Leichenfest

Der Briefkasten ohne Namensschild, als wäre er blind, nie jemand eingezogen seitdem. Das schlechte Gefühl des Reisenden, verlassenes Territorium verraten zu haben, die schicksalhafte Nacht (die Kreuzung hell bemondet), je in alle Richtungen trabend, paar Meter, dann wieder zurück zum Knoten, zukuckende Baumfamilien, die kein Auge zutun, ferne Landschaft, vages Schemen.

Wie den Abstieg in die Unterwelt erlebte ich das Verlassen des Gartens, terrassenförmig angelegt von Semiramis, dem Täubchen. Ich pflegte ihr damals jede Knabenerektion zu bringen; Daktari lief im Fernsehen, der Sommer schimmerte augusten mit einer ganzen Batterie an Ersatzsonnen. Ich vernahm das Prasseln ihres Duschmanövers. Ihre Mutter reichte mir Stachel- und Preiselbeeren, nass vom Küchenwasser, knackender Körper unter Jungzähnen; der schielende Leu äugte in die Wohnstube, ich aber kaute artig und dachte nur jede zweite Sekunde an das Schlüsselloch.

1975: es kommt dann ein Tag – und meistens ist es Sommer – da geht man weiter als jemals zuvor. Die Verlockung sitzt unweigerlich in den Hüften, da erfährt man erstmalig die Unendlichkeit der Scheibe (die eigene Welt ist niemals rund). Kein Zusammenziehen, Zusammenkugeln, Einigeln; alle Möglichkeiten aus erster Hand, Feinkostladen der Natur, es ist ja Sommer. Die Ferne lockt mit einer weiteren Baracke. Plötzlich steht man im Unkraut hinter einem Gebäude, das, längst aufgegeben, viel mehr Reiz verspricht. Die Vergänglichkeit ist alles, was wir sind, alles, nach dem wir greifen.

Wie aus den vielen Splittern aber Raunen wuchs, da packte es Jeden am Kragen, da man doch das Viele als ein Chaos verstand, aus dem zwar etwas wurde.

Mit so viel verschiedenen Arten war keine Lunge gemütlich zu halten, die Erstickung drohte dem, der nicht seine Mistgabel wendete, um zumindest die unsichtbare Not abzustechen.

Was wird aus Wasser, das lange genug steht?

Jagd nach dem Einen Moment; kläffende Bilder; imaginierend wie der Asket, wenn er schon Pflanze ist, sich als Grüntau spürt, Aldolkondensation und Dissimilation statt Verdauung & Donnerbalken.

: die Kannen im Farn führen grobkörniges Licht, die Tassen erwartet ein Geschmack, der aus den Schubladen steigt; leer sind sie nur Zier immerdar. Die Kannen beugen ihre Schwanenhälse, der Fluss der ratenden Mäuler trennt sich, spaltet Geist von Geist.

: in den Wänden nirgendwo : der Junge, der in den Keller geht, um Spinnen zu essen, mit den Leuten in den Wänden spricht, seinen Bruder im Schlaf mit heißem Wasser übergießt, um eines Tages rein zu werden.

: nirgendwo : und so stand er mit Schwären übersät in seiner Stadt, zwischen seinen Häusern. Er rätselte und rätselte, überquerte die verhungerte Straße, auf der Tierkadaver lagen, ging in das Haus, in dem er das erste Mal mit den Leuten in den Wänden gesprochen hatte, sagte ihnen, dass er jetzt allein sei.
So träumte ich es. Die ganze Welt war ein Leichenfest, ein Friedhof geworden.

Ein Mann, der in einer Scheune schläft.
Eine Scheune, die schläft.

Ähnliche Beiträge

  • Die Legende des Roten Mannes

    Napoleon und der Rote Mann waren zwei Figuren, die in der französischen Geschichte eine wichtige Rolle spielten. Napoleon war ein berühmter Kaiser, der viele Kriege führte und versuchte, ganz Europa zu erobern. Der rote Mann war ein mysteriöser Charakter, der Napoleon in seinen Träumen erschien und ihm Ratschläge gab. Manche glauben, dass der rote Mann ein Schutzgeist oder ein Dämon war, der Napoleon beeinflusste. Andere denken, dass er nur eine Einbildung Napoleons war, die seine Ängste und Hoffnungen widerspiegelte. Was auch immer die Wahrheit ist, Napoleon und der rote Mann hatten eine enge und geheimnisvolle Beziehung, die die Geschichte Frankreichs prägte.

    Mehr lesen „Die Legende des Roten Mannes“
  • Ein Hungerleider am Straßenrand: 1 Zahnlose Minka

    Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

    Mehr lesen „Ein Hungerleider am Straßenrand: 1 Zahnlose Minka“
  • Der Mond

    Wild kam der Mond um die Ecke gerudert, eine farbige Wolkenbank dazu nutzend, nicht in die schattigen Giebel der Häuser zu donnern. Er war eindeutig zu schnell, das Himmelzelt glatt um diese Zeit. Dann aber fing er sich, zunächst in den Ästen der alten Ulme, die, unsichtbar, weil unter der Erde, mit ihrem Wurzelwerk den Fluss vorwärts trieb, und trat dann, Halt gefunden habend, seinen abendlichen Dienst an. Der gute Nachtwächter, ein verlässlicher Kumpan der leeren Räume da oben, entdeckt so manch frivoles Geschehen, aber er schweigt als Lampe und als Geheimnisträger. Cornelius dient er als Grund dafür, wach zu liegen.

