Verschütt in schwarzen Wäldern

Ich hatte damals nur die Müdigkeit,
keine andere Substanz. Und die Musik.
Kein anderes Geräusch. Und ein Brot aus fernen Tagen,
die Jacke meiner Großmama
über der Lehne nah am Fleischbrett
und die Anrichte voller Pulver und Vitamine,
eine Schaukel am Baum vor dem Fenster,
ein Bad mit altem Schaum, ein Rasierwägelchen.
Also begann ich, auf Papier zu schreiben,
als handle das Leben von Liedern,
die man nur beim Tanze hört.

Ich arbeite im dunklen Milieu der Vampire, deren
abgepacktes Blutpulver und Hexenkosmetik zu stapeln und
in Bücher einzutragen war.
Die Illusion ging definitiv von diesen großen weißen Säcken aus.
Ein Wohlgeruch entfernte sich ungesehen, wurde
dann mit einer Peitschenlegende zusammengetan und
die Ruhe war wieder mein.
Ich erzürnte den Hort mit dem Diebstahl eines Herzens.
Der Ausklang der Nacht erfüllte sich durch das Erlöschen
der Kerzen. Drei Türme stachen in die höchsten Punkte
hinein, angetrieben vom Getöse zähnefletschender Motoren,
ein Knebel links, ein Knebel rechts. Schleifen bildeten sich
an den Fensterscheiben, die mit Kalk verunstaltet
anderweltliche Blumen nachformten.
In wenigen Jahren werden wir vergangen sein,
ich arbeite dann nicht mehr im dunklen Milieu der
Vampire, weil ihre schwarzen Wälder verschütt
gegangen sein werden. Die Ewigkeit hat vorgesorgt; sie
will kein blasses Antlitz in die Nacht entschwinden sehen.

Anfänge

Es kommt ein Spuk im Leben eines jeden
Ich bin nicht außer mir in der Fremde, die
Konstanz nicht umbirgt. Bin in diesen
Anfängen der Erste, der sich neu in
Die Spelunke des Daseins einfügt und
Hierarchien nur noch vom Mond aus zu sehen sind.

Gedankenkammer

Am Ende wird es die fortschreitende Isolation gewesen sein. Es wird jeden von jedem absprengen, ein Babylonisches Prozedere, obwohl Sprachen immer mehr zusammenfinden. Es sind nicht die Sprachen allein, die uns eine Mentalität verpassen, es ist primär das Denken. Gedanken haben den Vorteil, noch nicht kristallin zu sein, noch nicht Worte. Sie entwischen dem Licht, sie flüchten zum Licht. Wo lässt es sich denn besser denken als in einer Gedankenkammer? Inklusive exzentrischem Rotor, Ansaugphase … wie in einer Kompressionskammer, nur denkend. Dichtung könnte also auch Kompression …

think and weigh the options

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Gaston Lagaffe – Der wirkliche Antiheld

Gaston Lagaffe

Der Bürotrottel, der alles andere als ein Trottel war

Am 28. Februar 1957 tauchte in dem belgischen Comicmagazin Spirou eine neue Figur auf, ohne vorherige Ankündigung oder Hintergrundgeschichte, fast beiläufig eingeführt. Ein junger Mann betritt ungeschickt und verschlafen eine Redaktion, mit zerzaustem Haar und einem Pullover, der nie richtig sitzt. Sein Name ist Gaston Lagaffe. Wie Franquin selbst es ausdrückte, ist er jemand, der aus Versehen eingestellt wurde und den niemand so recht loswerden kann.

Das war ein denkbar bescheidener Beginn für eine Figur, die das europäische Comic für immer prägen sollte. Ursprünglich hatte Franquin keine großen Pläne für Gaston. Er war als Lückenfüller gedacht, als kurze Episode in jenen Wochen, in denen der Hauptcomic aus welchen Gründen auch immer nicht fertiggestellt werden konnte. Doch was dann geschah, zählt zu den schönsten Zufallserfolgen der Comicgeschichte. Die Figur entfaltete sich über ihre ursprüngliche Rolle hinaus. Die Leser liebten sie. Und Franquin erkannte, dass er mit diesem Versager, diesem Antihelden par excellence, auf etwas gestoßen war, das er nirgendwo sonst ausdrücken konnte.

