Vierundzwanzichster Scheiding Sechzehn

Ja. Doch auch Nein wäre denkbar. Die Maschinenwechsel, DIE Maschinenwechsel, die Worte der Monika ohne Tanz, ganz schmiegsam gestern und von fotzfetter Tinte. Dennoch habe ich eine Auge auf ihre große Schwester mit dem blödsinnigen Namen SG. „Was macht deine Schwester SG denn heute so?“ – Komisch. „Ach du meinst Seeetschii?“ Haps. Sandsteinburg MS 58. Sonne. Mein verwittertes Gesicht, als käme ich aus Stürmen zurückgekrochen, hielte mich mit letzter Kraft am Bett. Einer Streichung durch Radierung entkommen. Meine seltsamen Tage.

Die Nacht der letzten Gabelung

Es war stets Dämmerung an diesem Fluß, jenseits
lagen gepflasterte Straßen, Steinplatten und Dunkelheit,
die Musik stammte von einem merkwürdigen
stummen Mann, einem schäbigen Wäscheständer,
Kahlheit und Verwahrlosung. Der Berg erzitterte
röhrend und der Felsen floh in den Strudel. Ich
warf mich auf das Gesicht, heulend und brüllend

und blökend, große Stämme von Fichten und Föhren,
Linienschiffe von heute, verursacht durch die Expansion
des Gases, formierten sich zu einer Gruppe. Zur
Behebung des kompositorischen Defekts
wird jedes Arrangement von Landschaften die
äußere Natur zur Erhöhung bezüglich des
Gegenstandes, die ursprüngliche Absicht so

durchgeformt haben, daß der menschliche Sinn
für Vollkommenheit in Bezug auf Schönheit,
Erhabenheit, oder auf das Pittoreske, in
jeglichem Punkt befriedigt sein wird. Man hatte
damals, so scheint es, nur doppelte Geleise; unsere
laufen heute, du weißt es, zwölffach nebeneinander.
Während die Philosophen jedoch noch damit

beschäftigt waren, ob ihrer stupiden Unfähigkeit,
dieses unvermeidliche Übel vorauszusehen, schamhaft
zu erröten, war an den Seiten des Heckenweges
halbkorrekte, halbnachlässige, immer aber malerische
Kunst am Werk. Das intime Tälchen unter
Orangen & Purpurtönen, Hügel, niedriger und sanfter
Zypressen des Itchiatuckanee, Tulpenbäume.

Der Boden des Amphitheaters bestand aus Weisheit,
Dichte, Sanftheit, aus einem rohen Oval.
Immerhin konnte es, selbst an solchem Ort, schwerlich
glaubhaft erscheinen, daß ich, als Gentleman,
so tief gesunken sein sollte. Jeder laute Ausbruch
der Entrüstung auf diese Entdeckung hin, wäre
ihm weniger empfindlich gewesen als die schweigende

Verachtung, in einen Mantel gehüllt, vor noch nicht
langer Zeit, bei Anbruch eines Abends im Herbste,
so hoch, wie der lebhafte und doch lautere Verstand
Leibnitzens. Anfangs nahmen unsere Gedanken
eine abstrakte und verallgemeinernde Richtung, die
ungezählten Varietäten in Kleidung und Gestalt,
in Gangart und Gebaren, Gesicht und Mienenspiel.

Im weiteren erblickte ich eine Menge flotter Existenzen,
die famose Rasse der Taschenmarder mit der
Angewohnheit, den Daumen rechtwinklig von den anderen
Fingern abzuspreizen. Pastetenhändler, Kohlenschlepper,
Orgeldreher, sie alle verschwanden, und schärfer
trat das Abstoßende hervor, ein forderndes Verlangen,
den Mann im Auge zu behalten. Es war nun völlig Nacht geworden.

Nächte wie diese

sarinamiraNächte wie diese verändern die Bilder des Lebens um zu Lebensbildern zu werden.

