Die gefütterten Gebirge

GrammaTau #39

Sie fassen sich an den Gipfeln des Morgens,
Der noch am nächsten Tag vor ihnen steht.
Dies waren die gefütterten Gebirge, die für
So viele Künstler nicht zu malen waren.
Die Farben veränderten das Licht, nicht umgekehrt.
Der Aufstieg führt über Paletten und Tuben
An der Leinwand dieses Gedichts vorbei.

Unguter Hut-Mönch.
Zuckerbrot der mörderischen Tentakel-
Schere satanischen Kerzenscheins.
Filterzirkel grandioser Grenzfälle &
Wochenendbeziehungen im Bernsteingefäß.
Wacholderpuppen treten nackt aus einer Pfütze, aufgetaut.
Samtbeton wird neue Städte aus dem Orbit anlocken / einsperren.
Aber in klobige Kissen ohne höfliche Naht.
KotGeschmack ist aller Industrien Hoffnung.

Bald zum Comic-Salon

In knapp zwei Wochen geht die Reise wieder einmal nach Erlangen. Den Abstecher nach Bayreuth ( Oh Herkunft, oh Glanz meines beginnenden Gebirges!) schaffen wir nicht, der Comic- Salon wird uns an diesem Tag (wir sind nur einen einzigen vor Ort) völlig beschäftigen. Natürlich besitzen wir kein Auto, werden aber mit einer Mietdroschke umher lottern.

Als Dichter vorbeugen

Ich lese zum Beispiel etwas, und der Dichter bekommt es nicht mit, nicht nur, weil er eventuell nicht mehr am Leben ist. Und wenn er lebt, warum sollte es ihn kümmern? Der redliche Dichter schreibt nicht, um gelesen zu werden, sondern damit das, was er zu schreiben hat, geschrieben wurde. Veröffentlichung ist etwas anderes. Das ist der Schritt,  den man macht, um die Position des Lesers einzunehmen, der unter all dem Geschriebenen etwas für sich finden muß, um überhaupt Leser zu sein. Der Leser hat allerdings nichts mit dem Dichter zu schaffen, er findet einfach nur einen Text vor und einen anderen nicht. Dieser andere Text existiert für sich – aber er existiert. Manchmal beschmutzt ein Leser einen Text, wenn er nämlich nicht für ihn gedacht ist. Deshalb sollte man als Dichter vorbeugen.

Bewegte Bilder

GrammaTau #38

Er gießt mit einer Wolke, die er
Aus dem Ranzen nimmt, die
Tageszeitung von gestern, auf daß
Ihre Schlagzeilen leichter werden,
Besser zum Hals, besser zu Haferbrei
                                                                      passen.

Er möchte
Ein Fuchs sein.
                  Trotzdem bleibt die Tat unvollendet,
                  Benommen von Vorurteilen.

Die Zeit reißt alle Wunden.

Schönheit wiegt schwer, ihr
Torso mit Schuhen aus Beton
Oder auseinandergerissener Kehle
Trimmt den Rasen,
Wirft das Maul
                   Aber niemand ordnet
                   Heiterkeit an
                   Ohne eigenen Nutzen

So scheinen die Vergiftungen
Präzis‘ gelenkt von
Winkenden Gassenhauern,

                                                   Konsumentenweibchen
                                                   Ohne Fußlimousinen

                                                   Triangelfetzen zwischen
                                                   Häuserschluchten

                                                   Purpurschreie, Bohnerwachs-
                                                   Stauden, Sattelschinken
                                                   Und Mopslocken in
                                                   Filigranen Doppelaromen,
                                                   Arak in Pfandflaschen,
                                                   Notsignale auf die
                                                   Hinterbacken genäht.

Wir alle haben etwas Freiwilligkeit verdient,
                   Zumindest im Verborgenen,
Alternanz in blinden Spiegeln.

Die Nummer ruft, jemand,
Vom Balkon mit den großen
Brüsten. Ohne eine Spur zu hinterlassen.

                   Die Katze im Film
                   Paramaunzt

                                                der über die Leinwand läuft
                                                die über die Leinwand läuft

                                                Eine Hirtengabel,
                                                Zahnstocher des Riesen.
Willst du dich nicht setzen?

Die automatische Vergangenheit
Lernt einen stolzen Mann zu tragen.
Frauen gießen den Acker, um das Haus
Vor rebellierenden Eimern zu schützen,
Farn um ranke Einheiten
Beine.

Ich gehe mit meiner Laterne.

Am alten Holzplatz

Wir hatten damals eine Art Sommer gesehen, er war kaum zu unterscheiden
von einem gedanklichen Licht. Immer dann, wenn ich alleine bin, erinnere
ich mich an Skulpturen von bleibendem Wert. Am ersten Kaugummiautomaten
zog ich einen Strawberry Stroke, der sich in einem ausgekauten Kaugummi
verfing. Er rollte einsam über die Straße. Ich befreite ihn aus seiner
Nervosität. Aber es gab – ein paar Schritte weiter – einen anderen –
Assorted Fruit Flavor – er zerbröselte im Mund und fügte sich schwer in
seine Kauform.

Es ist grün, wenn man es will.

In 1000 Jahren wird das 21. Jahrhundert das Mittelalter gewesen sein.

Wieder „Letzter Hand“

Ich will keine Kausalitäten. Wie oft habe ich nun gesagt, dass dieses Buch letzter Hand sei? Ich arbeite seit drei Tagen ununterbrochen und habe seit Jahren sogar einmal wieder die Nacht durchgeschrieben. Gleicheitig wollte ich die einzelnen Tableaus einlesen, aber kurz nach den letzten fünf GrammaTau-Aufnahmen hat sich nichts mehr aufnehmen lassen. Soundkarte, Mikrophon – alles scheint in Ordnung zu sein. Das Buch macht selbst mich schwindelig in seiner Einmaligkeit. Aber das ist natürlich kein Güteseiegel, wie ich allzu gut weiß. Trotzdem wird man sich damit beschäftigen müssen, wenn man zu jenen gehört, die Literatur aus vollen Kübeln trinken. Diese Gewissheit bleibt. Aber auch, dass unsere gegenwärtigen Literaturen lächerlich sind. Mein Leben dient ausschließlich der Meisterschaft, dem habe ich meine ganze Existenz gewidmet, mehr als jeder andere, von dem ich je hörte oder las. Nur der Entstehungsprozess – und die teilweise Offenlegung desselben – verwischte paradoxerweise die Spuren. Ich will keine Kausalitäten. Wir leben falsch, wir sind falsch, wir schreiben falsch, wir denken falsch.

Dämmer wird sich finden

GrammaTau #37

Ich bin sehr angetan von den staubtrockenen Haufen.
Leere und einfach nur Leere,
                                       Wohin man Sich wendet
                                       Und wendet.
Kanuten tauchen auf, strömen vorbei,
                                       Ein blindes Gefälle.

Gerne möchte ich bei Regen noch einmal durch die
Straßen nieseln, eine Peitsche finden,
                                       Gekrümmt wie eine Schlange,
                                       Eine Sphinx,
                                       Ein Rätsel.
Das eine Fenster erleuchtet sehen,
                                       Dahinter eine Gestalt,
                                       Die niemand sieht.

Zeigen mit den Fingern auf Wolkeninhalte,
Auf sanftgeflecktes Wasser, fließend nach oben,
                                       Dazwischen eine warme Straße
                                       Oder eine Pfütze aus Steinen.