Mia Marple

1 Der Staub, nur die Uhr

Wenn im Fenster keine Katzen zu sehen sind, hat man
nichts als die falsche Zeit gewählt, hat man nichts
als einen umständlichen Weg zurückgelegt, die Bekanntheit
der Fassaden, kühl; die Gärten im Schlaf, die Dornen
ungefährlich bis zum nächsten Frühling. Da schleiche ich
mir hinterher und gehe mir auch vornweg. Ich kenne mich
nicht, aber ich habe mich schon einmal gesehen, als ich
in Farben taumelte, als Katzen in den Fenstern saßen,
als Lichter im Hintergrund einer Unendlichkeit schienen,
als noch Treppen in die Höhe führten; dort wähnte ich
mein Revier, meine Schritte ohne Echo. Dort wähnte ich
die Leinwand der Vergangenheit im Keller hängen, Nägel
verfinsterten die blanke Wand, in alten Schränken bleibt
nichts zurück; der Staub vielleicht, der nur die Uhr ersetzt.

2 Stillstand, ich verlasse dich

Ich denke an die Traube, die du mir bist
dein Schatten kursiert hinter jedem meiner Lichter
dich will ich sehen in Gesichten, was geschieht hat einen Namen nicht
Stillstand, ich verlasse dich
trunkene Stille, illusorische, mächtige, waghalsige, gefährdete
was dich berührt, verdient dich
wieviel Zeit benötigt man, um einen Blick zu beschreiben?

3 Die Mälz

Dein glattes Kleid, sein Kleid so glatt,
unter dir die Wogen einer persönlichen Sintflut.
Dein Habitat verloren,
Reste einer imaginären Welt, einer mündlichen Keuschheit,
einer Restauartion der Einsamkeit. In dir mag
tausendfach ein Sturm Getreide mälzen
und sich gegen Häute werfen, ein Abfluss fängt die Winde auf.

4 Wenn wir wollten

Wenn wir wollten, könnten wir ja noch einmal von diesem Flughafen trinken,
sagte sie. Ich sagte nichts. Sie nahm meine Hand, die eingeschlafen
in meinem Schritt verharrte, und führte mich auf das Gelände,
die Betonplatten im Gras. Nachdem wir ein Stück Erinnerung ausgepackt hatten,
teilten wir sie in zwei gleiche Teile. Wir sprachen.
Und dann tranken wir.

5 Mundtuch

Jetzt sind wir wieder beim Teich angelangt
und betrachten unsere Gesichter durch die Forellen schwimmen. Wenn du
hinein weillst, gehst du hinein; wenn dir kalt wird,
schwimmst du zur Sonne. Deine Hülle ziert den Damm, eine starke Schnur
verbindet die Ufer – ich finde dich nicht mehr. Sag,
sind die Rosen angekommen? Ich nahm sie mit aus dem Garten,
dem sie Wächter waren, und nun – der Garten ohne sie –
verwandelt sich in Glas und Stein. Sag,
sind die Briefe angekommen? Schrieb sie auf Tische und Servietten
und hinterließ auch deinen Namen dort.

6 Die Zeiten falsch wählen

Die Nächte waren nicht wirklich Nächte, das Licht
hatte Lampen besetzt – nicht wirklich Lampen, aber Schattenwürfe
durch sie hervorgebracht, Silhouetten; und eine fing ich – deine war’s.
Aber dann kamen die Zweifel, denn wie wärst du ohne Haken gewesen?
Ohne im Kummer zu verharren? Durchscheinend warst du nie. Wie
wärst du gewesen, wenn du mich nicht angesehen hättest? Wie
wärst du gewesen, wenn ich dich nicht entdeckt hätte? Die Bestürzung
wärt ewig, das heißt: bis heute. Und wenn heute alle Zeit ist,
dann ist das, was war, immerzu. Den Stoff, den du streichelst,
die Niederlage der Sinne. Meine Antwort an dich: ein Wimmern.
Die Handbewegung, der Kuchen, die Lippen, geöffnet, halb geöffnet,
die Zunge: ein Spiel um Welten. Ein Spiel aber nicht, was ich entdecke,
ein Spiel aber nicht, was vor uns lag. Im Kummer verharren, weil man ihn kennt.
Die Namen falsch sprechen, die Zeiten falsch wählen.

7 Weiter Winkel

Was geschieht, wenn ich dich kenne? Was, wenn ich überhaupt nicht weiß,
wer du bist? Deine Unruhe als Teil meiner Wahrnehmung. Ungezügelt
das Laster der Empfindungslosigkeit. und ich sage dir: Das ist nicht die Welt,
die es kleinzureden gilt. Es war nicht viel, es waren kaum Stunden. Der
Donner brachte die Nacht, ich habe bewiesen, dass alles ohne Beweis ist.
Ich zersetze – eins, zwei – die Moleküle ihrer winkenden Hand, als gäbe
es mir das Recht, sie anzusehen, weiter Winkel; nichts wird sich je verändern,
alles bleibt.

