Rocky Beach oder das Altern der Popmythen

Es gibt Figuren der Popkultur, die nicht altern dürfen. Sie leben in einer Art erzählerischer Gegenwart, die sich über Jahrzehnte hinweg stabil hält. Genau darin liegt ihr Geheimnis. Während Generationen von Lesern älter werden, bleiben diese Figuren unverändert: Sherlock Holmes bleibt immer der Detektiv der Baker Street, Tarzan der Herr des Dschungels – und Justus, Peter und Bob bleiben die drei Jungen aus Rocky Beach. Ein Erinnerungsraum, in dem auch unsere eigenen Abenteuer gespeichert sind, denn irgendwo da draußen gibt es uns noch in einem kindlichen Alter – und wenn „die Mumie flüstert“ halten wir dort den Atem an als sei das das erste Mal.

Die Graphic Novel Rocky Beach von Christopher Tauber und Hanna Wenzel setzt genau an diesem paradoxen Punkt an. Sie erzählt nicht einfach eine weitere Episode aus der Welt der Die drei ???, sondern stellt eine stillere Frage: Was geschieht mit einer fiktiven Welt, wenn ihre Leser älter werden?

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Würfel, Wahnsinn und Wahrheit – Die dunkle Legende von Dungeons & Dragons

Die erste Ausgabe von D&D

In den frühen 1970er-Jahren, irgendwo in einem bescheidenen Wohnzimmer im Mittleren Westen der USA, schrieben ein paar Männer Geschichte – ohne es zu ahnen. Gary Gygax und Dave Arneson erschufen mit Dungeons & Dragons nicht nur ein Spiel, sondern eine neue Art des Geschichtenerzählens. Sie brachten etwas in die Welt, das mehr war als Würfel und Regeln, mehr als Tabellen und Miniaturen. Sie riefen eine Welt ins Leben, die jenseits des Sichtbaren lag – ein Reich aus Schwertern, Zaubern, Drachen und Heldenmut. Und sie legten damit den Grundstein für eine Kultur, die bis heute wächst.

D&D entstand aus der Leidenschaft für Strategiespiele, Fantasy-Literatur und mittelalterliche Geschichte. Ursprünglich war es eine Erweiterung zu einem historischen Kriegsspiel namens Chainmail, das mit Fantasy-Elementen angereichert wurde – Magie, Monster, Mythen. Bald lösten sich die Geschichten von ihren historischen Wurzeln. Der Fokus verlagerte sich vom militärischen Taktieren zur individuellen Erfahrung: Spieler erschufen Figuren mit Namen, Hintergrundgeschichten und eigenen Zielen. Es war der Beginn des Rollenspiels, wie wir es heute kennen.

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Eskapismus

Lesen ist wie Reisen. In beiden Fällen verlässt man für eine gewisse Zeit seinen Alltag, kehrt erholt und im besten Falle begeistert zurück und bekommt dadurch eine neue Perspektive geliefert. Wenn Lesen Eskapismus ist, dann frage ich mich, warum Reisen das nicht weniger sein sollte. Der Vorwurf des Eskapismus kann nur von bösartigen und teuflischen Leuten vorgebracht werden. Das erinnert mich an denkwürdige Aussagen wie: „Furcht vor dem Feind“, oder „Fahnenflucht“, Begriffe der Kriegsmaschinerie und von Leuten, die wir heute zurecht aus tiefstem Herzen verachten. Das Gegenteil von Flucht ist Angriff. Sollte man wirklich die möglichen Macher der „Realität“ angreifen? Das halte ich für närrisch. Eskapismus ist die einzige Form des empfindsamen Menschen, in dieser Hölle, die uns umgibt, zu überleben. Und das sollten wir; wir sollten überleben.

