Neue Physik

Eine neue Physik ist am Werden. Und sie ist notwendig, weil die, die wir kennen, zwar für unser billiges Leben und unseren billigen Hausgebrauch relativ in Ordnung scheint, darüber hinaus hat sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern ist allein unseren Sinnen und unseren Ideologien unterstellt. Die Wissenschaft selbst hat sich ihre Nutzlosigkeit in den letzten Jahrzehnten durchaus eingestehen müssen und sich immer mehr den Machenschaften der Katholischen Kirche angenähert. Dogmen werden erstellt, die zu glauben sind. Abweichler werden aus ihren Karrieren katapultiert (was nichts anderes ist als eine Exkommunizierung) . Sicher, die Krise der Wissenschaft ist keine Neuigkeit und mutige Männer und Frauen scheißen auf das Wissensverbot und arbeiten so, wie es auch erforderlich ist: mit Neugier. Es gibt eine Theorie und der wird nachgegangen. Tatsächlich ist unser Weltbild nicht nur aus den fugen geraten, es liegt in Trümmern. Geschichtsschreibung? Reiner Nonsens, den die meisten Fantasy-Autoren sogar besser erzählen. Wesentlich besser. Das Weltall? Nun, eigentlich wissen wir nichts darüber; besser: hier entscheidet sich genau jene neue Physik, gerade weil wir in nahezu allen Belangen falsch lagen. Das ist normal. Als Menschen können wir im Grunde nur falsch liegen. Entsetzlich wird es erst dann, wenn wir eine Welt eingerichtet bekommen, die auf falschen Prämissen aufgebaut ist. Aber wer wüsste das nicht bereits?

Eine neue Physik muss pragmatischer werden und akzeptieren, dass die Natur auf fundamentaler Ebene unordentlicher, asymmetrischer oder komplexer ist, als es unser Wunsch nach eleganten mathematischen Formeln vorgibt.

Falscher Ausstieg

Etwas zu dokumentieren braucht Daten. Was aber, wenn es sich um einen Entwurf von Welten handelt und Daten offensichtlich künstliche Produkte sind? Ich habe kaum Daten über mich. Mein Geburtsdatum scheint fest zu stehen, es ist auf Papier vermerkt, zusammen mit meinem Namen und dem Gewicht, das nicht höher liegt als eine schöne Tüte voller Rohfleisch. Vom Markt. Aber das hat nichts zu bedeuten, ich kämpfte mich bereits seit einer halben Stunde hervor. Wäre ich auch nur etwas konsequenter gewesen, hätte ich die Hölle bereits am ersten April betreten. Standesgemäß, fürwahr. Aber nicht einzulösen, denn eines ist sicher: ich wollte nicht auf diesem vom Wahnsinn gezeichneten Planeten aussteigen. Weder früher, noch später. Jetzt hatte sich allerdings bereits so viel Fleisch um mich gepackt, dass ich quasi keine andere Wahl mehr hatte, als den Schlitten zu ziehen.

Kleewald Robinson: Handsome Farmer Toast

Langform
Auszug

Das STRANDSACK hatte über der Tür und an den Fenstern einiges an Leuchtreklame hängen, aber eingeschaltet war keine davon. Diese Bar am Rande der Stadt wollte die Antithese zu jeglichem Licht darstellen, auch wenn im Innern zahlreiche Funzeln dafür sorgten, dass man nicht an das Trinkglas des Nachbar rempelte oder über seine eigenen Füße fiel, wenn man sich dann doch einmal bewegen wollte. Vicky Morra hatte die Idee des Strandsacks angeblich aus Italien mitgebracht; ihre zwielichtigen Dienstleistungen waren ihr tägliches Brot, aber gesehen hatte sie noch niemand. Und ihre Angestellten schürten das Mysterium noch, in dem jeder, der für Vicky arbeitete, damit beauftragt war, eine andere Beschreibung von ihr zum Besten zu geben. Im Verbund mit einigen schauerlichen Geschichten konnte dem schlechten Ruf der Bar niemand mehr das Wasser reichen, auch nicht Die Gilde der pechschwarzen Liebe, die auf nächtlichen Friedhöfen einige unappetitliche Dinge taten, aber eigentlich eine Theatergruppe waren, die sich Drogen und Visionen hingaben, um eines Tages den perfekten Macbeth zu geben, dieses herrlich verfluchte Stück.

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Die Idee des Geschmacks

Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.

Die Welt des Domino

Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 km/h. Was dabei herauskommt sind sagenhafte 65,8 km/h. Geht man darüber, löst sich etwas auf, das keine Reise wieder gutmachen kann.

Phantasma

Um drei Uhr bricht die Hölle los, aber sie ist, anders als das Klischee geht, leise. Ich erwache eine Minute später, aber ich bemerke binnen Sekunden eine Kälte, die sich nicht mit der Haut aufhält. Besteigt man um diese Stunde eine Kutsche, wird sich die bekannte Zeit im Kreise drehen, auch wenn man sein Ziel sicher erreicht. Man könnte früher angelangen, als man losgefahren war. Oder man kam Tage, Wochen oder sogar Jahre zu spät zu einer Verabredung, die ebenfalls nur in der Erinnerung existiert. An was erinnere ich mich, wenn ich so salopp fragen darf? Einen Traum? Eine Einbildung? Oh – das letzte Wort verlangt Abhandlungen, Tumulte, Apologien und derlei mehr Fachbegriffe. Aber nicht so plump wie es da steht.
Ich zum Beispiel phantasmiere. Ich bilde mir nichts ein. Lacan spricht von einer Abwehr, die dem Phantasma zugrunde liegt. Geister und Gespenster, die Schrullen der Nacht als Konsequenz einer Bedrängnis durch das Leben selbst.

