In M. R. James‘ literarischem Universum ist Latein die Sprache der Gelehrten – wer etwas auf sich hält, beherrscht sie fließend. Dies gilt nicht nur für James, sondern erinnert auch an Umberto Eco. Folgerichtig beginnt die Erzählung Der Schatz des Abtes Thomas mit einer umfangreichen lateinischen Passage, die der Antiquar und Gutsherr Mr. Somerton umgehend zu entschlüsseln versucht. Was er dabei entdeckt, ist ihm zunächst nicht völlig klar, doch die Hinweise locken ihn auf die Spur eines verborgenen Schatzes. Diese Schatzsuche führt ihn schließlich in eine ihm fremde Gegend, die den Leser nach und nach enthüllt wird.
Mr. Somerton lebt auf dem europäischen Festland, in der Nähe von Koblenz, und gerät dort in eine bedrohliche Lage. Sein treuer Diener, unfähig, ihm selbst zu helfen, schreibt einen dringlichen Hilferuf an einen befreundeten Pfarrer in England. Dieser erkennt sofort die Dringlichkeit der Situation, nimmt das nächste Schiff und findet seinen antiquarischen Freund in einem entkräfteten, verängstigten Zustand vor. Somerton ist nicht in der Lage, über die Ereignisse zu sprechen, die ihn derart erschüttert haben. Bevor er seine Geschichte erzählt, bittet er den Pfarrer jedoch, eine Aufgabe zu erfüllen, deren Natur zunächst unklar bleibt. Erst nachdem diese vollbracht ist, offenbart er die düsteren Geschehnisse.
Nancy A. Collins ist ein Schwergewicht der Urban Fantasy (aber auch in Weird Western hat sie sich versucht und für den Giganten Swamp Thing getextet). In Deutschland ist sie – oh Wunder – gar nicht so bekannt, wie sie es eigentlich sein müsste, auch wenn es hier in diesem Fall zumindest die Sonja-Blue-Übersetzungen gibt. Tatsächlich ist es ja so, dass man sich um Kurzgeschichten nur in den besten Kreisen reißt. Und zu diesen besten Kreisen gehören hierzulande nur die wenigsten. Also gibt es auch keine Sammlung von ihr. Aber im Buch der Geister & Spukhäuser haben wir von Frank Festa die Geschichte „Da ist jemand in der Küche“ aus den 90er Jahren bekommen. Man mag zwar ahnen, wo diese Erzählung hinläuft, aber dennoch handelt es sich um eine kleine fiese Perle in Sachen Spukhausgeschichte.
Die Geschichte handelt von George Pruitt, der sich ein Haus auf dem Land mietet, das im Stil der 50er Jahre eingerichtet ist. Er hat das Großstadtleben Manhattens, wo er arbeitet, satt und freut sich gerade an dieser Zeitreise, wenn er am Wochenende das Haus betritt. Allerdings ziehen dauernd wohlige Gerüche durch das Haus, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Zunächst denk er, es seien die Essensgerüche der Nachbarn, die er da riecht, aber die leben zu weit weg als dass sie es sein könnten. Irgendwann entdeckt er den Geist einer entstellten alten Dame, die in seiner Küche hantiert. Er kann sich den leckeren Speisen nicht entziehen, Geist hin oder her. Als er dann tatsächlich einem Nachbar bei der Gartenarbeit begegnet, erfährt er die tragische Geschichte, die sich im Haus abgespielt hat, die ihm auch den Beweis dafür liefert, dass es sich bei seiner Phantomköchin auch wirklich um einen Geist handelt. Zumindest speist er so gut wie noch nie in seinem Leben. das geht so weit, dass er selbst seinen Job in Manhattan aufgibt, weil er ja die nächste Speise verpassen könnte.
Wie gesagt ist es einfach, sich vorzustellen, wie das alles endet. Ich werde es hier dennoch nicht erläutern, denn eine Geistergeschichte funktioniert oft wie ein Witz, was den stilistischen Aufbau betrifft, und auch den muss man hören, bevor man ihn analysieren sollte. Das mache ich zwar nicht immer, aber hier ist es durchaus angebracht. Sobald man das (nicht besonders überraschende) Ende kennt, kann man sich gleich noch einmal an den Anfang begeben und die verschiedenen Schritte noch besser genießen.
Walter de la Mares „Der Quinkunx“ ist eine Geistergeschichte, die erstmals im Dezember 1906 in Lady’s Realm veröffentlicht und später für die Sammlung A Beginning and Other Stories (1955) überarbeitet wurde. Die Erzählung folgt einem namenlosen Protagonisten, der von seinem Freund Walter in ein kürzlich geerbtes Haus eingeladen wird, um ihm bei einem Problem zu helfen.
Diese Erbschaft erfolgte nach dem Tod von Walters Tante, deren Präsenz im Haus auf gespenstische Weise spürbar bleibt. Besonders ihr Porträt verhält sich unheimlich: Es dreht sich nachts auf mysteriöse Weise wieder nach vorne, obwohl Walter es explizit umgedreht oder gar entfernt hatte. Diese verstörenden Vorkommnisse deuten auf einen übernatürlichen Versuch hin, die Entdeckung eines verborgenen Geheimnisses zu verhindern. Walter bittet nun den Erzähler, im Zimmer mit dem Bild Wache zu halten, um das Rätsel zu lösen.
