Alles lag an diesem Buch, das, einmal aufgeschlagen, alles verschlang, was es zu verschlingen gab. Hatte ihn das Buch dermaßen in seinen Bann gezogen, dass er eingeschlafen war und jetzt mit den letzten Eindrücken der Zeilen in seinem eigenen Traumgebilde umherirrte?
Er hatte den alten Folianten zunächst in einem Antiquariat für seltene Bücher entdeckt und dieses wiederum nur durch einen Zufall ausfindig gemacht. Das war an einem dieser frühen Abende bei einem seiner Spaziergänge gewesen. Jetzt erinnerte er sich, wie er sich gewundert hatte, denn er kannte alle Buchläden in der Stadt, doch diesen kannte er nicht.
Inspiriert von den Werken Lovecrafts fertigt der Künstler Zorano fiktive Seiten aus dem Necronomicon an, die in seinem Shop auf Etsy gekauft werden können.
Dankbarer Weise leben wir in einer Zeit, in der uns immer wieder längst vergessene Geschichten ins Haus flattern. Es besteht ein unbedingtes Interesse, altes wieder hervorzukramen, weil es in der Regel besser ist als all das Zeug, das man heute zu lesen bekommt. Robert Arthur wäre sicherlich einer dieser vergessenen Autoren, wenn er nicht die drei Detektive erschaffen hätte. Vermutlich gäbe es keinen Grund, in seinen zahlreichen Erzählungen zu stöbern. Viele wissen nicht einmal, dass er ein Experte seltsamer Geschichten war, eine regelrechte Größe wenn es darum ging, die größten Unwahrscheinlichkeiten mit herrlich gewöhnlicher Plausibilität zu erzählen. Der Kosmos-Verlag brachte bereits 2024 die deutsche Übersetzung des Originals mit dem Titel „Die Geister, die ich rief“ heraus. Das mag etwas Verwirrung stiften, denkt man doch unweigerlich an den Filmklassiker mit Bill Murray, dessen Vorlage Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte war. Aber „Geister und mehr Geister“ ist auch nicht das Gelbe vom Ei, vor allem, weil das wieder Mary Hottingers Gespenster-Anthologien ins Gehege gekommen wäre. Natürlich hat der Kosmos-Verlag in Robert Arthurs Geschichten gekramt, weil er mit den drei Fragezeichen sozusagen das Flaggschiff des Verlags auf den Weg gebracht hat (was 1964 nun wirklich niemand ahnen konnte). Aber es handelt sich immerhin um einen Autor, der hierzulande noch entdeckt werden muss (wobei ich glaube, dass er auch in seinem Heimatland nicht mehr groß bekannt sein dürfte, außer eventuell bei den Pulp-Enthusiasten).
Superman wurde 1938 von zwei jüdischen Söhnen aus Cleveland erfunden, die wussten, was es bedeutet, fremd zu sein in einem Land, das einem nicht immer wohlgesonnen ist. Ihr Superman war ein Immigrant, der die Sprache des Landes noch nicht kannte, aber für die kleinen Leute gegen korrupte Politiker, skrupelose Fabrikbesitzer und Kriegstreiber kämpfte. Sieht man sich heute einmal um, dann muss dieser Kampf als verloren gelten. Vielleicht wurde Superman deshalb über die Jahrzehnte zu etwas anderem, zum Amerikanischen Traum in Person. Die Krawatte vor dem Hemd, die Brust nach vorne, die Flagge im Hintergrund. Die Immigranten-Wurzeln verschwanden hinter einer recht verlorgenen Glorie. Jerry Siegel und Joe Shuster hätten ihren Helden garentiert kaum wiedererkannt.
Jason Aaron hat Superman zurückgeholt. Mit Absolute Superman, ( erscheint seit November 2024 bei DC), erzählt er jene Geschichte, die Siegel und Schuster 1938 meinten, aber angepasst an die Gegenwart. Das Ergebnis ist das beste Superman-Comic seit vielen Jahrzehnten. Und es ist auch das unbehaglichste.
Über einen Autor, der dem Silbernen Zeitalter seinen Glauben zurückgab und dabei zeigte, dass Nostalgie und Innovation kein Widerspruch sein muss, wenn man wirklich versteht, was genau man bewahren will.
Geoff Johns wurde 1973 in Detroit, Michigan, geboren. Er wuchs in einer Umgebung auf, die das amerikanische Industriezeitalter in seinem Niedergang verkörperte. Seine Herkunft hat sich nicht so direkt in sein Werk eingeschrieben wie etwa die so genannten Troubles in Belfast bei Garth Ennis oder die Geschichte Northamptons bei Alan Moore. Detroit ist also kein eigentlich mythologisches Koordinatensystem in Johns‘ Comics. Möglicherweise aber hat das Aufwachsen in einer Stadt, die um ihre eigene Identität kämpft sein Gespür dafür geschärft, was verloren gehen kann und was es bedeutet, sich dagegen zu wehren.
In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.
Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten „Horror-Anthologie-Comics“, die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.
Es ist eine kleine Stadt, die ich im ungarisch-österreichischen Grenzland verorte, obwohl ich im Nachhinein nicht konkret behaupten kann, dass sie auch wirklich dort lag. Im Traum selbst vergas ich den Namen zunächst, aber als ich nachfragte kristallisierte sich den Name Behroka ever heraus. Tatsächlich war das Städtchen so schön, dass mir die Tränen kamen, umgeben von einem sanften Gebirge, das mir aber nach dem Erwachen entwischte. Die Recherche, die Albera ausführte, förderte Beróka als einen speziellen Männertanz oder Geschicklichkeitstanz in der ungarischen Folklore zutage, während meine eigene Suche nach einem ähnlich klingenden Ort (denn dass es sich um einen solchen handelte, ging ja aus dem Traum hervor) zum Kurort Bükfürdő führte, was mich weniger befriedigen konnte.
