Vom Nährkorb

Während ich noch sprach, machte sich das Heu davon
und kehrte nicht mehr wieder. Die erste Spinne auf
meinem Leib: von da an war ich immun gegen die
vielen Prüfungen, die oft nicht von Begegnungen
zu unterscheiden waren, die man heimlich zu vergessen
trachtet, während ihr Gewicht die Hosentaschen
täglich aufs Neue gen Boden zieht.

Ich will sogleich ein Beispiel aus meinem Nährkorb nennen:

Da war – mit Stumpf und Stiel – ich
einst gefangen in den Büschen, die hier gar nicht
wuchsen, so dass ein Sucher mich niemals hätte
finden können und auch die Tanten nicht, denen
ich, und ihrem Kaffeekränzchen, ausgehuscht zur
Stunde Sechzehn, mich verlor in den Weiten
nicht der geringsten Ausdehnung.

An diesem Punkte Null blieb Null nicht ein Oval,
durch das ich hätte schlüpfen können,
sondern mein ganzundgares Körbchen.

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    Richard beachtete den vor Nervosität tänzelnden Roland nicht, als er einen einzigen Satz zwischen seinen strichartigen Lippen zerquetschte. »Das warʼs«, sagte er, als wäre eine langfristige Arbeit nun endlich erledigt. Dann stapfte er in seinen gumpelnden Gummistiefel, in die er die Röhren seiner braunen Latzhose gesteckt hatte, auf den Wendenschuch-Baum zu, drehte sich zu den anderen um, die sich nicht rührten und nur beobachteten, wie der Fliegenschwarm um seinen Kopf herum brauste und sich Richard Finner dadurch in den Beelzebock verwandelte. Ein von Schwärmen umgarnter Georges Gurdjieff (die Ähnlichkeit nämlich war nicht zu leugnen). Er befahl Erich, den Doktor zu holen, und das ein bisschen plötzlich, wandte sich dann seinem toten Sohn zu und achtete darauf, nicht auf das Gekröse zu treten. Dann zückte er ein Messer, das er in einer Lederscheide an seinem Gürtel hängen hatte und schnitt das Seil durch. »Und bring auch eine Schubkarre mit!«

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    »Was?«

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    »Wir werden die Sache regeln. Aber wir müssen es auf unsere Weise tun«, sagte Ludwig.

    »Und was war mit dem Sturm 1971!« Richard verschluckte sich fast an diesem nahezu brutal herausgespuckten Satz. »Ramelow und dieser andere Kerl?«

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    »Laut Frankenpost haben Sie damals gesagt, es handle sich um die Bissspuren eines Wolfes.«

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    »Sie wissen, wie viele Menschen in den letzten Jahren einfach verschwunden sind.« Richard wechselte offensichtlich das Thema. »Ich meine, interessiert das überhaupt jemanden? Das hier ist schlimm. Sehr schlimm. Aber wir regeln das eben auf unsere Weise.«

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  • Welpenbutter

    Wir schmierten Welpenbutter auf ein schornsteindunkles Brot
    Nichts kann uns die Nacht erklären, die im Eise schwelgt
    Und sich im Fieder wiegt wie leise auch die Motten
    Von Firsten bluten Hirschdämonen ihre Kabel-Adern leer
    Walmblechuhren schnabeln turteltaub auf diesem Dach
    An einem garngesprenkelt kühnen Silberknauf, das Tor, das Tor
    Ahndungsgepeitscht, Du Miozän, goschen mundlos sich die Jäger wach
    Tragen Aschefleisch durch Schimmelstein
    Aus Pferdenüstern steingeworden Atem pumpt hinauf
  • Rache für den Marmortraum


    Ich bin ihr im Traum begegnet, das wolltest du doch wissen? – also : Ich bin ihr im Traum begegnet! Sie stand am Ende der Nacht, ihr Kleid reinster Mond. Ich hätte mich ihr genähert, bestünde mein Unterleib nicht aus reinstem Marmor, aus Karbonatgestein.

    Als ich erwachte : Das Wasser bedrängte mich, marmorne Härte stieß gegen die Blüten der Bettdecke. War inmitten der Erregung dennoch erzürnt über die steinerne Fesselung. Ich blickte nicht nach rechts, wo sie schlief (sie stand wohl noch immer in meinem Traum herum, mochte auf die jetzt leere Stelle starren).

    Ich schleppte mich ins Badezimmer wie einer, der das Gehen erst erlernt hatte : die Beine schwer, die Blutschläuche noch angefüllt mit flüssigen Basalt. Ich schlug mir das Wasser ab. Es mag merkwürdig klingen, aber ausgerechnet hierbei kam mir die Idee, all ihre Kleider und Schuhe zu verbrennen. Nennen wir es nicht Rache.

    Wenn dich niemand beobachtet, wenn du in dir hockst, aufgemacht im Büserkleid, Lippen wie Glukoseschimmern, Augen wie ein See am Abend; es ist nichts in dieser Nacht.

    Du würdest gerne in ein Nachtbuch eintragen : Die Realität ist das, was das Nichts tut, wenn es sich langweilt.

    Räume entstehen, radieren die Wirklichkeit hinfort. Vor dem Haus tut die Welt so, als hätte sie das, was von den Wänden ummantelt wird, nicht verloren, als gäbe es noch einen Platz dazwischen, der ausreicht, dem Haus nicht zu nahe zu kommen. Alles ist Klang, ein Ton, doch war davor ein Rhythmus. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Trompeten trompten, denn trompeten kann nur der Trompeter.

