Etwas zu dokumentieren braucht Daten. Was aber, wenn es sich um einen Entwurf von Welten handelt und Daten offensichtlich künstliche Produkte sind? Ich habe kaum Daten über mich. Mein Geburtsdatum scheint fest zu stehen, es ist auf Papier vermerkt, zusammen mit meinem Namen und dem Gewicht, das nicht höher liegt als eine schöne Tüte voller Rohfleisch. Vom Markt. Aber das hat nichts zu bedeuten, ich kämpfte mich bereits seit einer halben Stunde hervor. Wäre ich auch nur etwas konsequenter gewesen, hätte ich die Hölle bereits am ersten April betreten. Standesgemäß, fürwahr. Aber nicht einzulösen, denn eines ist sicher: ich wollte nicht auf diesem vom Wahnsinn gezeichneten Planeten aussteigen. Weder früher, noch später. Jetzt hatte sich allerdings bereits so viel Fleisch um mich gepackt, dass ich quasi keine andere Wahl mehr hatte, als den Schlitten zu ziehen.
Lanfeust von Troy – Genese und Stellenwert einer modernen französischen Fantasy
Als im Frühjahr 1994 der erste Band von Lanfeust de Troy bei den Éditions Soleil erschien, ahnte kaum jemand, dass sich hier ein neuer Meilenstein der frankobelgischen Fantasy anbahnte. Hinter dem Projekt stand Christophe Arleston (bürgerlich Christophe Pelinq), ein Autor, der zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung als Journalist, Radiomacher und Szenarist gesammelt hatte, aber noch nach einer Erzählwelt suchte, die seine Vorliebe für Ironie und barocke Welten ausleben konnte. In Interviews auf französischen Plattformen wie ActuaBD und BDGest’ beschreibt Arleston, wie die Idee aus der Lektüre klassischer Sword-&-Sorcery-Abenteuer wuchs, die er mit dem Humor der frankobelgischen Schule und einem Schuss popkultureller Selbstironie verschmolz.

Gemeinsam mit dem Zeichner Didier Tarquin entwickelte er die Welt Troy, ein Planet, auf dem jeder Mensch ein magisches Talent besitzt – vom banalen Wassererwärmen oder Juckreiz auslösen bis hin zu zerstörerischen Kräften. Die Prämisse, dass Magie alltäglich ist und nicht dem erhabenen Mythos, sondern den kleinen Schwächen und Eitelkeiten der Figuren dient, gab der Reihe ihr unverwechselbares Gepräge. Arleston sprach in einem Gespräch mit Le Monde von einer Demokratisierung des Wunderbaren, die es erlaubte, soziale und politische Satire in ein scheinbar eskapistisches Setting zu schmuggeln.
Die Titelfigur Lanfeust, ein junger Schmiedelehrling, wird in dieser Welt zum Spielball kosmischer Mächte, als er entdeckt, dass er Zugang zu unbegrenzter Magie hat – eine Ausnahme in einer Gesellschaft, die strikten Regeln folgt. Die Reise des Helden, begleitet von der kühnen Heilerin C’ian, dem schlitzohrigen Troll Hébus und anderen Weggefährten, ist eine klassische Quest und eine augenzwinkernde Parodie zugleich. Französische Kritiker hoben früh hervor, dass Arleston und Tarquin damit eine postmoderne Fantasy schufen: voller Action und Romantik, aber stets mit dem Bewusstsein, dass jedes Epos auch ein Spiel mit Klischees ist.
Der Stellenwert der Reihe lässt sich an ihrem anhaltenden Echo ablesen. Innerhalb weniger Jahre wuchs Lanfeust zu einem ganzen Kosmos an Spin-offs und Prequels (etwa die Trolle von Troy oder Lanfeust der Sterne), die nicht nur die Verkaufszahlen von Soleil explodieren ließen, sondern auch das französische Fantasy-Comic in den Mainstream führten. Fachzeitschriften wie BoDoï betonten, dass Lanfeust die letzte große populäre Saga der französischen Bande Dessinée sei, bevor die Globalisierung des Manga-Marktes neue Prioritäten setzte. Arleston selbst wurde zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Autorenstudios (Atelier Arleston), aus dem Serien wie Die Schiffbrüchigen Ythaq oder Elixier hervorgingen.

