Edgar Allan Poe ein Mörder?

Nah dran am wahren Mord

Edgar Allan Poe gilt als literarisches Genie und als einer der Väter der amerikanischen Literatur. Außerdem wird stets darauf hingewiesen, dass er der Erfinder der Detektivgeschichte war. Zweifellos war Poe mit einem brillanten Verstand begabt, ein Schriftsteller, der in der Lage war, verblüffende und ausgeklügelte Handlungen zu entwerfen wie kein zweiter. Aufgrund seines eigenen desaströsen Lebens zeigte er die dunkelsten und kompliziertesten Aspekte der menschlichen Seele, mit denen er bei den Lesern, die mutig genug waren, sich in seine Geschichten zu vertiefen, Gefühle der Angst, der Beklemmung und des Unbehagens hervorrufen konnte.

Viele Leser wissen vermutlich gar nicht, dass manche von Poes Geschichten auf tatsächliche Ereignisse zurückzuführen sind. Da wäre zum Beispiel “Das verräterische Herz”. Diese Geschichte nimmt ihre Inspiration aus dem am 6. April 1830 begangenen Mord an dem 82-jährigen Kapitän Joseph White, einem wohlhabenden pensionierten Schiffskapitän und Händler in Salem, Massachusetts.

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Eine Illustration von 1853 für “The Mystery of Marie Rogêt” von einem unbekannten Zeichner.

Viele Poe-Forscher glauben, dass Edgar Allan Poe sich beim Schreiben von “Das verräterische Herz” stark auf die in diesem Fall vorgebrachte Gerichtsrede gestützt hat, was sich vor allem an der langsamen, dramatischen und bedächtigen Sprache des Erzählers von Poes klassischer Geschichte zeigt.

Fiktionale Krimis basieren oft auf realen Morden, die vom Autor mit einer gewissen Wendung geschrieben werden, um sie zu einem eigenen Werk zu machen. Poes Faszination für Tod und Mord wurde durch die Lektüre tatsächlicher, brutaler Verbrechen seiner Zeit stark genährt.

Einmal allerdings war Poe direkt in die Geschehnisse eines rätselhaften Mordes Involviert, so dass er lange Zeit als Hauptverdächtiger galt.

Zwischen November 1842 und Februar 1843 veröffentlichte Poe Geschichten in der Zeitschrift Ladies’ Companion. Eine dieser Geschichten war The Mystery of Marie Roget (Das Geheimnis der Marie Roget).

Poe ließ sich dabei von einer wahren Begebenheit inspirieren: dem Mord an Mary Cecilia Rogers, einer jungen Frau, die im New York der 1840er Jahre als das “schöne Zigarrenmädchen” bekannt war und am 28. Juli 1841 tot im Wasser des Hudson River aufgefunden wurde.

Wer war Marie Rogers?

Mary Rogers war eine hübsche junge Frau, die seit 1839 als Angestellte in dem bekannten Zigarrenladen von John Anderson in der Liberty Street in New York arbeitete. Sie galt als gute Arbeiterin mit eloquenten Umgangsformen und einem einfachen Geschmack und zeichnete sich dadurch aus, dass sie bei den Kunden stets einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Ihre Schönheit und Freundlichkeit veranlasste viele Männer sogar, Gedichte über sie zu schreiben. Viele berühmte Schriftsteller der damaligen Zeit waren häufige Besucher des Ladens, darunter Washington Irving, James Fennimore Cooper, Edgar Allan Poe und Reporter vieler New Yorker Zeitungen.

Ein Jahr vor ihrer Ermordung stand Mary jedoch im Mittelpunkt eines sehr merkwürdigen Ereignisses in der damaligen Boulevardpresse: Sie verschwand und tauchte zwei Wochen später auf mysteriöse Weise an ihrem Arbeitsplatz wieder auf. Obwohl sie behauptete, sie habe sich nur bei Freunden aufgehalten, untersuchte die Polizei ihr Verschwinden als mögliche Entführung, nachdem ihre Kollegen sich bereits Sorgen gemacht hatten.

Das erneute Verschwinden von Mary Rogers

Einige Zeit später erregte Mary die Aufmerksamkeit der Polizei, nachdem sie erneut verschwunden war. Diesmal führten die polizeilichen Ermittlungen zu John Anderson, dem Besitzer des Zigarrenladens. Mr. Anderson begleitete Mary als Gentleman jeden Tag nach Feierabend nach Hause. Doch obwohl Anderson kein Alibi hatte, wurde er als Verdächtiger verworfen, weil die Polizei stattdessen den Verlobten des Mädchens, David Payne, ins Visier nahm.

Payne besorgte sich eidesstattliche Erklärungen von Personen, die über seinen Aufenthaltsort Bescheid wussten, und gab die Alibis an die Zeitungen New York Times und Evening Star weiter, die ihn als “über jeden Verdacht erhaben” bezeichneten. Die Vorkommnisse hatten sich zu Amerikas erstem großen Medienfall entwickelt, der in den Zeitungen verhandelt wurde!

Mary hatte an diesem Morgen die Pension ihrer Mutter verlassen, um in die Kirche zu gehen und danach eine Verwandte zu besuchen. Ihr Verlobter zeigte sich nach eigener Aussage nicht beunruhigt, als Mary später am Tag nicht zurückkehrte, da er annahm, dass sie im Haus der Verwandten übernachtet hatte, um dem schlechten Wetter zu entgehen.