    Hinter der Luke : der Heuförderer, die Wendeltreppe nach oben. Die Landestelle ist leer, ein ausgelöffelter Teller. Der kalte Beton, der nie etwas von einer Sonne spürt, droht mit Knochenbrüchen: »Ich weiche nicht, wenn ihr da auf mich zurast, ihr zukünftigen Leiber. Ich bin verborgen, ein okkultes Lauern macht mich geil. Eines Tages wirst du ungebremst von mir aufgefangen werden, die letzte Bastion, die es zu überwinden gilt. Ich streife deinen Körper ab, stauche ihn zusammen.«

    Wir malen die Dörfer, malen sie bitter mit der Zunge, die wir wie einen Rotmarderpinsel über die Leinwand des Gesichtskreises führen. Das Licht der Peripherie reißt den Rahmen auf, es geraten fremde Zungen hinzu. Mit Laternenfarben bröseln sie über die Kuppen, stauben über Hänge und Dachschindeln, verunreinigen das Wasser der Brunnen, die Spiegel, vor denen Eimer wünschelrutig hin und her schwanken. Der Spiegel, der den Himmel invertiert, Gesichter zurückwirft, Hände, die den Eimer in die Höhe ziehen, Wasser, das gebraucht wird, nächste Station im Zirkel des Lebens. Und ich bestehe aus Wasser, so wie die Farben, das Land; und ich bestehe aus dem Eimer und aus der Zunge, den Kuppen, dem Brunnen : tiefe Erdbecher.

    Die Maler : die Zungen malen Landschaften und Epidemien, ausgehobene Gräber, Erde, Erdhügel, Leichenschmaus. Jetzt keimt die Wechselwirkung von geschaffenem Raum, geschaffener Zeit in den überhitzten Köpfen. Schnell eine Heuburg entwerfen, leise, leise, wir benutzen die Ballen als Ziegel und ziehen uns zurück, das Codewort lautet Shangri-La. Metaphysische Unsichtbarkeit bedingt soziale Unsichtbarkeit; der Unsichtbare tritt durch seine Tat in Erscheinung.

    Ich komme gleich zurück, zu Gerüchten, zum Richtfest.

  • Sternucopia

    Aus den fallenden Lidern eines Gottes
    Ergibt sich die Blindheit eines ganzen Universums; ein
    Saum wird getränkt, ein Ballkleid für die letzte Séance
    Liegt im Koffer zerwühlt. Erscheint pünktlich die Nacht,
    Ist unser Leben gerecht. Wir graben den Gedanken nach
    Mit geläuterten Spitzhacken und kaum einer nennenswerten Rast.
    Von wo wir stammen ist uns einerlei; nur gilt
    Das nicht für ewig und nicht für diesen Tag.
    Setzt das Wasser für die Segel und den Bottich,
    Um den Mast.

    Im Zweifel geselle ich mich zu meinem Spuk.
    Ich klage ihm, was er des Tags nicht sehen kann.
    Was war denn, während ich nicht existierte?
    Wie ist es dir ergangen in dem Sonnenschein,
    Der ausbrennt, was die Nacht dann wieder flicken darf?
    Unter dem Dach riecht alles nach Geheimnissen, nach
    Abgelegter Freude; und manchmal weht ein Kaffeeduft
    Von unten hoch, doch der weckt kein Gespenst.
  • Terra finestre

    Was bringst du mir heute, Erzähler,von der Welt bei, die du entwirfst und die ich nirgendwo finden kann? Die Augen sind schon seit dem frühen Morgen geöffnet, eine Falltür in den Tag hinein, der eindringt, sobald die Standuhr kurz innehält. Oft denke ich mir, ich kann, indem ich den Atem anhalte, damit auch die Sekunden verzögern,aber ich spüre, wie das Herz weiterwill. Die Bühne der Mime braucht Licht, nur ein Traum holographiert in das Finster (terra finestre).

    Die Depeschen stecken pünktlich im Briefkasten, um 9 klingelt es an der Tür, aber aufgrund einer Erektion kann ich nicht öffnen, und ankleiden möchte ich mich nicht. Wir leben hier auf einem absonderlich lauten Schach-Feld.

  • Heliose

    Geschrieben von A. Anders

    Entgegen dem Erstaunen der anderen, war es ihr nicht neu, dass, sobald sie sich hinsetzte, um ihre Beine zu spreizen, Schmetterlinge aus ihr hervorflatterten, die sie in ihrem kleinen Glashaus im Garten mit auf 39 kleinen Gedecken liegenden, bereits gelutschten Bonbons fütterte, die sie sich aus der Bonbonniere der Löwen-Apotheke wie ein Greif, der seine Beute mit zielgerichteten Krallen packt, zu holen pflegte. Ein lohnenswerter Streifzug. Denn immerhin, dies geschah mindestens zweimal pro Woche, wenn sie die ihrer Mutter vom Dermatologen verschriebene Salbe in Auftrag geben und, sobald sie nach ein paar Stunden von einer der Mitarbeiterinnen angerührt worden war, wieder abholen musste. Die Salbe, die Dr. Ball ihr verschrieben hatte, hatte nur eine kurze Haltbarkeitsdauer, weshalb sie auch nur in kleineren Mengen hergestellt wurde. Die Krankheit ihrer Mutter hieß, so hörte sie die Nachbarinnen hinter vorgehaltener Hand tuscheln, Heliose. Ein Wort, das sie zuvor noch nie gehört hatte. Wie eine üppige, warm leuchtende Blume hörte es sich an. Vom Gelben ins leicht Rote sich wandelnd. Die Blüte dicht mit Blättern befüllt.

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