Kleewald Robinson: Handsome Farmer Toast

Langform
Auszug

Das STRANDSACK hatte über der Tür und an den Fenstern einiges an Leuchtreklame hängen, aber eingeschaltet war keine davon. Diese Bar am Rande der Stadt wollte die Antithese zu jeglichem Licht darstellen, auch wenn im Innern zahlreiche Funzeln dafür sorgten, dass man nicht an das Trinkglas des Nachbar rempelte oder über seine eigenen Füße fiel, wenn man sich dann doch einmal bewegen wollte. Vicky Morra hatte die Idee des Strandsacks angeblich aus Italien mitgebracht; ihre zwielichtigen Dienstleistungen waren ihr tägliches Brot, aber gesehen hatte sie noch niemand. Und ihre Angestellten schürten das Mysterium noch, in dem jeder, der für Vicky arbeitete, damit beauftragt war, eine andere Beschreibung von ihr zum Besten zu geben. Im Verbund mit einigen schauerlichen Geschichten konnte dem schlechten Ruf der Bar niemand mehr das Wasser reichen, auch nicht Die Gilde der pechschwarzen Liebe, die auf nächtlichen Friedhöfen einige unappetitliche Dinge taten, aber eigentlich eine Theatergruppe waren, die sich Drogen und Visionen hingaben, um eines Tages den perfekten Macbeth zu geben, dieses herrlich verfluchte Stück.

Weiterlesen

Gaston Lagaffe – Der wirkliche Antiheld

Gaston Lagaffe

Der Bürotrottel, der alles andere als ein Trottel war

Am 28. Februar 1957 tauchte in dem belgischen Comicmagazin Spirou eine neue Figur auf, ohne vorherige Ankündigung oder Hintergrundgeschichte, fast beiläufig eingeführt. Ein junger Mann betritt ungeschickt und verschlafen eine Redaktion, mit zerzaustem Haar und einem Pullover, der nie richtig sitzt. Sein Name ist Gaston Lagaffe. Wie Franquin selbst es ausdrückte, ist er jemand, der aus Versehen eingestellt wurde und den niemand so recht loswerden kann.

Das war ein denkbar bescheidener Beginn für eine Figur, die das europäische Comic für immer prägen sollte. Ursprünglich hatte Franquin keine großen Pläne für Gaston. Er war als Lückenfüller gedacht, als kurze Episode in jenen Wochen, in denen der Hauptcomic aus welchen Gründen auch immer nicht fertiggestellt werden konnte. Doch was dann geschah, zählt zu den schönsten Zufallserfolgen der Comicgeschichte. Die Figur entfaltete sich über ihre ursprüngliche Rolle hinaus. Die Leser liebten sie. Und Franquin erkannte, dass er mit diesem Versager, diesem Antihelden par excellence, auf etwas gestoßen war, das er nirgendwo sonst ausdrücken konnte.

Weiterlesen

Brand New Day

Von der Unwerdung eines Helden erzählt Destin Daniel Cretton in den ersten Minuten seines neuen Spider-Man. Eine physisch spürbare Stille eröffnet diesen Film: das Tropfen eines undichten Hahns, das graue Licht, das durch das schmutzige Fenster einer New Yorker Dachkammer fällt, und ein junger Mann, der starr auf seine Hände blickt. Nach dem multimedialen Krawall von No Way Home, der das Multiversum zur narrativen Restmüllverwertung degradierte, wagt Brand New Day eine radikale, sture Entschleunigung, und stellt stattdessen eine unbequeme Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn man ihm seine Geschichte, seine Freunde und seine Identität raubt?

Tom Holland spielt diesen Peter Parker nicht mehr mit der gewohnten, spitzbübischen Jugendlichkeit, sondern mit einer matt gesetzten, melancholischen Schwere. Er ist anonym geworden. Hier entfaltet der Film seine stärkste dramaturgische Dynamik, vor allem auch durch das Spannungsfeld zwischen Bruce Banner und Frank Castle. Banners Auftauchen fungiert keineswegs als das übliche Marvel-Augenzwinkern oder als Cameo. Mark Ruffalo spielt ihn als eine vom eigenen Schicksal gezeichnete Gestalt und als direktes Spiegelbild dessen, was Peter zu werden droht. Banner ist die einzige Figur im gesamten Universum, die das Trauma der gespaltenen Psyche versteht, das Gefühl, dass die Maske das eigentliche Ich nach und nach auffrisst. Wenn Banner Peter davor warnt, die eigene Menschlichkeit in der Anonymität abzutöten, gewinnt der Film eine existenzielle Tiefe.