Zirbelkiefer

wie – und das frage ich mich wieder – soll man die Dinge sehen
und erkennen und ordnen, wenn man sie nicht beschreiben kann
und wie soll man sie beschreiben können, wenn man sie nicht
sieht wie sie sind sobald man nicht dazu übergeht, seinem Auge
einen Stift zu verpassen und überhaupt das Auge auszutauschen
gegen ein inneres Konstrukt wie etwa der Zirbeldrüse
die dann sieht, was an der Aufhängung des Bewusstseins
vor sich geht

nur ohne Geschmack und derlei anzuwenden

aus ihr entweicht nichts, wie aktivieren?

eine Höhle war das erste, das mir auffiel
aber wie so oft war sie ein imaginäres Ziel dessen
was ‚auch‘ hätte sein können
die Wahrscheinlichkeiten
immer die Wahrscheinlichkeiten
es waren nicht selten die letzten Mohikaner die ich anführte

Sperrgut

die Gestalten trieften als unsere Sonne erklang
auch schon nah das Pferd, das einstige Steppentier
aus dornigen Winden gereift. Jetzt auf zu
einer Hochburg, neben den Zinnen dehnen sich Lücken
als Krähe umschwebt man sie leicht, als bloßer Blitz
verfehlt man sie. Der Staub wurde sich seines Wesens bewusst
und die Ziele keiften sich stetig an ob des Gelingens
außerordentlicher Figuren, die man schon die morsche Treppe –
ums Eck wird’s wirklich eng, so eine Fuge, ein
unmöglicher Raum, in sich abgeschlossen durch Sperrgut

Feenkreise

Das Journal der Veranda

Stell dir folgende Szene vor: Du spazierst durch einen malerischen Wald. Die Vögel zwitschern in der Ferne, die Sonne scheint dir in den Nacken, als du auf einen faszinierenden Ring von Pilzen mitten im Wald stoßen. Dein erster Impuls ist wahrscheinlich, diesen seltsamen Anblick näher zu untersuchen. Wenn man jedoch auf den Volksglauben hört, sollte dein erster Gedanke sein, vor diesen Feenkreis-Pilzen wegzulaufen. Seit Jahrhunderten werden solche Erscheinungen auf der ganzen Welt mit dem Wirken von Feen, Hexen oder sogar dem Teufel in Verbindung gebracht, obwohl einige glauben, dass die Kreise ein Zeichen von Glück sind. Feenkreise waren im Laufe der Geschichte ein wichtiger Bestandteil der Folklore und fanden schließlich auch Eingang in andere Medien wie Literatur und Kunst.

Credit: unukorno

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Julio Cortázar: Vertrautheit des Phantastischen

Das Journal der Veranda

„Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?“

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer fassbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: „Dieses Buch besteht aus vielen Büchern“, schreibt Cortázar, „aber vor allem aus zwei Büchern.“ Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: „Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.“ Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Julio Cortázar
Julio Cortazar

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Herr Rossi sucht das Glück

Signor Rossi – oder wie er auch genannt wurde, Herr Rossi, M. Rossi, Mr. Rossi und Señor Rossi – wurde von dem berühmten italienischen Animationsfilmer Bruno Bozzetto im Alter von 22 Jahren geschaffen. Die Figur debütierte 1960 in dem Film Un Oscar per il Signor Rossi. Signor Rossi ist ein „Jedermann“ aus der Mittelschicht (Rossi ist der häufigste Nachname in Italien), der einfach nur das einfache Leben leben möchte (Urlaub machen, ein Auto kaufen, auf Safari gehen, einen Oscar gewinnen usw.), aber irgendwie sieht er seine Träume immer um sich herum zappeln. Seine komischen Missgeschicke, die er oft mit seinem Hund und Kumpel Gastone unternimmt, spiegeln die sozialen Veränderungen in der italienischen Nachkriegsgesellschaft wider, wie etwa die Überlastung und den Umgang mit allerlei sinnloser Bürokratie. Der verrückte, extrem farbenfrohe Animationsstil erinnerte an etwas, das der Pop-Art-Künstler Peter Max produziert haben könnte. In den 1960er Jahren wurden vier Signor-Rossi-Kurzfilme gedreht und drei weitere in den 1970er Jahren, bevor die Titelmusik 1975 durch Franco Godis unfassbar eingängigen Song „Viva Felicità“ („Es lebe das Glück“) ersetzt wurde.

