Der Thriller – Ein durchdringendes Genre

Ein Wort macht Karriere

Wer heute „Thriller“ sagt, meint zugleich ein Buch, einen Film, ein Videospiel, eine Playlist und vielleicht noch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo. Kaum ein Gattungsbegriff hat eine vergleichbare kulturelle Inflation erlebt. Dabei ist das Wort selbst verblüffend jung und verblüffend klar in seiner Herkunft.

„To thrill“ bedeutet im Englischen so viel wie durchrieseln, erbeben, erschauern lassen. Wir stoßen bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das „durchlöchern“ „oder durchstechen“ bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa „Nasenloch“. Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der „durch“ bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen „dürchel“, der ebenfalls „durchbohrt“ oder „durchlöchert“ bedeutet. In den 1590er Jahren entstand die übertragene Bedeutung des Thrillers als etwas, das „ein frostiges, aufregendes Gefühl vermittelt“, was auf die Vorstellung zurückgeht, von einer emotional durchdringenden Kraft erfasst zu werden.

Ein Thrill ist also etymologisch kein sanftes Kribbeln, sondern ein Durchstich: etwas dringt in uns ein, ohne dass wir uns wehren können. Das Körperliche, ja Invasive dieser Metapher wird von Anfang an über die körperliche Wirkung auf sein Publikum definiert; nicht so sehr über eine Figur, einen Schauplatz oder eine Moral, sondern über ein bestimmtes Gefühl. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme in der Gattungsgeschichte. Wir sagen ja nicht „Weinlich“ für das rührselige Drama oder „Lachhaft“ für die Komödie, auch wenn diese Wörter existieren. Beim Thriller jedoch wird der Affekt buchstäblich zum Namensgeber.

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Esset nicht davon

Teil 1

Teil 2

Vom christlichen Satan über den islamischen Iblis bis hin zum zoroastrischen Angra Mainyu taucht die Idee eines singulären Wesens, das das Böse repräsentiert, als kulturelle Allgegenwart immer wieder in den Annalen der Menschheit auf. Eine gegnerische Kraft, die sich im Kontext bestimmter Traditionen und Gesellschaften auf einzigartige Weise als Archetyp manifestiert. Der hinduistische Ravana etwa, jener zehnköpfige Dämonenkönig, der die Göttin Sita entführte – auch er trägt die Züge des ewigen Widersachers, der Ordnung in Chaos verkehrt. Zehn Köpfe und darin zehn Münder mit zehn verschiedene Versprechen, die alle auf dasselbe hinauslaufen: die Grenze überschreiten, die nicht überschritten werden darf.

Julius Nisle
Zeichnung von Julius Nisle

Der Pakt mit dem Teufel ist die formalisierte Variante dieser Überschreitung. Wenn man so will, ist er die Vertragsform der Sünde, ihre juristische Kodifizierung. Was im Garten Eden noch eine spontane Geste war – der Griff nach der Frucht –, wird hier zum Rechtsakt, komplett mit Gegenleistung, Bedingungen und Unterschrift. Die Geschichte kennt viele solcher Pakte, dokumentiert und undokumentiert, und zwei davon tauchen jetzt vor mir auf und liegen dokumentiert auf meinem Pult. Jenen des Benediktinermönchs Herman im Jahr 1229 einging und jenen, den Elizabeth Knapp im Jahr 1671 verweigerte.

