Die Veranda

Michael Perkampus | Albera Anders | Die literarische Welt

W. F. Harvey: Die Bestie mit den fünf Fingern

Die Bestie mit den fünf FingernW. F. Harvey wurde hineingeboren in das faszinierende Zeitalter der Psychoanalyse. Als Arzt dürften ihm die Unternehmungen Freuds um 1900 nicht entgangen sein, wie ja kaum jemanden der akademischen Welt. Die Surrealisten zogen ihren eigenen Spuk daraus, andere lehnten die Psychoanalyse rigoros ab. In der Kunstwelt fand Freud – wenig erstaunlich – den größten Anklang, aber Harvey ist einer jener Schriftsteller, die aus der Psychoanalyse Gespenstergeschichten ableiteten.

Hier haben wir also die Sammlung psychologischer Gespenstergeschichten von W. F. Harvey vorliegen, die sich etwas anders ausmachen als die klassische Variante. Zwar könnte man behaupten, eine Gespenstergeschichte sei immer auch psychologisch konnotiert und würde damit nichts falsches behaupten, aber uns interessiert die Frage nach der Einbildung. Wenn wir davon überzeugt sind, dass es in einer Geschichte um das Übernatürliche geht, nehmen wir  als Leser eine andere Haltung ein, als wenn wir berechtigte Zweifel haben, die sich aber nie aufdecken lassen, weil der Autor uns in ein Grenzland schickt: Zufall? Einbildung? Grauen? Alles zusammen? Schauen wir uns die Geschichten im Einzelnen an:

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Trouvaille

Ob man es weiß oder nicht: Ich wurde ungesehen groß, eine Pflanze in keinem Topf, umfasst nur von einem nassen Lappen, der Muttererde fern, ein nichtsnutziger Störenfried, Artefakt einer gähnenden Leere. Und das bin ich noch, einer, dessen Grab keine Räuber anlockt um etwan den Schädel zu stibitzen und zu befragen wo ist die Trouvaille. Der dann plaudert von kecken Freuden, die es in einem Jenseits gibt, das immer schon da war. Ein umgestülpter Geist – ich Knochen; ein ausgefallener Fehler, den man nur einmal begeht, weil zu Komplex, ihn jemals zu wiederholen.

ich schneid’ mir meine Stube ab
und bin im Raum ganz bar und blass
wo hängst du, wenn du hängen musst
ein Fenster ist kein Fenster gar kein
Ausblick auf das Gartenkraut
das Lüstel fehlt und liegt im Topf
im Eimer, den ich meine

Schnittmengen

Die Kommunikation ist ein interstellares Lächeln;
Zungenzeichen treiben die Boten in die Irre. Es
Verschwinden die großen Trübsale, die mit
Schweren Trauben behalftert auf der Gegenseite
Eine rechtsdrehende Ausfahrt nutzen. Die Blässe

Wird vom ausstehenden Teint verursacht, einer
Marter, die zu überstehen ist im Gegensatz zur
Syphilis, gegen die man an Schulen geimpft
Wird, die das Leben als etwas kennen, das
Rein zufällig durch den Gärprozess

Ausgelöst wird, den man in Erlenmeyerkolben
Nach=brodelt. Man häuft etwas Katzengold
An, wenn die Stille überhand zu nehmen
Droht, steckt in die Zigarette einen Nagel,
Der gegen Mangelerscheinungen hilft, spuckt auf den

Boden wie ein Professor, und masturbiert auf
Einem Fahrrad während der Sommermonate.
Alles in allem ist der Wahnsinn ein abgekartetes
Spiel, wo immer die Ampel eine weitere
Möglichkeit bereit hält, den Verkehr zu schockieren.

Truthahnfett rinnt über schlanke Wege, die Fallen
Erhöhen den Einsatz, an Menschenfleisch zu
Gelangen. In der Sänfte ein versteckter Dolch.
Außerhalb der Sonne tropft ein Vulkan in das
Paradies mit den symmetrischen Hörnern unter

Dem Haupthaar. Unter einer verbrannten Amsel
Entsteht ein neues Einkaufszentrum mit Tiefpreisen
Unter Null. Bienen werden beim schwarz=Honigmachen
Erwischt. Ihre Strafe soll sein die unbekannte
Königin. Allerdings hatte die Strecke auch ihr

Gutes, bestand nicht nur aus Kurven und Geraden,
Sondern ebenfalls aus einer Hypotenuse, die sich
Wie eine Krawatte binden ließ. Als du mich vor
Der Kommode entdecktest, war dir anzusehen, dass
Du es auf diese Art tun wolltest, die mich zur

Legende machen würde. Doch bräuchten wir hierfür nicht
Eine Menge Benzin? Meine Taschen waren längst
Zugenäht und deine hielten dem stürmischen Beifall
Kaum stand. Nur deshalb sprangen wir gemeinsam aus
Dem Fenster auf die Markise des Drachentöters.

