augusthitze” und “Der Begleiter”.

Hier haben wir also die eine Sammlung psychologischer Gespenstergeschichten von W. F. Harvey vorliegen, die alle etwas anders sind als die bekannten Variationen. Zwar könnte man behaupten, eine Gespenstergeschichte sei immer auch psychologisch in ihrer Aussage und läge damit nicht falsch, aber uns interessiert hier die Frage nach der Einbildung. Wenn wir davon überzeugt sind, dass es in einer Geschichte um das Übernatürliche geht, nehmen wir als Leser eine andere Haltung ein, als wenn wir berechtigte Zweifel haben, die sich aber nie aufdecken lassen, weil der Autor uns in ein Grenzland schickt: Zufall? Einbildung? Grauen? Alles zusammen?

Es mag etwas überraschen, einen so sträflich vergessenen Autor wie William Fryer Harvey gleich neben einige der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen, denn kaum je hört man selbst aus Kreisen, die sich vermeintlich etwas mit der phantastischen Literatur auseinandersetzen, auch nur eine Silbe über ihn. 1955 lobte ihn die Times und betrachtete ihn als gleichwertig mit MR James und Walter De La Mare. Es ist nicht so, dass man immer etwas auf solche Aussagen geben müsste, aber man hätte erwarten können, dass sich das interessierte Publikum zumindest selbst davon überzeugt. Aber das geschah nicht, und so finden sich bis heute kaum nennenswerte Spuren von ihm. Obwohl Harvey dafür gefeiert wurde, im ersten Weltkrieg sein Leben aufs Spiel gesetzt zu haben, als er einen im lecken und vollgelaufenen Maschinenraum eines Zerstörers eingeklemmten Maat operierte, obgleich die Gefahr bestand, dass der Zerstörer auseinander brach – wofür er die Tapferkeitsmedaille bekam -, bleibt er doch eher für seine Geistergeschichten in Erinnerung, die zu den besten gehören, die je geschrieben wurden. Viele literarische Riesen haben sich diesem Genre verbunden gefühlt, und deshalb ist es umso bemerkenswerter, wenn man gerade in diesem Feld ein Zeichen zu setzen vermag; aber Harveys Stil fühlt sich an wie ein dunkles Schattenbild der Geschichten Sakis (Hector Hugh Munro) und verdienen es, gefeiert zu werden.

Nachdem Harvey im Krieg Lungenschäden erlitten hatte, blieb sein Zustand stets bedenklich während seines kurzen Lebens (er starb mit 52 Jahren), aber er begann, Kurzgeschichten zu schreiben, die das Irrationale und Unterbewusste mit kraftvoller Wirkung zur Geltung brachten. Obwohl sein Output relativ klein war, profitierten seine Geschichten von ihren modernen psychologischen Erkenntnissen und dem Mangel an einfachen Schlussfolgerungen.

“Die Bestie mit den fünf Fingern” wurde 1928 veröffentlicht, und fast zwei Jahrzehnte später wurde die Geschichte unter der Leitung von Robert Florey verfilmt.

“Die Hand krümmte sich in Todeszuckungen; wie ein Regenwurm an einem Angelhaken wand sie sich hin und her, vom Nagel auf dem Brett festgehalten”,

schrieb er in dieser Geschichte, in der Eustace Borlover entdeckt, dass die rechte Hand seines blinden Onkels Adrian begonnen hat, von selbst und ohne das Wissen des Trägers zu schreiben. Nach dem Tod seines Onkels erhält Eustace die abgetrennte Hand mit der Post zugeschickt. Nach Angaben des Anwalts wurde in Adrians Testament ein neuer Zusatz gefunden, der darum bat, ihm die Hand abzutrennen und als Teil seines Erbes Eustace zu schicken. Es zeigt sich bald, dass die Hand ein Eigenleben besitzt, intelligent, sehr beweglich und ein Meisterfälscher ist. Eustace und sein Sekretär gehen sofort davon aus, dass die Hand böse ist, aber um ehrlich zu sein, scheint sie eher schelmisch als bösartig zu sein. Bis Eustace die Hand auf ein Brett nagelt und es für mehrere Monate in einen Safe steckt. Denn aufgrund dieses Vorkommnisses schwört die Hand Rache.

Der Film lässt aus dem blinden Onkel einen Pianisten werden, dessen abgetrennte Hand aus seinem Mausoleum zurückkehrt, um sich mit rachsüchtigen Attacken gegen den Sekretär zu wenden, der sich heimlich nach dem Vermögen des Toten sehnt. Der Film war ein großer Erfolg, auch wegen seiner exemplarischen Spezialeffekte. Luis Buñuel soll an ihrem Design beteiligt gewesen sein, und der surreale Anblick der Hand, die ein Klavier hinaufhüpft, deutet darauf hin, dass dies wirklich so war. Der Film rühmte sich auch der Musik von Max Steiner und bewahrt viel von seiner seltsamen, eindringlichen Kraft. Das führte zu einem erneuten Interesse an Harveys Werk, und es folgten einige Nachdrucke seiner Geschichten. Dieses kurze Auflodern war aber aus unverständlichen Gründen nicht bleibend.

Mit seiner Frau lebte er eine Zeitlang in der Schweiz, aber die Sehnsucht nach seiner Heimat führte zu seiner Rückkehr nach Weybridge in England. 1935 zog er nach Letchworth, wo er am 4. Juni 1937 auch starb. Nach einer Trauerfeier im örtlichen Friends Meeting House wurde Harvey auf dem Kirchhof von St Mary the Virgin in Old Letchworth begraben.

Die Frage, ob das, was Harvey vorlegt (bis auf wenige Ausnahmen) wirklich Gespenstergeschichten sind, drängt sich auf, und sie kann nur dann verneint werden, wenn man die Psychoanalyse von sämtlichem Spuk ausnimmt. Das Ungewöhnliche, Unheimliche und Seltsame spielt sich oft genug in unserem Kopf ab, oder wird von ihm gar erst ausgelöst. Und so ist es dann doch nicht verwunderlich, dass man Harvey als einen Meister der psychologischen Geistergeschichte interpretiert, in der das Übernatürlich nur verhalten, wenn überhaupt, auftaucht. Das Gefühl des Unheimlichen – wie Freud es formulierte – ist hier exemplarisch ausgeführt. Möglicherweise ist die Wirkungskraft dieser Geschichten dann auch der hohen Wahrscheinlichkeit geschuldet. Es könnte so gewesen sein.

Über

M.E.P.
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Wenn es kein Buch ist, dann ist es ein Hörbuch. Und wenn es kein Wort ist, dann ist es der Jazz.

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