Christophe Arleston – sein Künstlername ist ein Anagramm aus „Arles“ und „ton“, eine Hommage an seine südfranzösische Herkunft – verstand sich nie als bloßer Erzähler von eskapistischen Geschichten. In Gesprächen mit France Culture betonte er, dass Humor und Gesellschaftskritik für ihn untrennbar verbunden seien. Lanfeusts Abenteuer sind damit auch Spiegelbilder einer Zeit, in der Fantasy eine neue Leserschaft erreichte: Leser, die neben heroischen Kämpfen auch die Ironie einer Welt genießen, in der Magie den Alltag regelt und dennoch nicht vor menschlicher Dummheit schützt.
So steht Lanfeust de Troy heute als Paradebeispiel dafür, wie die frankobelgische Bande Dessinée ihre eigenen Traditionen – von der klaren Ligne Claire bis zum anarchischen Humor eines Goscinny – in ein zeitgenössisches Fantasy-Universum überführen konnte. Die Serie ist nicht nur eine Abenteuergeschichte, sondern ein kulturelles Phänomen, das die französische Fantasy-Comiclandschaft entscheidend geprägt hat.
Wie die Fantasy-Literatur ihre Seele verlor
Als Kind streifte ich durch die mit Kerzen beleuchteten Korridore von Hogwarts, ritt durch die verschneiten Wälder von Narnia und stand im Schatten des Schicksalsberges. Ich war ein Bücherwurm mit einem regen Innenleben und einer tiefen Sehnsucht nach etwas, das ich nicht benennen konnte. In diesen verzauberten Welten fand ich ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Auch als ich älter wurde, habe ich die Fantasy nicht hinter mir gelassen. Als ich jedoch einige der am meisten gelobten zeitgenössischen Werke las, wie Philip Pullmans „His Dark Materials“ oder Lev Grossmans „The Magicians“-Trilogie, war ich hin- und hergerissen. Ich liebte diese Bücher. Sie waren fesselnd und brillant geschrieben, doch als ich die letzte Seite umblätterte, blieb ein Gefühl der Leere zurück. Hinter all ihrer Raffinesse schwebte eine Atmosphäre, die das Gefühl des Staunens zu verspotten schien – jenes Gefühl, das mir die Fantasy einst so heimisch gemacht hatte.
Kleewald Robinson: Handsome Farmer Toast
Das STRANDSACK hatte über der Tür und an den Fenstern einiges an Leuchtreklame hängen, aber eingeschaltet war keine davon. Diese Bar am Rande der Stadt wollte die Antithese zu jeglichem Licht darstellen, auch wenn im Innern zahlreiche Funzeln dafür sorgten, dass man nicht an das Trinkglas des Nachbar rempelte oder über seine eigenen Füße fiel, wenn man sich dann doch einmal bewegen wollte. Vicky Morra hatte die Idee des Strandsacks angeblich aus Italien mitgebracht; ihre zwielichtigen Dienstleistungen waren ihr tägliches Brot, aber gesehen hatte sie noch niemand. Und ihre Angestellten schürten das Mysterium noch, in dem jeder, der für Vicky arbeitete, damit beauftragt war, eine andere Beschreibung von ihr zum Besten zu geben. Im Verbund mit einigen schauerlichen Geschichten konnte dem schlechten Ruf der Bar niemand mehr das Wasser reichen, auch nicht Die Gilde der pechschwarzen Liebe, die auf nächtlichen Friedhöfen einige unappetitliche Dinge taten, aber eigentlich eine Theatergruppe waren, die sich Drogen und Visionen hingaben, um eines Tages den perfekten Macbeth zu geben, dieses herrlich verfluchte Stück.
Die Neunte Kunst
Über Geschichte, Ästhetik und Zukunft der frankobelgischen Comics
Einleitung: Der neunte Himmel
Es gibt eine Szene, die ich immer wieder erzähle, wenn mich jemand fragt, was an der Bande Dessinée so besonders ist. Im Jahr 1967 hängte das Musée des Arts Décoratifs in Paris erstmals Comics aus. Dabei handelte es sich um gerahmte Originalseiten aus Tintin-Alben, die mit derselben kuratorischen Ernsthaftigkeit behandelt wurden, wie man sie sonst Gemälden und Skulpturen vorbehält. In Amerika hätte man damals darüber gelacht. In Europa war es hingegen der konsequente nächste Schritt.
Der Begriff Bande Dessinée (wörtlich „gezeichneter Streifen“) bezeichnet das frankobelgische Comic als eigenständige Kunstform, die sich seit den 1920er Jahren in Frankreich und Belgien herausgebildet hat und heute in einer Weise zur kulturellen Identität beider Länder gehört, wie es in keiner anderen Region der Welt für Comics gilt. In Frankreich und Belgien ist die Bande Dessinée die „neunte Kunst“ – le neuvième art – und dieser Begriff, den weniger gebildete Menschen als Anmaßung betrachten könnten, ist ein kulturpolitischer Konsens. Architektur, Literatur, Theater, Musik, Tanz, Fotographie, bildende Kunst, Film, und eben die Bande Dessinée.
