Räume und Warte

Zweitens: Es bleiben viele Möglichkeiten übrig. Man hat gesehen, dass sie alle im Wald verschwanden. Die Gerüche hamstern auch hier irdenen Speck. Jetzt sind wir auf die Sonne angewiesen, und sie kommt in Wellenkernunterfederung und hochwertiger Polsterung. Außerdem hat es sich das Malefiz-Spiel eingerichtet, auch genannt “Räume und Warte” und “Sperrknacker”.

Straßenbau im Neunzehnten Jahrhundert

Haggenmüllerstraße, Kempen (Foto: Albera Anders)

Die Bagger werden zwar nicht mehr mit Dampf betrieben, weil die Kessel, in denen er produziert werden kann, mittlerweile kaum noch auf einem Flohmarkt zu finden sind und die Beschaffungskosten astrale Höhen zeitigen, aber das trübt das Gesamtbild nur marginal. Die Zeitreisenden freut es sicherlich zu erfahren, dass Kempten in diesem Jahr damit begonnen hat, sämtliche Straßen und Bürgersteige abzureißen, damit die Bevölkerung sich wieder am Matsch und am naturbelassenen Schlagloch erfreuen kann. Kinder werden ihre Papierschiffe wieder mitten auf der Straße kentern lassen können und auch Pferdescheiße wird bald wieder die glückliche Luft um uns herum erfüllen. Gegenwärtig ist das Pilotprojekt in der Haggenmüllerstraße zu bewundern, und ich kenne niemanden, der nicht vor Aufregung zittert, weil es endlich wieder in ein Jahrhundert voller Sonnenschein und Muse geht. Brechen wir gemeinsam auf.

Einer, der in den Katakomben schläft

Dieser Artikel ist Teil 3 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Ich hatte mich am Denken gehindert und stopfte alles in mich hinein, das mich an ein Zwiegespräch erinnern könnte. Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.

Mir sollten die Tage nicht lang genug werden, denn die Dämmerung zog früh schon heran. Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich. Es liegt das Fremde nie weit entfernt, es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch. Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man nur nicht weit entfernt erspäht werden kann. Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris, die dem Schlund der Hölle entsprechen.

Ich werde nicht ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr, die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen, denn der Weg wäre mörderisch und führte direkt in den Wahnsinn.

Carlos Fuentes: Unheimliche Gesellschaft

Als einer der grundlegenden Autoren des “Booms” hat der Mexikaner Carlos Fuentes in seinen wichtigsten Romanen – “Nichts als das Leben” (1962), “Terra Nostra” (1975), “Die Jahre mit Laura Diaz” (1999) u.a. – eine interessante Reflexion über die kulturelle Vielfalt und Geschichte seines Landes angestellt. Gleichzeitig hat Fuentes, wie jeder Autor von Rang, mit Erzählungen wie jenen, die in seinem ersten Buch “Verhüllte Tage” (1954) dargeboten werden, den Kurzromanen “Aura” (1962) und “Das gläserne Siegel” (2001), die Phantastik in seine Erzählungen einfließen lassen.

Fischer verlag

In diesem Sinne ist “Unheimliche Gesellschaft” (2004) eine Sammlung von Rätsel- und Horrorgeschichten, ein Band mit sechs Geschichten und einer Schlüsselfrage: “Ist Leben diese kurze Spanne, dieses Nichts zwischen Wiege und Grab?”

Das Ergebnis spaltete die Kritiker in jene, die sagen, die Sammlung sei nicht mehr als “ein Haufen mittelmäßiger Geschichten” (vornehmlich aus dem Schubladenlager des bürgerlichen Realismus), und jene, die sie als Beispiel für technisches Können, poetisches Staunen und nicht immer gelinden Horror sehen, und das – mit Verlaub – sollten alle sein, die zumindest ein kleines bisschen im Bilde sind.

Die sechs Geschichten in diesem Buch gehen von alltäglichen Situationen aus, um ins Unwirkliche zu führen, aber nicht in der Art der Phantastik von Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, sondern durch die Aktualisierung der alten Tradition der Schauergeschichte mit seinen Villen, Gespenstern und düsteren Geheimnissen.

Hier kehrt Alejandro de la Guardia – ein in Europa lebender Mexikaner – in seine Heimat zurück, um das alte und große Familienhaus seiner Tanten María Serena und María Zenaida zu erben. Es sind so seltsame alte Frauen, so weit entfernt von der heutigen Welt, dass Alejandro sie für zwei Gespenster hält. Sehr spät entdeckt er, dass die alten Frauen echt sind, dass aber etwas anderes ganz und gar nicht stimmt.

