Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: fichtelgebirge

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (12)

Sandsteinburg #47

Aus der ganzen Umgebung hatten sie ausgediente Möbel herbeigeschafft und quasi vor Finners Haustür aufgestapelt. Das war die Rückseite des Hauses, das vier großangelegte Betriebswohnungen beinhaltete. Das ganze Anwesen, inklusive der Katzenscheißefabrik gehörte eigentlich zum Granitwerk Vates, das etwa einen Kilometer Luftlinie von hier wie eine Steinwüste vor sich hin vibrierte. Die in aller Welt gebrochenen Rohblöcke gelangen auf verschiedenen Transportwegen zur Weiterverarbeitung in das Fichtelgebirge, aber die Grundlage der gigantischen Anlage bildete das Granitvorkommen in den Gebieten Waldstein und Kösseine. Adams Großvater gravierte dort Namen in die Grabsteine, und sein Vater Ludwig war einer der Fahrer. Die Netzsch Kunststoff GmbH hatte die abgelegenen Gebäude gekauft und zog dort einen Teil ihres eigenen Imperiums auf. So kam es, dass sich sogar Franzosen manchmal hierher verirrten, die alle ganz scharf auf Polyester waren. Es war das Material der Zukunft: Leicht bei einer hohen Festigkeit, resistent gegenüber vielen Chemikalien.

Das Feuer, das hier am 30. April entfacht wurde, konnte man bis nach Hebanz hinüber leuchten sehen. Zwischen Wendenschuchs Mühle und der namensgebenden Gemeinde befand sich Schwemmland, das die über die Ufer getretene Eger hier angelegt hatte. Labiate und Stechginster wuchsen hier, und die Heuschrecken ratterten durch den Abend. The Night has a thousand eyes von Bobby Vee drang aus einem entfernten Radiogerät, begleitet vom Geschepper der Teller und der keifenden Stimme Marlieses, mit der sie ihre Töchter anwies, die Salate nach draußen zu tragen. Die Bierbänke aus dem Schuppen standen um wackelnde Holztische herum, und rechts des Scheiterhaufens, auf dessen Gipfel man eine Stoffpuppe befestigt hatte, lagen Bierflaschen in Wannen, mit Eis bedeckt, in einer kleineren Hütte, die über und über mit Kronkorken zugenagelt war. Lumpi, der Hund, der ein Leben ohne Kette nicht kannte, bellte schrill und heiser und unablässig. Sein braunweißer Schwanz ragte wie eine vergammelte Banane krumm nach oben. Sobald es dunkel geworden war, kamen die Leute aus der Umgebung, die kein eigenes Feuer hatten. Willi Kaländer mit seiner Tochter Emma, Richard Langer, der Schiffsschrauben aus Harz und Kunststoff fabrizierte und dafür eine geheime Formel entwickelt hatte, hinter der die Firma Netzsch wie der Teufel hinter der armen Seele her war, kam mit seiner Tochter Michaela, einer Schulfreundin Adams – und sogar der Herold, der neben den Kaländers aus Schwarzenhammer wohl die meisten Schafe besaß, und bei dem sie alle ihre Eier holten, ließ sich kurz blicken. Viele brachten Bier mit, sprachen über ihre Arbeit bei Netzsch, Vates oder dem Sägewerk. Ida und Silke saßen in geblümten Sommerkleidchen da und starrten aus glasigen Augen heraus das gerade entfachte Feuer an. Beide hatten sie zerschundene Knie, blaue Flecke zierten die dünnen Oberarme. Helmut und Roland saßen etwas abseits hinter einem Gebüsch und betrachteten die verschwindenden Sonnenstrahlen auf der erst jüngst gestohlenen Goldmünze.

»Weißt du, in der Tschechei fragt dich niemand, wer du bist«, sagte Helmut und ließ die Dublone von der rechten in die linke Handfläche gleiten, die beide bereits überaus schwielig waren. Roland machte ein verdrießliches Gesicht. Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, was geschehen würde, wenn ihr Diebstahl ans Tageslicht käme. Sein Vater war zwar keineswegs so brutal wie Richard oder Ludwig – man konnte seinen Schlägen meist ausweichen, wenn man sich etwas konzentrierte, denn es ging Erich nicht darum, zu treffen. Er musste sich nur irgendwie abreagieren, war wegen seiner schlampigen Frau frustriert, die das Wort Haushalt zwar kannte, aber im Tablettennebel nicht wahrnahm, dass ihre Wohnung mit dem Schandloch der Finners wetteiferte. Nun, man sollte nicht schlecht über seine Mutter denken – und das tat Roland auch nicht. Ihm war es völlig egal, wie es aussah. Er versuchte, sich so wenig wie möglich im Haus aufzuhalten.

