Mia Marple

Dieser Artikel ist Teil 15 von 36 der Reihe Gespenstersuite
1 Der Staub, nur die Uhr

Wenn im Fenster keine Katzen zu sehen sind, hat man
nichts als die falsche Zeit gewählt, hat man nichts
als einen umständlichen Weg zurückgelegt, die Bekanntheit
der Fassaden, kühl; die Gärten im Schlaf, die Dornen
ungefährlich bis zum nächsten Frühling. Da schleiche ich
mir hinterher und gehe mir auch vornweg. Ich kenne mich
nicht, aber ich habe mich schon einmal gesehen, als ich
in Farben taumelte, als Katzen in den Fenstern saßen,
als Lichter im Hintergrund einer Unendlichkeit schienen,
als noch Treppen in die Höhe führten; dort wähnte ich
mein Revier, meine Schritte ohne Echo. Dort wähnte ich
die Leinwand der Vergangenheit im Keller hängen, Nägel
verfinsterten die blanke Wand, in alten Schränken bleibt
nichts zurück; der Staub vielleicht, der nur die Uhr ersetzt. 

2 Stillstand, ich verlasse dich

Ich denke an die Traube, die du mir bist
dein Schatten kursiert hinter jedem meiner Lichter
dich will ich sehen in Gesichten, was geschieht hat einen Namen nicht
Stillstand, ich verlasse dich 
trunkene Stille, illusorische, mächtige, waghalsige, gefährdete 
was dich berührt, verdient dich
wieviel Zeit benötigt man, um einen Blick zu beschreiben?

3 Die Mälz

Dein glattes Kleid, sein Kleid so glatt,
unter dir die Wogen einer persönlichen Sintflut.
Dein Habitat verloren,
Reste einer imaginären Welt, einer mündlichen Keuschheit,
einer Restauration der Einsamkeit. In dir mag
tausendfach ein Sturm Getreide mälzen
und sich gegen Häute werfen, ein Abfluss fängt die Winde auf.

4 Wenn wir wollten

Wenn wir wollten, könnten wir ja noch einmal von diesem Flughafen trinken,
sagte sie. Ich sagte nichts. Sie nahm meine Hand, die eingeschlafen
in meinem Schritt verharrte, und führte mich auf das Gelände,
die Betonplatten im Gras. Nachdem wir ein Stück Erinnerung ausgepackt hatten,
teilten wir sie in zwei gleiche Teile. Wir sprachen.
Und dann tranken wir.

5 Mundtuch

Jetzt sind wir wieder beim Teich angelangt
und betrachten unsere Gesichter durch die Forellen schwimmen. Wenn du
hinein willst, gehst du hinein; wenn dir kalt wird,
schwimmst du zur Sonne. Deine Hülle ziert den Damm, eine starke Schnur
verbindet die Ufer - ich finde dich nicht mehr. Sag,
sind die Rosen angekommen? Ich nahm sie mit aus dem Garten,
dem sie Wächter waren, und nun - der Garten ohne sie -
verwandelt sich in Glas und Stein. Sag,
sind die Briefe angekommen? Schrieb sie auf Tische und Servietten
und hinterließ auch deinen Namen dort.

6 Die Zeiten falsch wählen

Die Nächte waren nicht wirklich Nächte, das Licht
hatte Lampen besetzt - nicht wirklich Lampen, aber Schattenwürfe
durch sie hervorgebracht, Silhouetten; und eine fing ich - deine war's.
Aber dann kamen die Zweifel, denn wie wärst du ohne Haken gewesen?
Ohne im Kummer zu verharren? Durchscheinend warst du nie. Wie
wärst du gewesen, wenn du mich nicht angesehen hättest? Wie
wärst du gewesen, wenn ich dich nicht entdeckt hätte? Die Bestürzung
wärt ewig, das heißt: bis heute. Und wenn heute alle Zeit ist,
dann ist das, was war, immerzu. Den Stoff, den du streichelst,
die Niederlage der Sinne. Meine Antwort an dich: ein Wimmern.
Die Handbewegung, der Kuchen, die Lippen, geöffnet, halb geöffnet,
die Zunge: ein Spiel um Welten. Ein Spiel aber nicht, was ich entdecke,
ein Spiel aber nicht, was vor uns lag. Im Kummer verharren, weil man ihn kennt.
Die Namen falsch sprechen, die Zeiten falsch wählen.

7 Weiter Winkel

Was geschieht, wenn ich dich kenne? Was, wenn ich überhaupt nicht weiß,
wer du bist? Deine Unruhe als Teil meiner Wahrnehmung. Ungezügelt 
das Laster der Empfindungslosigkeit. und ich sage dir: Das ist nicht die Welt,
die es kleinzureden gilt. Es war nicht viel, es waren kaum Stunden. Der
Donner brachte die Nacht, ich habe bewiesen, dass alles ohne Beweis ist.
Ich zersetze - eins, zwei - die Moleküle ihrer winkenden Hand, als gäbe
es mir das Recht, sie anzusehen, weiter Winkel; nichts wird sich je verändern, 
alles bleibt.

8 Verlässlich haben wir uns nie gekannt

Es ist nicht die Dauer, es ist der Sand. Und es ist nicht die Begegnung,
sondern ihr Ende. Es ist das, was bleibt, und sei es nichts. Es ist
das Angleichen der Tür, denn sie schließt gegenwärtig anders; es ist
die stehengelassene Tasse, die nie mehr benutzt werden kann. Setzt sie Staub an
ist es nicht die Dauer, es ist der Sand. Schafft man sie beiseite, bleibt sie dort,
nie wird sie wieder diese Tasse sein, unbedeutend, auf etwas verweisend,
das nie geschehen ist. Kein Tag geht je vorbei. Es stauen sich die Augenblicke,
stapeln sich, ohne sich je zu berühren. Es sieht nur so aus,
als wären sie aus Sand, angespültes Gelingen, Misslingen - kein Schiff
wird kommen, kein Tun wird Tatkraft werden, kein Vorhang hält uns davon ab,
die Gespräche zu vergessen, die nutzlosen Worte zu erinnern und zu vergessen.
Verlässlich haben wir uns nie gekannt.

Veröffentlicht von

M.E.P.

Wenn es kein Buch ist, dann ist es ein Hörbuch. Und wenn es kein Wort ist, dann ist es der Jazz.

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