Voltaires Kalligraph / Pablo De Santis

Bouquinist

„Voltaires Kalligraph“ erzählt die Geschichte von Dalessius, der im Alter von 20 Jahren von Voltaire als Kalligraph und Archivar eingestellt wird. Obwohl der maschinelle Druck die Handschrift bereits weitgehend verdrängt hat, ist sie für viele Dokumente nach wie vor unverzichtbar – insbesondere für eilige oder einmalige Schriftstücke. Dieser Konflikt zwischen Mensch und Maschine zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Dalessius beginnt seinen Bericht Jahrzehnte später mit einem eindrucksvollen Bild: Er reist mit wenig mehr als ein paar Hemden, den Werkzeugen seiner Schreibkunst und einem in einem Glas konservierten Herz – dem Herzen Voltaires. Doch sein Bericht konzentriert sich auf die Zeit, als das Herz noch schlug. Die Geschichte, wie es schließlich in seinen Besitz gelangte, ist leider weniger dramatisch, als man vielleicht erwarten würde.

Als Waisenkind wächst Dalessius bei seinem Onkel auf, der ein florierendes Geschäft mit Leichentransporten betreibt. Er sorgt dafür, dass Verstorbene in ihre Heimat überführt und dort beigesetzt werden – ein besonders lukratives Geschäft in Kriegszeiten, wenn viele Soldaten fern der Heimat sterben. Dalessius, ein begabter Kalligraph, verliert seine Stelle als Gerichtsschreiber und findet stattdessen Arbeit bei Voltaire. Doch schon bald wird er mehr als nur Schreiber: Voltaire setzt ihn als eine Art Spion ein, um den historischen Fall des angeblich zu Unrecht verurteilten Jean Calas zu untersuchen. Während Voltaire in Wirklichkeit bereits gründlich recherchiert hat, entwickelt De Santis daraus eine viel größere Verschwörung, als es sie in Wirklichkeit gegeben hat.

Der Roman ist ein unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel voller Intrigen. Die Kirche spielt eine zentrale Rolle, aber besonders faszinierend sind die lebensechten Automaten – Maschinen, die so täuschend echt gebaut sind, dass man sie für Menschen halten könnte. De Santis füllt seinen Roman mit farbenprächtigen Details: von den raffiniert gebauten Automaten über die verschiedenen Tinten der Kalligraphen – darunter unsichtbare oder gar giftige – bis hin zum makabren Geschäft mit den Toten. Die Atmosphäre ist düster und geheimnisvoll, geprägt von engen Gassen, verwinkelten Herrenhäusern, Friedhöfen und der allgegenwärtigen Welt der Bücher – Bibliotheken, Buchhändler und Manuskripte spielen eine wichtige Rolle.

Auch das Personal des Romans ist vielfältig: Henker und Schergen der Mächtigen sorgen für blutige Momente – aber nicht jeder, der geköpft wird, blutet auch wirklich. Eine weitere zentrale Figur ist die weltfremde Clarissa, Tochter des übervorsichtigen Mechanikergenies von Knepper, der eine Romanze zwischen ihr

„Voltaires Kalligraph“ ist ein kurzer, aber rasanter Roman, der den Leser von einem Schauplatz zum nächsten führt. Auch eine Reise im Sarg bleibt Dalessius nicht erspart – allerdings kontrastiert De Santis das hohe Tempo mit langen Wartezeiten an verschiedenen Schauplätzen, die oft humorvoll in Szene gesetzt werden. Manchmal wirkt der Roman etwas überfrachtet, und an manchen Stellen hätte eine genauere Ausarbeitung gut getan. Aber gerade weil er sich nicht in übertriebener Detailverliebtheit verliert, bleibt er immer spannend und unterhaltsam. Ein solider historischer Thriller mit originellen Ideen und einer gelungenen Mischung aus Verschwörung, Technik und Abenteuer.

Unionsverlag

Neuer Aktionismus

Now spinning: Herbie Hancock / Inventions & Dimensions. Zwar habe ich das Vinyl, aber die CD im nachhinein in einer Box noch einmal nachgekauft. Man kommt so wenig zum Plattendrehen.

