Die Rektaszension

In den Tartarus fällst du 10 Tage und 10 Nächte, die Nacht wirkt flügelbewehrt, so schnell, so schnell ist alles vorbei. Wie gefährlich die Totrupf=Daunen einer Bettdecke sein können, wenn man in der Finsternis mit den Handknochen unter den Armdecken gegen ein Hindernis knallt, zeigt ein im Kissen verstecktes Knochenskelett (insofern man das in seinem Garten finden kann, ansonsten tut’s auch ein roh abgeschabtes Huhn, Ente – weniger : Lamm). Es ist der 23. September. Der Schatten der Wohnzimmeruhr fällt auf den Nacken des Großvaters. Das liegt am Mond, der zwar kein eigenes Licht besitzt, aber dennoch durch das Fenster glotzt. Durch alle Fenster, die ihm zumümmeln.
Wir betraten den Schrank, schalteten aus das Licht, öffneten die Wand dahinter und bestiegen eine Welt, die Alice hinter den Spiegeln nie sah / keiner konnte sehen, aber keiner, das waren WIR ALLE in diesem Schrank in uns. Außerhalb stand anderes zur Debatte : Warum ließen wir den Faltplan zurück, der wie ein Kandinsky den Weg erklärt? Farbfrucht; es gibt nur die Wand und uns. Wir hatten uns in Bronze gekleidet, so wollte es die Gebrauchsanweisung, die als Beigabe Zeichnungen von Büschen und Hecken enthielt, Nachdenklichkeiten – dieser Urbegriff, das Archiv eines verloren geglaubten Brunnens, seines trockenen Fiebers. Steinreste erheben sich, gespalten und überwachsen, der Spatenstich später Stunden. Der erste Teil verschlingt den Teig lose ausliegender Felder, ein zweiter kreuzt seine schwache Stelle; älter, allen Kreuzungen ein Bruder, allen Begegnungen ein Untertan, allen Entscheidungen ein Sattelpunkt, der das Entstehen läutert, der Briefe abfängt von Boten, die sich im Silber des Horizonts spiegeln. Häuser; nein, sie ducken sich nicht, aber aus ihren Fensterwinkeln erkennen sie: ein Schattenverkäufer ist unterwegs. Wer sehnte nicht eine Liebschaft mit den Gezeiten des Lichts herbei? Einer lacht, und ihm wachsen Zähne; einer trinkt was aus ihm herausfließt. Aber ihm gelingt es nicht, sich aufzuhalten.

Bei Dichters

M: Liebholdeste, würde es dir etwas Unmögliches bedeuten, mir Hinweise darauf zu geben, wo ich meine Schtrumfhose hingetan habe? Du weißt, meine Nächte. Du weißt, meine Tage …

A: War es nicht meine Bubenblaue, die du dir tagein tagaus, zum Memorieren von Weite, über deine Puttenbeine streiftest? An der du zogst und zupftest, bis sie dir wie ein zweites Schlangenhäutlein passte?

M: Es war doch eher die Violettisierte, die sich manchmal wie von selbst durch unsere Kemenate bewegt, als wären tausend Geister drin, die über den Rücken dann, nachdem sie das Ärschelein passiert, ins Stammhirn vordringen. Ja, ich bin mir sicher: diese war’s!

A: Ach … so war das! Du hast wieder zu tief in meine Schublade geschaut, dich vom Spuk der Stöffchen bezirzen lassen. Da siehst du’s! Software is tight. Wahrscheinlich waren’s deine Blutgeister. Die heilig sanguinischen, die dir durch die Kompression deiner Venen, beschleunigt ins Stammhirn schossen, um dort ihr Unwesen zu treiben. Denn ziehst du über deine Blaustrümpfigkeit eine Rote, ergibt das ein violettes Unterleibstreiben.

M: Schnuckel=Bunny, deine Weisheit treibt mir von dir hergeleitete Farbe ins Gesicht, das sich gar nicht aufhellen will, wenn ich weiterhin hier über den Fußboden schnorchle, weiterhin nicht weiß, wo ich noch suchen soll, denn alle Staubwinkel, Maikäferschubladen, Wurzelschränke habe ich schon durchforstet, aber außer viel Tinte nichts gefunden, das meine Nacktheit adäquat vor den Augen der Ungeheuerlichen verdeckt.

A: Soso, mein Puttchen! Du seelstrippst, schnorchelst durch den Lyrenteppich der Muse, die dich küsst, durchmisst bei Tag das Licht der Sonne im Raum, durchmisst das der Mondin bei Nacht, forderst von Panoptes deinen Pfauentanz zu erblicken. Du ergießt dich in diese und jene Ecke unserer Kemenate, bis du nicht mehr weißt, wohin du noch spritzsprießen sollst. Und wunderst dich, dass nun in unserem Gemach so viele Augäpfel schweben? Du kannst dir all meine Stöffchen, Gewänder und Kleider zu deinem Pelz werden lassen. Doch bleibst du den Ungeheuern, die du riefst, immer nackt. Los, trau dich und pfaue! Darin bist du mir bloß und liebend.

