So irisch wie der Vampir

Vergiss die Kobolde und das grüne Bier am St. Patrick’s Day. Wenn an diesem Tag jeder Ire ist, dann sollte man in Betracht ziehen, das populärste aller irischen Monster zu feiern, eine wahre Kreatur des Ould Sod (des alten Landes) – den Vampir.

So manches schreckliche Tier fand seinen Ursprung in den dunklen Tälern und melancholischen Bergen von Eire. Alte keltische Legenden und Bräuche vermischten sich zuerst mit der römischen Mythologie und dann mit dem Christentum, woraus ein reicher Trank aus dunklen Überlieferungen entstand. Ein Teil dieser Vermischung der Kulturen findet sich in unserem heutigen Fest zu Halloween. Viele der Traditionen, die erstmals in den USA von irischen Einwanderern im 19. Jahrhundert populär gemacht wurden, haben ihren Ursprung im keltischen Feiertag Samhain. Es wurde gesagt, dass die sterbliche und die geistige Welt während dieses Festes, das das Ende des Sommers und den Beginn des Winters markiert, verschmelzen. Die Menschen schützten sich vor bösen Geistern, indem sie sich selbst als Geister und Goblins verkleiden. Um Respekt zu zeigen, boten sie den Toten, die an diesem Tag nach Hause zurückkehrten, Essen an. Die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen (1. November und 2. November) wurden zu einem Ersatz für die heidnischen Feiertage mit Feierlichkeiten ab dem Abend des 31. Oktober – dem Allerheiligenabend. “So irisch wie der Vampir” weiterlesen

W. H. Pugmire: Der dunkle Fremde (Blitz)

Vor einigen Jahren fragte ich Wilum “Hopfrog” Pugmire per Mail, ob ich einige seiner Geschichten übersetzen dürfe und er antwortete, dass ich gerne alles von ihm übersetzen dürfe, was ich wolle. Gerne hätte er ein Büchlein seiner Geschichten in deutscher Sprache, von der er schwärmte, weil seine Vorfahren aus Deutschland gekommen waren. Allerdings, teilte er mir mit, seien bereits Freunde von ihm damit beschäftigt, ein Buch mit Übersetzungen auf den Weg zu bringen. Heute weiß ich, dass zumindest einer dieser Freunde Eric Hantsch war. Trotzdem gehörte ich zu Pugmires ersten Übersetzern, lange bevor “Der dunkle Fremde” im Blitz-Verlag erschien, ein schön aufgemachtes klassisches Taschenbuch mit einem Titelbild von Björn Craig, übersetzt von Dr. Frank Roßnagel.

Natürlich weiß auch hierzulande jeder, der sich mit Lovecraftian Horror oder dem kosmischen Schrecken beschäftigt, wer Pugmire war. Viele lasen ihn bereits im Original, denn oftmals bleibt einem ja nichts anderes übrig. Übersetzungen der besten Horrorautoren sind kaum zu finden.

Bevor wir uns die versammelten Geschichten in diesem Büchlein anschauen, müssen wir noch einmal zu Wilum zurück kommen, denn es gibt ja auch noch jene, die ihn nicht kennen und nie etwas von ihm gehört haben, oder vielleicht auch jene, die zögern, ihn zu lesen. Man mag vielleicht der Meinung sein, dass die Werke Lovecrafts völlig ausreichen (inklusive jener Erzählungen, die er im Verbund mit anderen Autoren geschrieben hat), da bräuchte man keine “Nachahmer”, von denen es ja viele zu geben scheint. Der wichtige Unterschied besteht jedoch darin, dass es zwischen Nachahmung und einer Tradition eine gewaltige Kluft gibt. Pugmire ist nämlich niemand, der imitiert, er ist nach August Darleth und Ramsey Campbell wohl derjenige, der das Schreiben in der Tradition Lovecrafts entscheidend mitbegründet hat. “W. H. Pugmire: Der dunkle Fremde (Blitz)” weiterlesen

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Das Bildnis des Dorian Gray ist eine der elegantesten Romane der Schauerliteratur; das liegt vor allem an Oscar Wildes Interesse, das Makabere mit dem Sinnlichen, dem Philosophischen und dem Frivolen zu mischen. Mit seinem Fatalismus stand Wilde zeit seines Lebens selbst in Kontakt, er war eine grundsätzliche Haltung des fin de siecle. Der Roman löste kurz nach seinem Erscheinen in den frühen 1890ern einen gewaltigen Skandal aus, was nicht zuletzt seinem leicht homoerotischen Ton zu verdanken ist, den man vielleicht nicht so leicht entschlüsseln kann, weil er hauptsächlich in Symbolsprache gehalten, und von Dunkelheit durchzogen wird. Eingewebt in die Themen Schönheit, Alter, Verfall und Theorien zur Kunst, findet sich der schillernde Faden des Untergangs, der um so ergreifender wirkt, je mehr man über die Beziehung des Autors zu seinem Dorian Gray weiß, denn dass sich Oscar Wilde in sein Meisterwerk selbst hineingeschrieben hat, steht außer Frage. “Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray” weiterlesen