Mein Aktionismus, täglich um 4 Uhr von der Matratze zu springen wurde auch heute wieder um zwei Stunden verlängert. Es scheint mir nur jeden zweiten Tag zu gelingen. Indes halte ich all meine Tätigkeiten mittlerweile für absurd. Aber mein Wesen ist natürlich auch völlig zerfetzt und verteilt über andere Seiten und Podcasts. Überall tauchen die gleichen Unzulänglichkeiten auf: das zersplittern in Themenfragmente, die ich nicht zusammenbekommen kann (oder will). Die Veranda war einst ein Hort, an dem sich alles fügte, aber mit der Zeit wurde die Themenpalette zu einem unkontrollierbaren Monster. Trotzdem bin ich versucht, das Ur wieder zu erreichen, aus dem dann folglich alles entspringt (oder wieder zurückkehrt). Da ich niemand bin, der mit seinen Inhalten Massen begeistert (dieser Kelch ist an mir vorübergezogen), dürfte es mir an und für sich (als Kind verstand ich immer „an und Pfirsich“, sobald meine Großmama diese Trope bemühte) egal sein, und ich bin bis heute nicht dahintergestiegen, warum es mir im Innern dann doch zu widerstreben scheint.

In den letzten Jahren habe ich mich (abgesehen von einigen Erzählungen für Magazine oder Bücher) mehr und mehr dem Essai verpflichtet gefühlt als meiner originären Arbeit, die gegenwärtig für mich abgeschlossen scheint. Es entstand vor in paar Tagen noch das „Tollhaus“, aber auch das war eher der Versuch, die Ebene hinter einem Essai zu erfassen und sie mit meiner Stilistik zu verknüpfen, als ein persönliches Werk der Wahrnehmung. Das ist vielleicht das, worauf ich mein Augenmerk künftig richten sollte: von Innen nach außen zu gelangen. Und das Journaling wieder aufzunehmen.

Kostüm der Felsformation

Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.

Der Gesundheit zuliebe

Der Gesundheit zuliebe habe ich alle Konserven runter zum Fluss gebracht. Ich hab sie da natürlich nicht reingeworfen, sondern am Ufer vergraben, vorher aber überall ein Loch reingemacht, damit das Ungeziefer besser ran kann. Die können ja scheinbar gut mit Giften, sonst würden sie ja viel öfter auch auf unseren Krankenstationen landen. Tun sie aber nicht. Ich weiß, das ist eine fürchterliche Beweiskette, aber ich hab ja auch nur eine einfache Schule besucht, und vom Maschen aufnehmen und fallen lassen versteht man keine höhere Mathematik.

Der Kurt hat seinen Quark erst nicht wollen, weil er ihm zu sehr nach Pampe ausgesehen hat. Er hats ja eh mit dem Magen und kennt Pampe daher ziemlich gut aus dem Bad. Mehr sag ich nicht, damit ihnen ihr Essen – völlig nutzlos – nicht mehr schmeckt.

Zu meiner Zeit war Fleisch das Größte, vielleicht noch ein paar Erdäpfel, damit der Teller nicht so leer wirkt, aber heute basteln wir das alles aus Gummistiefeln und Erbsen, was den Vorteil hat, dass wir uns nicht mehr mit dem Herz eines Serienkillers ausstatten müssen, um die Familie satt zu kriegen. Wenn meine Mutter mit dem Messer in die Scheune schlich, um zukünftige Würstchen vorzubereiten, fragte ich sie einmal: „Hast du deine Tage oder warum klebt überall Blut an dir“. Ich weiß noch, dass ich eine richtig fette Ohrfeige davontrug, so dass mein jugendliches Gebiss noch tagelang den Radetzky-Marsch klapperte, nur weil ich immer so neugierig war. Das konnte meine Mutter gar nicht gut leiden. Heute versuche ich es natürlich an Kurt auszulassen, er bietet sich ja als Ehemann auch so einfach an. Aber kleben kann ich ihm keine, da müsste ich schon auf einen Stuhl steigen. Dafür gibts jetzt ein paar Tage lang Quark, und ich überlege mir, ob ich den nicht auch ins Bad stelle, damit er mal sein Gesicht damit einreibt. Es heißt, große Poren würden dann zuckerzart verschwinden und die Haut einem Stück gegerbten Leder gleichen.

Der menschenfressende Baum von Madagaskar

Paranormal

Die Kryptozoologie und Kryptobotanik sind voller schillernder Erzählungen über mysteriöse Kreaturen und ungewöhnliche Pflanzen. Während das legendäre Ungeheuer von Loch Ness und der sagenumwobene Bigfoot in der Öffentlichkeit weit bekannt sind, gehören die erzählten Geschichten über menschenfressende Bäume auf Madagaskar oder die gefürchteten mongolischen Todeswürmer zu den weniger verbreiteten, aber nicht minder schaurigen Legenden.