8 Verlässlich haben wir uns nie gekannt

Es ist nicht die Dauer, es ist der Sand. Und es ist ncht die Begegnung,
sondern ihr Ende. Es ist das, was bleibt, und sei es nichts. Es ist
das Angleichen der Tür, denn sie schließt gegenwärtig anders; es ist
die stehengelassene Tasse, die nie mehr benutzt werden kann. Setzt sie Staub an
ist es nicht die Dauer, es ist der Sand. Schafft man sie beiseite, bleibt sie dort,
nie wird sie wieder diese Tasse sein, unbedeutend, auf etwas verweisend,
das nie geschehen ist. Kein Tag geht je vorbei. Es stauen sich die Augenblicke,
stapeln sich, ohne sich je zu berühren. Es sieht nur so aus,
als wären sie aus Sand, angespültes Gelingen, Misslingen – kein Schiff
wird kommen, kein Tun wird Tatkraft werden, kein Vorhang hält uns davon ab,
die Gespräche zu vergessen, die nutzlosen Worte zu erinnern und zu vergessen.
Verlässlich haben wir uns nie gekannt.

Ähnliche Beiträge

  • Worauf du achten wirst

    I,

    Wenn wir wirklich sehr vorsichtig sind mit
    Der Wahrheit, dürfen wir unsere Laster behalten,
    Zumindest behaupten das die alten Bücher,

    Die hinter der Kommode in der Küche
    Deiner Mutter sitzen, ihre Flügel strecken, flattern.
    Aufmerksam wurde ich durch ein knarzendes

    Dielenbrett. Worauf spielt es an? Im
    Universum geht Energie nur dann verloren,
    Wenn wir nicht mehr sind.

    II,

    Der gespannte Gummi wäre lieber die Saite
    Einer Konzertguitarre, erträgt das Spiel
    Der hüpfenden Beine jedoch klaglos, denn

    In der Vergangenheit gab es einige Vorkommnisse,
    Von denen die Mädchen wussten. Wer in einem
    Solchen Ausmaß Bescheid weiß, ist längst

    Kein Gegner mehr, sondern jemand, der
    Die weite Reise tun muss, und ahnt,
    Dass er selbst viele künstliche Stoffe enthält.

    III,

    Ich springe nicht gern in dieses Wasser hinein,
    Das vor Entengrütze steht; verloren
    Geglaubt das Schmuckstück, eine Vermutung nur.

    Könnte man hineinsehen, hätte man
    Überhaupt Augen, um Vergessenes zu betrachten,
    Stünde ich nicht hier im Regen, um darauf

    Zu warten, bis das Geschmeide mir
    Auf den Kopf fällt. Jetzt reichst du mir
    Meine Badehose und sagst, es wäre besser so.

  • Ich kenne eine Stadt

    Ich kenne eine Stadt, älter als Tell Brak, Jericho, Uruk und Çatal Hüyük, die man weder ausgraben noch beweisen kann, die manchmal am Horizont auftaucht wie eine Fata Morgana, ganz gleich, wo auf der Welt man sich befindet. Straßenlos ging man über die Dächer, glitt durch eine Luke ins Haus, begrub die Toten unter dem Fußboden, aß auf ihnen, saß auf ihnen, ging wieder hinauf zum Basar, Kamelmilch zu tauschen gegen Datteln.

    Ich kenne eine Stadt, die einsame Wanderer anlockt (ein Jerusalem der toten Seelen), kein Weg führt aus ihr heraus, man gerät immer wieder in ein anderes Quartier, so dass der Wanderer glauben mochte, diese Stadt sei endlos.

  • Im Lande Ingwäoni

    Hatten nicht immer die Frowen die Kunst verstanden die in Stäbe eingeritzten ›Buohstaben‹ zu deuten, Buohstaben=Künstlerinnen, die das Raunen losten, die durch das, was sie durch das rizzan gelost, dem Reißer huldigen, wie heute noch, ob brüllig ob klein
    ist die Alliteration geglückt, darf er sich im Bade mit ihr suhlen
    (schreibt nicht jeder für die Weps?)
    Kepse mio
    im Lande Ingwäoni: die Flattermannen, die Bernsteingefäße voller Rabenblut, ›dies martis‹ erzähle ich das Gerücht nun weiter, wir sind nicht an dem Städtebau interessiert, leben abseits lieber als in seiner Nähe, nicht wie ihr in Rom, die ihr gut und gerne aufeinander hockt, den Schweiß des anderen deutet
    (ein Moschusgeflecht auf Pergament)
    ihr habt sie lange nicht mehr gesehen: Druckgeister, Manwulfe, Alben und Wichte mit ihrem König Oberon, Alraunen, Feen und Wahl=Küren, eure Gespinster sind euer eigener Gestank
    schlanke Wirrnis Welt, stand auf dem Telegramm, ich hatte es mir selbst geschrieben, habe einen falschen Namen angegeben
    (Solipsismus und das Problem des Fremdseelischen)
    was ist der Mensch ohne Menschen, aussterbendes Tier, Nahrung der Unterdrückter
    (ganze Jahre lang, unendliche Tage)
    letzte löchrige Bibliothek, Chronik eines Überlebens, Fantasma, Biograf für niemanden mehr, Sucher nach dem Anderen
    (da wird doch wohl noch einer)
    für meine eigene Erinnerung, die aufsaugt, was ich fabriziere, in der eigenen Suppe wende ich mich
    (nachts)
    ich drehe mich um, es sind Geräusche da, sie stammen nicht von mir, die Gedanken lassen mich nicht schlafen, hängen von der Leber ab, die Säfte gären dort, Begierden, umfangen der Gipfel leuchtet ein Morgenrot, gewälzt in dampfrosschwerem Schweineschweiß, jetzt warten auf das Nimmerlein sakrosankt.