Fragment einer Nacht

Durch die Gassen des Todes, durch den Abfall der Zivilisation torkelt er auf der Suche nach seiner Herkunft, einem Ziel, an das er sich klammern kann. Der Druck in seinem Kopf wird ihn töten, aber er weiß nicht einmal, dass sein Gehirn anschwillt. Er muss diese Straße entlang gehen, auch wenn er in regelmäßigen Abständen stürzt und es immer länger dauert, bis er sich wieder aufgerappelt hat. Sein Leben liegt nicht mehr in seiner Hand – in unser aller Hand liegt nie das Leben, sondern nur der Torf abgestorbener Pflanzenteile, die wir einst zur vollen Blüte bringen wollten. Vergeblich. Ein vergebliches Leben holt ihn ein, als er beschließt, sich nicht mehr zu erheben, bis er gefunden wird, um „renounce!“ zu brüllen, weil man ihn bald schon als den berüchtigten Trinker Poe identifizieren wird, den sämtliche Geister verlassen haben, weil sie nicht mehr erwarten können, in seinen makabren Geschichten aufzutauchen. Aber ein Mann, der nur allein von den Schatten gestützt wird, kann nicht auf sie verzichten, ohne zu Grunde zu gehen. Ein Pakt nicht mit Musen, sondern mit den Dämonen seiner eingeflochtenen Ängste vor Verlust und unerträglicher Einsamkeit.

Wie alle Lebenselixiere, ist gerade das Feuerwasser das gefährlichste. Es stärkt den Geist durch flüssig gewordenes Blut, das Leben rast durch die Adern und bringt alle Eindrücke, die der Körper kaum mehr zu archivieren weiß, in magische Aufruhr. Sie werden überdacht und neu zusammengesetzt. Edgar war jedoch kein Trinker, er vertrug überhaupt keine massiven Stimulanzien, was ihn jedoch oft trunken auf seine Umwelt erscheinen ließ, die sich kaum mit seinen Qualen auskannten und sich nicht selten verängstigt von seinen Geschichten zeigten, die eine furchtbare Psychologie offenbarten.

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    Ich preise dich, Babylon, mir im Traum erschienen; deine Ruinen spielen im Staub; ich besuche dich zu deiner besten Zeit. Gebadet, geölt, gekämmt. Traum aus Schleim, der in meinen Lenden sitzt, da hat man mir das Leben eingepflanzt. Die Mädchen sitzen Schlange vor dem Tempel, die Hitze brütet zwischen ihren Beinen, die ekkrinen Pumpen pumpen ihr Willkommen in die Glut. Ein Mann geht durch die Menge der Vulvenkollekte und wirft eine Münze in den erschnupperten Schoß seiner permanenten Träume. Sieht sie nur an, die da am Boden sitzt, die da nach oben blickt, die ihn an ihren Augen teilhaben läßt.

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  • Nachtwach; ein Schläfer bei Tage

    Ich schlage die Nacht nicht aus, die jetzt die Stunde läutet und Sunna noch einmal übers Land winken lässt, die körperlos darauf verzichtet, alles aus den Schatten zu heben. Die Zeit ist nur im Gewölk am blutblauen Himmel auszumachen: ein Blick – und das Geschmier des Tages bekommt seinen Epitaphen mit der Erscheinung dieses Altostratus. Ich bin zur Nacht gerüstet, mein Mantel ist ein Zeugnis der wandelnden Finsternis, und nur meine Laterne, deren Licht sich in die engen Gassen schlägt, spült kurze Helle in ihre Magenkehle, die der Schattenfürst ebenso duldet wie mich als einen ihrer Protagonisten, der durch ein postsündgeflutetes Metropolis wankt, um den Schläfern einen Anhalt für ihre Träume zu geben. Als Poet bin ich nur wortmächtiger Kadaver, angelangt im Schutt, im Abraum der Ewigen Gärten.