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Pastos von der Nachbarin

Vielleicht schafft einer ein Gedicht
in einem Jahr, schreibt es so nieder,
wie er sitzt, und hat dann Worte gemacht,

über die er nachdenken muss, früh und spät
(nur mittags ruht er sich aus),
nach zwei Wochen hat er bereits ein Wort verändert,

nichts, von dem er weiß, vielleicht
ist er nicht verantwortlich für sein Gedicht,
vielleicht sind seine Spuren nicht so wichtig,

seine Gestalten im Laternenlicht,
zum Gruß erhob’ne Hand, die Mittelstreifen
existieren noch, die Häuserschluchten,

die ihn verlachen, weil er
Buchstaben ohne Statik bildet,
wenn er zur U-Bahn wechselt,

die Straße unterquert, alle Warnungen
im Schutt der Stadt entdeckt, wie sie
Karten spielen, sich wie kleine Köter balgen,

wenn einer auftaucht, den sie vorher noch
nie geseh’n. Am Abend berichtigt er das Wort,
um am nächsten Tag jene Dinge vorzufinden,

die er zum Leben benötigt, als da wären :
zwei Koteletts vom selben Schwein wie immer
und eine Kaffeepflanze, die ihren Samen Namen gibt,

so dass er sich über ein entgangenes Zwiegespräch
nur dann ärgern muss, wenn seine Nachbarin
klingelt, um ihr Porzellangeschirr

für einen langen Nachmittag abzugeben.
Nie kommt sie über die Schwelle, sagt nur :
„Sie haben nicht vergessen, Ihr Wort zu ändern“,

während er bereits den Kopf schüttelt.
Sie überwacht ihn, weiß, wann er eine
schwache Minute aus dem Schrank holt,

aber mit ihrem Nachschlüssel gelangt sie nur
bis zur Miniatur einer Toilette in Antwerpen,
was sie ängstigt. Was wäre denn, wenn er das schriebe?

Ihren Kopf ist sie ohnehin bereits los,
aber sie würde gerne ihre Hände behalten,
um ihm weiter das Geschirr zu bringen.

Was wüsste sie sonst von der Welt – allein
und ohne Türspion? Gedichte sind nun genau jene
Partikel, aus denen sich die Welt zusammensetzt.


			

Die drei ??? und die flammende Spur / M. V. Carey

Bouquinist

Es ist schwierig für die neue Autorin, die in ein etabliertes Werk einsteigen und alles erkennbar beibehalten muss, während sie gleichzeitig Änderungen vornehmen will, die ihre eigene Sicht der Dinge zu rechtfertigen versucht. Das gleiche Problem stellt sich jedes Mal auch bei James Bond, wenn der Staffelstab weitergegeben wird. Mary Virginia Carey, die vierte Autorin im Bunde, muss sich etablieren, nachdem die drei Detektive bereits 14 Bücher auf dem Buckel haben.

Der grundlegende Kanon der Serie um Justus Jonas, Pete Shaw und Bob Andrews ist natürlich unantastbar, aber abgesehen von einem Ort – dem Jonas-Schrottplatz, der von Justs Vormündern Onkel Titus und Tante Mathilda in der kalifornischen Küstenstadt Rocky Beach betrieben wird – steht fast alles andere zur Disposition. So hat Rocky Beach nun einen schrulligen Künstler („Nur einer von vielen«, versicherte ihr Justus. »Hier in Rocky Beach wimmelt es von solchen Exzentrikern.“). Der Potter, ein Keramikspezialist, ließ eines Tages alles stehen und liegen, als zwei Männer in der Stadt auftauchten, und verschwand spurlos. Das war genau in dem Moment, als eine Frau mit ihrem Sohn in der Stadt ankam, die behauptete, die nie erwähnte Tochter des Potter zu sein.

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Der Pfad / Megan Miranda

Bouquinist

Vor zehn Jahren hat Abigail Lovett einen Job angenommen, den sie liebt: Sie leitet das Passage Inn, ein gemütliches, gehobenes Resort in dem kleinen Bergstädtchen Cutter’s Pass in North Carolina. Cutter’s Pass ist vor allem für seine Outdoor-Aktivitäten bekannt – Rafting, Wandern und der Zugang zum Appalachian Trail über einen beeindruckenden Wasserfall. Doch der Ort hat eine dunkle Vergangenheit. In den letzten 25 Jahren sind hier sieben Menschen spurlos verschwunden. Die ersten waren vier junge Männer, die jedes Jahr gemeinsam wanderten, bis sie eines Tages auf dem Trail verschwanden. Jahre später trennte sich eine junge Frau von ihrer Freundesgruppe, kehrte in die Stadt zurück und wurde nie wieder gesehen. Dann folgte ein Naturfotograf, der zuletzt nach dem Weg gefragt hatte. Der letzte Vermisste war der Journalist Landon West, der im Passage Inn übernachtete, um die mysteriösen Fälle zu recherchieren – und dann selbst verschwand.

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