Der Surrealist vor dem Surrealismus: George Herriman

Über einen Künstler, dessen Werk so vollständig außerhalb seiner Zeit stand, dass es erst eine Generation nach seinem Tod vollständig verstanden wurde

New Orleans und das Geheimnis seiner Herkunft

George Herriman mit seiner Katze

George Joseph Herriman wurde am 22. August 1880 in New Orleans, Louisiana, geboren. Damit beginnt bereits die erste und folgenreichste Komplikation seiner Biografie. Herriman wurde sein ganzes Leben lang in Pressefotos und Interviews als Grieche bezeichnet. Er selbst gab seine Abstammung als griechisch an, trug auch in Innenräumen stets einen Hut, selbst bei der Arbeit und auf Fotos. Erst 1971, mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, entdeckten Forscher in den Volkszählungsunterlagen des Jahres 1880, dass Herrimans Familie als „Creole of Color” registriert war. Damit waren Menschen gemischter Abstammung in Louisiana gemeint, die einen Status zwischen den Rassengesetzen des Südens und der Kreolen-Identität von New Orleans hatten.

Der Surrealist vor dem Surrealismus: George Herriman weiterlesen

Wer war das Vorbild für Dracula?

Wollen wir doch mal damit beginnen, einige Punkte der Verschwörung und des Skandals zu setzen. Von Anfang an entbinde ich mich von der journalistischen Integrität und der üblichen Notwendigkeit, Beweise für meine Behauptungen vorzulegen, oder – was in vielen Fällen noch wichtiger ist – Beweise, die meine Behauptungen widerlegen. Jeder, der in diesen Skandal verwickelt war, ist schon lange tot, und echte Wissenschaftler haben über dieses Thema geschrieben und es untersucht. Im Sinne einer Person, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben hat, bin ich in diesem Moment weder eine Journalistin noch eine Wissenschaftlerin, sondern biete lediglich ein wenig literarischen Klatsch und Tratsch, und ich liebe einen guten Skandal.

Wer war das Vorbild für Dracula? weiterlesen

Invincible – Ein Liebesbrief ans Genre

DER SOHN DES HELDEN

Mark Grayson ist siebzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal fliegt. Sein Vater Nolan, auch bekannt als Omni-Man, ist der mächtigste Held der Erde und hat ihm versprochen, dass dies eines Tages geschehen würde. Die Kräfte kommen von Nolans Seite. Er ist Viltrumit, Angehöriger einer außerirdischen Kriegerrasse, und Mark trägt das entsprechende genetische Erbe in sich. Er nimmt den Namen Invincible an, und ist erstmal von seinen neuen Fähigkeiten begeistert.

Das ist die Eröffnung von Robert Kirkmans Invincible, und sie ist so sonnig und so harmlos wie ein Superman-Comic aus dem Silbernen Zeitalter. Ein junger Mann bekommt außergewöhnliche Kräfte, wird ein Held, kämpft gegen Schurken, geht zur Schule und verliebt sich. Kirkman liebt diese Tradition wie alle, die mit ihr aufgewachsen. In 144 Ausgaben hat er diese Erzählung auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, ohne eine zynische Übung daraus zu machen. Das ist das Kunststück, das Invincible von allen anderen Superhelden-Dekonstruktionen unterscheidet. Es ist als ein Akt der Zuneigung zu verstehen.

Invincible – Ein Liebesbrief ans Genre weiterlesen

Rorschach – Die Maske schaut zurück

Ein Kind der Gosse — und was die Gosse aus ihm machte

Watchmen #6, DC

Walter Kovacs wurde in eine Welt geboren, die keine Verwendung für ihn hatte. Als Sohn einer Prostituierten wuchs er in einer namenlosen, wurde misshandelt und verwahrloste. Für ihn gab es nie ein Vorbild für das, was einen Menschen ausmachen könnte. Als junger Mann wurde er dann mit einem Fall konfrontiert, der in der Geschichte des Superhelden-Comics einzigartig ist: dem Mord an Kitty Genovese – oder vielmehr der comiceigenen Version davon. Bei diesem grausamen Mord sahen achtunddreißig Zeugen zu, ohne einzugreifen. Walter Kovacs nähte sich aus dem Kleid des Opfers eine Maske. Und hörte von da an auf, Walter Kovacs zu sein.