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Tarzan (Der Affenmensch)

Edgar Rice Burroughs’ “Tarzan of the Apes” erschien zuerst im All Story Magazine und wurde 1914 als Buch veröffentlicht, das sofort die Bestsellerlisten anführte. Für Ray Bradbury war es eines der besten Bücher, die er kannte.

Wir sind alle nur Tiere

In den folgenden Jahren forderten die Leser etwa fünfundzwanzig Fortsetzungen von Burroughs. Die Statistiken sind erstaunlich: Bis 1970 gab es zum Beispiel mehr als sechsunddreißig Millionen Tarzan-Bücher in einunddreißig Sprachen; außerdem gab es mehr als fünfzig Tarzan-Filme (von den unzähligen Samstagsmatineen, in denen Johnny Weissmuller seinen berühmten Tarzan-Schrei ausgab, bis hin zu den jüngsten Inkarnationen wie “Greystoke” und “Legend of Tarzan”). Der Gelehrte Russel Nye hörte sich in der gesamten amerikanischen Kultur um und kam zu dem Schluss: “Tarzan bleibt die größte populäre Schöpfung aller Zeiten.” Die Strahlkraft mag in Europa nicht ganz so bedeutend sein (man träumt auf dem alten Kontinent anders), und dennoch bleibt Tarzan auch hier ein Phänomen.

Burroughs’ privater Traum sprach Millionen von Lesern an und wurde dann zu einem gemeinsamen Traum, einem öffentlichen Traum, einem Mythos. Burroughs tat nicht weniger, als uns zum wilden Ursprung zurückzubringen. Das bedeutete Lendenschurz und Nacktheit. Entfernte Überreste unseres Werdegangs. Der Text spricht die Wahrheit aus, dass wir im Grunde genommen Tiere sind – Konkurrenten, allein mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Noch über unserer Kultur und den angeblich guten Manieren liegen Gier und der Wunsch nach Macht. Rationales Denken ist nur ein zerbrechlicher Deckel, der einen stärkeren und tieferen Eintopf aus Trieben, Impulsen und Leidenschaften bedeckt. Denn was sind wir am Ende? Wie würden wir uns in der Wildnis verhalten, wenn alle Annehmlichkeiten nicht mehr vorhanden wären? Burroughs findet am Ende eine Antwort. Bei Darwin und Freud.

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Die „Seltsame Geschichte“

Wir hören in letzter Zeit viel über die steigende Popularität der Weird Fiction.(Anm. Ich behalte hier die Originalbezeichnung bei, weil der Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung nicht ins Deutsche übertragen werden kann, ohne fälschlich behandelt zu werden. Die häufigen und gebräuchlichen Übersetzungsfehler „Literatur der Angst“, „Unheimliche Literatur“ usw. führen hierbei nur in eine Sackgasse.)

Wie viel oder wie wenig dieses neue Aufkommen mit der New Weird-Bewegung von vor einigen Jahren zu tun hat, überlasse ich den Diskussionen der Gelehrten. Über kurz oder lang kann man sagen, dass uns alle paar Jahre ein neues Konzept als das neue große Ding der Horrorliteratur präsentiert wird, und im Moment ist es ein Stamm unheimlicher Erzählungen, die ihre Inspiration hauptsächlich (wenn auch nicht immer offensichtlich) von Lovecraft, aber auch von Chambers, Howard, Ligotti und so weiter beziehen. Sie wird mit anderen Genres kombiniert, verdünnt und in verschiedenen Formen verzerrt, aber am Ende des Tages, im Hier und Jetzt, ist die „Weird Fiction“ König.

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