Als die Telefonie noch analog verlief

Das Titelbild stammt aus der Reihe „The Painful Chamber Masterworks“. Ich ließ mich in einem Abbruchhaus mit einem zerschlissenen Kleid ablichten, das einen gewissen roten Faden – auch in den Texten – bildet, vor allem aber in der später auftauchenden Erzählung „Das blaue Kleid“.

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

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  • Ist das nicht ein Lied für dich?

    Die Türen klappern und die Eulen kauzen, sie erledigen ihr finsteres Mahl. In den Katakomben wären sie die Herrscher der klandestinen Welt, auf den Bäumen sind sie die Augen der Nacht, denen das Flirren der vom Irrlicht angestrahlten Insekten die Straße in den Nebel ist.

    Aus den Schornsteinen schälen sich die Gespenster der Holzrinde in hellgraue Mäntel. Ihr Ziel ist, wie so oft, das Nirgendwo.

    Nur mich treibt es über das unebene Plastrum hinaus, und ich wundere mich, dass ich unbehelligt fliehe, ohne ein forsches Tempo anzuschlagen, ohne die unzureichenden Sinne auszufahren, um die Schatten zu deuten, die gemütlichen Gerüche, die aus schlecht schließenden Fenstern schleichen, von den ätzenden Salben der Gefahr zu unterscheiden. Das stille Wunder der Nacht verschluckt mich an Ort und Stelle, unsichtbar, weil ich mich unsichtbar denke. Nur die Arglosen sowie Kinderseelen könnten mich jetzt noch entdecken, wie ich mich aufmache in die jenseitige Welt, die für mich nicht schwer zu erreichen ist durch das Pfand, das ich bei mir trage.

    Aber auch die würden mich nur in einem Traum wie ein Schemen finden, das Grauen in ihnen auslöst ohne Grund, so dass sie sich weigern, allein zu schlafen und darum bitten, es möge eine Kerze scheinen, ihren Atem bewachen, die Tür angelehnt, die Schränke verschlossen, denn vielleicht kröche ich aus dem Gewühl des Unaufgeräumten.

    Ohne Grund, nur aus der tiefen Ahnung des Todes heraus, den sie in Gedanken vorwegnehmen und sich damit Zeichnen all ihr Leben lang. Es wird dieses Bild sein, das sie auf ihrem Sterbebett imaginieren, das ihnen sagt: »Alles ist bar jeder Hoffnung. Kein Licht wird dich erretten, wenn du fällst in meine dunklen Schwingen!«

    Nichts Sensationelles gebührt mir, keine Chronik verbindet meinen Namen mit Papier, ich fürchte gar, man sieht mich an und vergisst mich gleich beim nächsten Augenniederschlag. Wie schwarze Materie vermutet man mich in leeren Häusern, verlassenen Orten; man spricht mit mir über die Wunder dieser Welt, als wäre ich ihnen näher. Doch ich bin nur der Wanderer, der flieht, auch wenn niemand sich hinter mir zeigt.

    Der Mensch und die Paarung ertragen Intensität nicht lange; wie aber steht es mit dem Gedankenerwecker?

    Ich folge den orphischen Vasallen, die in ihrer Sangeskunst Melodien aus Gedanken formen, die ein tanzendes Wort ergeben. Aus der Höhle erster Dunkelheit heben vergessen Zorn und Sein, Gespenster, die im Geisterrauch den Mund nicht brauchen. Da bist du, trägst uns durch dein Flötenspiel dem Hafen entgegen, den flaschengünen Nixen zu, den sonnenlosen Reichen, die keine Formen missen lassen.

    Man weckte den Toten, der schlief. Ist das nicht ein Lied für dich?

  • Ninegal (Repositorium)

    [Eigentlich: Drunten im Hermelin war‘s. Wir kneipten fröhlich, naschten von den rossigen Lippen, tätschelten das feiste Arschfleisch, tranken immer noch was mehr. War‘s noch, daß die Mägdlein lachten und sich auf die Hose setzten für ein Weil der Energie. Da wollt‘ kein Licht Gesichter reißen aus den Schatten in der Luft, kerzenflammend teinted jedwed fremd Entzücken über=All, Musik schwoll aus dem Gläserrücken, Bierverschütten, Händekramen. Gesang marscht aus dem Zähneblecken, Augengecken: nassem Wort; auch ein Kuß auf nackten Arsch. Und später, wenn man’s treiben wollt‘, fiel man betrunken heimwärts.]