Die Idee des Geschmacks
Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.
Die Welt des Domino
Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 km/h. Was dabei herauskommt sind sagenhafte 65,8 km/h. Geht man darüber, löst sich etwas auf, das keine Reise wieder gutmachen kann.
Phantasma
Um drei Uhr bricht die Hölle los, aber sie ist, anders als das Klischee geht, leise. Ich erwache eine Minute später, aber ich bemerke binnen Sekunden eine Kälte, die sich nicht mit der Haut aufhält. Besteigt man um diese Stunde eine Kutsche, wird sich die bekannte Zeit im Kreise drehen, auch wenn man sein Ziel sicher erreicht. Man könnte früher angelangen, als man losgefahren war. Oder man kam Tage, Wochen oder sogar Jahre zu spät zu einer Verabredung, die ebenfalls nur in der Erinnerung existiert. An was erinnere ich mich, wenn ich so salopp fragen darf? Einen Traum? Eine Einbildung? Oh – das letzte Wort verlangt Abhandlungen, Tumulte, Apologien und derlei mehr Fachbegriffe. Aber nicht so plump wie es da steht.
Ich zum Beispiel phantasmiere. Ich bilde mir nichts ein. Lacan spricht von einer Abwehr, die dem Phantasma zugrunde liegt. Geister und Gespenster, die Schrullen der Nacht als Konsequenz einer Bedrängnis durch das Leben selbst.
Stell dir vor, der Postbote will etwas von dir. Er will dir einen Brief aushändigen, aber deine Hand geht nicht zum Brief, während die des Boten bereit ist, das Papier in der ausgestreckten Hand sofort fallen zu lassen, aber er will die Erde nicht beschmutzen, und keine Hand ist da. Wahrscheinlich wird er etwas sagen wie „Nun nehmen Sie schon, es ist Ihre Post!“ Und du denkst dir, dass du ja gar keine Post hast, dass dir ein Zettel, an dich gerichtet, nicht als Besitz angedichtet werden kann. IHRE POST. Ach leck mich doch am Arsch, was soll das heißen?
aussortierte blitze
komm einmal zähne brechen knochen doch genauso
im korb aus licht zermürbt die welt aus hitze alles kleine
die saat geht auf im bunker wo die sterne toben
frieden zu haben im raubzug der elemente
wo es dem körper an allem mangelt
hergestellt wird beute mit genauso bunten lichtern
angekettetes plus kommt mit plüsch und einer caprisonne
mirakulös ist alles vor ort, alles da, war nie weg
aber eben auch nicht „richtig“ da, niemandes schatten
niemandes gebein im lager der aussortierten blitze
Beredte Ruhe
Die beredte Ruhe eines frühen Morgens ist mit Worten nicht zu durchdringen. Wie in den letzten Wochen auch, ist es sechs Uhr. Wenn die Welt jetzt so bliebe … wenn sie grundsätzlich sechs Uhr wäre, auch am Mittag, am Abend. Sechs Uhr an einem vogellreichen Sommertag. Schwer zu begreifen in ihrer Schönheit: das Licht, die stille Luft, die sich auf einen heißen Tanz vorbereitet, der gegen Mittag erwartet wird.
Ein zehnjähriger Status Quo geht im August zu Ende. Die Ereignisse stürmen von außen heran, eine Belagerung ist gar nicht nötig, eine Verteidigung nicht vorhanden. Die Fenster sind die Brille. Ich sehe eine Trabantenwelt. Und niemand tötet den abstrakten König, der einen anderen Reim bekommt als eine Lehm fordernde Hexe. „Der König ist tot, es lebe der König!“ statt „Ding Dong, die Hex‘ ist tot!“ Die Abstraktion löst sich in Luft auf, der Lehm aber gebiert neues Leben.
Ich stehe im Tumultus allein, mich erreicht keine Stimme, mich spricht keiner an. Geboren in der Porzellanstadt Selb, herausgebrochen mit grober Kelle aus der Wand des romantischen Tempels. Als die Welt noch existierte, als nicht absehbar war, dass bald keine Welt mehr zur Verfügung steht, die man verlassen oder umarmen möchte. Unterunwohlgeboren. Sicherlich fror ich, denn ich friere noch. Und auch jetzt bleibt es nicht sechs. Es ist bereits heller, der heiße Tanz nicht mehr weit entfernt.