steinbruch 1

Say cheese

Geschrieben von A. Anders

Tragen Sie diese niedlichen Ohrringe,
die aus den Knochen einer Amsel geformt sind,
und treten Sie ein, in einen unheimlichen Schnappschuss,
der den Zuschauer einlädt,

über das eindringliche Flüstern der Vergangenheit

nachzudenken,

in einen sofortigen Download
sanfter Erinnerungen.

Die Modelle sind spontan
und in bester Laune entworfen,
gefertigt von unseren Handwerkern,
eingerahmt bis zum Tod,
bestückt mit nach vorne und nach hinten
gerichteten Schmetterlingen.

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    Wir lebten unter dem Dach eines Musikcafés, teilten uns die Zimmer mit amerikanischen Familien, die sich durch ein starkes, strammes Heck hervortaten, mit dem sie ihre Balance hielten, während sie durch das Fachwerk navigierten.

    Am Abend saßen sie im Flur und sangen „Wish you were here“, wozu sie Jim Beam tranken, von unten herauf quoll der Blues wie Reisbrei aus einem Topf.

    – Töpfchen koch
    wir nannten sie der Einfachheit halber „Zupfer“, die Amis, das waren immer nur die Zupfer, die anorektische Journalistin, die neben mir ein Zimmer hatte, saß meistens bei ihnen
    – Töpfchen steh
    ich kam da lang, die Treppe, an ihnen vorbei, um noch mehr Schnaps zu besorgen
    (ein Glasflaschenentwerter)
    der Boden, der Kümmerling
    (die Flaschen)
    – Töpfchen koch
    der Boden nicht mehr zu sehen
    (wer den Boden nicht mehr sieht)
    oh, ihr Gäste und ihr fremden Menschelgen, heute Abend schob ich keine Pizzableche in den Feuerschein, verzupfte nicht Salat, schlug keine Filets, kein angetrocknetes Mehl, heute versoff ich das Geld, das ich gestern verdiente, vor Feuerschein und Gurke
    (ich wurde jeden Tag ausbezahlt)
    mit Leuten, die ich nicht kannte, wie unbekannt mit mir zu feiern, setzt euch doch
    – Setzen wir uns doch
    auf die Stühle, die ich mir geborgt hatte, genauso wie den Tisch, den wir nicht brauchten, weil wir alles auf den Boden schmissen, oh Hasi Hasi, der feiste Baß
    – Töpfchen koch
    dann unten, alles voll, die lange Theke nur noch für mich der Platz, du unnahbares Objekt meiner Begierde, mit Augen wie Bambi
    (Bam Bam Bambi)
    du Körper der Lust, du Heizdecke
    (ich widdere sie)
    rauchiges Universum
    (der Blues)
    Now I left home this mornin‘, I swore I’ve stopped and think
    Made my friends a promise, I wouldn’t even take a drink
    Of that bad, bad Kümmerling
    Woodstock-Anhänger, wie schön war’s damals, als wir noch alle völlig verblödet mit Drogen im Blut, Veganer, Fleischfresser, alles da, Hippies, Leary Leary hey, fickten, soffen, fraßen und am frühen Morgen vom Stuhl fielen, ich saß in meinem Rom, meinem Babylon, meinem Korinth, der sündige Heilige
    (ich reinigte auch die Scheißhäuser)
    Rabelais, Grimmelshausen, Villon, Ovid
    (aber unterzeichnete mit Attila)
    und es gab keine Tür hier, die ich noch nicht eingetreten hatte, war im weitesten Winkel der Welt versteckt und war doch zuhause, in der Welt, aus der Welt, in einem Sternbild, Lichtjahre entfernt von einem anderen Ort
    (hinter den gelb melierten Fenstern und dem Vorder- und Hinterausgang)
    die Gesichter vertraute Ballons, die an mir vorüberschwebten, bekifft, versoffen, planlos, du neue Welt, Stillstand im Rausch, ewiger Bacchos, Eddi spielt Billard, mit seinem flächendeckenden Gesicht glotz er die Kugeln ins Loch, der Queue nur Beiwerk, ein phallisches Instrument
    (und da tat ich meins dazu)
    – Hasi Hasi
    dessen Fruchtbarkeit Siege bedeutet, die Säulengänge des alten Athen, wo statt Philosophie Billard gespielt wird, alles fließt, sagt Heraklit und steigt aus dem Wasser, hinter allem steckt die Idee, sagt Platon1 und zerlegt die Pferdheit zu Rouladen, Eddie zielt und trifft, er darf noch einmal, so will es das Gesetz, Hasi bringt mir noch ein Bier
    (und bringt sich selbst gleich mit)
    ich beobachte die Umluft, sie stellt einen Karton Kümmerling dazu, heute ganz Kelte, trunksüchtig statt wollüstig
    (und wieder widdere ich)
    kniete sie neben meinem Bett, während ich unter der Decke eine Belgerung vorbereitete, näher bin ich dir ja nie gekommen, in der Ecke
    (ich im Bett)