Im Nachhinein hätten wir uns die Schuhe binden
Sollen, vielleicht wären wir dann woanders heraus-
Gekommen. So aber blieb uns der Trost
Des Sommergewitters
Auf einer Schallplatte.

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Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

Im Café der verlorenen JugendIn Modianos Roman von 2007 schwebt eine rätselhafte junge Frau namens Jaqueline, die von den meiste aber “Louki” genannt wird, im Text umher. Als wir ihr zum ersten Mal begegnen, wird uns gesagt, dass an ihr nichts Gewöhnliches ist. Tatsächlich spukt sie in der Erzählung herum wie ein Geist oder eine schlecht geformte Präsenz, die darauf wartet, in die Handlung einzugreifen, aber aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage ist, die anderen Figuren voll in die Handlung einzubinden.

Aber das zentrale Thema des Romans ist nicht wirklich Louki und ihre Beziehung zu den verschiedenen Erzählern, sondern das Konzept der “Fixpunkte” oder des Fehlens solcher Fixpunkte in ihrem Leben. Fixpunkte halten uns in unseren jeweiligen Realitäten fest, aber wie Modiano in seinem gesamten Werk gezeigt hat, werden alle Bezugspunkte im Nachkriegsmilieu verdächtig, insbesondere diejenigen, die wir in der Erinnerung verorten. So wird das Leben seiner Figuren immer wieder neu durchdacht und im Geflecht seiner Erzählungen neu fixiert.

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Der Beginn mit Bombina

Mit “Fortan ist Gestern und Geheul” trat ich heute Nacht in einen neuen Zyklus ein, der den “Post-GrammaTau”-Zyklus vom letzten Jahr ablösen wird. Oft kocht sehr lange nur ein Stück, das ich dann zwar einen Zyklus zuordnen kann, das aber in sich selbst nichts weiter fordert. Ich kann mir gut denken, dass daraus auch ein neuer Prosa-Rhythmus werden kann, in dem ich dann Erzählmomente so weit komprimiere, dass ein neuer abstrakter Ton entsteht.

Wenn ich mich an die Anfänge erinnere, dann finde ich sie 1979; ich war damals zehn Jahre alt und hatte einer Hausaufgabe zu erledigen, in der erklärt werden sollte, woher die Namen einiger Länder stammen. Hier kann ich mich nur an “Ungarn” erinnern. Von den magy (Menschen) wusste ich nichts, von Magyarország, wie das Land in eigener Sprache heißt, noch weniger als Nichts. Darum ging es aber nicht, sondern um die eigene Interpretation, die für mich nur lauten konnte: Unkengarn, das Garn der Unken, also der Bombina, einer Krötenart. Und darum spann ich meine Geschichte, die so falsch wie originell war. Es muss mich zu diesem Zeitpunkt das Feuer gepackt haben, denn kurz darauf schrieb ich meine erste kurze Geschichte, in deren Verlauf ein Elefant und ein Hund auf den Zeigern einer Küchenuhr, verhext durch magische Marmelade durch das nächtliche Haus flogen, gefolgt von einer zweiten, die von Kartoffelkäfern handelte, die eine Straße bildeten, auf der ein Plastiklaster fahren konnte, und einer dritten, die sich um eine mörderische Katze drehte, schließlich einer vierten, in der sich ein Fahrrad unter dem Fahrer auf seinem Weg in seine einzelnen Bestandteile auflöst. Obwohl ich mich an all diese Details erinnern kann – und sogar, wann und wo ich sie geschrieben habe, ist nichts von diesen Geschichten erhalten geblieben; hätte ich sie zur Hand, könnte ich mir wohl beweisen, dass ich von Anfang an tat, was ich auch heute noch tue: ungesehene Winkel erspähen.

Als die Telefonie noch analog verlief

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

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Tee anstatt Insektengift

Seit die Erde rotiert und durch eine dunkle Kartonage schlingert, dreht sich alles um dieses Insektengift, das auf jedem Altweibertisch vor sich hin dampft, schwarz wie ein Sumpfloch, saubitter und mulchig wie ein Maul voller Blumenerde, kurz bevor der April die Rentner in den Garten lockt. Selbstverständlich kann man sich Kaffee auch auf die Haut schmieren, wenn die vor lauter Allergie aussieht wie eine billige Pizza, und muss nicht nur fette Schnecken von den noch fetteren Erdbeeren  abhalten. Man will, so dünkt es mir, gar nicht an die eigentliche schwarze Brühe ran, sondern an das, was drin ist, im Kaffee also das Kaffee-in, bei dem die Basedowschen Kranken zwar mit Pulsbeschleunigung, Herzklopfen und folgender Gedankenflucht, Nervosität, und quälender Schlaflosigkeit reagieren, das gesellschaftliche Leben aber nahezu still stehend würde.