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Brand New Day

Von der Unwerdung eines Helden erzählt Destin Daniel Cretton in den ersten Minuten seines neuen Spider-Man. Eine physisch spürbare Stille eröffnet diesen Film: das Tropfen eines undichten Hahns, das graue Licht, das durch das schmutzige Fenster einer New Yorker Dachkammer fällt, und ein junger Mann, der starr auf seine Hände blickt. Nach dem multimedialen Krawall von No Way Home, der das Multiversum zur narrativen Restmüllverwertung degradierte, wagt Brand New Day eine radikale, sture Entschleunigung, und stellt stattdessen eine unbequeme Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn man ihm seine Geschichte, seine Freunde und seine Identität raubt?

Tom Holland spielt diesen Peter Parker nicht mehr mit der gewohnten, spitzbübischen Jugendlichkeit, sondern mit einer matt gesetzten, melancholischen Schwere. Er ist anonym geworden. Hier entfaltet der Film seine stärkste dramaturgische Dynamik, vor allem auch durch das Spannungsfeld zwischen Bruce Banner und Frank Castle. Banners Auftauchen fungiert keineswegs als das übliche Marvel-Augenzwinkern oder als Cameo. Mark Ruffalo spielt ihn als eine vom eigenen Schicksal gezeichnete Gestalt und als direktes Spiegelbild dessen, was Peter zu werden droht. Banner ist die einzige Figur im gesamten Universum, die das Trauma der gespaltenen Psyche versteht, das Gefühl, dass die Maske das eigentliche Ich nach und nach auffrisst. Wenn Banner Peter davor warnt, die eigene Menschlichkeit in der Anonymität abzutöten, gewinnt der Film eine existenzielle Tiefe.

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Neue Physik

Eine neue Physik ist am Werden. Und sie ist notwendig, weil die, die wir kennen, zwar für unser billiges Leben und unseren billigen Hausgebrauch relativ in Ordnung scheint, darüber hinaus hat sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern ist allein unseren Sinnen und unseren Ideologien unterstellt. Die Wissenschaft selbst hat sich ihre Nutzlosigkeit in den letzten Jahrzehnten durchaus eingestehen müssen und sich immer mehr den Machenschaften der Katholischen Kirche angenähert. Dogmen werden erstellt, die zu glauben sind. Abweichler werden aus ihren Karrieren katapultiert (was nichts anderes ist als eine Exkommunizierung) . Sicher, die Krise der Wissenschaft ist keine Neuigkeit und mutige Männer und Frauen scheißen auf das Wissensverbot und arbeiten so, wie es auch erforderlich ist: mit Neugier. Es gibt eine Theorie und der wird nachgegangen. Tatsächlich ist unser Weltbild nicht nur aus den fugen geraten, es liegt in Trümmern. Geschichtsschreibung? Reiner Nonsens, den die meisten Fantasy-Autoren sogar besser erzählen. Wesentlich besser. Das Weltall? Nun, eigentlich wissen wir nichts darüber; besser: hier entscheidet sich genau jene neue Physik, gerade weil wir in nahezu allen Belangen falsch lagen. Das ist normal. Als Menschen können wir im Grunde nur falsch liegen. Entsetzlich wird es erst dann, wenn wir eine Welt eingerichtet bekommen, die auf falschen Prämissen aufgebaut ist. Aber wer wüsste das nicht bereits?

Eine neue Physik muss pragmatischer werden und akzeptieren, dass die Natur auf fundamentaler Ebene unordentlicher, asymmetrischer oder komplexer ist, als es unser Wunsch nach eleganten mathematischen Formeln vorgibt.

Falscher Ausstieg

Etwas zu dokumentieren braucht Daten. Was aber, wenn es sich um einen Entwurf von Welten handelt und Daten offensichtlich künstliche Produkte sind? Ich habe kaum Daten über mich. Mein Geburtsdatum scheint fest zu stehen, es ist auf Papier vermerkt, zusammen mit meinem Namen und dem Gewicht, das nicht höher liegt als eine schöne Tüte voller Rohfleisch. Vom Markt. Aber das hat nichts zu bedeuten, ich kämpfte mich bereits seit einer halben Stunde hervor. Wäre ich auch nur etwas konsequenter gewesen, hätte ich die Hölle bereits am ersten April betreten. Standesgemäß, fürwahr. Aber nicht einzulösen, denn eines ist sicher: ich wollte nicht auf diesem vom Wahnsinn gezeichneten Planeten aussteigen. Weder früher, noch später. Jetzt hatte sich allerdings bereits so viel Fleisch um mich gepackt, dass ich quasi keine andere Wahl mehr hatte, als den Schlitten zu ziehen.

