Der Tag beginnt

Der Tag beginnt mit dem üblichen Rauschen, mit dem sich das Licht ankündigt. Es ist, wie in den letzten Wochen immer, sechs Uhr. Ich weiß nicht, wie man Hilflosigkeit ausdrückt, wahrscheinlich aber kaum mit einem großen Maul. Es gibt Kammern, in die man geht, um sich dem Blei auszusetzen (insofern man jemand ist, der eine Kammer betritt, um sich dem Blei auszusetzen). Die Strategie der Vermeidung rettet nicht vor der Starre im Angesicht des Unbegreiflichen. Ja, die Sonne geht auf (und zum Glück auch wieder unter), die Uhren zeigen noch die Uhrzeit an, durch die offenen Fenster dringt noch Luft, aber sonst …
… aber sonst hat sich alles verändert, schwankt mit veralteten Masken durch die Dimensionen einer Trance, die alles bedeckt wie der erste Schnee, der noch etwas auf sich warten lassen wird. Ich glaube, wir bleiben jetzt in diesem Tunnel und folgen ihm zum Ende hin.

No tresspassing for casual people

Tot ist die Form der Sprache, die niemand mehr liest und um die niemand mehr weiß und immer weniger wissen. Vielleicht ist es die Sprache, die uns daran hindert, die Realität wahrzunehmen wie es uns als Telepathen einst möglich gewesen ist, ANNO. Ich denke das, während ich hier sitze und mich mit Ausgrabungen und schattigen Plätzchen beschäftige, die kaum wiederzugeben sind und die sich für die Armee der casual people wie barer Unsinn lesen müssen. Es wäre ein leichtes zu behaupten, man schriebe für jemanden, der gerade nicht da ist und den es vielleicht auch in Zukunft nicht geben wird, man schriebe also für die Illusion (schlimmer und verlogener noch: man schriebe für sich selbst). Letzteres ist ein trauriges Maß, aber es scheint noch am ehesten stimmig zu sein. Des Menschen Geist sind meine Pfründe, die ich von diesem geistlosen Wesen nehme, um sie in einen unbekannten Wert zu verwandeln. Die Vermittlung der Kunst ist einfach, wenn man einen Vermittler hat, jemand, der den casual people sagt, dass sie wegbleiben sollten, wenn aber nicht, sollten sie sich dies und jenes ansehen. Der Mensch tut, was man ihm sagt. Er wird Kunst erkennen, wenn der Vermittler ihm sagt, was das überhaupt ist. Aber es bleibt immer ein Spiel der externen Vermittlung. Es sei denn, du bist jemand anderes.

Weder gestern noch heute

Die schattigen Sparten zermörserten das Licht,
es gab keine Einkehr mit hellen Vehikeln und einem Umtrunk
an beleuchteter Bowle. Gesichter verloren ihre wertvollen Schalen
und zeigten ihre knöchernen Gebäude voller Höhlen und Nebennarben,
beigebracht auf einer Suche, die den Gestirnen folgt. Die
ältesten Lagerfeuer zwischen Tag und Nacht,
ein zarter Tanz, der stets an dieser Grenzstatt sein Auskommen findet,
flüchtig und unauffindbar in Gestalt, Mächtig
in der Erinnerung eines schlanken Morgens, einer nachgebenden Nacht. Die
Kohle glüht, der Erzähler sitzt, weil er sonst doch zu sehr schwanken würde.
Um Punkt Mitternacht schlägt die Uhr zwölf,
dann ist es weder gestern noch heute.

Das Manuskript in der Flasche: Über Edgar Allan Poes Poetik der Auslöschung

Die wohl bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die sogenannte Ultima Thule vom 9. November 1848, die vier Tage nach seinem Selbstmordversuch entstand. Dieses Porträt wurde nach einem Zitat aus Poes Gedicht Traumland so genannt, weil man darin einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bild, das dem Charakter seines Werkes am nächsten kommt – ein Antlitz, das bereits jenseits seiner selbst zu existieren scheint, ein Gesicht am Abgrund.

Baudelaire attestierte dem Porträt, dass Poe hier ein sehr französisches Aussehen zeige; in Wirklichkeit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich eher feminine Gesicht weist tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich asymmetrisch ab. Es ist, als hätte sich das Leben selbst in diese Züge eingeschrieben, als wären die inneren Labyrinthe, durch die Poes Geist wanderte, nun nach außen gekehrt und in Fleisch verwandelt.

Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe schon viel erholter aus. Zu sehen auf dem als Daguerreotypie bezeichneten Porträt von Whitman. Die Verwandlung ist so dramatisch, dass man kaum glauben mag, es handele sich um denselben Menschen. War es die Elastizität der Jugend – Poe war damals erst neununddreißig –, oder war es jene merkwürdige Fähigkeit zur Regeneration, die manche Menschen besitzen, die gewohnt sind, sich immer wieder aus den eigenen Abgründen emporzuziehen?

Zeichnung von Fritz Eichenberg

1849 scheint Poe fast wieder gesund zu sein. Er sieht gesund aus, hat Pläne für die Zukunft, will sogar wieder heiraten – und stirbt unter mysteriösen Umständen in Baltimore, unter dessen Sternen sich sein ganzes düsteres und tragisches Leben abgespielt hatte. Der Tod kam in Form einer Auslöschung: gefunden in fremder Kleidung, delirierend, unfähig zu erklären, was geschehen war. Es war, als hätte das Leben selbst eines seiner Manuskripte geschrieben und es dann ins Meer der Vergessenheit geworfen.

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Trenndocht

Wie wichtig es ist, sich im Detail zu verlieren
Wir waren zündhaften Vulkanen versprochen.

Nur eine feine Staubkarambolage trennt
den Hokuspokus von der hohen Form.

Man tat gut daran sich das Fleisch zu verdienen.
Du lügst eine neue Platte auf. Die Form wandert schnell.

Bratziges Silber

Seit geraumer Zeit bin ich aller Menschen befreit, ich treffe sie nur noch als Kulisse an, um der Stadt das Antlitz des Lebens zu verpassen. Ich erkenne starre Gesichter, wenn ich sie sehe. Allein seit die VERANDA existiert hat es sich die Welt nicht nehmen lassen, mehrmals ihr Gewand so zu verändern, dass nicht mal ihre Mutter sie widererkannt hätte. THE GERMAN ANGST IS IN YOUR FACE, graviert, nur der Henkel freigestellt. Ein bratziges Silber.

Nun denkt man, dass dies einst eine Seite der Muse, der Literatur war, Dinge, die man nicht einfach verhungern lässt, man quält sie. Man zieht die Substanz aus allem Gesagten durch Konterkorrektur. Man spricht in den leeren Raum (ich spreche gerade in den leeren Raum, der Schatten der Modulation kehrt an mein Ohr zurück), stellt die ein oder andere Frage an das Nichts. Wo sind alle?

Monochrom begründet

Was folgt, ist dann eine Rückschau, ohne aber zu verweilen. Man kann irgendwo hingelangen, wo es einen inneren Frieden gibt, so der Volksmund, der längst zahnlos in den wenigen Sträuchern hockt, die ihm von einem Finsterwald noch geblieben sind. Aber es sagte dieser Mund, dass man gar nicht so weit laufen muss, dass man möglicherweise sogar schon da ist, und falls nicht … hat das guten Grund auf gutem Grund (monochrom begründet).

Ich fleddere ja jetzt – oh weh – die Tiefenerinnerungen, die in Comics verankert sind. Es wäre eins, ein Medium nicht zu kennen, aber es ist ein anderes, ein Medium komplett zu ignorieren. Stellt sich die Frage: wie kann man sich vernünftig über eine bunte Abfolge an Bildern unterhalten, wo Mäuse und Enten ins Universum fliegen oder sogar einst Pharaonen waren?

Gar nicht. Das ist der völlig falsche Weg. Manchmal kann man durch einen Schuss zurückerinnert werden. Zum Beispiel, als es Familie tatsächlich gab. Es wuselten zumindest viele Leute herum.

Es gibt eine gewisse Einsamkeit, die man erst dann empfindet, wenn man in einen blauen Himmel schaut.

Wenn der Höllenhund die Hölle beißt

Niemand erinnert sich:
Es waren mächtige Wogen, aber sie waren leer in ihrer Gestalt. Sie hofften auf einen Morgen der niemals kam, wie man gesagt hat, denn wie so oft legt man sich hin, stirbt, erhebt sich erneut, läuft wie ein versengtes Tier (mit ähnlich vielen geheimnisvollen Taschen, die unsichtbar vom Leibchen baumeln) durch Prärien und Tundren und überall dasselbe: Flucht ist des Menschen bester Instinkt im Angesicht seiner selbst. Du wirst eines Tages dem Bösartigsten gewidmet sein, dem nackten Fleiß mit Keule, Laus und Hammer. Dein Haar wird sich jeder Spannkraft erwehren, dein Haus dich nicht willkommen heißen.