    diskutierte ihr Bettgestell mit Melchior über Physik, für Physik interessierte man sich hier, Lied von der Symbiontenstrategie, das Licht wechselt von Teilchen zu Wellen, ich begann Hasi ebenfalls in einer Heisenbergschen Unschärfe wahrzunehmen, sie akzeptierte meinen abgehackten Wörter
    (während der Klimax bitte nicht sprechen)
    und stand erst auf und ging zur Physik als meine Finger der Biologie wegen neue Wege ging
    – Das Universum
    eine Teilchenschleuder, du führtest doch meine Hand unsichtbar in Gedanken, du hattest mich doch erkannt, wußtest wer ich war
    – Das Multiversum
    oh, jetzt denkt sie an mich, hier entschied sich das Leben, hier wurde das Leben begründet
    – Das Desasterversum
    und der Hintereingang reißt sich auf, zwei fremde Wesen tanzen herein, stören die Dämmerung, die Gedanken, das Meer, augenblicklich reißt mich der Wahnsinn in seinen ausgezehrten Schlund
    (Eddie zielt und trifft)
    und pure Nüchternheit vertreibt jeglichen Nebel aus meinem Gehirn, ich erleide einen Schock und komme nicht dazu, die Beine hochzulegen, der Engel war erschienen und besuchte nun den Sündenpfuhl, um die Seelen aus dem dritten und vierten Kreis der Hölle zu retten
    (Dante wo warst du)
    blond, neckisch und reif wie ein überquellender Fruchtkorb, dem der Zucker austreibt
    – Die Bar
    die Schleusen meines Herzens, schon wieder verliebt, in jede, in jede, da oben warteten sie auf den Schnaps, den bring ich auch, den bring ich gleich, ich bin schließlich Attila, plane den Weltuntergang, plane die Wolke zu finden
    – Sieh doch Mutter, ein Gesicht
    stand auf und bohrte mich durch den archaischen Urdunst, hin zur Skulptur am Ischtar-Tor, eine Schlucht, zu beiden Seiten säumen hohe Mauern den Weg, riesige Ungeheuer starren von den Kacheln, spielen Pool, die graue Maus daneben
    (Gold wird in dreckigen Truhen transportiert)
    aus dem Seitenwinkel meiner glänzenden Augen, die Reaktion hinter dem Tresen, du Hasi weißt, was ich begehre, ein Tropfen rinnt durch die zitternde, pumpende und heimliche Hand, der Traum spricht von der Schuld der Ekstase, die vergessen hinter Herbstlaub lauert, das stampfende Weiß der Augen trägt sich durch die silberne Luft des nur schwarz sehenden Auges, welches sieht, wie die Gier und die Vibration des Körpers beständig schnaufen, dort sieht das Auge alles zucken
    – Seit gegrüßt von einem einsamen Segler in notdürftigen Gewässern
    ich wies meine Soldaten an, von ihren Feldzügen alle unbekannten Pflanzen mitzubringen, im Sommer, mit den Sklaven zusammen, schöpft also Wasser aus den Brunnen und pumpt es in viele kleinere Kanäle
    (damals im Garten)
    Semiramis reagierte und
    – Wer ist der Sprecher
    ein König der Holzbuden und Einmachgläser, aber ein König, sie stimmte voller Holz und Wurzelwerk, erzählte Nebensächlichkeiten, aber Semiramis, du bist kein Engel, wie war denn das, als du in das Ornament gekleidet die Hinrichtung befahlst, mein Sehnerv ist verändert und es bleibt ein Hokuspokus, bist du vielleicht doch ein Engel, dann rette mich, rette mich
    – Vielleicht bin ich ein Engel
    ich habe dich noch nie gesehen, du wurdest ja nicht gemalt, sie nahm mich so ernst wie ein vierjähriges Kind eine Fliege ernst nimmt, mit ausgerissenen Flügeln, die wie ein Brummkreisel auf dem Tisch rotiert, oben sitzen die Hunnen, warten auf den Schnaps, die Stimmen sangen, der Blues, Türen wurden geöffnet und geschlossen
    (eine Eigenschaft, die man ihnen nachsagt)
    die Atmosphäre eine Prothese meines Zustands, ich verwandelte mich in die Seele des Gebäudes, heiße Küsse im Treppenhaus, unter wummernden Bässen und verschwommene Figuren labten vorbei, erwachte irgendwo auf dem Boden liegend
    (war es denn der nächste Tag)
    eine Zahl im Kopf, eine Formel, ein Heureka, ein pythagoreisches Geheimnis, das sich unter meinen rhythmisierten Schädel schob, ich fasste nach einem Namen, nach einem beschrifteten Glas, in dem eine milchigweiße Sensation schwamm, die leeren Flaschen zerfetzten das Sonnenlicht, tausend Flüchtlinge verseuchten, durch meine Augen zu dringen, die Zugbrücken rasten herunter, links und rechts über meiner Nasenwurzel, praktischerweise lag ich direkt neben der Tür, ins Badezimmer
    (die Reise beginnt)

