Perlmutt

Prismatisches Schimmern, Stiegen hinan 
Dort gehe ich mit geschlossenen Augen 
Über dunkle Türme spähend
Unendlichkeit wolkt zwischenhin

Deine Augen führen mich in ein
Kaleidoskop der Windungen
Zugiger Wurmlichter

Deine Halluzinationen peitschen
Nach meinen Wünschen
Narbendotter kostend

Gesichter beugen sich hinab:

-Ist das der Träumer?
-Er ist es.
-Was träumt er?
-Uns.

(Ein unsichtbares Ohr hört Sphärenmusik, 
leise gedrehter Orkan, 
Phonverkürzt)

-Kann er schon die Pforte sehen?
-Noch ist er auf Meeresgrund.

Deine Gedanken wirbeln um den Kelch 
Aus dem ich schluckwärts nasche
Und Träufel fahren fern zu dir

-Er spricht.
-Er nippt.
-Er flüstert.
-Redet.
-Schon zu ihr?

(Die große Dunkelheit betupft einen Gong)

Ihr Perlmuttöchter!
Gebt mir die Pforte frei!

(Die Perlmuttöchter kichern in choreographisch hervorgeholte Taschentücher
dann tanzen sie Figuren
schweben sie im Saal der Welt
berühren sich sinnlich mit den Fingerspitzen)

-Da sind die Perlmuttöchter!
-Und sie geben das Tor nicht frei.

Die Gesichter entfernen sich:

-Schon?
-Komm.

Timber

Gelehrt haben mich Feen eine Sprache des Mooses
Gesprochen wird sie liegend im Farn
So klingen märchenhafte Vibrationen
Noch lange nach und stimulieren die verkümmerte Sicht
Der Menschensöhne

Tot fand sich sie am Waldesrand
Ein Sommerspiel auf ihren Lippen
Sie wär’ die Liebste mir gewesen
Ein Elfenkind mit scheuem Blick

Ich frage den Bach nach ihrem Namen:

Siehst du nun das Unheil an?
Der Traum hat sich dir eingemischt
Und offenbart dir unvereint
Wie er das Leben schmähen wird

Wie sie dort liegt
Bedeckt sie nur der Sonnenstaub

Bedeckt sie nur ein Trauerblick

Bedeckt sie nicht mein Antlitz
Kannst du mir sagen, wer sie war?

Sie war und ist ein Traumgespinst
Ihr Name ist ein Stachelband
Weil sie dir angetan
Du träumst den Tag, du lebst die Nacht
Sie bietet dir ihr Leben bar

Wie sollte ich es nehmen?

Sie starb in deiner Welt weil du erwacht bist
Stirb du in ihrer, schlafe ein

vom auszug

Miniaturen
mit taschen voller bücher ausgerückt
auf hohem pferde durch den klee
gen nordens immerwährenden schnee
von zeilen, reimen, der erinnerung entzückt

mir ist nie eine lieb’ geglückt
das verlassene heim blieb stehn im weh
am gartentor winkt’ mir das reh
mich schilt die welt, ich sei verrückt

vorn seh’ ich hohe berge an
wie mauern, die sich langsam schließen
und die ich schon im traum ersann

dahinter wird sich land ergießen
das im schlaf vor augen rann
mit pfeilern, die den weg mir wiesen

Heliotrop – Romantik in Blau

Blumen des Himmels
im Pflanzenkleid der Erde
Blaue Achate zeichnen Geschichten
spielen mit blaufarbnen Tönen
zum heilen malen und fröhlich sein
Almadin Amethyst und Aquamarin
blauer Saphir, Zirkon und Topas blau
Chalzedon schimmernd mit Heliotrop
Lapislazuli, Labrador und Opal
Turmalin sendet von all seinen Farben
das Blaulicht für die blaue Stunde
den labyrinthenen Steinkreis zu schließen:
Blaues Lapidarium in der Sph?ä
des Blauen Planeten
- I. Bott

Die Blaue Blume ist das Jenseitige in dem Sinne, als dass sie all das symbolisiert, was augenblicklich nicht erreichbar ist. Deutschlehrer nennen das dann Sehnsucht. Eichendorff findet die Blaue Blume nicht, und weiß in seinem Gedicht von ihr, dass er sie zwar beständig suchen wird (er suchtet förmlich nach ihr), dass es aber ihrer Natur entspricht, dort zu erblühen, wo er gerade nicht ist. Die Blaue Blume ist nicht erreichbar und deshalb ideal (nur die nicht-erreichbare Liebe ist romantisch, wie wir aus der Minne wissen, das Hinschweifen, das verzehrende Feuer):