Diese Geschichte – die den Erzählungen von Poe und Lovecraft nahe kommt – wird von Fuentes unter Beachtung der Regeln des Genres erzählt (in einem dunklen Ton, wobei er Elemente in der Zweideutigkeit belässt und das Innere des Hauses detailliert beschreibt), aber er fügt ihnen einige der Themen seiner “anderen” Erzählungen hinzu: die Übel der mexikanischen Bourgeoisie (Besitzer großer Villen), die Mischung aus Katholizismus und vorspanischem Glauben in der Volksreligiosität seines Landes, die rassistischen und sexuellen Vorurteile.

In der Geschichte “Die Katze meiner Mutter“, dreht sich das Spiel um die Verachtung einer alten Dame für ihre Haushälterin (die in Mexiko abfällig “gatas” – also Katzen – genannt werden, die indigene Guadalupe). Die Geschichte endet mit der Rache der Reinkarnation einer Hexe, die Jahrhunderte zuvor geopfert wurde.

Fuentes geht über das Altbackene und Immergleiche hinaus, indem er der klassischen angelsächsischen Gotik seine zeitgenössische und lateinamerikanische Version und einen didaktischen Hintergrund verpasst.

In der Geschichte “Calixta Brand” vollzieht ein Mann, der die intellektuelle Überlegenheit seiner Frau nicht ertragen kann, sobald sie im Rollstuhl sitzt und sich nicht mehr bewegen kann, einige erniedrigende sexuelle Praktiken. Sie wird schließlich von einem jungen Mann arabischer Herkunft gerettet, der sich als Engel entpuppt.

Das Herzstück dieser Sammlung ist jedoch “Vlad“, das zwar Teil dieser Sammlung ist, aber noch einmal als eigenständige Veröffentlichung kurz vor Fuentes Tod erschienen ist (2010). Wie unschwer am Titel zu erkennen ist, handelt es sich hierbei um eine Neuerzählung der Geschichte des Grafen Dracula, die in Mexiko-Stadt spielt. Die Metafiktionalisierung ist durch viele Details klar umrissen (Knoblauch, zugemauerte Fenster usw.) und beinhaltet auch die unschuldigen Figuren, die der Graf schließlich beherrscht. Sogar das Zitat “Ich trinke niemals … Wein” fehlt nicht.

Ockermoos

Dieser Artikel ist Teil 33 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich spaziere dahin und staune über die Gewalt; 
gleichzeitig aber bin ich ein Tier im Siechtum, 
am Ockermoos, im Fadenkreis, am Wiesengrund. 
Gleich wird es mir den Pelz ausziehen, 
gleich wird es mir die Eckzähne feilen, 
schreite durch die Räume aus Glas, 
meine erstarrten, skulpturiösen  Gedanken, 
schwimmend in den Lavendelwassern, der Gebärbadewanne. 

Eine Zeitangabe, die nun in meinen Nüstern brennt, 
die Welt erzürnt das Glas ihrer Brille, dahinter stehen 
die erstarkten Tropfen. Seriöses Gebaren 
beim Abspreizen eines anständigen Fingers.
In ihrer eigenen Dunkelheit kennt sie sich aus, 
eckt nirgends an; nur manchmal fühlt sie sich 
beklommen und bestraft sich für den Wunsch nach Licht, 
aber sie bestraft ebenfalls das Licht selbst, indem sie 
Steine nach der Quelle wirft; 

ein Wanderer begegnet im Wald dem Teufel, 
aber auch der Teufel begegnet dem Wanderer (der Wanderer 
denkt sich diese Geschichte aus, der Teufel nicht).
Ich war einmal ein Stein vor zweihunderttausend Leben, 
ein glücklicher Stein im Geröll, wasserdicht bis ins kleinste Mineral, 
unbedeutender war nie ein Stein. Doch fehlt er, 
bricht das Universum in sich zusammen 
und wird zu früh ein Schwarzes Loch.

Die nackten Ufer des Strandes

Dieser Artikel ist Teil 19 von 36 der Reihe Gespenstersuite

An den nackten Ufern, festgestampfter Sand und nass, stehe ich und rufe dich: Komm!

Du willst ankern, aber nirgendwo ist das Land fest genug, nirgendwo ist die Zeit stabil, eine Lücke, wo wir stehen. Fische erhüpfen sich kristallene Insekten, die Wasseroberfläche kocht. Ein Huhn ohne Kopf, vom Hunger der Menschen gerichtet, flappt gegen die Sonne, eine Mücke im Licht. Der Wille ist ein letztes Aufbäumen, der Kopf auf dem Hackstock döst. Ein Huhn, ein Ikarus, ein Sonnenstrahl. Der Kopf liegt auf dem Hackstock und döst, aber sein Körper flattert nach Süden, fällt über einer Holzwippe zu Boden. Sie zieht ihre karierten Strümpfe über ihre weiße Haut, trägt nichts mehr außer ihrem Flaum, der sich im Wind, der das Huhn noch einige Meter durch die Lüfte wirft, aufrichtet. Angelruten stecken fest in der Erde. Komm! Mit dem Blut werden wir uns reinigen von der Reise, die hier endet. Ich halte die Axt, die uns stützen wird.

