Pelikan K40 Pura

Es ist nicht immer ersichtlich, mit was ich denn nun tatsächlich schreibe. Es ist ja nun offensichtlich, dass auch ich das im Grunde verhasste Computerchen nutze, um dort etwas hineinzutippen, meine unzählichen Schreibmaschinen wurden ebenfalls bereits portraitiert. Nun sei aber gesagt, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr, als ich also begann, überhaupt zu schreiben, mit der Hand expediere. natürlich muss ich dann meine Mano-Skripte in eine leserliche Form bringen, aber das bedeutet mir eigentlich nicht ganz so viel wie sie überhaupt erst zu entwerfen. Früher rangelte ich viel mit Schulheften und Kladden. Die habe ich noch in Gebrauch, aber endlich gehe ich erneut einen Schritt zurück und notiere alles auf Lose-Blätter. Erst seit dem heutigen Tage aber nutze ich den Pelikan K40 Pura, ein steiles Gerät sozusagen, der meinen Gedankenstrom direkt verlängert. Selbstverständlich ist ein Füll-Federhalter ein Phallos-Symbol, darüber sollte man sich überhaupt einmal Gedanken machen.

Im Märzen der Dichter

Tag 1. Stille in den Gassen. Früh. Der Sonne Wicht fährt aufwärts. Blick zu den Gesimsen links und rechts aus alter Zeit. Kein Staub tönt die Sicht. Alles blaubehimmelt, als würde es zeitig ein schönes Jahr.

Im Märzen der Dichter die Blätter einspannt. Er setzt seine Feder durch Tinte in Stand.

Als Phantast zieht man sich Träume über, sie sehen gut aus unter dem Kragen. (Ich komme nicht problemlos in die Ärmel, mein linker Arm ist noch immer Schrott.). Station vinzenzmurr : alle lebendig. Nicht nur Überreste, sondern eine wirkliche Welt. Meine tiefe Trauer hält an und verwandelt sich in leichtes Gefieder.

Balzacs Kaffee

„Sie müssen nicht so viel Kaffee trinken, Sie sind doch kein Balzac, der jeden Tag dreißig Tassen trank“, sagte er und ich wunderte mich.

„Sie lesen Balzac?“

„Nein, ich kenne ihn nur vom Hörensagen“, sagte er. „Ist es deshalb? „

„Nein“, sagte ich, „ich kann Balzac nicht ausstehen, außerdem trank er bis zu achtzig Tassen am Tag. Auch war es kein ordinärer Kaffee, sondern ein persönliches Gemisch, bestehend aus Yellow Bourbon, recht fruchtig und süß, Blue Mountain, sozusagen der König aller Kaffeesorten, den man auch Martinique nennt, und Mokka – nicht das Getränk, sondern die Kaffeesorte Mokka, was ja nicht dasselbe ist. Wenn Sie das mal probiert haben, schnappen Sie über, denn schon Martinique oder Bourbon einzeln zubereitet sind ein Erlebnis. Das ist Balzacs Vermächtnis, von dem kaum einer etwas weiß.“

„Und woher wissen Sie das?“

„Ich sage es Ihnen: von Léon Gozlan und seinem Buch Balzac en pantoufles.“

„Ich dachte, Sie mögen Balzac nicht.“

„Nicht, was er so geschrieben hat“, sagte ich, „aber ich mag seinen Kaffee, die Art, wie er seine Sucht zelebrierte und sie mit den Mühen des Genusses verband. Sie können, wenn Sie Kaffee mögen, doch nicht ernsthaft in ein deutsches Geschäft gehen und sich eine Tüte von irgendeinem Zeug kaufen. Das ist ja beinahe so schlimm, wie das, was die Italiener saufen!“

„Ich dachte immer -„

„Ja, ja, denken Sie nur! Jetzt wissen Sie es besser! Italiener haben keine Ahnung von Kaffee, die trinken jeden Dreck, der völlig verbrannt und schwarz ist.“

