Das STRANDSACK hatte über der Tür und an den Fenstern einiges an Leuchtreklame hängen, aber eingeschaltet war keine davon. Diese Bar am Rande der Stadt wollte die Antithese zu jeglichem Licht darstellen, auch wenn im Innern zahlreiche Funzeln dafür sorgten, dass man nicht an das Trinkglas des Nachbar rempelte oder über seine eigenen Füße fiel, wenn man sich dann doch einmal bewegen wollte. Vicky Morra hatte die Idee des Strandsacks angeblich aus Italien mitgebracht; ihre zwielichtigen Dienstleistungen waren ihr tägliches Brot, aber gesehen hatte sie noch niemand. Und ihre Angestellten schürten das Mysterium noch, in dem jeder, der für Vicky arbeitete, damit beauftragt war, eine andere Beschreibung von ihr zum Besten zu geben. Im Verbund mit einigen schauerlichen Geschichten konnte dem schlechten Ruf der Bar niemand mehr das Wasser reichen, auch nicht Die Gilde der pechschwarzen Liebe, die auf nächtlichen Friedhöfen einige unappetitliche Dinge taten, aber eigentlich eine Theatergruppe waren, die sich Drogen und Visionen hingaben, um eines Tages den perfekten Macbeth zu geben, dieses herrlich verfluchte Stück.
Kleewald Robinson: Handsome Farmer Toast weiterlesenDie Neunte Kunst
Über Geschichte, Ästhetik und Zukunft der frankobelgischen Comics
Einleitung: Der neunte Himmel
Es gibt eine Szene, die ich immer wieder erzähle, wenn mich jemand fragt, was an der Bande Dessinée so besonders ist. Im Jahr 1967 hängte das Musée des Arts Décoratifs in Paris erstmals Comics aus. Dabei handelte es sich um gerahmte Originalseiten aus Tintin-Alben, die mit derselben kuratorischen Ernsthaftigkeit behandelt wurden, wie man sie sonst Gemälden und Skulpturen vorbehält. In Amerika hätte man damals darüber gelacht. In Europa war es hingegen der konsequente nächste Schritt.
Der Begriff Bande Dessinée (wörtlich „gezeichneter Streifen“) bezeichnet das frankobelgische Comic als eigenständige Kunstform, die sich seit den 1920er Jahren in Frankreich und Belgien herausgebildet hat und heute in einer Weise zur kulturellen Identität beider Länder gehört, wie es in keiner anderen Region der Welt für Comics gilt. In Frankreich und Belgien ist die Bande Dessinée die „neunte Kunst“ – le neuvième art – und dieser Begriff, den weniger gebildete Menschen als Anmaßung betrachten könnten, ist ein kulturpolitischer Konsens. Architektur, Literatur, Theater, Musik, Tanz, Fotographie, bildende Kunst, Film, und eben die Bande Dessinée.
Die Neunte Kunst weiterlesenDie Idee des Geschmacks
Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.
Die Welt des Domino
Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 km/h. Was dabei herauskommt sind sagenhafte 65,8 km/h. Geht man darüber, löst sich etwas auf, das keine Reise wieder gutmachen kann.
Phantasma
Um drei Uhr bricht die Hölle los, aber sie ist, anders als das Klischee geht, leise. Ich erwache eine Minute später, aber ich bemerke binnen Sekunden eine Kälte, die sich nicht mit der Haut aufhält. Besteigt man um diese Stunde eine Kutsche, wird sich die bekannte Zeit im Kreise drehen, auch wenn man sein Ziel sicher erreicht. Man könnte früher angelangen, als man losgefahren war. Oder man kam Tage, Wochen oder sogar Jahre zu spät zu einer Verabredung, die ebenfalls nur in der Erinnerung existiert. An was erinnere ich mich, wenn ich so salopp fragen darf? Einen Traum? Eine Einbildung? Oh – das letzte Wort verlangt Abhandlungen, Tumulte, Apologien und derlei mehr Fachbegriffe. Aber nicht so plump wie es da steht.
Ich zum Beispiel phantasmiere. Ich bilde mir nichts ein. Lacan spricht von einer Abwehr, die dem Phantasma zugrunde liegt. Geister und Gespenster, die Schrullen der Nacht als Konsequenz einer Bedrängnis durch das Leben selbst.
Stell dir vor, der Postbote will etwas von dir. Er will dir einen Brief aushändigen, aber deine Hand geht nicht zum Brief, während die des Boten bereit ist, das Papier in der ausgestreckten Hand sofort fallen zu lassen, aber er will die Erde nicht beschmutzen, und keine Hand ist da. Wahrscheinlich wird er etwas sagen wie „Nun nehmen Sie schon, es ist Ihre Post!“ Und du denkst dir, dass du ja gar keine Post hast, dass dir ein Zettel, an dich gerichtet, nicht als Besitz angedichtet werden kann. IHRE POST. Ach leck mich doch am Arsch, was soll das heißen?
aussortierte blitze
komm einmal zähne brechen knochen doch genauso
im korb aus licht zermürbt die welt aus hitze alles kleine
die saat geht auf im bunker wo die sterne toben
frieden zu haben im raubzug der elemente
wo es dem körper an allem mangelt
hergestellt wird beute mit genauso bunten lichtern
angekettetes plus kommt mit plüsch und einer caprisonne
mirakulös ist alles vor ort, alles da, war nie weg
aber eben auch nicht „richtig“ da, niemandes schatten
niemandes gebein im lager der aussortierten blitze
Beredte Ruhe
Die beredte Ruhe eines frühen Morgens ist mit Worten nicht zu durchdringen. Wie in den letzten Wochen auch, ist es sechs Uhr. Wenn die Welt jetzt so bliebe … wenn sie grundsätzlich sechs Uhr wäre, auch am Mittag, am Abend. Sechs Uhr an einem vogellreichen Sommertag. Schwer zu begreifen in ihrer Schönheit: das Licht, die stille Luft, die sich auf einen heißen Tanz vorbereitet, der gegen Mittag erwartet wird.
