Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: jazz (Seite 1 von 2)

Klingelrefrain

GrammaTau #67

Da vereinbaren wir ein Treffen, schön geschmückt, an
einer Kreuzung, die eines Tages ihre Himmelsausrichtung
zusammenpacken wird, zumindest gestattet sie dem Staub,
ihr besser zu dienen als die vielen Versprechen, doch

nicht zu sehr. Crossroads der Jazz-Legenden,
nur der kratzende Morgen dämmert über
die Instrumente. Jeder Händel ist auch nur ein Tausch –
auf den Täuscher kommt es also an. Die Grotte spricht, als

wäre sie es leid, im Erz zu schweigen. Ich traf sie an
der aufsteigenden Hälfte einer Gaußschen Kurve, auch
nichts anderes als ein Bild, eine Chiffre, die im Dampf
Kessel die Maschinerie der Einbildungskraft zum Laufen bringt;

Ordnungen zerbrechen, gewiss. Zu oft werden die Teekammern
ignoriert, die sich in erhitzten Gewässern tummeln, ob
wohl sie, den Fischen ähnlich, Geräusche fabrizieren, die
in der Luft unmittelbar nach dem Anderen fragen, Antworten

über eine Tonleiter geprängelt, mit dem Notenschlüssel
eingestanzt, zu öffnen zu einer gewissen Stunde, nicht mehr
danach, wenn alles in Klaftern fällt, Fels die dunkle
Aufgabe besitzt, das Zerschmettern nicht zu hören. Wer

die Kräuter riecht, wird alsbald von ihnen kosten
wollen; die Zunge sticht in den Zuber, schlingt hierzu
die Bitte nach der Konkurrenz hinunter, ein Katarakt aus
Exklusivität. Ein Geheimnis verdeckt den bitteren

Geschmack, solange es unter gewissen Bedingungen nicht
auffallen darf; ein verhangener Blick ist ihm eigen, auch
eine nervöse Hand. Sollten diese Töne je zubereitet
werden müssen, weil ihr Datum es verlangt, öffnen sich

wohl alle Türen gleichzeitig; ohne Mühe schnappen sie
aus dem Bett, das ihre Ruhe an die Gezeiten band, auf die
sich außer uns nur noch der Mond verstand.

Der polnische Boxer (Eduardo Halfon)

Der polnische Boxer ist eine kleine Sammlung miteinander verbundener Geschichten des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon. Diese Offenbarung erschien im Jahre 2014 fast unbemerkt im Hanser Verlag. Überraschend daran mag vor allem sein, dass es bereits Halfons zehntes Buch ist, aber das erste, das übersetzt wurde (ich schreibe das, während ich bereits das zweite, “Signor Hoffman”, vorliegen habe). Man kann das zeitlich berücksichtigen – das Original erschien 2008 – muss das aber nicht.

Eduardo Halfon (c) E. Halfon

In diesem kleinen Puzzle bewegen sich Halfons Fragmente mühelos von Antigua, Guatemala, einem kulturellen Transitpunkt Mittelamerikas, nach Durham, North Carolina, Belgrad und Póvoa do Varzim, Portugal. Erzählt wird das alles von dem Protagonisten “Eduardo Halfon”, einem jüdisch-guatemaltekischen Schriftsteller und Literaturprofessor (ein Zufall, diese Ähnlichkeit mit dem Autor). Die Geschichten ringen unter anderem um Themen wie Kunst und Schrift, Identität, Auschwitz, sexuelle Ekstase und Zigeunermusik. Und sie trumpfen mit dieser ganz bestimmten Art erdiger lateinamerikanischer Intelligenz; beschäftigen sich mit der Suche nach Antworten und geheimen Schlüsseln zu den Rätseln von Leben und Familie, Geschichte und Heimat, Wahrheit und Leidenschaft.