Ja, ich schwadronierte einst über unsere steinbrüchig gewordene  Kaffeekultur,  und bin noch immer davon überzeugt, dass manche Mauken wieder nach frisch geschleuderter Butter duften, wenn man das, was vom Weiberkranz übrig geblieben ist, in ein Fußbecken quirlt.

Als Höllenweib gesunder Praxis beobachte ich natürlich sehr genau, was sich im Land der Dichter, von denen ich bestochen werde, so tut – und, was soll ich sagen: da zeichnet sich eindeutig ein Trend nach englischem Vorbild ab. Theophyllin bring, wie alle Welt bezeugen kann, ein langes Leben in jede echte Queen hinein. Und wer möchte nicht, gebückt und runzlig, gewandet in bunte Farben und steinalt, noch so eine rüstige Fotografie abgeben?

Ob im Palast auch wirklich Twinings of London auf den schicken Tischen in den noch schickeren Kesseln zieht, vermag ich nicht zu sagen, obwohl ich gerade bemerke und mich frage, warum ich dort noch nie geladen war; gesagt aber werden kann, dass es hier in Dichters Grüften solch ein Getränk – von mir höchstselbst bereitet – zu jeder Tag und Nachtzeit gibt. God save Tee-in.

Ein Verbrechen und die Nacht

Was immer der Kriminalroman ist – das Unheimliche, das Böse, das Verbrechen, das Rätsel – beherbergt er wohl aller Menschen Los. Was aber, wenn einmal kein Verbrechen geschieht? Dann ist die Fiktion immer noch ein Rätsel, mehr als es das Leben ist. Und vielleicht ist schon mit aller Existenz ein Verbrechen im Gange, nur gelöst werden kann es nicht.

Zur Nacht – ich mag an einer bestimmten Stelle der Nacht Müdigkeit empfinden – aktiviert sich das Nachtgehirn, das sich ganz und gar von dem des Tages unterscheidet. Vielleicht tritt es gerade durch die Erschlaffung der körperlichen Funktion hervor. Ich ging auf und ab vor meiner Bücherwand; gehe ich nahe an sie heran, sind es viele, trete ich etwas zurück, bemerke ich vor allem das Fehlen jener Bücher, die noch nicht da sind. Dieses Fehlen fällt mir auf, weil noch Wand zu erkennen ist. Ich habe Mühe, die Nacht zu verschlafen – ein Traum ist ja nicht garantiert. Eine Nacht ohne Traum währe allerdings vertan, also muss der Ersatz, der sichere Ersatz, die Lektüre sein. Nicht das lineare Zeilenfolgen, sondern das Fliegen durch auffällige Bände, die sich anbieten durch ihr leichtes Vorstehen, das Durchbrechen der sauberen Linie.

Aus den Moosen dringen Rufe

Die Art, wie ein Haus sich den Raum nimmt,
durch seine Architektur die Witterung einlädt oder ablehnt,
ist eines der großen Wunder der Gestaltung. Die Eger
drang hinauf bis in die Wände und lieferte sich dort

eine Schlacht mit den wenigen Sonnenstrahlen. Die andere Seite
lag im Dunkeln gegen den abgetragenen Hang gelümmelt (oder
ließ lehnen, was sich gegenüber des Egertales empörte
und bis zum Hubertushause zog), von Stufen unterbrochen,

schwarzweiß, ein Schacht, durch den man durch ein Fenster
unter die Röcke anbrandender Mägde sehen konnte. Viele Unterleiber
standen dort auf einem Gitter vor der Tür und betätigten das Glockenspiel,
dessen Ton durch die Katakomben schellte, schallte und loff,

während Adam unter ihnen einem Maulwurf ähnelte,
der seine Blindheit eingebüßt hatte. Erst dann, wenn ihm die Farbe gefiel,
sprang er davon, um beim nächsten Mal in einem Warenhaus
nach eben jenen Buxen Ausschau zu halten. So war all das

ein Spiel der Wahrnehmung, so schärfte er sich, um dem Riss in der Zeit
zu begegnen, der genau im gegenüberliegenden Bereich
des Hufeisenlandes aufzuspüren sein musste, wo sich der Kohlwald buckelt,
und der nur deshalb lange nicht untersucht werden konnte, weil er

erstens nur angenommen war, und zweitens hinter der böhmischen Grenze
in der Karlsbader Region lag. Aus den Moosen drangen Rufe. Das Land
gehorcht dem Stein. Der Riss aber entstand durch die Umgestaltung mancher Häuser,
die doch besser sie selbst geblieben wären.