Es war kein Abend wie jeder andere auch. Wir tranken uns in den Rausch, lösten Rätsel auf kleinen Zetteln, liessen uns Essen schmecken, genossen eine Zweisamkeit, die ihren geplanten Raum in der Zeit braucht, um erblühen zu können. Zwischen amüsanten Spielen, vollen Gläsern und nackter Haut gab ich meinen Widerstand gegen meine Bilder im Kopf auf. Erstaunlicherweise nicht aus Neugier. Neugier ist bekanntermassen meine stärkste Triebfeder, diejenige Kraft, die mich zu einem grossen Teil zu der macht, die ich bin. Ich will wissen, was passiert, wenn ich das oder jenes tue, oder eben lasse. Wobei ich selten was lasse, worauf ich Lust habe. Mein Widerstand brach schlicht an meiner fehlenden Konzentration. Es wurde mir zu anstrengend, Gedanken auszusperren, sie aktiv dahin oder dorthin zu lenken. Aus reiner Erschöpfung liess ich alles zu, jedes noch so unpassende Bild, jeden noch so inadäquaten Gedanken. Es war mir egal, ich wollte nur noch sein. Mich der Bewegung hingeben, der Haut, der Hitze, der Verschmelzung. Es geschah etwas Erstaunliches. Jahrelange Furcht davor, mich fremd anzufühlen, liess mich Fremdes im Kopf kontrollieren wollen. In dem Moment jedoch, im dem ich endlich kapitulierte vor angeblich unerwünschten Gedanken, wurde ich ganz, war ich mehr ich als jemals zuvor, war ich mehr da, als je. Aus Wegleiten wurde fliessen Lassen, aus halb Sein wurde ganz Sein.

Was mein Mann dazu sagte, als ich ihm erzählte, ich hätte aufgehört, meine fremdartigen Gedanken zu kontrollieren? Ich wäre mehr da gewesen als jemals zuvor. Liebe ist erstaunlich, je stärker ich ihre Grenzen auszuloten versuche, ihre Schwächen suche, umso grösser wird sie.

Die faltbaren Moleküle

Die richtige Stimmung wird der Schublade
entnommen, die auch Streichhölzer enthält.
Maßgeblich ist die richtige Dosierung an der
Sache beteiligt, scheitert aber oft am Belieben
der brünftigen Kundschaft, die sich auf Reisen
in sicherer Umgebung weiß. Der Trotz einer
Luftschlange, die man mit Besenstielen
so lange jagt, bis sämtliche Hugenotten aus
den besetzten Ställen vertrieben worden sind,
oder bis der Teig eines zwielichtigen Kuchens
aufgehört hat, die Heizrippen unsittlich zu berühren.

Die Konnotation ist einfach zu formulieren, sie
zappelt im Schrank mit heruntergelassenem Lebenslauf.
Wehe dem, der seine Hand nicht von ihr lassen kann,
der glaubt, die Finger seien die perfekte Maschinerie,
um junge Füchse zu zeugen.

Eine Sekunde später werfen wir uns in das
Gestrüpp eines pränatalen Frühlings. Der Picknick-Korb
fällt von der Klippe, die eines der
Flaschenzug-Kinder im Sandkasten nachbilden
wollte, es versprochen hatte, es dreimal
dem Marketender erzählte, um dann mit den
satinpolierten Murmeln aus der Waffenfabrik
durchzubrennen. Ihm folgte der dreibeinige
andalusische Hund, ein Champignon-Pflücker aus den
Pariser Randbezirken, und ein Clown, der geschminkt
war wie Rasputin, als sein Gemächt
noch nicht die 30cm-Marke erreicht hatte, als sein
Bart noch von seiner Mutter getrimmt wurde.

Auf den semantischen Feldern
liegt Sprachabfall, was sich erst dann
ändern wird, wenn es Prostata-Massagen
umsonst gibt.