  • Quellen aus Mondlicht

    Quellen aus Mondlicht, ein Splitter der Vergangenheit. Hier wurde weder Licht noch die Luft selbst gelüftet, die Gäste sprachen Double Dutch, flüsterten laut, hatten sich nichts zu sagen und sagten sich nichts zum tausendsten Mal. Das Strandgut eines Sommerplatzes: den Elenden gab man gastfrei. Sie stand in der Ecke und sah mich früher als ich sie, stand in meinem Rücken, dieser weiten Fläche, ein Fächer für Blicke, weder die Kleidung, die man trägt, noch die Haut widersteht dem Stechen eines in Gedanken arrangierten Blickes. Sie stand da und stand verborgen, karge Mauern hüllten sie ein, Gedanken ohne Gestalt, ohne ein Wort, ein Bild. In der Mitte flackerte ein entsetzlich funzeliges Licht, das sich für eine Sonne hielt. Im Keller siechte das Wasser eines Brunnens, darin keimte die Erinnerung wie in einem Aquarium eschericha coli, geisterhaft tauchte aus der Tiefe all das empor, was man längst kannte: selbst zu fassen bekam man sich nicht.

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    Da er kein Ziel hatte, wäre es auch nicht wirklich ein Umweg gewesen, aber die Figur winkte ihn zu sich heran. Von da, wo er stand, sah sie aus wie eine alte Gänsemagd, ein Sommerhütchen auf die orangeroten Locken mit einer roten Schleife gebunden; ein weißer Wickelrock – oder was immer das sein sollte – begann unterhalb eines ebenfalls roten Jäckchens, das über einer weißen Bluse geschlossen den Gesamteindruck der Halluzination verstärkte. Nicht wegen der Kleidung an sich – über Moden konnte er sich nicht viel Meinung machen –, sondern weil das Mädchen aussah, als wäre es aus Porzellan.
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    Die Nacht fiakert zurück und hinterlässt einen Sägenschärfer aus Hebanz in der Nähe des Sägewerks an der Hohen Mühle, das auf seinem Gelände auch eine Fischzucht ermöglicht, deren Ergebnisse dann in Buchen-, Weiden-, Erlen-, Birken-, Pappel-, und Eschenspäne in den Schlot gehängt werden, um heißzuräuchern. Fleischrauch erhebt sich und bildet Fischskelette in der Luft, vergänglich wie ein Ameisenleben. Der Fischfang hat hier eine seltsame Tradition, ungewöhnlich für ein Land, das sich so weit entfernt vom Meer befindet (obwohl sich im Präkambrium eine stolze Schwemme hier einsam fühlte).

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  • Gliese 581 c

    Es ist der Sog der großen Städte, deren Gravitation auf die feinen Geister wirkt und sie schließlich zerstört. Verlorenheit ist im Tumult besser zu ertragen, als unter der schweren Last vom Blitz getroffener Schneisen, Flurschäden, den Monokulturen der Einzugsgebiete. Die Natur repariert nicht, sie reißt alles ein. Die Feuer brennen, gezähmt vom Verwaltungsapparat der Vernunft, in den ausbetonierten Kuhlen, in fremde Bahnen gelenkt (wie auch das Wasser, das jene Planeten begattet, die in einer abgewogenen Entfernung um ihre Sonne kreisen) – auserkoren, das Leben zu bergen, das andere jagen – schlüpfirg, aus dem Urnest gespeichelt. Gesucht werden Aminosäuren, zuletzt gesehen auf der Erde (und auf Gliese 581 c).