Ein Wort macht Karriere
Wer heute „Thriller“ sagt, meint zugleich ein Buch, einen Film, ein Videospiel, eine Playlist und vielleicht noch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo. Kaum ein Gattungsbegriff hat eine vergleichbare kulturelle Inflation erlebt. Dabei ist das Wort selbst verblüffend jung und verblüffend klar in seiner Herkunft.
„To thrill“ bedeutet im Englischen so viel wie durchrieseln, erbeben, erschauern lassen. Wir stoßen bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das „durchlöchern“ „oder durchstechen“ bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa „Nasenloch“. Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der „durch“ bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen „dürchel“, der ebenfalls „durchbohrt“ oder „durchlöchert“ bedeutet. In den 1590er Jahren entstand die übertragene Bedeutung des Thrillers als etwas, das „ein frostiges, aufregendes Gefühl vermittelt“, was auf die Vorstellung zurückgeht, von einer emotional durchdringenden Kraft erfasst zu werden.
Ein Thrill ist also etymologisch kein sanftes Kribbeln, sondern ein Durchstich: etwas dringt in uns ein, ohne dass wir uns wehren können. Das Körperliche, ja Invasive dieser Metapher wird von Anfang an über die körperliche Wirkung auf sein Publikum definiert; nicht so sehr über eine Figur, einen Schauplatz oder eine Moral, sondern über ein bestimmtes Gefühl. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme in der Gattungsgeschichte. Wir sagen ja nicht „Weinlich“ für das rührselige Drama oder „Lachhaft“ für die Komödie, auch wenn diese Wörter existieren. Beim Thriller jedoch wird der Affekt buchstäblich zum Namensgeber.