Ein zehnjähriger Status Quo geht im August zu Ende. Die Ereignisse stürmen von außen heran, eine Belagerung ist gar nicht nötig, eine Verteidigung nicht vorhanden. Die Fenster sind die Brille. Ich sehe eine Trabantenwelt. Und niemand tötet den abstrakten König, der einen anderen Reim bekommt als eine Lehm fordernde Hexe. „Der König ist tot, es lebe der König!“ statt „Ding Dong, die Hex‘ ist tot!“ Die Abstraktion löst sich in Luft auf, der Lehm aber gebiert neues Leben.
Ich stehe im Tumultus allein, mich erreicht keine Stimme, mich spricht keiner an. Geboren in der Porzellanstadt Selb, herausgebrochen mit grober Kelle aus der Wand des romantischen Tempels. Als die Welt noch existierte, als nicht absehbar war, dass bald keine Welt mehr zur Verfügung steht, die man verlassen oder umarmen möchte. Unterunwohlgeboren. Sicherlich fror ich, denn ich friere noch. Und auch jetzt bleibt es nicht sechs. Es ist bereits heller, der heiße Tanz nicht mehr weit entfernt.
Unheimliche Puppen
Ein Mädchen spaziert an der Hand ihrer Mutter die belebte Straße entlang, während es in der anderen Hand eine zerlumpte Puppe hält, die es achtlos über den Gehweg schleift. Als dein Blick auf die Puppe fällt, schleicht sich ein eigenartiges Gefühl bei dir ein. Für einen kurzen Moment scheint die Puppe ihren Kopf zu drehen und starrt direkt in deine Richtung.
Warum kommen uns Puppen oft so unheimlich vor? Liegt es an ihren leeren, emotionslosen Augen? An der verletzlichen Nähe zu einem arglosen Kind, das sie stets begleitet?

Puppen gibt es seit vielen Jahrhunderten. Ursprünglich fertigten Stammesfrauen sie aus Gräsern in Menschenform, um ihre kleinen Mädchen zu beschäftigen. Mit der Zeit entwickelten sich diese Spielgefährten weiter, wurden immer detailgetreuer und manchmal erschreckend lebensecht. Auch Jungen haben eine Vorliebe für Puppen, die sie natürlich Actionfiguren nennen. Doch hin und wieder scheinen diese Spielzeuge eine düstere Rolle im Leben eines Kindes zu spielen.
Im späten 19. Jahrhundert erhielt ein junges Mädchen namens Jane Bielawski eine Puppe als Geschenk. Für Jane, ein armes Kind, das in einem Mietshaus in New York lebte, wurde die Puppe schnell zu seinem ständigen Begleiter, den sie „Missy“ nannte. Doch was als unschuldige Freundschaft begann, nahm bald eine finstere Wendung. Mehrere von Janes Spielkameraden fielen grausamen Morden zum Opfer.
Unheimliche Puppen weiterlesenDie Vielfalt der Goblins
Der Begriff “Goblin” kann für viele Arten von magischen Kreaturen auf der ganzen Welt gelten. Das einzige verbindende Merkmal ist dabei ein bösartiges oder zumindest schelmisches Bewusstsein, das in einer grotesken oder abschreckenden Form mit einem allgemeinen Bezug zur Nacht oder zu lediglich dunklen Orten verkörpert ist. Goblins gibt es schon seit sehr langer Zeit, so dass man im lateinischen Mittelalter diese Kreaturen mit dem Begriff “Gobelinus” benannte.
Das Wort “Goblin” kommt eigentlich aus dem Griechischen “kobalos”, was Schurke bedeutet. Viele Unterrassen von Goblins durchstreifen die Welt von Nordeuropa bis in den Mittelmeerraum und sogar bis nach Japan, um sicherzustellen, dass die Menschen von ihrer Anwesenheit wissen. Übernatürliche Fähigkeiten können jedoch von Nation zu Nation oder von Kontinent zu Kontinent variieren. Die Welt der Fantasy hat diesen Kreaturen zu ihren eigenen Existenzformen verholfen, auch wenn die Goblins nicht in ihr entstanden sind. Hier sind einige der raffinierten, manchmal bösartigen, legendären Kreaturen aus dem Sagenschatz der “realen” Welt.
Die Vielfalt der Goblins weiterlesenBesonders heiß
Ich beginne mit dem Wetter, um einem fürchterlichen Klischee zu entsprechen. Mit 33 Grad um 12:58 ist es in Kempten nicht einmal besonders heiß. Für mich bedeutet aber alles über 25 Grad den schieren Hitzetod. Also ist es doch besonders heiß.
In all den Jahren ist auffällig – und es muss sich um eine Täuschung handeln – dass kaum eine Wettervorhersage hier ankommt, oder das Wetter beschließt, sie nicht besonders ernst zu nehmen. Die Wurmfortsätze der Republik sind allerdings auch hier zu finden. Heißgetränke bei Hitze wandeln sich von braunem Insektengift in Milchkaffee, nein, es ist schon eher ein Latte – des Milchschaums wegen.
Dass man sich dem Menschen fremd fühlt und sich auch das Menschliche in einem selbst nicht als Freund erweist. Friend or Foe. Das dunkle Zeitalter, könnte man sagen, wenn es überhaupt Zeitalter gäbe.