Weiterlesen

Neue Physik

Eine neue Physik ist am Werden. Und sie ist notwendig, weil die, die wir kennen, zwar für unser billiges Leben und unseren billigen Hausgebrauch relativ in Ordnung scheint, darüber hinaus hat sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern ist allein unseren Sinnen und unseren Ideologien unterstellt. Die Wissenschaft selbst hat sich ihre Nutzlosigkeit in … Weiterlesen

Falscher Ausstieg

Etwas zu dokumentieren braucht Daten. Was aber, wenn es sich um einen Entwurf von Welten handelt und Daten offensichtlich künstliche Produkte sind? Ich habe kaum Daten über mich. Mein Geburtsdatum scheint fest zu stehen, es ist auf Papier vermerkt, zusammen mit meinem Namen und dem Gewicht, das nicht höher liegt als eine schöne Tüte voller … Weiterlesen

Lanfeust von Troy – Genese und Stellenwert einer modernen französischen Fantasy

Als im Frühjahr 1994 der erste Band von Lanfeust de Troy bei den Éditions Soleil erschien, ahnte kaum jemand, dass sich hier ein neuer Meilenstein der frankobelgischen Fantasy anbahnte. Hinter dem Projekt stand Christophe Arleston (bürgerlich Christophe Pelinq), ein Autor, der zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung als Journalist, Radiomacher und Szenarist gesammelt hatte, aber noch nach einer … Weiterlesen

Wie die Fantasy-Literatur ihre Seele verlor

Als Kind streifte ich durch die mit Kerzen beleuchteten Korridore von Hogwarts, ritt durch die verschneiten Wälder von Narnia und stand im Schatten des Schicksalsberges. Ich war ein Bücherwurm mit einem regen Innenleben und einer tiefen Sehnsucht nach etwas, das ich nicht benennen konnte. In diesen verzauberten Welten fand ich ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Auch als ich älter wurde, habe ich die Fantasy nicht hinter mir gelassen. Als ich jedoch einige der am meisten gelobten zeitgenössischen Werke las, wie Philip Pullmans „His Dark Materials“ oder Lev Grossmans „The Magicians“-Trilogie, war ich hin- und hergerissen. Ich liebte diese Bücher. Sie waren fesselnd und brillant geschrieben, doch als ich die letzte Seite umblätterte, blieb ein Gefühl der Leere zurück. Hinter all ihrer Raffinesse schwebte eine Atmosphäre, die das Gefühl des Staunens zu verspotten schien – jenes Gefühl, das mir die Fantasy einst so heimisch gemacht hatte.

Weiterlesen

Die Neunte Kunst

Die Neunte Kunst

Einleitung: Der neunte Himmel

Es gibt eine Szene, die ich immer wieder erzähle, wenn mich jemand fragt, was an der Bande Dessinée so besonders ist. Im Jahr 1967 hängte das Musée des Arts Décoratifs in Paris erstmals Comics aus. Dabei handelte es sich um gerahmte Originalseiten aus Tintin-Alben, die mit derselben kuratorischen Ernsthaftigkeit behandelt wurden, wie man sie sonst Gemälden und Skulpturen vorbehält. In Amerika hätte man damals darüber gelacht. In Europa war es hingegen der konsequente nächste Schritt.

Der Begriff Bande Dessinée (wörtlich „gezeichneter Streifen“) bezeichnet das frankobelgische Comic als eigenständige Kunstform, die sich seit den 1920er Jahren in Frankreich und Belgien herausgebildet hat und heute in einer Weise zur kulturellen Identität beider Länder gehört, wie es in keiner anderen Region der Welt für Comics gilt. In Frankreich und Belgien ist die Bande Dessinée die „neunte Kunst“ – le neuvième art – und dieser Begriff, den weniger gebildete Menschen als Anmaßung betrachten könnten, ist ein kulturpolitischer Konsens. Architektur, Literatur, Theater, Musik, Tanz, Fotographie, bildende Kunst, Film, und eben die Bande Dessinée.

Weiterlesen

Die Idee des Geschmacks

Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.

Die Welt des Domino

Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 … Weiterlesen

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.