Stephen King Re-Read: Cujo

Obwohl die internationalen Cover hier auch nicht immer solide waren, schoss Heyne – wie man den Verlag eben kennt – wieder einmal den Vogel ab.

Das Buch, das King nach Firestarter angehen sollte, bekam den Namen Cujo, und es handelte nicht von Gespenstern oder übernatürlichen Machenschaften. Ähnlich wie damals, als er nach Colorado zog, um Shining und Das letzte Gefecht zu schreiben, war er auf der Suche nach Inspiration. Im Herbst 1977 besuchte er zu diesem Zweck England und schrieb dort einen experimentellen Thriller, der bis heute seines gleichen sucht. Und obwohl er in einem Interview sagte, dass er verrückt würde, wenn er ständig über Maine schriebe, siedelte er Cujo in Maine an, in einem Sommer, der äußerst heiß daher kam.

England war jedoch nicht das, was King erwartet hatte. Seine ganze Familie hatte dort keine gute Zeit, und er selbst brachte kein Wort zu Papier. Er fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Das Haus, in dem sie lebten, war nicht warm zu bekommen, und so brachen sie ihren Aufenthalt, der ein ganzes Jahr dauern sollte, ab und kehrten nach bereits drei Monaten nach Hause zurück. Allerdings hatte King das entscheidende Detail zu Cujo in England erhalten. Dort nämlich las er einen Artikel in der Zeitung, der davon handelte, wie ein Kind in Portland von einem Bernhardiner getötet wurde. King war schon immer ein Meister darin gewesen, die Dinge miteinander zu verknüpfen, und so dachte er an seinen Motorradausflug, den er im Jahr davor unternommen hatte, als sein Motorrad im Nirgendwo plötzlich stehen blieb. Ihm gelang es gerade noch, das Bike zu einem Mechaniker in der Nähe zu bewegen, bevor es endgültig den Geist aufgab. Von der anderen Straßenseite hörte er ein unheimliches Knurren und sah einen riesigen Bernhardiner, der sich gerade bereit machte, ihn anzugreifen. Der Hund gab nur nach, weil der Mechaniker zu ihm hinüberschlenderte und ihm einen Schlag mit dem Steckschlüssel gegen die Hüfte verpasste.

Als nächstes dachte King an den zerschundenen alten Pinto, den er und Tabitha sich von seinem Vorschuss für Carrie gekauft hatten. King fragte sich, was wäre, wenn diese alte Karre im Nirgendwo den Geist aufgegeben hätte? Was, wenn seine Frau den Pinto gefahren hätte? Was, wenn sie eines ihrer Kinder dabei gehabt hätte, und wenn niemand gekommen wäre, um den Bernhardiner zu besänftigen? Tja, und was wäre, wenn der Bernhardiner tollwütig gewesen wäre?

Relativ schnell spielte King das Szenario durch: die Mutter sollte gebissen werden und sich mit Tollwut anstecken. Dann sollte sie darum kämpfen, nicht ihrerseits ihren Sohn anzugreifen. Er hatte bereits die ersten siebzig Seiten geschrieben, als er herausfand, dass die Inkubationszeit für Tollwut bei dieser Idee nicht ganz mitspielte. Aber King brannte förmlich, und ehe er sich versah, hatte er die ersten hundert Seiten seines neuen Buches vor sich liegen, das heute als das „Suffbuch“ bekannt ist.

In Das Leben und das Schreiben verewigt er Cujo mit folgenden Worten:

„Am Ende meiner Abenteuer trank ich einen Kasten Bier am Abend, und daran, Cujo geschrieben zu haben, kann ich mich gar nicht erinnern. Ich mag das Buch, ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, wie ich die guten Stellen schrieb.“

Was Schriftsteller trinken ist manchmal denkwürdiger als das, was sie schreiben – und diese Aussage hat die Virtuosität des Romans vielleicht für immer überschattet. King hat eine Menge hineingepackt in dieses für ihn schlanke Buch.

Jeder kennt das Hauptthema – eine Frau und ein Kind, in einem liegen gebliebenen Auto gefangen von einem tollwütigen Bernhardiner – aber das Buch selbst hat eine sehr seltsame Unterströmung. Viele Thriller arbeiten mit zwei oder drei Handlungssträngen, die sich dann irgendwo treffen. Cujo hat drei Handlungsstränge, und in jedem von ihnen unterschiedliches Personal, und keiner von ihnen hat etwas mit dem anderen zu tun.

Im Mittelpunkt stehen Donna Trenton und ihr vierjähriger Sohn Tad, die gemeinsam zu Joe Camber hinausfahren wollen, um den alten Pinto reparieren zu lassen. Als sie an der Werkstatt ankommen, ist bereits das halbe Buch rum, und als der Pinto mit letzten Zuckungen in der Einfahrt stehen bleibt, kennen wir Donna ziemlich gut. Sie ist selbständig, nicht all zu pfiffig, und verhält sich passiv innerhalb ihrer Beziehungskrise mit Tad.

Tad selbst ist ein Kind, das in sich eine Menge Wut angestaut hat und Angst vor seinem eigenen Schatten hat. In einer langen Beschreibung zeigt King, dass Tads Bewältigungsstrategien aus sinnlosen Tätigkeiten bestehen, weil er sich nur allzu bewusst über die Probleme seiner Eltern ist. King hat hier wieder einmal seine Parademomente, denn wenn man ihm eins nicht absprechen kann, dann ist es sein fast schon unheimliches Verständnis gegenüber seinen Figuren und deren Innenleben.

