Die Idee des Geschmacks

Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.

Die Welt des Domino

Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 km/h. Was dabei herauskommt sind sagenhafte 65,8 km/h. Geht man darüber, löst sich etwas auf, das keine Reise wieder gutmachen kann.

Phantasma

Um drei Uhr bricht die Hölle los, aber sie ist, anders als das Klischee geht, leise. Ich erwache eine Minute später, aber ich bemerke binnen Sekunden eine Kälte, die sich nicht mit der Haut aufhält. Besteigt man um diese Stunde eine Kutsche, wird sich die bekannte Zeit im Kreise drehen, auch wenn man sein Ziel sicher erreicht. Man könnte früher angelangen, als man losgefahren war. Oder man kam Tage, Wochen oder sogar Jahre zu spät zu einer Verabredung, die ebenfalls nur in der Erinnerung existiert. An was erinnere ich mich, wenn ich so salopp fragen darf? Einen Traum? Eine Einbildung? Oh – das letzte Wort verlangt Abhandlungen, Tumulte, Apologien und derlei mehr Fachbegriffe. Aber nicht so plump wie es da steht.
Ich zum Beispiel phantasmiere. Ich bilde mir nichts ein. Lacan spricht von einer Abwehr, die dem Phantasma zugrunde liegt. Geister und Gespenster, die Schrullen der Nacht als Konsequenz einer Bedrängnis durch das Leben selbst.

Stell dir vor, der Postbote will etwas von dir. Er will dir einen Brief aushändigen, aber deine Hand geht nicht zum Brief, während die des Boten bereit ist, das Papier in der ausgestreckten Hand sofort fallen zu lassen, aber er will die Erde nicht beschmutzen, und keine Hand ist da. Wahrscheinlich wird er etwas sagen wie „Nun nehmen Sie schon, es ist Ihre Post!“ Und du denkst dir, dass du ja gar keine Post hast, dass dir ein Zettel, an dich gerichtet, nicht als Besitz angedichtet werden kann. IHRE POST. Ach leck mich doch am Arsch, was soll das heißen?

aussortierte blitze

komm einmal zähne brechen knochen doch genauso
im korb aus licht zermürbt die welt aus hitze alles kleine

die saat geht auf im bunker wo die sterne toben
frieden zu haben im raubzug der elemente

wo es dem körper an allem mangelt

hergestellt wird beute mit genauso bunten lichtern
angekettetes plus kommt mit plüsch und einer caprisonne

mirakulös ist alles vor ort, alles da, war nie weg
aber eben auch nicht „richtig“ da, niemandes schatten
niemandes gebein im lager der aussortierten blitze

Beredte Ruhe

Die beredte Ruhe eines frühen Morgens ist mit Worten nicht zu durchdringen. Wie in den letzten Wochen auch, ist es sechs Uhr. Wenn die Welt jetzt so bliebe … wenn sie grundsätzlich sechs Uhr wäre, auch am Mittag, am Abend. Sechs Uhr an einem vogellreichen Sommertag. Schwer zu begreifen in ihrer Schönheit: das Licht, die stille Luft, die sich auf einen heißen Tanz vorbereitet, der gegen Mittag erwartet wird.

Ein zehnjähriger Status Quo geht im August zu Ende. Die Ereignisse stürmen von außen heran, eine Belagerung ist gar nicht nötig, eine Verteidigung nicht vorhanden. Die Fenster sind die Brille. Ich sehe eine Trabantenwelt. Und niemand tötet den abstrakten König, der einen anderen Reim bekommt als eine Lehm fordernde Hexe. „Der König ist tot, es lebe der König!“ statt „Ding Dong, die Hex‘ ist tot!“ Die Abstraktion löst sich in Luft auf, der Lehm aber gebiert neues Leben.

Ich stehe im Tumultus allein, mich erreicht keine Stimme, mich spricht keiner an. Geboren in der Porzellanstadt Selb, herausgebrochen mit grober Kelle aus der Wand des romantischen Tempels. Als die Welt noch existierte, als nicht absehbar war, dass bald keine Welt mehr zur Verfügung steht, die man verlassen oder umarmen möchte. Unterunwohlgeboren. Sicherlich fror ich, denn ich friere noch. Und auch jetzt bleibt es nicht sechs. Es ist bereits heller, der heiße Tanz nicht mehr weit entfernt.

Besonders heiß

Ich beginne mit dem Wetter, um einem fürchterlichen Klischee zu entsprechen. Mit 33 Grad um 12:58 ist es in Kempten nicht einmal besonders heiß. Für mich bedeutet aber alles über 25 Grad den schieren Hitzetod. Also ist es doch besonders heiß.