    [Dann: Da wollt‘ kein Licht Gesichter reißen aus den Schatten in der Luft, kerzenflammend teinted jedwed fremd Entzücken über=all, Musik schwoll aus dem Gläserrücken, Bier verschütten, Händekramen. Gesang marschiert aus Zähneblecken, Augengecken: nasses Wort; auch ein Kuß auf nackten Arsch. Und später, wenn man’s treiben will, fällt man betrunken heimwärts.]

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  • Gambrinus

    Die Schlange biss sich in den falschen
    Schwanz; welche Wechselwirkung können wir
    uns nicht vorstellen? Die Sauberkeit des
    Magens war ihr Thema, von dem sie selbst dann
    nicht abließ, als ihr bereits Grübchen wuchsen,
    gefüllt mit Tupfen aller Tugenden, sagen wir :
    einer Oase, die sich stets sorgenvoll bereit
    hielt, als könnten wir das jemals vergessen.
    Selbst das Geschirr umzäunt, selbst die
    Sandalen am Fliehen gehindert. So könnte sie
    sich doch sehen lassen, oder etwa nicht? So
    also sah man sie und sah sie nie wieder
    wie an diesem Tag, beinahe nass. Dass er in das
    Gewölk von hintenrum hineinfasste und ein
    Stück des Wacholders vorfand, unterschied
    sich nicht von den Praktiken, die unter dem
    Saum stattfinden sollten. Beschmierte Stullen
    sind der Preis, also wuchsen sie, je länger
    sie vermoderten. Eine Party in einer dieser
    alten Telefonzellen mitten im Wald, mitten
    im kernigen Moos, Nummern troffen von der
    bewegten Masse, die Einschätzung war schwierig.
    Um etwaigen Vergiftungen vorzubeugen
    kramte sie im Handschuhfach herum, fand
    tatsächlich Reste dieser alten Landkarte wieder,
    freigesetzte Plakate sozusagen, an vier von
    fünf Ecken mit Tesa befestigt, bleich wie ein
    Glas Milch, bevor es getrunken wird.

  • Objektspringen

    Von den Fesseln entwöhnt von einem
    Turm springen die Lenden, während
    Der Rest sich überlegt, die Nacht durchzumachen.
    Im 13. Stock ist Schluss, die Zeiger für
    Den morgigen Tag trocknen in einer
    Enten=Schatulle. Es gibt nur natürliches
    Mineralwasser ohne einen Kunstbegriff.

    Die Vorstellung, die Welt zu umarmen,
    wird mit zusätzlichen Kapern, die
    Auf Lippen=Haut geklebt werden, vergütet.
    Am Ende des Monats steht man dort, wo
    Man angefangen hat, aber nicht ganz.
    Es sind Gäste hier, der Benimm heißt
    Sie von der Leber weg willkommen.

    Wenn sie einen Zentner wiegt, ist das
    Schließlich ihr Problem, und nicht das
    Des Architekten, auch wenn es so scheint,
    Als habe man nichts besseres zu tun, als in
    Den Gebäuden Bomben zu verstecken, eine
    Botschaft für den Osterhasen, der stinkt,
    Wie ein etruskischer Faun.

    Ignoranz ist das Hauptgeschäft der
    Bullaugen; jene, die sich unterhalb
    Befinden, haben einen tieferen Einblick
    In wesentliche Schlüsselmomente eines Seins,
    das noch niemand gesehen hat.

    Reptilien wollten den Planeten nicht
    Ohne ihren Anwalt sprechen. Ausgesetzt
    Durften sie nicht mehr Eier legen
    Als vorgesehen. Es gab natürlich Mengenrabatt.

    Zurück zum Turm : Er ist auch nur ein
    Mittelpunkt der Welt. Aus braunen Löchern
    Kriechen altehrwürdige Kabel, Restenergie,
    Die Stufen sind aus Pappe geformt, tragen
    Niemanden nach oben. Wie also kam das
    Dach zustande? kein Rätsel vergeht ohne
    Frage. Kein Zorn ist mächtiger als diese Mauern.
  • Überschüsse im Gesicht eines Mannes

    Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum.
    Nur die Steine sprachen miteinander. Fünfzehn Stufen
    lagen vor mir, und die erste fand ich hell erleuchtet.