Aber wenn das mit der Münze herauskommt, wird er mich treffen wollen, dachte er.

»Wer wird so eine Münze denn kaufen?«

»Ein Juwelier natürlich. Gibt’s auch bei den Kommis. Wir fahren mit dem Zug nach Schirnding und latschen dort irgendwo über die Grenze.«

Roland zuckte mit den Schultern. Ihm gefiel das alles nicht. Es hörte sich so an, als habe Helmut etwas nicht bedacht. Etwas Entscheidendes. »Lass uns zurück zum Feuer gehen, die Hexe wird gleich brennen, und ich habe Hunger.« Er stand auf, seine Knie knackten wie das Reisig, das von den Flammen erfasst wurde. Helmut erhob sich ebenfalls. »Bier?«, fragte er, und als Roland ihn dämlich anblickte, erklärte er ihm, dass er Bier abgezwackt habe. »Das schütten wir uns rein, wenn alle schon betrunken sind, dann riecht keiner mehr was.« Er lächelte humorlos. »Jetzt hörʼ schon auf, dir Sorgen zu machen. Wir warten mit der Münze, bis es richtig Sommer ist. Sagen wir August.«

Roland nickte, aber er wusste, dass er im August noch mehr Angst haben würde, denn dann gäbe es keine Ausreden mehr.

Als sie das Maifeuer fast erreicht hatten, hörten sie plötzlich den Tumult losbrechen. Richard schrie Marliese an, dass sie die Eier im Kartoffelsalat vergessen habe und dass sie zu blöd sei, um überhaupt etwas richtig zu machen.

Sie blieben stehen und sahen Richard mit den Händen herumfuchteln. Es wirkte fast wie ein Schattentanz, wie er da hin und her sprang. Gesichter glühten, vom Feuer beschienen. Von den Körpern war nichts zu sehen. Das Feuer erreichte in diesem Augenblick die Hosenbeine der Puppe, die auch einen ausgedienten Besen verpasst bekommen hatte. Das war gewöhnlich der Augenblick, wo sich alle erhoben und sich Glück wünschten, ähnlich wie an Silvester. Diesmal war das Schauspiel ein anderes. Richard packte Marliese an den Haaren und schüttelte sie daran hin und her, als wäre sie selbst nur eine Puppe. Ida und Silke begannen zu weinen und klammerten sich aneinander. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann sprangen auf, bereit einzugreifen – blieben aber dann stehen, als Marliese, plötzlich losgelassen, mit dem Hosenboden in den Dreck plumpste. Richard machte einen großen Schritt über sie hinweg und verschwand brüllend im Haus. Sebastiana half Marliese, die sich den Kopf hielt und etwas Unverständliches murmelte, auf eine Bank. »Ist alles in Ordnung?«

Ludwig musterte seine Frau, wie sie auf Marliese einredete.

»Es war ja nichts«, sagte sie, immer noch leicht benommen.

Die Hexe kreischte, die Flammen hatten sie jetzt ganz und gar eingehüllt. »Ich verfluche euch!«, rief sie vom Gipfel des Scheiterhaufens herab. »Sieben mal sieben Jahre soll …«

»Wir gehen da jetzt besser nicht hin«, flüsterte Helmut. Roland konnte sich ohnehin nicht bewegen. Er sah die Puppe, die wie eine menschliche Fackel aussah, in die Mitte des Feuerkegels abrutschen. Der blaue Rauch ließ die Augen tränen und wirkte wie ein verschleiernder Nebel. Die kurze Ruhephase – keiner sprach in diesem Augenblick ein Wort – wirkte umso geisterhafter, weil man die beiden Finner-Mädchen leise wimmern hören konnte. Im Haus krachte es, und dann kam Richard mit einem ganzen Arm voll Kleider aus der Türöffnung gestürzt und warf sie in die Flammen. Unterwegs verlor er einige hellbraune Strumpfhosen und einen BH, in den man Melonen hätte einpacken können.