Erstes surreales Märchen (als Dialog)

M: Würdest du von goldnem Mottenstaub mich umringt wissen – wie wäre dann dein Vorschlag, unter rettende Trauben zu eilen? Oh, und start müsste es außerdem sein.

A: Du würdest nicht wissen, wie dir geschieht! Es wär‘ dir, als bekämst du die Motten.

M: Die mir, wie gehabt, unter den Biberpelz fahren, um die Kissen zu kitzeln, die ich einst unter meiner Haut versteckte? Aber kannst du mir nichts Bessres raten, als tatenlos die Falle zuschnappen zu lassen?

A: Nein, von solchen Motten kann die Rede nicht sein! Ich sag dir, wenn ich’s täte, du schnapptest nach mir, schnapptest mit den Händen hier und dort, schnapptest als wolltest du sie, die Motten, fangen, die dich streifen mit wimpernem Aug‘, hie und da, hie und da dich kitzeln, denn du sähest mich nicht. Doch ich nähme von dir das goldene Puder und knetete draus dir zwei Schuh, die dich windgeschwind ins Tal der Zwölfmittagsuhr bringen, zu den Wölflingswiesen und Käfermarien. Dort, wo der Schleierbaum steht. Denn nur unter diesem kann ich dir erscheinen.

M: Dann ist Windeseile geboten, das Mopezoid aus dem Kerker zu holen und mit ihm – fusch – hinweg gerast, durchs Tal der drei Glocken (wo man einst eine Jungfrau hat Jungfrau sein lassen, bis sie dann als Jungfer starb), über die Hügel der glorreichen Witzschänke (die heute keinen Wirt mehr findet, des maroden Kellers wegen), und hin zum Schleierbaum, den ich mit dir zusammen doch in meiner Kindheit ersann (als ich noch nicht der Körper war, sondern nur ein Raunen unter Liebesfenstern.). Du wartest, ja?

A: Ja hört’s denn nicht zu?! Was will es faul die Räder mühen, der Stadt eine Küss-meinen-Staub-Wolke zu hinterlassen. Nein, der Staub muss zu Teig, der Teig zu deinen Schuhen werden, die dich zu mir bringen. Von meiner Hand zu deinen Füßen. Denn ohne das, bleibt Staub nur immer Staub. Und sei er noch so golden. Es vermengt sich nichts.

M: Aber ich hatte doch nur geschwinde Winde im Sinn. Da muss ich gleich gestehen, wie mir die Sockpocken erst jüngst kuriert wurden, so dass ich vielleicht ignoriert habe, was da Gutes unter mich zu bringen sei. Aber ich will es noch einmal versuchen: trompete die Füße an und bewedel‘ sie dann mit Eukalyptuslikör. Und dann eile ich. Per pedes, versteht sich, so nämlich, wie mir geheißen! Ja.

After Nine

Wir haben uns entschlossen, die Minzblättchen, die wir nach dem Fressen fressen, ‚After Nine‘ zu nennen. Acht war gestern. Natürlich handelt es sich dabei nicht um dieselbe Fabrikware, hiesige hier sind mürber und klingen anders; eher wie „Morks Krumb-Krumb-Krumb“. Die Nach-Acht-Dinger hören sich vielmehr nach „Gnorm“ an. Gnorm nach Acht. Ob die Scheiße nachher auch nach Minze duftet, ist noch nicht beforscht. Mentha x piperita.

Das knappe Wunderhorn

Soweit das Plündern : Worte sind im Alfa-Bett; zu Wildern kam ich auf die Welt. An einem Tisch (rechts saß das Radio : Siemens – 2SB460GW – auf einem Sockel mit Gamaschen, wartete, bis es sprechen durfte : der Ton kam erste 40 Sek. nach dem Einschalten!) In der Küche : Die Welt lag zugedeckt vorm Herd herum; Form in Schultüten, die bald ihre Zauberwerke, ihr Russisches Brot, ihr Stelldichein/Stelldichan, ihr – : wie viele Augen zeigt der Würfel?, wie nennt man die Karte mit der Muttersau? ›Herr Klebe‹ hieß der Lehrer, viel jünger als ich heute bin, der mich und all die Vielen be-, unter- überrichtete; bespitzelte das Verhalten : Betragen war kein Lernfach. Es gab keine Tafel an der Wand neben Moritz von Schwind; ein Haus gab es mit ABC : Alraun, Bergahorn, Chrysanthemum – dahinter eins mit DEF : Douglasie, Eisenhut, Flammenröschen. Mochte die Sprache (ich) & die Mengenlehre (über der man schön verrückt wird, Herr Cantor, recht hübsch mit bunter Fliege!). So viele Mädchen (in der Menge), dass ich nicht alle auf einmal heiraten konnte, sie mich nicht / wir noch besser in der Mengenlehre aufpassen mussten {} das La=Ladio am Nachmittag – zur Wiederholung kotzerbärmliche Dinge, die auch mit Rohrreiniger nicht aus den Ohren zu bekommen waren — spielte auf vor ›Onkel Tucas‹ leeren Kisten auf dem Schrank (im Schlafzimmer mit dem weiß melierten Schrank) das erste Lesebuch schrieb ich ganz ab und bekam nie wieder Strafarbeit, musste statt dessen das Morgenlied singen – mit eingequetschten Fingern ganz hoch zur Uhr geblickt : da war es 8 Uhr 5 und blieb es 8 Uhr 5 bis ich mich setzte, sang aus ›Des Knaben Wunderhorn‹: ›Das bucklige Männlein‹, ›Es ist ein Schnitter‹, ›Will ich in mein Gärtlein gehen‹.