Halfons Neugier auf die Erfahrungen seines Großvaters in einem Konzentrationslager zieht sich durch jedes Kapitel, von der subtilsten Ebene bis zur tiefsten Erkundung. Halfon weiß nur, dass es ein polnischer Boxer war, der seinen Großvater Oitze in Auschwitz gerettet hat, aber die Details bleiben ein Rätsel. Oitze zeigt Halfon selbst nur die grausigsten, aber verschwommensten mentalen Dias von Auschwitz. Dieses klaustrophobische Bild der dunklen, feuchten, mit flüstern gefüllten Zelle gibt den Ton für den Großteil des Romans vor. Für Halfon (den Protagonisten) ist die Idee eines Boxers, der Oitze rettet, ein Symbol, an dem er festhält, die Hoffnung, dass etwas oder jemand ihn retten wird.

Im dritten Teil “Epistrophy”, in dem der Erzähler Milan Rakic, einem Halbzigeuner und serbischen Pianisten, der auf einem Kunstfestival in Antigua auftritt, begegnet, beginnt das Buch wirklich zu schweben. Es ist Rakic, “ein moderner Nomade, ein allegorischer Nomade”, der dieses Buch in zwei atemberaubende Kapitel führen wird. Die erste, “Postkarten”, ist eine Serie von rätselhaften Schnappschüssen über Jazz und obskure Zigeunerkünstler, die Rakic von seinen Tourneen rund um den Globus zu Halfon schickt, während der klassisch ausgebildete Musiker als wandernder Akkordeonist immer tiefer in das Geheimnis der Wurzeln seines Vaters hineingezogen wird. Und die zweite, “Die Pirouette”, beinhaltet Halfons außergewöhnliche Suche nach dem verlorenen Rakic, der in “seinem eigenen verdammten Mythos” irgendwo in der rauchigen Zigeunerunterwelt des postkommunistischen Belgrads verschwunden ist.

Indem er sich selbst als Protagonist darstellt, vermischt Halfon die Fiktion mit der Realität. Er spielt explizit allwissender Erzähler und den im Dunkel Tastenden. Er vermischt auffallend diese beiden Ebenen und sagt uns: “Literatur ist nicht mehr als ein guter Trick, den ein Magier oder eine Hexe ausführen kann, um die Realität als Ganzes erscheinen zu lassen und die Illusion zu schaffen, dass die Realität eine einzige Einheit ist”. Er wird selbst dieser Zauberer, wenn er nach Milan sucht und versucht, eine Postkarte zu rekonstruieren, die er von ihm bekommen hat: “Es gibt immer mehr als eine Wahrheit in allem”.

Die Geschichten sind geschickt und kunstvoll miteinander verbunden – eine amerikanische akademische Konferenz über Mark Twain (der zufällig 1866 durch Nicaragua reiste); ein literarisches Symposium in Portugal, wo Halfon über die leidige Beziehung zwischen Literatur und Realität nachdenkt; Nächte am Strand mit seiner Freundin Lía verbringt, die danach versucht, Ebbe und Flut ihrer Orgasmen auf Papier festzuhalten, als ob sie Wellen oder Träume skizzieren würde. Die Geschichte von Halfons Großvater, der von seinem Zellengenossen, einem Boxer aus der polnischen Stadt Lodz, vor Auschwitz gerettet wurde, weil er  ihn in einer lange Nacht auf eine Untersuchung durch die Nazis vorbereitet.

Im weiteren Verlauf des Romans wird sein metafiktionaler Farbton stärker und heller. Sein unergründlicher Wunsch, Milan zu finden und Oitzes Vergangenheit aufzudecken, wird als surreales Verlangen dargestellt. Seine Fantasie überschlägt sich, und in dem Versuch, ihre Geheimnisse zu lösen, umarmt er deren Geschichten als seine eigenen. Er vergleicht seine Besessenheit, mehr über ihr Leben zu erfahren, mit der Art und Weise, wie ein neugieriges, krankhaftes, leicht ängstliches Kind unter dem Bett nach Geistern sucht.

