Stan Lee – Der Architekt des Traums

Die Bronx und die Geburt eines Namens

Stanley Martin Lieber wurde am 28. Dezember 1922 in New York City als Sohn jüdisch-rumänischer Einwanderer geboren, die in der Bronx eine bescheidene Existenz führten. Nach der Großen Depression fand sein Vater, ein Kleiderschneider, kaum noch regelmäßige Arbeit, sodass die Familie mehrfach umzog, aber immer innerhalb des gleichen Milieus blieb. In dicht bewohnte Mietskasernen mit der Geräuschkulisse der Stadt als permanente Begleitung und dem Bewusstsein, dass Aufstieg zwar möglich, aber keineswegs garantiert war. In diesem Umfeld entwickelte Lieber früh eine Leidenschaft für das Kino, für Literatur, für Errol Flynn und für die Idee, dass Geschichten Menschen aus ihrem Alltag herausheben können, wenn auch nur vorübergehend und illusorisch. Manche überleben seelisch allerdings nur deshalb.

via Stan Lee Legacy

Mit siebzehn Jahren begann er als Assistent bei Timely Comics, einem kleinen Verlagshaus, das Comichefte produzierte, was damals noch ein kaum ernstzunehmendes Medium war, das sich in den Kioskregalen zwischen Groschenromanen und Pulp-Magazinen behaupten musste. Er brachte Kaffee, löschte Tintenflecken und erledigte Botengänge. Dass er schon bald selbst schreiben würde, war weniger seinem Talent als der Gelegenheit geschuldet. Der Betrieb war klein, der Bedarf groß und er war vor Ort. Sein erster Text war eine zweiseitige Füllgeschichte in einem Captain-America-Heft, die er unter einem Pseudonym veröffentlichte: Stan Lee. Er wollte, so sagte er später, seinen richtigen Namen für die große Literatur aufheben, die er noch zu schreiben beabsichtigte. Die große Literatur kam nie. Stan Lee blieb, wo er war. Und wurde unsterblich.

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Auf der Suche nach El Dorado

Am Guatavita-See, zwei Meilen hoch in den kolumbianischen Anden, versammelten sich Tausende von Indianern, um ihren neuen Häuptling zu begrüßen. Auf den Hügeln über dem See brannten riesige Freudenfeuer, während der Häuptling, umgeben von Adligen und Priestern, auf einer mit goldenen Scheiben behängten Sänfte zum Ufer getragen wurde.

Der Körper des Häuptlings war mit Harz gesalbt und anschließend mit Goldstaub überzogen worden. Er schritt auf den See zu, und während die Feuer bis zum Himmel loderten und die große Menge Gold, Smaragde und andere Opfergaben in den See warf, stürzte sich der vergoldete Mann – El Dorado auf Spanisch – ins Wasser. Als er wieder auftauchte, war seine goldene Last verschwunden. Er ging an Land, während das Volk ihn als seinen neuen Herrscher feierte.

Diese Zeremonie fand im 15. Jahrhundert oder früher statt, und daraus entstand die ganze fabelhafte Geschichte von El Dorado, dem vergoldeten Mann, der später in der Vorstellung der Menschen zu einer Stadt aus Gold und schließlich zu einem Wort wurde, das ein Traumland voller leichter Reichtümer und Glück bedeutet.

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Mörderische Musen

Wer liebt nicht eine wahre Geschichte? Sie wecken eine besondere Faszination, die uns hinterher zu Wikipedia rennen lässt, um die Fakten von der Ausschmückung zu unterscheiden. Und dann gibt es noch die Geschichten dazwischen, die scheinbar zu real sind, um erfunden zu sein, und doch als Fiktion dargestellt werden. Es mag Sie überraschen zu erfahren, dass einige der berühmtesten Werke der Literatur und des Films ihre Inspiration aus beunruhigend realen Ereignissen bezogen haben.