Standort : Marktleuthen 1975, das Schulgebäude wurde 1915 errichtet, ein Traum wie ein Schloss, daneben der Friedhof.

Schützender Blondmantel

Ich schlief heute in drei Wellen wieder ein, nachdem mir der gestrige Tag den Hokuspokus meines Geistes eingepackt hatte. Das Schulmädchen liegt mummeltümlich im weinroten Bettchen, blond weibt die Haarpracht über goldene Kissen dahin und lockt mich an.

Im Lande Ingwäoni

Hatten nicht immer die Frowen die Kunst verstanden die in Stäbe eingeritzten ›Buohstaben‹ zu deuten, Buohstaben=Künstlerinnen, die das Raunen losten, die durch das, was sie durch das rizzan gelost, dem Reißer huldigen, wie heute noch, ob brüllig ob klein
ist die Alliteration geglückt, darf er sich im Bade mit ihr suhlen
(schreibt nicht jeder für die Weps?)
Kepse mio
im Lande Ingwäoni : die Flattermannen, die Bernsteingefäße voller Rabenblut, ›dies martis‹ erzähle ich das Gerücht nun weiter, wir sind nicht an dem Städtebau interessiert, leben abseits lieber als in seiner Nähe, nicht wie ihr in Rom, die ihr gut und gerne aufeinander hockt, den Schweiß des anderen deutet
(ein Moschusgeflecht auf Pergament)
ihr habt sie lange nicht mehr gesehen : Druckgeister, Manwulfe, Alben und Wichte mit ihrem König Oberon, Alraunen, Feen und Wahl=Küren, eure Gespinster sind euer eigener Gestank
schlanke Wirrnis Welt, stand auf dem Telegramm, ich hatte es mir selbst geschrieben, habe einen falschen Namen angegeben
(Solipsismus und das Problem des Fremdseelischen)
was ist der Mensch ohne Menschen, aussterbendes Tier, Nahrung der Unterdrückter
(ganze Jahre lang, unendliche Tage)
letzte löchrige Bibliothek, Chronik eines Überlebens, Fantasma, Biograf für niemanden mehr, Sucher nach dem Anderen
(da wird doch wohl noch einer)
für meine eigene Erinnerung, die aufsaugt, was ich fabriziere, in der eigenen Suppe wende ich mich
(nachts)
ich drehe mich um, es sind Geräusche da, sie stammen nicht von mir, die Gedanken lassen mich nicht schlafen, hängen von der Leber ab, die Säfte gären dort, Begierden, umfangen der Gipfel leuchtet ein Morgenrot, gewälzt in dampfrosschwerem Schweineschweiß, jetzt warten auf das Nimmerlein sakrosankt.

Zur Bibliothek

Um die besonderen Bücher zu finden, insofern man sie nicht bereits in seiner Sammlung hat, ist es unabdingbar, immer weiter den Spuren zu folgen. Früher war es so, dass man dem Literaturverzeichnis folgte und sich die nächsten Stationen heraus schrieb. Desweiteren fand man – gerade in Taschenbüchern – am Ende ein reichhaltiges Register oder sogar Werbung für ähnliche Werke wie dieses, das man gerade in Hände hielt. Das bedeutet nicht, dass es heute nicht ähnlich funktioniert, aber die Trefferquote ist doch längst nicht mehr so hoch wie zu Beginn eines Leselebens, aber die Spurensuche funktioniert weiterhin überragend bei Sachbüchern, die sich sozusagen per definitionem aus angegebenen Quellen speisen.

Überlegt man sich, wie eine ausgewachsene und nennenswerte Bibliothek überhaupt zustande kommt, dann wird man zugeben müssen, dass – abgesehen vom Grundstock, den jede Bibliothek pflegen sollte, unabhängig davon, in welchen Zweig hinein sie sich später entwickelt – ein Großteil der Anschaffungen zunächst ungelesen eingeordnet wird. Man beginnt ein vielversprechendes Werk und legt es enttäuscht zur Seite, um zum nächsten Buch zu greifen. manchmal kommt es sogar vor, das im gesamten Pulk nicht das zu finden ist, nach dem man gerade dürstet und schon mit der nächsten Bestellung zugange ist. Selbstverständlich hat man immer etwas zu lesen, es ist ganz und gar unmöglich, leer zu laufen, aber ich spreche hier von besonderen Büchern, von jenen, die sofort in den persönlichen Kanon wandern. Um so mehr Bücher auf den Markt geworfen werden, desto geringer werden die Meisterwerke, desto höher aber auch die Sichtungen, die dann den Umfang der Bibliothek merklich erhöhen.