Tatsächlich ist es die begrabene Vergangenheit des Großvaters, die schließlich enthüllt wird, die das kraftvolle zentrale Bild des Buches liefert: die “fünf mysteriösen grünen Ziffern, die mir viel mehr auf einen Teil seiner Seele als auf seinen Unterarm  tätowiert zu sein schienen”. Als Junge wurde Halfon gesagt, das Tattoo sei gemacht worden, damit sein Großvater seine Telefonnummer nicht vergessen würde. Nach dem Tod seines Großvaters im letzten Akt des Buches “Sonnenuntergänge” schwingt sich Halfon von den in sein Fleisch eingebrannten Figuren über Lias Zeichnungen und Visionen zu Maya-Tempeln in der Abenddämmerung und sucht atemlos nach einem verbindenden Faden im Gewirr der Elemente des Buches: “Ich dachte an die fünf  blassgrünen Zahlen, die jetzt auf dem Unterarm meines Großvaters, unter der dicken schwarz und dunkelviolett karierten Decke, dabei waren, zu sterben. Ich dachte an Auschwitz. Ich dachte an Tätowierungen, Nummern, Zeichnungen, Tempel, Sonnenuntergänge.”

Der polnische Boxer ist ein Buch der kleinen Wunder. Dabei erinnert Halfons Werk in gewisser Weise an andere Autoren, etwa an die Würzigkeit des Kubaners Pedro Juan Gutierrez oder auch Henry Millers (von dem ein Zitat das Buch eröffnet) bis zu den eindringlichen Stimmen von John Berger und dem Argentinier Edgardo Cozarinsky. Auch für die schiere erzählerische Dynamik und Faszination der Mischung aus Leben und Büchern, Sex und Kunst gibt es Echos des chilenischen Meisters Roberto Bolaño.

Der guatemaltekische Autor glaubt wie Platon, dass “die Literatur eine Täuschung ist, in der der Betrüger ehrlicher ist als der, der nicht betrügt; und der, der betrogen wird, ist weiser als der, der sich nicht betrügen lässt”.

Peter Straubs “Esswood House”

Peter Straub kennt sich nicht nur im Jazz gut aus, sondern auch in der Literatur. So wundert es nicht, dass sein Werk vor Referenzen geradezu wimmelt. Einem unbedarften Leser macht das nichts aus, weil er gar nicht weiß, über was er gerade hinweggelesen hat, für alle anderen ist diese Art der Rhizomatik ein Gewinn. Straub macht keinen Hehl daraus, sich seine Denkanstöße aus der Literatur zu holen, die er bewundert und die ihn dann zu eigenen Werken inspirieren.

Im vorliegenden Fall war der Auslöser ein Vorwort, das Straub zu Robert Aickmans The Wine Dark Sea verfassen sollte. Aickmans Titel ist dabei selbst bereits ein Homer-Zitat. Vermutlich war von Straub zunächst gar nicht intendiert, Esswood House wie Aickman klingen zu lassen, aber das in dieser Sammlung Gelesene hat ihn lange und anhaltend verfolgt, und so ist es kein Wunder, dass Straubs eigentliche Stärke, die ansonsten in seiner Originalität liegt, hier Platz macht für eine fremdgeführte Hand. Nur selten jedoch wird hier Aickmans ungeheuerliche Stärke auf dem Gebiet des diffusen Horrors erreicht. Liest man das Buch allerdings weder in der Hoffnung, Aickman zu finden, noch den gewohnten Straub, ist es ein außerordentlicher Gewinn.