„Aber sie haben guten Wein!“

„Mag vorkommen. Was sie aber wirklich haben sind schöne Erdbeben.“

Februar, Sieben, Elf

Seit gestern zurück aus dem Fichtelgebirge. Im Grunde nur einen Tag verschnaufen, bevor es morgen ins Studio geht, um den GUCKKASTEN an zwei Tagen aufzunehmen.
Der Rowohlt-Verlag hat sich gemeldet – es geht da um ein spektakuläres Projekt, das ich aus gutem Grund noch nicht benennen kann. Würde ERDTON das hinbekommen, hätten wir gleich anfangs ein schönes Schiff im Hafen.
Bleibt die Website, die gegenwärtig nur ein Platzhalter ist. Wir wollen uns jedoch der neuesten Technologie versichern, Downloads und CD-Cases anbieten. Da wird noch etwas fern der Kreativität zu tun sein.

15.14

Die Neue nach dem Reinfall mit der zweiten lettera 22.
Die Traveller wird u.a. von Friederike Mayröcker gespielt. Sie hat kein zusammengefügtes sz, bedingt durch die amerikanische Tastatur.

Frametales

Es wurde dann gestern doch etwas spät. Die Musik: ein wertiges Easy Listening mit einigen Jazz-Standards, die wie Perlen von der Bühne tropften. Das Klecks hat eben auch die Atmosphäre dafür, die mich auch wieder auf die Idee zubewegt, die mich nicht loslässt: hier auch ein Literaturfestival zu inszenieren. Ich bin, wie ich das überschauen kann, der einzige Autor in Kempten. Aber es gibt hier eine kunstinteressierte Sozietät.

Zweiter Stützpunkt wäre das Künstlerhaus, zu dessen Eröffnung ich vor Jahren eingeladen war. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Installationen geworden ist, und so liegt es nahe, mich rückzuversichern. An Ideen fehlt es hier, alles wirkt träge.

Mattern

die zwei fundamentalen Ansichten : „science“ (das alles Trennende), das sich über die Jahrtausende totgelaufen hat & „systemics“, das Beziehungen und Ähnlichkeiten weiß. Hat man sich sehr lange mit den Theorien des geistesgestörten Griechen Aristolteles herumgeschlagen, der ja eben weil unsere westliche Gesellschaft selbst hochgradig geistesgestört ist, so einen Erfolg verbuchte. Für die heute klügsten Köpfe gibt es keine „Wissenschaft“ mehr. An ihrer Statt walten die Systeme. So wie es nicht die Patrix ist, nicht das pattern, das verbindet sondern die Matrix, lautet die Folge : „the mattern which connects“.

Die Übersetzbarkeit

Diane, ich habe mir nie Gedanken zur Übersetzbarkeit meiner Texte gemacht. Mir ist klar, dass vieles bereits im Original … also den Muttersprachlern, sehr fremd und unverständlich vorkommt. Ich reiße eine Sprachwelt auf, die – und das ist ja auch das Problem – noch nie in einer ähnlichen Weise gehört wurde. So weit entfernt bin ich von allem Zeitgenössischen, dass ich also gar nicht als Zeitgenosse zählen kann. Mir sind wenige bekannt, denen ich nicht Überforderung sondern Herausforderung bin. Wenn ich sehr wohlwollend bin, fallen mir zwei, drei Autoren ein, bei denen das ebenso ist. Es liegt (und das war mir lange nicht bewusst) an der Bedingungslosigkeit, mit der man sich in die Literatur als das Lebenseigentliche begibt. Ich möchte sagen: man lebt nicht, sondern man schreibt. Das eine ist nicht das Substitut für das andere, sondern ist das, was zu tun ist vom ersten Atemzug bis zum letzten. Jetzt kann man sich mich nicht vorstellen, wie ich so verbarrikadiert dasitze, eine welke Blume auf dem Sims – und mir die Welt neu füge. Deren Kandidaten gab es viele – und vielleicht haben wir tatsächlich etwas gemeinsam – aber mir ist das, was man gemeinhin – und also biologisch – „Das Leben“ nennt, etwas völlig verschiedenes zu „leben“. Weil alles, was lebt, nur gedacht ist – und der Gedanke, wenn er in einer bestimmten Form konnotiert, bereits Dichtung ist, kann für mich schließlich alles Leben nur Dichtung sein. (Ob man sie dann niederschreibt, ist wiederum etwas völlig anderes). Jemand, der kein Dichter ist, versteht das freilich nicht – er hört es nur so, wie ich es sage.

