Der Geburtstag der Friederike 2

Von wahrer Bedeutung fand sie das, was die Bauernmädchen hier veranstalten würden. Heute vielleicht schon. Bei Hofe wurde unter die Kleider geschaut; pralle Früchte zeigte nur das Land. (Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.)

Da drüben räubert jemand tageslichtscheu aus dem Küchenflügel, ungelegen geknöpft, ein missglücktes Schauspiel aller Heimlichkeit – (die Speisen müssen auch immer durch den Garten spalieren, was den Vorteil hat, dass keiner unangemeldet nachsehen kommt, was die Küchenkobolde für Hexentaten unterm/aufm Tisch veranstalten : bar=pedes im Pudding passiert scho’Mahl, wenn man so unkommod auf dem Tisch genommen wird!) – schlitternd auf Gekrös’, das ansonsten aus den Fenstern baumelt, auchMahl die Schwerkraft nutzt.

Schinkenklopfen : ein Spiel für kraftstrotzende Backen und einer eleganten Hand beim Versuch, die Poularde schneller einzumürben als der Nacktarschige ein Glas Wein verkosten kann! : Ernst Buguslaw Wobeser! Diese Hofschranze, die ihren weißgepuderten Schwanz, die fettigen Finger obendrein, in jede Öffnung steckt; ein dämmerungsaktiver Buntmarder, der die angekündigte Sonne verschlafen will, an den Fingern suckelnd, den angetrockneten Traubenmatsch ablutschend einschläft.

Die üppig hinunter zu Tisch triefenden Rinnsale ausgestülpter inkompetenter Lippen (und auch Wildbart). Besteckfinger greifen abgekühltes Kochgut Kran Schaufel zwick zwack Wein Bier Kelch Steingut, überschwänglich berankt dicker süßer Blätter, lutherisch lüstern platscht plantscht das Fußbad (Kamillenschaum, Lavendelwasser) die Knochen fallen wo die Hunde lappend Boden suchen züngeln um das Hühnerbein.

Von außen fand man sich gleich in der Welt Carl Gontards wieder, aber die Spiegelscherbenkabinette im Innern waren doch ganz und gar ähnlich vorzüglich wie in der Schlossanlage zu Bayreuth, die man in den ausgewogensten Verhältnissen vorfindet : ein feines, zartes Relief der Gliederung. All das würde sich die Natur eines Tages wieder holen, Busch und Baum, aufsteigend in Fontänen von Strahlen und Strahlenfiguren.

Sie hatte im Traum etwas Orphisches gelesen: »Oh meine liebliche jüngere Schwester! Die Länder, die wir beide gemacht haben, sind noch nicht vollendet. Kehre also zurück!«

Und sie, die Schwesterbraut, antwortet: »Es ist wirklich bedauerlich, dass Ihr nicht früher gekommen seid, denn ich habe bereits von der Nahrung der Unterwelt gegessen.«

Sollte sie jemals ein Schloss ihr Eigen nennen, würde sie es ›Fantaisie‹ nennen; ›Schloss Fantaisie‹. À la longue sollte ihr das gestattet sein. (In Donndorf bei den Kyffhäusern wird sie’s finden und dort Blütenteppiche weben.)

Dann tauchte, wo sie sich gerade zum Pudern aufraffen wollte, diese Person auf, die eine Aura wie ein Geist um sich herum drapiert spazieren führte, ganz adrett gekleidet, aber mit den merkwürdigsten Verzierungen. Nicht wie ein Bauernbursche, aber auch niemand, der sich so bei Hofe sehen lassen konnte : die Arme frei wie ein Ausmister. Ganz durchscheinend näherte er sich, schien zu staunen, als wisse er gar nicht, wo er sich befand.

»Gehört das alles Ihnen?«, sagte er, deutete auf den Gebäudekomplex. ›Von Robbie Schumann zu den Crossroads‹ stand auf seinem Oberkleid mit den abgetrennten Ärmeln. Sollte sie ihn ohrfeigen? Durfte sie sich derart ansprechen lassen von einem Gogue?

»Wie heißt du?«, fragte sie ihn barsch, denn die Situation kam ihr nicht geheuer vor.

»Adam. Aber Sie können mich anders nennen!«

Und wie er spricht, gehört er zum Küchenpersonal; aber wie durchscheinend er ist!

»Solltest du nicht bei der Arbeit sein?«

»Ich arbeite doch noch nicht!«

Er kicherte, er lachte sie aus.

»Ich liege in meinem Bett und schlafe. Gar nicht weit von hier.« Er drehte den Kopf eulenhaft in alle Richtungen, deutete dann zum Jagdgarten hin. »Dort oben an der Eger. Nicht eine einzige Hütte!«

Wenn nur jetzt jemand käme, das Gespenst des Morgens von ihr zu nehmen, denn ganz sicher erkannte sie die Umgebung durch ihn hindurch. Schließlich fragte sie ihn nach seinen Absichten.

»Herausfinden, wo ich lebe. Aber Sie sind neu in meinem Traum!«

Burschen jagten beritten durch die Gänseschar, hackten nach den aufgereckt-aufgeregten Hälsen, die fliegenden Köpfe beschrieben perfekte Parabeln, wurden in den Achselgewölben gesammelt. Rotes Lärmen zementierte die Schau der juvenilen Schweinerei, markierte den Schlachtplatz für die Bauerndirnen, die sich etwas abseits bereits angifteten, während sie noch damit beschäftigt waren, sich jene Kränze aufzusetzen, die sie sich in Augenblicken wieder herunterreißen würden.

Der Gänsehüter, ein Jüngelchen von blassem Hager, hasste diesen Tag, aber an Rache war noch nicht zu denken, also wendete er sich ab, stopfe Margeritenknospen in seine Ohren, bemüht, nicht zu erbrechen.

Das schönste Mädchen der Stadt wurde prächtig aufgeputzt, man legte ihm ein niedliches Knäblein in den Arm und setzte beide auf einen kostbar aufgeschirrten Esel. Die Glocken läuteten und mit großem Pomp wurde die Messe gelesen. Der Eingang, das Kyrie, das Gloria und das Credo wurden jedoch mit dem Ruf des Esels beendet.

Jetzt gingen sich die Maiden an; die eine versuchte, das Gesicht einer anderen zwischen die Hinterbacken zu nehmen, der Kranz fiel von selbst aus dem nassen Kopfgestrüpp. Sie teilten sich platschende Hiebe, grunzende Knietritte und Stampfer ins Abdominale. Wasserfontänen sprotzten Gansfedern auf, die sich im Puls des Furientanzes verhakten oder einfach auf’s Gekrön setzten. Wieder fiel eine in die angerichtete Pfütze und wurde von Zweien gepackt, die selbst über die Gefallene hinweg krakten. Der Spaß war freilich, ihr im Gesicht zu sitzen, der Anderen vielleicht mit einem Knacken die Nase zu brechen, was beiden nicht gelang. ›A mock heroic poem‹ auch hinter deren Rücken, wo man schon Einer die Haut zerkratze, um sie auf einen Balken zu schnallen, um sie also restlos aufgebracht dem Adel darzubieten. Nun war diese keine Diana, unterm Adel kein Aktaion zu finden; der Fleischbeschau blieb ungesühnt, diente nur dem einen Zweck, sich Demut zu erzwingen. Wo alles sich in Fetzen reißt, wo alles übereinander fällt. Nur ein kurzes mörderisches Spiel.