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Drei Jazz-Storys

Peter Straub – Pork Pie Hat

Pork Pie Hat ist die Geschichte der fiktiven Jazzlegende mit dem gleichen Namen. Der Erzähler der Geschichte läßt die Zeit, als er noch ein College-Student war, Revue passieren, während der er von dem Saxophonisten ‘Hat’ fasziniert war.
Als er Hat ein Stück spielen hört, bittet er den Musiker um ein Interview. Obwohl der sehr zurückhaltend ist, akzeptiert er die Fragen des Erzählers. Während des ‘offiziellen’ Interviews beweist der Erzähler, daß er wirklich ein Kenner von Hats musikalischer Karriere ist und Hat bietet ihm an, eine Geschichte zu erzählen, die er noch niemals erzählt hat, wenn der Erzähler einwilligt, sie niemals zu publizieren.
Was folgt, ist aus Hats Perspektive erzählt, dem seit seiner Kindheit Erinnerungen an ein unsagbares Erlebnis quälen, daß er im Alter von elf Jahre in der Nähe des ‘verbotenen’ Waldes mit dem Namen “The Back” hatte. Jetzt, da er krank ist und sich dem Ende nähert, das der Alkohol und die Depression für ihn vorsieht, ist die Zeit gekommen, zu offenbaren, was er sah und vor allem: was er tat.
Straub verwendet große Aufmerksamkeit darauf, Hat lebendig darzustellen, portraitiert einen Mann mit unglaublichen musikalischen Talent, der von zahllosen persönlichen Dämonen verfolgt wird. Er entspinnt die Geschichte detailversessen und langsam. Herausgekommen ist ein Meisterwerk an Charakterisierung und Stimmung.

 

T.E.D Klein – Der schwarze Mann mit dem Horn

In dieser Geschichte geht es eigentlich überhaupt nicht um Jazz, auch wenn mit dem Titel ein Plattencover von John Coltrane und seinem Saxophon einhergeht. Es ist die Erzählung eines alternden Schriftstellers, der in seiner Jugend ein guter Freund Lovecrafts war, der nun, da er die Geschichte erzählt, 77 Jahre alt ist. Es handelt sich um Frank Belknap Long, mit dem Lovecraft einen regen Briefwechsel führte. Der Erzähler ist darüber verbittert, daß ihm Leben und Glück so einfach durch die Finger gleitet, gleichzeitig ist seine Freundschaft zu Lovecraft aufrichtig. Er ist eifersüchtig, aber doch ehrlich mit sich selbst, was sein Talent gegenüber dem Lovecrafts für einen Stellenwert besitzt. Man kommt nicht umhin, Mitleid mit dem Erzähler zu haben – und das ist der Punkt, an dem Klein den Horror losläßt.

 

Julio Cortázar – Der Verfolger

Cortazár schrieb formvollendete Erzählungen. Sein phantastischer Realismus, der stark vom Noveau Roman, mehr aber noch durch den Surrealismus geprägt wurde, ist bis heute solitär und einzigartig geblieben. Während Borges durchaus seine Epigonen fand, scheint es bei Cortázar unmöglich, seinen Stil auch nur annähernd zu erfassen. Zu viele Silhouetten, zu viele Variablen, zu viele technische Meisterleistungen lassen ihn – und nur darin gleicht er Poe – unnachahmlich bleiben.
Von den drei vorgestellten Erzählungen ist diese die einzige, die wahre, die dem Jazz huldigt, zumindest aber einen seiner Legenden und Ikonen: Charlie Parker, von seinen Freunden “Bird” genannt, dem Cortázar diese Geschichte widmet. Posthum, versteht sich.

Laut Cortázar wohnt dem Konzept des Schreibens eine musikalische Handlung inne, basierend auf dem Rhythmus des Textes. Ohne einen angemessenen Rhythmus verfehlen sich Autor und Leser in ihrer Kommunikation.

Also vergleicht Cortázar den Rhythmus, den er in seinen Geschichten wählt, mit dem Swing des Jazz. Er fügt hinzu, daß Jazz auf dem Prinzip der Improvisation basiert. Diese Improvisation nutzt Cortázar als Vehikel für seine Arbeit, Improvisation nämlich als Prozeß und nicht als Produkt. Der Charakter im Text, der Parker nachempfunden ist, heißt Johnny Carter. Bruno hingegen ist ein Jazz-Kritiker und hat vor kurzem Johnnys Biographie veröffentlicht. Diese beiden Protagonisten verkörpern völlig gegensätzliche Persönlichkeiten. Johnny, der intuitive Jazz-Improvisiteur und Bruno, der westliche Intellektuelle, der einem logischen System verbunden ist. Die Geschichte beginnt in Johnnys Apartment. Bruno trifft nach einem Anruf von Dédée, Johnnys Partner, dort ein, der ihn davon unterrichtete, daß es Johnny nicht besonders gut gehe.

