Cucina Toscana
Cucina Toscana, Hildegardsplatz, Kempten

Kaffee ist ein Stück Lebenskraft. Auch wenn ich meinen Konsum in den letzten Jahren etwas eingeschränkt habe, die Atmosphäre, die sich im besten Fall um den Kaffee dreht, war nie ganz von der Hand zu weisen. Bücher und kulinarischer Esprit haben sich schon immer gut vertragen, und was den Kaffee betrifft: Es gäbe tausend Geschichten zu erzählen. Dafür bräuchte man fast einen eigenen Blog. Nun wohne ich mit Kempten zwar nicht in einer kulturellen oder literarischen Hochburg (das ist Bayern und insbesondere das Allgäu im Allgemeinen nicht), aber es ist ein ganz außergewöhnliches Städtchen, in dem man sich wohlfühlen kann. Also dachte ich mir, ich schaue mir die kleinen Oasen, die es dann doch gibt, etwas genauer an. Vielleicht mit einem Buch in der Hand (ich habe mir inzwischen wieder angewöhnt, überall Bücher mitzunehmen und zu lernen, überall und in jeder Situation zu lesen, ob im Gehen oder Stehen). Das bedeutet eine völlige Veränderung meiner Lesegewohnheiten, denn mein Ausgangspunkt ist, dass ich sogar mit Ohrstöpseln in meiner Wohnung sitze, weil ich nicht den geringsten Lärm ertrage. Aber was wäre das Leben ohne Abenteuer?

Nicht weit von hier, in einer kleinen Seitengasse, befindet sich die ebenfalls kleine Cucina Toscana. Dort werde ich beginnen. Ich war schon ein paar Mal dort, um mir einen Pecorino zu kaufen; Kaffee habe ich dort nicht getrunken, und lesen kann man dort auch nur, wenn es ruhig ist. Da das Café bereits um 8 Uhr morgens öffnet, wäre es eine gute Gelegenheit, gleich morgens dort vorbeizuschauen, um ein Experiment zu wagen, das weniger den Ort als mich selbst betrifft.


Gut, es wurde dann doch 9 Uhr. Ich schnappte mir also probehalber „Mord ist kein Kinderspiel“ von Alan Bradley (den zweiten Band der hervorragenden Flavia de Luce-Reihe), ließ den Umschlag zuhause – so etwas stört beim Laufen ungemein, schlenderte die Poststraße entlang, von wo aus man gleich das hiesige Wahrzeichen betrachten kann (insofern man sich dafür interessiert).

St. Lorenz, Kempten
So weiß man zumindest, dass man wirklich in Kempten ist.

… und kam dann noch bei einem Leerstand vorbei, den ich ohnehin ablichten wollte, bevor die Schrift im Schaufenster ebenfalls verschwindet:

Poets

Die Örtlichkeit ist äußerst klein, aber wenn man Glück hat, kann man sich sogar setzen. Es gibt auch einen etwas längeren Stehtisch im Lokal, das außerdem italienische Feinkost verkauft und dementsprechend an den Seiten Nudeln und allerlei Kulinarisches aufgereiht hat. Im Grunde ist es ein echter Hotspot für die italienische Gemeinde, die sich hier trifft. Dementsprechend lebensecht ist hier alles. Man betritt quasi italienisches Hoheitsgebiet, was sich persönlich dem deutschen Muff bei Weitem vorziehe.

Der erste Capuccino
Der Cappuccino hat mich sage und schreibe 3 Euro 25 gekostet, aber dafür war er dann auch ausgezeichnet.

Ich lasse mich schon seit Jahren auf keine Gastronomie mehr ein, denn die Preise sind fast schon grotesk. Dafür können die Restaurantbetreiber nichts, es ist – wie so meist – ein gigantisches politisches Versagen, wie es in unserer Zeit ohnehin eine Selbstverständlichkeit darstellt, mit der man sich abzufinden hat. (Falls noch alte Römer hier sind – schließlich ist Kempten eine Römerstadt – wird ihnen das bekannt vorkommen).

Zum Lesen kam ich natürlich nicht. Das lag an zwei Faktoren: meine mangelnde Übung, draußen zu lesen (die Argentinier können das tatsächlich am besten), und die Hintergrundmusik. Gespräche könnte ich eventuell verdrängen, aber das Geratter aus dem Radio ist unmöglich zu ignorieren. Es ist gemütlich hier, aber ich hielt es nicht lange aus, weil das Experiment zu offensichtlich gescheitert war.

Als nächstes werde ich trotzdem auf italienischem Boden bleiben. Es gibt – ebenfalls nicht weit von hier – das Caffé Roma, oben am Forum. Und da probiere ich es noch einmal (mit etwas mehr Geduld).


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