Der kleine Pinto wird zum Schauplatz einer psychologischen Studie, in dem sich Donna in eine Kriegerin verwandelt, für die es allerdings zu spät ist, jemanden außer sich selbst zu retten.

Handlung Nummer zwei erzählt die Geschichte von Donnas Ehemann Vic, dessen kleine Werbefirma gerade seinen größten Kunden dank verunreinigter Frühstücksflocken verloren hat. Vics Werbeagentur wird zum Sündenbock im folgenden PR-Desaster. Er und sein Partner Roger müssen nach New York fliegen, um zu retten, was noch zu retten ist. In der Nacht, bevor er fliegt, entdeckt er, dass Donna eine Affäre mit einem lokalen Tennisprofi hatte.

Der dritte Handlungsstrang gehört Joe Camber, dem Besitzer Cujos, selbst. Camber ist ein übler Hinterwäldler, der seine Frau mit einem Gürtel schlägt und für den es das Größe ist, am Wochenende nach Boston zu fahren, um dort die Zeit mit Nutten, Schnaps und Baseball zu verbringen. Er hat ein Händchen für Maschinen, aber das ist auch das einzig Gute an ihm. Die wirklich eindrucksvolle Figur jedoch ist seine Frau Charity. Sparsam, fromm, sittsam und gerecht. Normalerweise wäre sie eine von Kings bösartigen Christinnen, aber hier versetzt sich King in ihre Lage und schafft nach Cujo selbst den charismatischsten Charakter.

Nichts an diesen Plots ist neu, aber King wäre ja nicht einer der besten Erzähler aller Zeiten, wenn er nicht einige Kühnheiten in der Hand hätte. Hier besteht sie aus Parallelmontagen. Im Augenblick der höchsten Spannung im alten Pinto, als es so aussieht, als würde Tad an Dehydrierung sterben, schwenkt King auf eine Szene mit Charity und ihrem Sohn Brett, die bei Charitys Schwester gemeinsam frühstücken. Oder er zeigt uns, wie Vic und Roger sich überlegen, wie sie ihre Firma retten können. Außerdem ist es bemerkenswert, dass sich die Handlungsfäden nicht berühren. Trotzdem sind überall Spannungsmomente erster Güte eingebaut, und alles zusammen ergibt das Gesamtbild.

Seltsamerweise sind die beiden anderen Plots zwingender als der eigentliche Hauptteil, obwohl darin Donna und Tad um ihr Leben kämpfen. Vielleicht liegt das an der vorzüglichen Kontrastierung der Figuren. Charity ist da aktiv, wo Donna passiv ist, stark dort, wo sie schwach ist. Alle Figuren stehen vor überwältigenden Problemen, aber Donna hat keine Wünsche über den Tag hinaus. Vic und Charity wollen beide ihre Umstände ändern – und das führt sie in unerwartete Situationen.

King teilte Cujo ursprünglich in Kapitel ein, aber er wollte, dass sich das Buch anfühlt wie „ein Ziegelstein, den jemand durch die Scheibe wirft, wie ein wirklicher Angriff. Es ist anarchisch, wie eine Punkrock-Scheibe.“ Das Ergebnis ist ein Buch, in dem die Worte ununterbrochen dahinfließen, und sich einen Weg bahnen, den physischen Schmerz bei Lesen spüren zu können.

Was wir von der Geschichte um Donna und Tad bekommen sind lange innere Monologe Donnas. Ihre Handlungsabschnitte im Buch werden immer weniger, während sich der Text in ihrem Kopf mehr und mehr entwirrt und auf etwas – irgendetwas – wartet. Man eilt schneller und schneller durch ihre Absätze, King verzögert die Spannungsmomente so stark, dass man sich fast persönlich in Bedrängnis fühlt. Als Cujo dann seine Attacken startet, scheinen sie in Zeitlupe abzulaufen, weil endlich die Spannung der vorherigen Passagen abfällt. Das ist eine Filmtechnik – und King hat diese schon immer unbewusst benutzt.

Cujo selbst ist der tragische Held, ein guter Hund, der nichts dafür kann, dass er aufgrund der Tollwut durchdreht. Es ist diese Hilflosigkeit, die das ganze Buch durchzieht. Aufwand wird nicht belohnt, stattdessen kommen die Belohnungen zufällig.

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    Bei aller Intensität und Improvisation, seiner Handlung und seiner eigenwilligen Chronologie ist Ericksons eigentliche Prosa trotzdem leichtfüßig und angenehm zu lesen. Er zeigt einen schön zurückhaltenden Sinn für Humor und eine Liebe zur Sprache, die sich in denkwürdigen Witzen und Phrasen äußert. Wenn der Leser sich dem Chaos hingibt und auf der Welle der Worte reitet, dann ist „Das Meer kam um Mitternacht“, das bei uns schon seit 2002 vorliegt, ein wilder und eindrucksvoller Ritt, ein Rausch von der ersten Seite an. Das Buch verdient es, in einem einzigen Zug gelesen zu werden.