Die Gilde der pechschwarzen Liebe: 08 Das erste meiner Rätsel

Hervorgetastet steigt auf stet
Die Silberwand der Projektion
Die Welt benannt in vielen Zeichen
Münder intonieren stumm
Und murmeln Spei durch Raum

Sie hacken nackt an dem Gesilbten
Seibern Plasma aus dem Nichts
Gesichter formen sich durch Worte

Ich schrieb das Liebeslied für dich
Es war das erste meiner Rätsel
Ich kam mit Händen zitternd über dich
Und schmolz in deinem Schoß
Ich sang den Wein dir von den Lippen
Ich atmete für dich

Die Erinnerung schwemmt uns durch die Zeit
Wir wissen nicht, wohin
Wir erinnern uns daran, wen wir lieben
All diese Worte, die gemacht wurden
(Wir wissen es nicht mehr genau)
all diese Worte waren für uns gedacht
um uns das Universum zu erzählen

Manche wollten die Welt verändern
Aber die Welt verändert sich selbst
Und verändert die Erinnerung

Ich schrieb das Liebeslied für dich
Es war das erste meiner Rätsel

Sobald wir sie benutzen
Ist sie nur noch ein Gegenstand
Und nutzt sich ab
Vereint sich mit unseren Wünschen
Und verblaßt in Begebenheiten
Die sie überdecken wie
Eine neue Farbe auf einer alten Wand

Sich im Mond zu spiegeln
Ist ebenso unmöglich wie zu wissen
Was gestern geschah

Gestern, als ich zärtlich deinen Handrücken küßte (ich sang)
Mit den schlanken Fingern (das Lied)
Die wie sinnliche Obelisken
Den Schatten der Glühbirne auf den Teppich malten

Gestern

Als ich deine Augen als ein
Unvorstellbares Kunstwerk entdeckte
Mit einem Lidschlag puren Lebens

Ich kam mit Händen zitternd über dich
Und schmolz in deinem Schoß

Ich wurde wach in deinen Augen
Schlief wieder ein mit deinem Blick

Den nahm ich hinüber
Saß in ihnen wie in einem Kahn
Überquerend ein gefahrvolles Morgenrot

-Schau doch wie schön die Liebe ist

Das hast du nie gesagt
Aber du sahst aus
Als wolltest du eine Antwort von mir
Obwohl ich schlief
Obwohl ich reiste
So daß deine gedachte Stimme
In einem Meer aus Salz verging

Ich atmete für dich

Der Böhmwind 11: Spiegel

Augen werfen die Reflexion zurück, das ist wie in einen Spiegel sehen. Man kann sich darin betrachten, oh ja, darf das aber nicht allzulange tun, höchstens um sich eventuell die Borsten aus dem Gesicht zu sensen, auf keinen Fall aus Eitelkeit. Abbild, Abklatsch, Augenlicht der tiefsten Tiefe! Wie oft hatte ihn sein alter Herr dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog. »Bis du ein Weibsbild?« herrschte sein Vater ihn an, packte ihn dann am Genick wie eine junge Katze, grub seine manikürten, scharfgeschliffenen Fingernägel in seinen Hals und nötigte ihn, nachdem er sein Bildnis bereits verlassen hatte, noch einmal vor den einzigen Spiegel des ganzen Hauses, der für gewöhnlich verhangen in der Küche über dem Spülbecken in die Wand eingelassen war, nicht größer als die Handfläche eines erwachsenen Mannes. »Was siehst du?« Der Atem seines Vaters, der nach Lakritze stank, fuhr ihm ins Gesicht wie ein feuchter Wind, der stets für schlechtes Wetter sorgt.
»Mich … ich sehe mich!«
Die scharfkantigen Fingernägel gruben sich tiefer in die Haut und färbten die Halbmonde rot, ein plötzlicher Schlag, einstudiert, choreographiert, ließ sein Jochbein erzittern. »Du siehst nicht dich! Du siehst dich verkehrt herum, ins Groteske verkehrt! Du siehst deine verdammte, deine dunkle Seite, die des Teufels ist! Du glaubst, ich habe dein Verharren nicht bemerkt, du glaubst, du wüßtest, wie lange man einen Blick als einen Kontrollblick tarnen kann, aber ich habe es in deinem Gesicht gelesen, habe gesehen, wie dich der Hauch der Eitelkeit streifte. Schau dort niemals hinein, wenn du nicht unbedingt mußt, hast du das verstanden?«
Sebastian Hohenner hatte verstanden und mied von diesem Zeitpunkt an nicht nur den Spiegel seines Elternhauses, sondern auch den in seinem Klassenzimmer, schaute statt dessen fortan Mimi tiefer in die Augen als jemals zuvor, während die Haut an seinem Hals, den er mit einem Seidenschal verhüllte, brannte wie Feuer und seine rechte Wange pochte, als säße dort sein Herz.
»Was ist mit meinen Augen?« hatte sie schüchtern gefragt, als er sie bat, stillzusitzen, eine Weile nichts zu sagen (sie redete gewöhnlich sehr viel und sehr beherzt, vor allem, wenn die Sonne schien). Nichts ist mit deinen Augen, hatte er geantwortet, ich kann mich darin spiegeln, das ist alles. Sie setzte zu einer Antwort an, aber sein Finger auf ihren Lippen geboten ihr, zu schweigen, während er sie beinahe hypnotisierte. Ich kann mich ebenfalls in deinen Augen sehen, sagte sie dennoch, sagte es leise, so als wäre Flüstern ein Kompromiß. Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst. »Habt ihr viele Spiegel zu Hause?« Auch er flüsterte jetzt, was so gar nicht zu diesem angenehm warmen Nachmittag paßte.
»Nicht sehr viele, ich würde sagen, normal viele. Warum fragst du?«
Ob der Glanz in ihren Augen verlöschen würde, wenn sie starb, ob man sich wohl nur in lebenden Augen spiegeln konnte? War es nicht das, was sein Vater meinte? Daß es lästerlich war, sich in toten Dingen zu spiegeln? Liebe bedeutete ihm Härte und Disziplin, Gehorsam und Arbeit. Was, wenn sein Vater damals schon gewußt hätte, daß er den Wunsch hegte, Arzt zu werden, daß sein Sohn nichts von diesem in allen Belangen bösartigen Gott hielt? Er hätte ihn ganz sicher auf den kalten Stein, den er Altar nannte, festgebunden und unter Tränen und Gebeten ausgepeitscht. Du willst also Gott lästern, du eitler, undankbarer Schweinehund! Ein Schlag und dann der nächste Schlag. Unter Tränen, immer unter Tränen und bis zur Unkenntlichkeit gestammelten Gebeten. Lasset uns beten! – Zacka! – Allmächtiger Gott! – Zacka! – Gieße Deine Gnade in unsere Herzen ein! – Zacka! – EngelMenschwerdungHerrlichkeitFleisch – Zacka! – fürunsBlutgeschwitzt Dornengekrönt – Sollte Gott doch eingreifen, wenn er hier seinem Sohn Unrecht tat. Aber da wäre nicht der Funke eines Unrechts ruchbar geworden. Gott hätte sich in die erste Reihe gesetzt und gerufen: Du Schwanzlutscher sollst deinen Vater ehren!