Wenn ein Pärchen Nachtigallen Tag und Nacht sein Lied lässt schallen, Lass uns in die Blumen fallen, Liebste mein. Bald schon wird der Türmer schrein: - Liebesleut, erhebt euch schnell! Frühling glimmt, der Tag wird hell- Anonymus

Das Rätselraten um die Blaue Blume der Romantik und welche Art denn nun das Vorbild gewesen sein soll, könnte mit einem Dichterwort erklärt werden (auch wenn man es nicht wahrhaben will). Novalis nannte als Inspirationsquelle den Heliotrop (die Inder nennen diese Pflanze Sonnenanbeter), der jedoch mehr in tropischen Gefilden – wo nicht wirklich blau, da nämlich violett – gefunden werden wird. Jetzt wird das manch einen schröcklich verwirren, dabei hat das Violett des Sonnenwenders etwas mit der komplementären Wahrnehmung zu tun. Unser Auge hat nämlich die Tendenz zur Kontraststeigerung bei Komplementärfarben. Im Allgemeinen spricht man hier von einem Nachbild, das entsteht, nachdem man (hier am Beispiel Blau) eine gewisse Zeit damit zubringt, Gelb anzustarren, und dann die Augen schließt. Was wir als Komplementärfarbe erkennen, ist violett, obwohl es laut Farbkreis blau sein müsste. Das kommt der Romantischen Auffassung des Mysteriösen recht nahe, weiß man doch, dass Farben weniger ein physikalisches denn ein psychologisches Phänomen sind.

Natürlich kannte Novalis als Salinenmeister auch den Heliotrop unter den Edelsteinen, der Blutjaspis genannt wird. Dieser ist nun weder blau noch violett, sondern rot, zumindest eine Art von.

Eine andere Metapher möchte ich anbringen. Heinrich von Ofterdingen setzt in die im Traum geschaute Blume sein Liebchen Mathilde, zumindest hat im Blumenkelch ihr Antlitz Platz, für das ganze Mädchen reicht es nicht. Die meisten Pflanzen sind ihrer Natur nach “Sonnenwender” also Heliotrop, recken sich zum Licht (in der Dichtung spricht man in so einem Fall davon, dass der Leib das Auge aufschlägt wie die Pflanze ihre Knospe). Heinrich erblickt Mathilde im Kelch der Blauen Blume. Das ganze Erlebnis in der Höhle (da tut sich ja auch noch ein ganzer Schwarm liebreizender Mädchen an ihm gütlich) ist die Feinjustierung der Sinne, die für das Werden des Dichters eine entscheidende Rolle spielt (ich variiere des Thema im entsprechend mit einer Wolke).

Im Uhrenträger schrieb ich der Blauen Blume die Wegwarte zu, das hatte aber taktische Gründe, weil ich, um das entsprechende M?rchen anzubringen, kaum auf die Vanille zurückgreifen kann (der blaue Heliotrop ist nichts anderes). Ritter und Vanille, das ging mir irgendwie nicht.

Novalis übernahm aus Goethes Morphologie (als Erkenntnisform) “von den ersten physischen und chemischen Elementen an bis zur geistigsten Äußerung der Menschen” auch dessen Farbenlehre, die unter anderem eben jenes Phänomen der Komplementärfareben beschreibt.

Blau ist eine Farbe, die uns dabei hilft, außerhalb des vorgegebenen Rahmens zu denken. Es ist die Farbe des Ideals, der Sicherheit und der Treue zu einer Idee.

ich bin in dem vielen leid gefangen, das ich ich schaute, aber muss mich zerreißen, und ob der träume will ich nicht klagen, denn sie bringen mich zu den geschichten hin
(sie wären gar nicht da)

m. perkampus, die wundersamen abenteuer des cornelius schlehenfeuer genannt prunus spinosa

Andrè Breton

Breton in einigen wenigen Sätzen zu grundieren, ist ein unmögliches Unterfangen. Ob man ihn nun als den Begründer der einflussreichsten künstlerischen Bewegung, die es jemals gab, anerkennt, oder ihn zum letzten Vertreter der europäischer Intelligenz ausruft. Im Vordergrund steht kein literarisches Schaffen im herkömmlichen Sinn, was Breton sein wollte, war er ganz und gar. Es ist bezeichnend, dass der kontinentale Surrealismus durch ihn initiiert, verstörte und aufbegehrte, beinahe exaktamente mit seinem Ableben ebenfalls das Zeitliche segnete, während der Geist dieser Lebenshaltung – man kann sagen – nach Lateinamerika auswanderte, wo er nicht zuletzt durch Bretons Busenfreund Octavio Paz (aber auch durch Neruda) zu höchsten Weihen fand.

Auswahlbibliothek:

Die Manifeste des Surrealismus
Die magnetischen Felder
 (mit Soupault)
Nadja
L’amour Fou
 (in einer grottenschlechten Übersetzung bei Suhrkamp)