Ich trete hinaus in eine Wirklichkeit, die das Ergebnis vermittelter Konstruktionsprozesse ist. In vollkommener Isolation komme ich an Behausungen aus Holz und Bambus vorbei; Chakren, Ansanas. Apollon verwundet hier die Schlange Python. Dichtes Gewühl. Gewahre Schatten von Verfolgern, die nun nicht mehr von mir lassen. Viel Verkehr, vom Irrsinn gebläute Augen. Verstrickungen wie diese, dass man mich anspricht.
Ich antworte im Namen der Schwarzen Löcher, im Namen ihrer absolut verdichteten Materie. Auch ich bin das genaue Gegenteil von Zeit. Was es nicht alles darüber zu sagen gäbe! Ich will einem dieser Führer gestatten, voran zu gehen, sage nichts, nicke nur. Wir gehen, beide mit freiem Oberkörper, auf eine Auto-Rikscha zu, deren Seiten mit Lilien, Weinstöcken, einem Pentagramm verziert sind. Großer Architekt; der erwachte Mensch hebt die Hand, die steif ist.
Jahr: 2010
Der Tau kühlt die Hitze
In dein Schweigen hinein brüllen, dich auf mich setzen. Der Text ist das, was ich heute weiß, die Entkörperlichung eines Textes bist du, das Fließen der Zeit, die durch Rillen immer wieder unsauber wiedergegeben wird, der kranke Substrat verkennt die Analogien, die symmetrische Beziehung. Ich hätte besser nie Sprechen gelernt, nichts will ich mir verweigern, du Blume
dich ansehen
(darum bist du da)
dich ansehen & deine Zerbrechlichkeit bewundern, Gefäß anderer Lüste, die durch Nachbarschaft entstehen, durch ein nebulöses Miteinander, auch in der Ferne, die dennoch
hier und da die Wege kreuzt. Andere Säfte, eine ganz und gar andere Welt, von Hinten=Zeit nach Vorne=Zeit betrachtet
in den Rillen tost das Chaos, ist zu hören, zu sehen, nur Text fließt ab aus geöffneten Adern. Welch weiches Blut der Sommertau
(der taw kulet die hitze)
daß wir uns nicht anmerken lassen das Geschenk. Alles arbeitet, Termitenbauschutt, abgetragener Müll, gegessen, die Bühne groß, samtenes Schwarz stünde ich auf einem Boden, der aber ebenfalls schwarz ist, jetzt gleich klingelt s, die Akustik ist sehr ausgefeilt, kein Phon nötig, ich dringe ein, jede Falte Nabel Arschlöchelein Verteilerkappe Ritze, gleich klingelt s, Nachbesprechung.
Ein Regenwurm ist reinster Magen
Die Reichhaltigkeit des Frühstücks ist im stets ruhig dahinfließenden Garten zu verorten, unter Glucken, hinter Eierbergen, der Hahn wandert auf den täglichen Blumen. Es begab sich, dass er dem zerfetzten Brot folgte; die Stille, in der nichts geschieht außer Stille. Der Frühstückstisch mit integriertem Wecker, eine Uhr, die (in der modernen Welt angekommen) Brote schmiert, durch eingestreute Gerüchte für aufmerksames Zuhören sorgt. Alles dreht sich wie in einem gurgelnden Bach. Alles verweht sich wie Sand. Die Nacht bricht entzwei. Die Zeiger öffnen sogar die Türen, vornehme Kleider über dem Unterarm. Am Morgen steckt da noch ein Rest Absolution in den Augenwinkeln, frisch gebügelte Gesichter nehmen ihre Plätze ein. Folgende Angebote : Froschcocktail, lebendig püriert, Schnecken, Schafsaugen in Tomatensaft, Leipziger Milbenkäse, Marmelade aus verbotenen Früchten, eingekochte Kaulquappen, ein Œuvre Complete ekelerregender, zutiefst menschlicher Küche. Welt drückt sich aus in einer obszönen Blüte, ein Regenwurm ist reinster Magen.