    Vielleicht bleibe ich unter einem Fenster stehen und bilde mir die Vision einer einsamen Existenz heraus, die dort im dämmrichten Erker ihre Sonette niederschreibt, nicht ahnend, dass die Unsterblichkeit kein Archiv besitzt, jetzt, da Bibliotheken fallen und die Erinnerung nur noch bis gestern reicht. Unter Brüdern bin ich auf Friedhöfen, grüße die Wurmlebendigen, die Simse umflappt von Falterstaub, ein letzter Kerzenschimmer über den Giebeln bleckt ein langes Gesicht, darunter gähnen Schluften und Hohlwege, Grottendämpfe zerwehen, vergehen an den Nostern, ausgeschnaupt und angesogen. Ich weiß viel von dunklen Wanderherzen, die sich vom Mondenschein zerklüften lassen, niederlassen an den Strecken, an den Bäumen, leisberauscht vom Zeiselwind. Dichtet euch hinfort, ihr Scharen lappiger Lappsäcke! Vom Frohn bestuhlt erschlafft euch die Zunge im Maule: Mistel, Kinster, Mahrentacken, Mahre, Gaul und Roß! In meinem Sehnen spinnt er sich ein, der Bruder Wurm – und verweigert sich den Zöglingen der Verderbnis. Er schreibt; steht ganz sinnlos und allein vor seiner Wirtin, die ihm den Mietzins aus dem letzten Auge sticht.

    So nenne ich dem leeren Fenster die Zeit und streune weiter, während die letzten ausgerufenen Sekunden zu mir zurückfließen wie Sternentaler. Denn wenn’s den Poeten nicht mehr gelingt, in dieser prosaischen Welt ein Herdfeuer zu entdecken, stirbt jeglicher Geist in den Dingen für immer hin, ersteht nie wieder, hebt nicht mehr den Odemkorb des letzten Hauchs. Ich finde mich im Nachtwind wohl, beobachte durch die kleppernden Läden das Zuendegehen eines Lebens, das noch Duft genannt werden kann, denn der da liegt freut sich offenkundig an der ewigen Wiederkunft und hält und bekommt gehalten das Händchen im Kreise seiner liebsten Kerzen, die so lichterloh scheinen und ihm das Angesicht wie einen Motor vorglühen, auf daß er ohne zu stottern und murren über den Gjöll blicken kann, zur Holle, dem Holunder hin. Noch ist der Jüngling nicht hinüber, beharrt, man kann es sehen, auf sein Recht, das Kissen aufgeschüttelt zu bekommen, um Freund Hein gebührend empfangen zu können, sodann nach einem Trunk mit ihm gemeinsam hinzufahren.

    Ich bin nachtwach, ein Schläfer bei Tage. Ich trage den Traum wie einen Anzug. Ins tiefere Tief hinein weht mich die Melange der späten Stunde, ein zerklüftetes Bäumelein auf einer Insel umgeben von Staub, die Raschelblätter in den ewigen Raum gebeugt.

    Dort hindert den noch Lebenden das Leben selbst am Scheiden. Die Kammer gehört ihm als Gast, der sich um den Abschied kümmert. Fragt ihn die Liebste nicht schon, wohin er gehe? Seine Lippen bewegen sich wie zum Gedicht, man meint, sie küssen sich in Bälde, doch wölbt sich sein Mund hin an ihr Ohr, und der Wiederschall meiner Rufe zersplittert wie ein gläsernes Wolkenschaf an einer Kerkerwand. Um die Errettung der Seele ist’s niemanden mehr, man weiß nichts mehr vom Tod zu sagen, als dass er nach wie vor verlässlich steht wenn aller Schmerz nicht mehr das Leben lindert.

  • Klauenblitz

    Die Gefahr ist groß, dass sich kein Schurz mehr findet, der die Dunkelheit anficht, oder davon abhält, zu bleiben, in vielen Türmen: Hexerei! Von oben die Krallen, die einst Handfinger waren, gebeugt über das Land, mesmerisiert (Klauenblitz). Unter dem Thenar bricht der Fluch hervor (die hohen Tennen).
    Korn bricht Stroh nicht, Wiesen und Flure verenden im Gestank der dunklen Wolke, die Kot ausbläst. Die Hand zittert, kein reinigendes Feuer überlebt, der Aschehuf schwelt übers Land, deine Röte glüht. Mein Haus (dein Zimmer war) wach, sinister, folgenschwer, die Plattensammlung eine Anhäufung beschmutzter Rillen. Lachst mich in der Nacht an im Traum, dann wieder Gespenster, ich trage sie durch die Schluchten meiner Fratze, in Spiegeln eine fortgestohlene Welt. Wo immer der Pechbrand Nahrung sucht, dort ist immer auch die Kantate in den Rachen gebrannt (der Rhapsode weiß nur, weil er blind).

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    Schwärzer als die
    Textur der Nacht schält sich ein
    Symbol aus der dunklen Leere.

    Was würdest Du tun, wenn die
    Skepsis uns fräße, wenn unsere
    eigene Natur eine Barriere bildete,
    die zu überwinden unmöglich ist?
    Das Paradoxon anerkennen, oder
    zurückkehren, in den Traum vergangener
    Ungewissheiten kriechen, die allesamt
    besser sind als die Tatsache
    einer Endgültigkeit?
    Das Scheitern eines Planeten ist nicht laut.
    Aber in diesem Orkan schreibe ich mich warm.