  • Die Gefilde Roms

    Numa Pompilius, der sich mit der Nymphe Egeria verbuhlt hatte, studierte nicht wenig die Weisheiten der Assyrer. Er besaß von ihnen nun die Kunst der Erzeugung und Lenkung des Blitzes. Aber bereits sein Nachfolger im alten Rom, Tulius, lenkte den Blitz so schlecht, daß er von ihm erschlagen wurde und somit das Geheimnis verlorenging. Wenn es heute über mich hinweg donnert, dann zögere ich nun nicht mehr, der Karte zu folgen, die sich durch das Blitzgewitter erkennen lassen wird. Dahin habe ich mich gebracht, und all die angehäuften Schriften waren nur mehr Klatsch gegen die echten Grimoiren, Bücher, die so unscheinbar waren, daß man sich nicht einmal ihres Autors versicherte, sie nicht einmal in die Hand nahm; in so einem schlechten Zustand fanden sie sich. Um als Zauberbücher auch wirklich erkannt werden zu können, müßten sie jedoch auch mit ihrer Fertigung prahlen, man muß ihnen gleich ansehen, daß einen der Geist darin völlig erschlägt, man muß dem Buch ansehen, daß man es nicht begreifen wird, die ausschwitzende Aura muß das Gelüst nach Jahrhunderten entfachen, in die hinein wir uns dann breitbeinig zu stellen wagen, um zu rufen : »Kommet, ihr Weltgeschichtler! Streunt an mir vorbei! zwickt mich in mein fettes Hinterteil, ich will denn auch meinen Arsch aus der Träumerei erwachen sehen! – hier wird jetzt in die Geschichte hinein geschissen, geradewegs hinein in Napoleons Schlachten kacken wir! – in die Gefilde Roms hinein!«

  • Nachgast-Omen (Erweiterung)

    Gesättigt sind die Trauben nur dann, wenn sie von
    vielen Gläsern erzählen können. Eine Fertigkeit krönt
    sich selbst, wenn sie funktioniert, durch vibrierende
    Nerven Kontakt aufnehmen kann. Die Bravour des
    Zerquetschens auf die richtige Weise. Der Geschmack liegt um
    die Zuckermoleküle herum, aber der Kern wird dennoch
    verfehlt, außer bei der passenden Musik. Sie darf von
    Blaskolben stammen, aus Blech geformt wie ein Rohr
    oder aus den Mineralien der Schlacht um Aufmerksamkeit.
    Der kleine Nebel und ein Schloss – beides dürfte genug sein.

    Ich hätte mir durchaus vorstellen können, die Kluft zu
    überspringen, aber wer würde dann an meiner statt in
    die Klamm fallen, wer würde zerschmettern an den Pilzen,
    Dornen und Stacheln, an den Fieberabenden, den
    lerchenfreien Tagen, nur um etwas Abstand zu gewinnen
    vor der eigenen Unbekümmertheit, auf einer Gartenparty
    eingeladen zu sein heißt nicht, sein Haus verlassen
    zu müssen, man schickt einen Geist, der nie ermüdet,
    aber zum Lohn verlangt, den Dachboden unter sich
    aufteilen zu dürfen. Man müsste allein aus Vernunftgründen
    fähig sein, ein fremdes Gewissen zu belasten,
    während man selbst versucht, seine Lampe zu reparieren.

    In alten Zeiten drehten sie Filme vor einem Scheunentor
    und standen selbst nicht einmal hinter der Kamera, sondern verloren
    sich an die blauen Wiesen rund um das Gehege perlmuttern
    glänzender Faksimiles. Manches währt ewig, wenn man
    nicht aufpasst. Am besten eignen sich Ersatzteile, die man
    nicht füttern muss. Dabei kommt nichts anderes heraus als eine
    mittelscharfe Praline, angefüllt mit all den wilden Worten,
    die nie den Staub durchdrangen, die Farben sind schmutzig
    und gerade deshalb schön, alles in einem gönnerhaften
    Schwarz gelagert, bevor es sich im Schrank verliert.

  • Wismutoxyd

    Der Meister Vollpferd mochte hochgebildete Damen sehr gerne, obdoch es eine ungewöhnliche Hürde zu seiner Gunst gab: Die Mistressen mußten kahlköpfig sein. Seitdem er sich in Erna, die er für die Wiedergeburt eines Perlhuhns aus dem 16. Jahrhundert hielt, verliebt hatte, sprach er von ihr als von seiner ›Universal-Gescherten‹. Aber warum dann doch nichts daraus wurde, beschrieb der Meister wie folgt : »Sie trug große Hüftrollen, mit Taschen rundherum. In jeder von ihnen steckte sie eine Schachtel, in der sich das Herz einer ihrer Liebhaber befand, die einbalsamiert waren. Diese Hüftrollen hängte man jeden Abend an einen Haken hinter dem Kopfteil ihres Bettes. Sie wurde frühzeitig dick und – eben kahlköpfig – und hielt sich blonde Lakaien, die sie scheren ließ. Diese Haare trug sie.«
    »Ist das denn das natürliche Verhalten von Perlhühnern?« Cornelius kannte diese Tiere ja nur aus dem Gehege hinter dem Schloß.
    »In der Tat!« Der Meister Vollpferd, dessen Haare nun nicht mehr blond waren, sah zur großen Steinuhr, über die noch zu reden sein wird.
    »Das Wismutoxyd ist fertig!«