H.P. Lovecraft – Der Außenseiter

Titelbild von Belinda Kriek

Die Geschichte von einem Ich-Erzähler, der durch die Begegnung mit einem
Spiegel sein monströses Selbst erkennt, ist (wie stets bei H.P.L.) auf
Atmosphäre bedacht. Mir entsteht oft der Eindruck, die Schwärze, die
Leere einer unsäglichen Erinnerung aufzuspüren, die unbenannt bleibt,
aber allgegenwärtig wartet, in jeder Mauer, unter jedem Stein. Das Duale
eines unterirdischen, vielleicht verschütteten Schlosses (gegen Ende
der Ezählung wird das ‘Fest der Nitokris’ erwähnt, die im alten Ägypten
(um 2100 v. Chr.) einen unterirdischen Saal errichtete, um dort während
eines Gelages alle geladenen Mörder ihres Bruders zu ersäufen), die
Flucht aus diesem uralten, nur mit Büchern und Verfall und Dunkelheit
angefüllten Gebäudes – hin zu einem lichten (wohl aber dekadenten) und
farbenfrohen Fest, das durch das Auftauchen des noch unwissenden
Erzählers, in Panik endet, der auch er sich zunächst anschließt, steht
dem Symbolismus nahe.
Aus der eigenen Mythologie nimmt Lovecraft Nephren-Ka, letzter Pharao
der 3. Dynastie, der auch als ‘schwarzer Pharao’ bekannt ist, sowie die
Stadt Hadoth am Nil.

Der Außenseiter gehört zu den beliebtesten Geschichten des
Lovecraft-Oevres, obwohl er selbst die Geschichte nicht mochte und als
Poe-Imitat abtat, ‘zugekleistert mit dem bombastischen Schwulst seiner
(Poe’s) Sprache’. Diese Selbstablehnung wird verständlich, wenn man
bedenket, daß sich bereits Oscar Wilde, Nathaniel Hawthorne und Mary
Shelley in diesem Stil versuchten, vielleicht schien ihm aber auch die
‘Pointe’ zu schwach, die schon lange im Vorneherein klar wird.
Dem Reiz dieser Geschichte tut das keinen Abbruch, denn sie
korrespondiert mit anderen im Lovecraft-Kosmos: Die Bedeutungslosigkeit
des Menschen in einem gleichgültigen Universum ist auch hier das Thema.

Dennis Etchison (Hg.): Metahorror

Dennis Etchison tut gut daran, in seinem erfrischenden Vorwort die herausragende Rolle der kurzen Erzählung für den phantastischen Literaturbereich herauszuheben und merkt an, dass die Tendenz der Leser zum Roman eher plakativ und verlags-, das heißt marktgewollt ist. Tatsächlich sind Romane meist breitgewalzte, vormals gute Ideen – oder es sind mehrere Kurzgeschichten, die aneinandergekettet und hingepuzzelt werden.

Etchison lässt Tennessee Williams zu Wort kommen: Es kommt auf die Konzentration an. Das Furchtbare muss komprimiert dargestellt werden. Das hatte ähnlich bereits Edgar Poe gefordert und erläutert das in seinem hervorragenden Essays “The Poetic Principle” und “The Philosophy of Composition” mit der Einheitlichkeit des Effekts: “Dennis Etchison (Hg.): Metahorror” weiterlesen

Der Magische Realismus

Wenn Massimo Bontempelli, der die italienische Literatur in den 20iger Jahren geprägt hat, seine ersten magisch-realistischen Werke vorlegt, wird er einer jener Pioniere sein, die einen bisher nicht fest umrissenen Begriff in die Literaturwelt einführen, der sich irgendwo zwischen phantastischer Literatur, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit bewegt.

Bontempelli tat das, indem er gegen den Realismus und Naturalismus des etablierten 19. Jahrhunderts und dessen bürgerlichen Geschmacks, die Literatur thematisch und technisch zu erneuern versuchte – durch einen Magischen Realismus, der übernatürliche, phantastische Ingredienzien und Begebenheiten, die an sich der Gattung des Märchens und der Mythologie angehören, wie selbstverständlich und so, dass sie den Anschein des Wirklichen und Wahrscheinlichen haben, in eine realistisch geschilderte Alltagswelt integriert. “Der Magische Realismus” weiterlesen