Ich saß von der windigen Dunkelheit eingehüllt auf der Brüstung des Rathauses und beobachtete die von hier aus einsehbare Fläche unter mir, denn wir alle waren abkommandiert, um die Schatten zu beobachten, die in unwahrscheinlichen Zahlen und Winkeln in die Stadt einfielen. Sie waren uns allzu ähnlich, und was wir zu berichten hatten, wurde mit großem Interesse verfolgt, wenn auch wir mit keinem unserer Auftraggeber sprachen, ein Beobachter ist nun einmal kein Sprecher.
Wir notierten alles in einer Sprache des Untergangs, denn das war es, was wir sahen. Bizarre Zwischentöne des Schreckens einiger Sekunden mussten wir zur Fiktion werden lassen, um ein Maß für das Unbegreifliche zu finden.
In Teseo Albinesis Aufzeichnungen aus dem Jahr 1539 wird beschrieben, wie der Okkultist Ludovico Spoletano den Satan beschwor, weil er – dem Doktor Faustus ähnlich – glaubte, alles bereits zu kennen, aber doch nichts zu wissen. Das dringliche Bedürfnis, zumindest ein Ding so zu Fassen, wie es beschaffen ist, treibt die Schwärme der Verzweiflung aus Staubwolken heraus und ermuntert jeden Schläfer, festzuhalten, was weniger noch als ein Quellstrom nicht zu greifen ist mit fünf oder zehn oder fünfzehn Fingern.
Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.
Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.
Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«
Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.
Wo das Geäst über die blanken Balken der Schänke streicht und gemeinsam mit dem Wind die Zeit vom Gehäuse schabt, da standen die verlorenen Erinnerungen, die nicht mehr Geschehen waren, aber auch keinen Gedanken mehr infizierten, und sahen auf die Uhr, die jemand von einem Bahnsteig gepflückt und hierher umgepflanzt hatte. Ihre Zeit des Spukens würde kommen, wenn die Sonne ein anderes Land bereist und sich nicht für die Schattenspiele hinter ihrem Rücken interessiert. Doch bis dahin hieß es : verharren! Den Hüttengesang vernahm man schon von einer großen Entfernung aus, da waren weder ein Giebel, noch ein Strauch zu sehen. In einen Tonkrug gesungene Phrasen von Treue und Schicksal, von Torkeleien an den Häfen und dem Mahlstrom auf hoher See. Öffnet man die unbewegliche Tür, verstummt all das Raunen und alle Flecke werden wieder alt.
Der Mond sank nicht aus sich selbst heraus unter seine Achse Manche Bretter stapelten sich zuletzt und von oben hatte man Ein ganz anderes Gesicht. Nummernlose Wolken. Kein Halsband Kein großer Rummel. Überhaupt nichts das man Zur Kenntnis zu nehmen sich befleißigte um Nutzen zwischen Den Käferleichen auf dem Rücken wippend also doch Noch nicht ganz Leichen zu verstecken.
Die Vertrautheit verschwindet wie ein Naturgesetz und Mit einem Mal. Man sieht es nicht kommen weil es nicht kommt Schon immer dagewesen schleicht es um nichts anderes als Einen Knopf der an eine Hose gehört um die Abteilungen Geschlossen zu halten die sonst ja übervoll die Bäuche aus Ihren eigenen Fenstern hängen müssten. Das mit den Wegen Ist nur ein Gerücht. Dass sie sich beim Gehen formen.
Nur die Attraktion der anvisierten Punkte pfadet einen Weg und Treibt die inneren Gäue wie eine Urlandschaft vor sich her Die Milch gibt wenn man sie höflich danach fragt und nicht Einfach in ihrem Wasser rührt. Manche Baldowereien müssen Unbedingt vor dem Essen ausgeführt werden – niemand denkt Wenn der Bauch nicht denkt. Und niemand kniet wenn Das Knie nicht kniet.
Die Vergangenheit entgleitet mir mehr und mehr, und das ist gut für die Bewegung außerhalb des Zentrums, das nun überall sein kann, so wie wir es von Foucault her kennen. Nichts ist quasi das, was wir haben. Ich bin frei in meiner Auswahl der Stoffe, also schaue ich mir gerne das Verlixteste an, das ich kenne. Eine undenkbare Welt spiegelt sich im Innern, darin findet sich nur immer das Symbol eines weiteren Symbols; ich glaube, die wahre Befriedigung ist die Ohnmacht, eine Rückkehr zur vertrauten Nabelschnur. Das ist anscheinend mit Paradies gemeint, der Apfel ist demnach die Geburt. „Lass den Apfel hängen, wo er ist, Eva!“ Wie würden wir uns denn dann in unserer kleinen Kammer einrichten, mit einer Mutter, die wie ein Wal auf den sieben Meeren treibt?
Mich fasziniert die zunehmende Distanz zu einer Welt, die einst war. Sobald die Momente in die Vergangenheit gleiten, werden sie rein fiktional. Jede Erinnerung, jede Beschreibung… Dieser eine Punkt, den wir zu greifen suchen, ist wieder einmal nur nichts, ein Pendel mit einem Radius, dessen Aufhängung wir nicht begreifen.
Ich würde gerne hineingleiten in eine Spukhütte an unbenennbarer Stelle fern jeglicher Beschreibung nicht dem Wetter ausgesetzt nicht der Zeit ausgesetzt und dort die Gestalt der vergangenen Weihnacht am Kamin stehen sehen diese Hand wäre es mir wert geschüttelt zu werden