Flamboyant: 2 Investigativer Journalismus

Die breite Fronttür sprang auf, Malte Buschbeck wehte herein, ein entwurzeltes Nachtschattengewächs, frappierende Ähnlichkeit mit einem Schaffner obendrein. Er orientierte sich kurz, durchschwamm den herabhängenden Chiffon mit dem Motiv ›Riesenblumen‹, der so etwas wie Grenzen symbolisieren sollte, und sein Gesicht nahm einen grimmig-erkennenden Ausdruck an. »So eine schöne Versammlung«, rief er durch den Raum. »Zeigt mir gleich mal den Brief, dass ich auch schnell wieder wegkomme! Ich habe eine Welt zu betreuen!«

»Malte, wir haben den Schrieb bereits entziffert.« Ulrich bemerkte den bewundernden Blick, der von Willi auf Malte geworfen wurde und fragte sich, ob ihm schon jemals aufgefallen war, wie seltsam sich der junge Mann in letzter Zeit entwickelt hatte. Er war jetzt ein halbes Jahr in der Redaktion und hatte es bereits geschafft, in jede gemeldete Tanzveranstaltung eine Verschwörung hinein zu lesen, ein mystisches Komplott, wollte okkulte Botschaften nicht nur von seinem rückwärts drehenden Plattenspieler empfangen, sondern identifizierte das Rotbäckchen, das aussah, als hätte man es mit Fäusten verprügelt, auf dem gleichnamigen Saft, der nicht umsonst mit einer magischen Formel auf Werbefeldzug ging, als Gesicht der modernen Hexerei. Immer auf der Suche nach der Geschichte, nannte er das. Weder der Artikel: Die Beatles beten zu Satan, oder hängen zumindest verdächtig oft mit der LaVey und Manson-Clique ab, nämlich in diesem Haus in 10050 Cielo Drive, Bel Air, Los Angeles, Kalifornien, wo Sharon Tate von Sadie Atkins zerfleischt wurde – noch jener, in dem er schilderte, wie die Industrie mit versteckten Mantras auf die Menschheit einwirkt, wurden je gedruckt. Hätte man ihn auf einen soliden schönen Verkehrsunfall losgelassen, wäre er mit einem Roswell-UFO zurückgekehrt, mit geomantischen Störungen oder einer alten keltischen Handelsroute, vielleicht hätte er an der bezeichneten Stelle sogar Menschenopfer vermutet. Unter Maltes Führung wäre er damit vielleicht sogar durchgekommen. Ulrich konnte unmöglich zulassen, dass sich Willi mit dem exorbitanten Sturm beschäftigte, vor allem, weil einige Fakten in der Tat ein beunruhigendes Siegel trugen, in Wachs gedrückt das Wolfsgesicht offenbarten. Gerüchte, Gerüchte. Aber waren die nicht größer als jede Wahrheit?

»Schon entziffert?« Malte sah von Ulrich zu Ella. Er wollte den Brief natürlich trotzdem sehen. »Aha. Ihr habt euch nicht zufällig gefragt, warum … meine Güte, was für ein Unsinn … Tiermonster hm-hm-hm … Lustmörder, cetera, cetera … also warum der Brief in Kurrent hier aufschlägt?«

»Kurrent?«, sagte Ulrich.

»Kurrent?«, sagte Ella.

»Und was für ein Bestiarium habt ihr überhaupt angefragt?«

Willi-Billis Blick verdüsterte sich. Seine Stimmung geriet in den Eimer, die bewundernden Blicke verloren sich in den geheimnisvollen Weiten der Mimikry. Da half es nur, Wolken zu erzeugen, sich geisterhaft mit Dunst zu bemänteln, vielleicht auch die Nerven etwas nachzuziehen, bevor sie völlig ausleierten, also griff er erneut zu Ellas Zigaretten, die ihm diesmal einen Klaps auf den Handrücken gab. »Nix da, kauf dir endlich eigene … du hast den Brief doch geschrieben, wo …«

»Er hat?« Ulrich bekam seine Erkenntnis sozusagen im Stehen und stierte Will an, als hätte er ihn niemals vorher gesehen. »Aber Ella, ich dachte, du hättest …«

»Ich dachte, das wird er schon hinkriegen.«

»Also hier steht, dass Marktleuthen und das ganze Sechsämterland ein beschaulicher Flecken Erde sei. Wer hätte das vermutet? Ich dachte immer, mein Diorama – die Bäume bastle ich übrigens aus alten Kartoffelsäcken, also zumindest die Äste – sei an Dolcefarniente nicht zu überbieten.«

»Weiter! Was steht denn da noch? Magst du es nicht mal vorlesen?«

Ulrichs Blick, der Ella traf, besagte: Ich dachte, du hättest das Schreiben entziffert.