Bestiale Kekse
“Hol’s der Teufel!” ist nun kein Ausdruck, der gewöhnlich Kekse mit einschließt. Auch kann man in den Grimoiren oder der Büchern von Fausts Höllenzwang nicht nachlesen, dass sich der Trickster jemals für Backwaren interessiert hätte. Eine Ausnahme mag es geben, die allerdings sehr weit hergeholt ist: gegeben nämlich, in den Keksen fänden sich, aus welchen Gründen immer mag der Leser selbst entscheiden, Seelen eingefangen. Nun hat jedoch die Großmutter des Prunus, anders wie Cornelis selbst, niemals ein verbürgbares Interesse an der Alchimie besessen, es sei denn, man zähle eben jene Backkünste hinzu (die Konfiserien übertreiben nicht, wenn sie von ihren Produkten in zauberischer Verklärung berichten), die allerdings zu kaum einer Zeit als Hexerei galten. Da zählte nicht das Geheimnis der Herstellung sondern das, was man damit anstellen konnte. Im Falle von Keksen wäre das naschen. Anders gesehen werden mag das, wenn die Kekse vergiftet sind.
Ab Werk
Ferlingale hatte angeordnet, dass man alle Aufzeichnungen, die er jemals gemacht hatte, nach seinem Tode zu verbrennen habe. Die Poesie sollte nur sein Leben sein, darüber hinaus war sie nichts. Die Eitelkeit des Dichters reichte nicht aus, sich gefleddert zu wissen und bereits jetzt die Zukunft ob seines Namens zu lieben.
In der Totalen erinnert dieses Vorgehen an Kafka, in der Halbtotalen an Nabokovs Versuch, die Karteikarten zu Das Modell für Laura nicht erscheinen zu lassen. Das sind keine Einzelfälle – auch von Boccaccio wissen wir, dass er nach einer Krise selbst Hand an seine Arbeit legen wollte. Es mag eine Gerechtigkeit geben, die sich den literarischen Außenseitern annimmt, die ein Werk über einen gewissen Zeitraum, der zugegeben sehr lange währen kann, auf die Vorsprünge des Olymp legt. Es mag die Lesequalität ändern oder der verstaubte Text in die Hände eines Apologeten fallen, der eine Schlüsselrolle bekleidet. Wir kennen nur die glimpflichen Fälle (auch der Anton Reiser gehört dazu) und seufzen bei dem Gedanken, was uns verloren gegangen wäre, wenn die Katastrophe der Vergessenheit sich nicht dazu entschlossen hätte, eine kleine Lücke offen zu lassen. Für jene, die aufmerksam sind.
Zurück im Laboratorium
Als Cornelius das Laboratorium betrat, galvanisierte der Meister Vollpferd justament seine Augäpfel.
“Du erscheinst mir jetzt rot!” rief er dem jungen Alchymisten zu. “Was wohl, wenn ich die Stromstärke steigere? Es ist gerade so, als ob man dich in dein Gegenteil verkehrte!”
“Ich glaube viel mehr, dass ihr bald erblinden werdet mit all den Volta-Experimenten! Die Weltformel, das ist allein die Liebe!”
“Das spricht nicht dein Kopf und schon gar nicht dein Herz, wie du glaubst! Die Lenden sinds.”
“Ach, und wenn”, sagte der Cornelius müde ob der frischen Begegnung mit dem diabolen Keksedieb, worüber er eigentlich das Wort führen wollt, und warf sich auf die staubbelasteten Polster.
“Es findet sich in allem alles!” Meister Vollpferd blitzelte und brutzelte. “In dir ist bereits das Müde und Schlaffe sichtbar, so wie in mir die Ungeburt, der Impuls und Drang zum Leben hin, noch fleischlos, rein und – sozusagen – der Gedanke daran. Alles was wird und noch nicht ist, oder vielleicht niemals sein wird. Denn, was ist aus all dem geworden, frage ich, das niemals wurde! Das, mein lieber Cornelius, muss schließlich auch irgendwo sein.”



