Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Bakkarat

GrammaTau #74
In die Dunkelheit hinaus zieht ein Rächer in Rot
Kein Ziel trägt er am Leibe, kein Auge spricht ihn an
Gestern saß er ruhig neben seiner Leiche
Verwechselte die Fäden, die zu ziehen er sich vorgenommen
Denen zu folgen er sich aufgerafft, weg von seinem Mund
Der blaue Gewitter verbirgt

In den Fenstern spiegelt sich das Gegenüber
Einer bereits geschehenen Handlung
Entkernt ihrer heiteren Frucht
Siege fallen wie Siege fallen und Verluste
werden aufgeräumt in Tresore, in Vitrinen
Stuhlbeine vergehen sich an der Schlafenden
Die Tür ist wieder angelehnt

Video Channel: die Maske des roten Todes

Möblierte Schatten

GrammaTau #73
Unter dem finstren Sonnenstrahl gelegen
Wogt das schwache Gold, ein Mensch wirds wägen
Um schwarzen Tinnef zu erstehn. Die Regeln
Kennen ihren Schöpfer, falten Fallen, stricken vor.
Der Henker stirbt, der Tod kennt seinen Namen.

Hinaus will das Licht nach getaner Arbeit,
In das Vergnügen der großen Sehnsüchte flirren -
	Im Raum hinterlassen Spiegelfragmente
	Das Abbild möblierter Schatten,
	Umrisse schlafender Erinnerungen -
Um sich zu versichern,
Das Publikum des Nachthimmels
Möge eingetroffen sein,
Verlöschend, geboren, durch die Zeit sickernd.
Der Henker stirbt, der Tod kennt seinen Namen.

Mittler

keinen Dichter wie mich. Aber diese Einzigartigkeit überfordert auch jene, die eigentlich Gedichte lesen, ihnen mangelt es am Verständnis universeller Wahrnehmung. Das bezieht sich auf die Ästhetik. Man muss doch noch immer jedem sagen, was es mit der Kunst auf sich hat, erst dann zündet ein vages Verständnis. So ist der Mittler stets wichtiger als der Dichter, als der Künstler selbst. Auch Kunst braucht also einen Propheten, aber anders war das nie. Man lernt nicht, was das Gedicht sagt, sondern was der Mittler darüber weiß.

Möglichst wenig Witterung

GrammaTau #72
möglichst wenig Witterung, hinausfinstern, 
endlosschleifen hinterlassen,
barfuß durch den Schnee spuren, die planta pedis wieder zurück
(diebische Freude über Verwunderung, die man nie beweisen kann)
– Wie war der Cunnilingus?
Moskenstraumen lässt das Schiff zerbersten an den angehäuften Scherben, die Rauschbeere gefüllt mit einer Fleisch-Farce, die wir durch den Refraktor betrachten konnten, am westlichen Rand
(ein Baum)
mehr oder weniger als ein Baum, am östlichen Weltrand ein Turm, dessen bloße Architektur bereits bösartig ist, der Archimimus schreitet neben der kupplerischen Zofe unter
Charlatanen, Dieben, Trunkenen, Sklaven, Köchen, Matrosen, Hirten, Schulmeistern, Soldaten, Mautnern, Schankwirten, Winzern, Lumpenhändlern, Seilern, Hetären, Hebammen und Flötenspielern.
Göttin, dass du Zuschauerin bist in all der Mädchen Augen und bereits dann,
wenn die Mutter den nackten Sohn betrachtet – und anders als der Samenjockl ist er es, den sie selbst gebar
möglichst wenig Witterung, die Nahrung ist nie näher dem Ambrosia
als beim Nagen an der Brust, wenn noch am Körper ich dir verwandt dann später ich die Haut dir leihe, das Es im Spiel der Rollen, das Es im Spiel der Lebensklammer, zwischen rosafarbenen Industrieabfällen und himmelblauen
Werkzeugkisten, die Wunderkraft des Amarant
(die Ehrenstrafe)
das Hinablassen der Hose vor den Voyeurinnen
(der Liebeszauber)
Sie ließen sich auf den Hintern Brotteig kneten und gaben mir zu essen, das Brot als Substitut der konzentrierten Kraft, mit Batzenwecken unter den Füßen tanzten sie
(das Brot war wie die Steine
das Messer von Blut so rot)
Najaden in den Brunnen

Höllenkapinski

Ein Höllenkapinski. Das ist ein erfundenes Wort (der Witz liegt darin, dass alle Wörter erfunden sind). Die Sprache verändert sich. Liegt das an der Evolution der Zungen und Backen? Ich habe ein Instrument im Hals, das sich archaisch anhört, wenn ich normal-täglich spreche (ich rede schnell und vervollständige die Sätze nicht); sobald ich mich konzentriere, höre ich mich an wie ein Sprachanfänger; also bleibe ich beim Lallen. Nein, ich bin kein Redner. Wenn mir gerade nicht schwindelig ist, bin ich allerdings ein Quasselbold. Das ist ein Kompositum (der Witz liegt darin, dass man auf diese Weise tiefer und tiefer gelangen kann). Weil ich also eher still und scheu bin, bin ich laut und rumpelig. Ich nehme Witze für bare Münze und mit dieser bezahle ich mein Emmerkornbrot.

Irrstraße, äußerer Ring

GrammaTau #71

Straßen, die durch Schluchten ohne Stallung fliegen
Ändern ihre Routen in den Taschen der Zauberer
Wer sie kennt, kehrt gerne ein in den Näpfen
Die verbleiben, die Wasser zur Stärkung anbieten
Bis die giftige Flut neue Häuser gebaut

Teer dampft aus dem Sicker
Den Brüdern der Vulkane, künstlich angelegt
Geysire der langen Wege, gesäumt von Schottergruben
Ihr Geröll stempelt Zeit in die Erde
Drückt hinein den vergorenen Most der Pestilenz

Im Morast feiern knochenschlanke Hekaten
Den Tod eines seifenspendenden Embryos
Die Dinge entfliehen den sterbenden Wolken
Deren Regen gefriert in der Mutterbrust
Visionen am Straßenrand, von brennendem Ginster genährt

Neuheiß

nun es also so ist, dass mich die hitze in den raum zwingt, diesen nicht zu verlassen zwingt. Ich kann also das haus nicht verlassen und selbst innen ist es gefährlich, nur minimal bewegen, nur ein buch von hier nach dort tragen, ein luftschrauber im käfig ist an; lese von der hitze 1904 und lese von der hitze im 16ten jahrhundert: aber hat es den sommer über wenig getawet und ist sonsten auch an wasser grosser mangel furgefallen; und jetzt tawet es genausowenig und es gibt auch solche durre und fewersbrunst.

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