Aber sie konnte das genauso gut und blinzelte: Habe ich, das Wesentliche zumindest.

Ulrich: Warum hast du ihn das machen lassen?

Ella: Weil er wollte. Außerdem dachte ich immer, seine Verrücktheit sei nur ein Spaß, ein manchmal etwas anstrengender Lebensentwurf.

Nach gestopfter Pfeife und gebrachtem Kaffee, intonierte Malte:

»Sehr geschätzte Redaktion der Frankenpost, sehr geschätzter Willi Kreutzmann. Die Information, dass hungrige Wölfe mit dem Sturm aus unserem Nachbarland in das Fichtelgebirge einwanderten und verantwortlich seien für den Tod zweier Menschen, ist wohl einem Gerücht zu verdanken, von dem ich zwar ebenfalls Kenntnis bekam, an dem aber desto nicht mehr Wahrheitsgehalt zu finden ist. Der letzte Wolf wurde am 21. Juli 1882 bei Mehlmeisel von Martin Wiesend, einem Gasthofbesitzer, im Laufe einer Jagd erschossen. Aus Ihrem Schreiben geht hervor, dass Sie zwar gar nicht den canis lupus in Verdacht haben, sondern sprechen weiter von Tiermonstern, aufgefundenen Kettenpanzern, Lustmördern und Nachtgigern, so dass ich mich beinahe außerstande fand, überhaupt zu antworten, da es sich ja nur um einen Scherz handeln kann. Sollte das Angefragte jedoch tatsächlich Ihr Ernst sein, kann ich Ihnen nur mitteilen, dass es in den zwanziger Jahren den Fall Jakob Huber gab, aber auch das wurde viel zu bunt ausgeschmückt. Darüber hinaus war er Vogtländer und hat hier nur haltgemacht, um es einmal salopp zu formulieren. Marktleuthen und das ganze Sechsämterland sind ein beschaulicher Flecken Erde und so wird es auch bleiben. Anbei die Kündigung des Abonnements der Frankenpost. Und dann die Unterschrift, ohne Gruß, undsoweiter.«

Willi Kreutzberg stand dann, die Clavicula nach vorne gebeugt vor Ulrichs Schreibtisch, der ihn eher fassungslos als böse anstarrte, just in dem Moment, als es Malte zwischen den Raumteilern mit den etwas entarteten Blumen gelungen war, an Ellas Telefonnummer zu kommen, nicht um sie – wie sie zunächst dachte und sich deshalb auch weigerte – um einen Liebesknoten zu bitten, sondern um ihr die Kinder vom Hals zu halten, die sein Diorama zerstören wollten.

»Und das können Sie nicht selbst?« Sie wurstelte auffallend lange in einer Handtasche herum, die unter dem Schreibtisch lag. Malte betrachtete die Start-und Landebahn ihres Rückens.

»Ich würde Sie nicht so unverfroren bitten, wenn ich es könnte. Die Sache ist die, dass sie sich meist durch das Schlüsselloch schleichen. Oh, ich habe es verklebt«, erklärte er ihrem gebeugten Hinterkopf, der gerade wieder auftauchte und sich an der Tischplatte stieß, »aber diese einfallsreichen Teufel finden sich in dem alten Haus besser zurecht als ich. Ich vermute sogar – Beweise habe ich keine – dass sie einige Nager der Umgebung damit beauftragen, ihnen Tunnel zu graben.«

Ella rieb sich das Schöpflein und hielt einen Zettel, den sie aus einem Kalender gerissen hatte, zitternd zwischen den Fingern. »Ich soll Ihnen die Mäuse vom Hals halten?«