Einer der einflussreichsten Schreckgespenster war der amerikanische Mörder und Nekrophile Ed Gein. Gein wurde nur für zwei Morde verurteilt, obwohl er wahrscheinlich für viele weitere verantwortlich war. Berühmt wurde er jedoch durch seine bizarre Besessenheit von seiner Mutter und seine postmortalen Perversionen. Robert Bloch war der erste, der Gein in seinem Roman Psycho als die verstörte Figur des Norman Bates fiktionalisierte. Auch Leatherface aus der Blutgericht in Texas-Reihe basiert lose auf Gein, der dafür bekannt war, Kleidung und Masken aus Menschenfleisch herzustellen. Thomas Harris lieh sich für die Figur des Buffalo Bill in Das Schweigen der Lämmer eine Seite aus Geins Spielbuch.

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Die blaue Stunde

Seit ihrem Durchbruch 2015 mit „The Girl on the Train“ hat sich Paula Hawkins als meisterhafte Erzählerin psychologischer Spannungsromane etabliert. „Die blaue Stunde“ bleibt dieser Linie treu und bietet eine Geschichte, die sich langsam entfaltet, dabei aber zunehmend an Intensität gewinnt. Es ist kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern vielmehr ein atmosphärisch dichter Roman, der einer kunstvoll geknüpften Intrige gleicht: Man weiß, dass man irgendwann das Zentrum erreichen wird, doch was einen dort erwartet, bleibt lange ungewiss.

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Der kreischende Wald

Im Herzen der Grafschaft Kent, unweit der malerischen Kulisse von Pluckley, erstreckt sich ein Forstareal, das unter dem Namen Dering Wood bekannt ist, im Volksmund jedoch fast ausschließlich als „Screaming Woods“ bezeichnet wird. Dieser Beiname ist untrennbar mit dem Ruf des Dorfes Pluckley verbunden, das bereits durch das Guinness-Buch der Rekorde als der am stärksten von paranormalen Phänomenen geprägte Ort Großbritanniens geadelt wurde. Die Screaming Woods nehmen in dieser lokalen Mythologie eine zentrale Rolle ein, da sie als Schauplatz für akustische und visuelle Anomalien gelten, die weit über die Grenzen Englands hinaus das Interesse von Parapsychologen und Enthusiasten des Makabren wecken.

Liste der Spuk-Phänomene um Pluckley
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Die Wirklichkeit verliert ihren hübschen Schmollmund

Die Gespenster verschwinden, sie werden als Erinnerung
blass, Gedanken gehen schon fehl, krachen an die Wand
ein Durchdringen jetzt nicht
ein Raum wie eine Barke
verschwindet sie, bleibe ich zurück
das Lebhafte ist nirgendwo verzeichnet, kein
Abspielgerät zumindest der wichtigsten Knotenpunkte
kein Infostand – mit Reklame für den Frieden
kein Rückspulsekret – verteilt um den
Lautstärkeregler und dann erst das Bild

Es ist die Freude der Erde, wenn sich die Würmer
dazu erbarmen, die Abfälligkeiten zu beseitigen
oder Noblesse walten zu lassen, gelb schon, Zeit schon
aber alles parkt auf dem Rücken der Niederlagen
und der Wettkampf hat begonnen, nicht
schnell genug, Bursche, du wirst noch mehr
Kartoffelsuppe vertragen müssen, wirst dir
andere Schuhe, denn Wandern ist des
Windmühlenbesitzers Lust, wirst nicht mehr
am Rückspulsekret schaben

Warum ein wilder Ritt nicht zum Ufer führt

Das Irrsein spricht in glatten Talern,
es biegt Bäume im Wind und achtet nicht auf das
Ungemach, verborgen noch in Schloten und hinter
mesmerisierenden Worten. In der Nacht stehen die
Stühle still auf all ihren vier Hufen, gereinigt von
den Ärschen des Tages, die sich im Sitzen Visionen
ihrer Zukunft erdenken. Unter den Brücken gefriert
die Luft in den Lungen, ein Ziel ist auch ihnen
unbekannt. Sie beben stets über einem Orkan,
zwischen den Gliedern nur ein Seufzen.

Lichter, wunderdicht
Armengebein, Finder von
Trassen

Die Szenarien der Taubheit sind angebrochen – nichts bleibt
außerhalb einer endlos rollenden Straße gesichtsreif, nichts
streitet sich über den Tag oder das darin verborgene Wunder.
Als gäbe es nichts zu tun scheinen die Häuser leer, so
legen sich die Dörfer in die Mitte, dorthin, wo früher
die Muttersau ihren Ferkeln zum Brunnen wurde. Um die
Gassen wird ein Gedanke geführt – Halt sucht er vergeblich
am blanken Mauerwerk, dem Holzgestade ringsherum.

