Ich bin die Nacht: 8 Die wertvolle Duplone

1813 empfing August Wilhelm Schlegel, der ruhmreiche Übersetzer Dantes und Shakespeares, eine Münze von Germaine, der Madame von Staël, als er sie von Göteborg nach London begleitete, weil er sich, zunächst ohne Erfolg, einige Hoffnungen auf den rustikalen Leib der Baronesse gemacht hatte. Es hätte ja durchaus sein können, dass Germaine, die nicht wenige ihrer Kinder im Lotterbett empfangen hatte, mit ihm, der sonst wohl kaum je eine Gelegenheit bekommen würde, etwas anderes als schattige Zeichnungen eines Boudoir zu betrachten, ein Schäferstündchen abzuhalten.

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Ich bin die Nacht: 7 Nachricht aus der Hölle

Pollenstaub, trügerisch wie alles, was den Menschen umgibt, schwebte durch die Luft, Schicht um Schicht. Spechte polterten schneller als ihr Echo. Kreischende Waldeslust. Roland rechnete jeden Augenblick damit, dass mehrere Leute wie in einem Hammer-Film auf die Lichtung stapfen würden, mit Mistgabeln bewehrt – aber es blieb still. Jetzt, da auch Lucki nicht mehr an seiner Seite war, und er allein den zerfetzten Überresten da am Baum gegenüberstand, wäre er am liebsten selbst schleunigst weggerannt. Was, wenn hier noch jemand lauerte? Mensch oder Tier – wer das hier angerichtet hatte, besaß keinen Respekt vor der Beschaulichkeit. Roland erbrach sich auf den Waldboden, während er auf Helmuts Kleiderhaufen zuging, der, eben weil fein säuberlich zusammengelegt, überhaupt nicht ins Bild passte, das satte chaotische Grün zu einer irritierenden Farbe werden ließ. Der kurz aufbegehrende Wind brachte eine Nachricht aus der Hölle vorbei und Roland atmete sie ein:
»Jetzt bin ich in dir und du bist in mir.«

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Ich bin die Nacht: 6 Schnackelhupfer

Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

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Ich bin die Nacht: 5 Die Nacht spricht durch Symbole

Ein aberwitziger Gestank lag in der Luft. Das laute Surren der Fliegen, die alle Farben, alle Größen angenommen hatten, kam direkt aus dem Fegefeuer. Lucki öffnete seinen Lippenring, um zu kreischen, wie es alle Kinder tun, die ihren älteren Bruder ohne Innereien an einen Baum gefesselt zu sehen bekommen. Eine von Rolands Krallen zuckte reflexartig nach oben, traf Luckis rotes O, und brachte das hohe Gilven abrupt zum Verstummen. Ein launiges Echo trat aus dem Wald, verzog sich aber schnell wieder ins Gebüsch. Lucki wollte gerne seinem Fluchtinstinkt folgen, aber er würde für alle Zeiten hier angewurzelt stehen bleiben, zu einem Baum werden, dem man nach einigen Monaten nicht mehr ansah, dass er vor kurzem noch ein fünfjähriges Kind gewesen war. Im Wald der Monumente, Sagen und Legenden. Das sieht doch aus wie … also, mit etwas Phantasie …

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Ich bin die Nacht: 4 Talon

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talon zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.