Malte betrachtete sie verblüfft, wie sie versuchte, das Gesicht nicht zu verziehen. »Ich spreche von Feinden des erwachsenen Spieltriebs, von Kindern, wie wir sie einst waren. Sie und ich. Auch Ulrich, wenn Ihnen das als angenehme Vorstellung dienlich sein mag. Sie entgleisen meine Lokomotiven, entzünden meinen Pfeifentabak in den leerstehenden Gebäuden meines Dioramas und treiben sich beunruhigend lange in der Nähe des Transformators herum, so als wüssten sie noch nicht, wie sie ihn sabotieren könnten. Ich dachte nur, eine Frau in Ihrem Alter weiß, wie man mit dieser Brut abrechnet.«

»Ich kann es mir ja mal ansehen«, murmelte sie ohne sichtliche Begeisterung und hielt ihm den Zettel mit der Telefonnummer hin, den er rasch zerknüllte und in seine Brusttasche stopfte. Mit dem Kinn deutete er auf Ulrichs Büro. »Wie schwer wiegt dieser Brief?«

»Sehr schwer, fürchte ich. Unser Willi nutzt den Namen der Redaktion, um seinem Hang zu Geistergeschichten nachzugehen. Er glaubt nicht, was in der Zeitung steht.«

»Dieser Name … Jakob Huber … den kenne ich noch. Hat irgendwas mit Köpfen angestellt, sie aufgespießt. Wie Jack the Ripper wurde er nie gefasst, das heißt, man hatte ihn schon, aber er ist entkommen und man wusste im Nachhinein nicht, ob er es auch wirklich war. Vielleicht weiß euer junger Kiffer ja mehr darüber.«

Sie blickten beide durch die Scheibe, hinter der Willi gerade eine Art Tanz vor unsichtbarem Publikum aufführte. Dabei ist er gar kein Kiffer, Marihuana ist schwer zu bekommen und außerdem sauteuer. Er glaubt aber, dass in den Kaffeebohnen Geister wohnen, diese durch Rituale und Beschwörungen nutzbar gemacht werden können. Mit Kardamom und Rosenwasser gewürzt vor der Stereoanlage liegend, die er neben seiner auf dem Boden kriechenden Matratze stehen hat, kann er, wenn er lange genug bei Kerzenlicht auf seine psychodele Tapete starrt, Grower of Mushrooms, seine Lieblingsscheibe von Leaf Hound aus den Membranen wabert, die Einstein-Rosen-Brücke durchbrechen. Schließlich war es ein Luchs, ein schönes, rotbräunliches Tier mit breitem Backenbart, das er durch tangartiges Unterholz verfolgt hatte, und das ihm sagte, dass er, in Gottes Namen, nicht die ganze Nacht des Pleistozäns hinter ihm her rennen solle, sondern sich als Volontär bei der Frankenpost bewerben. Seine Mutter war begeistert, sein Vater entschied sich zu schweigen, betrachtete nur missmutig seine quellenden Koteletten und das gescheitelte lange Haar, legte ihm einen Anzug in kackbraun zurecht, was als Aufforderung genügen musste. Und siehe da, Willi schlüpfte sogar hinein, band sich das Haar zu einem Zopf, wurde von seiner Mutter geküsst und bekam Kleinanzeigen und Tanzveranstaltungen zugewiesen. Wäre da nicht Ella gewesen, die er mit aller Macht bebrunften wollte, er wäre gar nicht aufgefallen. So aber dachte er bei allen Gerüchten, die er irgendwo aufschnappte, an die Bewunderung, die ihm diese beiden Beine, diese gestiefelte Katze, entgegenbringen würden, wenn es einmal nicht um die Schließung der Steinbetriebe oder den Zyklon in Bangladesch ginge – mittlerweile hatten sie hier ihren eigenen Sturm gehabt, und Ella arbeitete daran, trug Sachschäden in eine Tabelle ein, die man ihr telefonisch übermittelte, eine Kuh brach sich ein Bein, im Waldstück fand man eine Kloschüssel, die einen langen Flug hinter sich haben musste – sondern wenn er ihr mit einer Sensation unter die Arme, bis hinunter zur Lende, greifen konnte. Nicht auszudenken. Bisher wurden seine Vorschläge, einen weltmännischen Artikel zu platzieren, immer säuerlicher abgelehnt, dabei wusste er, wo er zu suchen hatte: in seiner Tapete. Dem Luchs begegnete er nicht wieder, aber dem glibbrigen Tang. In der Ferne machte er sogar die steinernen Monumente einer Stadt aus, alt, uralt sogar. Er begann zu kombinieren: Pleistozän, Stadt … die Sensation wäre perfekt. Aber er konnte sie nicht alle durch die Tapete schleusen und alleine traute er sich dort nicht hin. Bei einem Spaziergang (außerhalb der sinnzermürbenden Tapete) fand er dann das Loch, in dem der Tiger-Panzer gefunden wurde. Kein Wort davon in der Presse, nicht ein Sterbenswörtchen. Man erklärte ihm, es habe sich um einen Pech-, Kien-, Salbe-, oder Bienenofen, gehandelt, wie er auf einen Panzer käme? Okay, das war jetzt schwierig, das hatte ihm ein fetter Sack erzählt, der hier herumstromerte, um Fotos zu machen. Seine Frau habe sich sogar den Knöchel verstaucht, als sie vom Geröll hinab gebeten wurde, da lugte doch tatsächlich ein Handrad aus dem Waldboden. Natürlich hatte sich Willi die Bilder ansehen müssen, die alle einen Kampfpanzer IV, verwackelt und unterbelichtet, zeigten – und das noch nicht einmal im Wald, sondern irgendwie … im Schnee?