In all den Jahren ist auffällig – und es muss sich um eine Täuschung handeln – dass kaum eine Wettervorhersage hier ankommt, oder das Wetter beschließt, sie nicht besonders ernst zu nehmen. Die Wurmfortsätze der Republik sind allerdings auch hier zu finden. Heißgetränke bei Hitze wandeln sich von braunem Insektengift in Milchkaffee, nein, es ist schon eher ein Latte – des Milchschaums wegen.

Dass man sich dem Menschen fremd fühlt und sich auch das Menschliche in einem selbst nicht als Freund erweist. Friend or Foe. Das dunkle Zeitalter, könnte man sagen, wenn es überhaupt Zeitalter gäbe.

Ohne Ersparnisse

Die Welt hat keine Ersparnisse. Die Vernichtung des Alten ist das, was sie um mich herum Fortschritt nennen, und ja, sie schreiten fort von all dem, das uns Balsam war. Der Krieg ist in Wirklichkeit das Toben ohne Schützengewehr, reglementierte Vernichtung um ihrer selbst willen.

Die Welt hat keine Ersparnisse, die wurden ihr als erstes geklaut. Wir sind jetzt Menschen ohne Schild, in Todeszuckungen gefangen, die endlos scheinen, das Vieh, das ein müdes zähes Fleisch auf den Tellern der großen Verbrecher liegen lässt: Brust, Keule, Verstand.

Der Tag beginnt

Der Tag beginnt mit dem üblichen Rauschen, mit dem sich das Licht ankündigt. Es ist, wie in den letzten Wochen immer, sechs Uhr. Ich weiß nicht, wie man Hilflosigkeit ausdrückt, wahrscheinlich aber kaum mit einem großen Maul. Es gibt Kammern, in die man geht, um sich dem Blei auszusetzen (insofern man jemand ist, der eine Kammer betritt, um sich dem Blei auszusetzen). Die Strategie der Vermeidung rettet nicht vor der Starre im Angesicht des Unbegreiflichen. Ja, die Sonne geht auf (und zum Glück auch wieder unter), die Uhren zeigen noch die Uhrzeit an, durch die offenen Fenster dringt noch Luft, aber sonst …
… aber sonst hat sich alles verändert, schwankt mit veralteten Masken durch die Dimensionen einer Trance, die alles bedeckt wie der erste Schnee, der noch etwas auf sich warten lassen wird. Ich glaube, wir bleiben jetzt in diesem Tunnel und folgen ihm zum Ende hin.

No tresspassing for casual people

Tot ist die Form der Sprache, die niemand mehr liest und um die niemand mehr weiß und immer weniger wissen. Vielleicht ist es die Sprache, die uns daran hindert, die Realität wahrzunehmen wie es uns als Telepathen einst möglich gewesen ist, ANNO. Ich denke das, während ich hier sitze und mich mit Ausgrabungen und schattigen Plätzchen beschäftige, die kaum wiederzugeben sind und die sich für die Armee der casual people wie barer Unsinn lesen müssen. Es wäre ein leichtes zu behaupten, man schriebe für jemanden, der gerade nicht da ist und den es vielleicht auch in Zukunft nicht geben wird, man schriebe also für die Illusion (schlimmer und verlogener noch: man schriebe für sich selbst). Letzteres ist ein trauriges Maß, aber es scheint noch am ehesten stimmig zu sein. Des Menschen Geist sind meine Pfründe, die ich von diesem geistlosen Wesen nehme, um sie in einen unbekannten Wert zu verwandeln. Die Vermittlung der Kunst ist einfach, wenn man einen Vermittler hat, jemand, der den casual people sagt, dass sie wegbleiben sollten, wenn aber nicht, sollten sie sich dies und jenes ansehen. Der Mensch tut, was man ihm sagt. Er wird Kunst erkennen, wenn der Vermittler ihm sagt, was das überhaupt ist. Aber es bleibt immer ein Spiel der externen Vermittlung. Es sei denn, du bist jemand anderes.

Weder gestern noch heute

Die schattigen Sparten zermörserten das Licht,
es gab keine Einkehr mit hellen Vehikeln und einem Umtrunk
an beleuchteter Bowle. Gesichter verloren ihre wertvollen Schalen
und zeigten ihre knöchernen Gebäude voller Höhlen und Nebennarben,
beigebracht auf einer Suche, die den Gestirnen folgt. Die
ältesten Lagerfeuer zwischen Tag und Nacht,
ein zarter Tanz, der stets an dieser Grenzstatt sein Auskommen findet,
flüchtig und unauffindbar in Gestalt, Mächtig
in der Erinnerung eines schlanken Morgens, einer nachgebenden Nacht. Die
Kohle glüht, der Erzähler sitzt, weil er sonst doch zu sehr schwanken würde.
Um Punkt Mitternacht schlägt die Uhr zwölf,
dann ist es weder gestern noch heute.

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