Wir wissen so viel über Elizabeth Knapp, die in Groton, Massachusetts, lebte, weil die Schrift sie bewahrt hat – Reverend Samuel Willards akribische Aufzeichnungen machten sie unsterblich. Doch die Schrift, die sie für uns rettete, stand ihr selbst nicht zur Verfügung. Sie wusste nichts von jenem monumentalen Artefakt, das ihre Erfahrung hätte kontextualisieren können: dem Codex Gigas. Dieses kolossale Manuskript von 75 Kilogramm, angeblich in nur einer Nacht auf 160 Tierhäuten niedergeschrieben, existierte zu Elizabeths Zeit bereits seit über vierhundert Jahren. Es lag in einer Bibliothek, zugänglich nur für Gelehrte, für Mönche, für jene privilegierte Klasse von Menschen, die lesen konnten und durften. Welche Magd in Neuengland hätte je davon erfahren? Die Gelehrsamkeit war damals, wie heute, ein Privileg, und Elizabeth besaß davon so wenig wie von allem anderen. Sie konnte nicht wissen, dass Jahrhunderte vor ihr ein Mönch einen Pakt mit demselben Widersacher geschlossen hatte, unter anderen Umständen, mit anderen Bedingungen, doch mit derselben fundamentalen Struktur: die Seele als Währung, das Unmögliche als Preis. Sie musste glauben, sie sei die Erste, die Einzige, schließlich die Verdammte.

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Tage in der Bettritze

ich kann nicht an etwas denken
das nicht bedacht werden will,
das hinter der Mauer aus Schlaf existiert. Es gibt
ein Reich ohne Worte, ein Transportmittel fährt exakt
um 3 Uhr 13 ab. Der Bahnsteig nirgendwo,
aber ich erreiche ihn kurz nachdem ich mich erbrach.
In mir bleiben nur Dinge, die schon immer zu mir gehörten.
Der Wecker klingelt und man zieht sich eine Realität über,
die man bereits gestern trug, vorgestern – all die Tage
in der Bettritze

Das Scheitern eines Planeten

Schwärzer als die
Textur der Nacht schält sich ein
Symbol aus der dunklen Leere.

Was würdest Du tun, wenn die
Skepsis uns fräße, wenn unsere
eigene Natur eine Barriere bildete,
die zu überwinden unmöglich ist?
Das Paradoxon anerkennen, oder
zurückkehren, in den Traum vergangener
Ungewissheiten kriechen, die allesamt
besser sind als die Tatsache
einer Endgültigkeit?
Das Scheitern eines Planeten ist nicht laut.
Aber in diesem Orkan schreibe ich mich warm.

Die Kerntransplantation der Sinne,
eine Oktavenleiter hinauf oder
hinab (so genau lässt sich das nicht
feststellen), das löchrige Netz der
Spinne, die ihren Preis durch ihr
Verschwinden bezahlt. Dieser Ausgang
als eine neue, elementare Währung,
wahrhaftiger als die jeweilige
Wahrheit. Kaum sind wir hier, sind
wir auch schon wieder verschwunden,
das Leben als webender Minotaurus,
als Spinne, die zur Jagd
nur Ruhe benötigt.

Manche Gedanken sind donnernde
Vasallen, aber: ein Maulbeerbaum
erblüht und die Hufe sind geschwächt.

Kein Bach springt in den Krug

Ich habe vieles vergessen, von den Taten weiß ich nichts und immerfort zähme ich meine Erinnerung aus bunten Strukturen in einem gläsernen Gewand. Ich könnte nicht sagen, was es mir bedeutet, selbst vergessen zu sein, obwohl niemand je von mir gehört.

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Die Legende vom Grand Guignol

Das Grand Guignol, das von 1897 bis 1962 in Betrieb war, war eine Theaterinstitution, die eine Reihe von kurzen, provokativen Stücken aufführte: zwei bösartige, brutale Horrorspektakel mit blutigen Verstümmelungen und Morden und dann zwei extrem alberne komische Shows. Der Wechsel zwischen Horror und Komödie wurde als „douche écossaise“ (heiße und kalte Dusche) bezeichnet. 