Stell dir vor, der Postbote will etwas von dir. Er will dir einen Brief aushändigen, aber deine Hand geht nicht zum Brief, während die des Boten bereit ist, das Papier in der ausgestreckten Hand sofort fallen zu lassen, aber er will die Erde nicht beschmutzen, und keine Hand ist da. Wahrscheinlich wird er etwas sagen wie „Nun nehmen Sie schon, es ist Ihre Post!“ Und du denkst dir, dass du ja gar keine Post hast, dass dir ein Zettel, an dich gerichtet, nicht als Besitz angedichtet werden kann. IHRE POST. Ach leck mich doch am Arsch, was soll das heißen?

aussortierte blitze

komm einmal zähne brechen knochen doch genauso
im korb aus licht zermürbt die welt aus hitze alles kleine

die saat geht auf im bunker wo die sterne toben
frieden zu haben im raubzug der elemente

wo es dem körper an allem mangelt

hergestellt wird beute mit genauso bunten lichtern
angekettetes plus kommt mit plüsch und einer caprisonne

mirakulös ist alles vor ort, alles da, war nie weg
aber eben auch nicht „richtig“ da, niemandes schatten
niemandes gebein im lager der aussortierten blitze

Beredte Ruhe

Die beredte Ruhe eines frühen Morgens ist mit Worten nicht zu durchdringen. Wie in den letzten Wochen auch, ist es sechs Uhr. Wenn die Welt jetzt so bliebe … wenn sie grundsätzlich sechs Uhr wäre, auch am Mittag, am Abend. Sechs Uhr an einem vogellreichen Sommertag. Schwer zu begreifen in ihrer Schönheit: das Licht, die stille Luft, die sich auf einen heißen Tanz vorbereitet, der gegen Mittag erwartet wird.

Ein zehnjähriger Status Quo geht im August zu Ende. Die Ereignisse stürmen von außen heran, eine Belagerung ist gar nicht nötig, eine Verteidigung nicht vorhanden. Die Fenster sind die Brille. Ich sehe eine Trabantenwelt. Und niemand tötet den abstrakten König, der einen anderen Reim bekommt als eine Lehm fordernde Hexe. „Der König ist tot, es lebe der König!“ statt „Ding Dong, die Hex‘ ist tot!“ Die Abstraktion löst sich in Luft auf, der Lehm aber gebiert neues Leben.

Ich stehe im Tumultus allein, mich erreicht keine Stimme, mich spricht keiner an. Geboren in der Porzellanstadt Selb, herausgebrochen mit grober Kelle aus der Wand des romantischen Tempels. Als die Welt noch existierte, als nicht absehbar war, dass bald keine Welt mehr zur Verfügung steht, die man verlassen oder umarmen möchte. Unterunwohlgeboren. Sicherlich fror ich, denn ich friere noch. Und auch jetzt bleibt es nicht sechs. Es ist bereits heller, der heiße Tanz nicht mehr weit entfernt.

Besonders heiß

Ich beginne mit dem Wetter, um einem fürchterlichen Klischee zu entsprechen. Mit 33 Grad um 12:58 ist es in Kempten nicht einmal besonders heiß. Für mich bedeutet aber alles über 25 Grad den schieren Hitzetod. Also ist es doch besonders heiß.

In all den Jahren ist auffällig – und es muss sich um eine Täuschung handeln – dass kaum eine Wettervorhersage hier ankommt, oder das Wetter beschließt, sie nicht besonders ernst zu nehmen. Die Wurmfortsätze der Republik sind allerdings auch hier zu finden. Heißgetränke bei Hitze wandeln sich von braunem Insektengift in Milchkaffee, nein, es ist schon eher ein Latte – des Milchschaums wegen.

Dass man sich dem Menschen fremd fühlt und sich auch das Menschliche in einem selbst nicht als Freund erweist. Friend or Foe. Das dunkle Zeitalter, könnte man sagen, wenn es überhaupt Zeitalter gäbe.

Ohne Ersparnisse

Die Welt hat keine Ersparnisse. Die Vernichtung des Alten ist das, was sie um mich herum Fortschritt nennen, und ja, sie schreiten fort von all dem, das uns Balsam war. Der Krieg ist in Wirklichkeit das Toben ohne Schützengewehr, reglementierte Vernichtung um ihrer selbst willen.

Die Welt hat keine Ersparnisse, die wurden ihr als erstes geklaut. Wir sind jetzt Menschen ohne Schild, in Todeszuckungen gefangen, die endlos scheinen, das Vieh, das ein müdes zähes Fleisch auf den Tellern der großen Verbrecher liegen lässt: Brust, Keule, Verstand.

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