Interview mit einem FX

 (FX von eff ecs = effects. Meist Spezialeffekte in Film und Musik. Auch ein Begriff in der Psychoakkustik)

„Wir haben Sie alle“, sagte er. „Kein Unternehmen würde sich uns verweigern.
Assange… was soll ich Ihnen sagen… wir kriegen ihn. Wir haben Unfallspezialisten auf der ganzen Welt, wir nennen sie „FX“. Eine Weiterentwicklung des Informellen
Mitarbeiter der Stasi. Natürlich angepasst, keine Spitzel in dem Sinn, das würde nun wirklich nicht mehr passen. Aber wenn wir einem FX in einem Unternehmen, wie zum Beispiel Mastercard, sagen: Legt die Leitung trocken, dann wird reagiert. Wir drehen dann den Saft ab, da wird keine Regierung widersprechen. Wir haben ein System entwickelt, das zum Beispiel Straftaten erfindet, wir haben Anwälte, die das dann durchsetzen und natürlich haben wir Zeugen. Wir wollen ja alle, dass es gesetzmäßig aussieht. Wenn das einmal nicht so klappt, wie wir uns das vorstellen, wird es eben unter den Tisch gekehrt. Da regt sich keiner auf, weil ja keiner weiß, was wahr ist und was nicht. Das haben wir von den Deutschen gelernt und natürlich ebenfalls weiterentwickelt. Die Nazis und die Stasi, das waren wirklich große Lehrmeister. Hätten die den Apparat und die Technik wie wir heute, ich kann Ihnen sagen, die Welt wäre schon früher so weit gewesen. Menschmaterial nennen wir das ganz offiziell. Die Masse ist so etwas wie unsere Batterie, ihr ziehen wir sozusagen materielle Energie ab, während wir sie gleichzeitig still legen. Das geschieht übrigens auch in den modernen Schlachthöfen. Da muss kein Tier mehr Angst haben, die meisten sterben glücklich. Unsere Produktion ist natürlich nicht Fleisch, das war nur so ein Vergleich. Wir haben ja bereits während des Weltkriegs nachgedacht, wie wir unsere Eliten durch Batterien ernähren können. Da mussten ganze Systeme geändert werden. Bildung musste Verwirrung werden. Doch wie schafft man das? Durch Überinformation und Widerspruch natürlich. Und durch einen Medienapparat. Wir können das mittlerweile ganz offen machen, was uns vieles erleichtert. Kritik können wir heute ganz leicht übergehen, die löst nichts mehr aus. Wir können ganz offen zugeben, was wir tun. Das ist schon wirklich eine ungemeine Erleichterung, kann ich Ihnen sagen.“

Konzentrationsschwächen

Diane, heute war es kurz vor sieben. Fünf schaffte ich nicht, aber ich konnte meine Blase im Halbschlaf so entleeren, dass ich nicht die ganze Klobrille verschiffte. Das sind Konzentrationsschwächen, weil Tag und Nacht ans Werk zu denken ist und ich eindeutig zu früh aufstehe. Es ist nach wie vor schwierig, sich auf den Morgen zu konzentrieren, wenn man jahrzehntelang die Nacht durchgearbeitet hat. Das Ergebnis ist, ich rauche wieder Kette, was nicht zuletzt an der immensen Anspannung liegt. Heute muss ich mich bereits zur Sandsteinburg peitschen …