Elvira

lampenschirmElvira turnt und ist alt. Wie ich. Tatsächlich bin ich ein strammes Stück jünger als sie, das tröstet mich aber nur bedingt. Hätte ich damals nicht diese verflucht üblen Visionen gehabt, wenn Sport auf dem Stundenplan stand, wäre ich als unermüdliche Frohnatur durch mein weiteres Leben gehüpft. Denke ich. Ich wäre wie Elvira geworden. Ein unkaputtbarer Tischtennisball. So fühlte ich mich aber nicht. Unzerstörbar atemlos, keuchend, schwitzend und unvorteilhaft gerötet, aber glücklich.

Elvira hießen andere. Die Schnellen aus Gummi. Ich war menschlicher. Überlegter. Sehr wohl vorsichtiger. Ich wußte früh, wofür mein Körper tauglich ist und was ihn stört. Er will nicht an Ringen von der Decke baumeln. Er will auch nicht mit bunten Bändern und Reifen in Hallen gesichtet werden, die von Elvira für all die anderen Elviras geschaffen wurden. Er gehört da nicht hin. Weder auf die Matte noch Asche. Noch in den Schnee. Der alpine Sepp klärte mich rechtzeitig genug darüber auf, dass ich mir noch das Genick brechen würde, wenn ich weiter so fahre, wie ich gewackelt und gerudert bin. Alles bei beachtlichem Tempo, das mir nicht behagte, das zu kontrollieren mir aber versagt blieb. Längst vorbei.

Nunmehr turne ich freiwillig. Nora „die Gelenklose“ Wolters wäre baff. Die gab in der Oberstufe Rhythmische Gymnastik, ich stottere das jetzt mal mit leicht zittriger Stimme, dann klingt es exakt so, wie es war. Der schöne Jimmy wäre auch baff. Unsere gemeinsam durchlebten Bundesjugendspiele, – er der hoffnungsvolle Trainer, ich die trügerische Hoffnung -, werden ihm unvergessen sein. Korrekt geturnt wurde da zwar nicht, aber ich hätte springen müssen. Und sonst noch was, das Seele und Füße brennen lässt.

Heute bin ich unempfindlicher. Verhornter vielleicht.
Aerobic auf Zehnerkarte hat mich diesbezüglich gut geschärft, das war recht odentlich. Da machte jeder Stulpen-Trampel mit, das fiel nicht auf in den hinteren Reihen. Mittlerweile steh ich stolz weiter vorn. Beim Turnen mit Elvira bin ich begnadeter Durchschnitt mit Damenhantel, mehr beabsichtige ich trotzigen Willens nicht.

Elvira plaudert, während sie kommandiert. Sie sagt: „Fünfzig Jahre Kinderturnen sind härter als vierzig Jahre vor Kohle.“ Elvira darf das behaupten, ihr Pütt-Vater war Stadtsportverband-Gründermitglied und ist mit ihr irgendwann Anfang des letzten Jahrhunderts auf dem Arm zum Taufbecken gesprintet. Sagt sie. Sie ist eine lustige Person, die noch nie in einer Eisdiele war, weil es dort kein Pils gibt. Elvira hat rot gefärbte Haare, trägt Lippenstift und zeigt Dekoltee. Sie erzählt, ihre Mutter hätte sie gebeten, doch mal wieder mit ihr eine Ziege zu schlachten. Die Mutter sei aber schon eine Weile tot und zuletzt auch recht verwirrt gewesen. Dann sagt sie, wenn sie Mohnkuchen für ihre Gäste backen würde, läge neben jedem Teller eine Einmal-Zahnbürste, das wäre nur anständig von ihr.
Wir lachen. Sie lacht. Dann turnen wir wieder. Allen voran Elvira. Ein unkaputtbarer Tischtennisball. Ich seh ihm mit großen Augen zu und bin nicht böse auf mich. Gut so.

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