Ich schreibe in einer toten Sprache, spreche eine tote Sprache in einer toten Welt. Es ist seltsam, der einzige Dichter auf der Welt zu sein, zu spät zu sein, inexistent zu sein und trotzdem Brot zu essen. Ich mische mich nicht unter den Mob, beobachte ihn aus allen Distanzen, die ich zur Verfügung habe. Der Mob kennt meine tote Sprache nicht, solange ich mich still verhalte. Spreche ich, tarne ich meine Vibrationen; schreibe ich, kann ich zur Täuschung nur ein niederes Konstrukt anbieten, und ich biete es manchmal an.
Brouillon
Eselstag
Ja, es ist ja auch viel erledigt schon.
Eselstag. Wie Eselsmilch ein Eselstag. Wie Esselspfütze ein Eselstag.
Gedankenkammer
Am Ende wird es die fortschreitende Isolation gewesen sein. Es wird jeden von jedem absprengen, ein Babylonisches Prozedere, obwohl Sprachen immer mehr zusammenfinden. Es sind nicht die Sprachen allein, die uns eine Mentalität verpassen, es ist primär das Denken. Gedanken haben den Vorteil, noch nicht kristallin zu sein, noch nicht Worte. Sie entwischen dem Licht, sie flüchten zum Licht. Wo lässt es sich denn besser denken als in einer Gedankenkammer? Inklusive exzentrischem Rotor, Ansaugphase … wie in einer Kompressionskammer, nur denkend. Dichtung könnte also auch Kompression …

Neue Physik
Eine neue Physik ist am Werden. Und sie ist notwendig, weil die, die wir kennen, zwar für unser billiges Leben und unseren billigen Hausgebrauch relativ in Ordnung scheint, darüber hinaus hat sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern ist allein unseren Sinnen und unseren Ideologien unterstellt. Die Wissenschaft selbst hat sich ihre Nutzlosigkeit in den letzten Jahrzehnten durchaus eingestehen müssen und sich immer mehr den Machenschaften der Katholischen Kirche angenähert. Dogmen werden erstellt, die zu glauben sind. Abweichler werden aus ihren Karrieren katapultiert (was nichts anderes ist als eine Exkommunizierung) . Sicher, die Krise der Wissenschaft ist keine Neuigkeit und mutige Männer und Frauen scheißen auf das Wissensverbot und arbeiten so, wie es auch erforderlich ist: mit Neugier. Es gibt eine Theorie und der wird nachgegangen. Tatsächlich ist unser Weltbild nicht nur aus den fugen geraten, es liegt in Trümmern. Geschichtsschreibung? Reiner Nonsens, den die meisten Fantasy-Autoren sogar besser erzählen. Wesentlich besser. Das Weltall? Nun, eigentlich wissen wir nichts darüber; besser: hier entscheidet sich genau jene neue Physik, gerade weil wir in nahezu allen Belangen falsch lagen. Das ist normal. Als Menschen können wir im Grunde nur falsch liegen. Entsetzlich wird es erst dann, wenn wir eine Welt eingerichtet bekommen, die auf falschen Prämissen aufgebaut ist. Aber wer wüsste das nicht bereits?
Eine neue Physik muss pragmatischer werden und akzeptieren, dass die Natur auf fundamentaler Ebene unordentlicher, asymmetrischer oder komplexer ist, als es unser Wunsch nach eleganten mathematischen Formeln vorgibt.
Falscher Ausstieg
Etwas zu dokumentieren braucht Daten. Was aber, wenn es sich um einen Entwurf von Welten handelt und Daten offensichtlich künstliche Produkte sind? Ich habe kaum Daten über mich. Mein Geburtsdatum scheint fest zu stehen, es ist auf Papier vermerkt, zusammen mit meinem Namen und dem Gewicht, das nicht höher liegt als eine schöne Tüte voller Rohfleisch. Vom Markt. Aber das hat nichts zu bedeuten, ich kämpfte mich bereits seit einer halben Stunde hervor. Wäre ich auch nur etwas konsequenter gewesen, hätte ich die Hölle bereits am ersten April betreten. Standesgemäß, fürwahr. Aber nicht einzulösen, denn eines ist sicher: ich wollte nicht auf diesem vom Wahnsinn gezeichneten Planeten aussteigen. Weder früher, noch später. Jetzt hatte sich allerdings bereits so viel Fleisch um mich gepackt, dass ich quasi keine andere Wahl mehr hatte, als den Schlitten zu ziehen.
Beredte Ruhe
Die beredte Ruhe eines frühen Morgens ist mit Worten nicht zu durchdringen. Wie in den letzten Wochen auch, ist es sechs Uhr. Wenn die Welt jetzt so bliebe … wenn sie grundsätzlich sechs Uhr wäre, auch am Mittag, am Abend. Sechs Uhr an einem vogellreichen Sommertag. Schwer zu begreifen in ihrer Schönheit: das Licht, die stille Luft, die sich auf einen heißen Tanz vorbereitet, der gegen Mittag erwartet wird.