»Jar, war nicht hier, durfte ja nicht dabei sein. Geheimniskrämerei, können Sie sich ja denken. Ein Panzer mitten im Wald, komisch, oder? Und nur einer!«, erklärte ihm der Fotograf.

Also hat er die Bilder in der Kaserne, in der Christensen Barracks, eigentlich ein Fliegerhorst, in Bindlach geschossen, wo die Amerikaner das Ding hinbrachten, nachdem sie mit Kameras, U-förmigen Riesendipolen und allerlei technischem Gerät angerückt waren, will über den Zaun geklettert sein – da stand er, wie der Teufel ihn geschaffen hatte, umgeben von Sperrband, aber unbewacht. »Das hat ja überhaupt keiner mitbekommen, die Amerikaner haben hier ja immer wieder mal was veranstaltet, Manöver und so. Am Fußballplatz unten haben sie Radare aufgestellt und Wrigley’s Spearmint verteilt.«

Als Willi sagte, er arbeite bei der Frankenpost, erfuhr er, dass die dort nichts von einem Panzer wissen wollten. »Jar, ich hab’s bei Malte Buschbeck probiert, aber der sagte etwas Denkwürdiges, er meinte nämlich, dass er bereits davon wisse, dass der Panzer aber nicht gefunden worden wäre, sondern dass man ihn eigens dort hingeschafft habe. Als ich ihm sagte, ich hätte ihn gefunden, antwortete er, das macht ja nichts, das sei doch aufregend. Etwas, das man seinen Enkeln erzählen könne, und legte auf.«

Willi schrieb an diesem Abend sein erstes Gedicht, erinnerte sich an diese peinigende Unruhe, die er bereits schon einmal empfunden hatte, als er sich einst in die Mädchenumkleide der neuen Turnhalle verirrt hatte und dieser wahnsinnigmachenden Unordnung gegenüberstand, dieser nicht erwarteten Entropie. Durch dieses verwirrende Tableau angestoßen, zogen sich seine Hoden in den Bauchraum zurück, und er konnte nicht umhin, laut zu keuchen. Er war in einen Castorbeutel getreten, in einen Geruchseintopf, den er überhaupt noch nicht kannte. Das einzige Fenster war geschlossen, seiner Konditionierung zum Mysophilosoph stand nichts mehr im Wege.

Was ist denn los, Welt, mit dir
In der ich lebe, bebe, schrumpfe


schrieb er, schrieb weiter:

Wer war der dicke Mann dort im Wald
Der auf mich wartete, um mir zu sagen:
Nichts ist von erwarteter Gestalt
Wenn du es weißt, bleibt nur das Unbehagen?

In mehreren Strophen versuchte er einerseits den merkwürdigen Panzer einzubauen, nannte ihn bald den ›geheimnisvoll funkelnden Tank‹, den ›Kriegskäfer‹ oder sogar den ›Ostrich‹, ein Begriff, der ihm zu Hilfe eilend aus seiner Musikanlage polterte: But there’s nothing you and I can do, you and I are only two. What’s right and wrong is hard to say, forget about it for today.

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