Die Knochen könnte der Mörtel geben, ritzenfest und
weniger schmuck als vorgesehen. Die tastbaren Hindernisse
fehlen, die Scharten waren nie dazu gedacht, Fenster zu
werden. Das Auge glüht sich in ein Bild, ein Streifen
der Weltfedern fern der Hieroglyphen auf Toren, Portalen,
Stelzen und geschnitzten Männchen. Ich setze mich auf diesen
unzugänglichen Stuhl, betrachte über mir die Launen der
verirrten Sträucher, gekennzeichnet durch Knoten in den
neu erwachten Trieben, mit denen sie die Pfosten sprengen.

Die Menschheit ist ein Klumpen
und die Worte reduzieren sich
sie sind ein Bestandteil des Irrationalen
das alles bestimmt

manchmal feiert sich eine Zusammenkunft der
Klicklaute

(Das eines Tages zu sprechen ist ein
ständiges Bewegen der Lippen)

Ich weiß auch nicht, was sie alle hatten,
auf einmal waren sie fort, ein Ring
aus Düften haftete wie Schnee an
den Ketten, weiß und Begierig darauf,
kalt zu sein
Kältebrausen – aber nur farblich – ihr
Fragment blieb ihnen erhalten

Excalibur – Ein Schwert wie kein anderes

Die Geschichten über Artus und seine Ritter der Tafelrunde, ihre Abenteuer und Intrigen haben unzählige Bücher, Filme und Fernsehsendungen inspiriert. Doch inmitten all der fantastischen Elemente der Artussage bleibt eine Frage offen: Hat König Artus‘ Schwert Excalibur wirklich existiert?

König Artus und Excalibur

Bevor wir in das Geheimnis von Excalibur eintauchen, müssen wir zunächst klären, was es mit diesem legendären Schwert auf sich hat. Der mittelalterlichen walisischen und englischen Folklore zufolge war König Artus ein mythischer König, der im späten 5. und frühen 6. Er soll die Briten gegen die einfallenden Sachsen geeint und dem Land ein goldenes Zeitalter des Friedens und Wohlstands beschert haben. Arthurs Ritter der Tafelrunde waren berühmt für ihre Ritterlichkeit, Tapferkeit und Ehre und machten sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral, retteten Jungfrauen in Not und besiegten böse Feinde.

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Bruno Schulz

Bruno Schulz drückt die Sache so aus: Das Unwirkliche ist das, was man untereinander nicht teilen kann. Was auch immer aus dieser Gemeinsamkeit herausfällt, das fällt aus dem Kreis menschlicher Angelegenheiten, geht über die Grenzen des menschlichen Theaters, über die Grenzen der Literatur hinaus.

Das Problem mit Bruno Schulz ist: jeder weiß, dass er ein Genie ist, jeder spricht über seinen enormen Einfluss, kommt es aber hart auf hart, bleiben diese Aussagen auf Banalitäten beschränkt, als wäre das Maß dichterischer Größe abhängig von einer Gemeinschaft populärer Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist das auch nicht sonderlich überraschend.

Selbstporträt von ca. 1933, Bleistift, Kohle, Papier; 11,4 × 9,6
Adam-Mickiewicz-Literaturmuseum in Warschau

Schulz überfällt den Leser von der ersten Seite an und erlaubt ihm nicht, ein einziges Mal innezuhalten, erlaubt ihm nicht, seine Gedanken zu sammeln. Seine Niederträchtigkeit liegt in der Tatsache, dass er jeder Übersetzung widersteht, uns aber dazu ermutigt, zu imitieren, zu paraphrasieren und zu fälschen. Es ist einfacher in Schulz‘ Sprache zu sprechen als über Schulz zu sprechen. Lesen wir einen einzelnen Absatz, wissen wir sofort, das ist Schulz, obwohl wir nicht wissen, was wir über den gelesenen Absatz sonst noch sagen könnten.

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