Zeit bildet, nach dem Verständnis unserer gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftswelt, die Grundlage für Effizienz und Produktivität. Das kapitalistische Individuum bewegt sich nach der Uhr. Im Falle von Bruno bedeutet das, er arbeitet für die Zeitung. Johnny begreift die konventionelle Konzeption von Zeit nicht als den Begleiter durch die tägliche Realität. Sein ‘Wahn’ besteht darin, Brunos Logik herauszufordern und in Frage zu stellen. Für ihn besteht der eigentliche ‘Wahn’ darin, die sozialen Normen zu akzeptieren, wie im Falle der Zeit. Der Leser bekommt den grundlegenden Beweis, wie es möglich ist, durch Improvisation über die Logik hinaus zu gehen, um ein anderes Verständnis von Realität zuzulassen.

Abgespenstert

Heute Morgen noch einmal beim Orthopäden gewesen. Meine linke Schulter war nun seit Dezember letzten Jahres eben kein Dreh-und Angelpunkt mehr. Nun bessert sich die Sachlage, muss aber, wenn ich wieder völlige Bewegungsfreiheit erlangen möchte, vielleicht in zwei Monaten operiert werden. Ich kann schreiben und lesen; muss ich mich etwa auch bewegen können? Ich arbeite gerade am zweiten Intermeso und an der siebten Abteilung “Wolf aus Erz” für den Schwarzenhammer-Zyklus. Rose geschnitten, Hornveilchen ebenfalls; morgen werden wir von einem Baugerüst eingekesselt sein, auf denen Hampelmänner dem Haus einen neuen Anstrich verpassen werden. Ich empfange sie mit Hardcore-Jazz.

Vor einem Jahr: 

Wer bist du? Ist für mich eine grundsätzliche Frage. Ich wusste nie, wer du bist, wusstest du je, wer ich bin? Das Unbekannte ist für mich Die Unbekannte. In vielen Augen erkenne ich sie wieder, Augen, die von der Unbekannten benutzt werden. In Gesten sowieso. Aber selbst bei einem Spaziergang den Bach entlang, ist irgendwo ihre Stimme nicht zu hören. Ich vermute selbst, sie sieht mich hier sitzen (mein Arsch klebt vor Hitze auf dem Holzstuhl fest), wie ich in den Kaffee glotze, weil ich mich dort spiegeln kann.

Fridach Zwanzigster Hartung Siebzehn

Fast schien sich die zweite schlaflose Nacht anzubahnen, weil mich die Geister nicht in Ruhe ließen, die ich für eine erste Szene eines kommenden “Deutschen Buches” niederschrieb. Als wäre in meinem Kopf eine gemütliche Kammer, in die man aus dem würklichen Winter hineinsteigt, um sich zu versammeln. Gegen nullvierzich nahm ich eine halbe Schlaftablette – und konnte weiter keine Müdigkeit feststellen, so dass ich auf dem Scheißhaus noch mindestens eine Stunde im Friedenthal las. Dafür aber bin ich erst jetzt aus dem Nichts heraus erwacht, und es hat etwas Fürchterliches, erst am Nachmittag zu erwachen. Dann aber trug die frische Luft ein wenig zur Halb=Ermunterung bei. Eine Thermokanne für das Kaffee=Dauerspektakel stand auf dem Zettel, in JubelWeiß, nachdem die für den Dauer=Minztee TrinkDas=Schwarz ist. Einsfünf Liter je. Würde drei Liter Flüssigkeit am Tag ergeben, geteilt durch zwo, nuja. Bin wieder Mitglied der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft geworden, nachdem ich ein Jahr ausgesetzt habe. Aber mein Hunger nach speziellen Fachbüchern und Nachschlagewerken ist nicht anders zu bewältigen. Krapfen. Kaffee. Heute Chopin, dessen Gesamteinspielung herhalten muss. Ist überhaupt wenig Jazz in jenen Tagen, der durch den Raum schmettert.