Wer über Spider-Man-Serien sprechen oder schreiben möchte, kommt an Amazing Spider-Man nicht vorbei – dem Herzstück, aus dem alle anderen Geschichten rund um den beliebtesten Netzschwinger der Welt hervorgegangen sind. Im März 1963 erblickte die erste Ausgabe dieser Serie das Licht der Welt und folgte damit der bahnbrechenden Debütgeschichte aus Amazing Fantasy #15, die bereits im August 1962 erschienen war. Stan Lee und Steve Ditko schufen mit ihrer Zusammenarbeit nicht weniger als eine Revolution im amerikanischen Mainstream-Comic-Genre. Zum ersten Mal war ein Teenager nicht bloß der Sidekick eines erwachsenen Helden, sondern die zentrale Figur seiner eigenen Geschichte. Das mag aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheinen, doch damals war es bahnbrechend. Superhelden waren bis dahin meist überlebensgroße Figuren – Erwachsene, Kriegsveteranen, Halbgötter. Und dann kam Peter Parker: ein unsicherer Teenager aus Queens, geprägt von seinem Alltag in der Highschool und dem tragischen Verlust seines Onkels – ein Verlust, den er sich selbst zuschreibt und dessen Schuld er sein Leben lang mit sich trägt. Dieser neue Ansatz veränderte 1963 nicht nur eine Comicserie, sondern das gesamte Genre.
Ein Noir-Meisterwerk über Identität, Tod und zwölf Tage, die alles bedeuten.
Ein Mann ohne Gesicht — der jedermann sein kann
Action Comics #419, Auszug, DC
Das Konzept von Human Target ist so brillant, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand drauf gekommen ist. Ein Bodyguard schützt seinen Klienten, indem er dessen Identität annimmt, mit allem, was dazugehört, und tritt an dessen Stelle, bis der Angriff erfolgt. Christopher Chance überlebt diesen Anschlag. Der Klient ist gerettet.
Len Wein und Carmine Infantino brachten diese Prämisse 1972 in Action Comics #419 zum ersten Mal zu Papier. Die Geschichte war von einer Direktheit, die das Konzept sofort tragfähig machte. Es ging um einen Helden ohne feste Identität, dessen Superkraft die vollständige Verwandlung ist. Seine Gabe ist die des Schauspiels, gepaart mit Empathie und der Fähigkeit zur Selbstauflösung. Das machte ihn zum interessantesten Bodyguard im DC-Universum und gleichzeitig zur philosophisch kompliziertesten Figur unter den scheinbar unkomplizierten Actionhelden seiner Ära.
Selbst Gelegenheitslesern sind die spektakulären Bilder gigantischer Eiskristalle in der Arktis vertraut, doch für Comic-Enthusiasten ist die Festung der Einsamkeit weit mehr als ein beeindruckender Rückzugsort. Sie dient als chronologisches Archiv der DC-Geschichte und als Reflexion von Supermans Innerem – eine Mischung aus gemütlichem Hobbyraum und beunruhigendem außerirdischen Mausoleum.
Die Festung der Einsamkeit war nicht immer ein glitzernder Eispalast. In ihren frühen Tagen, erstmals vorgestellt in Superman #17 (1942), diente sie als geheime Zuflucht in den Bergen – praktisch eine luxuriöse Rückzugsmöglichkeit für den Mann aus Stahl, ausgestattet wie eine erstklassige Junggesellenwohnung. Erst in Action Comics #241 von 1958 nahm sie die ikonische Form an, die wir heute kennen und lieben: eine beeindruckende Basis in den unendlichen Weiten der Arktis.
Jack Kirbys ungeplante Schöpfung und das größte kosmische Gewissen des Superheldengenres.
Ungeplant
Fantastic Four #50
Die Entstehung des Silver Surfer ist eine der schönsten Schöpfungsgeschichten des amerikanischen Comics, weil es nämlich keine gab. Jack Kirby zeichnete im Frühjahr 1966 die dreiteilige Galactus-Geschichte für Fantastic Four #48–50. Plötzlich, ohne Absprache mit Stan Lee und ohne entsprechende Anmerkung im Skript, erschien auf einer Seite eine neue Figur. Ein silberfarbenes, nacktes Wesen auf einem kosmischen Surfbrett, das durch die Sterne reitet und dem unvorstellbar mächtigen Galactus vorausgeht wie ein Herold dem König. Als Lee das fertige Artwork öffnete und die Figur sah, war er, nach eigener Aussage, sofort überwältigt.
Kirby erklärte später, dass der Herold als dramatisches Konzept notwendig war. Galactus brauchte jemanden, der seine Ankunft ankündigt und zwischen dem Kosmischen und dem Menschlichen vermittelt. Warum dieser Herold jedoch genau so aussah – also silbern, glatt, und ohne Gesicht im eigentlichen Sinne, auf einem Brett wie ein einsamer Surfer auf einem Ozean ohne Ufer, kam aus einer Intuition, die Kirby nicht in Worte fassen konnte. Es war das Bild, das einfach entstehen musste. Und es war von Anfang an mehr als nur eine Nebenfigur.