Ein zehnjähriger Status Quo geht im August zu Ende. Die Ereignisse stürmen von außen heran, eine Belagerung ist gar nicht nötig, eine Verteidigung nicht vorhanden. Die Fenster sind die Brille. Ich sehe eine Trabantenwelt. Und niemand tötet den abstrakten König, der einen anderen Reim bekommt als eine Lehm fordernde Hexe. „Der König ist tot, es lebe der König!“ statt „Ding Dong, die Hex‘ ist tot!“ Die Abstraktion löst sich in Luft auf, der Lehm aber gebiert neues Leben.
Ich stehe im Tumultus allein, mich erreicht keine Stimme, mich spricht keiner an. Geboren in der Porzellanstadt Selb, herausgebrochen mit grober Kelle aus der Wand des romantischen Tempels. Als die Welt noch existierte, als nicht absehbar war, dass bald keine Welt mehr zur Verfügung steht, die man verlassen oder umarmen möchte. Unterunwohlgeboren. Sicherlich fror ich, denn ich friere noch. Und auch jetzt bleibt es nicht sechs. Es ist bereits heller, der heiße Tanz nicht mehr weit entfernt.
Besonders heiß
Ich beginne mit dem Wetter, um einem fürchterlichen Klischee zu entsprechen. Mit 33 Grad um 12:58 ist es in Kempten nicht einmal besonders heiß. Für mich bedeutet aber alles über 25 Grad den schieren Hitzetod. Also ist es doch besonders heiß.
In all den Jahren ist auffällig – und es muss sich um eine Täuschung handeln – dass kaum eine Wettervorhersage hier ankommt, oder das Wetter beschließt, sie nicht besonders ernst zu nehmen. Die Wurmfortsätze der Republik sind allerdings auch hier zu finden. Heißgetränke bei Hitze wandeln sich von braunem Insektengift in Milchkaffee, nein, es ist schon eher ein Latte – des Milchschaums wegen.
Dass man sich dem Menschen fremd fühlt und sich auch das Menschliche in einem selbst nicht als Freund erweist. Friend or Foe. Das dunkle Zeitalter, könnte man sagen, wenn es überhaupt Zeitalter gäbe.
Ohne Ersparnisse
Die Welt hat keine Ersparnisse. Die Vernichtung des Alten ist das, was sie um mich herum Fortschritt nennen, und ja, sie schreiten fort von all dem, das uns Balsam war. Der Krieg ist in Wirklichkeit das Toben ohne Schützengewehr, reglementierte Vernichtung um ihrer selbst willen.
Die Welt hat keine Ersparnisse, die wurden ihr als erstes geklaut. Wir sind jetzt Menschen ohne Schild, in Todeszuckungen gefangen, die endlos scheinen, das Vieh, das ein müdes zähes Fleisch auf den Tellern der großen Verbrecher liegen lässt: Brust, Keule, Verstand.
Der Tag beginnt
Der Tag beginnt mit dem üblichen Rauschen, mit dem sich das Licht ankündigt. Es ist, wie in den letzten Wochen immer, sechs Uhr. Ich weiß nicht, wie man Hilflosigkeit ausdrückt, wahrscheinlich aber kaum mit einem großen Maul. Es gibt Kammern, in die man geht, um sich dem Blei auszusetzen (insofern man jemand ist, der eine Kammer betritt, um sich dem Blei auszusetzen). Die Strategie der Vermeidung rettet nicht vor der Starre im Angesicht des Unbegreiflichen. Ja, die Sonne geht auf (und zum Glück auch wieder unter), die Uhren zeigen noch die Uhrzeit an, durch die offenen Fenster dringt noch Luft, aber sonst …
… aber sonst hat sich alles verändert, schwankt mit veralteten Masken durch die Dimensionen einer Trance, die alles bedeckt wie der erste Schnee, der noch etwas auf sich warten lassen wird. Ich glaube, wir bleiben jetzt in diesem Tunnel und folgen ihm zum Ende hin.
No tresspassing for casual people
Tot ist die Form der Sprache, die niemand mehr liest und um die niemand mehr weiß und immer weniger wissen. Vielleicht ist es die Sprache, die uns daran hindert, die Realität wahrzunehmen wie es uns als Telepathen einst möglich gewesen ist, ANNO. Ich denke das, während ich hier sitze und mich mit Ausgrabungen und schattigen Plätzchen beschäftige, die kaum wiederzugeben sind und die sich für die Armee der casual people wie barer Unsinn lesen müssen. Es wäre ein leichtes zu behaupten, man schriebe für jemanden, der gerade nicht da ist und den es vielleicht auch in Zukunft nicht geben wird, man schriebe also für die Illusion (schlimmer und verlogener noch: man schriebe für sich selbst). Letzteres ist ein trauriges Maß, aber es scheint noch am ehesten stimmig zu sein. Des Menschen Geist sind meine Pfründe, die ich von diesem geistlosen Wesen nehme, um sie in einen unbekannten Wert zu verwandeln. Die Vermittlung der Kunst ist einfach, wenn man einen Vermittler hat, jemand, der den casual people sagt, dass sie wegbleiben sollten, wenn aber nicht, sollten sie sich dies und jenes ansehen. Der Mensch tut, was man ihm sagt. Er wird Kunst erkennen, wenn der Vermittler ihm sagt, was das überhaupt ist. Aber es bleibt immer ein Spiel der externen Vermittlung. Es sei denn, du bist jemand anderes.