»Der spinnt!«, sagte Helmut und es klang fasziniert. »Das sind die Klamotten meiner Mutter.«

Richard holte noch zweimal etwas aus der Wohnung. Schuhe, einen Stuhl, an dessen Lehne eine Stoffjacke hing, sowie zwei Wollmützen, bevor er sich beruhigen ließ, sich auf eine Bank setzte und stumm in das Feuer starrte. »Keine Eier«, murmelte er. »Wo gibt’s denn so was, dass ein Kartoffelsalat keine Eier enthält?«

Die Nacht duldet die Helligkeit des Feuers, sie duldet Kerzenschein und den Mond, denn dies sind die Lichter, die sie nicht zu durchdringen vermögen, die nicht gegen sie eifern. Ganz im Gegenteil bekränzen sie ihre unerbittliche Allgegenwart und beleuchten ihre Gestalt, die erst dadurch Formen bekommt. Was immer in der Nacht verborgen liegt, von ihr gefördert wird, ist nicht dazu angetan, von einem gesunden Geist geschaut zu werden, hat kein Interesse an der gewöhnlichen Schönheit, die von Apollon beschützt wird.

Aus der Eger krochen Schatten zum glimmenden Feuer hin, aus dem Schwemmland glitten seine Brüder durch Disteln und Lupinen und erstickten die noch seicht züngelnden restlichen Flämmchen. Von oben sah das glimmende Holz aus wie eine glühende gigantische Stadt. Adam hörte, in seinem Bett liegend, die lange Kette des goldbraunen Spitzmischlings Lumpi rasseln, und dann die Schaufeln, wie sie Sand und Erde über die Glut warfen. Aber nicht ein einziger Schatten wurde damit begraben. Körperlose Stimmen besuchten ihn. Da draußen stimmte irgendwas nicht. Und es sollte sich bewahrheiten.

»Wie geht es dir?«, fragte er seinen Bruder, der unter ihm im Etagenbett lag. Adam bekam keine Antwort. Claus hatte sich längst schon in den Schlaf gezappelt, hielt die Stoffwindel zusammengeknüllt an seine Wange. »Ich habe einen Wolf gesehen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Er hätte es nicht gesagt, wenn er gehört worden wäre. »Aber es war auch irgendwie kein Wolf.«

Dort beim Hexenkraut

 

… unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr faßt, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterläßt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, daß ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Poren, doch –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Sonne. Die Waldlaubsänger sib-sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Do lunch or be lunch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.

Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben.

In dieser Zeit, einer Zeit, an die wir jetzt denken, tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.

Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, musste einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifestierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen süßen Himbeere der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu beglaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausgeschmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Hier ist alles waldphantastisch eingbrünnt. Kaiserhammer ist das Zentrum eines alten Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrerer Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wurde. Beim abschließenden Abjagen wurde das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartete.

Von den Baumheeren geht keine Gefahr aus, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschossen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des nahenden Jägers wird es finster und nass und schwer und klamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter deiner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal ›Rock hoch‹, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, verschlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppelten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Teiche, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiedenen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

 

Changiere das rechte Ding

Fortschritt ist zunehmende Entropie; Veränderung, die nicht eigentlich den Fortschritt bezeichnet, sowieso. Genau genommen gibt es einen Fortschritt nicht, er bezieht sich nur auf zwanghaftes Verhalten. Veränderung hingegen kann ein notwendiger Umstand sein. Mit ihr ist gemeint, die Dinge willentlich in einen anderen Zustand zu überführen, denn Veränderung ist sekündlich, demnach nicht der Rede wert. Zwei große Zeitparzellen verzeichne ich : Das Fichtelgebirge der Abkunft; Das Allgäu des Bauern. Unterbrochen sind diese Zeitparzellen durch unablässiges Reisen und Stolpern, sowie mein Leben in der Schweiz. Ein kurzes Aufbegehren, das mich nicht Fuß (und Knöchel) fassen ließ, so sehr ich es auch versuchte. Daß ich je nur meine Ruhe wollte, um schreiben zu können, ist dem Erringen um jeden Preis zuzurechnen, ein wahrer Wettkampf mit den Unbilden einer im Grunde menschenverachtenden und seelenvernichtenden Gesellschaftsform. Nun, ich nehme das zur Kenntnis und setze meinen Weg fort. Sinnlos, nonkonform, aber unablässig. Standin’ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, everybody pass me by. Betwixt and Between.

