Ich bin die Nacht: 13 Die Nacht hat Tausend Augen

Thamyris, dem die Musen in einem Wettstreit, den er verlor, die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen : das ist mehr als Influenca, weil man früher an den Einfluss der Sternkonstallation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte, und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens, das expansiv ist, und nicht konservierend wie der Mythos.

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Ich bin die Nacht: 12 Hohenner will die Augen

Richard beachtete den vor Nervosität tänzelnden Roland nicht, als er einen einzigen Satz zwischen seinen strichartigen Lippen zerquetschte. »Das warʼs«, sagte er, als wäre eine langfristige Arbeit nun endlich erledigt. Dann stapfte er in seinen gumpelnden Gummistiefel, in die er die Röhren seiner braunen Latzhose gesteckt hatte, auf den Wendenschuch-Baum zu, drehte sich zu den anderen um, die sich nicht rührten und nur beobachteten, wie der Fliegenschwarm um seinen Kopf herum brauste und sich Richard Finner dadurch in den Beelzebock verwandelte. Ein von Schwärmen umgarnter Georges Gurdjieff (die Ähnlichkeit nämlich war nicht zu leugnen). Er befahl Erich, den Doktor zu holen, und das ein bisschen plötzlich, wandte sich dann seinem toten Sohn zu und achtete darauf, nicht auf das Gekröse zu treten. Dann zückte er ein Messer, das er in einer Lederscheide an seinem Gürtel hängen hatte und schnitt das Seil durch. »Und bring auch eine Schubkarre mit!«

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Ich bin die Nacht: 11 Wendenschuchs Mühle

»Meine Fresse, was sollen wir jetzt nur machen! Wir müssen doch irgendwas unternehmen!« Erich Wendler sprang um den zu Stein erstarrten Richard Finner herum. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann standen gemeinsam etwas abseits, denn man wusste nie, wie dieser unberechenbare Kerl reagieren würde. (Seit dem letzten Maifeuer, in das er laut brüllend seinen halben Hausrat geworfen hatte, weil keine Eier im Kartoffelsalat seiner Frau zu finden waren, blieb man lieber auf Armlänge von ihm weg. Das war das Mindeste!) Roland hatte sich nicht mehr auf die Lichtung gewagt, stand umständlich hinter einem Baum, obwohl er Bäumen im Moment nicht sehr nahe kommen mochte. Er wollte natürlich trotzdem sehen, was jetzt geschehen würde, aber eigentlich war er da, um sicher zu gehen, dass die Münze nicht irgendwo dort herumlag, wo Helmuts Überreste alles durcheinanderbrachten.

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Ich bin die Nacht: 10 Getsemani

Die Münze, die Roland in der Hosentasche vermutete, war nicht da. Er nestelte in den vier Taschen der Jeans herum, begann wieder von vorne, riss sie in die Höhe und schüttelte sie. Eine andere Möglichkeit, danach zu suchen, gab es nicht. Da waren nur noch das blaue T-Shirt und die Lederstiefel, die nach Jauche rochen. Er drehte sie vorsichtshalber dennoch um. Nichts kam zum Vorschein außer ein paar Tannennadeln.

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Ich bin die Nacht: 9 Rache ist Blutwurst

Roland hatte sie Helmut schließlich ohne viel Federlesens überlassen. Er war froh, sie los zu sein. Jetzt fühlte er sich frei von Schuld. Das Gold verätzte nicht mehr seine Handflächen, zog nicht mehr wie ein schweres Gewicht an seiner Hose, wenn er es in der Tasche stecken hatte. Die Münze besaß ein merkwürdiges Eigenleben, das stand fest. Sie war nicht einfach nur aus Edelmetall, nicht nur alt, sondern mindestens genauso verräterisch.

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