    Die Kerntransplantation der Sinne,
    eine Oktavenleiter hinauf oder
    hinab (so genau lässt sich das nicht
    feststellen), das löchrige Netz der
    Spinne, die ihren Preis durch ihr
    Verschwinden bezahlt. Dieser Ausgang
    als eine neue, elementare Währung,
    wahrhaftiger als die jeweilige
    Wahrheit. Kaum sind wir hier, sind
    wir auch schon wieder verschwunden,
    das Leben als webender Minotaurus,
    als Spinne, die zur Jagd
    nur Ruhe benötigt.

    Manche Gedanken sind donnernde
    Vasallen, aber: ein Maulbeerbaum
    erblüht und die Hufe sind geschwächt.

  • Der Umbra-Täschner

    die Umbra=Tasche des Umbra=Täschners, die fettgemordeten Fruchtfinger tappen in einem künstlich angelegten Schleck=Früchtewald, nur die Sektspitze ragt aus dem Leiber=Haus, dem ehemaligen Amöben=Bottich
    weitweißwild
    (und wieder zurück)
    die Geräusche sind jetzt bare Münze, ungläubige Bluttropfen räkeln sich nahe an Tischdecken, das laszive Wummern wird entdeckt & geradegerückt, eine Speerspitze der Nacht schwimmt in kaltem Kaffee, solange warten, bis sich die Brücke nähert, die Schlappen=Ablage beugt sich nahezu undenkbar (und nur halb so konkret) in den euklidischen Raum, sarabendentanzend, im Mittags
    Gesicht taucht ein Ulcus aus der zarten Melasse der flüssigen Haut, im Kühlschrank : die letzten Reste der Lindwurm=Schwarte

    Die schönste Vollendung unserer Eigentümlichkeit, die okkulte Qualität, vom Pfützen naschenden Symbol wird Wärme unerschöpflich ausgestrahlt (und sternförmig führen die Pfade von Dir fort); und Einer wird unterirdisch hell mit Phosphor betüncht, Sucher des elysischen Gesprächs, mit doppelter Zunge zwar, die er nötiger hat als ein Schatten seine Zweifel, denn er redet von den Schleiern, als gäbe es dahinter keine Überraschung mehr für ihn. Folge den Faltern in den Abgrund, der den Boden nicht erkennen läßt, stochere im Wasser ohne Grund. Dein Traum mag flügge werden, den Du mit Deinen Lenden träumst, die Falter sind Dein Licht im Spiel (und Deine Verletzung wird Erschöpfung sein!), der Urgrund nährt Dich mit Erdtönen. Das uneinholbar Unendliche geht Dir voran. So spricht das Bildnis seines Traumes kurz vor Morgengrauen, wo die Einbildungskraft eine letzte Höhe erklimmt. Man mag hier nur die Augen öffnen können ohne zu erwachen, hineingreifen in das bizarre Wirbeln der Moleküle, die sich Gestalten ausdenken.
    Dort in den Lichtfalten weiblichen Adels fehlte ihr nicht der nervöse Ansturm des Nymphenrufs, Urgemächt des augenblicklichen Lebens, als Zeit noch nicht ziellos umherschnellte.
    Aber genauso phantomhaft war unsere ganze Begegnung, unser Sein, Werden, und erst recht der Abschied :
    wir schieden nicht voneinander, uns gab es von einer Sekunde zur nächsten nicht mehr.

    ich komm mit aufmäntelchen gestockert; hierherein hierherein! ein laterniges rufen, brahmanisch irgendwie, so voller sternenlicht, so voller antiker quasare. Allschau : ein weg ins himmelbunte, dornfleischige, blütenwürzige.
    Vieler tritte tanz, vieler tanzschritte tritte, luftausgepolstertes singen über ansteigenden gassen, treppwege zu den auster=augen hin. Lispelndes laspelndes lachen stürzt unter die hüte DERER VON, die hüte tragen, da letzte haar krawallt und bäumt sich gegen die see, vom atem angesaugt.

    — Das lied : wie ists, wo ists : das lied ?

    — Im schneckenkasten eingefasst in blendend weißen taften, die an den spitzen außer sich geraten, flappen, flunkern, flügeln. Man säh da einen engel, meint man, man säh, wie er zum start sich hebt.
    Es finden sich jene, die ins unermeßliche steigen, um einen kranz von büsten kauern, der sämann Arepo hält mit mühe die räder, auf der suche, die andauert.