Watt

Dieser Artikel ist Teil 6 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es war nicht nötig, diesen Koffern in den Schrank zu stellen, wo er umgefallen wäre, weil das Möbel nicht im Lot steht. Es konnte niemand zu uns hinauf gelangen, nicht ohne von den Federn berührt zu werden, die unablässig aus den Wänden sprossen und sich auch von Gemeinheiten nicht in ihrem Wachstum gefährdet sahen. Es gab andere, die von den Wänden troffen als ein Schauspiel natürlicher Präsenz. Die Himmelsrichtung spielte dabei keine so große Rolle. Am Tag zuvor war das anders gewesen. Käme es darauf an, könnten wir uns zur Ruhe begeben, die erwartete Ankunft fände dann jedoch nicht statt. Sie übten den Katzengesang, aber die Wege waren samt und sonders verschüttet. Die Kreise veränderten sich und wurden blau. Was ist das für ein Material? Es hat diese Geräusche schon vorher gegeben.

Daraufhin folgten Schritte. Ich hätte sie gerne an den Haaren herbeigezogen, aber sie verschwand noch bevor die Turmuhr zu jaulen begann. Ein ungemütlicher Teil von mir sank plötzlich ab und verharrte in der Schräge. Schatullen von unermesslichem Wert standen dort, die Öffnungen auf ein Ziel fixiert, das gleich aus den Wolken stürzen musste.

Im Roastbeef-Center

Dieser Artikel ist Teil 5 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Mit sehr geschmeidigen Rückschlägen in der Tasche fuhr es sich diesmal leichter. Niemand hatte etwas davon erwähnt und alle Kammern waren leer. Für einen Morgen wie diesen musste man nur zwei und zwei zusammenzählen, um hinter der Tür ein Stoppschild zu finden. Mit einfachen Bestandteilen lernt man seine Sinne zu kontrollieren. Es war diesmal so schwer wie nie gewesen, da aber alle Anwesenden schwiegen, glaubte ich zu wissen, wo ich war und würde schnell wieder auf die Hauptroute zurückfinden. Die Sonne stand ungünstig im Nebel herum, ein Auge wie aus einer Beutesammlung. Drei Stufen und ich war da, setzte mich und betrachtete die Wand, die ich schöner in Erinnerung hatte. Sollte das Ereignis spurlos an mir vorübergezogen sein? Ich konnte keinerlei Spuren entdecken, nahm zum Schluss aber dennoch eine Art Kuchen zu mir, um nicht aufzufallen, Wir hatten damals nicht geglaubt, uns jemals von vorne zu sehen, mit deiner Eitelkeit zogst du die Schmetterlinge an, und sie kamen, trugen aber nichts zu unserer Habhaftwerdung bei. Ein Schluck von dir war lauter als die vermeintliche Stille, ein Schuss fegte aus einer Dose und stob nur sehr selten am Ohr vorbei, das schon lange im Sand lag. Es mochte einst dir gehört haben, aber wer konnte das jetzt noch wissen? Einmal – ich erinnere mich – trafst du zu später Stunde einen Mann In einem Roastbeef-Center und fragtest ihn nach der Zeit, bis er genug davon hatte und über einen unbekannten Berg floh. Der ist nun das Wappen aller vergessenen Dünkel. Schick, wie man es anzieht, schick – schick, wie man davon spricht: wo man gewesen ist, warum man sich nie die Schuhe abputzt, bevor man nach draußen geht. Ein Wiehern verstört uns, aber wir wissen: es ist nicht der Tag. Kennst du Stellen leichten Regens?

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Dieser Artikel ist Teil 4 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster, und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Alles Geisterhafte ist mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Es ist schon wahr: ich wusste nie, wer ich war; vor allem deshalb nicht, weil jemand zu sein abhängst von einer Illusion, die man in anderen implementieren kann. Wir lernen also, jemand zu sein, indem wir jemand für andere sind. Doch das haben wir nicht in der Hand. Irgendwann konnte ich mir unter all den Modellen, die es von mir gab, das aussuchen, zu dem es mich am meisten hinzog. Doch es gab keines, mit dem ich mich identifizieren konnte. Mein eigenes Modell war dabei ebenso falsch wie das all jener, die sich große Mühe mit einem Abbild von mir gaben. Wir scheiterten alle.