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Patrick Modiano: Die Gasse der dunklen Läden

Die Gasse der dunklen LädenIn Patrick Modianos Erzählungen dreht sich fast alles um die Erinnerung, dieser schwer fassbaren Eigenschaft.

“Ich bin nichts” lautet dann auch der erste Satz in “Die Gasse der dunklen Läden” von 1978. In Modianos Welt bestehen wir aus unseren Erinnerungen, unserer Geschichte, den Geschichten, die wir über unser Leben konstruieren. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer wir sind, sind wir dann überhaupt?

Der Protagonist Guy Rolland verlor vor 15 Jahren bei einem mysteriösen Unfall sein Gedächtnis, bis ihn der Privatdetektiv Hutte bei sich eine Anstellung verschaffte.

Als Hutte sich zur Ruhe setzt und nach Nizza zieht, übernimmt Guy die Aufgabe, herauszufinden, wer er wirklich ist, denn sein augenblicklicher Name ist nur eine künstliche Identität.

Mit Hilfe von Fotos, kleinen Hinweisen, Telefonbüchern und Gesprächen mit verschiedenen Personen setzt er sein Leben langsam zusammen, aber es ist eine verschlungene Straße mit vielen Löchern. Jeder Hinweis führt zu einem anderen; manchmal denkt er, er habe herausgefunden, wer er ist, nur um kurz darauf Beweise dafür zu finden, dass er doch ein anderer ist. Ist er Pedro Stern oder McEvoy? Wie lautet der Name der Frau auf dem Bild, die er wiedererkennt? Warum sind sie aus Paris geflohen? Es häufen sich die Fragen und es gibt kaum Antworten. Guy tappt im Dunkeln, in einer fast filmischen und traumhaften Welt, bevölkert von einer Vielzahl mehr oder weniger seltsamer Figuren. Auf der Grundlage der wenigen Informationen beginnt Guy, eine Geschichte zu erzählen, aber ist es wirklich so gewesen oder erzählt er sie nur, um zumindest eine eigene Geschichte damit festzuhalten?

Das Buch wird langsamer, als er beginnt, die scheinbar endlosen Hinweise auf das Rätsel um seine Identität zu lösen, und der Roman verwandelt sich von einem Detektivroman in einen Roman der Reflexion und Kontemplation, als Guy erkennt, dass der Schlüssel zur Entdeckung seines vergangenen Lebens von der Besatzung Frankreichs abhängt.

Modianos Stil ist einerseits klar in seinen Abläufen, und noch präziser, wenn er sich damit befasst, zu erkunden, wie das Gedächtnis funktioniert und was den Erinnerungsmechanismus jeweils auslöst. Und so erinnert der Roman an die Filme von Alain Resnais (Letztes Jahr in Marienbad, dessen Drehbuch Alain Robbe-Grillet verfasste), die die Beziehung zwischen Bewusstsein, Erinnerung und Vorstellungskraft erforschen.

“Die Gasse der dunklen Läden” ist ein melancholischer und unheimlicher Roman mit einer Rahmenhandlung, die genauso gut ein sehr konventioneller Krimi hätte werden können. Die fragmentierte Erzählung und die umgekehrte Chronologie machen ihn jedoch alles andere als konventionell. Wie üblich schreibt Modiano mit einer begnadeten leichten Hand. Schnell kann es deshalb sein, die kleinen wunderbaren Details in der Sprache und den Beschreibungen der Umgebung zu verlieren. Einige Kapitel sind nur eine Seite lang und bestehen aus Listen mit Namen, Adressen und Telefonnummern. Aber selbst in diesen Listen gelingt es ihm, die Poesie des Verlorenen sprechen zu lassen.

Modiano beschäftigt sich oft mit der tückischen Natur der Erinnerung und ihren Unzulänglichkeiten. Für ihn sind sowohl die Erinnerung als auch die Identität fließend und flüchtig, sie verändern sich ständig.

Für diesen Roman erhielt Modiano 1978 den renommierten Prix Goncourt für die nahtlose Integration des Psychologischen und Existenziellen in das oft formelhafte Genre der Detektivliteratur. Er ist ebenso erfreulich wegen seiner erwartbaren Szenen voller Spannung und Geheimnis als auch wegen der oft tiefgründigen Analyse von Identität und Erinnerung, die alle in unverblümter, geradliniger Ego-Prosa präsentiert werden, die der von Meursault in Albert Camus’ “Der Fremde” nicht unähnlich ist. Wie seinem Nobelpreisträger-Kollege gelingt es ihm, die komplexen Themen, die er behandelt, zugänglich zu gestalten, während andersherum die zahlreichen Charaktere und Anekdoten unüberschaubar bleiben.

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