    Nebel, die Stufen aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig,
    Braun zurückgelassener Fußabdrücke, Dornenstaub darüber,
    Gestalt des Wahnsinns.

    Hört auf, mich zu halten, Skelette!
    Würmer kriechen aus euren Mündern, an den Kiefern kleben
    niemehrkauend gelbe Zähne, Knochenhälse recken aus dem Morast,
    Mooszyrrhose. Man krönte mich zum König,

    man hängte mir geräucherte Würste um den Hals,
    man baute mir ein Bett aus Gammelmais und Daunen,
    dreizehn Nymphen, kleiner als ein Daumennagel, putzen meinen Körper.
    Prinzessinnen wollen saubere Kandidaten.

    Kraft meines Amtes
    darf ich entscheiden, wem man heute die Augen aussticht,
    ich entscheide mich für einen Bankier,
    der Augensaft, die Tränke der Nymphen;
    das Geschrei des Sterbenden wird untermalt von Pauken,
    bucklige Glöckner schwingen den Klöppel.

    Ich bin der König der Skelette, ich bin
    der gesäuberte, bezirzte neue König, werde in Plasma gebadet
    und besteige hierzu eine gusseiserne Glocke,
    meine Augenbrauen verfärben sich rot.

    Der Fremde blieb fremd, tastete nach seinem Hals:
    »Verzeihen Sie mir, ich suche eine Inspiration und weiß nicht, wo ich suchen soll!«

    Sitzt an meinem Tisch und beobachtet mich
    mit Zonulafasern, Linse, Augenstiel.
    Beinahe hätte ich ein Lied daraus gemacht: Oh Zonula Augenstiel,
    Netzhaut, Binde-hau-tsa-hack!

    Er beugte sich über die Schreibmaschine (Hermes Baby),
    roch nach Moschusdrüsen und Schweiß, und bellte,
    die Lippen straff geöffnet,
    künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops;
    als wisse der, wer ich bin.

  • Das knappe Wunderhorn

    Soweit das Plündern: Worte sind im Alfa-Bett; zu Wildern kam ich auf die Welt. An einem Tisch (rechts saß das Radio: Siemens – 2SB460GW – auf einem Sockel mit Gamaschen, wartete, bis es sprechen durfte: der Ton kam erste 40 Sek. nach dem Einschalten!) In der Küche: Die Welt lag zugedeckt vorm Herd herum; Form in Schultüten, die bald ihre Zauberwerke, ihr Russisches Brot, ihr Stelldichein/Stelldichan, ihr – : wie viele Augen zeigt der Würfel?, wie nennt man die Karte mit der Muttersau? ›Herr Klebe‹ hieß der Lehrer, viel jünger als ich heute bin, der mich und all die Vielen be-, unter- überrichtete; bespitzelte das Verhalten: Betragen war kein Lernfach. Es gab keine Tafel an der Wand neben Moritz von Schwind; ein Haus gab es mit ABC: Alraun, Bergahorn, Chrysanthemum – dahinter eins mit DEF: Douglasie, Eisenhut, Flammenröschen. Mochte die Sprache (ich) & die Mengenlehre (über der man schön verrückt wird, Herr Cantor, recht hübsch mit bunter Fliege!). So viele Mädchen (in der Menge), dass ich nicht alle auf einmal heiraten konnte, sie mich nicht / wir noch besser in der Mengenlehre aufpassen mussten {} das La-Ladio am Nachmittag – zur Wiederholung kotzerbärmliche Dinge, die auch mit Rohrreiniger nicht aus den Ohren zu bekommen waren, spielte auf vor ›Onkel Tucas‹ leeren Kisten auf dem Schrank (im Schlafzimmer mit dem weiß melierten Schrank) das erste Lesebuch schrieb ich ganz ab und bekam nie wieder Strafarbeit, musste statt dessen das Morgenlied singen – mit eingequetschten Fingern ganz hoch zur Uhr geblickt: da war es 8 Uhr 5 und blieb es 8 Uhr 5 bis ich mich setzte, sang aus ›Des Knaben Wunderhorn‹: ›Das bucklige Männlein‹, ›Es ist ein Schnitter‹, ›Will ich in mein Gärtlein gehen‹.

    Standort : Marktleuthen 1975, das Schulgebäude wurde 1915 errichtet, ein Traum wie ein Schloß, daneben der Friedhof.