Die Pest der Vernunft

Im Jahre 1670 wurde eine kleine Schrift des Henri Montfaucon de Villars, namentlich »Der Graf Gabalis oder die Einführung in die Geheimwissenschaften, gerichtet gegen die Pest der Vernunft«, zum Bestseller. In diesem Werk finden sich polemische Hammerschläge gegen die aufklärerischen Begriffe.

Der gebildete Abbè erkannte, lange bevor die Romantiker die Aufklärung in Grund und Boden philosophierten, dass das Wunderbare eine Realität zwar nur im menschlichen Bewusstsein hat, dort aber unauslöschlich ist. Im Gegensatz zu den Dogmatikern der Aufklärung erkannte de Villars, dass die Klarheitsforderung auf ein Verdrängungsprinzip hinausläuft, aus dem sich nun, wie man heute bestätigen kann, wiederum Zwangsverhalten und Psychosen herausbilden. Unabhängig aber von tatsächlichen Geisteskrankheiten, welche die Vernunft im Gepäck mit sich führt, leitet sie eine Instabilität ein, die Horkheimer und Adorno mit der aus der Psychoanalyse entlehnten Figur der ›Wiederkehr des Verdrängten‹ beschrieben haben: Mit der Furcht vor der Natur nahm das rationale Weltbild dem Menschen auch die vertraute Beziehung mit ihr; die hinzugewonnene Macht über sie bezahlte er mit einer Entseelung der Welt. Die Welt verliert an Sinn, obwohl sie immer eingehender erklärt wird.

Es war eigentlich der Prozess der Aufklärung selbst, der die neuen Formen des literarischen Wunderbaren, wie sie gegen Ende des 17.Jahrhunderts entstanden, notwendig machte: da die Wunder in der Welt nicht mehr vermutet werden durften, mussten sie sich in der reflektierenden Phantasie einen neuen Ort suchen.

Hamann wird es noch viel klarer erläutern: Die mordlügnerische Philosophie der Aufklärung hat nach Hamanns Meinung die Natur aus dem Wege geräumt. Und diese mordlügnerische Philosophie bedient sich der Vernunft

Ein Wunder ist das, was sich nicht an die von uns gemachten Regeln hält, die wir u.a. irrtümlich Naturgesetze nennen.

Dass sich das Wunderbare jedoch nicht verstandesmäßig erfassen lässt, gehört zu seiner Natur, denn eben diese Natur kann zwar in ihre Bestandteile zerlegt, aber nicht begriffen werden. Überhaupt ist das Wunderbare eine Wunscherfüllung, die tatsächlich wider jeglicher Vernunft zu beobachten ist, also mit derselben Empirie wahrgenommen werden kann, die diese dem Grunde nach ablehnen muss.

Gleichzeitig aber ist das Wunderbare, das wir leicht als das Phantastische erkennen, das eigentlich Schöne. Wenn nämlich nicht in seinem Erscheinen, dann in seinem Geschehen. Das Wunderbare ist mit dem Lustprinzip gleichzusetzen, währenddessen die Vernunft die Aufgabe des Zensors übernimmt. Zensur jedoch führt uns wieder zum Problem des Verdrängens hin. Verdrängt wird das Wunderbare deshalb, weil es nicht in das willkürliche Konzept unserer erfundenen Regeln passt, dass wir, wo immer wir uns auch hinwenden, ausnahmslos auf das Unerklärliche stoßen, tut unserer bizarren Gesetzmäßigkeit keinen Abbruch, dass wir überall, wo wir auch hinblicken – ununterbrochen – dem Wunderbaren ausgeliefert sind, verdrängen wir, jedoch nicht im mindesten erfolgreich.

Begriffen wir die Natur nämlich besser als es der Fall ist, würden wir leicht erkennen, dass das Wunderbare durchaus im sinnlichen und nicht im übersinnlichen Raum zu finden ist. Warum es das Übersinnliche nicht geben kann, hat seinen Grund darin, weil wir bereits aus all dem selbst bestehen, was es im ganzen Kosmos zu finden gibt, weil nichts von uns überhaupt getrennt existiert.

Doch was immer auch geschieht und nicht geschieht ist unsere Vorstellung von dem, was geschieht oder nicht geschieht, ist der Unterschied zwischen Idealität und Realität. Nun wissen wir heute freilich zu sagen, dass die Realität und die Idealität gar nicht in einem Dualismus (wie etwa bei Descartes) aufgehen, weil wir nun einmal nicht vermöge sind, von einer Objektivität so zu sprechen, dass sie auch gleich als Realität zu erfassen ist, von einem Ideal und Subjekt aber zu behaupten wagen, dass sich ›Welt‹ in unserem individuellen Bewusstsein generiert und nirgends sonst.

Gleichzeitig würde das aber auch bedeuten, dass die Welt, wie sie uns erscheint, zu unserem persönlichen Ideal, zur Realität wird, in dem wir genau diese Welt hervorbringen und eben keine andere.

Die romantische Faszination für Somnambulismus, Hypnose, bzw, organischen Magnetismus beruht auf der Vorstellung, dass sich im Zustand des ausgeschalteten Bewusstseins das Geheimnis einer tieferen Verbindung des Individuums mit der Natur und dem kollektiven Unbewussten in einer immateriellen psychischen Dynamik enthüllen lassen.

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