Als ich noch zur Schule ging, wunderte ich mich bereits über die Welt, die daraus bestand, die Frage nach dem Alter zu beantworten. Wusste man das, war das Sternzeichen dran. Natürlich wäre es unsinnig anzunehmen, man bekäme als dreijähriger die Frage nach dem Jenseits gestellt. Kannst du dich daran erinnern, wie es war, bevor du geboren wurdest? Die Antwort wäre ohnehin nein gewesen, denke ich mir jetzt. Aber was wäre gewesen, wenn man sie mir damals gestellt hätte? Hätte ich etwas dazu sagen können? Weißt du, wo du dich befindest? Ich wusste nur, dass alles verschwimmt, wenn man es zu lange anstarrt. Ich wusste, dass ich wie in einem bierseligen Rausch umher lief, ohne wirklich besoffen zu sein. Ich träumte, wie ich lebte, da gab es keinen nennenswerten Unterschied. Ich lag im Bett, schloss die Augen und war immer noch draußen vor dem Haus. Die einzige Ausnahme war vielleicht, dass ich im Traum schwerelos war und herumfliegen konnte. Es war mir ein leichtes, über die Telefonleitungen zu hüpfen. Das ging soweit, dass ich bei Tag Angst bekam, wie ein Ballon aufzusteigen und nicht mehr nach unten zu kommen. Träumen oder Wachen waren tatsächlich dasselbe, aber wenigstens hatte ich bei Tag etwas Gewicht. Selbst wenn ich nur ein Kilo gewogen hätte, sagte ich mir, bliebe ich unten, denn ein Milchbeutel schwebt auch nicht einfach davon. Aber davon wollten die Leute nichts wissen, sie fragten mich nur, wie alt ich sei und warum mich meine Eltern nicht zum Friseur schleppten. Nun, es waren die 70er, da gab es keine Friseure.

Kafkas Prag

Dieser Artikel ist Teil 31 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Aus kaleidosopierenden Bildern entsteht 
(wenn es kein Gedankenstrom ist, was ist es dann?) 
ein Murmel=Relief aus feinstem Aloe Vera
nicht in Gestalt eines finsteren Schattens aus der Zukunft, 
über den Weiden in (zwischen) den Basteien, 
den Zimmern also des Grabens (Grabes), 
der mit Zuckerschaum sein Bestes tut zu gefallen (Fallen), 
den Gefallenen, die sich bucklig durch die Gassen 
(unter ihren Flechtenmänteln versteckt) bringen, 
die großen Adern meiden (zum Beispiel die Cechbrücke oder den Wenzelsplatz). 
Immer wieder schallt ein Ruf körperlos aus offenstehenden Türen. 
Der Kapaun, gebunden in Seehundhaut. Es ist wichtig, nur in Geschichten zu leben. 
Ein Haus zerfällt und ein neues entsteht. In den Geschichten verbirgt sich die Welt, 
Glockentöne rinnen über das Land (die Flucht über die Dächer), 
unter der Brücke sagt sie: »Sprich nicht!« 
Die Zigarette glimmt, obwohl sie im Wasser liegt, das Gesicht nach unten 
(die Strömung ist nicht schlimmer hier in Kafkas Prag). 
Es ist jetzt Vierundzwanzig Uhr und Null Minuten, die Pflicht 
ist im Herzen der Schönheit ein Dorn ...
… also war schon wieder eine neue Tageszeit angebrochen, Anbruch überhaupt 
(mit erstaunlich viel Bewegungsfreiheit) 
der stille Tisch voller dampfender Teller, also lehnte ich an der Brüstung meines Balkons 
nachts und war so groß wie der einzige Baum – 
… nur soundsoviel Tage später, in der Luft schweben Paradiesgeister, 
betören mit einer Sprache des Glücks, an dem der Mensch stirbt, 
was nicht gemein, alltäglich, abgenutzt ist, dass, 
wer die Schönheit angeschaut hat mit Augen, 
dem Tode schon anheimgegeben ist, ich war ja homerischer Heros, 
die Hetäre Aspasia, der Kyniker Krates, war König und Bettler, Pferd, Dohle, Frosch 
und mehrmals ein Hahn.

Wenn ich das Kinsky-Palais in Prag betrachte, 
in dem sich unten rechts das Geschäft Herman Kafkas befand, 
gelingt es mir, das Wetter des Tages zu erfühlen, 
das an diesem Tage der Stadt 
einen gewissen lapidaren Gesprächsstoff liefern konnte 
und so dazu beitrug, dass vielleicht gerade 
inmitten von Kafkas Galanteriewarenladen darüber gesprochen wurde, 
denn über das Wetter redet man unverfänglich. 
Ich stehe vor den vergitterten Fenstern, bin zu früh dran, 
denn der Laden hat geschlossen.