Der Wert liegt in der Absicht

Schriftsteller neigen – ähnlich wie Seefahrer – zu einem gewissen Aberglauben; nicht selten ritualisierten sie den Schreibprozeß selbst. Es ist natürlich nicht so, daß jene, die ein anderes Schreibgerät als die Schreibmaschine nutzen, nur Müll produzieren, aber es fällt ihnen leichter. Das scheint allerdings nicht wichtig zu sein, da sich ohnehin ein kultureller Paradigmenwechsel vollzogen hat, so daß man heute eher belächelt wird, wenn man schreibt, wie man schreiben muß, um wirklich zu schreiben: mit Hand und Maschine. Die Auflösung der Sprachfähigkeit ist nicht nur ein Phänomen, das den “normalen” Menschen betrifft, das nämlich ist nicht tragisch. Die Literatur aber kann Sprachunfähigkeit nur in geringem Maße ertragen. Dort aber tummeln sich jene, die sich kaum mehr mit Sprache beschäftigen, die nicht über Sprache nachdenken und Wortgewalt für schlechtes Wetter halten. Der Computer ist bequem, und er reizt zu unablässigem Durchfall. Fester Stuhl war gestern, so wie die Schreibmaschine. Da unsere heutige Welt ohnehin nur aus Durchfall besteht, fällt man natürlich auf, wenn man einer der wenigen ist, die vernünftig scheißen. Texte entstehen in Kooperation mit dem Medium, das man wählt. Es ist kaum wahrscheinlich, daß ein geschwätziger Roman von 1000 Seiten je in Stein gemeißelt werden wird. Es geht mehr um Konzentration als um Ausbreitung, auch wenn sich viele verdichtete Elemente in ihrer Summe ebenfalls ausbreiten. Der Wert liegt in der Absicht.

Ich bin aber auch ein Landschafter, ich kann ohne Wald und Erde nicht. So richtig ins Leben hinein kam ich deshalb auch nie. Ich hätte wieder und wieder ins Fichtelgebirge zurückkehren können und habe es nicht getan. Eine Großstadt wäre mir völliger Fuck. Als Wohnort wohlgemerkt. Denn eine Stadt ist nicht zum wohnen da, sondern ein Klo, daneben ein Würstchenstand, daneben der Strich, ein Ansammlung, ein Museum der Geisteskrankheit. Faszinierend wie ein Zoo, den man mit Fressi-Fressi in der Hand gerne mal besucht, eine Freak-Show, durch die man tappt, um die fette Frau mit dem Bart zu sehen, oder die siamesischen Zwillinge, die ein Liedchen singen. Zweistimmig. Prima. Abends aber wieder nach Hause, den Kopf schütteln: was es nicht alles gibt! Freilich ist es interessant, aus dem Fenster zu schauen, wie jemand kostenlos abgestochen wird. Man bekommt nur nicht ganz mit, was da gesprochen wird, soweit ist die Technik noch nicht. Und es passiert eben nicht jedes Mal was, man muß dauernd in Bewegung sein.

Viele Zeiten sind’s, das muß gesagt werden. Oft war’s, als bliebe die Zeit stecken; diesmal nicht, diesmal macht sie einen ihrer berühmten Quantensprünge. Das Weltgeschehen? Geht mir saftig am Arsch vorbei. Mich betrifft die Menschheit nur im Kleinen. In unserer kapitalistisch-faschistischen Gesellschaft ist nur Widerstand oder Flucht möglich. Im Widerstand komme ich zu nichts, in der Flucht fehlt das geeignete Territorium. Also anders: irgendwie überleben. Versuchen, nicht drauf zu gehen. (Und wenn man drauf ginge, wär’s nun auch keine große Sache, weil es große Sachen kaum noch gibt, außer die eigenen, die wirklich groß sein können, dann größer sind als irgendwas außerhalb).

Nymphentag 29

Einer der Balken, die King in seinem monumentalen Turm-Epos thematisiert, führt zweifelsfrei durch das Fichtelgebirge. Ich selbst bin mit meinem Großvater, der Ornithologe war, oft genug auf diesen Schneisen und Querwegen entlang spaziert, sei es, um einen Steinadler zu beobachten, oder – wie so meist – um im Dickicht Schwarzgeräuchertes zu verzehren.