Als sie jedoch am Montagmorgen noch immer nicht zurückgekehrt war, machten sich ihre Mutter und Payne auf die Suche nach ihr. Die Verwandte, die sie besuchen wollte, sagte, Mary sei weder angekommen, noch habe sie sie erwartet. Man suchte nach ihr, aber ohne Erfolg. Payne gab eine Anzeige in der New York Sun auf und bat um Informationen über ihren Verbleib, doch niemand meldete sich. Das 20-jährige Zigarrenmädchen war verschwunden.

Der Leichenfund

Am 28. Juli 1841 wurde Marys zerschundene Leiche am Ufer des Hudson River auf der Seite von New Jersey in der Nähe von Hoboken gefunden. Ihre zahlreichen Zeitungsbekanntschaften berichteten in einigen Zeitschriften, für die sie tätig waren über ihren Tod und diese Schlagzeilen versetzten die Öffentlichkeit in Aufruhr. Verängstigte Bürger forderten mehr Polizeipräsenz und die Zeitungen verkauften währenddessen natürlich zahlreiche Exemplare.

Der Evening Tattler berichtete aus einem anderen Blickwinkel. Dort bezweifelte man, dass Mary wirklich tot war. Man vertrat die Meinung, dass die Leiche aufgrund der stark fortgeschrittenen Verwesung nicht mehr identifiziert werden konnte.

Beweise für Marys Tod

Die Polizei erhielt eine Reihe falscher Hinweise, die zur Verhaftung und Freilassung mehrerer Verdächtiger führten. Andere und frischere Nachrichten verdrängten das Thema immer mehr und bald dachte niemand mehr daran. Bis man den Ort fand, an dem Mary Rogers ermordet wurde.

In einem Waldstück, nicht weit von der Stelle, an der die Leiche angeschwemmt worden war, wurden Kleidungsstücke der Frau gefunden, darunter ein Taschentuch mit den Initialen “MR”. Der Wirt einer nahe gelegenen Taverne erinnerte sich, dass Mary am 25. Juli mit einem Herrn in seinem Gasthaus saß. Unter den gefundenen Kleidungsstücken befand sich auch ein Paar Damenhandschuhe; die Leiche, die an Land gespült wurde und die man für Mary hielt, hatte ihre Handschuhe jedoch angehabt.

Viele glaubten, der Wirt habe die gefundenen Kleidungsstücke platziert, um Werbung für sein Lokal zu machen. Wenn es sich wirklich um eine List gehandelt haben sollte, funktionierte die sehr gut, denn viele Neugierige kamen in die Kneipe, um die Geschichte zu hören, die der Wirt erzählte. Seine Einnahmen stiegen dramatisch an, aber der Ruhm der Taverne war nur von kurzer Dauer, nachdem Berichte über zwei Paar Handschuhe auf einen Betrug hindeuteten und die Geschichte wieder abebbte… vorerst.

Neue Nahrung für die Medien

Daniel Payne war von der Trauer über den Tod seiner geliebten Mary überwältigt und begann stark zu trinken. Er besuchte das Waldgebiet, in dem die Kleidung gefunden worden war, und schrieb eine Notiz:

“An die Welt – hier bin ich an Ort und Stelle. Möge Gott mir für mein verpfuschtes Leben vergeben.”

Dann trank er eine Flasche Laudanum und starb. Die Geschichte vom Tod des “schönen Zigarrenmädchens” war sofort wieder in den Schlagzeilen.

Ein Jahr später gestand der Tavernenbesitzer – angeblich auf dem Sterbebett -, dass Mary Rogers und ein Arzt sich in der Taverne trafen und eine Abtreibung vereinbart hatten, an deren Komplikationen Mary schließlich starb. Auch dies wurde von den Zeitungen als Erfindung angesehen, um das Geschäft anzukurbeln, da der Bericht des Leichenbeschauers darauf hinwies, dass Mary “ein keuscher Mensch” war.

Die Verbindung zu Edgar Allan Poe

Edgar Allan Poe war ein häufiger Besucher des besagten Zigarrenladens und kannte Mary Rogers gut. Er war sogar so fasziniert von ihr und den Umständen ihres Todes, dass er sich zu einer Geschichte inspirieren ließ: The Mystery of Marie Roget, die zweite seiner drei berühmten Detektivgeschichten.

Poe änderte nicht nur Marys Namen, sondern verlegte auch den Schauplatz von New York City nach Paris. Er schickte seinen fiktiven Detektiv C. Auguste Dupin los, um den Mord zu untersuchen, den die Polizei nicht aufklären konnte.

Wir werden nie erfahren, was an jenem Tag im Jahr 1841 wirklich geschah, aber eines ist sicher: Hätten die Medien nicht versucht, die Geschichte “lebendig” zu halten, um ihre Auflagen zu erhöhen, und hätte der an allem Morbiden interessierte Poe nicht geschrieben, wäre “das schöne Zigarrenmädchen” nur eine anonyme Verkäuferin in New York City geblieben, und die Umstände ihres Todes würden auch nach all den Jahren nicht weiter in Frage gestellt werden.

Ein Cold Case, wohl für immer

Der Tod der jungen Mary offenbarte die Inkompetenz der Polizei und der Justiz und führte zu politischen Auseinandersetzungen. Er weckte auch die Gier skrupelloser Unternehmer und ein rasantes Geschäft, das sich um das Opfer rankte. Die Ermittlungen waren kompliziert und folgten vielen falschen Spuren, es gab eine große Reihe an Verdächtigen und zahlreiche Theorien, die die Polizei in eine Sackgasse führten. Nach einem Jahr war das Verbrechen immer noch nicht aufgeklärt und das polizeiliche und gesellschaftliche Interesse begann zu schwinden. Schließlich wurde der Fall trotz seiner Unaufgeklärtheit abgeschlossen.

Das Geheimnis der Marie Roget