Das Evangelium des Schattens: Frank Miller

Olney und Millers Wurzeln

Frank Miller, geboren 1957 in Olney, Maryland, und aufgewachsen in Montpelier, Vermont, fand seine prägenden Inspirationen in Regionen, die kulturell eher unscheinbar sind. Vielleicht war es gerade der Mangel an urbaner Eleganz, der seine Vorstellungskraft formte und ihn zeitlebens von der Faszination für das Abgründige, die Dunkelheit und die raue Realität des amerikanischen Stadtlebens nicht entkommen ließ. Miller entstammte keinem akademischen Umfeld; seine prägenden Einflüsse waren die billigen Comichefte seiner Jugend, die Kriminalromane von Mickey Spillane und Raymond Chandler sowie die Schwarzweißfilme der 1940er Jahre, in denen Licht und Schatten untrennbar mit Gut und Böse verknüpft sind. Diese frühen Eindrücke zementierten eine ästhetische und erzählerische Grundstruktur, die sich konsequent durch sein gesamtes Werk zieht.

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Frank Miller © Jim Lee

Mit 19 Jahren zog Miller nach New York, in eine Zeit hineingeworfen, in der die Stadt noch tief in den Wirren einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise steckte. Die Bronx brannte im übertragenen wie wörtlichen Sinne, der Times Square war ein Knotenpunkt des organisierten Verbrechens, und die Kriminalitätsraten boten Bilder einer nahenden Apokalypse. Diese düsteren, gefährlichen Straßen New Yorks der späten 1970er Jahre wurden zur Blaupause für Millers kreative Vorstellungskraft. Selbst wenn seine Geschichten formal in fiktiven Orten wie Gotham City oder Sin City angesiedelt sind, ist das Echo dieses nächtlichen New Yorks in jedem Panel seiner Werke zu spüren.

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Grant Morrison: Popkultur als Philosophie

Nur bei wenigen Comic-Künstlern ist die Verbindung zwischen Biografie und Werk so eng miteinander verflochten wie bei Grant Morrison. Geboren 1960 in Glasgow und aufgewachsen in der Donnelly Street in Bishopbriggs, einer schottischen Vorstadt geprägt von Arbeiterkultur, wurde Morrisons Fantasie von Beginn an durch ein doppeltes Bewusstsein geformt. Einerseits durch die alltägliche Realität der Industriestädte, andererseits durch die schillernden, kosmischen Welten amerikanischer Superhelden-Comics, die er geradezu verschlang. Dieser innere Gegensatz bildet das Fundament seiner kreativen Weltsicht.

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Grant Morrison von LuigiNovi

Die britische Comicszene der frühen 1980er-Jahre, in der Morrison seine Fähigkeiten entwickelte, war von einer unvergleichlich pulsierenden Energie erfüllt. Mit dem Magazin 2000 AD als Inspirationsquelle und Alan Moore als dominierender kreativer Figur sah sich eine ganze Generation britischer Talente vor die Herausforderung gestellt, den Weg zu finden, den man nach dem Dekonstruktivismus einschlagen konnte. Während Moore die Superhelden-Mythologie radikal zerlegte – wie etwa in Watchmen oder The Killing Joke –, nahm Morrison eine vollkommen entgegengesetzte Haltung ein. Er setzte auf eine Art feierliche Neubewertung des Altbekannten.

Dieser Ansatz war von zentraler Bedeutung. Schon früh erkannte Morrison nämlich einen vermeintlichen Irrtum in der Dekonstruktion des Superhelden.  Die Vorstellung, dass Komplexität zwangsläufig mit Entmythologisierung gleichzusetzen sei, teilte er nicht. Im Gegensatz dazu wollte er beweisen, dass Mythologien in ihrer ursprünglichen, archetypischen Kraft eine tiefere Wahrheit transportieren, die ihrer Entzauberung trotzt und gerade in ihrer Unmittelbarkeit eine universelle Bedeutung entfaltet.

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Alan Moore: Der Magier von Northampton

Auch wenn sich in seinen Äußerungen immer wieder Spuren von Empörung finden, wird diese Zuschreibung seiner Komplexität kaum gerecht. Geboren am 18. November 1953 in Northampton als Sohn einer Druckerin und eines Brauereiarbeiters, trägt Moore die Eigenheiten seiner Heimatstadt tief in seiner Vorstellungskraft mit sich. Northampton, diese unspektakuläre englische Mittelstadt, besitzt eine Geschichte, die gleich Lava unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche schwelt. Moore hat sie zum zentralen Bezugspunkt seiner kreativen Mythologie erhoben. Nur wenige einflussreiche Autoren haben ihre Herkunftsorte derart stark in ihrer Arbeit verankert wie er. Die viktorianischen Straßenpflaster aus From Hell oder die elisabethanischen Geisterstimmen in seinem Roman Voice of the Fire zeugen von dieser Bindung. Für Moore ist Northampton das, was Dublin für James Joyce war: eine Landkarte der gesamten Realität. 

Alan Moore
Alan Moore

Diese tief empfundene Verankerung hat jedoch nichts mit romantischer Nostalgie zu tun. Sie speist sich aus einer politischen wie ästhetischen Haltung. Moore hat sich zeitlebens der Anziehungskraft Londons als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum seines Metiers widersetzen können und lehnt die Vereinigten Staaten als geistige Heimat ab, trotz seines unbestrittenen Einflusses auf die amerikanische Comic-Kultur. Stattdessen blieb er in Northampton, ließ sich einen buschigen Bart wachsen, der an einen viktorianischen Propheten erinnert, und prägte und veränderte nachhaltig ein ganzes Medium.

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