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Mary Shelleys Frankenstein: Der missverstandene Roman

Zwischen Mary Shelleys Originalroman Frankenstein von 1818 und den zahllosen Filmen, die davon inspiriert wurden, besteht ein himmelweiter Unterschied. Selbst Kenneth Branaghs Verfilmung von 1994 fügt Shelleys Originalvision viel hinzu und nimmt dabei einiges weg. Der Titel mag zwar Treue zum Original signalisieren, aber am Ende wird Shelleys Buch mit dem Beil bearbeitet, und es wird verzweifelt versucht, die verschiedenen Teile zu einem kohärenten und lebendigen Ganzen zusammenzufügen. Das Ergebnis ist, wenn schon nicht ein Monster, so doch zumindest ein monströses Durcheinander.

Außerdem wird das Buch immer wieder von Missverständnissen begleitet, wie die berühmte Verwechslung des Schöpfers mit der (namenlosen) Kreatur (so spricht man von „Frankenstein“ statt von Frankensteins Monster) oder der Glaube, der Schöpfer sei „Doktor Frankenstein“ (dem ist nicht so: im Buch ist er nur ein einfacher Student). Es ist ein berühmtes Buch, das jeder kennt oder zu kennen glaubt, aber vielleicht ist es das berühmteste Buch, das in Wirklichkeit gar nicht gelesen wird.

Shelley war noch ein Teenager, als sie 1816 mit dem Schreiben begann. Die Umstände der Entstehung sind gut bekannt: 1815 brach der Vulkan Mount Tambora in Indonesien aus und verursachte einen Rückgang der globalen Durchschnittstemperatur um etwa 0,5 Grad Celsius. Dies führte zu einem Ausfall vieler Ernten. 1816 war das „Jahr ohne Sommer“ (Byron dokumentierte dieses Ereignis in seinem Gedicht „Darkness“). Shelley und ihr Mann, der Dichter Percy Bysshe, fuhren an den Genfer See, zusammen mit keinem Geringeren als Byron und einem jungen Mann namens John Polidori. Um sich die Zeit zu vertreiben, veranstalteten die vier einen Wettbewerb, bei dem es darum ging, wer sich die beste Geistergeschichte ausdenken konnte. Aus dieser Veranstaltung ging mit Frankenstein nicht nur der wohl erste Science-Fiction-Roman hervor, sondern auch der erste Vampirroman (Polidoris „Der Vampyr“, der 1819 – ein Jahr nach Frankenstein erschien).

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Behroka ever

Es ist eine kleine Stadt, die ich im ungarisch-österreichischen Grenzland verorte, obwohl ich im Nachhinein nicht konkret behaupten kann, dass sie auch wirklich dort lag. Im Traum selbst vergas ich den Namen zunächst, aber als ich nachfragte kristallisierte sich den Name Behroka ever heraus. Tatsächlich war das Städtchen so schön, dass mir die Tränen kamen, umgeben von einem sanften Gebirge, das mir aber nach dem Erwachen entwischte. Die Recherche, die Albera ausführte, förderte Beróka als einen speziellen Männertanz oder Geschicklichkeitstanz in der ungarischen Folklore zutage, während meine eigene Suche nach einem ähnlich klingenden Ort (denn dass es sich um einen solchen handelte, ging ja aus dem Traum hervor) zum Kurort Bükfürdő führte, was mich weniger befriedigen konnte.

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Der grüne Mann

Der Grüne Mann ist ein Waldgeist, der seit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Jahren in der Folklore verankert ist. Die Legende vom Grünen Mann stammt angeblich aus Europa, doch es gibt Geschichten und Belege dafür auf der ganzen Welt. Googelt man nach diesem Wesen, findet man eine Fülle von Informationen über seine Motive und Skulpturen, die in Kirchen in ganz Europa zu sehen sind. Doch hinter der Legende des Grünen Mannes steckt mehr.

Während der Grüne Mann in der heutigen Zeit als Gartenkunstwerk betrachtet wird, war er für unsere heidnischen Vorfahren einst ein Waldgott und der ultimative Wächter des Waldes.

Grüner Mann, Kathedrale Chartres

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