Das Geniale und zugleich Erschreckende an Moores Erzählweise ist die Rolle des Psychiaters Dr. Malcolm Long. Er versucht, Rorschach zu „heilen“, blickt aber so tief in dessen nihilistische Weltanschauung, dass sein eigener bürgerlicher Optimismus daran zerbricht. Moore nutzt hier ein literarisches Werkzeug, das wir in der Medienwissenschaft als „unzuverlässiges Erzählen“ oder „perspektivische Korrosion“ bezeichnen. Rorschachs Stimme ist so eindringlich, dass sie den Leser (und den Psychiater) langsam vergiftet.

Rorschach – Die Maske schaut zurück weiterlesen

Spawn – Gegen Himmel und Hölle

EIN TOTER SOLDAT kehrt aus der Hölle zurück

Spawn #1.
Von Todd McFarlane.

Die Ursprungsgeschichte von Spawn zeichnet sich durch eine besondere Art von Direktheit aus, die man sonst eher selten im Superhelden-Genre findet. Der Elitesoldat und CIA-Auftragsmörder Albert Francis Simmons wird von seinem eigenen Vorgesetzten umgebracht. Daraufhin landet er in der Hölle, wo er einen Pakt mit dem Teufel schließt, genauer gesagt mit Malebolgia, einem Fürsten aus Dantes Inferno. Schließlich kehrt er als Spawn mit einem lebenden, symbiotischen Necroplasma-Kostüm zurück zur Erde. Eigentlich wollte er seine Frau Wanda wiedersehen. Doch er findet eine Welt vor, die sich fünf Jahre ohne ihn weitergedreht hat. Wanda hat inzwischen seinen besten Freund Terry geheiratet. Und sein eigenes Gesicht ist zu einer verbrannten Maske geworden.

Spawn – Gegen Himmel und Hölle weiterlesen

Der Zauberer von Rummelsdorf

Obwohl Spirou nicht von Franquin erfunden wurde, ist es kein Geheimnis, dass er die Figur mit etlichen weiteren Charakteren umgab und die Comics rund um den Pagen und seinen Freund Fantasio zu einem Klassiker der Franko-Belgischen Schule machte. Der Zauberer von Rummelsdorf stellt im Spirou-Kosmos auch gleich eine Revolution dar, denn es ist das erste große Abenteuer der beiden Helden.

Spirou und Fantasio beschließen, in der Nähe des kleinen Dorfes Champignac (das bei uns nun „Rummelsdorf“ heißt) zelten zu gehen. Durch die Übersetzung geht einerseits die Verniedlichung der Champagne verloren, die auch gleichzeitig eine Anspielung auf die Zauberpilze ist, mit denen wir es hier unter anderem zu tun bekommen. Trotzdem darf man mit „Rummelsdorf“ zufrieden sein, denn in klanglicher Hinsicht passt er natürlich besser in den Titel, als wenn irgendeine erzwungene Übersetzung hier versucht hätte, das Wortspiel zu retten.

Der Zauberer von Rummelsdorf weiterlesen

Mike Mignola – Der Holzschnittmacher des Übernatürlichen

Berkeley und die Formung des inneren Auges

Mike Mignola wurde am 16. September 1960 in Berkeley, Kalifornien, geboren und wuchs in Oakland auf. Diese Gegend hat er aber (anders als viele andere seiner Kollegen) nie in sein späteres Werk einfließen lassen. Es war gerade das Gespenstische, das Mittelalterliche und die dunkle europäische Mythologie, die sein Werk so vollständig durchdringen, dass man es als Abgrenzung gegen die bittere Realität verstehen kann. Sie entstanden in einem Kind, das sich durch Bücher und Bilder eine innere Welt erschuf, die sich grundlegend von der Außenwelt unterschied. Diese frühe Innerlichkeit bildet das Fundament für alles, was dann kommen sollte.