Aus dem Buch “Von Opferschalen, Druidenschüsseln und Linienrätseln im Fichtelgebirge” von Dr. Rudof Zemek

Auch wenn ich jetzt seit fast 35 Jahren dort nicht mehr lebe, bin ich doch mit diesem Landstrich derart verbunden, dass ich auch sagen kann: meine Zerrissenheit liegt an der Fremde, in der mich mich seither befinde. Mein ganzes Werk ist schließlich voll von den Mysterien dieser kongenialen und einzigartigen Landschaft. Und immer will ich noch tiefer eingreifen, die lautmalerischen Ortsnamen einweben. Macht und Mythos also beziehe ich nur daher. Meine “Entropia”, das der Frankenpost immerhin eine ganze Seite wert war, war bereits ein kleines Denkmal, aber viel zu kurz geraten für meine weiteren Vorhaben. Die “Sandsteinburg” hingegen soll und muss eine Statue von gewaltiger Größe werden.

Pastoraler Hintergrund

Ich erarbeite mir gegenwärtig 1 Wortkunstwerk mit pastoralem Hintergrund, das also räumlich das Fichtelgebirge benennt, und zeitlich das ganze Wahrnehmungsspektrum, ausgehend von den 70er Jahren fächerförmig in den Geschichtsstrahl lenkt. Daß bedeutet, daß einerseits die Jean Paul-sche Ästhetik der Abschweifung mit den modernen Techniken der (fälschlich) so bezeichneten experimentellen Schreibweise zusammenfällt, deren Ausführung mit den jeweils angestrebten Effekten der einzelnen Szenen changiert. Dabei ist es mein Anliegen, die ganze Bandbreite einer poetischen Sprache zu entsprechen.

Hardekopf – Ausgabe?

Das Drama eines Lebens

und wennd U da bist
ist Licht in Deinem Zimmer;
wennd U dabist
fickt ein Stein Dein

Glas caput draconis

Vorn. Überhöhtes Wurzelkrösen, abstolperndes Herbringen der Argu
menten=Kuh, die dann ja auf
mault mit Gesichtshafer, RülpsRöhre,
Schwarten=Nabe, die Tanja einen
fahren löst gen Traubenhausen. Ocker
fotzglatze Stirntuperecht. Einpfusch –
öh – 1 Spruch Feuer nähren

Mai Dreizehn Elf

Nach den zwei Tage andauernden Unbilden hat Google seine Blogosphäre wieder im Griff. Morgen finden die “großen” Aufnahmen für den Regenschirm statt – heute ist noch Inventar im Studio anzubringen. So war bis dato keine Kommunikation zwischen Regie und Aufnahmeraum möglich und wir mussten die ganze Zeit hie und her rennen. Das wäre für morgen entsetzlich, auch wenn es mit Leolina eine Co-Regie gibt.
Mitte Juni gehts noch einmal ins Fichtelgebirge. Da ist ein großer Prozess zu beenden, über den ich jetzt weiter nicht sprechen kann. Für August steht dann endlich Berlin auf dem Schirm. Bis dahin ist jedoch noch viel zu tun. Nach dem Regenschirm ziehen wir gleich Das Gewinnspiel nach. Und dann kommt ja auch schon Guido Rohm.
Wer sich das Hotel, schräg gegenüber des Studios einmal ansehen will. Hier ist der Link. Für andere Besucher haben wir aber auch eine Rumpelkammer übrig. Ein Foto mit Händeschütteln (oder Zigarrenqualm) gibts dann gratis (wenn ich mich bei so einer Gelegenheit (oben) frei machen kann).

Mai Neun Elf

Bevor es heute Nachmittag ins Studio geht, erreichen mich zwei Nachrichten. Die erste: Fabienne hat das Grab von Nabokov in Montreaux besucht. Das Bild kann ich nicht veröffentlichen, da ich keine Genehmigung habe.
Die zweite Nachricht ist etwas erschütternd: man hat nun das Massengrab meiner Mutter ausfindig gemacht. Ein Grund, warum ich im Februar das Fichtelgebirge besuchte. Die Chancen standen schlecht, sie zu finden, aber jetzt hat es sich ergeben. Das ist natürlich eine riesige Scheiße, die damals vonstatten ging – und ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, was jetzt zu tun ist.

Das Projekt “Sandsteinburg” habe ich mit Fafnir auch schon durchgesprochen. Es wäre von Interesse, den Roman zeitgleich mit dem Hörbuch herauszubringen. Ob das klappen kann, ist eine andere Frage. Jedoch wird es freilich kein “gewöhnliches Hörbuch”, das sich da auf vielleicht sechs CD entfaltet. Das Niedagewesene ist mein einziger Beweggrund. Große Worte – aber eben auch ein großer Roman – sagt freilich der Autor. Das dürfte dann so ziemlich nichts bedeuten.

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