Niemand erinnert sich:
Manch Automobil überrollt den Leib leichtfertiger als andere, als zöge es das Metal immer zum Fleisch, als trenne sie nicht Welten. Der späte Mensch wird sich seiner Erinnern als plumper Happen außerirdischer Gäste, als Mantel freilich auch. Schon lange vor der Brut rissen wir uns in Stücke und kosteten das seichte Blut auf Fußböden aus Sand. Doch mit den Maschinen wurden wir stiller, wir sahen nicht mehr aus, als würden wir Pilze suchen. Wir marterten jeden Tag redlich und zementierten unliebsame Gedanken auch mal ein, nur um einen halbseidenen Gedanken daran zu verschwenden, dass wir unser ganzes Gepäck verloren hatten.

Niemand erinnert sich:
Der Boden war gesalbt mit unterschiedlichstem Unrat unbekannter Herkunft. Eine Sitzgelegenheit gab es nicht. Durch ein hohes, gelb verblendetes Fenster drang ein Lichtstrahl voller Elfenstaub, in den sich der ordinäre Staub verwandelt hatte. Die Gestalten auf der anderen Seite waren kaum zu sehen in ihren Kloken, deren Kapuzen tief in die ohnehin schon finstere Stirn gezogen waren. Die Besichtigung beginnt in einer halben Stunde.

Rebecca / Daphne DuMaurier

Rebecca ist zweifellos der beste Roman, den DuMaurier in ihrem Leben geschrieben hat. Er wurde 1938 unter großem Beifall veröffentlicht und ist bis heute sehr gefragt. Die Originalausgabe ist nicht ein einziges Mal vergriffen, außer natürlich bei uns. Gekonnt spinnt die Autorin eine Geschichte voller Geheimnisse und Spannung um das schöne Haus Manderley – ein Geheimnis, das auch nach der letzten Seite nicht ganz gelüftet wird.

Der immense Erfolg, den Rebecca im Laufe der Jahre hatte, ist auf die brillante Einfachheit der Erzählung zurückzuführen, mit der es der Autorin gelang, jeden Absatz spannungsgeladen zu halten. Du Maurier war nicht die intellektuellste aller Schriftstellerinnen. Sie schuf Gefühlslandschaften, in denen man nach Herzenslust wandeln und seinen unbändigen Sehnsüchten freien Lauf lassen konnte. Vielleicht war es gerade ihr gespanntes Verhältnis zu den Geschlechtern, das es ihr ermöglichte, Welten zu erschaffen, in denen Menschen wie Häuser geheimnisvoll und wandelbar sind und nie das sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

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Locusta

Im alten Rom, einer Welt voller Machtspiele und Intrigen, tauchte im ersten Jahrhundert eine Frau auf, die die Kunst des Tötens zur Perfektion brachte. Ihr Name war Locusta, und sie war eine Giftmischerin aus Gallien, die zu den berüchtigtsten Persönlichkeiten ihrer Zeit werden sollte. Trotz der begrenzten Aufzeichnungen über sie ist eines gewiss: Locusta war nicht nur eine tödliche Bedrohung für ihre Feinde, sondern auch eine der ersten Serienmörderinnen der Geschichte.

Gift war in jener Zeit ein lautloser Killer, ideal für die heimlichen Machenschaften der römischen Elite. Ohne Kampf und ohne Blutvergießen konnte ein Opfer so aus dem Leben scheiden, und kaum jemand wusste, wer wirklich dahintersteckte. Die Angst vor Vergiftung wuchs daher stetig, und Kaiser sowie andere mächtige Römer schützten sich mit Vorkostern und Dienern, die jede Speise prüften, bevor sie serviert wurde. Besonders berüchtigt war Atropa Belladonna, die Tollkirsche, deren tödliche Wirkung dazu noch Halluzinationen hervorrufen konnte. Schriftsteller der damaligen Zeit notierten sogar genaue Dosierungen, um zwischen Qual und einem schnellen Tod zu entscheiden. Die Kunst des Vergiftens reifte zu einer erlernbaren Wissenschaft heran, und Locusta beherrschte sie meisterhaft. Antike Historiker wie Tacitus und Cassius Dio erzählten von ihrer tödlichen Begabung, die sie schon bald zu einer gefürchteten Figur machte.

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