Die Wünscheltruhe

Das kalte Gemäuer hat den Vorteil,
auch die Helligkeit davon abzuhalten,
kleine Unebenheiten in jeder Ritze
ins Rampenlicht zu treten. Auf dem
Boden steht – ganz plump – eine Truhe.
Aber sie birgt nur den Wunsch,
den du in ihr hast. Ein Vorher wird dich
nicht retten, keine Erfahrung klafft hinter
dir auf. Das Holz dringt in dich und
schlägt dir viele Dinge vor – allesamt nutzlos
und trocken – ein Kamin, der
nicht nach Asche riecht.

Es ist nur der Gedanke einer
langen großen Überfahrt, ein Verschwinden
und ein beinahe-verschollen-sein.
Eine reisende Truhe nimmt stets ein wenig
Luft der alten Welt mit sich, und dadurch
auch ein Stück unerzählter Geschichten, die
sich mehr und mehr auflösen – es verdünnisiert
sie der Trubel, manuell und ohne große
Maschinenträume.

Ein weißer Schutz gegen die noch heißeren
Sommernachtsträume. Es geht wohl überall hin
mit dieser Barke – ein Drops auf steiler Bahn. Doch
der Standort verändert sich nicht, er hat den Anspruch
der Ewigkeit, konserviert durch das Vergessen
monumentaler Merkwürdigkeiten.

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    Auf dem Weg zu katatonischer Starre von Vorkommnissen begleitet, die ihr die Schau stahlen, trat sie in den vor ihr liegenden Traum, unbekannt, von welchen Wegen, Sehnsüchten, Pflastersteinen (vornehmlich Grus) erschaffen, ungenau in seiner euklidischen Darstellung, freskenbetont und einsam. Sie, die sich stets in ihrer Mitte wusste, fand hinaus, fand die Stimme wieder, die sie dazu ermuntert hatte, durch die Wand zu entschwinden. Hören wir hinein, ablauschend die Erinnerung, aber kein Wort, weil Worte versagen, kein Schild, weil Schilde versagen, und der Hof, der schöne verfallene Hof lag hinter ihr. Schlief sie in Wellen, erwachte als ein Ding, oft in Taschen oder anderorts verlegt, ein Gegenstand von Kälte, blassem Fieber. Eine Welt oder eine andere. Die Motoren drücken strenge Muster aus. Sie hört davon in den Ecken einer gewissen Grabesstille, flüsternde Tote, spinngewobene Kleidung, Humus aus Dosen, Grabstätten der einen Fantasie. Alle Male auf ihrer Haut verheißen ihre Rückkehr, eine Begegnung mit dem Wanderer wird unvermeidlich sein; sie lügt ihn an, was ihre Tätigkeit betrifft, denn sie ist nicht die, für die er sie hält. Eine hübsche Trophäe wäre sein Kopf, seine ausgebeinte Schulter, sein trockengelegter Tränenkanal, statt dessen gießt sie ihm ein, bereits mit Händen, die keine Zeichen mehr geben können, die Nähte ungewachst und spröde geworden. Alle Rätsel fließen in ihrer Brust, alle Fragen in seiner.

    Ihre Haut leuchtet perlweiß, rötlich, schwarz wie Opal und schillerndes Orange, sie scheint über den Scheitelpunkt des höchsten Sterns hinaus zu schweben, trunken von Eingebungen. Noch ist sie nicht angekommen, hängt fest zwischen Wünschen der Nacht und des Tages, ein erstarrendes Zitterhexchen, aus stiller Kindheit unschuldiger Hut gejagt, so dass ihr der Mythos selbst nicht mehr die Wahrheit vorenthalten konnte. Jetzt wohin? Am Hange schleicht sie, krank und matt, das Warnungsflüstern, krankhaftes Funkeln im verwirrten Haar, als käme nun alles auf sie zurück, was sie je gelebt: viele verbrannte Lebensläufe.

    Die Augen stumpfen ab, gelegentlich erreicht der Blick die Wimpern. Woher du wohl gekommen bist, den ganzen weiten Weg allein, und ob du wohl nicht gesehen hast, wie alles hin zur Asche rennt, und ob du dich gewundert hast, wie du überhaupt hierher gekommen sein kannst, wo hast du die Grenze überschritten?

    Hinter ihrem Rücken ragt eine Maschine auf ins Unermessliche.

    Vielleicht war es ihr erstaunlicher Werdegang, begonnen mit einem in der Welt sein auf Stachelkissen, gewaschen mit Brackwasser, vielleicht waren ihre großen Nüstern schuld, Dinge namentlich zu erschnüffeln, ein Trüffelmädchen mit einer Neigung zum Hässlichen, denn darin standen ihr die Augen offen, erblickten dort Grenzposten in gilben Uniformen auf- und abpatrouillieren, das Niemandsland bewachen. Ihr gelang es von Zeit zu Zeit einen Fuß auf das verbotene Feld zu setzen, um zu erkunden, was geschehen würde, wenn sie sich nicht an Kompromisse hielt. Es geschah nie etwas, ihr Vorhandensein blieb unbemerkt. Wer achtet schon auf eine Nase, die sich über Grasnaben schiebt?

  • Die Wirklichkeit verliert ihren hübschen Schmollmund

    Die Gespenster verschwinden, sie werden als Erinnerung
    blass, Gedanken gehen schon fehl, krachen an die Wand
    ein Durchdringen jetzt nicht
    ein Raum wie eine Barke
    verschwindet sie, bleibe ich zurück
    das Lebhafte ist nirgendwo verzeichnet, kein
    Abspielgerät zumindest der wichtigsten Knotenpunkte
    kein Infostand – mit Reklame für den Frieden
    kein Rückspulsekret – verteilt um den
    Lautstärkeregler und dann erst das Bild

    Es ist die Freude der Erde, wenn sich die Würmer
    dazu erbarmen, die Abfälligkeiten zu beseitigen
    oder Noblesse walten zu lassen, gelb schon, Zeit schon
    aber alles parkt auf dem Rücken der Niederlagen
    und der Wettkampf hat begonnen, nicht
    schnell genug, Bursche, du wirst noch mehr
    Kartoffelsuppe vertragen müssen, wirst dir
    andere Schuhe, denn Wandern ist des
    Windmühlenbesitzers Lust, wirst nicht mehr
    am Rückspulsekret schaben