Lanfeust von Troy – Genese und Stellenwert einer modernen französischen Fantasy

Als im Frühjahr 1994 der erste Band von Lanfeust de Troy bei den Éditions Soleil erschien, ahnte kaum jemand, dass sich hier ein neuer Meilenstein der frankobelgischen Fantasy anbahnte. Hinter dem Projekt stand Christophe Arleston (bürgerlich Christophe Pelinq), ein Autor, der zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung als Journalist, Radiomacher und Szenarist gesammelt hatte, aber noch nach einer Erzählwelt suchte, die seine Vorliebe für Ironie und barocke Welten ausleben konnte. In Interviews auf französischen Plattformen wie ActuaBD und BDGest’ beschreibt Arleston, wie die Idee aus der Lektüre klassischer Sword-&-Sorcery-Abenteuer wuchs, die er mit dem Humor der frankobelgischen Schule und einem Schuss popkultureller Selbstironie verschmolz.

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Lanfeust bei Splitter

Gemeinsam mit dem Zeichner Didier Tarquin entwickelte er die Welt Troy, ein Planet, auf dem jeder Mensch ein magisches Talent besitzt – vom banalen Wassererwärmen oder Juckreiz auslösen bis hin zu zerstörerischen Kräften. Die Prämisse, dass Magie alltäglich ist und nicht dem erhabenen Mythos, sondern den kleinen Schwächen und Eitelkeiten der Figuren dient, gab der Reihe ihr unverwechselbares Gepräge. Arleston sprach in einem Gespräch mit Le Monde von einer Demokratisierung des Wunderbaren, die es erlaubte, soziale und politische Satire in ein scheinbar eskapistisches Setting zu schmuggeln.

Die Titelfigur Lanfeust, ein junger Schmiedelehrling, wird in dieser Welt zum Spielball kosmischer Mächte, als er entdeckt, dass er Zugang zu unbegrenzter Magie hat – eine Ausnahme in einer Gesellschaft, die strikten Regeln folgt. Die Reise des Helden, begleitet von der kühnen Heilerin C’ian, dem schlitzohrigen Troll Hébus und anderen Weggefährten, ist eine klassische Quest und eine augenzwinkernde Parodie zugleich. Französische Kritiker hoben früh hervor, dass Arleston und Tarquin damit eine postmoderne Fantasy schufen: voller Action und Romantik, aber stets mit dem Bewusstsein, dass jedes Epos auch ein Spiel mit Klischees ist.

Der Stellenwert der Reihe lässt sich an ihrem anhaltenden Echo ablesen. Innerhalb weniger Jahre wuchs Lanfeust zu einem ganzen Kosmos an Spin-offs und Prequels (etwa die Trolle von Troy oder Lanfeust der Sterne), die nicht nur die Verkaufszahlen von Soleil explodieren ließen, sondern auch das französische Fantasy-Comic in den Mainstream führten. Fachzeitschriften wie BoDoï betonten, dass Lanfeust die letzte große populäre Saga der französischen Bande Dessinée sei, bevor die Globalisierung des Manga-Marktes neue Prioritäten setzte. Arleston selbst wurde zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Autorenstudios (Atelier Arleston), aus dem Serien wie Die Schiffbrüchigen Ythaq oder Elixier hervorgingen.

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Arleston

Christophe Arleston – sein Künstlername ist ein Anagramm aus „Arles“ und „ton“, eine Hommage an seine südfranzösische Herkunft – verstand sich nie als bloßer Erzähler von eskapistischen Geschichten. In Gesprächen mit France Culture betonte er, dass Humor und Gesellschaftskritik für ihn untrennbar verbunden seien. Lanfeusts Abenteuer sind damit auch Spiegelbilder einer Zeit, in der Fantasy eine neue Leserschaft erreichte: Leser, die neben heroischen Kämpfen auch die Ironie einer Welt genießen, in der Magie den Alltag regelt und dennoch nicht vor menschlicher Dummheit schützt.

So steht Lanfeust de Troy heute als Paradebeispiel dafür, wie die frankobelgische Bande Dessinée ihre eigenen Traditionen – von der klaren Ligne Claire bis zum anarchischen Humor eines Goscinny – in ein zeitgenössisches Fantasy-Universum überführen konnte. Die Serie ist nicht nur eine Abenteuergeschichte, sondern ein kulturelles Phänomen, das die französische Fantasy-Comiclandschaft entscheidend geprägt hat.

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