Mike Mignola – Der Holzschnittmacher des Übernatürlichen weiterlesen

The Phantom Stranger

Ein Fremder tritt ein — und erklärt sich nicht

1952 in Phantom Stranger #1, DC

Es gibt nur sehr wenige Comicfiguren, bei denen nicht die Verpackung, sondern das Produkt selbst das Rätsel ist. Phantom Stranger verkörpert genau das. Seit 1952 gleitet dieses Wesen durch das DC-Universum, schaut in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung, warnt vor Gefahren und greift gelegentlich ein, ohne je zu erklären, wer oder was es eigentlich ist. Die Frage nach seiner Identität ist nicht unbeantwortet, weil die Autoren da etwas vergessen hätten. Sie ist unbeantwortet, weil die Antwort die Figur zerstören würde.

Sein Erstauftritt im September 1952 in Phantom Stranger #1, geschrieben von John Broome und gezeichnet von Carmine Infantino, war vergleichsweise bescheiden: ein geheimnisvoller Mann im weiten Umhang und breitkrempigen Hut, der in kurzen Horrorgeschichten eingriff und jeweils am Ende die moralische Pointe ablieferte. Das Format erinnerte an die EC Comics und die Tradition des allwissenden Erzählers, doch Broome und Infantino gaben diesem Erzähler eine Präsenz und eine schwer zu beschreibende Tiefe, die ihn von Anfang an zu mehr machten als zu einem interessanten Gimmick.

The Phantom Stranger weiterlesen

Brian Michael Bendis und die Revolution der Comicsprache

Cleveland und der Weg durch den Noir

Brian Michael Bendis

Brian Michael Bendis wurde 1967 in Cleveland, Ohio, geboren, einer Stadt, die in der amerikanischen Kultur eine besondere Rolle spielt. Die älteste Industrieregion der USA, Nachkriegsverfall, das langsame Verschwinden wirtschaftlcher Gewissheiten, und gleichzeitig eine jüdische Gemeinschaft, deren Kulturleben eine eigene Dichte und Wärme besitzt. Man erkennt diese Herkunft in Bendis‘ Werk, genauso wie man sie in Stan Lees Tonfall oder Garth Ennis‘ nüchterner Art erkennt. Sie zeigt sich in der Bodenhaftung, im Sinn für das Konkrete und in der Abneigung gegen das Abstrakt-Heroische. All das hat Bendis‘ Zugang zum Superhelden-Genre von Beginn an geprägt.

Brian Michael Bendis und die Revolution der Comicsprache weiterlesen

Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens

New York und Literatur

Scott Snyder wurde 1976 in New York City geboren und wuchs in einer Umgebung auf, die ihn zu einem der literarisch versiertesten Comicautoren seiner Generation machen sollte. Er studierte Kreatives Schreiben an der Brown University und der Columbia University und gab mehrere Jahre lang selbst Schreibkurse. Diese akademische Laufbahn ist in der Biografie seiner Vorgänger nicht zu finden und prägt sein Werk auf eine für das Genre ungewöhnliche Weise. Snyder denkt theoretisch über das Schreiben nach, und bringt diese Reflexion in seine Comics ein, ohne dass sie je akademisch kalt wirkt.

Scott Snyder

Seine literarischen Einflüsse sind klar erkennbar und werden von ihm selbst großzügig benannt. Vor allem Stephen King, aber auch Shirley Jackson und die amerikanische Gothic-Literatur. Diese Literatur behandelt das Böse nicht als Fremdkörper in einer an sich guten Welt, sondern als etwas, das in der Erde, der Geschichte und der DNA des Ortes verwurzelt ist. Snyder interessiert sich sehr dafür, wie das Böse sich in bestimmten Orten und Zeiten entwickelt. Das ist der Grund, warum seine Comic-Geschichten, auch wenn sie in der DC-Welt spielen, immer echt und gefährlich wirken.

Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens weiterlesen