Die Gilde der pechschwarzen Liebe: 07 bei Pflasterlicht possierlich

Bei Pflasterlicht possierlich
schlug man eine Glocke an
– Tu als ob du Liebe hast
und zahlen kannst was man dir tischt

Ich liebe mich in ihren Augen wenn sie sich in den
meinen entdeckt, wie sie dort lächelt mit
einem schmelzenden Gesicht, dann liebe ich mich
in ihr, in ihrem tiefen, ozeanischen Körper

Ich laufe über atmende Haut
hinweg mit blinkenden Wimpern
so stockt die Zeit in jedem Hauch
den nur die Venus wagt

Wo Muskeln glühend sich umringen
so nah als gälte es sich eigens aufzulösen
im andren Organismus
den neuen Menschen auszurufen
in schlafwandelnder Neugier

Das fleckige Laken riecht nach einem Hauch der Prophezeiung
die man mir über dich angab
in Gassen der Liebesspieler, Kartenhäusern, Pfützenstraßen
Da liegt die Antwort bar und blaß
in meine eigene Hand gekerbt, die ich nicht lesen kann
ohne an ein Spinnennetz zu denken

Du stehst mit bleiernen Ergüssen – ich spreche dich besser nicht an
im Hinterhof der engen Gasse
wie ein Membran mit Kleidern, die du ständig wechselst
pulsiert der Herzensträger auf und ab
im Rhythmus der Freude, mich endlich zu sehn

Dann liebe ich mich in deinen Augen,
wenn du dich in den meinen wähnst
Es stoppt der Gang durch jene Schluchten
dort sie Leidenschaft aus Fenstern hängen
und ungewöhnlich applaudieren
als wären wir Theaterleut‘
im Kabarett der Straße
Kabinett im Morgengrauen

Die Gilde der pechschwarzen Liebe: 06 Die Pandämonien

Ich kann doch innerhalb der frischen Pandämonien stehn
und Stiele brechen, die mich stör’n
gepflückt sie nennen, weil sie in der Hand gehalten
Blumen werden, schauerlicher Samenprunk

Ich kann nicht ihren Mäulern weichen, immer wieder
zacken sie nach meinen Schenkelreben, weinblutgierig
nicken aufwärts zu mir hin und trachten
all danach, mich zu verkosten, dieser Morgenstund
zum Hohn

Wie aufgeblasne Segel setzen sie das Blattgut dick
zu Wind und reiten stürmisch Wiesenwellen;
und es kommt ein Laut gekrochen
sinnliches Herbarium, ausgesaftet über mir