Telling

“Just tell your story – your own story.”

Miles Davis (zwar über den Jazz, aber ich bin grundsätzlich der Meinung, dass der Jazz meine Auffassung von Literatur am besten spiegelt. Die Beat-Generation hat den Jazz verstanden, Fitzgerald eher nicht.)

Was, kann man fragen, ist der Sound in der Literatur. Der Sound ist der Stil. Wichtig scheint mir, das standardisierte Schönheitsideal durch radikalen Ausdruck zu übertönen. Es ist völlig wurscht, was man schreibt, es zählt nur, WIE man schreibt.

Mai Zwei Elf

Es wurde dann gestern doch etwas spät. Die Musik: ein wertiges Easy Listening mit einigen Jazz-Standarts, die wie Perlen von der Bühne tropften. Das Klecks hat eben auch die Atmosphäre dafür – die mich auch wieder auf die Idee zubewegt, die mich nicht loslässt: hier auch ein Literaturfestival zu inszenieren. Ich bin, wie ich das überschauen kann, der einzige Autor in Kempten. Aber es gibt hier eine kunstinteressierte Sozietät.
Zweiter Stützpunkt wäre das Künstlerhaus, zu dessen Eröffnung ich vor Jahren eingeladen war. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Installationen geworden ist, und so liegt es nahe, mich rückzuversichern. An Ideen fehlt es hier, alles wirkt träge.

„Derjenige, der den Mann, der den Pfahl, der auf der Brücke, der auf dem Weg, der nach Worms führt,liegt, steht, umgeworfen hat, anzeigt, bekommt eine Belohnung.”

Tzvetan Todorov hat diesen Satz (zitiert nach John Barth) zur Anschauung von Frametales verwendet (Geschichten in Geschichten in Geschichten). Das hier gesagte umzusetzen, versuche ich gegenwärtig noch mit der Erzählung Die Veranda. Im Prunus Spinosa will ich es dann über Zeiten und Räume erstrecken. Das eigentliche Problem ist der Ton, den ich bei nahezu jeder Geschichte mit-wechsle. Jetzt ist das alte Muster der Frametale die vollgepackte Rahmenerzählung, wie sie aus der Romantik (sehr schön zb. in Tiecks Phantasus) bekannt. John Barth hat in seinem Ambrose die Texte so angeordnet, dass sie zunächst wie eine willkürliche Sammlung aussehen – als ganzes aber einen Roman ergeben. Tiefe bekommt das Unterfangen durch die Regieanweisungen der einzelnen Stücke (vom Autor zu lesen, oder: Stimme des Autors vom Band, einmal mit, einmal ohne dessen Anwesenheit). Das führte mich bereits vor Jahren zu einer Literatur als Schnitzeljagd (wie sie zb. die Borges-Texte aufweisen: man kann den Hinweisen folgen oder die pure Geschichte oberflächlich herunterlesen). Nehmen wir ein Heft, das einen Text enthält, der logischerweise, wie alle Texte, unvollständig sein wird – hier aber offensichtlich. Irgendwann gibt es den Hinweis, den Computer anzustellen, um dort zu weiterzulesen und zu klicken. Man kann sich dann eine CD bestellen, um den dritten Teil zu empfangen. Zum Schluss trifft man den Autor, der das Schlusskapitel vorliest.

Ich komme zum Beispiel bei einem Google-Spiel (bei dem ich jedem zweiten Link auf der Seite folge), von Vanillepudding zu den Swans.

Das Google-Spiel:

Vanillepudding – Die Party in Riga – Feel Riga – Konzerte der legendären Gruppe Swans

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